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2019-10-09

Woldemar von Biedermann : Gespräche Goethes 1831 (73)


Woldemar von Biedermann



1831




1831, 1. Januar.
Mit Johann Peter Eckermann

Von Goethes Briefen an verschiedene Personen, wovon die Concepte seit dem Jahre 1807 geheftet aufbewahrt und vorhanden sind, habe ich in den letzten Wochen einige Jahrgänge sorgfältig betrachtet, und will nunmehr in nachstehenden Paragraphen einige allgemeine Bemerkungen niederschreiben, die bei einer künftigen Redaction und Herausgabe vielleicht möchten genutzt werden.


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Heute nach Tische besprach ich mit Goethe die vorstehende Angelegenheit punktweise, wo er denn diesen meinen Vorschlägen seine beifällige Zustimmung gab. »Ich werde,« sagte er, »in meinem Testament Sie zum Herausgeber dieser Briefe ernennen und darauf hindeuten, daß wir über das dabei zu beobachtende Verfahren im Allgemeinen miteinander einig geworden.«



1831, 5. Januar.
Mit Friedrich von Müller



Ich war von 6 bis 8 Uhr Abends bei ihm. Er genehmigte völlig den letzten Testamentsentwurf und zeigte sich sehr dankbar dafür, daß ich ihm diese große Sorge von der Brust nahm. Wir sprachen dann von Sternberg's schöner Beschreibung seiner Fahrt nach Helgoland. Walter Scott's Briefe über Geistererscheinungen und Hexerei hatte Goethe eben gelesen und lobte sie sehr; auch berührte er Niebuhr's gehaltvollen Brief bei Übersendung des zweiten Theils seiner Römischen Geschichte, in deren Vorrede ein Zeitalter der Barbarei als Folge der französischen Revolutionen geweissagt wird. »Der Wahnsinn des französischen Hofes,« äußerte Goethe, »hat den Talisman zerbrochen, der den Dämon der Revolutionen gefesselt hielt.«»Die Phantasie wird durch Niebuhr's Werk zerstört,« sagte Goethe; »aber die klare Einsicht gewinnt ungemein.«

Darauf sprach er von dem merkwürdigen Condolenzbrief des Kaufmanns Massow in Calbe an Goethe und dessen Dankbrief an Vogel.

Goethe meinte: es müsse doch ein innerlicher, empfindungswarmer Mensch sein.

»Ja, ja, es leben doch hier und da noch gute Menschen, die durch meine Schriften erbaut worden. Wer sie und mein Wesen überhaupt verstehen gelernt, wird doch bekennen müssen, daß er eine gewisse innere Freiheit gewonnen.

Die Abende in Calbe mögen manchmal lang sein; da freut sich denn so einer, wenn er eine Ahnung bekommt, was eigentlich im Menschen steckt. Aber was hilft es ihm wohl? Zum rechten Durchdringen kommt es doch nicht leicht. Ach es ist unsäglich, wie sich die armen Menschen auf der Erde abquälen!«

Es schien ihm Bedürfniß diesen Abend recht viel, was mir interessant sein möchte, mitzutheilen. »Man sollte das öfter thun«, sagte er; »oft kann man damit einem Freunde Freude machen und mancher gute Gedanke keimt dabei auf. Nun, wenn ich nur erst meine Testamentssorge vom Herzen habe, dann wollen wir wieder frisch auftreten. Zehn neue Bände meiner Schriften sind fast schon parat. Vom zweiten Theil des ›Faust‹ der fünfte Act und der zweite fast ganz; der vierte muß noch gemacht werden, doch im Nothfall könnte man ihn sich selbst construiren, da der Schlußpunkt im fünften Act gegeben ist.«

Ich fand Goethen diesen Abend ganz besonders liebenswürdig und mild, und ich jammerte fast wegeilen zu müssen, um Devrient noch in der ›Aussteuer‹ [von Iffland] zu sehen.


1831, 17. Januar. 
Mit Friedrich Soret


Ich fand Coudray bei Goethe in Betrachtung architektonischer Zeichnungen. Ich hatte ein Fünffrankenstück von 1830 mit dem Bildniß Karls X. bei mir, das ich vorzeigte. Goethe scherzte über den zugespitzten Kopf. »Das Organ der Religiosität erscheint bei ihm sehr entwickelt,« bemerkte er. »Ohne Zweifel hat er aus übergroßer Frömmigkeit nicht für nöthig gehalten, seine Schuld zu bezahlen; dagegen sind wir sehr tief in die seinige gerathen, indem wir es seinem Geniestreich verdanken, daß man jetzt in Europa so bald nicht wieder zur Ruhe kommen wird.«

Wir sprachen darauf über ›Rouge et Noir‹, welches Goethe für das beste Werk von Stendhal hält. »Doch kann ich nicht leugnen,« fügte er hinzu, »daß einige seiner Frauencharaktere ein wenig zu romantisch sind. Indessen zeugen sie alle von großer Beobachtung und psychologischem Tiefblick, sodaß man denn dem Autor einige Unwahrscheinlichkeiten des Details gern verzeihen mag.«


1831, 23. Januar. 
Mit Friedrich Soret
und Erbgroßherzog Karl Alexander 



Mit dem Prinzen bei Goethe. Seine Enkel amusirten sich mit Taschenspielerkunststückchen, worin besonders Walther geübt ist. »Ich habe nichts dawider,« sagte Goethe, »daß die Knaben ihre müßigen Stunden mit solchen Thorheiten ausfüllen. Es ist, besonders in Gegenwart eines kleinen Publicums, ein herrliches Mittel zur Übung in freier Rede und Erlangung einiger körperlichen und geistigen Gewandtheit, woran wir Deutschen ohnehin keinen Überfluß haben. Der Nachtheil allenfalls entstehender kleiner Eitelkeit wird durch solchen Gewinn vollkommen aufgewogen.«»Auch sorgen schon die Zuschauer für die Dämpfung solcher Regungen,« bemerkte ich, »indem sie dem kleinen Künstler gewöhnlich sehr scharf auf die Finger sehen und schadenfroh genug sind, seine Fehlgriffe zu verhöhnen und seine kleinen Geheimnisse zu seinem Verdruß öffentlich aufzudecken.«

»Es geht ihnen wie den Schauspielern,« versetzte Goethe, »die heute gerufen und morgen gepfiffen werden, wodurch denn alles im schönsten Gleise bleibt.«


1831, 9. Februar. 
Mit Johann Peter Eckermann 


Ich las gestern mit dem Prinzen in Vossens ›Luise‹ weiter und hatte über das Buch für mich im Stillen manches zu bemerken. Die großen Verdienste der Darstellung der Localität und äußern Zustände der Personen entzückten mich, jedoch wollte mir erscheinen, daß das Gedicht eines höhern Gehaltes entbehre, welche Bemerkung sich mir besonders an solchen Stellen aufdrang, wo die Personen in wechselseitigen Reden ihr Inneres auszusprechen in dem Fall sind. Im ›Vicar of Wakefield‹ ist auch ein Landprediger mit seiner Familie dargestellt, allein der Poet besaß eine höhere Weltcultur, und so hat sich dieses auch seinen Personen mitgetheilt, die alle ein mannigfaltigeres Innere an den Tag legen. In der ›Luise‹ steht alles auf dem Niveau einer beschränkten mittlern Cultur, und so ist freilich immer genug da, um einen gewissen Kreis von Lesern durchaus zu befriedigen. Die Verse betreffend, so wollte es mir vorkommen, als ob der Hexameter für solche beschränkte Zustände viel zu prätentiös, auch oft ein wenig gezwungen und geziert sei, und daß die Perioden nicht immer natürlich genug hinfließen, um bequem gelesen zu werden. 


1831, 11. Februar. 
Mit Johann Peter Eckermann 



Heute bei Tische erzählte mir Goethe, daß er den vierten Act des ›Faust‹ angefangen habe und so fortzufahren gedenke, welches mich sehr beglückte.

Sodann sprach er mit großem Lobe über Karl Schöne, einen jungen Philologen in Leipzig, der ein Werk über die Costüme in den Stücken des Euripides geschrieben und, bei großer Gelehrsamkeit, doch davon nicht mehr entwickelt habe als eben zu seinen Zwecken nöthig.

»Ich freue mich,« sagte Goethe, »wie er mit productivem Sinn auf die Sache losgeht, während andere Philologen der letzten Zeit sich gar zu viel mit dem Technischen und mit langen und kurzen Silben zu schaffen gemacht haben.Es ist immer ein Zeichen einer unproductiven Zeit, wenn sie so ins Kleinliche des Technischen geht, und ebenso ist es ein Zeichen eines unproductiven Individuums, wenn es sich mit dergleichen befaßt.

Und dann sind auch wieder andere Mängel hinderlich. So finden sich z.B. im Grafen Platen fast alle Haupterfordernisse eines guten Poeten: Einbildungskraft, Erfindung, Geist, Productivität besitzt er im hohen Grade, auch findet sich bei ihm eine vollkommene technische Ausbildung und ein Studium und ein Ernst wie bei wenigen andern, allein ihn hindert seine unselige polemische Richtung.

Daß er in der großen Umgebung von Neapel und Rom die Erbärmlichkeiten der deutschen Literatur nicht vergessen kann, ist einem so hohen Talent gar nicht zu verzeihen. Der ›Romantische Ödipus‹ trägt Spuren, daß, besonders was das Technische betrifft, gerade Platen der Mann war, um die beste deutsche Tragödie zu schreiben, allein nachdem er in gedachtem Stück die tragischen Motive parodistisch gebraucht hat, wie will er jetzt noch in allem Ernst eine Tragödie machen!Und dann, was nie genug bedacht wird: solche Händel occupiren das Gemüth, die Bilder unserer Feinde werden zu Gespenstern, die zwischen aller freien Production ihren Spuk treiben und in einer ohnehin zarten Natur große Unordnung anrichten. Lord Byron ist an seiner polemischen Richtung zu Grunde gegangen, und Platen hat Ursache, zur Ehre der deutschen Literatur von einer so unerfreulichen Bahn für immer abzulenken.«
Ich äußerte mich über diesen Punkt heute Mittag bei Tische gegen Goethe. »Die frühern Ausgaben jenes Gedichts,« sagte er, »sind in solcher Hinsicht weit besser, sodaß ich mich erinnere, es mit Freuden vorgelesen zu haben. Später jedoch hat Voß viel daran gekünstelt und aus technischen Grillen das Leichte, Natürliche der Verse verdorben. Überhaupt geht alles jetzt auf's Technische aus, und die Herren Kritiker fangen an zu quengeln, ob in einem Reim ein s auch wieder auf ein s komme und nicht etwa ein ß auf ein s. Wäre ich noch jung und verwegen genug, so würde ich absichtlich gegen alle solche technische Grillen verstoßen, ich würde Alliterationen, Assonanzen und falsche Reime, alles gebrauchen, wie es mir käme und bequem wäre, aber ich würde auf die Hauptsache losgehen und so gute Dinge zu sagen suchen, daß jeder gereizt werden sollte, es zu lesen und auswendig zu lernen.«


1831, 12. Februar. 
Mit Johann Peter Eckermann


Ich lese im Neuen Testament und gedenke eines Bildes, das Goethe mir in diesen Tagen zeigte, wo Christus auf dem Meere wandelt und Petrus, ihm auf den Wellen entgegenkommend, in einem Augenblick anwandelnder Muthlosigkeit sogleich einzusinken anfängt.

»Es ist dies eine der schönsten Legenden,« sagte Goethe, »die ich vor allen lieb habe. Es ist darin die hohe Lehre ausgesprochen, daß der Mensch durch Glauben und frischen Muth im schwierigsten Unternehmen siegen werde, dagegen bei anwandelndem geringstem Zweifel sogleich verloren sei.«


1831, 13. Februar. 
Mit Johann Peter Eckermann


Bei Goethe zu Tische. Er erzählt mir, daß er im vierten Act des ›Faust‹ fortfahre, und daß ihm jetzt der Anfang so gelungen, wie er es gewünscht. »Das, was geschehen sollte,« sagte er, »hatte ich, wie Sie wissen, längst; allein mit dem Wie war ich noch nicht ganz zufrieden, und da ist es mir nun lieb, daß mir gute Gedanken gekommen sind. Ich werde nun diese ganze Lücke, von der ›Helena‹ bis zum fertigen fünften Act, durcherfinden und in einem ausführlichen Schema niederschreiben, damit ich sodann mit völligem Behagen und Sicherheit ausführen und an den Stellen arbeiten kann, die mich zunächst anmuthen. Dieser Act bekommt wieder einen ganz eigenen Charakter, sodaß er, wie eine für sich bestehende kleine Welt, das Übrige nicht berührt und nur durch einen leisen Bezug zu dem Vorhergehenden und Folgenden sich dem Ganzen anschließt.«

»Er wird also,« sagte ich, »völlig im Charakter des Übrigen sein; denn im Grunde sind doch der Auerbach'sche Keller, die Hexenküche, der Blocksberg, der Reichstag, die Maskerade, das Papiergeld, das Laboratorium, die Classische Walpurgisnacht, die Helena lauter für sich bestehende kleine Weltenkreise, die, in sich abgeschlossen, wohl aufeinander wirken, aber doch einander wenig angehen. Dem Dichter liegt daran, eine mannigfaltige Welt auszusprechen, und er benutzt die Fabel eines berühmten Helden bloß als eine Art von durchgehender Schnur, um darauf aneinanderzureihen was er Lust hat. Es ist mit der ›Odyssee‹ und dem ›Gil-Blas‹ auch nicht anders.«

»Sie haben vollkommen recht,« sagte Goethe; »auch kommt es bei einer solchen Composition bloß darauf an, daß die einzelnen Massen bedeutend und klar seien, während es als ein Ganzes immer incommensurabel bleibt, aber eben deswegen gleich einem unaufgelösten Problem die Menschen zu wiederholter Betrachtung immer wieder anlockt.«

Ich erzählte sodann von dem Brief eines jungen Militärs, dem ich nebst andern Freunden gerathen hatte, in ausländische Dienste zu gehen, und der nun, da er die fremden Zustände nicht nach seinem Sinne gefunden, auf alle diejenigen schilt, die ihm gerathen.

»Es ist mit dem Rathgeben ein eigenes Ding,« sagte Goethe, »und wenn man eine Weile in der Welt gesehen hat, wie die gescheidtesten Dinge mißlingen und das Absurdeste oft zu einem glücklichen Ziele führt, so kommt man wohl davon zurück, jemanden einen Rath ertheilen zu wollen. Imgrunde ist es auch von dem, der einen Rath verlangt, eine Beschränktheit und von dem, der ihn giebt, eine Anmaßung. Man sollte nur Rath geben in Dingen, in denen man selber mitwirken will. Bittet mich ein anderer um guten Rath, so sage ich wohl, daß ich bereit sei ihn zu geben, jedoch nur mit dem Beding, daß er versprechen wolle nicht danach zu handeln.«Das Gespräch lenkte sich auf das Neue Testament, indem ich erzählte, daß ich die Stelle nachgelesen, wo Christus auf dem Meere wandelt und Petrus ihm entgegengeht. »Wenn man die Evangelisten lange nicht gelesen,« sagte ich, »so erstaunt man immer wieder über die sittliche Großheit der Figuren. Man findet in den hohen Anforderungen an unsere moralische Willenskraft auch eine Art von kategorischem Imperativ.«

»Besonders,« sagte Goethe, »finden Sie den kategorischen Imperativ des Glaubens, welches sodann Mohammed noch weiter getrieben hat.«

»Übrigens,« sagte ich, »sind die Evangelisten, wenn man sie näher ansieht, voller Abweichungen und Widersprüche, und die Bücher müssen wunderliche Schicksale gehabt haben, ehe sie so beisammengebracht sind, wie wir sie nun haben.«

»Es ist ein Meer auszutrinken«, sagte Goethe, »wenn man sich in eine historische und kritische Untersuchung dieserhalb einläßt. Man thut immer besser, sich ohne weiteres an das zu halten, was wirklich da ist, und sich davon anzueignen, was man für seine sittliche Cultur und Stärkung gebrauchen kann. Übrigens ist es hübsch, sich die Localität deutlich zu machen, und da kann ich Ihnen nichts Besseres empfehlen als das herrliche Buch von Röhr über Palästina. Der verstorbene Großherzog hatte über dieses Buch eine solche Freude, daß er es zweimal kaufte, indem er das erste Exemplar, nachdem er es gelesen, der Bibliothek schenkte und das andere für sich behielt, um es immer in seiner Nähe zu haben.«

Ich wunderte mich über des Großherzogs Theilnahme an solchen Dingen. »Darin,« sagte Goethe, »war er groß. Er hatte Interesse für alles, wenn es einigermaßen bedeutend war, es mochte nun in ein Fach schlagen in welches es wollte. Er war immer vorschreitend, und was in der Zeit irgend an guten neuen Erfindungen und Einrichtungen hervortrat, suchte er bei sich einheimisch zu machen. Wenn etwas mißlang, so war davon weiter nicht die Rede. Ich dachte oft wie ich dies oder jenes Verfehlte bei ihm entschuldigen wollte, allein er ignorirte jedes Mißlingen auf die heiterste Weise und ging immer sogleich wieder auf etwas Neues los. Es war dieses eine eigene Größe seines Wesens, und zwar nicht durch Bildung gewonnen, sondern angeboren.«

Zum Nachtisch betrachteten wir einige Kupfer nach neuesten Meistern, besonders im landschaftlichen Fach, wobei mit Freuden bemerkt wurde, daß daran nichts Falsches wahrzunehmen. »Es ist seit Jahrhunderten so viel Gutes in der Welt,« sagte Goethe, »daß man sich billig nicht wundern sollte, wenn es wirkt und wieder Gutes hervorruft.«

»Es ist nur das Üble,« sagte ich, »daß es so viele falsche Lehren giebt, und daß ein junges Talent nicht weiß, welchem Heiligen es sich widmen soll.«

»Davon haben wir Proben,« sagte Goethe; »wir haben ganze Generationen an falschen Maximen verloren gehen und leiden sehen, und haben selber darunter gelitten. Und nun in unsern Tagen die Leichtigkeit, jeden Irrthum durch den Druck sogleich allgemein predigen zu können! Mag ein solcher Kunstrichter nach einigen Jahren auch besser denken, und mag er auch seine bessere Überzeugung öffentlich verbreiten, seine Irrlehre hat doch unterdeß gewirkt und wird auch künftig gleich einem Schlingkraut neben dem Guten immer fortwirken. Mein Trost ist nur, daß ein wirklich großes Talent nicht irrezuleiten und nicht zu verderben ist.«

Wir betrachteten die Kupfer weiter. »Es sind wirklich gute Sachen,« sagte Goethe; »Sie sehen reine hübsche Talente, die was gelernt und die sich Geschmack und Kunst in bedeutendem Grade angeeignet haben. Allein doch fehlt diesen Bildern allen etwas und zwar: das Männliche. – Merken Sie sich dieses Wort, und unterstreichen Sie es. Es fehlt den Bildern eine gewisse zudringliche Kraft, die in früheren Jahrhunderten sich überall aussprach und die dem jetzigen fehlt, und zwar nicht bloß in Werken der Malerei, sondern auch in allen übrigen Künsten. Es lebt ein schwächeres Geschlecht, von dem sich nicht sagen läßt, ob es so ist durch die Zeugung oder durch eine schwächere Erziehung und Nahrung.«

»Man sieht aber dabei,« sagte ich, »wie viel in den Künsten auf eine große Persönlichkeit ankommt, die freilich in frühern Jahrhunderten besonders zu Hause war. Wenn man in Venedig vor den Werken von Tizian und Paul Veronese steht, so empfin det man den gewaltigen Geist dieser Männer in ihrem ersten Aperçu von dem Gegenstande wie in der letzten Ausführung. Ihr großes energisches Empfinden hat die Glieder des ganzen Bildes durchdrungen, und diese höhere Gewalt der künstlerischen Persönlichkeit dehnt unser eigenes Wesen aus und erhebt uns über uns selbst, wenn wir solche Werke betrachten. Dieser männliche Geist, von dem Sie sagen, findet sich auch ganz besonders in den Rubens'schen Landschaften. Es sind freilich auch nur Bäume, Erdboden, Wasser, Felsen und Wolken, allein seine kräftige Gesinnung ist in die Formen gefahren, und so sehen wir zwar immer die bekannte Natur, allein wir sehen sie von der Gewalt des Künstlers durchdrungen und nach seinem Sinne von Neuem hervorgebracht.«

»Allerdings,« sagte Goethe, »ist in der Kunst und Poesie die Persönlichkeit alles, allein doch hat es unter den Kritikern und Kunstrichtern der neuesten Zeit schwache Personnagen gegeben, die dieses nicht zugestehen und die eine große Persönlichkeit bei einem Werke der Poesie oder Kunst nur als eine Art von geringer Zugabe wollten betrachtet wissen.Aber freilich, um eine große Persönlichkeit zu empfinden und zu ehren, muß man auch wiederum selber etwas sein. Alle, die dem Euripides das Erhabene abgesprochen, waren arme Heringe und einer solchen Erhebung nicht fähig, oder sie waren unverschämte Charlatane, die durch Anmaßlichkeit in den Augen einer schwachen Welt mehr aus sich machen wollten und auch wirklich machten, als sie waren.«


1831, 14. Februar. 
Mit Johann Peter Eckermann 



Mit Goethe zu Tische. Er hatte die ›Memoiren‹ des General Rapp gelesen, wodurch das Gespräch auf Napoleon kam, und welch ein Gefühl die Madame Lätitia müsse gehabt haben, sich als Mutter so vieler Helden und einer so gewaltigen Familie zu wissen. »Sie hatte Napoleon, ihren zweiten Sohn, geboren als sie achtzehn Jahre alt war und ihr Gemahl dreiundzwanzig, sodaß also die frischeste Jugendkraft der Eltern seinem physischen Theile zu gute kam. Neben ihm gebiert sie drei andere Söhne, alle bedeutend begabt, tüchtig und energisch in weltlichen Dingen und alle mit einem gewissen poetischen Talent. Auf solche vier Söhne folgen drei Töchter, und zuletzt Jérôme, der am schwächsten von allen ausgestattet gewesen zu sein scheint.

Das Talent ist freilich nicht erblich, allein es will eine tüchtige physische Unterlage, und da ist es denn keineswegs einerlei, ob jemand der Erst- oder Letztgeborene, und ob er von kräftigen und jungen, oder von schwachen und alten Eltern ist gezeugt worden.«

»Merkwürdig ist,« sagte ich, »daß sich von allen Talenten das musikalische am frühesten zeigt, sodaß Mozart in seinem fünften, Beethoven in seinem achten, und Hummel in seinem neunten Jahre schon die nächste Umgebung durch Spiel und Compositionen in Erstaunen setzten.«

»Das musikalische Talent,« sagte Goethe, »kann sich wohl am frühesten zeigen, indem die Musik ganz etwas Angeborenes, Inneres ist, das von außen keiner großen Nahrung und keiner aus dem Leben gezogenen Erfahrung bedarf. Aber freilich eine Erscheinung wie Mozart bleibt immer ein Wunder, das nicht weiter zu erklären ist. Doch wie wollte die Gottheit überall Wunder zu thun Gelegenheit finden, wenn sie es nicht zuweilen in außerordentlichen Individuen versuchte, die wir anstaunen, und nicht begreifen woher sie kommen!«


1831, 15. Februar. 
Mit Johann Peter Eckermann


Mit Goethe zu Tische. Ich erzähle ihm vom Theater: er lobt das gestrige Stück, ›Heinrich der Dritte‹ von Dumas, als ganz vortrefflich, findet jedoch natürlich, daß es für das Publikum nicht die rechte Speise gewesen. »Ich hätte es unter meiner Direction nicht zu bringen gewagt,« sagte er; »denn ich erinnere mich noch gar wohl, was wir mit dem ›Standhaften Prinzen‹ für Noth gehabt, um ihn beim Publikum einzuschwärzen, der doch noch weit menschlicher und poetischer ist und im Grunde weit näher liegt als ›Heinrich der Dritte‹.«

Ich rede vom ›Groß-Kophta‹ den ich in diesen Tagen abermals gelesen. Ich gehe die einzelnen Scenen gesprächsweise durch und schließe mit dem Wunsch, es einmal auf der Bühne zu sehen.

