> Gedichte und Zitate für alle: Woldemar von Biedermann : Gespräche Goethes 1804-1 (36)

2019-10-02

Woldemar von Biedermann : Gespräche Goethes 1804-1 (36)



1804




1804, Mitte Januar.
Mit Heinrich Voß u.a

[Nach Erzählung der Vorlesung von J. H. Voßens Gedichten am ersten Abend, den H. Voß bei Goethe zubrachte, lautet die in Nr. 210 ausgelassene Stelle:]

Mir war es lieb, daß nun die Vorlesung bald abgebrochen ward. Er [Goethe] stand auf und ging in den Saal; ich folgte ihm. Ich trat weinend (laß mich's nur sagen) zu ihm, und er drückte mir beide Hände. »Sie haben einen edlen Vater!« Das war alles was er sagte .... Nun weißt Du [Abeken] es, daß ich fröhlich war, als wir uns bald drauf zum Abendessen und zu scherzhafteren Unterhaltungen vereinigten. Es wurde bei Tische gescherzt, gelacht, am Ende sogar die bunte Reihe hindurch geküßt, und Goethe war fast am lustigsten. Nur ein klein Geschichtchen! Ich bat gegen das Ende der Mahlzeit den Hofmeister von Goethes August mir einen Schlag zu geben mit den Worten: Schick weiter! Ich gab ihn meiner Nachbarin Silie und diese ihrem Nachbar, und so ging's weiter bis zur Maaß, die neben Goethe saß. (Der zum Possen hatte ich den Spaß mit der Silie verabredet, und sieh! wie pfiffig ich bin: um nicht vor dem Riß zu stehn, bat ich meinen linken Nachbar, den Anfang zu machen.) Die Maaß stutzte ein wenig, doch entschloß sie sich endlich, Goethe einen tüchtigen Klaps zu geben. Goethe drehte sich zu ihr und küßt sie und drauf seine andre Nachbarin mit den Worten: schick's weiter! Die will durchaus nicht, wahr scheinlich weil ihr der Nachbar nicht anstand. »Nun,« sagt Goethe, »wenn's so nicht herum will, muß es retour gehn, läßt sich wieder küssen, küßt wieder die Maaß, und so geht's fort bis auf die kleine Silie, die mir den letzten Kuß gab. Nun denk Dir den armen Riemer, der neben mir saß und leer ausgehn mußte, weil bei mir die bunte Reihe aufhörte, und noch dazu belacht wurde, als Goethe den Urheber des Scherzes ausfragte und alle auf Riemer wiesen.«
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[In demselben Briefe unterm 22. Februar erzählt Voß weiter:]

In einem der letzten Tage sagte mir die Vulpius: »Sie hätten gar keine schönere Zeit zum Besuche wählen können; denn so fortdauernd heiter hat weder Professor Wolf noch Ihre Eltern den Geheimerath gefunden.« Und das muß ich noch in Jena bestätigen: war ich bei Goethe auf seinem Zimmer, oder fuhr ich mit ihm spazieren, dann war er beständig ernsthaft im Gespräche, aber bei Tische bald heiter ernsthaft, bald gränzenlos lustig. Es ist eine Wonne, ihn von seinen Reisen erzählen zu hören; da ist unsereins ganz Ohr und Auge. Einmal vor Verona wird Goethe, als er eine alte Ruine zeichnete, von Häschern angegriffen. »Da ward mir schwul,« sagte er, »aber ich erwog gleich das Beste: ich raffte mich zusammen, nahm alle Würde an und begann eine Rede. Ich entwickelte ihnen die Schönheit der Ruine, den Werth durch das Alter, ich griff ihren Stumpfsinn an und schalt sie für Klötze und Stöcke, lenkte aber bald ein, sie entschuldigend: Ihr könnt solche Schönheiten nicht fühlen, da Ihr sie täglich vor Augen seht und das Alltägliche keiner Aufmerksamkeit würdigt u.s.w. Die Häscher werden ganz erstaunt über die Unbefangenheit des Spions und sehen nur alle auf die Ruine, um auch die Schönheiten zu entdecken, und da sie doch nichts sehen können, werden sie ganz verdutzt.« Endlich zieht Goethe seinen Geldbeutel aus und läßt Münzen klingen. Nun verändert sich ihre Sprache. Der eine sagt zu den übrigen: Hab' ich's Euch nicht gleich anfangs gesagt, daß der Mann ein Ehrenmann sei? Da seht Ihr's! – Als Goethe einige Tage darauf nach Verona kömmt und die Gefängnisse von außen betrachtet, »da,« sagte er, »dankte ich doch dem lieben Gott, daß er mich von diesem Unglück befreit hatte.«

