> Gedichte und Zitate für alle: Woldemar von Biedermann : Gespräche Goethes 1823 (64)

2019-10-07

Woldemar von Biedermann : Gespräche Goethes 1823 (64)




1823






1823, 3. Februar.
Mit Friedrich von Müller 


Ich traf ihn gegen 6 Uhr Abends ganz allein; nur sein kleiner Enkel blätterte in Bilderbüchern und ward bei seinem lebhaften Wesen und öftern Fragen von dem alten Herrn auf's geduldigste von Zeit zu Zeit beschwichtigt, endlich aber durch allerlei Persuasion vermocht, sich aus das Bett im Cabinet schlafen zu legen. Die wichtige Tagesneuigkeit des Krieges mit Spanien gab unserm Gespräch die erste Unterlage. Goethe hält sich überzeugt, daß zu Verona bereits ein fester Plan der Unterstützung Frankreichs durch Nachrücken der Armeen verabredet sei, daß man Spanien, es koste was es wolle, bezwingen werde, und daß viel ernsthaftere Maßregeln, als man sich irgend träumen lasse, ehestens zum Vorschein kommen würden. Die Opposition der Württemberger gegen Osterreichs Allgewalt erscheint ihm absurd, wie jede Opposition, die nicht zugleich etwas positives anstrebe.

»Hätte ich das Unglück in der Opposition sein zu müssen, ich würde lieber Aufruhr und Revolution machen, als mich im finstern Kreise ewigen Tadels des Bestehenden herumtreiben. Ich habe nie im Leben mich gegen den übermächtigen Strom der Menge oder der herrschenden Princips in feindliche, nutzlose Opposition stellen mögen; lieber habe ich mich in mein eigenes Schneckenhaus zurückgezogen und da nach Belieben gehauset. Zu was das ewige Opponiren und übellaunige Kritisiren und Regiren führt, sehen wir an Knebeln: es hat ihn zum unzufriedensten, unglücklichsten Menschen gemacht; sein Inneres, gleich einem Krebs, ganz unterfressen; nicht zwei Tage kann man mit ihm in Frieden leben, weil er alles angreift, was einem lieb ist.«

Wir kamen aus die Landtagswahlen und auf die Glieder des Regierungscollegiums zu sprechen, die ich ihm nach ihrer Individualität schildern mußte. Riemer's gegenwärtige Verstimmung gab Anlaß sich über ihn auszusprechen. »Er hat mehr Talent und Wissen,« bemerkte Goethe, »als er nach dem Maße seiner Charakterstärke ertragen kann.«

Ich suchte Goethen vorsichtig dahin zu bringen, daß er zu Riemer's Ermuthigung durch freundliche Attention beitragen möge, was denn auch seine gute Wirkung hatte. Da kam er aus eine förmliche Theorie der Unzufriedenheit. »Was wir in uns nähren, das wächst; das ist ein ewiges Naturgesetz. Es gibt ein Organ des Mißwollens, der Unzufriedenheit in uns, wie es eines der Opposition, der Zweifelsucht gibt. Je mehr wir ihm Nahrung zuführen, es üben, je mächtiger wird es, bis es sich zuletzt aus einem Organ in ein krankhaftes Geschwür umwandelt und verderblich um sich frißt. Dann setzt sich Reue, Vorwurf und andere Absurdität daran, wir werden ungerecht gegen andere und gegen uns selbst. Die Freude am fremden und eignen Gelingen und Vollbringen geht verloren ; aus Verzweiflung suchen wir zuletzt den Grund alles Übels außer uns, statt es in unsrer Verkehrtheit zu finden. Man nehme doch jeden Menschen, jedes Ereigniß in seinem eigentlichen Sinne, gehe aus sich heraus, um desto freier wieder bei sich einzukehren.«

Gegen 8 Uhr verließ ich ihn, und gerne, schien es, hätte er noch länger mich bei sich behalten.


1823, 14. Februar. 
Mit Friedrich von Müller 


Mittwoch Abend, den 12. Februar, erfuhr ich zuerst von seinem Übelbefinden, auf das man jedoch kein Gewicht legte. Donnerstag ließ er mir sagen, daß er sich bereits wieder bessere. Freitags Nachmittags traf ich ihn recht munter mit seiner Schwiegertochter noch am Tisch sitzend an und brachte ihm Gagern's neues Buch »Mein Antheil an der Politik«, auf das er sich sehr gefreut hatte. Er klagte nur, daß der Kopf nicht recht hell sei und äußerte: er fühle sich gerade wie einer, der imbegriff sei, recht fromm und bigott zu werden und denke es sich gar schön, ein vorgehaltenes Altartuch mit dem Lämmlein und einer Kreuzesfahne gläubig anzublicken. Eine Novelle von Tieck im Berliner Almanach »Die Verlobung«, welche seine Schwiegertochter ihm anpries, mochte die Gelegenheit zu jener Ideenverbindung gegeben haben, da sie gegen die modernen Frömmler gerichtet sein soll. Ich sagte ihm, daß ich imbegriff stehe, nach Jena zu reisen, worauf er mir Verschiedenes an Knebel auftrug.


1823, 17. Februar. 
Mit Friedrich von Müller


Ich ging gegen 4-5 Uhr nachmittags zu ihm und fand ihn angekleidet im Bette liegend, sehr jammernd und klagend über fortwährende Schmerzen und Ermattung. Er hatte einen äußerst heftigen Fieberfrost gehabt, der ihn über zwei Stunden lang durchschüttelt hatte ..... Rehbein kam bald darauf und gab guten Trost. Man hoffte auf Schweiß. Er verlangte etwas Wein zu trinken, was man zu gestatten nicht wagte. »Allmächtiger Gott! Was muß der arme Teufel leiden! Wie krank bin ich, kränker, als in vielen Jahren!« rief er ein Mal über das andere aus. Sodann: »Die Götter halten uns hart in solchen kranken Tagen und doch auch gar nicht sonderlich in den gesunden.« Die Kammer, worin er lag, war ganz dunkel, seine Hand kalt, alles umher unheimlich, doch nahm er noch großen Antheil an allem, was ich von Knebel und von Stroganoff referirte und trieb mich an, ins Theater zu gehen, um die Tableaux zu sehen, die man zu Ehren des Geburtstagsfestes der Großfürstin darstellen wollte. Gegen sechs Uhr verließ ich ihn noch ganz ohne ernstliche Besorgniß.


19. Februar. 
Während Goethes Krankheit 


Mittwoch, den 19. Februar schien es etwas besser zu gehen, doch hatte er schon so vor sich hin gesagt: »Diesen Schmerz,« (den am Herzen meinend) »dieser unbesiegbare Schmerz wird mich noch an die Schwelle meines Lebens bringen.«


1823, 20. bis 22. Februar. 
Während Goethes Krankheit


Donnerstags bis Sonnabends wechselten Besserung und Verschlimmerung immerfort ab .... Er war öfters betäubt, phantasirte mitunter halb und halb, doch immer dazwischen ganz theilnehmend und verständig sprechend. Donnerstag gab er sich noch sehr mit seinem älteren Enkel ab, sang ihm sogar ein Liedchen aus dem »Spiegel von Arkadien« vor. Er fragte oftmals nach Personen, die ihm sonst gleichgültig waren, z.B. Graf Keller, Graf Marschall u.s.w. Dazwischen sagte er einmal: »Mischt sich der Großherzog noch immer in meine Kur?« Und als man, seine Intention mißverstehend, mit »Nein« antwortete, äußerte er: »Es wird ihm wol zu langweilig werden.« Er wiederholte öfters sein Bedauern, um Stroganoff's Besuch gekommen zu sein und in der Fortsetzung von »Kunst und Alterthum« gehemmt zu werden. »Und doch ist die Anzeige der Boisserée'schen neuesten Lieferungen so dringend; die muß ich ja rühmen und beloben.« Zu seinem Diener Stadelmann sprach er einmal leise: »Du glaubst nicht, wie elend ich bin, wie sehr krank!« Den Ärzten gab er öfters auf, sich ernstlich über seinen Zustand zu bedenken, indem er einigen Unglauben an ihrer Kunst merken ließ. »Treibt nur Eure Künste! Das ist alles recht gut, aber Ihr werdet mich doch wol nicht retten.« Mehrmalen verlangte er ein warmes Bad, das man jedoch für zu gewagt hielt. Einmal, als die Ärzte sich leise miteinander beredet hatten, sagte er: »Da gehen die Jesuiten hin! Berathen können sie sich wol, aber nicht rathen und retten.« Er jammerte, daß jeder ihm willkührlich verfluchtes Zeug zu schlucken gebe, und daß man die guten Kinder Ottilie und Ulrike mißbrauche, es ihm beizubringen. Sobald er sich momentan erleichtert fühlte, wollte er alsobald, daß seine Schwiegertochter ihrer gewohnten, geselligen Weise nachgehe, den Hof oder das Theater besuchen sollte. Jede Dienstleistung erwiederte er durch ein dankbares, artiges Wort oder durch einen verbindlichen Gestus. »Nun, Ihr Seidenhäschen, was schleicht Ihr so leise herbei?« sagte er Sonnabends morgens zu Ottilien, als sie an sein Bett trat. Er saß fast beständig auf dem Bette oder in dem Großvaterstuhl der Oberkammerherrin v. Egloffstein, den er sehr anpries und hinzusetzte: durch diese Sendung habe sie sich eine Staffel in den Himmel verdient. Sonnabend Mittag ließ man ihn ein Glas Champagner trinken, ohne sichtliche Wirkung. Mit großem Behagen aß er eine Bergamottenbirne und Annanas gelée. Einmal sprach er halblaut zu sich selbst: »Mich soll nur wundern, ob diese so zerrissene, so gemarterte Einheit wieder als neue Einheit wird auftreten und sich gestalten können?« Zu Ulriken sagte er: »Ach Du glaubst nicht, wie die Ideen mich quälen, wie sich durchkreuzen und verwirren!«

Während Goethes Krankheit 

Ach, liebe Julie, ich [Caroline Freifrau V. Egloffstein geb. v. Aufseß] bin recht betrübt. Die Worte, so er [Goethe] Dir zum Abschied gab, sind wahrscheinlich die letzten, so er niederschrieb. Es ist mir höchst erfreulich, daß mein Großvaterstuhl der einzige ist, in dem er gerne sitzt. Der Großherzog und Frau v. Stein haben ihm welche geschickt, aber keiner behagt ihm, und er sagte noch heute: »Die gute Oberkammerherrin baut sich eine Stufe im Himmel durch die Wohlthat, so sie uns erweist.« Ottilie pflegt ihn und wacht die Nächte ..... Sie muß ihn unterhalten und wie in gesunden Tagen ihm erzählen. So beklagt er, daß er Stroganow, welcher sich in Konstantinopel so brav benahm, nicht gesehen habe. Kurz, obgleich er sich sehr krank fühlt, so ist er dennoch gefaßt wie immer und betrachtet das Treiben der Ärzte, als wären es Experimente, die sie an einem Fremden machen. »Probirt nur immer! « sagt er ; »der Tod steht in allen Ecken und breitet seine Arme nach mir aus, aber laßt Euch nicht stören!«

1823, 23. Februar. 
Während Goethes Krankheit


Sonntag, den 23. Februar, war er am schlechtesten, auch sagte er zu seinem Sohne: »Der Tod steht in allen Ecken um mich herum«; zu Huschke'n mehrmals: »Ich bin verloren!« Einmal soll er auch geäußert haben: »O Du christlicher Gott! Wie viele Leiden häufst Du auf Deine armen Menschen, und doch sollen wir in Deinen Tempeln Dich dafür loben und preisen!« Ich war vormittags in Stadelmann's Kammer neben seinem Zimmer, abends vor Hofe wieder eine Stunde im Hause. Rehbein sagte ihm: ›Das Inspiriren geht leichter als das Exspiriren.‹ »Freilich!« antwortete er, »ich fühle das ambesten, Ihr Hundsfötter!«





1823, 23. Februar. 