»Es ist mir lieb,« sagte Goethe, »daß Ihnen das Stück gefällt, und daß Sie herausfinden was ich hineingearbeitet habe. Es war im Grunde keine geringe Operation, ein ganz reales Factum erst poetisch und dann theatralisch zu machen. Und doch werden Sie zugeben, daß das Ganze recht eigentlich für die Bühne gedacht ist. Schiller war auch sehr für das Stück, und wir haben es einmal gegeben, wo es sich denn für höhere Menschen wirklich brillant machte. Für das Publikum im Allgemeinen jedoch ist es nicht; die behandelten Verbrechen behalten immer etwas Apprehensives, wobei es den Leuten nicht heimlich ist. Es fällt seinem verwegenen Charakter nach ganz in den Kreis der ›Clara Gazul‹, und der französische Dichter könnte mich wirklich beneiden, daß ich ihm ein so gutes Sujet weggenommen. Ich sage: ein so gutes Sujet; denn im Grunde ist es nicht bloß von sittlicher, sondern auch von großer historischer Bedeutung; das Factum geht der Französischen Revolution unmittelbar voran und ist davon gewissermaßen das Fundament. Die Königin, der fatalen Halsbandgeschichte so nahe verflochten, verlor ihre Würde, ja ihre Achtung, und so hatte sie denn in der Meinung des Volks den Standpunkt verloren, um unantastbar zu sein. Der Haß schadet niemanden, aber die Verachtung ist es, was den Menschen stürzt. Kotzebue wurde lange gehaßt, aber damit der Dolch des Studenten sich an ihn wagen konnte, mußten ihn gewisse Journale erst verächtlich machen.«


1831, 17. Februar. 
Mit Johann Peter Eckermann 



Mit Goethe zu Tische. Ich bringe ihm seinen ›Aufenthalt in Karlsbad‹ vom Jahre 1807, dessen Redaction ich am Morgen beendigt. Wir reden über kluge Stellen, die darin als flüchtige Tagesbemerkungen vorkommen. »Man meint immer,« sagte Goethe lachend, »man müsse alt werden um gescheidt zu sein; im Grunde aber hat man bei zunehmenden Jahren zu thun, sich so klug zu erhalten als man gewesen ist. Der Mensch wird in seinen verschiedenen Lebensstufen wohl ein anderer, aber er kann nicht sagen, daß er ein besserer werde, und er kann in gewissen Dingen so gut in seinem zwanzigsten Jahre recht haben als in seinem sechzigsten.Man sieht freilich die Welt anders in der Ebene, anders auf den Höhen des Vorgebirgs, und anders auf den Gletschern des Urgebirgs. Man sieht auf dem einen Standpunkt ein Stück Welt mehr als auf dem andern; aber das ist auch alles, und man kann nicht sagen, daß man auf dem einen mehr recht hätte als auf dem andern. Wenn daher ein Schriftsteller aus verschiedenen Stufen seines Lebens Denkmale zurückläßt, so kommt es vorzüglich darauf an, daß er ein angeborenes Fundament und Wohlwollen besitze, daß er auf jeder Stufe rein gesehen und empfunden, und daß er ohne Nebenzwecke gerade und treu gesagt habe wie er gedacht. Dann wird sein Geschriebenes, wenn es auf der Stufe recht war, wo es entstanden, auch ferner recht bleiben, der Autor mag sich auch später entwickeln und verändern wie er wolle.«

Ich gab diesen guten Worten meine vollkommene Beistimmung. »Es kam mir in diesen Tagen ein Blatt Maculatur in die Hände,« fuhr Goethe fort, »das ich las. Hm! sagte ich zu mir selber, was da geschrieben steht, ist gar nicht so unrecht, du denkst auch nicht anders und würdest es auch nicht viel anders gesagt haben. Als ich aber das Blatt recht besehe, war es ein Stück aus meinen eigenen Werken; denn da ich immer vorwärts strebe, so vergesse ich was ich geschrieben habe, wo ich denn sehr bald in den Fall komme, meine Sachen als etwas durchaus Fremdes anzusehen.«

Ich erkundigte mich nach dem ›Faust‹, und wie er vorrücke. »Der läßt mich nun nicht wieder los,« sagte Goethe, »ich denke und erfinde täglich daran fort. Ich habe nun auch das ganze Manuscript des zweiten Theils heute heften lassen, damit es mir als eine sinnliche Masse vor Augen sei. Die Stelle des fehlenden vierten Actes habe ich mit weißem Papier ausgefüllt, und es ist keine Frage, daß das Fertige anlockt und reizt, um das zu vollenden, was noch zu thun ist. Es liegt in solchen sinnlichen Dingen mehr als man denkt, und man muß dem Geistigen mit allerlei Künsten zu Hilfe kommen.«

Goethe ließ den gehefteten neuen ›Faust‹ hereinbringen, und ich war erstaunt über die Masse des Geschriebenen, das im Manuscript als ein guter Folioband mir vor Augen war.»Es ist doch alles –« sagte ich – »seit den sechs Jahren gemacht, die ich hier bin, und doch haben Sie bei dem andern Vielen, was seitdem geschehen, nur sehr wenige Zeit darauf verwenden können. Man sieht aber, wie etwas heranwächst, wenn man auch nur hin und wieder etwas hinzuthut.«

»Davon überzeugt man sich besonders wenn man älter wird,« sagte Goethe, »während die Jugend glaubt es müsse alles an Einem Tage geschehen. Wenn aber das Glück mir günstig ist, und ich mich ferner wohl befinde, so hoffe ich in den nächsten Frühlingsmonaten am vierten Act sehr weit zu kommen. Es war auch dieser Act, wie Sie wissen, längst erfunden, allein da sich das Übrige während der Ausführung so sehr gesteigert hat, so kann ich jetzt von der frühern Erfindung nur das Allgemeinste brauchen, und ich muß nun auch dieses Zwischenstück durch neue Erfindungen so heranheben, daß es dem andern gleich werde.«

»Es kommt doch in diesem zweiten Theil –« sagte ich – »eine weit reichere Welt zur Erscheinung als im ersten.«»Ich sollte denken,« sagte Goethe. »Der erste Theil ist fast ganz subjectiv; es ist alles aus einem befangenern, leidenschaftlichern Individuum hervorgegangen welches Halbdunkel den Menschen auch so wohlthun mag. Im zweiten Theile aber ist fast gar nichts Subjectives, es erscheint hier eine höhere, breitere, hellere, leidenschaftlosere Welt, und wer sich nicht etwas umgethan und einiges erlebt hat, wird nichts damit anzufangen wissen.«

»Es sind darin einige Denkübungen,« sagte ich, »und es möchte auch mitunter einige Gelehrsamkeit erfordert werden. Es ist mir nur lieb, daß ich Schellings Büchlein über die Kabiren gelesen, und daß ich nun weiß, wohin Sie in jener famosen Stelle der ›Classischen Walpurgisnacht‹ deuten.«

»Ich habe immer gefunden,« sagte Goethe lachend, »daß es gut sei, etwas zu wissen.«


1831, 18. Februar. 
Mit Johann Peter Eckermann 



Mit Goethe zu Tische. Wir reden über verschiedene Regierungsformen, und es kommt zur Sprache, welche Schwierigkeiten ein zu großer Liberalismus habe, indem er die Anforderungen der einzelnen hervorrufe, und man vor lauter Wünschen zuletzt nicht wisse, welche man befriedigen solle. Man werde finden, daß man von oben herab mit zu großer Güte, Milde und moralischer Delicatesse auf die Länge nicht durchkomme, indem man eine gemischte und mitunter verruchte Welt zu behandeln und in Respect zu erhalten habe. Es wird zugleich erwähnt, daß das Regierungsgeschäft ein sehr großes Metier sei, das den ganzen Menschen verlange, und daß es daher nicht gut, wenn ein Regent zu große Nebenrichtungen, wie z.B. eine vorwaltende Tendenz zu den Künsten, habe, wodurch nicht allein das Interesse des Fürsten, sondern auch die Kräfte des Staats gewissen nöthigern Dingen entzogen würden. Eine vorwaltende Neigung zu den Künsten sei mehr die Sache reicher Privatleute.

Goethe erzählte mir sodann, daß seine ›Metamor phose der Pflanzen‹ mit Sorets Übersetzung gut vorrücke, und daß ihm bei der jetzigen nachträglichen Bearbeitung dieses Gegenstandes, besonders der Spirale, ganz unerwartet günstige Dinge von außen zu Hilfe kommen. »Wir beschäftigen uns,« sagte er, »wie Sie wissen, mit dieser Übersetzung schon länger als seit einem Jahre, es sind tausend Hindernisse dazwischengetreten, das Unternehmen hat oft ganz widerwärtig gestockt, und ich habe es oft im Stillen verwünscht. Nun aber komme ich in den Fall, alle diese Hindernisse zu verehren, indem im Laufe dieser Zögerungen außerhalb, bei andern trefflichen Menschen, Dinge herangereift sind, die jetzt als das schönste Wasser auf meine Mühle mich über alle Begriffe weiter bringen und meine Arbeit einen Abschluß erlangen lassen, wie es vor einem Jahre nicht wäre denkbar gewesen. Dergleichen ist mir in meinem Leben öfter begegnet, und man kommt dahin, in solchen Fällen an eine höhere Einwirkung, an etwas Dämonisches zu glauben, das man anbetet, ohne sich anzumaßen es weiter erklären zu wollen.«


1831, 19. Februar. 
Mit Johann Peter Eckermann
und Karl Vogel


Bei Goethe zu Tische mit Hofrath Vogel. Goethen war eine Broschüre [von Lappenberg] über die Insel Helgoland zugekommen, worin er mit großem Interesse las und uns das Wesentlichste daraus mittheilte.

Nach den Gesprächen über eine so eigenthümliche Localität kamen ärztliche Dinge an die Reihe, und Vogel erzählte als das Neueste des Tages von den natürlichen Blattern, die trotz aller Impfung mit einem Male wieder in Eisenach hervorgebrochen seien und in kurzer Zeit bereits viele Menschen hingerafft hätten.»Die Natur,« sagte Vogel, »spielt einem doch immer einmal wieder einen Streich, und man muß sehr aufpassen, wenn eine Theorie gegen sie ausreichen soll. Man hielt die Schutzblattern so sicher und so untrüglich, daß man ihre Einimpfung zum Gesetz machte; nun aber dieser Vorfall in Eisenach, wo die Geimpften von den natürlichen dennoch befallen worden, macht die Unfehlbarkeit der Schutzblattern verdächtig und schwächt die Motive für das Ansehen des Gesetzes.«

»Dennoch aber –« sagte Goethe – »bin ich dafür, daß man von dem strengen Gebot der Impfung auch ferner nicht abgehe, indem solche kleine Ausnahmen gegen die unübersehbaren Wohlthaten des Gesetzes gar nicht in Betracht kommen.«

»Ich bin auch der Meinung,« sagte Vogel, »und möchte sogar behaupten, daß in allen solchen Fällen, wo die Schutzblattern vor den natürlichen nicht gesichert, die Impfung mangelhaft gewesen ist. Soll nämlich die Impfung schützen, so muß sie so stark sein, daß Fieber entsteht; ein bloßer Hautreiz ohne Fieber schützt nicht. Ich habe daher heute in der Session den Vorschlag gethan, eine verstärkte Impfung der Schutzblattern allen im Lande damit Beauftragten zur Pflicht zu machen.«

»Ich hoffe, daß Ihr Vorschlag durchgegangen ist,« sagte Goethe, »sowie ich immer dafür bin, strenge auf ein Gesetz zu halten, zumal in einer Zeit wie die jetzige, wo man aus Schwäche und übertriebener Liberalität überall mehr nachgiebt als billig.«

Es kam sodann zur Sprache, daß man jetzt auch in der Zurechnungsfähigkeit der Verbrecher anfange weich und schlaff zu werden, und daß ärztliche Zeugnisse und Gutachten oft dahin gehen, dem Verbrecher an der verwirkten Strafe vorbei zu helfen. Bei dieser Gelegenheit lobte Vogel einen jungen Physicus, der in ähnlichen Fällen immer Charakter zeige, und der noch kürzlich bei dem Zweifel eines Gerichts, ob eine gewisse Kindesmörderin für zurechnungsfähig zu halten, sein Zeugniß dahin ausgestellt habe, daß sie es allerdings sei.


1831, 20. Februar. 
Mit Johann Peter Eckermann 



Mit Goethe zu Tische. Er eröffnet mir, daß er meine Beobachtung über die blauen Schatten im Schnee, daß sie nämlich aus dem Wiederschein des blauen Himmels entstehen, geprüft habe und für richtig anerkenne. »Es kann jedoch beides zugleich wirken,« sagte er, »und die durch das gelbliche Licht erregte Forderung kann die blaue Erscheinung verstärken.« Ich gebe dieses vollkommen zu und freue mich, daß Goethe mir endlich beistimmt.

»Es ärgert mich nur,« sagte ich, »daß ich meine Farbenbeobachtungen am Monte-Rosa und Montblanc nicht an Ort und Stelle im Detail niedergeschrieben habe. Das Hauptresultat jedoch war, daß in einer Entfernung von achtzehn bis zwanzig Stunden mittags bei der hellsten Sonne der Schnee gelb, ja röthlichgelb erschien, während die schneefreien dunkeln Theile des Gebirgs im entschiedensten Blau herübersahen. Das Phänomen überraschte mich nicht, indem ich mir hatte vorhersagen können, daß die gehörige Masse von zwischenliegender Trübe dem die Mittagssonne reflectirenden weißen Schnee einen tiefgelben Ton geben würde, aber das Phänomen freute mich besonders aus dem Grunde, weil es die irrige Ansicht einiger Naturforscher, daß die Luft eine blaufärbende Eigenschaft besitze, so ganz entschieden widerlegt; denn wäre die Luft in sich bläulich, so hätte eine Masse von zwanzig Stunden, wie sie zwischen mir und dem Monte-Rosa lag, den Schnee müssen hellblau oder weißbläulich durchscheinen lassen, aber nicht gelb und gelbröthlich.«

»Die Beobachtung,« sagte Goethe, »ist von Bedeutung und widerlegt jenen Irrthum durchaus.«

»Imgrunde –« sagte ich – »ist die Lehre vom Trüben sehr einfach, sodaß man gar zu leicht zu dem Glauben verführt wird, man könne sie einem andern in wenig Tagen und Stunden über liefern; das Schwierige aber ist, nun mit dem Gesetz zu operiren und ein Urphänomen in tausendfältig bedingten und verhüllten Erscheinungen immer wiederzuerkennen.«

»Ich möchte es dem Whist vergleichen,« sagte Goethe, »dessen Gesetze und Regeln auch gar leicht zu überliefern sind, das man aber sehr lange gespielt haben muß, um darin ein Meister zu sein. Überhaupt lernt Niemand etwas durch bloßes Anhören, und wer sich in gewissen Dingen nicht selbst thätig bemüht, weiß die Sachen nur oberflächlich und halb.«

Goethe erzählte mir sodann von dem Buche eines jungen Physikers [Vaucher, Histoire philosophique des plantes d'Europe], das er loben müsse wegen der Klarheit, mit der es geschrieben, und dem er die theologische Richtung gern nachsehe.

»Es ist dem Menschen natürlich,« sagte Goethe, »sich als das Ziel der Schöpfung zu betrachten und alle übrigen Dinge nur in Bezug auf sich und insofern sie ihm dienen und nützen. Er bemächtigt sich der vegetabilischen und animalischen Welt, und indem er andere Geschöpfe als passende Nahrung ver schlingt, erkennt er seinen Gott und preist dessen Güte, die so väterlich für ihn gesorgt. Der Kuh nimmt er die Milch, der Biene den Honig, dem Schaf die Wolle, und indem er den Dingen einen ihm nützlichen Zweck giebt, glaubt er auch, daß sie dazu sind geschaffen worden. Ja, er kann sich nicht denken, daß nicht auch das kleinste Kraut für ihn da sei, und wenn er dessen Nutzen noch gegenwärtig nicht erkannt hat, so glaubt er doch, daß solches sich künftig ihm gewiß entdecken werde.

Und wie der Mensch nun im allgemeinen denkt, so denkt er auch im Besondern, und er unterläßt nicht, seine gewohnte Ansicht aus dem Leben auch in die Wissenschaft zu tragen und auch bei den einzelnen Theilen eines organischen Wesens nach deren Zweck und Nutzen zu fragen.

Dies mag auch eine Weile gehen, und er mag auch in der Wissenschaft eine Weile damit durchkommen, allein gar bald wird er auf Erscheinungen stoßen, wo er mit einer so kleinen Ansicht nicht ausreicht, und wo er ohne höhern Halt sich in lauter Widersprüchen verwickelt.Solche Nützlichkeitslehrer sagen wohl: der Ochse habe Hörner, um sich damit zu wehren. Nun frage ich aber: Warum hat das Schaf keine? und wenn es welche hat, warum sind sie ihm um die Ohren gewickelt, sodaß sie ihm zu nichts dienen?

Etwas anderes aber ist es, wenn ich sage: Der Ochse wehrt sich mit seinen Hörnern, weil er sie hat.

Die Frage nach dem Zweck, die Frage Warum? ist durchaus nicht wissenschaftlich. Etwas weiter aber kommt man mit der Frage Wie? Denn wenn ich frage: Wie hat der Ochse Hörner? so führt mich das auf die Betrachtung seiner Organisation und belehrt mich zugleich, warum der Löwe keine Hörner hat und haben kann.

So hat der Mensch in seinem Schädel zwei unausgefüllte hohle Stellen. Die Frage Warum? würde hier nicht weit reichen, wogegen aber die Frage Wie? mich belehrt, daß diese Höhlen Reste des thierischen Schädels sind, die sich bei solchen geringen Organisationen in stärkerm Maße befinden, und die sich beim Menschen trotz seiner Höhe noch nicht ganz verloren haben.Die Nützlichkeitslehrer würden glauben, ihren Gott zu verlieren, wenn sie nicht den anbeten sollen, der dem Ochsen die Hörner gab damit er sich vertheidige. Mir aber möge man erlauben, daß ich den verehre, der in dem Reichthum seiner Schöpfung so groß war, nach tausendfältigen Pflanzen noch eine zu machen, worin alle übrigen enthalten, und nach tausendfältigen Thieren ein Wesen, das sie alle enthält: den Menschen.

Man verehre ferner den, der dem Vieh sein Futter giebt und dem Menschen Speise und Trank so viel er genießen mag, ich aber bete den an, der eine solche Productionskraft in die Welt gelegt hat, daß, wenn nur der millionteste Theil davon ins Leben tritt, die Welt von Geschöpfen wimmelt, sodaß Krieg, Pest, Wasser und Brand ihr nichts anzuhaben vermögen. Das ist mein Gott!«



1831, 21. Februar.
Mit Johann Peter Eckermann 



Goethe lobte sehr die neueste Rede von Schelling [›an die Studirenden der Ludwig-Maximilians-Universität... am Abend des 30. Decembers 1830‹], womit dieser die Münchener Studenten beruhigt. »Die Rede,« sagte er, »ist durch und durch gut, und man freut sich einmal wieder über das vorzügliche Talent, das wir lange kannten und verehrten. Es war in diesem Falle ein trefflicher Gegenstand und ein redlicher Zweck, wo ihm denn das Vorzüglichste gelungen ist. Könnte man von dem Gegenstande und Zweck seiner Kabirenschrift dasselbige sagen, so würden wir ihn auch da rühmen müssen; denn seine rhetorischen Talente und Künste hat er auch da bewiesen.«Schelling's ›Kabiren‹ brachten das Gespräch auf die ›Classische Walpurgisnacht‹, und wie sich diese von den Brockenscenen des ersten Theils unterscheide.

»Die alte Walpurgisnacht,« sagte Goethe, »ist monarchisch, indem der Teufel dort überall als entschiedenes Oberhaupt respectirt wird; die classische aber ist durchaus republicanisch, indem alles in der Breite nebeneinander steht, sodaß der eine so viel gilt wie der andere, und niemand sich subordinirt und sich um den andern bekümmert.«

»Auch –« sagte ich – »sondert sich in der classischen alles in scharf umrissene Individualitäten, während auf dem deutschen Blocksberg jedes einzelne sich in eine allgemeine Hexenmasse auflöst.«

»Deshalb,« sagte Goethe, »weiß auch der Mephistopheles, was es zu bedeuten hat, wenn der Homunculus, ihm von thessalischen Hexen redet. Ein guter Kenner des Alterthums wird bei dem Worte thessalische Hexen sich auch einiges zu denken vermögen, während es dem Ungelehrten ein bloßer Name bleibt.«»Das Alterthum –« sagte ich – »mußte Ihnen doch sehr lebendig sein, um alle jene Figuren wieder so frisch ins Leben treten zu lassen und sie mit solcher Freiheit zu gebrauchen und zu behandeln, wie Sie es gethan haben.«

»Ohne eine lebenslängliche Beschäftigung mit der bildenden Kunst,« sagte Goethe, »wäre es mir nicht möglich gewesen. Das Schwierigste indessen war, sich bei so großer Fülle mäßig zu halten und alle solche Figuren abzulehnen, die nicht durchaus zu meiner Intention paßten. So habe ich z.B. von dem Minotaurus, den Harpyien und einigen andern Ungeheuern keinen Gebrauch gemacht.«

»Aber was Sie in jener Nacht erscheinen lassen,« sagte ich, »ist alles so zusammengehörig und so gruppirt, daß man es sich in der Einbildungskraft leicht und gern zurückruft und alles willig ein Bild macht. Die Maler werden sich so gute Anlässe auch gewiß nicht entgehen lassen; besonders freue ich mich, den Mephistopheles bei den Phorkyaden zu sehen, wo er im Profil die famöse Maske probirt.« »Es stecken darin einige gute Späße,« sagte Goethe, »welche die Welt über kurz oder lang auf manche Weise benutzen wird. Wenn die Franzosen nur erst die ›Helena‹ gewahr werden und sehen, was daraus für ihr Theater zu machen ist! Sie werden das Stück wie es ist verderben, aber sie werden es zu ihren Zwecken klug gebrauchen, und das ist alles was man erwarten und wünschen kann. Der Phorkyas werden sie sicher einen Chor von Ungeheuern beigeben, wie es an einer Stelle auch bereits angedeutet ist.«

»Es käme darauf an,« sagte ich, »daß ein tüchtiger Poet von der romantischen Schule das Stück durchweg als Oper behandelte, und Rossini sein großes Talent zu einer bedeutenden Composition zusammennähme, um mit der ›Helena‹ Wirkung zu thun. Denn es sind darin Anlässe zu prächtigen Decorationen, überraschenden Verwandlungen, glänzenden Costümen und reizenden Balleten, wie nicht leicht in einem andern Stück, ohne zu erwähnen, daß eine solche Fülle von Sinnlichkeit sich auf dem Fundament einer geistreichen Fabel bewegt, wie sie nicht leicht besser erfunden werden dürfte.«»Wir wollen erwarten,« sagte Goethe, »was uns die Götter Weiteres bringen. Es läßt sich in solchen Dingen nichts beschleunigen. Es kommt darauf an, daß es den Menschen aufgehe, und daß Theaterdirectoren, Poeten und Componisten darin ihren Vortheil gewahr werden.«

1831, 22. Februar. 
Mit Johann Peter Eckermann

[Eckermann erfährt vom Oberconsistorialrath Schwabe die vielseitige Thätigkeit desselben, namentlich seine Erfolge als Schriftsteller im Schulfach.]
Darauf, mit Goethe zu Tische, rede ich über Schwabe, und Goethe stimmt in dessen Lob vollkommen ein. »Die Großherzogin,« sagte er, »schätzt ihn auch im hohen Grade, wie denn diese Dame überall recht gut weiß, was sie an den Leuten hat. Ich werde ihn zu meiner Portraitsammlung zeichnen lassen, und Sie thun sehr wohl, ihn zu besuchen und ihn vorläufig um diese Erlaubniß zu bitten. Besuchen Sie ihn ja, zeigen Sie ihm Theilnahme an dem, was er thut und vorhat. Es wird für Sie von Inte resse sein, in einen Wirkungskreis eigener Art hineinzublicken, wovon man doch ohne einen nähern Verkehr mit einem solchen Manne keinen rechten Begriff hat.«

Ich verspreche dieses zu thun, indem die Kenntniß praktisch thätiger, das Nützliche befördernder Menschen meine wahre Neigung ist.