Ein andermal bei Tische hielten wir Philistergespräche über Rindfleisch, Kartoffeln, Marzipan und Selleri, woran auch die Vulpius theilnahm. Ich dachte bei mir: hier würde sich Christian Schlosser geärgert haben – mich machte es recht vergnügt. Goethe sprach im Zorn über die Weimarischen Schlächter, dann kam er auf die Schneider, die es in Fahrlässigkeit den Schlächtern gleichthäten (imitatorum servum pecus) und endlich auf die Buchbinder. »Ich will die Lumpenhunde einmal alle zuhauf treiben,« sagte er »und ihnen eine Strafrede halten, ich will ihren Ehrgeiz erwecken u.s.w.« Dann kam er auf Kotzebue. Doch davon nachher in einem eigenen Abschnitte!

Einmal bei Tische wird die Vulpius abgerufen. Sie kömmt bald lachend zurück und ruft mich ab. In der Thüre begegnet mir die Mamsell Silie; auf der Treppe stehen Bode, Hain und der Schauspieler Oels. Ich kann das so wenig begreifen, als die Kuh das rothe Thor. »Was ist denn?« frag' ich. »Es gilt eine Reise nach Erfurt; bist du dabei?« »Ja,« sag' ich; »nur geschwind den Wagen bestellt. Wer ist sonst dabei?« »Die Silie und die Vulpius.« »Desto besser,« sag' ich und gehe wieder in's Zimmer zurück. Aber da war es noch nicht abgethan; denn Goethe mußte erst die Erlaubniß geben. Die Vulpius stand... fidel in froher Erwartung vor Freude zitternd; die Silie saß schmeichelnd bei Goethe. Goethe ganz ernsthaft: »Lieben Kinder,« sagte er, »bringt mich nur erst ins Klare!« Aber das konnte keiner. Dann: »Liebe Kinder! der Weg ist schlecht; was habt Ihr für einen Zweck?« »Wir haben große Zwecke,« sagte die Silie. »Und welche denn?« »Wir wollen in's Schauspiel.« – »Nun, nun! Hm, hm! recht artig! Aber wir haben jetzt alle ein Glas Wein getrunken, und das Sprichwort sagt, daß feurige Entschlüsse mit nüchternem Muthe müssen erwogen werden.« – »Ja,« sagte die Silie, »wenn wir darauf warten wollten, so verfliegt die Zeit; es ist so schon zwei Uhr.« Und nun schmeichelte Sie von neuem. Und Goethe ließ sich auch nicht lange bitten, er sagte ja, und gab der Silie einen Kuß zur Bestätigung seines Wohlgefallens. Die Vulpius juchheite und versicherte, was ihr jedes glaubte, daß sie für heute keine größere Freude zu erdenken wüßte. Sie wurde von Goethe meiner Obhut anvertraut. »Nun« – sagte Goethe – »müssen wir noch eine Flasche Rheinwein haben.« Unterdessen ging ich auf mein Zimmer, einen Brief zu versiegeln. Als ich zurückkam, war der Wein da, und Goethe meinte, ich könnte heute wohl ein übriges thun, weil es kalt sei. Ich ließ mir's gefallen, die Damen entfernten sich, und ich blieb bei Goethe am Tische sitzen bis der Wagen kam. Wir sprachen von den Hyperboräern, Greifen und Arimaspen. Es ging oft prestissimo, ich weiß nicht wie und warum? Böse Leute sagen vom Weine. Um drei Uhr kam der Wagen und Goethe wünschte uns glückliche Reise, lachte aber erst tüchtig über den Schimmel, auf dem Bode als Vorreiter paradirte.


1804, 29. Januar (und später?). 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer


a.
»Die Weiber, auch die gebildetsten, haben mehr Appetit, als Geschmack. Sie möchten lieber alles ankosten, es zieht sie das Neue an. Sie unterscheiden nicht zwischen dem, was anzieht, was gefällt, was man billigt; sie werfen das alles in eine Masse. Was nur nicht gegen ihren conventionellen Geschmack anstößt, es mag noch so hohl, leer, seicht, schlecht sein: es gefällt. Es mißfällt ihnen aber oft etwas, was bloß gegen diese ihre Convention anstößt, sei es an sich noch so vortrefflich.«
b.
»Es schrieb jemand eine Abhandlung, worin er zeigte, daß Sophokles ein Christ gewesen. Das ist keineswegs zu verwundern, aber merkwürdig, daß das ganze Christenthum nicht einen Sophokles hervorgebracht.«
                                                           c.
»Bloß die Naturwissenschaften lassen sich praktisch machen und dadurch wohlthätig für die Menschheit. Die abstracten der Philosophie und Philologie führen, wenn sie metaphysisch sind, ins Absurde der Möncherei und Scholastik, sind sie historisch, in das Revolutionäre der Welt- und Staatsverbesserung.«
                                                                               d.
»Die Liebe ist eine Conservationsbrille, aber nur für den Gegenstand, den man damit betrachtet, nicht für uns.«