Während Goethes Krankheit


Sonntag, den 23. Februar, war er am schlechtesten, auch sagte er zu seinem Sohne: »Der Tod steht in allen Ecken um mich herum«; zu Huschke'n mehrmals: »Ich bin verloren!« Einmal soll er auch geäußert haben: »O Du christlicher Gott! Wie viele Leiden häufst Du auf Deine armen Menschen, und doch sollen wir in Deinen Tempeln Dich dafür loben und preisen!« Ich war vormittags in Stadelmann's Kammer neben seinem Zimmer, abends vor Hofe wieder eine Stunde im Hause. Rehbein sagte ihm: ›Das Inspiriren geht leichter als das Exspiriren.‹ »Freilich!« antwortete er, »ich fühle das ambesten, Ihr Hundsfötter!« mich,« sprach er ganz heiter diesen Morgen, und diesen Abend: »Es ist ein Hinderniß in mir zu leben, wie zu sterben; mich soll nur wundern, wie es werden wird.« Wenn er morgen überlebt, ist er gerettet – glaubt man.




1823, 24. Februar. 

Während Goethes Krankheit


Nachmittags wurde er sehr heftig gegen die Ärzte, befahl mit Ungestüm ihm Kreuzbrunnen zu geben und sagte: »Wenn ich denn doch sterben soll, so will ich auf meine eigene Weise sterben.« Er trank auch wirklich ein Fläschchen Kreuzbrunnen mit sichtbar gutem Erfolg. Kurz vorher sagte er zu seinem Sohn: »Das ist ein Kampf zwischen Leben und Tod.« Von 4 1/2-9 Uhr war ich [v. Müller] im Nebenzimmer, seine Stimme klang ziemlich sonor und kräftig .... Ich hörte ihn nach allen Umständen und dem Hergang seiner Krankheit fragen, Rechenschaft fordern, wie von einer fremden, abgeschlossenen Sache. Er triumphirte, daß sein scharfer Geschmack etwas Anis in einer Arznei entdeckt habe, und daß man sich, weil ihm diese Kräuter stets verhaßt gewesen, zur Umänderung des Receptes entschlossen. Mit Wohlgefallen hörte er, daß man ihm Arnica geben wolle und hielt ganz behaglich eine kleine botanische Vorlesung über diese Blume, die er sehr häufig und sehr schön in Böhmen getroffen. »Die Phantasien sind nur Plünderungen des Verstandes und Geistes.« – »Es lasten solche Massen von Krankheitsstoff auf mir seit 3000 Jahren; man gewahrt deutlich, wie sich das Conventionelle, das Einbildige dazwischen schiebt.« Sehr oft fragte er, wer alles von Freunden dagewesen, sich nach ihm zu erkundigen. »Das ist sehr artig von den guten Leuten.« Er wurde sichtbar besser, trieb die Seinigen zur Ruhe: sie sollten sich selbst bedenken; für das Wenige, was er bedürfe, sei ja gesorgt. »So habe ich doch nicht alle Eure Feste gestört.« Die Hoffnung kehrte ihm selbst wieder; er meinte: »Morgen werde ich ordentlich den Kreuzbrunnen wieder trinken und dann bald wieder ein ordentlicher Mensch mit Folge werden.« Er fragte, ob man sein Tagebuch fortgesetzt und jammerte, daß es nicht geschehen.




1823, 25.1 Februar. 

Während Goethes Krankheit


Der heutige Tag war in bezug aus Goethe noch sehr beunruhigend, indem diesen Mittag die Besserung nicht erfolgte, wie gestern. In einem Anfall von Schwäche sagte er zu seiner Schwiegertochter: »Ich fühle, daß der Moment gekommen, wo in mir der Kampf zwischen Leben und Tod beginnt.«

Doch hatte der Kranke am Abend sein volles geistiges Bewußtsein und zeigte schon wieder einigen scherzhaften Übermuth. »Ihr seid zu furchtsam mit Euern Mitteln,« sagte er zu Rehbein, »Ihr schont mich zu sehr! Wenn man einen Kranken vor sich hat, wie ich es bin, so muß man ein wenig nisch mit ihm zu Werke gehen.« Er trank daraus eine Tasse eines Decocts von Arnica, welche gestern, im gefährlichsten Moment von Huschke angewendet, die glückliche Krisis bewirkt hatte. Goethe machte eine graziöse Beschreibung dieser Pflanze und erhob ihre energischen Wirkungen in den Himmel. Man sagte ihm, daß die Ärzte nicht hätten zugeben wollen, daß der Großherzog ihn sehe. »Wäre ich der Großherzog,« rief Goethe, »so würde ich viel gefragt und mich viel um Euch bekümmert haben!«

In einem Augenblick, wo er sich besser befand und wo seine Brust freier zu sein schien, sprach er mit Leichtigkeit und klarem Geiste, worauf Rehbein einem der Nahestehenden in's Ohr flüsterte: »Eine bessere Respiration pflegt eine bessere Inspiration mit sich zu führen.« Goethe, der es gehört, rief darauf mit großer Heiterkeit: »Das weiß ich längst; aber diese Wahrheit paßt nicht auf Euch, Ihr Schelm!«Goethe saß aufrecht in seinem Bette der offenen Thür seines Arbeitszimmers gegenüber, wo seine nähern Freunde versammelt waren, ohne daß er es wußte. Seine Züge schienen mir [Soret] wenig verändert; seine Stimme war rein und deutlich, doch war darin ein feierlicher Ton, wie der eines Sterbenden. »Ihr scheint zu glauben,« sagte er zu seinen Kindern, »daß ich besser bin; aber ihr betrügt euch.« Man suchte ihm jedoch seine Apprehensionen scherzend auszureden, welches er sich denn auch gefallen zu lassen schien.

1 Die Angabe des 24. als Monatstag dürfte irrig, dagegen die des Wochentags – Dienstag – richtig sein.


1823, 26. Februar. 1
Während Goethes Krankheit


Goethe hat sich Rechenschaft ablegen lassen über das Verfahren, das man bisher mit ihm beobachtet, auch hat er die Listen der Personen gelesen, die sich bisher nach seinem Befinden erkundigt und deren Zahl täglich sehr groß war. Er empfing darauf den Großherzog und schien später von dem Besuch nicht angegriffen .... Goethe hat heute das erste Mal nach einem seiner Freunde verlangt, nämlich nach seinem ältesten Freunde Meyer. Er wollte ihm eine seltene Medaille zeigen, die er aus Böhmen erhalten hat und worüber er entzückt ist.

Ich [Soret] kam um zwölf Uhr, und da Goethe hörte, daß ich dort war, ließ er mich in seine Nähe rufen. Er reichte mir die Hand, indem er mir sagte: »Sie sehen in mir einen vom Tode Erstandenen.« Er beauftragte mich sodann, Ihrer kaiserlichen Hoheit für die Theilnahme zu danken, die sie ihm während seiner Krankheit bewiesen. »Meine Genesung wird sehr langsam sein,« sagte er darauf hinzu, »aber den Herren Ärzten bleibt doch nichtsdestoweniger die Ehre, ein kleines Wunder an mir gethan zu haben.«

Nach ein paar Minuten zog ich mich zurück. Seine Farbe ist gut, allein er ist sehr abgemagert und athmet noch mit einiger Beschwerde. Es kam mir vor, als würde ihm das Sprechen schwieriger als gestern. Die Geschwulst des linken Armes ist sehr sichtbar; er hält die Augen geschlossen und öffnet sie nur, wenn er spricht.

1 Hier ebenso Mittwoch , also der 26., die richtige Angabe.





1823, 25. Februar. 

Während Goethes Krankheit


Gegen zwei Uhr besuchte ihn der Großherzog. Sie sprachen meist von der Edelsteinsammlung des Großherzogs und von der Kunst, die Diamanten nachzumachen, Rehbein vertrieb den Fürsten, als er merkte, daß die Unterhaltung den Patienten angriff.



1823, 2. März. 

Während Goethes Krankheit


Imaginez vous [Julie Gräfin Egloffstein] que j'ai [Soret] passé plus d'une heure dans la chambre de Monsieur de Goethe, assis vis-à-vis de lui et ayant Mad. de Goethe à gauche et M. Riemer à droite. Quel changement prodigieux s'est encore opéré depuis trois jours dans sa physiognomie et dans sa voix! Il s'est levé seul, il a marché devant moi, ses yeux sont presque toujours ouverts, il parle volontiers, il mange avec appetit sa soupe, il lit ses lettres, il agit des deux mains, tant l'enflure a diminué. Enfin Stadelmann m'a dit que ses pieds sont moins enflés qu'ordinairement le matin lorsqu'il se porte bien. Ce n'est pas tout; pour la première fois on a pris le thé comme de coutume sur la grande table. Mad. de Goethe a detaché de son bonnet un noeud de rubans roses qu'elle a fixé en signe de triomphe a la théière; cette action a fait sourire le convalescent. Comme il doit être doux de revenir à la vie lorsqu'on voit le bonheur briller sur les traits de tous ceux qui vous environnent! Une collection de pierres fausses a été mise sous nos yeux; pendant que nous étions occupés à les admirer... j'en laisse tomber une que disparait sous le bureau; tout se met en mouvement pour la retrouver; je m'empare d'une lumière et je me couche sous ta table avec tant de bonheur qui je mets le feu à ma perruque. Nouvelle confusion, odeur détestable. L'excellent M. de Goethe n'avait pas l'air d'en être fâché ni dérangé. Honteux de ma sottise je prends mon chapeau et je fais la révérence, non sans me répandre en excuses.


1823, Mitte März. 
Mit Charlotte von Schiller 


Ich war diese Woche bei ihm [Goethe] und fand ihn an seinem großen Tisch sitzen mit allerhand Papieren umgeben, denn er arbeitet wieder. Er ist sehr mager geworden, doch sieht er nicht krank aus; seine Hände sind auch mager. Er tritt fest aus und kam uns entgegen. Seine Stimme ist kräftig und er war so liebenswürdig, theilnehmend und mittheilend, daß es einem recht wohl that.

Er lobte die consequente Behandlung seiner Ärzte und sagte, daß sie vierzehn Tage auf einem Mittel beharrt hätten; von dem, was um ihn herum vorgegangen, wußte er nichts.Auch dem Sohn hat er gesagt, daß der Kampf des Lebens mit dem Tode beginne, und er wolle sehen, wer den Kampf bestehe. Doch das ist alles in dem Fieberzustand gesprochen worden.