1831, 23. Februar. 
Mit Johann Peter Eckermann 



Vor Tische bei einem Spaziergange auf der Erfurter Chaussee begegnet mir Goethe, welcher halten läßt und mich in seinen Wagen nimmt. Wir fahren eine gute Strecke hinaus bis auf die Höhe neben das Tannenhölzchen und reden über naturhistorische Dinge.

Die Hügel und Berge waren mit Schnee bedeckt, und ich erwähne die große Zartheit des Gelben, und daß in der Entfernung von einigen Meilen, mittels zwischenliegender Trübe, ein Dunkles eher blau erscheine als ein Weißes gelb. Goethe stimmt mir zu, und wir sprechen sodann von der hohen Bedeutung der Urphänomene, hinter welchen man unmittelbar die Gottheit zu gewahren glaube.»Ich frage nicht,« sagte Goethe, »ob dieses höchste Wesen Verstand und Vernunft habe, sondern ich fühle, es ist der Verstand, es ist die Vernunft selber. Alle Geschöpfe sind davon durchdrungen, und der Mensch hat davon so viel, daß er Theile des Höchsten erkennen mag.«

Bei Tische kam das Bestreben gewisser Naturforscher zur Erwähnung, die, um die organische Welt zu durchschreiten, von der Mineralogie aufwärts gehen wollen. »Dieses ist ein großer Irrthum,« sagte Goethe. »In der mineralogischen Welt ist das Einfachste das Herrlichste, und in der organischen ist es das Complicirteste. Man sieht also, daß beide Welten ganz verschiedene Tendenzen haben, und daß von der einen zur andern keineswegs ein stufenartiges Fortschreiten stattfindet.«

1831, 24. Februar. 
Mit Johann Peter Eckermann 



Bei Tische erzählt mir Goethe, daß Soret bei ihm gewesen, und daß sie in der Übersetzung der ›Metamorphose‹ einen hübschen Fortschritt gemacht.

»Das Schwierige bei der Natur« – sagte Goethe – »ist: das Gesetz auch da zu sehen, wo es sich uns verbirgt, und sich nicht durch Erscheinungen irre machen zu lassen, die unsern Sinnen widersprechen. Denn es widerspricht in der Natur manches den Sinnen und ist doch wahr. Daß die Sonne stillstehe, daß sie nicht auf- und untergehe, sondern daß die Erde sich täglich in undenkbarer Geschwindigkeit herumwälze, widerspricht den Sinnen so stark wie etwas, aber doch zweifelt kein Unterrichteter, daß es so sei. Und so kommen auch widersprechende Erscheinungen im Pflanzenreiche vor, wobei man sehr auf seiner Hut sein muß, sich dadurch nicht auf falsche Wege leiten zu lassen.«

1831, 27. Februar. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer


»Karl X. und seine Minister waren verloren, als sie beim Antritt seiner Regierung die Presse freigaben. Probire doch einmal Holland und die Niederlande die Freiheit der Meereswogen und Bergströme zu proclamiren!«


1831, Februar oder März. (?) 
Mit Caroline von Wolzogen


Ich dachte Goethe über die Poesie seines Sohnes etwas Schönes zu sagen; er sagte: »Das ist nun so gekommen wie ein Pistolenschuß,« und schien eben keine Freude daran zu haben.


1831, 2. März. 
Mit Johann Peter Eckermann 



Heute bei Goethe zu Tische kam das Gespräch bald wieder auf das Dämonische, und er fügte zu dessen näherer Bezeichnung noch Folgendes hinzu.

»Das Dämonische,« sagte er, »ist dasjenige, was durch Verstand und Vernunft nicht auszulösen ist. In meiner Natur liegt es nicht, aber ich bin ihm unterworfen.«

»Napoleon,« sagte ich, »scheint dämonischer Art gewesen zu sein.«

»Er war es durchaus,« sagte Goethe, »im höchsten Grade, sodaß kaum ein anderer ihm zu vergleichen ist. Auch der verstorbene Großherzog war eine dämonische Natur, voll unbegrenzter Thatkraft und Unruhe, sodaß sein eigenes Reich ihm zu klein war, und das größte ihm zu klein gewesen wäre. Dämonische Wesen solcher Art rechneten die Griechen unter die Halbgötter.«

»Erscheint nicht auch,« sagte ich, »das Dämonische in den Begebenheiten?«

»Ganz besonders,« sagte Goethe, »und zwar in allen, die wir durch Verstand und Vernunft nicht aufzulösen vermögen. Überhaupt manifestirt es sich auf die verschiedenste Weise in der ganzen Natur, in der unsichtbaren wie in der sichtbaren. Manche Geschöpfe sind ganz dämonischer Art, in manchen sind Theile von ihm wirksam.«

»Hat nicht auch,« sagte ich, »der Mephistopheles dämonische Züge?«

»Nein,« sagte Goethe; »der Mephistopheles ist ein viel zu negatives Wesen, das Dämonische aber äußert sich in einer durchaus positiven Thatkraft.

Unter den Künstlern,« fuhr Goethe fort, »findet es sich mehr bei Musikern, weniger bei Malern. Bei Paganini zeigt es sich im hohen Grade, wodurch er denn auch so große Wirkungen hervorbringt.«

Ich war sehr erfreut über alle diese Bezeichnungen, wodurch es mir nun deutlicher wurde, was Goethe sich unter dem Begriff des Dämonischen dachte.

Wir reden sodann viel über den vierten Band [von Goethes ›Aus meinem Leben‹, den er zur Durchsicht Eckermann mitgetheilt hatte], und Goethe bittet mich, aufzuzeichnen was noch daran möchte zu thun sein.


1831, 3. März. 
Mit Johann Peter Eckermann 


Mittags mit Goethe. Er sah einige architektonische Hefte durch und meinte, es gehöre einiger Übermuth dazu, Paläste zu bauen, indem man nie sicher sei, wie lange ein Stein auf dem andern bleiben würde. »Wer in Zelten leben kann,« sagte er, »steht sich am besten. Oder wie gewisse Engländer thun, die von einer Stadt und einem Wirthshaus ins andere ziehen und überall eine hübsche Tafel gedeckt finden.«

1831, 6. März. 
Mit Johann Peter Eckermann


Mit Goethe zu Tische in mancherlei Unterhaltungen. Wir reden auch von Kindern und deren Unarten, und er vergleicht sie den Stengelblättern einer Pflanze, die nach und nach von selber abfallen, und wobei man es nicht so genau und so streng zu nehmen brauche.

»Der Mensch,« sagte er, »hat verschiedene Stufen, die er durchlaufen muß, und jede Stufe führt ihre besondern Tugenden und Fehler mit sich, die in der Epoche, wo sie kommen, durchaus als naturgemäß zu betrachten und gewissermaßen recht sind. Auf der folgenden Stufe ist er wieder ein anderer, von den frühern Tugenden und Fehlern ist keine Spur mehr, aber andere Arten und Unarten sind an deren Stelle getreten. Und so geht es fort, bis zu der letzten Verwandlung, von der wir noch nicht wissen, wie wir sein werden.«

Zum Nachtisch las Goethe mir sodann einige seit 1775 sich erhaltene Fragmente von ›Hanswurst's Hochzeit‹. Kilian Brustfleck eröffnet das Stück mit einem Monolog, worin er sich beklagt, daß ihm Hanswurst's Erziehung trotz aller Mühe so schlecht geglückt sei. Die Scene sowie alles Übrige war ganz im Tone des ›Faust‹ geschrieben. Eine gewaltige productive Kraft bis zum Übermuth sprach sich in jeder Zeile aus, und ich bedauerte bloß, daß es so über alle Grenzen hinausgehe, daß selbst die Fragmente sich nicht mittheilen lassen. Goethe las mir darauf den Zettel der im Stück spielenden Personen, die fast drei Seiten füllten und sich gegen Hundert belaufen mochten. Es waren alle erdenklichen Schimpfnamen, mitunter von der derbsten lustigsten Sorte, sodaß man nicht aus dem Lachen kam. Manche gingen auf körperliche Fehler und zeichneten eine Figur dermaßen, daß sie lebendig vor die Augen trat; andere deuteten auf die mannigfaltigsten Unarten und Laster und ließen einen tiefen Blick in die Breite der unsittlichen Welt voraussetzen. Wäre das Stück zu Stande gekommen, so hätte man die Erfindung bewundern müssen, der es geglückt, so mannigfaltige symbolische Figuren in eine einzige lebendige Handlung zu verknüpfen.

»Es war nicht zu denken, daß ich das Stück hätte fertig machen können,« sagte Goethe, »indem es einen Gipfel von Muthwillen voraussetzte, der mich wohl augenblicklich anwandelte, aber im Grunde nicht in dem Ernst meiner Natur lag und auf dem ich mich also nicht halten konnte. Und dann sind in Deutschtand unsere Kreise zu beschränkt, als daß man mit so etwas hätte hervortreten können. Auf einem breiten Terrain wie Paris mag dergleichen sich herumtummeln, sowie man auch dort wohl ein Béranger sein kann, welches in Frankfurt oder Weimar gleichfalls nicht zu denken wäre.«


1831, um 8. März. 
Mit Eduard Genast 



Am 4. März sollte mich ein harter Schlag treffen: mein geliebter Vater starb nach langen, schweren Leiden...

Erst nach mehreren Tagen ließ mich Goethe zu sich kommen. Er empfing mich mit ernstem Gesicht und sagte: »Ich habe einen alten Getreuen, Du hast einen trefflichen Vater verloren. Genug!« Und mit einem Händedruck und raschem Lebewohl entließ er mich.


1831, 8. März. 
Mit Johann Peter Eckermann 



Heute mit Goethe zu Tische erzählte er mir zunächst, daß er den ›Ivanhoe‹ lese. »Walter Scott ist ein großes Talent,« sagte er, »das nicht seines Gleichen hat, und man darf sich billig nicht verwundern, daß er auf die ganze Lesewelt so außerordentliche Wirkungen hervorbringt. Er giebt mir viel zu denken, und ich entdecke in ihm eine ganz neue Kunst, die ihre eigenen Gesetze hat.«

Wir sprachen sodann über den vierten Band der Biographie und waren im Hin- und Widerreden über das Dämonische begriffen, ehe wir es uns versahen.

»In der Poesie«, sagte Goethe, »ist durchaus etwas Dämonisches, und zwar vorzüglich in der unbewußten, bei der aller Verstand und alle Vernunft zu kurz kommt, und die daher auch so über alle Begriffe wirkt.

Desgleichen ist es in der Musik im höchsten Grade, denn sie steht so hoch, daß kein Verstand ihr beikommen kann, und es geht von ihr eine Wirkung aus, die Alles beherrscht und von der Niemand im Stande ist sich Rechenschaft zu geben. Der religiöse Cultus kann sie daher auch nicht entbehren; sie ist eins der ersten Mittel, um auf die Menschen wunderbar zu wirken.

So wirft sich auch das Dämonische gern in bedeutende Individuen, vorzüglich wenn sie eine hohe Stellung haben, wie Friedrich und Peter der Große.

Beim verstorbenen Großherzog war es in dem Grade, daß niemand ihm Widerstehen konnte. Er übte auf die Menschen eine Anziehung durch seine ruhige Gegenwart, ohne daß er sich eben gütig und freundlich zu erweisen brauchte. Alles, was ich auf seinen Rath unternahm, glückte mir, sodaß ich in Fällen, wo mein Verstand und meine Vernunft nicht hinreichte, ihn nur zu fragen brauchte was zu thun sei, wo er es denn instinctmäßig aussprach und ich immer im Voraus eines guten Erfolgs gewiß sein konnte.

Ihm wäre zu gönnen gewesen, daß er sich meiner Ideen und höhern Bestrebungen hätte bemächtigen können; denn wenn ihn der dämonische Geist verließ und nur das Menschliche zurückblieb, so wußte er mit sich nichts anzufangen und er war übel daran.

Auch in Byron mag das Dämonische in hohem Grade wirksam gewesen sein, weshalb er auch die Attrativa in großer Masse besessen, sodaß ihm denn besonders die Frauen nicht haben widerstehen können.«

»In die Idee vom Göttlichen,« sagte ich versuchend, »scheint die wirkende Kraft, die wir das Dämonische nennen, nicht einzugehen.«

»Liebes Kind,« sagte Goethe, »was wissen wir denn von der Idee des Göttlichen, und was wollen denn unsere engen Begriffe vom höchsten Wesen sagen! Wollte ich es, gleich einem Türken, mit hundert Namen nennen, so würde ich doch noch zu kurz kommen und im Vergleich so grenzenloser Eigenschaften noch nichts gesagt haben.«


1831, 9. März. 
Mit Johann Peter Eckermann 



Goethe fuhr heute fort mit der höchsten Anerkennung über Walter Scott zu reden.

»Man liest viel zu viel geringe Sachen,« sagte er, »womit man die Zeit verdirbt und wovon man weiter nichts hat. Man sollte eigentlich immer nur das lesen, was man bewundert, wie ich in meiner Jugend that, und wie ich es nun an Walter Scott erfahre. Ich habe jetzt den ›Rob Roy‹ angefangen und will so seine besten Romane hintereinander durchlesen. Da ist freilich alles groß: Stoff, Gehalt, Charaktere, Behandlung, und dann der unendliche Fleiß in den Vorstudien, sowie in der Ausführung die große Wahrheit des Details! Man sieht aber, was die englische Geschichte ist, und was es sagen will, wenn einem tüchti gen Poeten eine solche Erbschaft zu Theil wird. Unsere deutsche Geschichte in fünf Bänden ist dagegen eine wahre Armuth, sodaß man auch nach dem ›Götz von Berlichingen‹ sogleich in's Privatleben ging und eine ›Agnes Bernauerin‹ [von v. Törring] und einen ›Otto von Wittelsbach‹ [von v. Babo] schrieb, womit freilich nicht viel gethan war.«

Ich erzählte, daß ich ›Daphnis und Chloe‹ [Schäferroman von Longos] lese und zwar in der Übersetzung von Courier. »Das ist auch ein Meisterstück,« sagte Goethe, »das ich oft gelesen und bewundert habe, worin Verstand, Kunst und Geschmack auf ihrem höchsten Gipfel erscheinen, und wogegen der gute Virgil freilich ein wenig zurücktritt. Das landschaftliche Local ist ganz im Poussin'schen Stil und erscheint hinter den Personen mit sehr wenigen Zügen vollendet.

Sie wissen, Courier hat in der Bibliothek zu Florenz eine neue Handschrift gefunden mit der Hauptstelle des Gedichts, welche die bisherigen Ausgaben nicht hatten. Nun muß ich bekennen, daß ich immer das Gedicht in seiner mangelhaften Gestalt gelesen und bewundert habe, ohne zu fühlen und zu bemerken, daß der eigentliche Gipfel fehlte. Es mag aber dieses für die Vortrefflichkeit des Gedichts zeugen, indem das Gegenwärtige uns so befriedigte, daß man an ein Abwesendes gar nicht dachte.«

Nach Tische zeigte Goethe mir eine von Coudray gezeichnete höchst geschmackvolle Thür des Dornburger Schlosses, mit einer lateinischen Inschrift, ungefähr dahin lautend, daß der Einkehrende freundlich empfangen und bewirthet werden solle und man dem Vorbeiziehenden die glücklichsten Pfade wünsche.

Goethe hatte diese Inschrift in ein deutsches Distichon verwandelt und als Motto über einen Brief gesetzt, den er im Sommer 1828 nach dem Tode des Großherzogs bei seinem Aufenthalte in Dornburg an den Obersten v. Beulwitz geschrieben. Ich hatte von diesem Briefe damals viel im Publicum reden hören, und es war mir nun sehr lieb, daß Goethe mir ihn heute mit jener gezeichneten Thür vorlegte ..... Goethe legte den Brief und die Zeichnung in eine besondere Mappe zusammen.


1831, 10. März. 
Mit Friedrich Soret


Diesen Mittag ein halbes Stündchen bei Goethe. Ich hatte ihm die Nachricht zu bringen, daß die Frau Großherzogin beschlossen habe, der Direction des hiesigen Theaters ein Geschenk von tausend Thalern zustellen zu lassen, um zur Ausbildung hoffnungsvoller junger Talente verwandt zu werden. Diese Nachricht machte Goethen, dem das fernere Gedeihen des Theaters am Herzen liegt, sichtbare Freude.

Sodann hatte ich einen Auftrag anderer Art mit ihm zu bereden. Es ist nämlich die Absicht der Frau Großherzogin, den jetzigen besten deutschen Schriftsteller, insofern er ohne Amt und Vermögen wäre und bloß von den Früchten seines Talents leben müßte, nach Weimar berufen zu lassen und ihm hier eine sor genfreie Lage zu bereiten, dergestalt, daß er die gehörige Muße fände, jedes seiner Werke zu möglichster Vollendung heranreisen zu lassen, und nicht in den traurigen Fall käme, aus Noth flüchtig und übereilt zu arbeiten, zum Nachtheil seines eigenen Talents und der Literatur.

»Die Intention der Frau Großherzogin,« erwiderte Goethe, »ist wahrhaft fürstlich, und ich beuge mich vor ihrer edeln Gesinnung, allein es wird sehr schwer halten, irgend eine passende Wahl zu treffen. Die vorzüglichsten unserer jetzigen Talente sind bereits durch Anstellung im Staatsdienst, Pensionen oder eigenes Vermögen in einer sorgenfreien Lage. Auch paßt nicht jeder hierher, und nicht jedem wäre wirklich damit geholfen. Ich werde indeß die edle Absicht im Auge behalten und sehen was die nächsten Jahre uns etwa Gutes bringen.«


1831, 11. März. 
Mit Johann Peter Eckermann 


Mit Goethe zu Tische in mannigfaltigen Gesprächen. »Bei Walter Scott,« sagte er, »ist es eigen, daß eben sein großes Verdienst in Darstellung des Details ihn oft zu Fehlern verleitet. So kommt im ›Ivanhoe‹ eine Scene vor, wo man Nachts in der Halle eines Schlosses zu Tische sitzt und ein Fremder hereintritt. Nun ist es zwar recht, daß er den Fremden von oben herab beschrieben hat, wie er aussieht und wie er gekleidet ist, allein es ist ein Fehler, daß er auch seine Füße, seine Schuhe und Strümpfe beschreibt. Wenn man Abends am Tische sitzt und Jemand hereintritt, so sieht man nur seinen obern Körper. Beschreibe ich aber die Füße, so tritt sogleich das Licht des Tages herein und die Scene verliert ihren nächtlichen Charakter.«

Ich fühlte das Überzeugende solcher Worte und merkte sie mir für künftige Fälle.

Goethe fuhr sodann fort mit großer Bewunderung über Walter Scott zu reden. Ich ersuchte ihn, seine Ansichten zu Papiere zu bringen, welches er jedoch mit dem Bemerken ablehnte, daß die Kunst in jenem Schriftsteller so hoch stehe, daß es schwer sei, sich darüber öffentlich mitzutheilen.


1831, 14. März. 
Mit Johann Peter Eckermann 




Mit Goethe zu Tische, mit dem ich mancherlei berede. Ich muß ihm von der ›Stummen von Portici‹ [Dichtung von Scribe, Musik von Auber] erzählen, die vorgestern gegeben worden, und es kommt zur Sprache, daß darin eigentlich gegründete Motive zu einer Revolution gar nicht zur Anschauung gebracht worden, welches jedoch den Leuten gefalle, indem nun jeder in die leergelassene Stelle das hineintrage, was ihm selber in seiner Stadt und seinem Lande nicht behagen mag. »Die ganze Oper,« sagte Goethe, »ist im Grunde eine Satire auf das Volk; denn wenn es den Liebeshandel eines Fischermädchens zur öffentlichen Angelegenheit macht und den Fürsten einen Tyran nen nennt, weil er eine Fürstin heirathet, so erscheint es doch wohl so absurd und so lächerlich wie möglich.«

Zum Nachtische zeigte Goethe mir Zeichnungen nach Berliner Redensarten, worunter die heitersten Dinge vorkommen, und woran die Mäßigkeit des Künstlers gelobt wurde, der an die Carricatur nur heran-, aber nicht wirklich hineingegangen.


1831, 16. März. 
Mit Johann Peter Eckermann



Mit Goethe zu Tische, dem ich das Manuscript vom vierten Band seines ›Lebens‹ zurückbringe und darüber mancherlei Gespräche habe.

Wir reden auch über den Schluß des ›Tell‹, und ich gebe mein Verwundern zu erkennen, wie Schiller den Fehler habe machen können, seinen Helden durch das unedle Benehmen gegen den flüchtigen Herzog von Schwaben so herabsinken zu lassen, indem er über diesen ein hartes Gericht hält, während er sich selbst mit seiner eigenen That brüstet.

»Es ist kaum begreiflich,« sagte Goethe; »allein Schiller war dem Einfluß von Frauen unterworfen wie andere auch, und wenn er in diesem Fall so fehlen konnte, so geschah es mehr aus solchen Einwirkungen als aus seiner eigenen guten Natur.«


1831, 18. März. 
Mit Johann Peter Eckermann 



Mit Goethe zu Tische. Ich bringe ihm ›Daphnis und Chloe‹, welches er einmal wieder zu lesen wünscht.

Wir reden über höhere Maximen, und ob es gut und ob es möglich sei, sie andern Menschen zu überliefern. »Die Anlage, das Höhere aufzunehmen,« sagte Goethe, »ist sehr selten, und man thut daher im gewöhnlichen Leben immer wohl, solche Dinge für sich zu behalten und davon nur so viel hervorzukehren, als nöthig ist um gegen die andern in einiger Avantage zu sein.

Wir berühren sodann den Punkt, daß viele Menschen, besonders Kritiker und Poeten, das eigentlich Große ganz ignor iren und dagegen auf das Mittlere einen außerordentlichen Werth legen.

Der Mensch,« sagte Goethe, »erkennt nur das an und preist nur das, was er selber zu machen fähig ist, und da nun gewisse Leute in dem Mittleren ihre eigentliche Existenz haben, so gebrauchen sie den Pfiff, daß sie das wirklich Tadelnswürdige in der Literatur, was jedoch immer einiges Gute haben mag, durchaus schelten und ganz tief herabsetzen, damit das Mittlere, was sie anpreisen, auf einer desto größern Höhe erscheine.«

Ich merkte mir dieses, damit ich wissen möchte, was ich von dergleichen Verfahren künftig zu denken.

Wir sprachen sodann von der ›Farbenlehre‹, und daß gewisse deutsche Professoren noch immer fortfahren ihre Schüler davor als vor einem großen Irrthum zu warnen.