1804, Januar und Februar.
Mit Anne Germaine de Staël-Holstein 

a.
Endlich den 23. Januar kam es zu der längst gewünschten Unterredung.1 Sie fuhr früh in Begleitung ihres Freundes Constant zu ihm und brachte fast eine Stunde bei ihm zu, nachdem sie ihm schon den Tag vorher die Übersetzung von seinem »Geistesgruß« zugeschickt hatte. Der Gegenstand der Unterhaltung war vorzüglich der Unterschied zwischen der französischen und deutschen Poesie. Jene, sagte Goethe, sei Poesie der Reflexion, diese der Situation; der Franzose schildere das Erscheinen, der Deutsche das Sein. Übrigens bemerkten beide bei dieser Unterredung, daß er sich sehr ungern etwas abfragen oder auf sich eindringen lasse, daß dann gleichsam seine Natur reculire und sich in sich zusammenziehe. Freilich schonte ihn Frau von Stael nicht immer. Sie sprach z.B. mit tiefem Bedauern von Herder und ging so weit, sehr freundschaftlich von mir [Böttiger] zu urtheilen und meinen Abgang von Weimar für einen Verlust zu erklären, ohngeachtet sie wohl wußte, wie ungern Goethe dies höre. Seine ganze Antwort auf alle diese Bemerkungen war: »Es ist einmal so: die Älteren müssen den Jüngeren Platz machen.«

[»C'est dans l'ordre: ce qui vieillit, fait place à la jeunesse« führt Bottiger die Worte im Brief an Rochlitz vom 4. Februar 1804 an.]b.Den 9. Februar bei ihr [der Baronin von Stael] zum Mittagsessen.
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Viel über Goethe bei Tische. Er habe das meiste Originalgenie unter allen mitlebenden Dichtern, es werde aber wenig von ihm aus die Nachwelt kommen. Er habe ihr selbst, als sie ihn über »die natürliche Tochter« (welche sie einen noble ennui nannte) befragte, aufrichtig eingestanden, daß sie wie so viele andere seiner Arbeiten nur Künstlerversuch sei, der nach einer Auflösung einer noch nie gelösten Aufgabe strebte. (Darum traute auch Goethe diesem Versuch so wenig, daß er in die erste Vorstellung dieser »Eugenie« gar nicht einmal kommen mochte.)

c. 
Als Goethe sie zum ersten Male in ihrem Logis besuchte, regalirte sie ihn mit der Erzählung, wie sie Schiller's Bekanntschaft in den Zimmern der Herzogin gemacht habe. Beide waren zur regierenden Herzogin selbst geladen und fanden sich da, bevor die Herzogin selbst erschien, in ihrem Zimmer. »J'y entre, j'y vois un seul homme grand, maigre, pale, mais dans un uniforme avec des épaulettes, Je le prends pour le commandant des forces du duc de Weimar, et je me sens pénétré de respect pour le général. Il se tient à la cheminée dans un silence morne. En attendant je me promène dans la chambre. Puis vient la duchesse et me présente mon homme que j'avais qualifié de général sous le nom de Mr. Schiller. Me voilà toute interdite pour quelques instants. – ›Que penserez vous donc de moi,‹ repondit Mr. Goethe ›si vous me verrez dans le même costume?‹ (Es ist die Weimarische Hofuniform, die Goethe auch trägt, wenn er an den Hof geht.) ›Ah, je ne m'y tromperais point, et puis cela vous
ira à merveille à cause de votre bonne et belle – avec un geste fort significatif – rotondité.‹«

d. 
Zuweilen scheine es ihr [der Stael], daß wir Deutsche sehr witzige Ausdrücke hätten, oder sehr neue, es sei aber nur Unkunde der französischen Sprache. So habe sie einmal einen Ausdruck von Goethe, der eine Idee von Schiller eine neuve et courageuse nannte, sehr bewundert, bis ihr endlich deutlich geworden, daß Goethe bloß aus Unkunde der Sprache courageuse statt hardie gesetzt habe.