1823, 16. März.
Mit Friedrich von Müller



Ich war von 5-6 1/2 Uhr bei Goethe, der anfangs matt, nachher sehr heiter war. Er sprach unter anderm sehr geistreich und anschaulich über die drei Hauptursachen der französischen Revolution, welche Weber1 ausgestellt, und gesellte ihnen eine vierte zu: Antoinettens gänzliche Vernachlässigung aller Etiquette. »Wenn man einmal mehrere Millionen aufwendet an einem Hof, um gewisse Formen als Schranken gegen die Menge zu haben, so ist es thöricht und lächerlich, wenn man solche selbst wieder über den Haufen wirft.«

1 Joseph Weber: Mémoires concernant la Reine Antoinette. Publié par Berville et Barrière. Paris 1822.

1823, 21. März. 
Mit Friedrich von Müller


Ich war Abends zwei Stunden ganz allein bei Goethe. Die heutigen Dramatiker müssen die Schillerschen Trauerspiele ganz anders sehen und hören, wie unsereines, sonst könnten sie unmöglich selbst so verwirrtes, absurdes Zeug schreiben. Zuletzt erzählte er noch sehr gemüthlich und klar die Flucht Louis XVI. nach Varennes.


1823, 23. März. 
Mit Friedrich von Müller


Zwischen dem Hof bei Goethe mit Linen [Gräfin Egloffstein]. »Ein lieber Engel, eine verständige Dame; sie gehört zu den guten Geistern.« – »Leonore ist eben auch eine Tochter Eva's, auf deren Erziehung ich viel Mühe verwendet habe. Da ich so viel in den ›Tasso‹ hineingelegt, so freut es mich, wenn es allmälig heraustritt. Alles geschieht darin nur innerlich; ich fürchtete daher immer, es werde äußerlich nicht klar genug werden.«


1823, 30. März. 
Mit Niels Lauritz Höyen 


Ich spazirte in dem herzoglichen Garten; endlich schlug die Uhr 10 3/4 und nun begab ich mich zu Goethe ..... Ich wurde zuerst in ein Cabinet geführt, durch dessen offene Thür ich in die anstoßenden Zimmer hineinsah. Das Ganze war elegant, aber keineswegs prächtig eingerichtet: hübsche Teppiche aus dem Fußboden; die Thüren in die Wand hineinzuschieben; die Wände waren decorirt mit einer Menge schöner Zeichnungen und Gemälde ..... Aber ich kam nicht dazu, dies alles recht zu betrachten, weil Goethe nun eintrat. Der Diener, welcher ihm folgte, setzte zwei Stühle hin und entfernte sich wieder. Ich war also nun allein mit Goethe, und wir setzten uns ..... Er bewegte sich mit Leichtigkeit; in seiner schlanken festen Haltung war keine Spur von einer kürzlich überstandenen Krankheit zu finden; sein Gesicht war ernst und doch milde, die Gesichtsfarbe bräunlich; alle Züge verkündeten den Greis, aber ohne Schwäche. Seine Augen waren mir besonders merkwürdig: das Weiße darin fing an, gelb zu werden, auch hatten die Runzeln des Alters sich stark um die Augenlider gesammelt, aber die Pupille besaß noch die schöne braune Farbe unverdunkelt; sie funkelte fast. Die Stimme war etwas leise, aber äußerst weich und leicht fließend. Es ward mir sehr schwer zu reden: ich wollte so gerne recht genießen, mir recht sein Bild einprägen, es war mir daher ganz unmöglich zu versuchen, eine ordentliche Unterhaltung anzuknüpfen, und so ward das Ganze, obwohl eigentlich keine Pause stattfand, mehr eine Reihe von Fragen, Antworten und aphoristischen Äußerungen. Goethe fragte nach Carus, von dem ich einen Brief überbracht, beklagte Tieck's Schicksal und daß dieser »herrliche« Mann fast beständig leidend sein sollte; fragte, wohin ich nun zu reisen gedächte, womit Oehlenschläger sich beschäftigte; sprach von den unzähligen Schwierigkeiten, welche mit meinem Studium verbunden seien, und meinte, daß es für Einen Mann fast unmöglich sei, die neuere Kunstgeschichte zu liefern. Ich beantwortete seine Fragen kurz; einige Male folgte aus meine Antworten ein »Hm, hm!« »Ja, ja!« aber ganz leise. Seine Stimme klang fest und war immer von gleichmäßigem Tone; nur ein Mal erhob sie sich, als wir von Carus redeten. Ich äußerte, daß es mir fast unbegreiflich sei, wie dieser Mann außer zur Erfüllung seiner Pflichten und Vollendung literarischer Arbeiten noch Zeit erübrigen könne, sich auch mit der Malerci zu beschäftigen. Goethe antwortete, daß es auch ihm außerordentlich vorkomme, »doch« – setzte er hinzu, und nun hob seine Stimme sich – »der, welcher das Leben recht zu benutzen versteht, vermag wirklich sehr viel auszurichten.« Es schien mir, daß er selbst, indem er dies sagte, sich seines eige nen thatenreiches Lebens bewußt war. – Der Diener kam unterdessen und zog die Thüren zusammen, da jemand (Ottilie v. Goethe) eine Musikstunde haben sollte. Ich wollte mich empfehlen, aber Goethe bat mich zu bleiben und kurz darauf tönte eine herrliche Sopranstimme von Zeit zu Zeit in's Zimmer herein. Endlich wünschte Goethe mir »alles mögliche Glück«, und lud mich ein, ihn wieder zu besuchen, wenn ich auf meiner Rückreise nach Weimar kommen sollte.


1823, 31. März. 
Mit Friedrich von Müller
und Friedrich Wilhelm Riemer

Heute war ich von 6-9 1/4 Uhr bei ihm, mit Riemer, anfangs auch mit Meyer.

Einer der interessantesten, behaglichsten und gemüthlichsten Abende unter vielen! Goethe war durchaus heiter, gemäßigt, mittheilend, lehrreich, keine Pique, keine Ironie, nichts Leidenschaftliches oder Abstoßendes.

Er theilte uns seine Recension über Varnhagen's Biographien von Graf Schulenburg, Graf Bückeburg und Theodor von Neuhof, mit. »Weltmärchen« nannte er sie. Dann auch seine Antwort an den Übersetzer und Travestirer seiner Lebensbeschreibung in Paris, Msr. Bitry.1

Der Eingang ist besonders glücklich, nach kurzer Entschuldigung der langen Zögerung sogleich in die Mitte des Gegenstandes sich versetzend und bei aller Billigung des jenseitigen Verfahrens doch nicht ohne Ironie und kleine Seitenhiebe. Dann las er uns seine Einleitung und Analyse der von Helvig'schen Übersetzung schwedischer Romanzen von Tegnér nach alten Sagen und eine solche Romanze selbst, »die Königswahl«, pathetisch vor, die von überaus großer Naivetät und Anmuth ist.

Die Gespräche über den Kölnischen Carneval leiteten auf Herrn v. Haxthausen daselbst, der viele neugriechische Lieder besitzt, aber aus Unentschlossenheit nicht herausgibt.

»Nichts ist verderblicher, als sich immer feilen und bessern zu wollen, nie zum Abschluß kommen; das hindert alle Production.«Durch Gedankenassociation brachte ich das Gespräch auf den verstorbenen Geh. Reg. Rath Hetzer und seine Geschäftsreste und dann ging es auf Geh. Rath V. Fritsch, den Vater, über.

Goethe rühmte, daß dieser stets redlich gegen ihn gewesen, obgleich sein, Goethes Treiben und Wesen ihm durchaus nicht habe zusagen können. Aber er habe doch Goethes reinen Willen, uneigennütziges Streben und tüchtige Leistungen anerkannt. Seine Gegenwart, seine Äußerlichkeit sei nicht gerade erfreulich gewesen, vielmehr scheinbar starr, ja hart; er habe nichts Behagliches oder Feines in seinen Formen gehabt, aber viel Energie des Willens, viel Verstand, wie schon aus seinen zwei Söhnen sich schließen lasse, die denn doch selbstständig genug auf eignen Füßen ständen.

Riemer bemerkte, daß es ein großer Irrthum sei, das Wissen und den Charakter von einander zu trennen; eins sei erst durch das andere etwas, durch den Charakter trete jenes erst recht her vor; man könne allenfalls ohne Wissen, aber nicht ohne Charakter leben. »Ja wohl«, versetzte Goethe, »der Charakter ersetzt nicht das Wissen, aber er supplirt es. Mir ist in allen Geschäften und Lebensverwickelungen das Absolute meines Charakters sehr zu statten gekommen; ich konnte Vierteljahre lang schweigen und dulden, wie ein Hund, aber meinen Zweck immer festhalten; trat ich dann mit der Ausführung hervor, so drängte ich unbedingt mit aller Kraft zum Ziele, mochte fallen rechts oder links, was da wollte. Aber wie bin ich oft verlästert worden; bei meinen edelsten Handlungen am meisten. Doch das Geschrei der Leute kümmerte mich nichts. Die Kinder und ihr Benehmen gegen mich waren oft mein

Barometer hinsichtlich der Gesinnungen der Eltern. Ich nahm alle Zustände der Personen, meine Kollegen z.B. durchaus real, als gegebene, einmal fixirte Naturwesen, die nicht anders handeln können als sie handeln, und ordnete hiernach meine Verhältnisse zu ihnen. Dabei suchte ich ringsum mich selbst richtig zu sehen. In die Kriegscommission

trat ich nur, um den Finanzen durch die Kriegscasse aufzuhelfen, weil da am ersten Ersparnisse zu machen waren.

Der Ilmenauer Bergbau würde sich wohl gehalten haben, wäre er nicht isolirt da gestanden; hätte er sich an ein Harzer oder Freiberger Bergwesen anschließen können.

Einen Parvenu wie mich konnte bloß die entschiedenste Uneigennützigkeit aufrecht erhalten. Ich hatte von vielen Seiten Anmahnungen zum Gegentheil; aber ich habe meinen schriftstellerischen Erwerb und zwei Drittel meines väterlichen Vermögens hier zugesetzt und erst mit 1200 Thaler, dann mit 1800 Thaler bis 1815 gedient.«

Riemer sagte: »Ach wie glücklich sind Sie, daß Sie immer so real im Leben stehen konnten; ich komme mit aller Anstrengung nie hinein in's Leben, geschweige durch.«

1 Mémoires de Goethe, trad. de l'allemand par Aubert François, Jean Philib. de Vitry, Paris 1823. 2 vol.


1823, 2.1 April.
Mit Friedrich Soret


Ich brachte Goethe von seiten Ihrer kaiserlichen Hoheit [Maria Paulowna, Erbgroßherzogin von Sachsen] eine Nummer des französischen Modejournals, worin von einer Übersetzung seiner Werke die Rede war. Wir sprachen bei dieser Gelegenheit über »Rameau's Neffen«, wovon das Original lange verloren gewesen. Verschiedene Deutsche glauben, daß jenes Original nie existirt habe und daß alles Goethes eigene Erfindung sei. Goethe aber versichert, daß es ihm durchaus unmöglich gewesen sein würde, Diderot's geistreiche Darstellung und Schreibart nachzuahmen, und daß der deutsche »Rameau« nichts weiter sei als eine sehr treue Übersetzung.

1 Über die von der Vorlage abweichende Datirung der Gespräche mit Soret bis 6. Mai 1823 s. Anmerkung zum 25. und 26. Februar 1823.