»Es thut mir nur um manchen guten Schüler leid,« sagte Goethe, »mir selbst aber kann es völlig einerlei sein; denn meine Farbenlehre ist so alt wie die Welt und wird aufdielänge nicht zu verleugnen und beiseite zu bringen sein.«Goethe erzählte mir sodann, daß er mit seiner neuen Ausgabe der ›Metamorphose der Pflanzen‹ und Soret's immer besser gelingenden Übersetzung gut fortschreite. »Es wird ein merkwürdiges Buch werden,« sagte er, »indem darin die verschiedensten Elemente zu einem Ganzen verarbeitet werden. Ich lasse darin einige Stellen von bedeutenden jungen Naturforschern eintreten, wobei es erfreulich ist, zu sehen, daß sich jetzt in Deutschland unter den Bessern ein so guter Stil gebildet hat, daß man nicht mehr weiß, ob der eine redet oder der andere. Das Buch macht mir indeß mehr Mühe als ich dachte; auch bin ich Anfangs fast wider Willen in das Unternehmen hereingezogen, allein es herrschte dabei etwas Dämonisches ob, dem nicht zu widerstehen war.«

»Sie haben wohl gethan,« sagte ich, »solchen Einwirkungen nachzugeben; denn das Dämonische scheint so mächtiger Natur zu sein, daß es am Ende doch recht behält.«

»Nur muß der Mensch« – versetzte Goethe – »auch wiederum gegen das Dämonische recht zu behalten suchen, und ich muß im gegenwärtigen Fall dahin trachten, durch allen Fleiß und Mühe meine Arbeit so gut zu machen, als in meinen Kräften steht und die Umstände es mir anbieten. Es ist in solchen Dingen wie mit dem Spiel, was die Franzosen Toccadille1 nennen, wobei zwar die geworfenen Würfel viel entscheiden, allein wo es der Klugheit des Spielenden überlassen bleibt, nun auch die Steine im Bret geschickt zu setzen.«

1 Nicht: Codille.


1831, 20. März. 
Mit Johann Peter Eckermann



Goethe erzählte mir bei Tische, daß er in diesen Tagen ›Daphnis und Chloe‹ gelesen.

»Das Gedicht ist so schön,« sagte er, »daß man den Eindruck davon, bei den schlechten Zuständen, in denen man lebt, nicht in sich behalten kann, und daß man immer vonneuem erstaunt, wenn man es wieder liest. Es ist darin der hellste Tag, und man glaubt lauter herculanische Bilder zu sehen, sowie auch diese Gemälde auf das Buch zurückwirken und unserer Phantasie beim Lesen zu Hilfe kommen.«

»Mir hat,« sagte ich, »eine gewisse Abgeschlossenheit sehr wohl gethan, worin alles gehalten ist. Es kommt kaum eine fremde Anspielung vor, die uns aus dem glücklichen Kreise her ausführte. Von Gottheiten sind bloß Pan und die Nymphen wirksam, eine andere wird kaum genannt, und man sieht auch, daß das Bedürfniß der Hirten an diesen Gottheiten genug hat.«

»Und doch, bei aller mäßigen Abgeschlossenheit,« sagte Goethe, »ist darin eine vollständige Welt entwickelt. Wir sehen Hirten aller Art, Feldbautreibende, Gärtner, Winzer, Schiffer, Räuber, Krieger und vornehme Städter, große Herren und Leibeigene.«

»Auch erblicken wir darin,« sagte ich, »den Menschen auf allen seinen Lebensstufen, von der Geburt herauf bis in's Alter; auch alle häuslichen Zustände, wie die wechselnden Jahreszeiten sie mit sich führen, gehen an unsern Augen vorüber.«

»Und nun die Landschaft!« sagte Goethe, »die mit wenigen Strichen so entschieden gezeichnet ist, daß wir in der Höhe hinter den Personen Weinberge, Äcker und Obstgärten sehen, unten die Weideplätze mit dem Fluß und einwenig Waldung, sowie das ausgedehnte Meer in der Ferne. Und keine Spur von trüben Tagen, von Nebel, Wolken und Feuchtigkeit, sondern immer der blaueste reinste Himmel, die anmuthigste Luft und ein bestän dig trockener Boden, sodaß man sich überall nackend hinlegen möchte.

Das ganze Gedicht,« fuhr Goethe fort, »verräth die höchste Kunst und Cultur. Es ist so durchdacht, daß darin kein Motiv fehlt und alle von der gründlichsten besten Art sind, wie z. B. das von dem Schatz bei dem stinkenden Delphin am Meeresufer. Und ein Geschmack und eine Vollkommenheit und Delicatesse der Empfindung, die sich dem Besten gleichstellt, das je gemacht worden! Alles Widerwärtige, was von außen in die glücklichen Zustände des Gedichts störend hereintritt, wie Überfall, Raub und Krieg, ist immer auf das Schnellste abgethan und hinterläßt kaum eine Spur. Sodann das Laster erscheint im Gefolg der Städter, und zwar auch dort nicht in den Hauptpersonen, sondern in einer Nebenfigur, in einem Untergebenen. Das ist Alles von der ersten Schönheit.«

»Und dann,« sagte ich, »hat mir so wohl gefallen, wie das Verhältniß der Herren und Diener sich ausspricht. In erstern die humanste Behandlung, und in letztern bei aller naiven Freiheit doch der große Respect und das Bestreben, sich bei dem Herrn auf alle Weise in Gunst zu setzen. So sucht denn auch der junge Städter, der sich dem Daphnis durch das Ansinnen einer unnatürlichen Liebe verhaßt gemacht hat, sich bei diesem, da er als Sohn des Herrn erkannt ist, wieder in Gnade zu bringen, indem er den Ochsenhirten die geraubte Chloe auf eine kühne Weise wieder abjagt und zu Daphnis zurückführt.«

»In allen diesen Dingen,« sagte Goethe, »ist ein großer Verstand; so auch, daß Chloe gegen den beiderseitigen Willen der Liebenden, die nichts Besseres kennen als nackt nebeneinander zu ruhen, durch den ganzen Roman bis an's Ende ihre Jungfrauschaft behält, ist gleichfalls vortrefflich und so schön motivirt, daß dabei die größten menschlichen Dinge zur Sprache kommen.

Man müßte ein ganzes Buch schreiben, um alle großen Verdienste dieses Gedichts nach Würden zu schätzen. Man thut wohl, es alle Jahre einmal zu lesen, um immer wieder daran zu lernen und den Eindruck seiner großen Schönheit aufs Neue zu empfinden.«


1831, 21. März. 
Mit Johann Peter Eckermann


Wir sprachen über politische Dinge, über die noch immer fortwährenden Unruhen in Paris und den Wahn der jungen Leute, in die höchsten Angelegenheiten des Staates mit einwirken zu wollen.

»Auch in England,« sagte ich, »haben die Studenten vor einigen Jahren bei Entscheidung der katholischen Frage durch Einreichung von Bittschriften einen Einfluß zu erlangen versucht, allein man hat sie ausgelacht und nicht weiter davon Notiz genommen.«

»Das Beispiel von Napoleon,« sagte Goethe, »hat besonders in den jungen Leuten von Frankreich, die unter jenem Helden heraufwuchsen, den Egoismus aufgeregt, und sie werden nicht eher ruhen, als bis wieder ein großer Despot unter ihnen aufsteht, in welchem sie das auf der höchsten Stufe sehen, was sie selber zu sein wünschen. Es ist nur das Schlimme, daß ein Mann wie Napoleon nicht so bald wieder geboren wird, und ich fürchte fast, daß noch einige hunderttausend Menschen daraufgehen, ehe die Welt wieder zur Ruhe kommt.

An literarische Wirkung ist auf einige Jahre gar nicht zu denken, und man kann jetzt weiter nichts thun, als für eine friedlichere Zukunft im Stillen manches Gute vorzubereiten.«

Nach diesem wenigen Politischen waren wir bald wieder in Gesprächen über ›Daphnis und Chloe‹. Goethe lobte die Übersetzung von Courier als ganz vollkommen. »Courier hat wohl gethan,« sagte er, »die alte Übersetzung von Amyot zu respectiren und beizubehalten und sie nur an einigen Stellen zu verbessern und zu reinigen und näher an das Original hinanzutreiben. Dieses alte Französisch ist so naiv und paßt so durchaus für diesen Gegenstand, daß man nicht leicht eine vollkommenere Übersetzung in irgend einer andern Sprache von diesem Buche machen wird.«

Wir redeten sodann von Courier's eigenen Werken, von seinen kleinen Flugschriften und der Vertheidigung des berüchtigten Tintenflecks auf dem Manuscript zu Florenz.

»Courier ist ein großes Naturtalent,« sagte Goethe, »das Züge von Byron hat sowie von Beaumarchais und Diderot. Er hat von Byron die große Gegenwart aller Dinge, die ihm als Argument dienen, von Beaumarchais die große advocatische Gewandtheit, von Diderot das Dialektische, und zudem ist er so geistreich, daß man es nicht in höherm Grade sein kann. Von der Beschuldigung des Tintenflecks scheint er sich indeß nicht ganz zu reinigen; auch ist er in seiner ganzen Richtung nicht positiv genug, als daß man ihn durchaus loben könnte. Er liegt mit der ganzen Welt im Streit, und es ist nicht wohl anzunehmen, daß nicht auch etwas Schuld und etwas Unrecht an ihm selber sein sollte.«

Wir redeten sodann über den Unterschied des deutschen Begriffs von Geist und des französischen esprit. »Das französi sche esprit,« sagte Goethe, »kommt dem nahe, was wir Deutschen Witz nennen. Unser Geist würden die Franzosen vielleicht durch esprit und âme ausdrücken; es liegt darin zugleich der Begriff von Productivität, welchen das französische esprit nicht hat.«

»Voltaire« – sagte ich – »hat doch nach deutschen Begriffen dasjenige, was wir Geist nennen. Und da nun das französische esprit nicht hinreicht, was sagen nun die Franzosen?«

»In diesem hohen Falle,« sagte Goethe, »drücken sie es durch génie aus.«

»Ich lese jetzt einen Band von Diderot,« sagte ich, »und bin erstaunt über das außerordentliche Talent dieses Mannes. Und welche Kenntnisse, und welche Gewalt der Rede! Man sieht in eine große bewegte Welt, wo einer dem andern zu schaffen machte und Geist und Charakter so in beständiger Übung erhalten wurden, daß beide gewandt und stark werden mußten. Was aber die Franzosen im vorigen Jahrhundert in der Literatur für Männer hatten, erscheint ganz außerordentlich. Ich muß schon erstaunen, wie ich nur eben hineinblicke.«»Es war die Metamorphose einer hundertjährigen Literatur,« sagte Goethe, »die seit Ludwig dem Vierzehnten heranwuchs und zuletzt in voller Blüthe stand. Voltaire hetzte aber eigentlich Geister wie Diderot, d'Alembert, Beaumarchais und andere herauf; denn um neben ihm nur etwas zu sein, mußte man viel sein, und es galt kein Feiern.«

Goethe erzählte mir sodann von einem jungen Professor der orientalischen Sprachen und Literatur in Jena [Stickel], der eine Zeit lang in Paris gelebt und eine so schöne Bildung habe, daß er wünsche, ich möchte ihn kennen lernen. Als ich ging, gab er mir einen Aufsatz von Schrön über den zunächst kommenden Kometen, damit ich in solchen Dingen nicht ganz fremd sein möchte.1

1 Das folgende Stück läßt vermuthen, daß der letzte Absatz sich auf ein Gespräch vom 22. März bezieht.


1831, 22. März. 
Mit Gustav Stickel


Gerade an demselben Monatstage, an welchem ein Jahr später der größte Dichtergeist unseres Volkes dieser Erde entschwebte, am 22. März 1831, war ich zum letzten Mal bei Goethe, indem ich, wieder nach damaliger Sitte, mich als neuernannten außerordentlichen Professor der Theologie dem Herrn Staatsminister glaubte vorstellen zu müssen. Auf meine Anmeldung brachte der Bediente die Antwort: Se. Excellenz sei zwar unwohl, ich möge aber heraufkommen.

Ich wurde in das etwas enge Gemach geleitet, welches nach dem Garten hinausgeht. Das Meublement mit dem Schreibtisch und dem Bücherregale darauf, das eine einzige Bücherreihe enthielt, war in hohem Grade einfach ausgestattet. Goethe saß seit wärts davon auf einem Stuhl und hatte das leidende Bein gerade ausgestreckt über einem zweiten Stuhl ruhend.

Meine leider allzukurze Aufzeichnung aus jener Zeit lautet unter dem angeführten Datum folgendermaßen: ›Eine lange Zeit bei Goethe zugebracht; in seiner Studirstube saß er, an einem bösen Fußleidend. Er belobte die Weise, wie ich meine Wissenschaft trieb, und gab mir zum Abschied die Hand. Die letztere Erklärung der Siegelinschrift hatte ihm zugesagt.‹

Das Nähere ist mir von diesem letzten Beisammensein in guter Erinnerung geblieben. Die Unterhaltung bezog sich nämlich zunächst auf meine akademischen Vorlesungen, über deren Erfolg er mich befragte. Ich durfte berichten, daß mein Auditorium in den exegetischen Vorträgen gewöhnlich mit sechzig Zuhörern gefüllt sei, und daß ich mich bemühe, nach drei Gesichtspunkten das Alte Testament zu erläutern: zuerst durch genaue grammatisch-historische Interpretation des hebräischen Textes, dann den religiösen, theologischen Gehalt der einzelnen Stellen erörternd, und endlich Sach- und Gedankenparallelen aus den verwandten Literaturkreisen des Orients heranziehend; dieses, um den jungen Theologen einen freiern, weitern Blick über den engbeschränkten Horizont nur ihrer Fachstudien hinaus zu gewähren.

Die Unterhaltung wendete sich dann auf den ›Westöstlichen Diwan‹, über dessen Entstehung Goethe mittheilte: es seien Mißhelligkeiten eingetreten, die ihn zu dem Entschluß gebracht hätten, in ein fernes Land zu ziehen; so habe er sich nach Jena begeben und jene Schrift zubereitet. Er erzählte, daß er sich in seiner Jugend auch mit dem Hebräischen und ein wenig mit Arabisch beschäftigt habe. Als ich dann meiner Bewunderung Ausdruck gab, wie vortrefflich und mustergültig seine Übersetzung des arabischen Heldengedichtes im ›Diwan‹ sei, richtete sich sein Haupt empor; obwohl sitzend, war es doch, als ob seine Gestalt größer und größer würde; in majestätischer Hoheit, wie ein olympischer Zeus, hob er an:

Unter dem Felsen am Wege
Erschlagen liegt er,
In dessen Blut
Kein Thau herabträuft. –

Mittags begannen wir Jünglinge
Den feindseligen Zug,
Zogen die Nacht hindurch,
Wie schwebende Wolken, ohne Ruh.

Jeder war ein Schwert,
Schwert umgürtet;
Aus der Scheide gerissen,
Ein glänzender Blitz.

Sie schlürften die Geister des Schlafes;
Aber wie sie mit den Köpfen nickten,
Schlugen wir sie,
Und sie waren dahin!

Während er diese Strophen mit volltönender Stimme recitirte, – für einen Greis in seinen Jahren welch' bewundernswürdig treues Gedächtniß! – war es, als ob sie sich ihm, wie einem vom poetischen Raptus Ergriffenen, neu erzeugten; seine Augen waren groß und weit geöffnet, Blitze schienen aus ihnen hervorzusprühen. – Der Eindruck war in Wahrheit überwältigend und wird mir, so lange ich athme, unvergeßlich bleiben ....

Nachher bat er mich noch, ihm von Zeit zu Zeit etwas über meine Studien und Forschungen mitzutheilen. Aber wie ich beim Abschied seine dargebotene Hand zum ersten Mal berührte, sollte es auch zum letzten Mal sein.

1831, 22. März. 
Mit Johann Peter Eckermann


Goethe las mir zum Nachtisch Stellen aus einem Briefe eines jungen Freundes [Mendelssohn-Bartholdy] aus Rom. Einige deutsche Künstler erscheinen darin mit langen Haaren, Schnurrbärten, übergeklappten Hemdkragen auf altdeutschen Röcken, Tabakspfeifen und Bullenbeißern. Der großen Meister wegen und um etwas zu lernen scheinen sie nicht nach Rom gekommen zu sein. Rafael dünkt ihnen schwach, und Tizian bloß ein guter Colorist.

»Niebuhr hat Recht gehabt,« sagte Goethe, »wenn er eine barbarische Zeit kommen sah. Sie ist schon da, wir sind schon mitten darinne; denn worin besteht die Barbarei anders als darin, daß man das Vortreffliche nicht anerkennt?«Der junge Freund erzählt sodann vom Carneval, von der Wahl des neuen Papstes und der gleich hinterdrein ausbrechenden Revolution.

Wir sehen Horace Vernet, welcher sich ritterlich verschanzt, einige deutsche Künstler dagegen sich ruhig zu Hause halten und ihre Bärte abschneiden, woraus zu bemerken, daß sie sich bei den Römern durch ihr Betragen nicht eben sehr beliebt mögen gemacht haben.

Es kommt zur Sprache, ob die Verirrung, wie sie an einigen jungen deutschen Künstlern wahrzunehmen, von einzelnen Personen ausgegangen sei und sich als eine geistige Ansteckung verbreitet habe, oder ob sie in der ganzen Zeit ihren Ursprung gehabt.

»Sie ist von wenigen einzelnen ausgegangen,« sagte Goethe, »und wirkt nun schon seit vierzig Jahren fort. Die Lehre war: der Künstler brauche vorzüglich Frömmigkeit und Genie, um es den Besten gleichzuthun. Eine solche Lehre war sehr einschmeichelnd, und man ergriff sie mit beiden Händen. Denn um fromm zu sein, brauchte man nichts zu lernen, und das eigene Genie brachte jeder schon von seiner Frau Mutter. Man kann nur etwas aussprechen, was dem Eigendünkel und der Bequemlichkeit schmeichelt, um eines großen Anhangs in der mittelmäßigen Menge gewiß zu sein!«


1831, 25. März. 
Mit Johann Peter Eckermann


Goethe zeigte mir einen eleganten grünen Lehnstuhl, den er dieser Tage in einer Auction sich hatte kaufen lassen.

»Ich werde ihn jedoch wenig oder gar nicht gebrauchen,« sagte er; »denn alle Arten von Bequemlichkeit sind eigentlich ganz gegen meine Natur. Sie sehen in meinem Zimmer kein Sofa; ich sitze immer in meinem alten hölzernen Stuhl und habe erst seit einigen Wochen eine Art von Lehne für den Kopf anfügen lassen. Eine Umgebung von bequemen geschmackvollen Möbeln hebt mein Denken auf und versetzt mich in einen behaglichen passiven Zustand. Ausgenommen daß man von Jugend auf daran gewöhnt ist, sind prächtige Zimmer und ele gantes Hausgeräthe etwas für Leute, die keine Gedanken haben und haben mögen.«


1831, 27. März. 
Mit Johann Peter Eckermann


Das heiterste Frühlingswetter ist nach langem Erwarten endlich eingetreten ..... Goethe ließ in einem Pavillon am Garten decken, und so aßen wir denn heute wieder im Freien. Wir sprachen über die Großfürstin, wie sie im Stillen überallhin wirke und Gutes thue und sich die Herzen aller Unterthanen zu eigen mache.

»Die Großherzogin,« sagte Goethe, »hat so viel Geist und Güte als guten Willen; sie ist ein wahrer Segen für das Land. Und wie nun der Mensch überall bald empfindet woher ihm Gutes kommt, und wie er die Sonne verehrt und die übrigen wohlthätigen Elemente, so wundert es mich auch nicht, daß alle Herzen sich ihr mit Liebe zuwenden, und daß sie schnell erkannt wird wie sie es verdient.«

Ich sagte, daß ich mit dem Prinzen ›Minna von Barnhelm‹ angefangen, und wie vortrefflich mir dieses Stück erscheine. »Man hat von Lessing behauptet,« sagte ich, »er sei ein kalter Verstandesmensch; ich finde aber in diesem Stück so viel Gemüth, liebenswürdige Natürlichkeit, Herz und freie Weltbildung eines heitern frischen Lebemenschen, als man nur wünschen kann.«

»Sie mögen denken,« sagte Goethe, »wie das Stück auf uns junge Leute wirkte, als es in jener dunkeln Zeit hervortrat! Es war wirklich ein glänzendes Meteor. Es machte uns aufmerksam, daß noch etwas Höheres existire, als wovon die damalige schwache literarische Epoche einen Begriff hatte. Die beiden ersten Acte sind wirklich ein Meisterstück von Exposition, wovon man viel lernte und wovon man noch immer lernen kann.

Heutzutage will freilich niemand mehr etwas von Exposition wissen; die Wirkung, die man sonst im dritten Act erwar tete, will man jetzt schon in der ersten Scene haben, und man bedenkt nicht, daß es mit der Poesie wie mit dem Seefahren ist, wo man erst vom Ufer stoßen und erst auf einer gewissen Höhe sein muß, bevor man mit vollen Segeln gehen kann.«

Goethe ließ etwas trefflichen Rheinwein kommen, womit Frankfurter Freunde ihm zu seinem letzten Geburtstage ein Geschenk gemacht. Er erzählte mir dabei einige Anekdoten von Merck, der dem verstorbenen Großherzog nicht habe verzeihen können, daß er in der Ruhl bei Eisenach eines Tages einen mittelmäßigen Wein vortrefflich gefunden.

»Merck und ich,« fuhr Goethe fort, »waren immer miteinander wie Faust und Mephistopheles. So moquirte er sich über einen Brief meines Vaters aus Italien, worin dieser sich über die schlechte Lebensweise, das ungewohnte Essen, den schweren Wein und die Moskitos beklagt, und er konnte ihm nicht verzeihen, daß in dem herrlichen Lande und der prächtigen Umgebung ihn so kleine Dinge wie Essen, Trinken und Fliegen hätten incommodiren können. Alle solche Neckereien gingen bei Merck unstreitig aus dem Fundament einer hohen Cultur hervor, allein da er nicht productiv war, sondern im Gegentheil eine entschieden negative Richtung hatte, so war er immer weniger zum Lobe bereit als zum Tadel, und er suchte unwillkürlich alles hervor, um solchem Kitzel zu genügen.«

Wir sprachen über Vogel und seine administrativen Talente, sowie über *** [Freiherr v. Fritsch] und dessen Persönlichkeit. »***,« sagte Goethe, »ist ein Mann für sich, den man mit keinem andern vergleichen kann. Er war der Einzige, der mit mir gegen den Unfug der Preßfreiheit stimmte; er steht fest, man kann sich an ihm halten, er wird immer auf der Seite des Gesetzlichen sein.«

Wir gingen nach Tische ein wenig im Garten auf und ab und hatten unsere Freude an den blühenden weißen Schneeglöckchen und gelben Crocus. Auch die Tulpen kamen hervor, und wir sprachen über die Pracht und Kostbarkeit der holländischen Gewächse solcher Art. »Ein großer Blumenmaler,« sagte Goethe, »ist gar nicht mehr denkbar: es wird jetzt zu große wissenschaftliche Wahrheit verlangt, und der Botaniker zählt dem Künstler die Staubfäden nach, während er für malerische Gruppirung und Beleuchtung kein Auge hat.«


1831, 28. März. 
Mit Johann Peter Eckermann


Ich verlebte heute mit Goethe wieder sehr schöne Stunden. »Mit meiner ›Metamorphose der Pflanzen‹,« sagte er, »habe ich so gut wie abgeschlossen. Dasjenige, was ich über die Spirale und Herrn von Martius noch zu sagen hatte, ist auch so gut wie fertig, und ich habe mich diesen Morgen schon wieder dem vierten Bande meiner Biographie zugewendet und ein Schema von dem geschrieben, was noch zu thun ist. Ich kann es gewissermaßen beneidenswürdig nennen, daß mir noch in meinem hohen Alter vergönnt ist, die Geschichte meiner Jugend zu schreiben, und zwar eine Epoche, die in mancher Hinsicht von großer Bedeutung ist.«Wir sprachen die einzelnen Theile durch, die mir wie ihm vollkommen gegenwärtig waren.