e.
Den 24. Februar Abends bei der Herzogin. Frau v. Stael kam sehr zufrieden von einer Unterredung mit Goethe. Da sie anfänglich über den »Alarcos« mit ihm gesprochen und das Abgeschmackte desselben .... gezeigt hatte, war seine Stirn etwas bewölkt gewesen, und er hatte die ganze Erscheinung nur durch den Kunstversuch entschuldigt. Allein nun war er auf die parallele zwischen der Tragödie, als den obersten, den Indifferenzpunkt der Plastik gekommen und hatte hierüber sehr Scharfsinnige Bemerkungen gemacht. »La plastique mène au seuil de la vie.« Beim Abschied kündigte ihr Goethe auf morgen einen Besuch von seinem Sohn an, der ihr sein Stammbuch präsentiren würde.
f.
Frau v. Stael hatte in ihrer metrischen Übersetzung von Goethes »Fischer« in den Worten »was lockst du meine Brut hinauf in Todesgluth?« das letzte durch air brulant übersetzt; allein Goethe, als sie ihm ihre Übersetzung vorlas, berichtigte sie und sagte, es sei dies die Kohlengluth in der Küche, an welcher die Fische gebraten würden. Das fand nun Frau von Stael äußerst maussade und geschmacklos, sich aus ihrer schönen Begeisterung so auf einmal in die Küche verwiesen zu sehen. Dies Sei es eben, woran es unsern Dichtern fehle, das prôton, das seine Gefühl des Schicklichen. Hier also war sie ganz Französin.

[Das Wortspiel, welches Vehse (»Geschichte der Höfe des Hauses Sachsen« I, 203) von Goethe erzählt, daß er auf einem Maskenball der Stael gesagt habe – »Madame, on vous reconnait par votre pied-de-stal« – kann nicht in Reihe und Glied eingestellt werden, ebensowenig Goethes von Robinson mitgetheilte, aber auch von diesem selbst bezweifelte Abweisung des Tadels der »Natürlichen Tochter« seitens der Stael durch die Worte: »Madame, ich bin über 60 Jahr alt.«]

1 Doch waren Goethe und die Stael vorher schon mehrmals zusammengekommen.


1804, 12. Februar. 
Mit Johann Heinrich Voß d. J. 

a.
Ich bin zehn Tage bei Goethe gewesen, eine himmlische Zeit, die mir noch wie ein Traum vor der Seele steht. Ich mußte mich produciren und Goethe bot mir Quartier und, was mehr galt, seinen freundschaftlichen Rath und den für mich kostbarsten Umgang an. Gott! wie lieb' ich den Mann, den ich in so herzlichen Augenblicken gesehn und genossen habe. Gleich die erste Aufnahme war so herzlich wie möglich. Ich faßte auf der Stelle das tiefste Zutrauen; ich habe mit Offenherzigkeit zu ihm geredet, ihm mein Herr, meine Denkweise, kurz alles, was ich hatte und habe (wahrlich! ich bin reicher von ihm gegangen, als ich ankam; denn ich liebe einen Mann, gegen den ich sonst nur Ehrfurcht kannte), das alles habe ich ihm entfaltet und zur Musterung vorgelegt. Er ist mit mir zufrieden; ich habe es aus seinem eigenen Munde, daß er mich der Stelle [eines Gymnasiallehrers zu Weimar] würdig erkennt, – daß er Zutrauen zu mir hat, daß er mich liebgewonnen.