1823, 4. April.

Mit Friedrich Soret

und Clemens Wenzeslaus Coudray


Einen Theil des Abends bei Goethe zugebracht in Gesellschaft des Herrn Oberbaudirektors Coudray. Wir sprachen über das Theater und die Verbesserungen, die dabei seit einiger Zeit eingetreten sind. »Ich bemerke es ohne hinzugehen,« sagte Goethe lachend. »Noch vor zwei Monaten kamen meine Kinder des Abends immer mißvergnügt nach Hause; sie waren nie mit dem Plaisir zufrieden, das man ihnen hatte bereiten wollen. Aber jetzt hat sich das Blatt gewendet; sie kommen mit freudeglänzenden Gesichtern, weil sie doch einmal sich recht hätten satt weinen können. Gestern haben sie diese ›Wonne der Thränen‹ einem Drama von Kotzebue zu verdanken gehabt.«


1823, 7. April. 
Mit Friedrich von Müller


Nachmittags besuchte ich Goethen, den ich zum ersten Male wieder im vordern Zimmer traf. Wir unterhielten uns über [des Generalsuperintendent] Röhr letzte [Oster-] Festpredigt: quilibet habet suos manes, was Goethe übersetzte: »Jeden plagt sein Dämon.« (Zur unrechten Zeit nämlich.) Wir sprachen über Rationalismus überhaupt, und wie er mit dem, was die geläutertste Philosophie aufstelle und annehme, ganz zusammentreffe.


1823, 13. April. 
Mit Friedrich Soret 


Abends mit Goethe allein. Wir sprachen über Litteratur, Lord Byron, dessen »Sardanapal« und »Werner«. Sodann kamen wir auf den »Faust«, über den Goethe oft und gern redet. Er möchte, daß man ihn in's Französische übersetzte, und zwar im Charakter der Zeit des Marot. Er betrachtet ihn als die Quelle, aus der Byron die Stimmung zu seinem »Manfred« geschöpft. Goethe findet, daß Byron in seinen beiden letzten Tragödien entschiedene Fortschritte gemacht, indem er darin weniger düster und misanthropisch erscheint. Wir sprachen sodann über den Text der »Zauberflöte«, wovon Goethe die Fortsetzung gemacht, aber noch keinen Komponisten gefunden hat, um den Gegenstand gehörig zu behandeln. Er giebt zu, daß der bekannte erste Theil voller Unwahrscheinlichkeiten und Späße sei, die nicht jeder zurechtzulegen und zu würdigen wisse; aber man müsse doch auf alle Fälle dem Autor zugestehen, daß er im hohen Grade die Kunst verstanden habe, durch Kontraste zu wirken und große theatralische Effekte herbeizuführen.




1823, 14. April. 
Mit Friedrich Soret
und Caroline von Egloffstein 


Abends bei Goethe mit Gräfin Caroline Egloffstein. Goethe scherzte über die deutschen Almanache und andere periodische Erscheinungen, alle von lächerlicher Sentimentalität durchdrungen, die an der Ordnung des Tages zu sein scheine. Die Gräfin bemerkte, daß die deutschen Romanschreiber den Anfang gemacht, den Geschmack ihrer zahlreichen Leser zu verderben, und daß nun wiederum die Leser die Romanschreiber verdürben, die, um für ihre Manuskripte einen Verleger zu finden, sich jetzt ihrerseits dem herrschenden schlechten Geschmack des Publikums bequemen müßten.




1823, 21. April. 
Mit Friedrich von Müller 


Goethe sprach über die philosophischen Systeme Kant's, Rèinhold's, Fichte's und Schelling's, und bemerkte, daß durch des letztern zweizüngelnde Ausdrücke über religiöse Gegenstände große Verwirrung entstanden sei, und die rationelle Theologie um ein halbes Jahrhundert zurückgebracht worden wäre.

1823, 25. April. 

Mit Friedrich von Müller

und Friedrich Wilhelm Riemer


Abends bei Goethe mit Riemer. Ersterer war sehr heiter und kräftig. Er sprach über generatio aequivoca, von Hoff's Preisschrift, die unerklärbaren Phänomene in der Natur, die man anerkennen und sich darein ergeben müsse; ferner über das nothwendige Ablehnen fremdartiger Gegenstände, wenn es darauf ankomme, bestimmte Begriffe festzuhalten und zu entwickeln.


1823, 27. April. 
Mit Friedrich Soret,
Clemens Wenzeslaus Coudray
und Heinrich Meyer 


Ich fand Coudray und Meyer bei Goethe. Man sprach über verschiedene Dinge. »Die großherzogliche Bibliothek,« sagte Goethe unter anderm, »besitzt einen Globus, der unter der Regierung Karl's V. von einem Spanier verfertigt worden. Es finden sich auf ihm einige merkwürdige Inschriften, wie z.B. die folgende ›Die Chinesen sind ein Volk, das sehr viel Ähnlichkeit mit den Deutschen hat.‹ In älteren Zeiten,« fuhr Goethe fort, »waren auf den Landkarten die afrikanischen Wüsten mit Abbildungen wilder Thiere bezeichnet. Heutzutage aber thut man dergleichen nicht; vielmehr ziehen die Geographen vor, uns carte blanche zu lassen.«


1823, 27. April. 
Mit Friedrich von Müller


Die Krankheit der Großherzogin gab Goethe Veranlassung zur Beurtheilung derselben. Sie trage nie nach, sagte er, spreche stets ihre Meinung aus, sei es Beifall, sei es Mißbilligung; ohne Reue und ohne Gewissensverletzung geht sie durch das Leben.


1823, 7. Mai. 
Mit Friedrich Soret


Abends bei Goethe. Er suchte mir einen Begriff seiner Farbenlehre zu geben. Das Licht, sagte er, sei keineswegs eine Zusammensetzung verschiedener Farben; auch könne das Licht allein keine Farben hervorbringen, vielmehr gehöre immer dazu eine gewisse Modifikation und Mischung von Licht und Schatten.

1823, 13. Mai. 
Mit Friedrich Soret


Ich fand Goethe beschäftigt, seine kleinen Gedichtchen und Blättchen an Personen zusammenzusuchen. »In frühern Zeiten,« sagte er, »wo ich leichtsinniger mit meinen Sachen umging und Abschriften zu nehmen unterließ, sind Hunderte solcher Gedichte verloren gegangen.«


1823, 15. Mai. 
Mit Friedrich von Müller


»Wer keinen Geist hat,« äußerte Goethe bei Besprechung der Nachdrucksfrage, »glaubt nicht an Geister und somit auch nicht an geistiges Eigenthum der Schriftsteller.«





1823, 2. Juni. 
Mit Friedrich Soret,
Friedrich von Müller,
Friedrich Wilhelm Riemer
und Heinrich Meyer 


Der Kanzler, Riemer und Meyer waren bei Goethe. Man sprach über die Gedichte von Béranger, und Goethe kommentirte und paraphrasirte einige derselben mit großer Originalität und guter Laune.

Sodann war von Physik und Meteorologie die Rede. Goethe ist im Begriff die Theorie einer Witterungslehre auszuarbeiten, wobei er das Steigen und Fallen des Barometers gänzlich den Wirkungen des Erdballs und dessen Anziehung und Entlassung der Atmosphäre zuschreiben wird.

»Die Herren Gelehrten und namentlich die Herren Mathematiker,« fuhr Goethe fort, »werden nicht verfehlen, meine Ideen durchaus lächerlich zu finden; aber auch sie werden noch besser thun, sie werden sie vornehmerweise völlig ignoriren. Wissen Sie aber warum? Weil sie sagen, ich sei kein Mann vom Fache.«

Der Kastengeist der Gelehrten, erwiederte ich, wäre wohl zu verzeihen. Wenn sich in ihre Theorien einige Irrthümer eingeschlichen haben und darin fortgeschleppt werden, so muß man die Ursache darin suchen, daß sie dergleichen zu einer Zeit als Dogmen überliefert bekommen haben, wo sie selber noch auf den Schulbänken saßen.

»Das ist's eben!« rief Goethe. »Eure Gelehrten machen es wie unsere weimarischen Buchbinder. Das Meisterstück, das man von ihnen verlangt, um in die Gilde aufgenommen zu werden, ist keineswegs ein hübscher Einband nach dem neuesten Geschmack. Nein, weit entfernt! es muß noch immer eine dicke Bibel in Folio geliefert werden, ganz wie sie vor zwei bis drei Jahrhunderten Mode war, mit plumpen Deckeln und in starkem Leder. Die Aufgabe ist eine Absurdität. Aber es würde dem armen Handwerker schlecht gehen, wenn er behaupten wollte, seine Examinatoren wären dumme Leute.«


1823, 2. Juni. 
Mit Friedrich von Müller u.a.


Abends bei Goethe. Er sammelt jetzt Schiller's Briefe an ihn und sprach mit Entzücken davon.




1823, 10. Juni. 
Mit Johann Peter Eckermann

Vor wenigen Tagen bin ich hier angekommen; heute war ich zuerst bei Goethe. Der Empfang seinerseits war überaus herzlich, und der Eindruck seiner Person auf mich der Art, daß ich diesen Tag zu den glücklichsten meines Lebens rechne.

Er hatte mir gestern, als ich anfragen ließ, diesen Mittag zwölf Uhr als die Zeit bestimmt, wo ich ihm willkommen sein würde. Ich ging also zur gedachten Stunde hin und fand den Bedienten auch bereits meiner wartend und sich anschickend mich hinaufzuführen.

– – – – – – – – – – – – – – –Es währte nicht lange, so kam Goethe, in einem blauen Oberrock und in Schuhen; eine erhabene Gestalt! Der Eindruck war überraschend. Doch verscheuchte er sogleich jede Befangenheit durch die freundlichsten Worte. Wir setzten uns auf das Sopha. Ich war glücklich verwirrt in seinem Anblick und seiner Nähe, ich wußte ihm wenig oder nichts zu sagen.

Er fing sogleich an, von meinem Manuskript [»Beiträge zur Poesie«] zu reden. »Ich komme eben von Ihnen her,« sagte er; »ich habe den ganzen Morgen in Ihrer Schrift gelesen; sie bedarf keiner Empfehlung, sie empfiehlt sich selber.« Er lobte darauf die Klarheit der Darstellung und den Fluß der Gedanken, und daß alles auf gutem Fundament ruhe und wohl durchdacht sei. »Ich will es schnell befördern,« fügte er hinzu; »heute noch schreibe ich an Cotta mit der reitenden Post, und morgen schicke ich das Packet mit der fahrenden nach.« Ich dankte ihm dafür mit Worten und Blicken. Wir sprachen darauf über meine fernere Reise. Ich sagte ihm, daß mein eigentliches Ziel die Rheingegend sei, wo ich an einem passenden Ort zu verweilen und etwas Neues zu schreiben gedenke. Zunächst jedoch wollte ich von hier nach Jena gehen, um dort die Antwort des Herrn von Cotta zu erwarten.

Goethe fragte mich, ob ich in Jena schon Bekannte habe; ich erwiederte, daß ich mit Herrn von Knebel in Berührung zu kommen hoffe, worauf er versprach, mir einen Brief mitzugeben, damit ich einer desto besseren Aufnahme gewiß sei.