»Bei dem dargestellten Liebesverhältniß mit Lili,« sagte ich, »vermißt man Ihre Jugend keineswegs, vielmehr haben solche Scenen den vollkommenen Hauch der frühen Jahre.«

»Das kommt daher,« sagte Goethe, »weil solche Scenen poetisch sind und ich durch die Kraft der Poesie das mangelnde Liebesgefühl der Jugend mag ersetzt haben.«

Wir gedachten sodann der merkwürdigen Stelle, wo Goethe über den Zustand seiner Schwester redet. »Dieses Capitel,« sagte er, »wird von gebildeten Frauen mit Interesse gelesen werden; denn es werden viele sein, die meiner Schwester darin gleichen, daß sie bei vorzüglichen geistigen und sittlichen Eigenschaften nicht zugleich das Glück eines schönen Körpers empfinden.«

»Daß sie,« sagte ich, »bei bevorstehenden Festlichkeiten und Bällen gewöhnlich von einem Ausschlag im Gesicht heimgesucht wurde, ist etwas so Wunderliches, daß man es der Einwirkung von etwas Dämonischem zuschreiben möchte.«»Sie war ein merkwürdiges Wesen,« sagte Goethe; »sie stand sittlich sehr hoch und hatte nicht die Spur von etwas Sinnlichem. Der Gedanke, sich einem Manne hinzugeben, war ihr widerwärtig, und man mag denken, daß aus dieser Eigenheit in der Ehe manche unangenehme Stunde hervorging. Frauen, die eine gleiche Abneigung haben oder ihre Männer nicht lieben, werden empfinden was dieses sagen will. Ich konnte daher meine Schwester auch nie als verheirathet denken, vielmehr wäre sie als Äbtissin in einem Kloster recht eigentlich an ihrem Platze gewesen.

Und da sie nun, obgleich mit einem der bravsten Männer verheirathet, in der Ehe nicht glücklich war, so widerrieth sie so leidenschaftlich meine beabsichtigte Verbindung mit Lili.«


1831, 29. März. 
Mit Johann Peter Eckermann


Wir sprachen heute über Merck, und Goethe erzählte mir noch einige charakteristische Züge.

»Der verstorbene Großherzog,« sagte er, »war Mercken sehr günstig, sodaß er sich einst für eine Schuld von viertausend Thalern1 für ihn verbürgte. Nun dauerte es nicht lange, so schickte Merck zu unserer Verwunderung die Bürgschaft zurück. Seine Umstände hatten sich nicht verbessert, und es war räthselhaft welche Art von Negotiation er mochte gemacht haben. Als ich ihn wiedersah, löste er mir das Räthsel in folgenden Worten.

›Der Herzog,‹ sagte er, ›ist ein freigebiger trefflicher Herr, der Zutrauen hat und den Menschen hilft wo er kann. Nun dachte ich mir: betrügst du diesen Herrn um das Geld, so wirkt das nachtheilig für tausend andere; denn er wird sein köstliches Zutrauen verlieren, und viele unglückliche gute Menschen werden darunter leiden, daß einer ein schlechter Kerl war. Was habe ich nun gethan? Ich habe speculirt und das Geld von einem Schurken geliehen; denn wenn ich diesen darum betrüge, so thut's nichts, hätte ich aber den guten Herrn darum betrogen, so wäre es Schade gewesen.‹«

Wir lachten über die wunderliche Großheit dieses Mannes.

»Merck hatte das Eigene,« fuhr Goethe fort, »daß er im Gespräch mitunter he! he! herauszustoßen pflegte. Dieses Angewöhnen steigerte sich wie er älter wurde, sodaß es endlich dem Bellen eines Hundes glich. Er fiel zuletzt in eine tiefe Hypochondrie, als Folge seiner vielen Speculationen, und endigt damit, sich zu erschießen. Er bildete sich ein, er müsse bankrott machen; allein es fand sich, daß seine Sachen keineswegs so schlecht standen, wie er es sich gedacht hatte.«

1 Vielmehr viertausend Gulden.


1831, 30. März. 
Mit Johann Peter Eckermann


Wir reden wieder über das Dämonische.

»Es wirft sich gern an bedeutende Figuren,« sagte Goethe; »auch wählt es sich gern etwas dunkle Zeiten. In einer klaren prosaischen Stadt, wie Berlin, fände es kaum Gelegenheit sich zu manifestiren.«

Goethe sprach hierdurch aus was ich selber vor einigen Tagen gedacht hatte, welches mir angenehm war, so wie es immer Freude macht, unsere Gedanken bestätigt zu sehen.

Gestern und diesen Morgen las ich den dritten Band seiner Biographie, wobei es mir war wie bei einer fremden Sprache, wo wir nach gemachten Fortschritten ein Buch wieder lesen, das wir früher zu verstehen glaubten, das aber erst jetzt in seinen kleinsten Theilen und Nüancen uns entgegentritt.

»Ihre Biographie ist ein Buch,« sagte ich, »wodurch wir in unserer Cultur uns auf die entschiedenste Weise gefördert sehen.«

»Es sind lauter Resultate meines Lebens,« sagte Goethe, »und die erzählten einzelnen Facta dienen bloß, um eine allgemeine Beobachtung, eine höhere Wahrheit zu bestätigen.«

»Was Sie unter andern von Basedow erwähnen,« sagte ich, »wie er nämlich zur Erreichung höherer Zwecke die Menschen nöthig hat und ihre Gunst erwerben möchte, aber nicht bedenkt, daß er es mit allen verderben muß, wenn er so ohne alle Rücksicht seine abstoßenden religiösen Ansichten äußert und den Menschen dasjenige, woran sie mit Liebe hängen, verdächtig macht – solche und ähnliche Züge erscheinen mir von großer Bedeutung.«

»Ich dächte,« sagte Goethe, »es steckten darin einige Symbole des Menschenlebens. Ich nannte das Buch ›Wahrheit und Dichtung‹, weil es sich durch höhere Tendenzen aus der Region einer niedern Realität erhebt. Jean Paul hat nun, aus Geist des Widerspruchs, ›Wahrheit‹ aus seinem Leben geschrieben. Als ob die Wahrheit aus dem Leben eines solchen Mannes etwas anderes sein könnte, als daß der Autor ein Philister gewesen! Aber die Deutschen wissen nicht leicht, wie sie etwas Ungewohntes zu nehmen haben, und das Höhere geht oft an ihnen vorüber ohne daß sie es gewahr werden. Ein Factum unsers Lebens gilt nicht insofern es wahr ist, sondern insofern es etwas zu bedeuten hatte.«

1831, 30. März. 
Mit Friedrich von Müller 


Abends war ich nur eine halbe Stunde bei Goethe. Er war freundlich, doch minder theilnehmend und lebendig, wie sonst, weil er noch immer etwas leidend am Fuße ist. Nach außen lehnte er jede Beziehung ab; »ich will nichts von den Freuden der Welt, wenn sie mich nur auch mit ihren Leiden verschonen wollte. Wenn man etwas vor sich bringen will, muß man sich knapp zusammennehmen und sich wenig um das kümmern was andere thun.«


1831, 31. März. 
Mit Friedrich Soret


Goethe war in der letzten Zeit abermals sehr unwohl, sodaß er nur seine vertrautesten Freunde bei sich sehen konnte. Vor einigen Wochen mußte ihm ein Aderlaß verordnet werden; dann zeigten sich Beschwerden und Schmerzen im rechten Beine, bis denn zuletzt sein inneres Übel durch eine Wunde am Fuße sich Luft machte, worauf sehr schnelle Besserung erfolgte. Auch diese Wunde ist nun seit einigen Tagen wieder heil, und er ist wieder heiter und graziös wie vorher.

Heute hatte die Frau Großherzogin ihm einen Besuch gemacht und kam sehr zufrieden von ihm zurück. Sie hatte nach seinem Befinden gefragt, worauf er denn sehr galant geantwortet, daß er bis heute seine Genesung noch nicht gespürt, daß aber ihre Gegenwart ihm das Glück der wiedererlangten Gesundheit aufs Neue empfinden lasse.


1831, 31. März. 
Mit Friedrich von Müller u.a.


Heute brachte ich mehrere Stunden bei ihm zu. Anfangs mit Conta, der von München erzählte, dann kam der Großherzog, später noch Spontini auf seiner Rückreise von Paris. Er gefiel mir sehr wohl als feiner, lebendiger Mann; jetzt beschäftigt ihn die Composition einer von Jouy gedichteten Oper »Les Athéniennes,« deren Motive Goethe sehr lobte.

Daß ich ihn im vordern, sogenannten Deckenzimmer traf, war schon ein gutes Zeichen, er hatte früh Besuch von der Hoheit gehabt. Im Ganzen war er heute viel munterer, Spontini und mehreres politische und literarische, was ich erzählte, heiterten ihn auf. Walter Scott's ›Napoleon‹ könne man nur dann mit Behagen lesen, wenn man sich einmal entschließe, eine stockenglische Sinnes- und Urtheilsweise über jene große Welterscheinung kennen zu lernen. In solcher Beziehung habe er Geduld genug gehabt, es im Englischen völlig hinaus zu lesen. Viel sprach er über Klinger's Tod1 , der ihn sehr betrübt hat. »Das war ein treuer, fester, derber Kerl, wie keiner.

In früherer Zeit hatte ich auch viele Qual mit ihm, weil er auch so ein Kraftgenie war, das nicht recht wußte was es wollte. Seine ›Zwillinge‹ gewannen den Preis vor Leisewitzen's ›Julius von Tarent‹ wegen der größeren Leidenschaftlichkeit und Energie. Seinen ›Weltmann und Dichter‹ habe ich nie gelesen. Es ist gut, daß Klinger nicht wieder nach Deutschtand kam; der Wunsch darnach war eine falsche Tendenz. Er würde sich in unserem sansculottischen Weimar und resp. Deutschland nicht wieder erkannt haben; denn seine Lebenswurzel war das monarchische Princip.«

Zuletzt erzählte er eine Anekdote von den zwei vornehmen Zöglingen im Cadetten-Institut, die Klinger absichtlich gegen die Gesetze ausprügeln ließ.

1 25. Januar 1831.
1831, 1. April. 
Mit Johann Peter Eckermann 



Mit Goethe zu Tische in mannichfaltigen Gesprächen. Er zeigte mir ein Aquarellgemälde von Herrn v. Reutern, einen jungen Bauern darstellend, der auf dem Markt einer kleinen Stadt bei einer Korb- und Deckenverkäuferin steht. Der junge Mensch sieht die vor ihm liegenden Körbe an, während zwei sitzende Frauen und ein dabeistehendes derbes Mädchen den hübschen jungen Menschen mit Wohlgefallen anblicken. Das Bild componirt so artig, und der Ausdruck der Figuren ist so wahr und naiv, daß man nicht satt wird es zu betrachten.

»Die Aquarellmalerei,« sagte Goethe, »steht in diesem Bilde auf einer sehr hohen Stufe. Nun sagen die einfältigen Menschen, Herr v. Reutern habe in der Kunst niemand etwas zu ver danken, sondern habe alles von sich selber. Als ob der Mensch etwas anderes aus sich selber hätte als die Dummheit und das Ungeschick! Wenn dieser Künstler auch keinen namhaften Meister gehabt, so hat er doch mit trefflichen Meistern verkehrt und hat ihnen und großen Vorgängern und der überall gegenwärtigen Natur das Seinige abgelernt. Die Natur hat ihm ein treffliches Talent gegeben, und Kunst und Natur haben ihn ausgebildet. Er ist vortrefflich und in manchen Dingen einzig, aber man kann nicht sagen, daß er alles von sich selber habe. Von einem durchaus verrückten und fehlerhaften Künstler ließe sich allenfalls sagen, er habe alles von sich selber, allein von einem trefflichen nicht.«

Goethe zeigte mir darauf von demselbigen Künstler einen reich mit Gold und bunten Farben gemalten Rahmen mit einer in der Mitte freigelassenen Stelle zu einer Inschrift. Oben sah man ein Gebäude im gothischen Stil; reiche Arabesken mit eingeflochtenen Landschaften und häuslichen Scenen liefen zu beiden Seiten hinab; unten schloß eine anmuthige Waldpartie mit dem frischesten Grün und Rasen.»Herr von Reutern wünscht,« sagte Goethe, »daß ich ihm in die freigelassene Stelle etwas hineinschreibe; allein sein Rahmen ist so prächtig und kunstreich, daß ich mit meiner Handschrift das Bild zu verderben fürchte. Ich habe zu diesem Zweck einige Verse gedichtet und schon gedacht, ob es nicht besser sei, sie durch die Hand eines Schönschreibers eintragen zu lassen. Ich wollte es dann eigenhändig unterschreiben. Was sagen Sie dazu, und was rathen Sie mir?«

»Wenn ich Herr von Reutern wäre,« sagte ich, »so würde ich unglücklich sein, wenn das Gedicht in einer fremden Handschrift käme, aber glücklich, wenn es von Ihrer eigenen Hand geschrieben wäre. Der Maler hat Kunst genug in der Umgebung entwickelt, in der Schrift braucht keine zu sein, es kommt bloß darauf an, daß sie ächt, daß sie die Ihrige sei. Und dann rathe ich sogar, es nicht mit lateinischen, sondern mit deutschen Lettern zu schreiben, weil Ihre Hand darin mehr eigenthümlichen Charakter hat, und es auch besser zu der gothischen Umgebung paßt.«»Sie mögen recht haben,« sagte Goethe, »und es ist am Ende der kürzeste Weg, daß ich so thue. Vielleicht kommt mir in diesen Tagen ein muthiger Augenblick, daß ich es wage. Wenn ich aber auf das schöne Bild einen Klecks mache,« fügte er lachend hinzu, »so mögt Ihr es verantworten.«

»Schreiben Sie nur,« sagte ich, »es wird recht sein, wie es auch werde.«


1831, 5. April.
Mit Johann Peter Eckermann



Mittags mit Goethe. »In der Kunst« – sagte er – »ist mir nicht leicht ein erfreulicheres Talent vorgekommen, als das von Neureuther. Es beschränkt sich selten ein Künstler auf das, was er vermag, die meisten wollen mehr thun, als sie können, und gehen gar zu gern über den Kreis hinaus, den die Natur ihrem Talente gesetzt hat. Von Neureuther jedoch läßt sich sagen, daß er über seinem Talente stehe. Die Gegenstände aus allen Reichen der Natur sind ihm geläufig, er zeichnet ebensowohl Gründe, Felsen und Bäume wie Thiere und Menschen; Erfindung, Kunst und Geschmack besitzt er im hohen Grade, und indem er eine solche Fülle in leichten Randzeichnungen gewissermaßen vergeudet, scheint er mit seinen Fähigkeiten zu spielen, und es geht auf den Beschauer das Behagen über, welches die bequeme freie Spende eines reichen Vermögens immer zu begleiten pflegt.

In Randzeichnungen hat es auch niemand zu der Höhe gebracht wie er, und selbst das große Talent von Albrecht Dürer war ihm darin weniger ein Muster als eine Anregung.

Ich werde,« fuhr Goethe fort, »ein Exemplar dieser Zeichnungen von Neureuther an Herrn Carlyle nach Schottland senden, und hoffe, jenem Freunde damit kein unwillkommenes Geschenk zu machen.«

1831, um Mitte April. 
Mit Johann Jakob Schmied 


Von Gotha ging es folgenden Tages über Erfurt, wo die größte Glocke in ganz Deutschland zu sehen ist, nach Weimar. Nun muß ich lachen über meine ans Freche grenzende Kühnheit. Dem ausgesprochenen Grundsatze zufolge mußte ich bei Goethe anfragen lassen. Ich that es nur aus Grundsätzlichkeit und hätte Tausende gegen Eins gewettet, daß man mich zurückwiese. Daher war ich wirklich wie aus den Wolken gefallen, als der Bediente mir die Antwort brachte: Se. Excellenz, der Herr Staatsrath von Goethe, läßt sich Ihnen empfehlen, und Sie möchten gleich zu ihm kommen. Man spricht in ganz Deutschland von der Unzugänglichkeit Goethe's, und ich bengelhafter Candidat, der nicht würdig ist, ihm seine poetischen Schuhrie men aufzulösen, ich sollte so hoch begnadigt werden. Zum Glück hatte ich, wie Du [Schwester Anna] weißt, schon mehrere wichtige Besuche bei hohen Personen gemacht; ohne diesen Umstand hätte ich es kaum wagen dürfen, die unvermuthete Einladung anzunehmen. Ich hatte freilich immer im Plan Goethe zu besuchen, aber je näher ich nach Weimar kam, desto stärker schlug mir das Herz vor dem kühnen Wagniß. Endlich löste sich meine Bestürzung in Jubel auf, ich stellte mich in Wix, Chemise, Schuh, seidene Strümpfe (wozu freilich meine Reisemütze schlecht paßte), und so ausstaffirt begab ich mich nach seinem Hause. Beim Eintritt in dasselbe stellten sich einige Statuen in Lebensgröße meinem Blicke entgegen: Alles in altem griechischen Geschmacke. Der erste Lakai meldete mich beim zweiten, und nachdem ich einige Secunden in einem antik gezierten Vorsaal verweilte und mich über den Mißton, in welchem die Lakaien zum übrigen stimmten, ärgern wollte, – hieß es: Ich möchte eintreten. – Hin waren alle wohlausgedachten Phrasen – hin mein einstudirter Gruß – hin mein Kopf! An diesem allen ist seine Stirne Schuld. Vor dieser kann nichts pariren, was nicht aus dem lebendigen Quell des Busens hervorströmt, – und jede Maske fällt. – So stand ich da, wie mich Gott erschaffen hat – aber in einem so exaltirten Zustande, verbunden mit einer gewissen Geistesgegenwart, die ich gar nicht hinter mir gesucht hätte. Zuerst (eben als ich alles verloren hatte) fand ich nicht gleich Worte, und es mag so etwa vier Pulsschläge gedauert haben, bis der geöffnete Mund zum Sprechen kam. Da ging es aber frisch und lebhaft, und das Herz rächte sich auf die schönste Art an meinem Verstande, den ich vorher allein um sein Gutachten in Beziehung auf die Anrede an Goethe gefragt hatte. Ich weiß recht gut, daß ich keine Dummheiten sagte und auch gar nicht mehr verlegen schien; Goethe selbst mag meinen ganzen Zustand bemerkt haben, und erwiederte mir mit attischer Urbanität. Nun hatte für mich die große Stunde geschlagen, in welcher es mir vergönnt war, vor dem größten Herren zweier Jahrhunderte zu stehen, und von Angesicht zu Angesicht den Mann zu sehen, der als Stern erster Größe der Menschheit voranleuchtet und ihr den Pfad zu ihrer Bestimmung erhellt, und wahrlich! knüpfen sich nicht an den Namen Goethe alle die Ideen, zu deren Entwickelung und Realisirung der Mensch geboren ist? giebt es ein Gefühl, das er nicht fühlte, ein Gut, das er nicht suchte, eine Lebenswahrheit, die nicht vor sein Bewußtsein trat und sein Eigenthum wurde? Und ist nicht er es, aus welchem Tausende von edlen Menschen die Befriedigung ihrer höchsten Bedürfnisse schöpfen? Diesen Mann zu sehen, über Gegenstände ewigen Interesses mit ihm zu sprechen, und ihn mehr als eine halbe Stunde eigen zu besitzen, gewürdigt werden, in freiem, wenn auch bescheidenem, Urtheile über ihn sich gegen ihn selbst äußern zu dürfen und mit Liebe behandelt zu werden, das, meine Theure, ist ein Glück, welches unter Millionen von den Mitlebenden kaum Einem vom Vater gegeben ist, und dieser eine Glück liche bin ich. Und nun, meine Theilnehmende, nun mache ich Dich noch, damit Du ungefähr wissest, wie wichtig unser Thema war, mit einem Punkte bekannt, den ich seit meinem Besuche bei Goethe gegen gar niemand äußerte, indem man mir ununtersucht den Vorwurf der Eitelkeit machen würde. Denke Dir, wie ernst bei aller Heiterkeit Goethe und ich gestimmt waren. Als ich mit aller Wärme von dem Ein druck sprach, welchen sein ›Faust‹ auf mich machte und immer noch macht, da traten ihm, dem greisen Goethe, helle Thränen in sein offenes, schönes Auge, und seine Stimme zeugte von seiner Rührung. Auch mich überwältigte mein Gefühl und mein Gemüth feierte, als er wieder die Rede ergriff. Dieß ist der dritte Sohn Gottes, der in mein Gemüth herabstieg; der erste war – o den vergeß ich nicht –! der Augenblick der Confirmation, der zweite – der Augenblick, als ich das Gebet vor meiner ersten Predigt begann, und der dritte – jene Minute auf eine solche Weise Goethe gegenüber. Beim Abschied ergriff er meine Hand, drückte sie mit den beiden seinigen und sprach: »Leben Sie wohl, geleitet von Gott und Ihrem Genius des Guten. Fügt es sich, daß Sie bei meinem Leben noch einmal nach Weimar kommen, so besuchen Sie mich, ohne sich vorher anmelden zu lassen.« Eine solche Auszeichnung war nun noch die Krone des Ganzen und, ebenso stolz als demüthig, begab ich mich zu meiner Reisegesellschaft, die aus lauter gemeinen Menschen bestund. O wollte Gott, daß ich nur noch ein einziges Mal seine Stirne sehen könnte und mein Geist sich weidete am Anblicke seines herrlichen Geistes!


1831, 20. April. 
Mit Friedrich von Müller,
Christian Wilhelm Schweitzer
und Großherzog Karl Friedrich 



Bei Goethe traf ich Schweitzer; später kam der Großherzog. Goethe war ausnehmend munter und anmuthig in seinen Gesprächen; er verglich Franz Tettau1 mit dem Hofnarrengeschlecht, dessen Eigenschaften vorzüglich im groben bon sens und furchtloser Aufrichtigkeit beständen. Ferner erzählte er von den Frankfurter Meßanstalten, und wie er in seiner Jugend noch einen Kopf von den drei im 17. Jahrhundert hier gerichteten Rebellen gegen die Stadt oben am Brückenthurm nach Sachsenhausen zu aufgesteckt gesehen. Nur wer ehemals als Page, fuhr er fort, hinter dem Stuhle gestanden, wisse den Sitz an der Hof tafel recht zu schätzen. So auch strebten die in Städten vom Magistrat erst recht unter der Schere Gehaltenen am meisten nach Magistratsstellen für sich selbst. Als der Großherzog sehr bewegt und enthusiastisch über die Frau v. Beaulieu sprach, sagte Goethe, sie habe bei männlicher, ritterlicher Kraft, weibliche Anmuth zu bewahren gewußt.

1 Er lebte im v. Egloffsteinischen Hause, war ein halb blödsinniger Mensch, der zu allerlei Dienstleistungen verwandt wurde



1831, 2. Mai. 
Mit Johann Peter Eckermann


Goethe erfreute mich mit der Nachricht, daß es ihm in diesen Tagen gelungen, den bisher fehlenden Anfang des fünften Actes von ›Faust‹ so gut wie fertig zu machen.

»Die Intention auch dieser Scenen,« sagte er, »ist über dreißig Jahre alt; sie war von solcher Bedeutung, daß ich daran das Interesse nicht verloren, allein so schwer auszuführen, daß ich mich davor fürchtete. Ich bin nun durch manche Künste wieder in Zug gekommen, und wenn das Glück gut ist, so schreibe ich jetzt den vierten Act hintereinander weg.«

Goethe erwähnte darauf eines bekannten Schriftstellers. »Es ist ein Talent,« sagte er, »dem der Parteihaß als Alliance dient und das ohne ihn keine Wirkung gethan haben würde. Man fin det häufige Proben in der Literatur, wo der Haß das Genie ersetzt, und wo geringe Talente bedeutend erscheinen, indem sie als Organ einer Partei auftreten. So auch findet man im Leben eine Masse von Personen, die nicht Charakter genug haben, um allein zu stehen; diese werfen sich gleichfalls an eine Partei, wodurch sie sich gestärkt fühlen und nun eine Figur machen.