[Es folgt eine Schilderung des erstens Abends, der in geselligem Kreise zugebracht wurde. – Siehe Nr. 1472]
.... Am folgenden Morgen stand ich um sechs Uhr auf, um einige Übersetzungen aus dem Horaz in's reine zu schreiben und einige Arbeiten durchzusehn, die ich für Goethe mitgebracht hatte. Ich war um zehn Uhr fertig und da kam auch der Bediente, der mich zu dem Herrn in's Studirzimmer bringen sollte. Ich überreichte Goethe die Arbeiten; er las gleich eine Horazübersetzung durch und schien zufrieden damit. Wir kamen unvermerkt auf meine Lieblingsbeschäftigung, – alte Geographie und Mythologie – und das waren auch in den folgenden Tagen unsere hauptsächlichen Gespräche. Ich war so glücklich, von allem Rechenschaft geben zu können, wonach Goethe mich in dieser Wissenschaft fragte, und besonders zufrieden war er, als ich ihm die Wanderungen der Jo und den Argonautenzug in der vierten Pythischen Ode Pindar's erklärte. Dieses Gespräch hat ihn in die »Mythologischen Briefe« meines Vaters geführt, die er noch denselben Tag mit großer Lebhaftigkeit zu lesen anfing und den folgenden Tag endigte. Er sagte mir: nun wolle er sich ein Exemplar mit Papier durchschießen lassen, um auch in seinem Studium der alten Kunst auf diese Weise meinem Vater in seinem Studium zu begegnen. Und mich encouragirte er zu mehreren Arbeiten, die ich, wenn ich erst in seiner Nähe lebte, theils durch eigenen Fleiß, theils durch Unterstützung von ihm und meinem Vater ausführen sollte. Goethe hat überall die hellesten Blicke. Diese »Mythologischen Briefe« hatte er sich in Einem Tage mit solcher Klarheit in der Phantasie versinnlicht, daß ich über die Größe der menschlichen Fassungskraft erfreut bin. Kein Mensch dringt so auf Klarheit der Vorstellung, wie Goethe.
– – – – – – – – – – – – –
Am Abend dieses Tags nach Tisch mußte ich Goethen meine Übersetzung von Horazens sechster Epistel im ersten Buche vorlesen: Nil admirari u.s.w. Dies gab zu einem sehr schönen Gespräch Anlaß, das aber Goethe beinah allein und bald ganz allein führte. Er redete über den Platonischen Ausspruch, daß die Verwunderung die Mutter alles Schönen und Guten sei. »Der ist ein Tölpel,« sagte er, »der sich nicht verwundern kann, auf den nicht die ewigen Naturgesetze in großen und kleinen Gegenständen – gleich viel, wie groß oder klein – einen mächtigen Eindruck machen.« Das Resultat seiner Rede war, daß der Weise mit dem Nichtbewundern aufhöre. Und so kam er auf den »edlen Horaz« zurück. Er sprach über eine Stunde mit feuriger Miene, mit der lebendigsten Action, aber immer mit solcher Besonnenheit, daß er die Wahrheit seines Themas recht eigentlich durch die That bewährte. Zuletzt redete er über die Empfänglichkeit des Gefühls, wie ein lebendiger Geist in der ganzen Gotteswelt nichts als Wunder erblicke und heilige Gottesoffenbarung. Ich kann das nicht, wie es geschehen sollte, wiedererzählen; nimm mit bloßen Andeutungen vorlieb. Als er ausgesprochen hatte, nahm er sein Licht und ging fort ohne ein Wort zu sagen – Riemer und ich saßen wie Stumme gegeneinander. Ob Goethe uns in Verwunderung hat setzen wollen, das weiß und glaube ich nicht, aber daß er es that, das weiß ich; denn wohl keiner hat einen Vermittler zwischen Gott und den Menschen mit solcher Ehrfurcht betrachtet, als wir diesen Mann in diesem Augenblicke.
b.
[An Boie machte H. Voß ähnliche Mittheilungen, welche die vorstehenden wie folgt ergänzen.]

Äußerst merkwürdig und angenehm ist es, Goethe in seinen Sonntagsgesellschaften als Präceptor im Vorlesen und Declamiren zu sehen. Da sitzt die ganze Gesellschaft um einen langen Tisch (Goethe in der Mitte) und liest abwechselnd. Es traf sich, daß beidemal, als ich zugegen war, aus der »Luise« gelesen wurde. An Goethe kam die Stelle von der Trauung, die er mit dem tiefsten Gefühle las. Aber seine Stimme ward kleinlaut, er weinte und gab das Buch seinem Nachbar. »Eine heilige Stelle!« rief er aus mit einer Innigkeit, die uns alle erschütterte. Nachher traf ihn die Stelle: »den Gesang, den unser Voß in Eutin uns dichtete.« Aus dem Pathos, mit welchem er diese Worte vortrug, hätte ich schon seine Liebe zu meinem Vater abnehmen können, wenn mir jenes Gefühl bei Goethe unbekannt gewesen wäre. So sah ich Goethe schon am ersten Tage meiner Ankunft, und von dem Augenblicke an hatte er auch mein ganzes Zutrauen.

Madame Stael-Holstein geht Montag aus Weimar. Drollig ist's, Goethe über sie reden zu hören. »Ich treibe sie in die Enge,« sagte er, »wenn sie raisonnirt. Erst vermaure ich sie auf dieser Seite, dann auf jener« (und dies zeigte er mit dem Finger auf der Serviette). »Dann will sie entfliehen und kann nicht vor- noch rückwärts. Sie giebt sich einen effort, schwingt sich in die Höhe und macht's wie der Flußgott Achelaus: Sie entflieht in einer fremden Gestalt.« Sie hat die »Luise« gelesen und ebenso stark dabei geweint, als bei Kotzebue's »Bayard« und den »Hussiten«. Die Tabakspfeife war ihr anstößig; der Herzog erinnerte sie an die Schweine im Homer. »Auch die,« sagt sie, »dürfen nicht in honette Gesellschaft kommen.« Goethe will ihr nun den Bandwurm aus Delille's L'homme des champs zu Gemüthe führen, der sich durch zwei Alexandriner hindurchschlängelt; dann wird sie verdutzt und – entflieht in einer fremden Gestalt.