»Nun, nun,« sagte er dann, »wenn Sie in Jena sind, so sind wir ja nahe beieinander und können zueinander und können uns schreiben, wenn etwas vorfällt.«

Wir saßen lange beisammen, in ruhiger liebevoller Stimmung. Ich drückte seine Knie, ich vergaß das Reden über seinem Anblick, ich konnte mich an ihm nicht satt sehen. Das Gesicht so kräftig und braun und voller Falten, und jede Falte voller Ausdruck. Und in allem solche Biederkeit und Festigkeit, und solche Ruhe und Größe! Er sprach langsam und bequem, so wie man sich wohl einen bejahrten Monarchen denkt, wenn er redet. Man sah ihm an, daß er in sich selber ruht und über Lob und Tadel erhaben ist. Es war mir bei ihm unbeschreiblich wohl; ich fühlte mich beruhigt, so wie es jemand sein mag, der nach vieler Mühe und langem Hoffen endlich seine liebsten Wünsche befriedigt sieht.

Er kam sodann auf meinen Brief, und daß ich recht habe, daß, wenn man eine Sache mit Klarheit zu behandeln vermöge, man auch zu vielen andern Dingen tauglich sei.

»Man kann nicht wissen, wie sich das dreht und wendet,« sagte er dann; »ich habe manchen hübschen Freund in Berlin, da habe ich denn dieser Tage Ihrer gedacht.«

Dabei lächelte er liebevoll in sich. Er machte mich sodann aufmerksam, was ich in diesen Tagen in Weimar alles noch sehen müsse, und daß er den Herrn Sekretär Kräuter bitten wolle, mich herumzuführen. Vor allem aber solle ich ja nicht versäumen, das Theater zu besuchen. Er fragte mich darauf, wo ich logire, und sagte, daß er mich noch einmal zu sehen wünsche und zu einer passenden Stunde senden wolle.

Mit Liebe schieden wir auseinander; ich im hohen Grade glücklich, denn aus jedem seiner Worte sprach Wohlwollen, und ich fühlte, daß er es überaus gut mit mir im Sinn habe.


1823, 11. Juni. 
Mit Johann Peter Eckermann

Diesen Morgen erhielt ich abermals eine Einladung zu Goethe, und zwar mittels einer von ihm beschriebenen Karte. Ich war darauf wieder kein Stündchen bei ihm. Er erschien mir heute ein ganz anderer als gestern, er zeigte sich in allen Dingen rasch und entschieden wie ein Jüngling.

Er brachte zwei dicke Bücher, als er zu mir hereintrat. »Es ist nicht gut,« sagte er, »daß Sie so rasch vorübergehen, vielmehr wird es besser sein, daß wir einander etwas näher kommen. Ich wünsche Sie mehr zu sehen und zu sprechen. Da aber das Allgemeine so groß ist, so habe ich sogleich auf etwas Besonderes gedacht, daß als ein Tertium einen Verbindungs- und Besprechungspunkt abgebe. Sie finden in diesen beiden Bänden die ›Frankfurter gelehrten Anzeigen‹ der Jahre 1772 und 1773, und zwar sind auch darin fast alle meine damals geschriebenen kleinen Recensionen. Diese sind nicht gezeichnet, doch da Sie meine Art und Denkungsweise kennen, so werden Sie sie schon aus den übrigen herausfinden. Ich möchte nun, daß Sie diese Jugendarbeiten etwas näher betrachteten und mir sagten, was Sie davon denken. Ich möchte wissen, ob sie werth sind, in eine künftige Ausgabe meiner Werke aufgenommen zu werden. Mir selber stehen diese Sachen viel zu weit ab, ich habe darüber kein Urtheil. Ihr Jüngeren aber müßt wissen, ob sie für euch Werth haben und inwiefern sie bei dem jetzigen Standpunkte der Literatur noch zu gebrauchen. Ich habe bereits Abschriften nehmen lassen, die Sie dann später haben sollen, um sie mit dem Original zu vergleichen. Demnächst, bei einer sorgfältigen Redaction, würde sich denn auch finden, ob man nicht gut thue, hier und da eine Kleinigkeit auszulassen oder nachzuhelfen, ohne im ganzen dem Character zu schaden.«

Ich antwortete ihm, daß ich sehr gern mich an diesen Gegenständen versuchen wolle, und daß ich dabei weiter nichts wünsche, als daß es mir gelingen möge, ganz in seinem Sinne zu handeln.

»Sowie Sie hineinkommen,« erwiederte er, »werden Sie finden, daß Sie der Sache vollkommen gewachsen sind; es wird Ihnen von der Hand gehen.«

Er eröffnete mir darauf, daß er in etwa acht Tagen nach Marienbad abzureisen gedenke, und daß es ihm lieb sein würde, wenn ich bis dahin noch in Weimar bliebe, damit wir uns während der Zeit mitunter sehen und sprechen und persönlich näher kommen möchten.

»Auch wünsche ich,« fügte er hinzu, »daß Sie in Jena nicht bloß wenige Tage oder Wochen verweilten, sondern daß Sie sich für den ganzen Sommer dort häuslich einrichteten, bis ich gegen den Herbst von Marienbad zurückkomme. Ich habe bereits gestern wegen einer Wohnung und dergleichen geschrieben, damit Ihnen alles bequem und angenehm werde.«

»Sie finden dort die verschiedenartigsten Duellen und Hülfsmittel für weitere Studien, auch einen sehr gebildeten geselligen Umgang; und überdies ist die Gegend so mannigfaltig, daß Sie wohl fünfzig verschiedene Spaziergänge machen können, die alle angenehm und fast alle zu ungestörtem Nachdenken geeignet sind. Sie werden Muße und Gelegenheit finden, in der Zeit für sich selbst manches Neue zu schreiben und nebenbei auch meine Zwecke zu fördern.«

Ich fand gegen so gute Vorschläge nichts zu erinnern und willigte in alles mit Freuden. Als ich ging, war er besonders liebevoll; auch bestimmte er aus übermorgen eine abermalige Stunde zu einer fernern Unterredung.


1823, 16. Juni. 
Mit Johann Peter Eckermann

Ich war in diesen Tagen wiederholt bei Goethe. Heute sprachen wir größtentheils von Geschäften. Ich äußerte mich auch über seine Frankfurter Recensionen, die ich Nachklänge seiner akademischen Jahre nannte, welcher Ausspruch ihm zu gefallen schien, indem er den Standpunkt bezeichne, aus welchem man jene jugendlichen Arbeiten zu betrachten habe.

Er gab mir sodann die ersten elf Hefte von »Kunst und Alterthum«, damit ich sie neben den Frankfurter Recensionen als eine zweite Arbeit nach Jena mit hinübernehme. »Ich wünsche nämlich,« sagte er, »daß Sie diese Hefte gut studirten und nicht allein ein allgemeines Inhaltsverzeichniß darüber machten, sondern auch aufsetzten, welche Gegenstände nicht als abgeschlossen zu betrachten sind, damit es mir vor die Augen trete, welche Fäden ich wieder aufzunehmen und weiter fortzuspinnen habe. Es wird mir dieses eine große Erleichterung sein, und Sie selber werden davon den Gewinn haben, daß Sie auf diesem praktischen Wege den Inhalt aller einzelnen Aufsätze weit schärfer ansehen und in sich aufnehmen, als es bei einem gewöhnlichen Lesen nach persönlicher Neigung zu geschehen pflegt.«

Ich fand dies alles gut und richtig, und sagte, daß ich auch diese Arbeit gern übernehmen wolle.



1823, 19. Juni. 
Mit Johann Peter Eckermann

Ich wollte heute eigentlich schon in Jena sein, Goethe sagte aber gestern wünschend und bittend, daß ich doch noch bis Sonntag bleiben und dann mit der Post fahren möchte. Er gab mir gestern die Empfehlungsbriefe und auch einen für die Familie Frommann. »Es wird Ihnen in diesem Kreise gefallen,« sagte er, »ich habe dort schöne Abende verlebt. Auch Jean Paul, Tieck, die Schlegel, und was in Deutschtand sonst Namen hat, ist dort gewesen und hat dort gern verkehrt, und noch jetzt ist es der Vereinigungspunkt vieler Gelehrten und Künstler und sonst angesehener Personen. In einigen Wochen schreiben Sie mir nach Marienbad, damit ich erfahre, wie es Ihnen geht und wie es Ihnen in Jena gefällt. Auch habe ich meinem Sohn gesagt, daß er Sie während meiner Abwesenheit drüben einmal besuche.«

Ich fühlte mich Goethen für so viele Sorgfalt sehr dankbar, und es that mir wohl, aus allem zu sehen, daß er mich zu den Seinigen zählt und mich als solchen will gehalten haben.




1823, 20. Juni. 
Mit Friedrich von Müller 


Von 8 1/2-10 Uhr bei Goethe .... Unsere Ansichten über Preßfreiheit und desfallsige Vorgänge am Bundestage contra Professor Krug divergirten sehr. Es ist mit Goethe hierüber inderthat nicht zu streiten, da er viel zu einseitig und despotisch sich ausspricht. Éloge von Delambre aus dem Moniteur. Des armen Hofrath Meyer's Krankheitsanfall unterwegs zu Gotha. Über Voßens energische Recension von Schorn's Anmerkungen zu Tischbein's Homer. Goethe wollte auch nicht worthaben, daß die Jenaische Literaturzeitung einige Zeit lang geringhaltiger gewesen. Kurz, wir waren beständig in der Opposition.


1823, 24. Juni. 
Mit Friedrich von Müller


Abends bei Goethe. Er nahm Partei für Gall's Lehre gegen die Pariser Kritiker. Weniger mittheilend und heiter, als sonst, nahm er meine Äußerungen, morgen ihn nochmals besuchen zu wollen vor seiner Abreise, so feierlich dankbar an, daß ich – wol mit Unrecht – es dafür nahm, als würde ich ihn geniren.

1823, 29. Juni nebst Nachträglichem. 
Mit Joseph Sebastian Grüner

Goethe ging mir liebevoll, mich herzlich grüßend, entgegen. Auf die verschiedenen Fragen, was ich Neues im Gebiete wahrgenommen, aufgefunden und allenfalls getauscht habe, antwortete ich:

Wenn Eure Excellenz erlauben, so werde ich morgen Rechenschaft hierüber ablegen, worauf ich mich so sehr gefreut habe. Eure Excellenz haben uns aber während der schweren Krankheit in außerordentliche Ängsten versetzt, und wir können es dem Herrn Sohne nicht genug danken, daß er uns von der eintretenden Genesung in Kenntniß gesetzt hat. Darauf Goethe: »Ich habe meinem Sohne ausdrücklich dazu den Auftrag gegeben, weil ich von Ihrer Theilnahme überzeugt war. Übrigens muß ich Ihnen sagen, daß ich seit dreißig Jahren mit niemandem auf einem so vertraulichen Fuße stehe, als mit Ihnen. In Weimar bin ich nicht für jeden zugänglich; ich kann mir die Zeit nicht rauben lassen, und man mag mich für stolz gehalten haben. Gerne aber lasse ich jene vor, welche ein Ränzchen aus Italien und Sicilien mit bringen, um wahrzunehmen, was seit meinem dortigen Aufenthalte sich geändert hat.«

Wenn ich mich nicht eines so erhebenden Ausspruches Goethes in Betreff meiner erfreuen könnte, so würde ich schwerlich folgendes mit ihm geführte Gespräch, das der Zeitfolge nach einen andern Platz finden müßte, hier einschalten.