Béranger dagegen ist ein Talent, das sich selber genug ist. Er hat daher auch nie einer Partei gedient. Er empfindet zu viele Satisfaction in seinem Innern, als daß ihm die Welt etwas geben oder nehmen könnte.«

1831, 15. Mai und vorher. 
Mit Johann Peter Eckermann


Mit Goethe in seiner Arbeitsstube allein zu Tische. Nach manchen heitern Unterhaltungen brachte er zuletzt das Gespräch auf seine persönlichen Angelegenheiten, indem er aufstand und von seinem Pulte ein beschriebenes Papier nahm.

»Wenn einer wie ich über die achtzig hinaus ist,« sagte er, »hat er kaum noch ein Recht zu leben; er muß jeden Tag darauf gefaßt sein, abgerufen zu werden, und daran denken, sein Haus zu bestellen. Ich habe, wie ich Ihnen schon neulich eröffnete, Sie in meinem Testament zum Herausgeber meines literarischen Nachlasses ernannt und habe diesen Morgen, als eine Art von Contract, eine kleine Schrift aufgesetzt, die Sie mit mir unterzeichnen sollen.«Mit diesen Worten legte Goethe mir den Aufsatz vor, worin ich die nach seinem Tode herauszugebenden theils vollendeten, theils noch nicht vollendeten Schriften namentlich aufgeführt und überhaupt die nähern Bestimmungen und Bedingungen ausgesprochen fand. Ich war im Wesentlichen einverstanden, und wir unterzeichneten darauf beiderseitig.

Das benannte Material, mit dessen Redaction ich mich bisher schon von Zeit zu Zeit beschäftigt hatte, schätzte ich zu etwa funfzehn Bänden; wir besprachen darauf einzelne noch nicht ganz entschiedene Punkte.

»Es könnte der Fall eintreten,« sagte Goethe, »daß der Verleger über eine gewisse Bogenzahl hinauszugehen Bedenken trüge, und daß demnach von dem mittheilbaren Material verschiedenes zurückbleiben müßte. In diesem Fall könnten Sie etwa den polemischen Theil der ›Farbenlehre‹ weglassen. Meine eigentliche Lehre ist in dem theoretischen Theile enthalten, und da nun auch schon der historische vielfach polemischer Art ist, sodaß die Hauptirrthümer der Newton'schen Lehre darin zur Sprache kommen, so wäre des Polemischen damit fast genug. Ich desavouire meine etwas scharfe Zergliederung der Newton'schen Sätze zwar keineswegs, sie war zu ihrer Zeit nothwendig und wird auch in der Folge ihren Werth behalten, allein im Grunde ist alles polemische Wirken gegen meine eigentliche Natur, und ich habe daran wenig Freude.«

Ein zweiter Punkt, der von uns naher besprochen wurde, waren die Maximen und Reflexionen, die am Ende des zweiten und dritten Theils der ›Wanderjahre‹ abgedruckt stehen.

Bei der begonnenen Umarbeitung und Vervollständigung dieses früher in Einem Bande erschienenen Romans hatte Goethe nämlich seinen Anschlag auf zwei Bände gemacht, wie auch in der Ankündigung der neuen Ausgabe der sämmtlichen Werke gedruckt steht. Im Fortgange der Arbeit jedoch wuchs ihm das Manuscript über die Erwartung, und da sein Schreiber etwas weitläufig geschrieben, so täuschte sich Goethe und glaubte, statt zu zwei Bänden zu dreien genug zu haben, und das Manuscript ging in drei Bänden an die Verlagshandlung ab. Als nun aber der Druck bis zu einem gewissen Punkte gediehen war, fand es sich, daß Goethe sich verrechnet hatte, und daß beson ders die beiden letzten Bände zu klein ausfielen. Man bat um weiteres Manuscript, und da nun in dem Gang des Romans nichts mehr geändert, auch in dem Drange der Zeit keine neue Novelle mehr erfunden, geschrieben und eingeschalten werden konnte, so befand sich Goethe wirklich in einiger Verlegenheit.

Unter diesen Umständen ließ er mich rufen; er erzählte mir den Hergang und eröffnete mir zugleich, wie er sich zu helfen gedenke, indem er mir zwei starke Manuscriptbündel vorlegte, die er zu diesem Zweck hatte herbeiholen lassen.

»In diesen beiden Packeten,« sagte er, »werden Sie verschiedene bisher ungedruckte Schriften finden, Einzelheiten, vollendete und unvollendete Sachen, Aussprüche über Naturforschung, Kunst, Literatur und Leben, alles durcheinander. Wie wäre es nun, wenn Sie davon sechs bis acht gedruckte Bogen zusammenredigirten, um damit vorläufig die Lücken der ›Wanderjahre‹ zu füllen? Genau genommen gehört es zwar nicht dahin, allein es läßt sich damit rechtfertigen, daß bei Makarien von einem Archiv gesprochen wird, worin sich dergleichen Einzelheiten befinden. Wir kommen dadurch für den Augenblick über eine große Verlegenheit hinaus und haben zugleich den Vortheil, durch dieses Vehikel eine Masse sehr bedeutender Dinge schicklich in die Welt zu bringen.«

Ich billigte den Vorschlag und machte mich sogleich an die Arbeit und vollendete die Redaction solcher Einzelheiten in weniger Zeit. Goethe schien sehr zufrieden. Ich hatte das Ganze in zwei Hauptmassen zusammengestellt; wir gaben der einen den Titel ›Aus Makariens Archiv‹, und der andern die Aufschrift ›Im Sinne der Wanderer‹, und da Goethe gerade zu dieser Zeit zwei bedeutende Gedichte vollendet hatte, eins: ›Auf Schillers Schädel‹, und ein anderes: ›Kein Wesen kann zu nichts zerfallen‹, so hatte er den Wunsch, auch diese Gedichte sogleich in die Welt zu bringen, und wir fügten sie also dem Schlusse der beiden Abtheilungen an.

Als nun aber die ›Wanderjahre‹ erschienen, wußte niemand wie ihm geschah. Den Gang des Romans sah man durch eine Menge räthselhafter Sprüche unterbrochen, deren Lösung nur von Männern vom Fach, d.h. von Künstlern, Naturforschern und Literatoren, zu erwarten war, und die allen übrigen Lesern, zumal Leserinnen, sehr unbequem fallen mußten. Auch wurden die beiden Gedichte so wenig verstanden, als es geahnt werden konnte wie sie nur möchten an solche Stelle gekommen sein.

Goethe lachte dazu. »Es ist nun einmal geschehen,« sagte er heute, »und es bleibt jetzt weiter nichts, als daß Sie bei Herausgabe meines Nachlasses diese einzelnen Sachen dahin stellen wohin sie gehören, damit sie bei einem abermaligen Abdruck meiner Werke schon an ihrem Orte vertheilt stehen, und die ›Wanderjahre‹ sodann, ohne die Einzelheiten und die beiden Gedichte, in zwei Bände zusammenrücken mögen, wie anfänglich die Intention war.«

Wir wurden einig, daß ich alle auf Kunst bezüglichen Aphorismen in einen Band über Kunstgegenstände, alle auf die Natur bezüglichen in einen Band über Naturwissenschaften im allgemeinen, sowie alles Ethische und Literarische in einen gleichfalls passenden Band dereinst zu vertheilen habe.


1831, 23. Mai. 
Mit Friedrich von Müller


So ziehe denn der Reisewagen unter günstigen Auspicien ab, der Sie, mein theurer Freund! [Rochlitz] uns Donnerstags hoffentlich recht heiter und harmlos zuführen soll .... Leider ist Goethe die letzten Tage durch einen heftigen Katarrh bedrängt gewesen; gestern Abend hat er sich aber doch wieder mit Meyer und mir recht munter unterhalten, zumeist von Ihnen. Er will, daß Sie so oft als möglich tête-à-tête bei ihm zu Mittag speisen sollen, da größere Gesellschaft ihn angreift. Ihr Couvert soll stets gelegt sein ohne vorherige besondere Anmeldung, damit Sie in nichts genirt seien und die erst spät noch kommenden Hofeinladungen keine Störung hervorbringen.


1831, 25. Mai. 
Mit Johann Peter Eckermann 



Wir sprachen über ›Wallensteins Lager‹. Ich hatte nämlich häufig erwähnen hören, daß Goethe an diesem Stücke theilgehabt, und daß besonders die Kapuzinerpredigt von ihm herrühre. Ich fragte ihn deshalb heute bei Tisch, und er gab mir folgende Antwort.

»Imgrunde,« sagte er, »ist alles Schiller's eigene Arbeit; da wir jedoch in so einem Verhältniß miteinander lebten, und Schiller mir nicht allein den Plan mittheilte und mit mir durchsprach, sondern auch die Ausführung, sowie sie täglich heranwuchs, communicirte und meine Bemerkungen hörte und nutzte, so mag ich auch wohl daran einigen Theil haben. Zu der Kapuzinerpredigt schickte ich ihm die Reden des Abraham a Sancta Clara, woraus er denn sogleich jene Predigt mit großem Geist zusammenstellte.

Daß einzelne Stellen von mir herrühren, erinnere ich mich kaum, außer jenen zwei Versen:

Ein Hauptmann, den ein andrer erstach,
Ließ mir ein Paar glückliche Würfel nach.

Denn da ich gerne motivirt wissen wollte, wie der Bauer zu den falschen Würfeln gekommen, so schrieb ich diese Verse eigenhändig in das Manuscript hinein. Schiller hatte daran nicht gedacht, sondern in seiner kühnen Art dem Bauer geradezu die Würfel gegeben, ohne viel zu fragen, wie er dazu gekommen. Ein sorgfältiges Motiviren war, wie ich schon gesagt, nicht seine Sache, woher denn auch die größere Theaterwirkung seiner Stücke kommen mag.«

1831, 29. Mai. 
Mit Johann Peter Eckermann 



Goethe erzählte mir von einem Knaben, der sich über einen begangenen kleinen Fehler nicht habe beruhigen können.

»Es war mir nicht lieb, dieses zu bemerken,« sagte er; »denn es zeugt von einem zu zarten Gewissen, welches das eigene moralische Selbst so hoch schätzt, daß es ihm nichts verzeihen will. Ein solches Gewissen macht hypochondrische Menschen, wenn es nicht durch eine große Thätigkeit balancirt wird.«

Man hatte mir in diesen Tagen ein Nest junger Grasemücken gebracht, nebst einem der Alten, den man in Leimruthen gefangen. Nun hatte ich zu bewundern, wie der Vogel nicht allein im Zimmer fortfuhr seine Jungen zu füttern, sondern wie er sogar, aus dem Fenster freigelassen, wieder zu den Jungen zurückkehrte. Eine solche, Gefahr und Gefangenschaft überwindende elterliche Liebe rührte mich innig, und ich äußerte mein Erstaunen darüber heute gegen Goethe. »Närrischer Mensch!« antwortete er mir lächelnd bedeutungsvoll, »wenn Ihr an Gott glaubtet, so würdet Ihr Euch nicht verwundern:

Ihm ziemt's, die Welt im Innern zu bewegen,
Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen,
Sodaß, was in Ihm lebt und webt und ist,
Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermißt.

Beseelte Gott den Vogel nicht mit diesem allmächtigen Trieb gegen seine Jungen, und ginge das Gleiche nicht durch alles Lebendige der ganzen Natur, die Welt würde nicht bestehen können! So aber ist die göttliche Kraft überall verbreitet und die ewige Liebe überall wirksam.«

Eine ähnliche Äußerung that Goethe vor einiger Zeit, als ihm von einem jungen Bildhauer das Modell von Myron's Kuh mit dem säugenden Kalbe gesendet wurde. »Hier,« sagte er, »haben wir einen Gegenstand der höchsten Art: das die Welt erhaltende, durch die ganze Natur gehende ernährende Princip ist uns hier in einem schönen Gleichniß vor Augen. Dieses und ähnliche Bilder nenne ich die wahren Symbole der Allgegenwart Gottes.«



1831, Mai (?) und früher. 
Mit Karl von Holtei



a. 

In Weimar wurde natürlich wieder Halt gemacht. Ich konnte mir's nicht versagen, Goethe nach dem Tode seines Sohnes zu sehen. Er hatte unterdessen eine Todeskrankheit durchgemacht und, von dieser erstanden, an eine Freundin, die mir dies mittheilte, geschrieben: »Nach großem Verlust und drohender Lebensgefahr hab' ich mich wieder auf die Füße gestellt.« In diesem Briefe sprach er sich ferner darüber aus, wie die Natur des Menschen nach jeder großen Erschütterung im Innern auf irgend eine Weise das Gleichgewicht wieder herzustellen suche; seine glücklich überstandene Krankheit sei die Folge davon gewesen, jetzt wolle er also alles thun, um nach gewohnter Art auf dem Wege des Wissens und der Kunst fortzuschreiten; dabei habe er auch die schwere Rolle des deutschen Hausvaters wieder aufzunehmen, wenngleich, wie er dankbar erkenne, unter den günstigsten äußeren Umständen.

Alle diese bedeutenden, männlich festen Äußerungen paßten mir durchaus nicht zu den Warnungsstimmen, die mir in Weimar zuflüsterten, ich möchte, wenn ich zu ihm käme, nur umgotteswillen nicht von August reden: das sei streng verpönt; er wolle den Tod und die Todten nicht erwähnen hören. Eine so feige Nachgiebigkeit wäre mir unmöglich gewesen, und, um es kurz zu machen, fing ich gleich nach meinem Eintritt gerade mit dem verbotenen Gespräche an. Er aber ging nicht darauf ein. Er versuchte von andern Dingen zu reden, und auch das gelang nicht. Ich empfand, daß ich jetzt, neben dem Vater sitzend, nur des Sohnes gedenken könne, und er zeigte deutlich genug, daß meine Gedanken ihm klar wären. Es kam keine Conversation zustande; nach zehn Minuten empfahl ich mich, und er entließ mich: »Auf Wiedersehn!« Aber ich sah ihn nicht wieder. Wir wurden zur Tafel geladen, stellten uns ein und – Goethe speisete auf seinem Zimmer. Er wollte den Menschen vermeiden, der es nicht über sich gewinnen konnte, ihn zu schonen.

b. 

August [v. Goethe] war voll Humor und ging auf alles ein, was dahin schlug, besaß ein seltenes Geschick, das Ergötzliche und Possirliche aufzufinden, wenn erst die Rinde um sein krankes Herz geschmolzen war. Er hat es mir gesagt, er hat es mir geschrieben, seine Nächsten haben es mir berichtet, und der gebeugte Vater hat es mir dann nach des Sohnes Tode bestätigt, daß im Umgange mit mir die finstern Dämonen, denen er unterlag, gewichen sind und daß er am frohsten war, wenn ich mich in Weimar befand, daß er in den Briefen an mich sein Innerstes aufschließen mochte ..... (Der Alte drückte sich [früher] gegen mich über jene Briefe, die er trotz ihrer fast unglaublichen Toll heit und cynischen Raserei sämmtlich gelesen, mit den Worten aus: »Nun, Ihr evacuirt Euch denn gehörig!«)

c. 

Ich habe zu deutliche Beweise, daß August kein Geheimniß vor dem Vater hatte. Der Alte selbst deutete mir nach August's Tode durch vielfache Anspielungen an, wie er von all' und jedem unterrichtet gewesen sei, wovon ich gemeint, es wäre zwischen uns zweien, dem Verstorbenen und mir, geblieben.


1831, Ende Mai. (?) 
Mit Jenny von Pappenheim


Goethe selbst war es, der mir bei einem Besuch im Gartenhaus den Ursprung des [von den Seinigen besprochenen] Spukes folgendermaßen erzählte: ›Ich habe eine unsichtbare Bedienung, die den Vorplatz immer rein gefegt hält. Es war wol ein Traum, aber ganz wie Wirklichkeit, daß ich einst in meiner oberen Schlafstube, deren Thür nach der Treppe zu aufwar, in der ersten Tagesfrühe eine alte Frau sah, die ein junges Mädchen unterstützte. Sie wandte sich zu mir und sagte: »Seit fünfundzwanzig Jahren wohnen wir hier mit der Bedingung, vor Tagesanbruch fort zu sein; nun ist sie ohnmächtig und ich kann nicht gehen.« Als ich genauer hinsah, war sie verschwunden.‹


1831, 6. Juni. 
Mit Johann Peter Eckermann 



Goethe zeigte mir heute den bisher noch fehlenden Anfang des fünften Actes von ›Faust‹. Ich las bis zu der Stelle, wo die Hütte von Philemon und Baucis verbrannt ist, und Faust in der Nacht, auf dem Balkon seines Palastes stehend, den Rauch riecht, den ein leiser Wind ihm zuweht.

»Die Namen Philemon und Baucis,« sagte ich, »versetzen mich an die phrygische Küste und lassen mich jenes berühmten alterthümlichen Paares gedenken, aber doch spielt unsere Scene in der neuern Zeit und in einer christlichen Landschaft.«

»Mein Philemon und Baucis« – sagte Goethe – »hat mit jenem berühmten Paare des Alterthums und der sich daran knüpfenden Sage nichts zu thun. Ich gab meinem Paare bloß jene Namen, um die Charaktere dadurch zu heben. Es sind ähnliche Personen und ähnliche Verhältnisse, und da wirken denn die ähnlichen Namen durchaus günstig.«

Wir redeten sodann über den Faust, den das Erbtheil seines Charakters, die Unzufriedenheit, auch im Alter nicht verlassen hat, und den bei allen Schätzen der Welt und in einem selbstgeschaffenen neuen Reiche ein paar Linden, eine Hütte und ein Glöckchen geniren, die nicht sein sind. Er ist darin dem israelitischen König Ahab nicht unähnlich, der nichts zu besitzen wähnte, wenn er nicht auch den Weinberg Naboth's hätte.

»Der Faust, wie er im fünften Act erscheint,« sagte Goethe ferner, »soll nach meiner Intention gerade hundert Jahre alt sein, und ich bin nicht gewiß, ob es nicht etwa gut wäre, dieses irgendwo ausdrücklich zu bemerken.«

Wir sprachen sodann über den Schluß, und Goethe machte mich auf die Stelle aufmerksam, wo es heißt:

Gerettet ist das edle Glied
Der Geisterwelt vom Bösen:
Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen,
Und hat an ihm die Liebe gar
Von oben theilgenommen,
Begegnet ihm die selige Schaar
Mit herzlichem Willkommen.

»In diesen Versen«- sagte er – »ist der Schlüssel zu Faust's Rettung enthalten: in Faust selber eine immer höhere und reinere Thätigkeit bis ans Ende, und von oben die ihm zu Hilfe kommende ewige Liebe. Es steht dieses mit unserer religiösen Vorstellung durchaus in Harmonie, nach welcher wir nicht bloß durch eigene Kraft selig werden, sondern durch die hinzukommende göttliche Gnade.

Übrigens werden Sie zugeben, daß der Schluß, wo es mit der geretteten Seele nach oben geht, sehr schwer zu machen war, und daß ich bei so übersinnlichen, kaum zu ahnenden Dingen mich sehr leicht im Vagen hätte verlieren können, wenn ich nicht meinen poetischen Intentionen durch die scharf umrisse nen christlich-kirchlichen Figuren und Vorstellungen eine wohlthätig beschränkende Form und Festigkeit gegeben hätte.«


1831, 20. Juni. 
Mit Johann Peter Eckermann 



Diesen Nachmittag ein halbes Stündchen bei Goethe, den ich noch bei Tische fand.

Wir verhandelten über einige Gegenstände der Naturwissenschaft, besonders über die Unvollkommenheit und Unzulänglichkeit der Sprache, wodurch Irrthümer und falsche Anschauungen verbreitet würden, die später so leicht nicht wieder zu überwinden wären.

»Die Sache ist ganz einfach diese,« sagte Goethe: »Alle Sprachen sind aus naheliegenden menschlichen Bedürfnissen, menschlichen Beschäftigungen und allgemein menschlichen Empfindungen und Anschauungen entstanden. Wenn nun ein höherer Mensch über das geheime Wirken und Walten der Natur eine Ahnung und Einsicht gewinnt, so reicht seine ihm überlieferte Sprache nicht hin, um ein solches von menschlichen Dingen durchaus Fernliegendes auszudrücken. Es müßte ihm die Sprache der Geister zu Gebote stehen, um seinen eigenthümlichen Wahrnehmungen zu genügen. Da dieses aber nicht ist, so muß er bei seiner Anschauung ungewöhnlicher Naturverhältnisse stets nach menschlichen Ausdrücken greifen, wobei er denn fast überall zu kurz kommt, seinen Gegenstand herabzieht oder wohl gar verletzt und vernichtet.«

»Wenn Sie das sagen,« erwiderte ich, »der Sie doch Ihren Gegenständen jedesmal sehr scharf auf den Leib gehen und, als Feind aller Phrase, für Ihre höhern Wahrnehmungen stets den bezeichnendsten Ausdruck zu finden wissen, so will das etwas heißen. Ich dächte aber, wir Deutschen könnten überhaupt noch allenfalls zufrieden sein: unsere Sprache ist so außerordentlich reich, ausgebildet und fortbildungsfähig, daß, wenn wir auch mitunter zu einem Tropus unsere Zuflucht nehmen müssen, wir doch ziemlich nahe an das eigentlich Auszusprechende herankommen. Die Franzosen aber stehen gegen uns sehr im Nachtheil; bei ihnen wird der Ausdruck eines angeschauten höhern Naturverhältnisses durch einen gewöhnlich aus der Technik hergenommenen Tropus sogleich materiell und gemein, sodaß er der höhern Anschauung keineswegs mehr genügt.«

»Wie sehr Sie recht haben,« fiel Goethe ein, »ist mir noch neulich bei dem Streite zwischen Cuvier und Geoffroy de Saint-Hilaire vorgekommen. Geoffroy de Saint-Hilaire ist ein Mensch, der wirklich in das geistige Walten und Schaffen der Natur eine hohe Einsicht hat; allein seine französische Sprache, insofern er sich herkömmlicher Ausdrücke zu bedienen gezwungen ist, läßt ihn durchaus imstiche. Und zwar nicht bloß bei geheimnißvoll-geistigen, sondern auch bei ganz sichtbaren, rein körperlichen Gegenständen und Verhältnissen. Will er die einzelnen Theile eines organischen Wesens ausdrücken, so hat er dafür kein anderes Wort als Materialien, wodurch denn z.B. die Knochen, welche als gleichartige Theile das organische Ganze eines Arms bilden, mit den Steinen, Balken und Brettern, woraus man ein Haus macht, auf eine Stufe des Ausdrucks kommen. Ebenso ungehörig,« fuhr Goethe fort, »gebrauchen die Franzosen, wenn sie von Erzeugnissen der Natur reden, den Ausdruck Composition. Ich kann aber wohl die einzelnen Theile einer stückweise gemachten Maschine zusammensetzen und bei einem solchen Gegenstande von Composition reden, aber nicht, wenn ich die einzelnen lebendig sich bildenden und von einer gemeinsamen Seele durchdrungenen Theile eines organischen Ganzen im Sinne habe.«

»Es will mir sogar scheinen,« versetzte ich, »als ob der Ausdruck Composition auch bei echten Erzeugnissen der Kunst und Poesie ungehörig und herabwürdigend wäre.«