1804, 12. Februar. 
Mit Johann Heinrich Voß d. J



a. 
Mir hat das Herz gepocht, als ich vor seinem Hause stillhielt, als ich die Treppe hinaufging, als sich die Stubenthür öffnete. Der Mann war mir so furchtbar majestätisch. Aber wie ganz anders war mir zumuthe, als er mich freundlich anblickte und ich Durchgefrorner seinen warmen Händedruck fühlte. Er sing auch gar nicht aufderstelle ein ernsthaftes Gespräch an; er fragte mich mit herzlicher Stimme nach meiner Gesundheit, die ich zumerstenmal einem so strengen Winter- und Windtage ausge setzt hatte, ließ mich nahe an den Ofen rücken, wollte mir Kaffee, Wein, kurz alles Mögliche zum Frühstück auftischen. Der Ton, in dem er mit mir redete, war wie der eines Vaters, und da ward es mir nicht schwer, so viel Zutrauen zu ihm zu fassen und den Muth in seiner Gegenwart zu behaupten, was er so gerne an jungen Leuten wahrzunehmen scheint.

Wir kamen unvermerkt in das erste Gespräch über Schulunterricht hinein, das denn über eine Stunde dauerte, bis wir zu Tische gerufen wurden. Bei Tische ward Goethe aufgeweckt und munter und erzählte viel von seinen Reisen, besonders von Venedig. Nach dem Essen entließ er mich und ging auf sein Zimmer; um fünf Uhr beschied er mich wieder zu sich. Er ist mit mir zufrieden; ich habe es aus seinem eigenen Munde, daß er mich der Stelle würdig erkennt, daß er Zutrauen zu mir hat, daß er mich liebgewonnen.
b.
Es ist eine Wonne, ihn von seinen Reisen erzählen zu hören .... Einmal vor Verona wird Goethe, als er eine alte Ruine zeichnete, von Häschern angegriffen. »Da ward mir schwul,« sagte er, »aber ich erwog gleich das Beste. Ich raffte mich zusammen, nahm alle Würde an und begann eine Rede. Ich entwickelte ihnen die Schönheit der Ruinen, den Werth durch das Alter; ich griff ihren Stumpfsinn an und schalt sie für Stöcke und Klötze, lenkte aber bald ein, sie entschuldigend: Ihr könnt solche Schönheiten nicht fühlen, da Ihr sie täglich vor Augen seht und das Alltägliche keiner Aufmerksamkeit würdigt u.s.w.« Die Häscher werden ganz erstaunt über die Unbefangenheit des Spions und sehen nun alle auf die Ruine, um auch die Schönheiten zu entdecken, und da sie doch nichts sehen können, werden sie ganz verdutzt. Endlich zieht Goethe seinen Geldbeutel aus und läßt Münzen klingen. Nun verändert sich ihre Sprache. Der Eine sagt zu den übrigen: Hab' ich's Euch nicht gleich anfangs gesagt, daß der Mann ein Ehrenmann sei? Da seht Ihr's! Als Goethe einige Tage darauf nach Verona kommt und die Gefängnisse vonaußen betrachtet, »da« – sagte er – »dankte ich doch dem lieben Gott, daß er mich von diesem Unglück befreit hatte.«


1804, 15. Februar. 
Über »Die Hussiten von Naumburg«
von Kotzebue


Heute will ich [H. Voß] Dich [Abeken] vom Kotzebue unterhalten. Denkt Euch, Solger und Abeken, »Die Hussiten« (lacrymosa poëmata Puppi) sind in Weimar aufgeführt .... Goethe saß derweile ruhig in seinem Zimmer. Seinen Geist (so heißt der Bediente) schickte er in's Theater, und der arme Schelm mußte bei jedem Act zu Hause laufen und das Gesehene erzählen... Goethe hat gegen seinen Sohn ein Kopfstück verloren über die Stelle: »dicke Pfaffen knistern in den Flammen,« von der er behauptete, sie könnte nicht darin stehen. – Goethe sagte, wenn die »Hussiten« die Auslage abverdient hätten, dann sollte der »Herodes vor Bethlehem« [von Mahlmann] gegeben werden. Sonst darf sich Kotzebue nicht beschweren; denn man hat viel Geld ausgegeben für die Sterbekleider und die Hussitenpanzer.