»Jeder Mensch,« sagte Goethe zu mir, »hat eigene Zustände. Da wir so vertraut sind, so lassen Sie hören, wo Sie Ihre Studien, wahrscheinlich in Prag, vollendet haben, welcher Studienplan auf der Prager Universität vorgeschrieben war, und welche Professoren nach diesem vortrugen. Es wird mir Alles angenehm sein, was Sie mir aus Ihren Erlebnissen erzählen wollen.«

[In der folgenden Mittheilung über seine Gymnasialzeit zu Eger erwähnte Grüner der vorzüglichen erzieherischen Thätigkeit eines Exjesuiten Grassold.]

Darauf Goethe: »Wer kann in Abrede stellen, daß die Jesuiten große Gelehrte hatten, es ist löblich, daß Sie sich seiner so dankbar erinnern. Es wäre zu wünschen, daß diesen so lobenswürdigen Fußtapfen so manche Professoren folgen möchten. Wie viele Jahre mußten Sie im Gymnasium zubringen, bevor Sie bei der Universität aufgenommen wurden?«

[Nach Beantwortung dieser Frage erzählt Grüner seine Begegnisse auf der Universität in Prag und erwähnt dabei den Professor Meißner, der Ästhetik, sowie römische und griechische Literatur gelesen habe, worauf]

Goethe bemerkte: »Wenn ich nicht irre, hat Meißner den Ruf nach Prag durch die Herausgabe seines ›Alcibiades‹ erhalten. Er war in der römischen und griechischen Geschichte sehr bewandert, und hatte als Schriftsteller sich ein großes Publicum erworben. Wie waren Sie sonst mit ihm zufrieden?«

[Bei Beantwortung dieser Frage erzählte Grüner Beweise der Zuneigung der Studenten gelegentlich seines Abgangs nach Fulda, wobei]

Goethe sagte: »In Fulda, so wie ich hörte, hat Meißner mit seiner Familie traurige Schicksale erlebt,« – und forderte mich aus, weiter zu erzählen. So fuhr ich denn fort: Der gute ehrwürdige Exjesuit Widra war Professor der Mathematik. Im zweiten Semester der Logik1 erhielt der Director der philosophischen Fakultät Auftrag, die Stipendisten früher als die übrigen Hörer der Philosophie prüfen zu lassen. Da ich ein kleines Stipendium genoß, wurde ich auch dazu vorgeladen. Weil aber die bestimmte Prüfungszeit einige Wochen früher als die gewöhnliche angeordnet war, so war ich noch nicht gänzlich vorbereitet. Theils mußte ich, um mir besseren Unterhalt zu verschaffen, diese Zeit aus das Unterrichten von Kindern verwenden, theils war ich überzeugt gewesen, noch hinlängliche Zeit zu haben, um mich zur Prüfung gehörig vorzubereiten. Indeß ging es nicht wohl an, sie aufzuschieben und so unterzog ich mich ihr. Professor Widra sah in den Katalog, und da ich im ersten Semester gut von ihm klassificirt worden war, er vielleicht durch meine Prüfung Ehre vor dem Director einlegen wollte, gab er mir ein bedeutendes Problem zu lösen. Als er wahrnahm, daß ich aus der Tafel einen ganz fal schen Ansatz machte, löschte er ihn mit dem Schwamm aus, sagte zu mir ganz leise: Etiam nihil didicisti, und gab mir einige leichte Fragen, die ich gut beantworten konnte.

Goethe lächelte, notirte sich etwas und später las ich in seinen gedruckten Aphorismen: Ein Professor sagte zu seinem Schüler etiam nihil didicisti und ließ ihn für einen guten laufen.

Nachdem ich, sagte ich in meiner Erzählung fortfahrend, meine Lage und das Nachtheilige überdacht hatte, was durch eine schlechte Klasse für mich hätte entstehen können, faßte ich den ernstlichen Vorsatz, nie wieder anders als vollkommen vorbereitet zu einer Prüfung zu gehen. Mögen Eure Excellenz es nicht für Eitelkeit anrechnen, wenn ich anführe, daß ich den gefaßten Entschluß strenge gehalten, und auch von dieser Zeit an stets durchaus Vorzugsklassen, selbst bei den Prüfungen vor dem Appellationsgerichte, erworben habe.

Darauf Goethe: »Der Mensch kann Unglaubliches leisten, wenn er die Zeit einzutheilen und recht zu benutzen weiß. Ich erfreue mich an Ihren offenen Confessionen. Lassen Sie daher von Ihren Zuständen, Erlebnissen noch Weiteres hören.«

[Im weiteren Verfolg erwähnt Grüner seine Reisen als Student und wie er von Frankfurt a. M. enttäuscht gewesen sei, worauf]

Goethe sagte: »Im Jahre 1801 werden Sie nach Ihrer vorgefaßten Vorstellung Frankfurt freilich nicht günstig haben beurtheilen können. In wissenschaftlicher Hinsicht war Frankfurt von keiner Bedeutung.«

[Am Schlusse seiner Reiseberichte bemerkte Grüner, daß er dabei Entbehrungen und Anstrengungen mit Leichtigkeit ertragen habe.]Darauf Goethe: »Sie haben mit Ihrem Körper schwere Proben versucht, und da Sie diese ohne nachtheilige Folgen überstanden haben, so muß Ihnen eine lange gesunde Lebensdauer wohl in sicherer Aussicht stehen.«

1 Der erste Jahrgang des philosophischen Kursus pflegte auf den österreichischen Hochschulen Logik, der zweite Physik genannt zu werden.


1823, 1. Juli. 
Mit Joseph Sebastian Grüner

Beim Einsteigen in den Wagen [zu einer Spazierfahrt nach dem Siech- oder Jägerhaus] wäre ich auf Goethes Wink zur rechten Hand zu sitzen gekommen, daher setzte ich mich so auf den Rücksitz, daß ich ihn nicht genirte. Aber ich mußte neben ihm Platz nehmen und nach einer Weile erzählte er mir folgende Anekdote:

»Unter dem Könige Ludwig XIV. von Frankreich rühmten die Hofleute einen Chevalier als den feinstartigen Mann in Frankreich. Laden Sie ihn zu einer Jagdpartie ein, befahl der König, ich will mich überzeugen. Als dieser Chevalier unter den gewöhnlichen Ceremonien vorgestellt war, gab der König ihm mit der Hand ein Zeichen, er möge sich in seinen Wagen setzen. Obschon er zur rechten Hand des Königs zu sitzen kam, so sprang er doch gleich in den Wagen zu dem angewiesenen Sitz; denn er nahm die Deutung des Königs als Befehl.«


1823, 12. Juli. 
Mit Joseph Sebastian Grüner
und Jerome König von Westfalen

Ich fand Goethe äußerst aufgeheitert, sehr gut und lebhaft aussehend, und erlaubte mir daher die Bemerkung, daß die Kur in Marienbad ihm vortrefflich anschlage.

Goethe erwiederte: »Der Kur wegen reise ich nicht in die Badeörter, ich lebe hier sehr angenehm, die reine Lust und der Umgang mit liebenswürdigen Personen erheitern meine Tage. Unter andern sollen Sie auch die liebenswürdige polnische Gräfin Ludovica1 , eine Virtuosin auf dem Fortepiano, hier kennen lernen. Nun, Freund, was haben Sie Gutes, Neues mitgebracht?«

Ich las nun die diktirte Relation über meine mineralogische Excursion, mehrere Bogen stark, vor, und war kaum noch zu Ende, als der Bediente den ehemaligen König von Westfalen meldete, und dieser sogleich trippelnd eintrat. Ich entfernte mich sofort in das Nebenzimmer, hörte ihn aber noch sagen: »Je suis bien faché,« worüber? konnte ich nicht mehr vernehmen, vielleicht schloß ich aus seiner Miene richtig: Deßhalb, weil Goethe sich zurückgezogen und ihn nicht besucht habe. Goethe war im gewohnten Schlafrocke, hatte nicht Zeit sich in ein anderes Gewand zu werfen, und schien etwas überrascht zu sein, verlor aber, soviel ich noch im Weggehen bemerken konnte, nicht im Geringsten seine Haltung.

Ich ließ in Goethes Wohnung mein Manuscript zurück.

1 Gemeint ist Marie Szymanowska.



1823, 13. Juli. 
Mit Joseph Sebastian Grüner
und dessen Gattin

Als ich ihn [Goethe] wieder, diesmal meine Frau mitbringend, besuchte, fand ich ihn mit meinem Manuscripte und mit der geognostischen Karte beschäftigt.

»Sie werden böse auf mich sein« sagte er zu meiner Frau, daß »Ihnen so viele Steine in das Haus gebracht werden.«

Die schönen Steine habe ich zwar gerne, erwiederte sie, aber er bringt so manche nach Hause, die so gemein aussehen, und wenn er beim Auspacken nur die polirten Tische verschonen möchte.»Machen Sie sich nichts daraus«, sagte Goethe, »ich habe auch manche Fuhre zur Verbesserung der Wege wieder hinausgeschafft, die Sache läutert sich und macht uns Vergnügen, wenn wir eines Besseren belehrt werden; er weiß die Sache gehörig anzugreifen und durchzuführen; der Aufsatz, den er mir übergeben hat, macht mir vieles Vergnügen. Ich habe so eben einige große Klumpen Bergkrystall von einem Juden eingehandelt, wovon ich Ihnen (mir hinlangend) einen übergebe.«

Es war ein Klumpen von mehreren Pfunden, der in Rauchtopas schon überzugehen schien.





1823, Juli oder August. 

Über österreichische Finanzen




Da der Onkel [Friedrich Jakob Lewald] ein Talent für Nachahmung besaß, wußte er sehr ergötzlich darzustellen, wie ein einfältiger österreichischer Graf sich eines Tages abgemüht, Goethe zu beweisen, daß es sehr leicht sei, sich in der Rechnung mit Münz- und Scheingeld zurechtzufinden. »Zwei Kreuzer sind fünf Kreuzer, und vier Kreuzer sind zehn Kreuzer, und zwei Gulden sind fünf Gulden« hatte der Graf immerfort erklärt, und Goethe hatte das mit unerschütterlicher Gelassenheit angehört. Endlich aber hatte er mit seiner olympischen Ruhe gesagt: »Daß das Publicum sich damit in's Gleiche zu setzen versteht, das glaube ich gern, wie aber die Regierung sich einmal aus dem Dilemma zwischen Schein und Sein herauswickeln und mit ihrer Finanzwirthschaft in Ordnung kommen wird, das möchte schwerer zu bestimmen sein.« Der Graf hatte ihn indeß versichert, daß »das All's 'ne Kleinigkeit« sei und sich in bester Ordnung befinde, und Goethe ihn mit der Bemerkung entlassen: »Es soll mich sehr erfreuen, mein Herr Graf! in diesem Punkte mich geirrt zu haben.«

1823, Juli oder August. 
Mit Friedrich Jakob Lewald


Ein andermal hatte Goethe den Onkel um unsere Vaterstadt Königsberg befragt, die ihn um Kant's, Hamann's und Hippel's willen interessirte, und der Onkel konnte es nicht genug rühmen, wie vortrefflich Goethe durch seine wohlberechneten Fragen die Menschen bei demjenigen festzuhalten gewußt, was er von ihnen zu hören verlangt.