»Es ist ein ganz niederträchtiges Wort,« erwiderte Goethe, »das wir den Franzosen zu danken haben, und das wir so bald wie möglich wieder los zu werden suchen sollten. Wie kann man sagen: Mozart habe seinen ›Don Juan‹ componirt! Composition – als ob es ein Stück Kuchen oder Biscuit wäre, das man aus Eiern, Mehl und Zucker zusammenrührt! Eine geistige Schöpfung ist es, das Einzelne wie das Ganze aus einem Geiste und Guß und von dem Hauche eines Lebens durchdrungen, wobei der Producirende keineswegs versuchte und stückelte und nach Willkür verfuhr, sondern wobei der dämonische Geist seines Genies ihn in der Gewalt hatte, sodaß er ausführen mußte was jener gebot.«




1831, 27. Juni. 
Mit Friedrich Soret


Wir sprachen über Victor Hugo. »Er ist ein schönes Talent,« sagte Goethe, »aber ganz in der unselig-romantischen Richtung seiner Zeit befangen, wodurch er denn neben dem Schönen auch das Allerunerträglichste und Häßlichste darzustellen verführt wird. Ich habe in diesen Tagen seine ›Notre-Dame de Paris‹ gelesen und nicht geringe Geduld gebraucht, um die Qualen auszustehen, die diese Lectüre mir gemacht hat. Es ist das abscheulichste Buch, das je geschrieben worden! Auch wird man für die Folterqualen, die man auszustehen hat, nicht einmal durch die Freude entschädigt, die man etwa an der dargestellten Wahrheit menschlicher Natur und menschlicher Charaktere empfinden könnte. Sein Buch ist im Gegentheil ohne alle Natur und ohne alle Wahrheit! Seine vorgeführten sogenannten handelnden Personen sind keine Menschen mit lebendigem Fleisch und Blut, sondern elende hölzerne Puppen, mit denen er umspringt wie er Belieben hat, und die er allerlei Verzerrungen und Fratzen machen läßt, so wie er es für seine beabsichtigten Effekte eben braucht. Was ist das aber für eine Zeit, die ein solches Buch nicht allein möglich macht und hervorruft, sondern es sogar ganz erträglich und ergötzlich findet!«

1831, Juni. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer 

»Die Thiere werden durch ihre Organe belehrt, sagten die Alten; ich setze hinzu: die Menschen gleichfalls, sie haben jedoch den Vorzug, ihre Organe wieder zu belehren.«

1831, Juni oder Juli. 
Mit Johann Peter Eckermann


Den noch fehlenden vierten Act [von ›Faust, Zweiter Theil‹] vollendete Goethe darauf in den nächsten Wochen [nach dem 6. Juni], sodaß im August der ganze zweite Theil geheftet und vollkommen fertig dalag. Dieses Ziel, wonach er so lange gestrebt, endlich erreicht zu haben, machte Goethe überaus glücklich. »Mein ferneres Leben,« sagte er, »kann ich nunmehr als ein reines Geschenk ansehen, und es ist jetzt im Grunde ganz einerlei, ob und was ich noch etwa thue.«


1831, 2. Juli. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer 



›Wie in Stein ausgehauen und angestrichen kommt sie mir vor, die wirkliche Welt, gegen die Idee oder das Ideal, das sich Phantasie und Einbildungskraft von ihr macht. Es hat etwas schreckhaft Überraschendes, wenn man die Gegenstände so körperlich und massiv vor sich sieht, die in der Idee zwar Form und Gestalt, aber nichts Massives und Impenetrables zeigen.‹

Diese Bemerkung theilte ich Goethen eines Abends mit, und er gab mir völlig recht, vermehrte und bestätigte noch mein Aperçu durch seine eigne Erfahrung und Bewußtsein. Wir kamen darauf noch auf die Idealisten und tauschten unsre Bemerkungen gegenseitig aus.


1831, 3. Juli. 
Mit Friedrich von Müller 


Nachmittag bei Goethe, der ganz munter war, .... jedoch über Rochlitz sich unzufrieden mit seinen Sonderbarkeiten und Grillen aussprach.


1831, 15. Juli. 
Mit Friedrich Soret


Einen Augenblick bei Goethe, dem ich meine gestrige Commission des Königs [von Württemberg, der Goethen für das Vergnügen danken ließ, das ihm der Besuch bei Goethe gemacht] ausrichtete. Ich fand ihn beschäftigt mit Studien in Bezug auf die Spiraltendenz der Pflanze, von welcher neuen Entdeckung er der Meinung ist, daß sie sehr weit führen und auf die Wissenschaft großen Einfluß ausüben werde. »Es geht doch nichts über die Freude,« fügte er hinzu, »die uns das Studium der Natur gewährt. Ihre Geheimnisse sind von einer unergründlichen Tiefe, aber es ist uns Menschen erlaubt und gegeben, immer weitere Blicke hineinzuthun. Und gerade daß sie am Ende doch unergründlich bleibt, hat für uns einen ewigen Reiz, immer wie der zu ihr heranzugehen und immer wieder neue Einblicke und neue Entdeckungen zu versuchen.«


1831, 20. Juli und früher. 
Mit Friedrich Soret


Nach Tisch ein halbes Stündchen bei Goethe, den ich sehr heiterer, milder Stimmung fand. Wir sprachen über allerlei Dinge, zuletzt auch über Karlsbad, und er scherzte über die mancherlei Herzensabenteuer, die er daselbst erlebt. »Eine kleine Liebschaft,« sagte er, »ist das einzige, was uns einen Badeaufenthalt erträglich machen kann; sonst stirbt man vor Langeweile. Auch war ich fast jedesmal so glücklich, dort irgend eine kleine Wahlverwandtschaft zu finden, die mir während der wenigen Wochen einige Unterhaltung gab. Besonders erinnere ich mich eines Falles, der mir noch jetzt Vergnügen macht.

Ich besuchte nämlich eines Tages Frau v. der Recke. Nachdem wir uns eine Weile nicht sonderlich unterhalten und ich wieder Abschied genommen hatte, begegnete mir im Hinausgehen eine Dame mit zwei sehr hübschen jungen Mädchen. ›Wer war der Herr, der soeben von Ihnen ging?‹ fragte die Dame. ›Es war Goethe,‹ antwortete Frau v. der Recke. ›O wie leid thut es mir,‹ erwiderte die Dame, ›daß er nicht geblieben ist, und daß ich nicht das Glück gehabt habe, seine Bekanntschaft zu machen!‹ – ›O daran haben Sie durchaus nichts verloren, meine Liebe,‹ sagte die Recke. ›Er ist sehr langweilig unter Damen, es sei denn daß sie hübsch genug wären, ihm einiges Interesse einzuflößen. Frauen unsers Alters dürfen nicht daran denken, ihn beredt und liebenswürdig zu machen.‹

Als die beiden Mädchen mit ihrer Mutter nach Hause gingen, gedachten sie der Worte der Frau v. der Recke. ›Wir sind jung, wir sind hübsch,‹ sagten sie, ›laßt doch sehen, ob es uns nicht gelingt, jenen berühmten Wilden einzufangen und zu zähmen!‹ Am andern Morgen auf der Promenade am Sprudel machten sie mir im Vorübergehen wiederholt die graziösesten, lieblichsten Verbeugungen, worauf ich denn nicht unterlassen konnte, mich gelegentlich ihnen zu nähern und sie anzureden. Sie waren charmant! Ich sprach sie wieder und wieder, sie führten mich zu ihrer Mutter, und so war ich denn gefangen. Von nun an sahen wir uns täglich, ja wir verlebten ganze Tage miteinander. Um unser Verhältniß noch inniger zu machen, ereignete es sich, daß der Verlobte der einen ankam, worauf ich mich denn um so ungetheilter an die andere schloß. Auch gegen die Mutter war ich, wie man sich denken kann, sehr liebenswürdig. Genug, wir waren alle miteinander überaus zufrieden, und ich verlebte mit dieser Familie so glückliche Tage, daß sie mir noch jetzt eine höchst angenehme Erinnerung sind. Die beiden Mädchen erzählten mir sehr bald die Unterredung zwischen ihrer Mutter und Frau v. der Recke, und welche Verschwörung sie zu meiner Eroberung angezettelt und zu glücklicher Ausführung gebracht.«

Hierbei fällt mir eine Anecdote anderer Art ein, die Goethe mir früher erzählte und die hier einen Platz finden mag.

»Ich ging,« sagte er mir, »mit einem guten Bekannten einst in einem Schloßgarten gegen Abend spaziren, als wir unerwartet am Ende der Allee zwei andere Personen unsers Kreises bemerkten, die in ruhigen Gesprächen aneinander hingingen. Ich kann Ihnen sowenig den Herrn als die Dame nennen, aber es thut nichts zur Sache. Sie unterhielten sich also und schienen an nichts zu denken, als mit einem Male ihre Köpfe sich gegeneinander neigten und sie sich gegenseitig einen herzhaften Kuß gaben. Sie schlugen darauf ihre erste Richtung wieder ein und setzten sehr ernst ihre Unterhaltung fort, als ob nichts passirt wäre. ›Haben Sie es gesehen?‹ rief mein Freund voll Erstaunen; ›darf ich meinen Augen trauen?‹. Ich habe es gesehen, erwiderte ich ganz ruhig – aber ich glaube es nicht!«


1831, 2. August. 
Mit Friedrich Soret


Wir sprachen über die Metamorphose der Pflanze, und namentlich über Decandolle's Lehre von der Symmetrie, die Goethe für eine bloße Illusion hält.

»Die Natur,« fügte er hinzu, »ergiebt sich nicht einem jeden, sie erweist sich vielmehr gegen viele wie ein neckisches junges Mädchen, das uns durch tausend Reize anlockt, aber in dem Augenblicke, wo wir es zu fassen und zu besitzen glauben, unsern Armen entschlüpft.«


1831, August (?). 
Mit Eduard Genast 


Ich bekam einen Antrag aus Paris auf Gastrollen in der deutschen Oper, und da ich nur in Rollen wie Kaspar, Lysiart, Pizarro beschäftigt sein sollte, wo ein Schnurrbart ganz am Platze war, ließ ich mir einen solchen wachsen. Ehe ich diese Reise antreten sollte, kam der Maler Schmeller im Auftrag Goethes zu mir, um mich noch vor meiner Abreise für sein Album zu zeichnen. »Ich muß Ihnen aber bemerken,« sagte Schmeller, »daß ich dem Herrn Geheimrath mitgetheilt habe, daß Sie jetzt einen Bart tragen, und wie Ihnen bekannt ist, mag er das bei Schauspielern nicht leiden.« Ich erwiederte, daß ich die hohe Ehre, in Goethes Album aufgenommen zu werden, sehr anerkenne, aber den Bart ließe ich mir vor der Pariser Reise nicht abschneiden; nach dieser stände ich nach Wunsch zu Diensten. Die Verhandlungen wegen des Bartes gingen einige Tage hin und her, bis ich mich entschloß, selbst mit Goethe darüber zu sprechen und ihm meine Gründe dafür in aller Unterthänigkeit darzulegen. – Als ich bei ihm eintrat, musterte er mich vom Kopf bis zu den Fußen, und ich fragte: ›Nun, wie gefalle ich Ew. Excellenz im Schnurrbart?‹ – »Ja, ich finde, daß er Dir nicht übel steht,« erwiederte er; »na! so mag er denn meinetwegen mit abconterfeit werden.«


1831, 27. August. 
Mit Johann Christian Mahr und Goethes Enkeln


Am 26. August 1831 gegen Abend traf Goethe mit seinen beiden Enkeln und Bedienung im Gasthofe ›Zum Löwen‹ hier [in Ilmenau] ein. Der reinste, von Wolken ungetrübte Himmel gewährte die trefflichste Witterung. Er hatte mir seine Ankunft gleich melden und mich, ihn zu besuchen, bitten lassen, doch kam ich erst spät Abend aus dem Kammerberger Steinkohlenbergwerk nach Hause, also besuchte ich ihn am 27. Morgens, wo er schon seit früh 4 Uhr an seinem Tische beschäftigt war. Seine Freude war, wie er sagte, sehr groß, die hiesige Gegend, welche er seit 30 Jahren nicht wieder besucht hatte, da er doch sonst sooft und soviel hier gewesen, wiederzusehen; seine beiden Enkel seien schon in Begleitung des Kammerdieners in die Berge gegangen und würden bis Mittag ausbleiben. Nach mehreren Erkundigungen, ob nicht wieder etwas in geognostischer Beziehung Merkwürdiges vorgekommen sei, fragte er dann: ob man wohl bequem zu Wagen auf den Gickelhahn fahren könne; er wünsche das auf dem Gickelhahn befindliche, ihm von früherer Zeit her sehr merkwürdige Jagdhäuschen zu sehen, und daß ich ihn auf dieser Fahrt begleiten möge. Also fuhren wir beim heitersten Wetter auf der Waldstraße über Gabelbach. Unterwegs ergötzte ihn der beim Chausseebau tief ausgehauene Melaphyrfels sowohl wegen seines merkwürdigen Vorkommens mitten im Feldsteinporphyr, als wegen des schönen Anblicks von der Straße aus. Weiterhin setzten ihn die, nach Anordnung des Oberforstraths König in den großherzoglichen Waldungen angelegten Alleen und geebneten Wege in ein freudiges Erstaunen, indem er sie mit den früher äußerst schlechten, ihm sehr wohl bekannten Fahrstraßen auf den Wald verglich.

Ganz bequem waren wir so bis auf den höchsten Punkt des Gickelhahns gelangt, als er ausstieg, sich erst an der kostbaren Aussicht auf dem Rondel ergötzte, dann über die herrliche Waldung freute und dabei ausrief: »Ach, hätte doch dieses Schöne mein guter Großherzog Karl August noch einmal sehen können!« – Hierauf fragte er: »Das kleine Waldhaus muß hier in der Nähe sein. Ich kann zu Fuß dahin gehen und die Chaise soll hier so lange warten, bis wir zurückkommen.« Wirklich schritt er rüstig durch die, auf der Kuppe des Berges ziemlich hoch stehenden, Heidelbeersträucher hindurch bis zu dem wohlbekannten, zweistöckigen Jagdhause, welches aus Zimmerholz und Breterbeschlag besteht. Eine steile Treppe führt in den obern Theil desselben; ich erbot mich ihn zu führen, er aber lehnte es mit jugendlicher Munterkeit ab, ob er gleich Tags darauf seinen zweiundachtzigsten Geburtstag feierte, mit den Worten: »Glauben Sie ja nicht, daß ich die Treppe nicht Steigen könnte; das geht mit mir noch recht sehr gut.« Beim Eintritt in das obere Zimmer sagte er: »Ich habe in früherer Zeit in dieser Stube mit meinem Bedienten im Sommer acht Tage gewohnt und damals einen kleinen Vers hier an die Wand geschrieben. Wohl möchte ich diesen Vers nochmals sehen, und wenn der Tag darunter bemerkt ist, an welchem es geschehen, so haben Sie die Güte mir solchen aufzuzeichnen.« Sogleich führte ich ihn an das südliche Fenster der Stube, an welchem links mit Bleistift geschrieben steht:

݆ber allen Gipfeln ist Ruh,
In allen Wipfeln spürest du
Kaum einen Hauch.
Es schweigen die Vöglein im Walde;
Warte nur balde
Ruhest du auch.

D. 7. September 1780

Goethe.‹

Goethe überlas diese wenigen Verse, und Thränen flossen über seine Wangen. Ganz langsam zog er sein schneeweißes Taschentuch aus seinem dunkelbraunen Tuchrock, trocknete sich die Thränen und sprach in sanftem, wehmüthigem Ton: »Ja: warte nur, balde ruhest du auch!« schwieg eine halbe Minute, sah nochmals durch das Fenster in den düstern Fichtenwald und wendete sich darauf zu mir mit den Worten: »Nun wollen wir wieder gehen!«

Ich bot ihm auf der steilen Treppe meine Hülfe an, doch erwiederte er: »Glauben Sie, daß ich diese Treppe nicht hinabsteigen könnte? Das geht noch sehr gut! Aber gehen Sie voraus, damit ich nicht hinuntersehen kann.« Wieder erwähnte er in dieser wehmüthigen Stimmung den Verlust seines »guten Großherzogs Karl August.«

Auf dem Rückwege nach der Allee, wo der Wagen wartete, fragte er, ob auf der Kuppe des Gickelhahns auch das Vorkommen des verschmolzenen Quarzes, wie auf der Hohen Tanne bei Stützerbach stattfinde, worauf ich erwiederte, daß derselbe sehr zerklüftete bleiche Quarzporphyr ebenso wie dort auf jener Höhe vorkomme und solches fast allen höchsten Punkten des nordwestlichen Theiles des Thüringer Waldes eigenthümlich sei. Er sagte darauf: »Dies ist eine sonderbare und merkwürdige Erscheinung und kann vielleicht künftig zu bedeutenderen Schlüssen in der Geognosie Veranlassung geben. Wir sind überhaupt bloß da, um die Natur zu beobachten; erfinden können wir in derselben nichts. Daher können auch die meteorologischen Beobachtungen, wenn solche unermüdet fortgesetzt werden, gewiß noch zu bedeutenden Resultaten führen.« – Beim Wagen angelangt, ergötzte er sich nochmals an der herrlichen Aussicht und der köstlichen Umgebung, deren Anblick bei so reinem Himmel ein besonders günstiger war, setzte sich wieder in den Wagen und nöthigte mich, mich zu ihm zu setzen. So begleitete ich ihn wieder bis in den Gasthof ›Zum Löwen‹, auf welchem Wege mir noch manche köstliche Belehrung in seiner Kraftsprache zutheil wurde.

Bei seiner Ankunft waren die beiden Enkel bereits aus dem Gebirge zurückgekehrt. Goethe unterhielt sich mit ihnen über das, was sie gesehen, und hatte eine innige Freude an ihren Antworten und bisweilen wirklich recht scharfsinnigen Bemerkungen.Es war 2 Uhr, und ich mußte zur Tafel bei ihm bleiben, wo die Gespräche fortgesetzt und von den beiden Enkeln die abenteuerlichen Wege durch die Fichtenwälder, da sie bisweilen die steilsten Abhänge hinauf und hinunter gegangen waren, sehr malerisch geschildert wurden. Der erhabene Apapa (so nannten ihn seine Enkel) hatte seine herzliche Freude darüber, wie seine freundlichen Gesichtszüge verriethen.

Nachmittags war der Geheime Rath und Oberjägermeister von Fritsch eingetroffen, da er in Weimar vernommen hatte, daß Goethe hierher gereist sei, um seinen Geburtstag hier zu feiern, zu welchem Tage er ihn zur Tafel lud.


1831, 28. August. 
Feier von Goethes Geburtstag in Ilmenau


Am 28. August früh 5 Uhr wurde im Gasthof Zum Löwen vor dem Zimmer, welches Goethe bewohnte, vom hiesigen Stadtmusicus Merten mit einem Musikcorps auf Blasinstrumenten der Choral ›Nun danket alle Gott‹ angestimmt zu seiner großen Freude und Überraschung. Nachdem noch einige Musikstücke vorgetragen waren, überreichten hiesige Jungfrauen ein Gedicht des Herrn Superintendenten Schmidt, Mittags vereinigte das Mahl bei dem Herrn Geheimen Rath v. Fritsch die hiesigen Geistlichen und Beamten zur gemeinschaftlichen Feier. Auf Goethes Gesicht malte sich die größte Heiterkeit, und die froheste Laune hatte ihn begleitet. Nach der Tafel bemerkte er das dem Forsthause gegenüber liegende alte Schlößchen und erin nerte sich des darin noch wohnenden alten Freundes, des Kaufmanns Hetzer, welcher in gleichem Alter mit ihm war. Er ging also zu Fuß hinüber, um ihn zu besuchen, bei welcher Gelegenheit er sich mit großer Lebhaftigkeit der frühesten Jugendjahre mit ihm erinnerte, wie sie sich beide in Frankfurt a. M. kennen gelernt hatten.

Nachmittags wurde in Begleitung des Herrn Geheimen Rath v. Fritsch nach Elgersburg gefahren, um die herrliche Felsengruppe des Körnbaches zu sehen. Eigenhändig schrieb er seinen Namen in das, in der Porzellanmassenmühle ausgelegte Stammbuch für Fremde und fuhr darauf wieder zurück nach Ilmenau. Abends ließ ich mit Janitscharenmusik die ganze Kammerberger Bergknappschaft mit ihren Grubenlichtern aufziehen und ihm eine Abendmusik vor dem Gasthof Zum Löwen bringen, wobei die Bergknappen auch ›den Bergmann und den Bauer‹ dramatisch aufführten. Das erfreute ihn ganz besonders, hauptsächlich wegen seiner beiden Enkel. Mit Vergnügen erinnerte er sich des Stückes aus früherer Zeit, da er noch mit dem Geheimen Rath v. Voigt die Immediatcommission des hiesigen Silber- und Kupferbergbaues bildete. Auch in seinem ›Wilhelm Meister‹ ist auf dieses Bergmannsspiel bezuggenommen.


1831, Ende August. 
Mit Johann Christian Mahr 



Da er mir die Versicherung gegeben hatte, mein Besuch werde ihm angenehm sein, sooft es meine Geschäfte erlaubten, auch könne ich mit dem Frühesten kommen, da er früh um 4 Uhr aufstehe, so besuchte ich ihn während seines sechstägigen Aufenthalts jeden Morgen und fand ihn fast jedesmal, auch um 5 Uhr, am Arbeitstisch entweder mit der Bleifeder schreibend oder lesend. Als ich ihn am 29. August in gleicher Beschäftigung antraf, bemerkte er, daß ihm sein Freund v. Knebel aus Jena die Übersetzung eines älteren römischen Geschichtsschreibers zugeschickt habe, aus welcher er sehe, daß sich die Gesinnungen der lebenden Menschheit stets wiederholen; er habe gefunden, daß vor sechshundert Jahren fast derselbe Geist unter dem Volke geherrscht habe, wie jetzt – mit Beziehung auf die kurz vorher erfolgten revolutionären Bewegungen. Als ich mir darauf die Frage erlaubte, was er von diesen Bewegungen halte, gab er mir die Frage zurück: »Ist's dadurch besser geworden?« Besser glaubte ich nicht, aber manches anders, worauf er erwiederte: »Durch Stolpern kommt man bisweilen weiter, man muß nur nicht fallen und liegen bleiben.«

Auch fragte mich Goethe: ob das kleine Haus auf dem Schwalbenstein noch stände. Leider mußte ich ihm bemerken, daß solches nicht mehr existire, doch konnte ich ihm eine Zeichnung davon vorlegen. Er bemerkte darauf, daß ihm in diesem kleinen Hause, in welchem er sich sonst oft aufgehalten habe, die erste Idee zur ›Iphigenie auf Tauris‹ gekommen sei. Das kleine Jagdhaus stand am Hangeberg zwischen Ilmenau und Manebach und gewährte auf seinem hohen Felsen in der düstern Fichtenwaldung die herrlichste Aussicht in das Manebacher Gebirgsthal.Goethe verließ darauf Ilmenau mit der Versicherung, im künftigen Jahre seinen Geburtstag womöglich wieder hier feiern zu wollen.