1804, Ende Februar. 
Mit Friedrich Wilhelm Gubitz


Nur vier Tage wollte ich in Weimar rasten; vorhabende Arbeiten, hier wenig gefördert, bedrängten mich, und ich bereute schon, nicht mit den Empfehlungsbriefen mein Heil bei Goethe Versucht zu haben. Bereits packte ich mein Bischen Habe, .... da kam Abends nach sieben Herr v. Lynker in einem Domino, ließ auch mir einen darreichen von seinem mitgebrachten Diener mit den Worten: »Im Theatersaal ist Probe von einem Maskenspiel, Goethe muß dabei sein; ich habe vermittelt, daß sie als Fremder Zuschauer sein können; beeilen wir uns!« Bebend zog ich das Beste an, was ich hatte, ein hellblauer Seidenmantel wurde mir übergeworfen, eine Maske sollte ich dort empfangen – was sich jedoch nicht erfüllte. Bald stand ich in einem mäßig großen Saal und drückte mich neben einem Gewirr von Menschen, nur zum Theil maskirt, an die Seite ..... »Wenn er da ist, erfahren sie es im Moment.« Mit diesem Zuruf beruhigte mich mein Beherrscher, der irgendwo beschäftigt sein mußte ..... Etwa sehr lange anderthalb Stunden waren vergangen, bevor es hieß: »Da ist er! Dort steht er!« und es bedurfte mancher Windung, um mir bis zur angedeuteten Stelle zu helfen. Endlich kam ich näher; ich hörte seine starke klangvolle Stimme. O weh! Goethe, der seinen Seidenmantel, rosenfarb oder gelb – bei dem Lichtschimmer konnte ich mir die Farbe nicht genau bestimmen – hin- und herwerfend behandelte, sprach so heftig mit einem andern, – mit dem Theater-Intendanten [vielmehr: Mitglied der Theatercommission] Kirms, was ich nachher entdeckte – daß ich noch ängstlicher wurde. Aus dem lauten Gespräch ging hervor: bei einer Abendprobe im Theater war Goethe über einen Schauspieler – sein Name lautete, wenn ich dessen mich richtig entsinne, Zimmermann – so bitterböse geworden, daß er sich höchst unglimpflich äußerte über Anmaßungen der Komödianten. Mir flog der Athem ; in mir rief es: jetzt oder nie! Meine Zaghaftigkeit gipfelte, wurde unwillkürlich im Wagemuth, und ohne Überlegung hatte ich mich in den Eifer gegen Komödianten gemischt. Was mir erst in der Zukunft als Erfahrung reifte – wie raschbereit der Aufgebrachte, wenn ihm einer recht giebt, sich zu diesem wendet, das bewährte sich hier. Ich hatte den Erfolg, daß Goethe auf mich einredete, unterhielt seinen Zorn so gut oder schlecht meine sich nicht zurechtfindende Stimmung dies vermochte, habe keine Spur mehr von dem Gemengsel, was ich schwatzte, bis er hell auflachte, dann aber, wie in Haft zur Hoheit gleichsam umgeschaffen, mit wahrhaft erschütterndem Gebieterton fragte: »Aber mit wem spreche ich? Wer sind Sie?« Meine Empfehlungsbriefe von Mahlmann und Rochtitz hatte ich im Wider stande gegen mein Zittern in der Tasche fast krampfhaft festgehalten; sie schnell hervorziehend, nannte ich, nun bis zu Thränen erschreckt, meinen Namen, demüthig scheu hinzufügend: »Ihnen diese Briefe zu überreichen, suchte ich in den wenigen Tagen hiesigen Aufenthalts vergeblich Gelegenheit, die Gunst des Augenblicks verlieh sie mir, und frevelhaft habe ich sie ergriffen.« – »Wer sind Sie? Doch nicht der Gubitz, der sich in der Holzschneidekunst auszeichnete?« so fiel Goethe fragend ein, wie selber betroffen, und nach meiner Entgegnung: »Ob auch von Ihrer gütigen Meinung beschämt, habe ich freilich zu antworten: der bin ich.« – Ohne etwas darauf zu erwiedern, erfaßte er mich beim Arm, schob mich an einen Pfeiler, sagte: »Hier bleiben Sie stehen! Hier will ich Sie treffen, jetzt hab' ich zu thun.« Dann verschwand er, und ich stand nochmals da in zweifelsüchtiger Hoffnung, die indeß der Geduld nicht lange bedurfte. Zurückkehrend rief Goethe mich an: »Aber, mein Gott! sind Sie's denn wirklich? wie alt sind Sie?« – »Im acht zehnten Jahr,« antwortete ich und er entgegnete: »Man möcht's nicht glauben! wie lange bleiben Sie hier?« – Ich sagte ihm, daß ich nur gezögert habe, Weimar zu verlassen, um ihm genähert zu sein; der kommende Morgen treibe mich nach Jena, dort meine Universitätszeit mit dem Examen zu enden. Überrascht fragte er weiter, und ich gab nun schüchtern Bescheid, bis er dringlich einfiel: »Von der Abreise sei einstweilen nicht die Rede! Heut noch zeige ich Ihnen meine Wohnung, erwarte sie dort morgen Vormittag um Zehn;« und auf meine Bemerkung, daß ich schon vor seinem Hause gewesen sei, erwiderte er mir die Hand reichend: »Also, morgen früh!« in flüchtiger Weise; denn eben wurde nach ihm gesandt.