1823, August. 
Mit Theodor von Bernhardi 


In Eger erfuhr ich, daß Goethe in Marienbad sei ..... Nach seinen letzten Werken sowohl, als nach allen Beschreibungen, dachte ich mir einen überaus vornehmen Minister, der alle Worte wie ein Orakel von sich giebt und sehr unzugänglich ist. Wie angenehm fand ich mich enttäuscht! Ich brachte dem freundlichen Greise einen Gruß von Dir [Friedrich Tieck] und ward sehr gut von ihm aufgenommen. Wenige Menschen habe ich noch getroffen, mit denen mir der Umgang so leicht geworden, und mehrere Tage verlebten wir ganz miteinander. Es schmeichelte meiner edleren Eitelkeit,... daß er mich zuletzt recht herzlich zu sich nach Weimar einlud.




1823, Mitte August. 
Mit Karl Johann Braun von Braunthal


In Marienbad angekommen und in Klinger's Hotel mit Wagen und Pferd eingestellt, machte ich sofort ein wenig Toilette und begab mich auf den Weg. Ich stieg wallenden Blutes die Höhe – gradus ad Parnassum – hinan, wo Goethe thronte, wie überall, wo er wohnte. Von meinen »Werken« hatte ich nichts bei mir, als mein Tagebuch, ein Heft von zwölf Bogen, dessen Hälfte meine seltsame Autobiographie enthielt, während das Übrige aus Aphorismen über Goethe, Shakespeare u. a. bestand. Dieses Tagebuch sollte meine Visitenkarte vorstellen. Und so geschah es auch. Ich trat mit heiliger Scheu in das kleine, von dem großen Manne bewohnte Haus ein und präsentirte mich seinem Secretär. Er ließ mich freundlich an, nahm mein Tagebuch... entgegen, bestellte mich auf den nächsten Tag um dieselbe Stunde (zwölf) und wünschte mir einen Guten-Morgen .....

Gegen zwölf stand ich im Vorzimmer von Goethes Wohnung ..... Eine Viertelstunde.. mochte hingeschwunden sein, als der Secretär eintrat und mich mit den Worten begrüßte: »Wollen Sie sich in den Salon begeben! Der Herr Geheimrath wünscht Sie zu sprechen.«... Hier ..... that sich die eine der zwei Seitenthüren auf und ich befand mich nur ein paar Schritte weit vor dem leibhaftigen Jupiter Olympicus in einem weißflanellenen Schlafrocke.

– – – – – – – – – – – – – – – –

Er faßte mich in's Auge wie die königliche Boa Constrictor ein Reh; nur zermalmte er mich nicht, sondern schritt langsam dem Diwan zu,... mich mit sanfter Handbewegung einladend, ihm zu folgen und dann... an seiner Seite mich niederzulassen ..... Und nun an seiner, an Goethes Seite vernahm ich, immer noch halb träumend, mit einmal kräftige und zugleich melodische Töne wie Orgelklänge. Er begann mildernst das Gespräch und dabei empfand ich durch alle Glieder einen wohlthätigen Schlag, der davon herrührte, daß der herrliche Dichtergreis meine Hand, meine vor Entzücken und Verehrung zitternde Hand sanft erfaßte und mit seinen beiden Händen weich umrahmte, wobei er, den Blick auf mich ruhen lassend, also sprach:

»Ich habe Ihr Tagebuch durchblättert und werde noch bis zu Ihrer Abreise von Marienbad darin weiter lesen; ich fand des Annehmlichen und Zukunftsverheißenden bereits manches. Ihren da und dort ausgesprochenen Vorsatz, die Heimath [Österreich] zu verlassen, will ich nicht gutheißen. Sie haben ein schönes, ein großes Vaterland, wo sich viel des Fördernden für Phantasie und Gemüth findet, vieles, das, richtig geschätzt und mit Eifer verwendet, zu erfreulichem Gedeihen, zu allseitig Wünschenswerthem zu führen vermag. Die scharfe Denkerluft Deutschlands dürfte wenigstens in Ihrer jetzigen Blüthezeit auf Ihr reizbares Wesen nachtheilig wirken, Versprechendes im Keime vernichten. Und so meine ich denn, mein junger Freund! Sie kehren heim, nehmen vielverheißend Begonnenes mit Besonnenheit auf, setzen fort und streben, Jugendliches zu Mannhaftem zu steigern, sich in sich selbst ergänzend. Haben Sie dann das eine oder das andere Werk zum Abschluß gebracht, so senden Sie es mir nach Weimar. Ich liebe jugendliches Streben auf diesem Gebiete und wende mich nur von dem sich überstürzenden ab ....«

So sprach Goethe zu mir. Mir waren mittlerweile die Augen feucht geworden, und nun begann ich, mir ein Herz fassend, meinen Entschluß zu begründen. Er hörte mir ruhig zu, ohne mich zu unterbrechen, immer meinen Blick und meine Hand festhaltend; dann aber nahm er wieder das Wort und seine Rede ward zu einem Strom flüssigen Goldes der – Wahrheit. Ich preßte hingerissen meine Lippen auf seine Rechte, erhob mich und schied von dem Herrlichen mit der feierlichen Zusage, ihm Folge zu leisten. – Und ich habe Wort gehalten.


1823, zwischen Ende Mai und Anfang Juli. 
Mit Joseph Stieler

Im Jahre 1828 erhielt Stieler von König Ludwig den ehrenvollen Auftrag, nach Weimar zu reisen, um den greisen Dichter nach dem Leben zu malen. »Wir müssen eilen,« sagte Goethe, bald nachdem Stieler bei ihm eingetreten war1 , »wir müssen eilen, das Gesicht zu bekommen. Der Großherzog ist weggegangen« (mit Bezug auf dessen Tod) »und nicht wiedergekommen; wer verbürgt einem, daß man morgen erwacht?« Goethe war mit dem Portrait äußerst zufrieden und bemerkte nach dessen Vollendung unter anderm scherzhaft: »Ich danke dem König, daß er nicht den Scharfrichter geschickt hat, um meinen Kopf zu besitzen. Hier ist mein Kopf von Ihnen auf eine bequeme Weise abgenommen.«...

Goethe äußerte einmal zu Stieler in Weimar: »Die Maler sind die Götter der Erde, nichts ist der Dichter: ein Buch muß er schreiben, um vor das Publicum treten zu können; auf einer Tafel mit einem Blick vermag der Künstler sich auszusprechen, die höchste und allgemeinste Wirkung zu erreichen.« – weiter bemerkte er: »Die bildende Kunst muß durch die Sinne des Gesichts empfangen werden, sie ist folglich durch die technischen Vollkommenheiten bedingt und ohne Zeichnung und Colorit, Schatten und Licht gar nicht denkbar. Ich schätze wegen letzterem die Engländer (!) sehr. Ich halte diese Vorzüge höher, als einen glücklichen Gedanken, der, wenn er dem Auge nicht gehörig vorgestellt wird, nur der Poesie angehört.« Goethe hatte bei diesem Ausspruch die Cornelius'sche Kunstrichtung im Sinne, die er kurzweg die »altdeutsche« nannte und über die er sich gegen Stieler, der sich dieser Richtung auf's Wärmste annahm, gar nicht sehr günstig äußerte. Dürer, sagte er, würde ein ganz anderer Künstler geworden sein, wenn er in Italien gelebt hätte, und nun lege man sich dieselben Fesseln an, welche Dürer und seine deutschen Kunstgenossen gern würden abgeschüttelt haben, wenn es ihre Zeit erlaubt hätte. Ja, Goethe ging wunderlich genug so weit, den geleckten Retzsch als Illustrator des ›Faust‹ über Cornelius zu stellen. Er möge den Cornelius'schen ›Faust‹ nicht leiden, versicherte er; er trete nicht auseinander, er sei ihm zu altdeutsch und Goethe fügte hinzu: »Dieses Gedicht hat man sooft darstellen gesucht, ich halte aber dafür, daß es wenig für die bildende Kunst geeignet ist, weil es zu poetisch ist. Retzsch hat mehr das wirklich Darzustellende ergriffen.«

Einen starken Anknüpfungspunkt mündlichen, wie später schriftlichen Verkehrs zwischen beiden Männern bildete Goethes Farbenlehre. Der Künstler (Stieler) – heißt es in dem Auf satz [von Marggraff im ›Abendblatt der Münchener Zeitung‹] – hatte längst die praktische Anwendbarkeit der Goethe'schen Lehre erprobt, und es darf uns daher nicht wundernehmen, wenn Goethe in solchen und ähnlichen Erfahrungen die Unumstößlichkeit seines Systems bestätigt fand.

1 Selbstverständlich irrige Zeitbestimmung; der Großherzog starb erst während St.'s Anwesenheit



1823, 20. August. 
Mit Joseph Sebastian Grüner


Goethes Blick [bei der Fahrt von Marienbad nach Eger] war meistens nach oben gerichtet, er blieb wiederholt dabei, daß man auch dem Wolkenzuge durch häufige und genaue Beobachtung in verschiedenen Ländern, etwas abgewinnen könne. Schäfer und Hirten, die immer im Freien sich bewegen, wären dabei nicht außer Spiel zu lassen. Die Gegend, wo der Menilith bei Grottensee, Königswarther Herrschaft, vorkömmt, und welchen Professor Zippe den schaalichten Opal nannte, faßte er scharf ins Auge und sagte: Den wollen wir auch noch besuchen.




1823, 21. August. 
Mit Joseph Sebastian Grüner
und C. S. von Knorring

Herr von Knorring, ein junger Mann von etwa zwanzig Jahren, war ein anmuthiger Gesellschafter. Von den verschiedenen witzigen Gesprächen habe ich bloß angemerkt, daß Herr von Knorring erzählte, er habe, als er durch die Stadt Dux fuhr, bei dem Thore auf einer Tafel geschrieben gefunden: »Hier ist verboten betteln zu gehen und Tabak zu rauchen.«

Der Schuhmacher Braunholder war zugleich Lichterzieher. Die Aufschrift über seinem Laden war: »Braun holder Lichterzieher.«In Riga gibt es ein Schild mit der Aufschrift: »Ach Jesu.«

Goethe erzählte: »Ein Nadelmacher hatte zum Hausschild: ›Das gequälte Herz,‹ das gequälte Herz war mit Nadeln durchstochen.«


1823, 23. August. 
Mit Joseph Sebastian Grüner 


Nach eingenommenem Gabelfrühstück und mitgenommenem Proviantfuhren wir früh neun Uhr nach Booden, um den Rehberg zu untersuchen. Goethe blieb auf der Höhe sitzen, und schlürfte aus einer vergoldeten Pilgrimschale von Silber den hineingegossenen Rheinwein. Ich ging um den Rehberg herum, und weil ich auf der West-, der Ost- und der Nordseite Thonschiefer fand, so berichtete ich, daß der Berg aus Thonschiefer bestehe.