1831, 3. (?) September. 
Mit Alexander Koschelew 


Ich vermag nicht zu beschreiben, mit welchem Zagen ich mich dem Hause Goethe's näherte; zögernd betrat ich den Hausflur und zog endlich die Glocke. Ein Dienstmädchen öffnete mir und lud mich sofort ein, ihr zu folgen; es wies mich ins Empfangszimmer und entfernte sich dann, um mich seinem Herrn zu melden. Die Wände des Zimmers, in das ich eintrat, waren mit Gemälden und Zeichnungen behängt, in den Ecken standen antike Statuen. Ich hatte kaum Umschau gehalten, als sich die Thür, die zum Cabinet führte, öffnete und Goethe eintrat. Obgleich mir seine Züge aus einer Menge von Portraits sehr bekannt waren, so übten die Augen des lebenden Goethe und der Ausdruck seines Gesichts dennoch eine große Wirkung auf mich aus. Wir setzten uns, und Goethe begann sofort von der Großfürstin zu reden, von dem Glücke Weimars, einen solchen Schatz zu beherbergen und dergleichen mehr. Darauf sprach er von unserem großen Kaiser (Nicolaus I.), von der Macht Rußlands u.s.w. Ich wünschte das Gespräch auf einen literarischen Gegenstand zu leiten und erlaubte mir deshalb eine kleine Lüge, indem ich Goethe sagte, daß Schukowskij, (der berühmte Übersetzer Schiller's und Goethe's ins Russische und bekannte Dichter) ihn grüßen lasse. »Ach,« entgegnete Goethe, »wie glücklich ist der Wirkliche Staatsrath v. Schukowskij, der die schmeichelhafte Aufgabe hat, die Erziehung des Thronfolgers des russischen Reichs zu leiten!« – Das nun folgende Gespräch hatte durchweg einen ähnlichen Inhalt, und ich verabschiedete mich endlich mehr als enttäuscht.

1831, 4. (?) September. 
Mit Alex Koschelew u.a. 


Am folgenden Tage wollte ich aus Weimar fortreisen,... aber schon früh Morgens erhielt ich einen Brief von Goethe, durch welchen er mich zu sich auf den Abend einlud. Es war mir unmöglich, diese Einladung nicht zu acceptiren, und ich wurde für den unangenehmen Vormittag, den ich bei Goethe verbracht hatte, vollkommen entschädigt. Es waren nicht viele Gäste da: der Kanzler Müller, der Maler Meyer und noch drei oder vier Herren. Das Gespräch drehte sich ausschließlich um die Literatur. Goethe führte darüber Klage, daß die Politik und der Realismus jegliche schöne Literatur und Kunst tödteten, und daß diese letzteren, die in ihrer gegenwärtigen Lage keine Möglichkeit hätten, weder die Menschen direct zu ändern, noch sich den zeitweiligen Forderungen derselben zu unterwerfen, einen höheren Standpunkt zu erringen suchen müßten, daß sie der Menschheit eine andere, neue Welt eröffnen oder weisen und sie durch die Kraft neuer Ideen sich unterjochen müßten.


1831, 8. October. 
Mit Friedrich und Clara Wieck


Am Sonnabend [8. October] Mittag 12 Uhr hatten wir eine Audienz bei Goethe, wo Clara zweimal gespielt. Was Goethe alles mit ihr gesprochen, wie er Clara aufgenommen, ihr selbst ein Kissen aus dem Vorsaal geholt und auf den Stuhl untergelegt, ja, sogar sagte: »Clara's Spiel macht die Composition vergessen!« alles dies ausführlich mündlich.

1831, 19. October. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer


Ich bemerkte, daß Euripides in sich vereinige, was die römischen Dichter und Prosaisten des silbernen Zeitalters auszeichne, das Epigrammatische und Concise; wenn man das Conventionelle nicht zugebe, so könne man auch den Calderon nicht genießen. [Darauf Goethe:] »In der Poesie einer jeden Nation ist etwas Conventionelles, so auch bei Euripides. Zu seiner Zeit, die schon rhetorisch war, wollte man nur das sehen und hören. Es ist nicht zu läugnen, daß die Art des Sophokles und Äschylus etwas hat, was näher an die Natur geht.«


1831, 1. December. 
Mit Johann Peter Eckermann 



Ein Stündchen bei Goethe in allerlei Gesprächen. Dann kamen wir auch auf Soret.

»Ich habe,« sagte Goethe, »in diesen Tagen ein sehr hübsches Gedicht von ihm gelesen, und zwar eine Trilogie, deren beide ersten Theile einen heiter ländlichen, der letzte aber, unter dem Titel ›Mitternacht‹, einen schauerlich-düstern Charakter trägt. Diese ›Mitternacht‹ ist ihm ganz vorzüglich gelungen. Man athmet darin wirklich den Hauch der Nacht, fast wie in den Bildern von Rembrandt, in denen man auch die nächtliche Luft zu empfinden glaubt. Victor Hugo hat ähnliche Gegenstände behandelt, allein nicht mit solchem Glück. In den nächtlichen Darstellungen dieses unstreitig sehr großen Talents wird es nie wirklich Nacht, vielmehr bleiben die Gegenstände immer noch so deutlich und sichtbar, als ob es in der That noch Tag und die dargestellte Nacht bloß eine erlogene wäre. Soret hat den berühmten Victor Hugo in seiner ›Mitternacht‹ ohne Frage übertroffen.«

Ich freute mich dieses Lobes und nahm mir vor die gedachte Trilogie von Soret baldmöglichst zu lesen. »Wir besitzen in unserer Literatur sehr wenige Trilogien,« bemerkte ich.

»Diese Form,« erwiederte Goethe, »ist bei den Modernen überall selten. Es kommt darauf an, daß man einen Stoff finde, der sich naturgemäß in drei Partien behandeln fasse, sodaß in der ersten eine Art Exposition, in der zweiten eine Art Katastrophe, und in der dritten eine versöhnende Ausgleichung stattfinde. In meinen Gedichten vom Junggesellen und der Müllerin finden sich diese Erfordernisse beisammen, wiewohl ich damals, als ich sie schrieb, keineswegs daran dachte eine Trilogie zu machen. Auch mein ›Paria‹ ist eine vollkommene Trilogie, und zwar habe ich diesen Cyclus sogleich mit Intention als Trilogie gedacht und behandelt. Meine sogenannte ›Trilogie der Leidenschaft‹ dagegen ist ursprünglich nicht als Trilogie concipirt, vielmehr erst nach und nach und gewissermaßen zufällig zur Trilogie geworden. Zuerst hatte ich, wie Sie wissen, bloß die ›Elegie‹ als selbständiges Gedicht für sich. Dann besuchte mich die Szymanowska, die denselbigen Sommer mit mir in Marienbad gewesen war und durch ihre reizenden Melodien einen Nachklang jener jugendlich-seligen Tage in mir erweckte. Die Strophen, die ich dieser Freundin widmete, sind daher auch ganz im Versmaaß und Ton jener ›Elegie‹ gedichtet und fügen sich dieser wie von selbst als versöhnender Ausgang. Dann wollte Weygand eine neue Ausgabe meines ›Werther‹ veranstalten und bat mich um eine Vorrede, welches mir denn ein höchst willkommener Anlaß war, mein Gedicht ›An Werther‹ zu schreiben. Da ich aber immer noch einen Rest jener Leidenschaft im Herzen hatte, so gestaltete sich das Gedicht wie von selbst als Introduction zu jener ›Elegie‹. So kam es denn, daß alle drei jetzt beisammenstehenden Gedichte von demselbigen liebesschmerzlichen Gefühle durchdrungen worden und jene ›Trilogie der Leidenschaft‹ sich bildete, ich wußte nicht wie. Ich habe Soret gerathen, mehr Trilogien zu schreiben, und war soll er es auch machen, wie ich eben erzählt. Er soll sich nicht die Mühe nehmen, zu irgend einer Trilogie einen eigenen Stoff zu suchen, vielmehr soll er aus dem reichen Vorrath seiner ungedruckten Poesien irgend ein prägnantes Stück auswählen und gelegentlich eine Art Introduction und versöhnenden Abschluß hinzudichten, doch so, daß zwischen jeder der drei Productionen eine fühlbare Lücke bleibe. Auf diese Weise kommt man weit leichter zum Ziele und erspart sich viel Denken, welches bekanntlich, wie Meyer sagt, eine gar schwierige Sache ist.«

Wir sprachen darauf über Victor Hugo, und daß seine zu große Fruchtbarkeit seinem Talente im hohen Grade nachtheilig.

»Wie soll einer nicht schlechter werden und das schönste Talent zu Grunde richten,« sagte Goethe, »wenn er die Verwegenheit hat, in einem einzigen Jahre zwei Tragödien und einen Roman zu schreiben, und ferner, wenn er nur zu arbeiten scheint um ungeheuere Geldsummen zusammenzuschlagen. Ich schelte ihn keineswegs, daß er reich zu werden, auch nicht, daß er den Ruhm des Tages zu ernten bemüht ist, allein wenn er lange in der Nachwelt zu leben gedenkt, so muß er anfangen weniger zu schreiben und mehr zu arbeiten.«

Goethe ging darauf die ›Marion de Lorme‹ durch und suchte mir deutlich zu machen, daß der Gegenstand nur Stoff zu einem einzigen guten und zwar recht tragischen Act enthalten habe, daß aber der Autor durch Rücksichten ganz secundärer Art sich habe verführen lassen, seinen Gegenstand auf fünf lange Acte übermäßig auszudehnen. »Hierbei« – fügte Goethe hinzu – »haben wir bloß den Vortheil gehabt, zu sehen daß der Dichter auch in Darstellung des Details bedeutend ist, welches freilich auch nichts Geringes und allerdings etwas heißen will.«


1831, 21. December. 
Mit Johann Peter Eckermann 



Mit Goethe zu Tische. Wir sprachen, woher es gekommen, daß seine ›Farbenlehre‹ sich so wenig verbreitet habe. »Sie ist sehr schwer zu überliefern,« sagte er; »denn sie will, wie Sie wissen, nicht bloß gelesen und studirt, sondern sie will gethan sein, und das hat seine Schwierigkeit. Die Gesetze der Poesie und Malerei sind gleichfalls bis auf einen gewissen Grad mitzutheilen, allein um ein guter Poet und Maler zu sein, bedarf es Genie, das sich nicht überliefern läßt. Ein einfaches Urphänomen aufzunehmen, es in seiner hohen Bedeutung zu erkennen und damit zu wirken, erfordert einen productiven Geist, der vieles zu übersehen vermag, und ist eine seltene Gabe, die sich nur bei ganz vorzüglichen Naturen findet.Und auch damit ist es noch nicht gethan; denn wie einer mit allen Regeln und allem Genie noch kein Maler ist, sondern wie eine unausgesetzte Übung hinzukommen muß, so ist es auch bei der Farbenlehre nicht genug, daß einer die vorzüglichsten Gesetze kenne und den geeigneten Geist habe, sondern er muß sich immerfort mit den einzelnen oft sehr geheimnißvollen Phänomenen und ihrer Ableitung und Verknüpfung zu thun machen.

So wissen wir z.B. im allgemeinen recht gut, daß die grüne Farbe durch eine Mischung des Gelben und Blauen entsteht, allein bis einer sagen kann, er begreife das Grün des Regenbogens, oder das Grün des Laubes, oder das Grün des Meerwassers, dieses erfordert ein so allseitiges Durchschreiten des Farbenreiches und eine daraus entspringende solche Höhe von Einsicht, zu welcher bis jetzt kaum jemand gelangt ist.«

Zum Nachtische betrachteten wir darauf einige Landschaften von Poussin. »Diejenigen Stellen,« sagte Goethe bei dieser Gelegenheit, »worauf der Maler das höchste Licht fallen läßt, lassen kein Detail in der Ausführung zu, weshalb denn Wasser, Felsstücke, nackter Erdboden und Gebäude für solche Träger des Hauptlichtes die günstigsten Gegenstände sind; Dinge dagegen, die in der Zeichnung ein größeres Detail erfordern, kann der Künstler nicht wohl an solchen Lichtstellen gebrauchen.

Ein Landschaftsmaler« – sagte Goethe ferner – »muß viele Kenntnisse haben. Es ist nicht genug, daß er Perspective, Architektur und die Anatomie des Menschen und der Thiere verstehe, sondern er muß sogar auch einige Einsichten in die Botanik und Mineralogie besitzen: erstere, damit er das Charakteristische der Bäume und Pflanzen, und letztere, damit er den Charakter der verschiedenen Gebirgsarten gehörig auszudrücken verstehe. Doch ist deshalb nicht nöthig, daß er ein Mineralog vom Fache sei, indem er es vorzüglich nur mit Kalk-, Thonschiefer- und Sandsteingebirgen zu thun hat und er nur zu wissen braucht, in welchen Formen es liegt, wie es sich bei der Verwitterung spaltet, und welche Baumarten darauf gedeihen oder verkrüppeln.«

Goethe zeigte mir sodann einige Landschaften von Hermann von Swaneveld, wobei er über die Kunst und Persönlichkeit dieses vorzüglichen Menschen verschiedenes aussprach.»Man findet bei ihm,« sagte er, »die Kunst als Neigung und die Neigung als Kunst, wie bei keinem andern. Er besitzt eine innige Liebe zur Natur und einen göttlichen Frieden, der sich uns mittheilt, wenn wir seine Bilder betrachten. In den Niederlanden geboren, studirte er in Rom unter Claude Lorrain, durch welchen Meister er sich auf das vollkommenste ausbildete und seine schöne Eigenthümlichkeit auf das freieste entwickelte.«

Wir schlugen darauf in einem Künstlerlexikon nach, um zu sehen was über Hermann von Swaneveld gesagt ward, wo man ihm denn vorwarf, daß er seinen Meister nicht erreicht habe. »Die Narren!« sagte Goethe. »Swaneveld war ein anderer als Claude Lorrain, und dieser kann nicht sagen, daß er ein besserer gewesen. Wenn man aber weiter nichts vom Leben hätte, als was unsere Biographen und Lexikonschreiber von uns sagen, so wäre es ein schlechtes Metier und überall nicht der Mühe werth.«


1831 (?). 
Mit Wilhelm Rothe


Lange Zeit waren beide Brüder [Walther und Wolfgang v. Goethe] im Hause unterrichtet worden. Ein Herr Rothe, der ihr Hofmeister gewesen war, hat mir [Mejer] erzählt, wie zerstreuend dabei das gesellige Leben und gelegentlich der Umstand gewirkt habe, daß sie zu den Gespielen des Erbgroßherzogs gehörten. Auch sei die Strenge der Arbeitsordnung gering gewesen. So hatte der Lehrer dem Großvater zu klagen, daß sie nicht zu rechter Zeit aufstehen; er erhielt die Weisung, sie zu überzeugen, wie unrichtig dies gehandelt sei. Als er erwiederte, das habe er schon in aller Weise versucht, aber vergebens: »So sagen Sie: der Großvater will es.« – Nach einigen Tagen berich tet Rothe: auch das habe nichts geholfen. »Hm!« – und das Gespräch war zu Ende.



1831 (?).
Mit Gustav Moltke und dem Sänger Putsch



Ehe ich von Weimar wieder abreiste, versäumte ich natürlich nicht, meinem hohen Gönner Goethe meine Aufwartung zu machen. Ich ging diesmal nicht allein, sondern in Begleitung eines Freundes, des Sängers Putsch, der mich in Weimar besuchte und ein glühender Verehrer Goethes war. Der Greis, huldvoll wie immer, ermahnte mich, nie zu vergessen, daß Bescheidenheit die größte Zierde des Kunstnovizen sei. Ich stellte Goethe meinen Freund vor, dem das Glück, dem Hochgefeierten gegenüberzustehen, aus den Augen leuchtete. Putsch besaß eine sonore, sympathetische Baßstimme und bat um die Gunst, Sr. Excellenz ein Lied vorsingen zu dürfen. »Was soll ich denn zu hören bekommen, junger Mann?« – »Wenn Ew. Excellenz erlauben, den ›König in Thule‹, componirt von Zelter.« – »Von meinem alten Freund Zelter? Das ist mir ja sehr erfreulich.«

Die schöne Stimme und der Vortrag meines Freundes hatten den geliebten Herrn angenehm erregt; er dankte freundlich, und bat den überglücklichen Sänger, ihn womöglich mit noch einem Liede zu erfreuen. Sogleich sang Putsch das komische Lied: ›Als Noah aus dem Kasten kam‹. Goethe dankte wahrhaft herzlich. Ich kannte den Verfasser dieses Gedichtes nicht, erinnerte mich aber eines ähnlichen humoristischen Gedichtes aus Goethes ›Westöstlichem Diwan‹: ›Hans Adam war ein Erdenklos‹. Ziemlich naiv fragte ich nun: ob Excellenz der Verfasser dieses Gedichtes sei. Goethe antwortete lächelnd: »O nein, mein kleiner Molke! Ich habe mich zwar in meinem Leben viel mit Noah's Getränk beschäftigt, aber seinen Kasten habe ich in Ruhe gelassen.«


1831 (?). 
Über Henriette von Beaulieu-Marconnay,
geb. von Egloffstein 



[Die vormalige Gräfin Egloffstein war 1802 an der Spitze der Damen, welche gegen die Fortdauer der von Goethe gestifteten Cour d'amour sich erklärten. Sie erzählt später:]

Es läßt sich leicht begreifen, daß dem stolzen, an keinen Widerspruch gewöhnten Manne das Benehmen einer so unbedeutenden Person, als ich, gewaltig verdrüßlich und auffallend sein mußte, was ich aber nie geglaubt, noch für möglich gehalten hätte, ist die Art, wie er sich noch kurz vor seinem Ende gegen einen meiner besten Freunde über mich beklagte. Er habe, sagte er, niemals verschmerzen können, daß ich mich zu seinen Feinden gesellt und, durch eine böswillige Ansicht des unbedeutendsten zufälligen Ereignisses jener längstvergangenen Zeit, zu den feindseligsten Demonstrationen gegen ihn bewogen worden sei.


1831 (?). 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer 



»Der zweite Theil [des ›Faust‹] sollte und konnte nicht so fragmentarisch sein, als der erste. Der Verstand hat mehr Forderungen daran, als an den ersten, und in diesem Sinne mußte dem vernünftigen Leser entgegengearbeitet werden. Die Fabel mußte sich dem Ideellen nähern und zuletzt darin entfalten, die Behandlung aber des Dichters eigenen Weg nehmen. Es gab noch manche andere, herrliche, reale und phantastische Irrthümer, in welche der arme Mensch sich edler, würdiger, höher, als im ersten gemeinen Theile geschieht, verlieren durfte. Die Behandlung mußte aus dem Specifischen mehr in das Generische gehen; denn Specification und Varietät gehören der Jugend an.«

Tizian, der große Colorist, malte im hohen Alter diejenigen Stoffe, die er früher so concret nachzuahmen gewußt hatte, auch nur in abstracto, z.B. den Sammet, nur als Idee davon – eine Anekdote, die Goethe mir mehrmals mit Beziehung auf sich erzählte.


1831 (?). 
Mit Vincenz Pol von Polenburg


Damals kam Pol aus dem unglücklichen [polnischen] Titanenkampfe 1830 nach Dresden als Exulant und besuchte von dort aus Goethe. Er stand in der schönsten Jugendblüthe, eine kraftvolle, männlich schöne Gestalt ..... Mit ehrenvollen Wunden, dein Kreuze Virtuti militari und den Offiziersepauletten geschmückt, meldete sich der junge Dichter bei Goethe an, ward angenommen, trat ein und sah den alten Herrn tief beschäftigt am Schreibtisch .... Pol wartete bescheiden. Goethe mochte den Gast vergessen haben. Da machte Pol ›Kehrt!‹ daß die Waffen klirrten. Nun stand Goethe auf und begrüßte ihn mit den Worten: »Sie haben viel Feuer!« worauf a tempo die Antwort lautete: »Ich komme auch aus dem Feuer.« – Goethe fand Gefallen an der sympathischen Erscheinung und hielt ihn eine Stunde lang fest. Pol hatte den Vortheil, mit unserm Altmeister deutsch sprechen zu können.


Ende 1831 und Anfang 1832. 
Mit Karl August Schwerdgeburth

Vor dem Sitzen zum Malen hatte er.. eine wahrhafte Scheu, ja, er schlug es sogar Männern ab, die eine bedeutende Reihe Jahre ihm vortheilhaft bekannt waren, wie z.B. dem Hofkupferstecher Schwerdgeburth. Goethe forderte diesen ausgezeichneten Künstler selbst auf, sich für ihn zeichnen zu lassen, weil er gern dessen Bildniß in die Sammlung von Portraits der Männer haben wollte, mit welchen er zusammen gelebt hatte. Schwerdgeburth erfüllte diesen Wunsch und wurde durch die ihm zutheilgewordene Auszeichnung zum Aussprechen des schon viele Jahre gehegten Wunsches ermuthigt, daß ihm Goethe nun auch eine oder einige Stunden sitzen möchte. Goethe schlug es ihm aber mit folgenden Worten ab: »Ich habe sooft Künstlern gesessen, man hat mich damit gemartert und geplagt, und von den vielen in der Welt coursirenden Abbildungen sind die allerwenigsten mir zudanke. Ich bin dadurch verdrüßlich geworden und habe mir zum Gesetz gemacht, mich niemandem mehr herzugeben. Vergangenen Sommer waren einige namhafte Künstler, die Empfehlungen ihrer Gönner hatten, hierher gereist, aber ich schlug es ihnen aus denselben Gründen ab und will meinen Vorsatz auch halten. Hätten wir früher davon gesprochen, so hätte ich Ihnen gern gesessen.«

Der Künstler hatte während dieser Rebe unverwandt sein Auge auf das Gesicht des Sprechenden gerichtet, der in der schönsten Beleuchtung vor ihm stand. Goethe entließ ihn freundlich, und Schwerdgeburth eilte nach Hause, das Bild, das ganz frisch vor seinem Geiste stand, sofort zu zeichnen. Da er schon bei früheren Besuchen ein ganz besonderes Studium, wie aus Goethes ganzem Gesicht, so besonders aus der eignen Bewegung seines Mundes gemacht hatte, die sich zeigte, wenn er tiefe Töne ausstoßend, ohne etwas zu sprechen sich doch sehr verständlich machte, so gelang die Zeichnung so gut, daß er selbst darüber erstaunt war. Der Künstler eilte nun mit dieser zu Frau v. Goethe, zeigte ihr den Entwurf, erzählte ihr die fehlgeschlagene Hoffnung und bat um die Vergünstigung, wenigstens seine Zeichnung vergleichen zu dürfen, die er zurückließ.

Durch der Schwiegertochter Verwendung und den gelungenen Versuch wurde Goethe bewogen, nach einigen Tagen den Künstler rufen zu lassen. Als dieser ankam, trat ihm Goethe mit der Zeichnung in der Hand freundlich entgegen, klopfte ihn auf die Schulter und sagte: »Das haben Sie recht gemacht, daß Sie sich hinter die Frauenzimmer gesteckt haben. Mir ist die Entstehung dieser Zeichnung eine freudige Erscheinung, und deshalb will ich alles thun, was Sie zum Ziel Ihres Vorhabens führen kann: ich will sooft sitzen, als Sie es wünschen. Jetzt haben Sie nichts zu ändern, als den zu ernsten Zug um den Mund, wozu ich sogleich sitzen will. Wenn Sie Ihre Zeichnung auf ein anderes Blatt übergetragen haben, lassen Sie es mich wissen. Wir wollen alles Mögliche thun, Ihr so gut angefangenes Werk zur möglichsten Vollkommenheit zu bringen.«Der treffliche Künstler ging nun thätig an die Arbeit. In der Mitte des Januar war er soweit fertig, daß er Goethen die Zeichnung vorlegen konnte. Dieser fand nicht nur die Stellung nach seinem Wunsche, sondern erkannte auch das Ganze als höchst gelungen an. Er saß nur noch kurze Zeit, und als er den Künstler entließ, äußerte er noch: »Die Welt mit diesem Kupferstiche bekannt zu machen, soll mein Werk sein. Machen Sie sich rasch an die Arbeit!« Als der Künstler schon zur Thüre hinaus war, öffnete Goethe noch einmal und rief recht väterlich wohlwollend nach: »Seien Sie ja recht fleißig!«

Goethe hatte große Sorge für die Ausführung dieses Kupferstichs. Bis zu seinem Krankwerden ließ er oft nach dem Fortgang der Arbeit fragen und zum Fleiß auffordern.

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