Noch zwei Tage blieb ich in Weimar, stundenlang in Goethes Zimmern, wo ich, zwischeninne oft ohne seine Anwesenheit, die musterhaft geordneten Sammlungen von Zeichnungen und Kupferstichen beschauen, mich zugleich noch mancher Beweise seiner Zuthulichkeit erfreuen konnte. In bester Laune erwähnte er, daß er als Student in Leipzig sich im Breitkopf'schen Hause auch mit dem Holzschnitt beschäftigt habe, also wohl wisse, was mir gelungen, und ich vernahm dabei aufmunternde Äußerungen; dennoch hielt mich sein Benehmen in Scheu. Meinem Hang zum Dorfpastor war er nicht gleichgesinnt, obwohl er »das schließlich Anhaltsame in dieser Entzweiheit« gelten ließ, und als ich erzählte, wegen meiner Bemühung im Holzschnitt sei ich bereits von drei Kupferstechern öffentlich besehdet, sagte er aufgeregt und mir unvergeßlich: »es steckt etwas Verruchtes in solcher steten Negation, die immer bei der Hand ist; man muß sich nicht daran kehren, doch das Rechte thun, sonst ist nichts zu heben.«


1804, Anfang (?). 
Über Tiecks Dichtungen 


Ich [Voß] fragte Goethe unter anderm einmal, was die mystischen Figuren in Tieck's Minneliedern bedeuteten und erhielt zur Antwort: das ließe sich nur durch ein tiefes Studiren ausmitteln. Das hätte er nicht von den »klaren Gestalten Raphael's« gesagt, die er so oft und so gern nennt.


1804, Anfang (?). 
Mit Johann Heinrich Voß d. J. 


Die Religion soll jetzt in Halle sehr Mode sein und, wie Goethe sagt, wie die Pest anstecken. – Goethe fürchtet, daß sie einem gewissen Manne in G...1 (den ich nicht nennen will) auch noch zu dem vielen Hauskreuze ins Haus kommen möchte.

Bei dieser Gelegenheit eine Bitte, die Du [Abeken] auf's gewissenhafteste halten mußt: laß diesen Brief außer Solgern keinem Menschen lesen. Ich fürchte so sehr, daß Urtheile von Goethe durch mich in Umlauf kommen, und wäre das, so verziehe es mir Goethe nimmer.

1 Giebichenstein
1804, 2. (?) März. 
Mit Henry Crabb Robinson

In March 1804 1 had a reintroduction, and not a mere formal one, at the first was, to Goethe. He was sitting in his arm-chair, in the front row of the pit. I had repeatedly taken a seat near enough to him to have an occasional glimpse of his countenance, but I never presented myself to his notice. On the evening of which I write, I was immediately behind him. Benjamin. Constant came in with him, and after shaking hands with me, whispered my name to Goethe, who immediately turned round, and with a smile as ingratiating as his ordinary expression was cold and forbidding, said: »Wissen Sie, Herr Robinson, dass Sie mich beleidigt haben?« -»How is that possible, Herr Geheimerath?« – »Why, you have visited every one at Weimar excepting me.« I felt that I blushed, as I said, »You may imagine anycause, Herr Geheimerath, but want of reverence.« He smiled and said, »I shall be happy to see you at any time.« I left my card, of course, the next morning, and the next day came an invitation to dinner; and I dined with him several times before I left the neighbourhood of Weimar.

It was, I believe, on the very evening on which he spoke to me in the theatre, that I asked him whether he was acquainted with our »Venice Preserved« [by Otway]. »Oh, very well! The comic scenes are particularly good.« I actually started at so strange a judgement. »Indeed! in England those scenes are considered so very bad, that they are never acted.« »I can understand that; and yet, on reflection, you will perceive that those scenes are quite essential to the piece. It is they alone which account for, and go near to justify, the conspiracy; for wesee in them how utterly unfit for government the Senate had become.« I recognized at once the truth of the criticism, and felt ashamed of myself for not having thought of it before. In all his conversation he spoke in the most simple and unpretending manner, but there was in it remarkable significance, – a quiet strength, a power without effort, reminding me of what I read of a painting, in which a man was wrestling with an angel. An ignorant man abused the picture, on the ground that in the angel there was no sign of effort – no muscle was strained. But this was designed to show the angelic nature. It is the same in the Greek sculpture of the gods.

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