»Haben Sie ihn auch auf der Südseite untersucht?« fragte Goethe, und als ich mit Nein antwortete, sagte er: »Ihr jungen Leute laßt euch durch Leidenschaft öfters zu Fehlschlüssen verleiten. Kann denn gegen Süden und im Innern nicht etwas Anderes als Thonschiefer sein? Es kann nicht der Schluß gezogen werden, daß, weil am Fuße des Berges südlich dieses und nördlich jenes Gestein vorkömmt, die ganze Unterlage des Berges daraus besteht; denn es mag etwas dazwischen liegen. Ebenfalls ist nicht richtig, daß weil mich das Mädchen den ersten und dritten Tag geküßt hat, sie den zweiten Tag nicht auch einen anderen geküßt haben kann. Die Leidenschaft verleitet gewöhnlich den Menschen zu solchen Schlüssen.«

Er trank aus der Pilgrimsschale, ich mußte mich zu ihm setzen und seinen Wein, seinen Proviant mit verzehren helfen. Verweilen Eure Excellenz, sagte ich, hier noch, ich werde den Berg auch gegen Süden untersuchen, eilte von ihm weg, und kam sofort mit schöneren Basalten als vom Kammerbühle zurück; denn der Olivin in den Basaltschlacken war viel frischer und größer.

»Woher, Freund, haben Sie diese schönen Schlacken?« fragte Goethe, erhob sich in diesem Momente rasch wie ein Jüngling und sagte: »das müssen wir an Ort und Stelle untersuchen.«

Im Dorfe Booden am Fahrwege sind große Klumpen dieses porösen Basalts entblößt. Ein kleiner Hügel ist mit verschiedenen Schlacken bedeckt; es wurde in der Mitte desselben eine Vertiefung wahrgenommen, die schon größtentheils ausgefüllt ist. Die Einwohner sagten uns, daß dort eine große Vertiefung und in ihr auf der Sohle Wasser sich befunden habe. Nach und nach wäre sie durch das Hineinwerfen der Schlacken ausgefüllt worden.

Goethe war eifrig, dem großen Klumpen Basalt etwas abzugewinnen; ich zerschlug, sammelte verschiedene Schlacken, die alle vorsichtig eingepackt und von mir und dem Diener nach der Höhe hinaufgetragen wurden.

»Wir haben«, sagte Goethe, »eine wichtige Entdeckung in dieser Gegend gemacht, die zu weiteren Nachforschungen dienen wird.«

Dann gingen wir in nördlicher Richtung den Berg abwärts auf das Dorf Albenreuth zu, wo auf den Feldern glänzende zertrümmerte Basalthornblende, nahe am Dorfe hohe Schichten von vulkanischem Sande mit porösen Basaltstückchen und Hornblende entdeckt wurden.

Als wir den schönen Fund nach der Heimkunft auspackten, sagte Goethe: »Morgen gibt es zu ordnen und zu verzeichnen. Sie bleiben doch noch bei mir, wir wollen noch Manches besprechen.«

Nachdem er das Oberkleid mit dem Schlafrock vertauscht hatte, mußte ich mich zu ihm setzen, und er sprach: »Wir haben heute unser Tagewerk vollbracht, und wollen nun ausruhen; diese merkwürdige Gegend wünschte ich doch mit Ihnen noch einmal zu besuchen, wenn es Ihre Geschäfte zulassen. Wir haben den in der Nähe östlich liegenden Dillenberg, wo die edlen Granaten vorkommen, noch nicht besucht, und der südlich von uns gelegene Berg, Hochwald genannt, dürfte nebst den schönen Andalusiten noch andere Ausbeute liefern. Ihre Gebirgskarte hat mich zu dem abermaligen Besuche bestimmt; denn ich glaube, daß die Gebirgsformation gegen Westen aus anderem Gestein, als jene gegen Süden bestehe; die Thäler dazwischen und die äußere Form dieser Gebirge dürften meine Meinung bestärken. Finden wir bei der Trennung derselben Spalten Wasserrisse, so kommen wir bald ins Reine, auch den Bach dürfen wir nicht unbeachtet lassen, denn Regengüsse führen manches hinab, was wir brauchen, und uns daran erfreuen können.«


1823, 24. August. 
Mit Joseph Sebastian Grüner,
sodann Heinrich Meyer 


Die Kleidertracht der Egerländer bildete in meiner Abhandlung eine eigene Abtheilung. Ich hatte die älteste und die neueste Tracht bildlich dargestellt, um zu vergleichen, ob und in wieferne der allgemein herrschende Luxus auch auf sie eingewirkt habe. Zugleich gab ich den Stoff und das Ellenmaß bestimmt an, wobei ich die ältesten und die jüngsten Bauernschneider zu Rathe gezogen hatte.

»Das hat sein Gutes«; sagte Goethe, »man kann in der Folge wahrnehmen, ob und in wiefern der Luxus auf sie eingewirkt hat. Es wäre interessant, solche Aufzeichnungen auch von anderen Völkern zu haben.«

Abends kam Hofrath Meyer. »Einer meiner ältesten Freunde,« sagte Goethe, »dem ich in Beurtheilung von Kunstwerken viel zu verdanken habe.«

Hofrath Meyer, ein anspruchsloser Mann, der im Dialekte den gebornen Schweizer noch etwas verrieth, schien bei dieser Äußerung Goethes in Verlegenheit zu gerathen. Goethe lenkte aber das Gespräch sogleich auf die früheren Zeiten, auf Italien, auf Rom, wo Hofrath Meyer sich insbesondere ausgebildet hatte. Von dem Gespräche zwischen Goethe und Meyer habe ich nur folgende Äußerung Goethes aufgezeichnet:

»Neue Erfindungen können und werden geschehen, allein es kann nichts Neues ausgedacht werden, was auf den sittlichen Menschen Bezug hat. Es ist alles schon gedacht, gesagt worden, was wir höchstens unter andern Formen und Ausdrücken wie dergeben können. Man komme über die Orientalen, da findet man erstaunliche Sachen.«


1823, 25. August. 
 Mit Joseph Sebastian Grüner



a. 
Als Hofrath Meyer Abschied genommen hatte, sagte Goethe: »Den Tod dieses Mannes wünsche ich nicht zu überleben. Er ist ein gediegener tüchtiger, nicht zu ersetzender Mann. Ich bin an ihn gewöhnt, und er bleibt öfters bei mir bis Nachts ein Uhr.«

Die Zusammenkunft in Hartenberg bei dem Grafen Auersperg wurde besprochen.

b. 

Ich hatte Goethe zwar vorgeschlagen, den 28. August abermals in Hartenberg, wie es der Graf [Auersperg] so sehr wünschte, zu verleben, allein er war nicht dazu zu bewegen, schützte seine nothwendige Anwesenheit in Karlsbad vor.



1823, Anfang September (?). 
Mit Marie und August Wilhelm Rehberg

Gern möchte ich... recht viel vom Gespräch mit Goethe erzählen können, aber es geht aus vielen Gründen nicht. Am Morgen, da ich bei ihm allein war, blieb natürlich die Unterhaltung in der Sphäre der Gewöhnlichkeit; ich hatte mich so gut in meinen Basenmantel1 eingemummt, daß ihm gar kein Zweifel aufsteigen konnte, als habe ich je eine Zeile von ihm gelesen, ja, ob ich überhaupt lesen und schreiben könne, blieb ungewiß. »Ach, sage Se mer doch, Ihr Excelenz, ob Se sich wieder recht gut befinde? Ach, wie wird sich mein Herr Vetter freie! Und viele, viele Leit werde sich freie. Is es denn wahr, daß Sie sich selbst curirt habe? Die Leit habe sagt, die Docter hätte Sie nicht ksund mache könne.«

Er kam nicht aus dem Lächeln über die komische Base, zog sie immer wieder auf's Kanapee und sagte, ob sie denn heute nicht in Karlsbad bleiben wolle. »Ach nein, Ihr Ex.! Sehn Se, ich reis' mit einem alten Herrn, der hat absolut nich herkwollt; aber ich hab'n soviel kbitt, bis ers kthan hatt. Mer wolle nach Prag; das soll e schöne Stadt sein, und zu Dresde soviel schöne Bilder etc.« – Was war auf solches Zeug zu antworten und was konnte man so einer Base sagen?

Den Nachmittag hätte ich nun gar zu gern mir meinen Pardon allein geholt und ihn womöglich in die alte Zeit zurückgeführt, zu meinem Vater und Merck u.s.w., aber Rehberg wollte doch auch sein Theil von ihm haben und blieb »als verwünschter Dritter« dabei sitzen. Ich war nach meiner üblen Gewohnheit auf Reisen halb taub, und so entging mir vieles, was er mit R. über allerlei literarische Gegenstände und über Göttingen sprach. Er hat eine Herausgabe seiner Correspondenz mit Schiller vor, wovon ihn aber doch noch, wie er sagte, die Furcht abhielte, manchen unter den Lebendigen zu verletzen und Anstoß zu geben, was ihm Rehberg auszureden und ihn zu bewegen suchte, seine Correspondenz der Welt baldmöglichst zu schenken. Die Geschichte seines Lebens, sagte er, sei geschlossen. Ich brachte ihn doch noch auf Darmstadt und Merck, wobei er ein Wort aussprach, was das ganze Leben Rehberg's bezeichnete und mir mit einem Blitzstrahl den Punkt erleuchtete, um den sich sein ganzes Schicksal gedreht hat. Ach! – konnte ich nicht umhin im Stillen zu seufzen – wer das R. vor 30 Jahren zugerufen hätte! Und wenn er's hätte befolgen können! Aber hier erkannte ich meinen Dichter, an dem ich vor allem den gefunden Menschenverstand bewundert habe, womit er immer den Nagel auf den Kopf trifft.

Überhaupt ist es nicht möglich, sich etwas Einfacheres, Natürlicheres, als sein Gespräch zu denken. Er ist sich seiner innern Kraft und Vollendung auf's Vollkommenste bewußt und läßt sich darum nur so ganz ruhig gehen. Sein Anstand ist vornehm, imposant, ohne eine Spur von Aufgeblasenheit, ohne die Steifheit, deren ihn so manche angeklagt haben. Manchmal geht seine Natürlichkeit in Naivetät über, und das steht ihm ganz bezaubernd. Im Laufe des Gesprächs erinnerte ich ihn einmal, daß er gesagt habe: Gott segne die Pedanten, da sie soviel Nützliches beschicken! »Ja,« sagte er freundlich, »das schickt sich wohl für mich, die Partie der Pedanten zu übernehmen, da ich selbst einer bin.« – Wenn man ihm etwas Verbindliches sagt, so zieht ein freundliches Lächeln über sein Gesicht, was ohne Worte zu sagen scheint: ich danke für Deine gute Absicht. – Die wenigen gütigen Zeilen, die er mir ins Reisestammbuch schrieb, habe ich Ihnen, glaub' ich, schon mitgetheilt.

Beim Abschied nahm er noch zwei Steine aus seiner Mineraliensammlung und gab sie mir mit den Worten: »Ich muß Ihnen doch auch ein Andenken schenken! Da sind ein paar Steine; aber ich nenne sie nicht. Fragen Sie nur den ersten besten Mineralogen darnach.« – Auf meine Frage sagte mir Hausmann: der eine heiße Pyroxène – der Feuergast, der andere Amphibole – die Zweideutige. Da hatte ich also meine gnädige Strafe.

1 Frau Rehberg hatte sich als Verwandte des Geheimenrath Götz in Rüdesheim, bei welchem Goethe 1814 gewohnt, eingeführt.





1823, 6. September.
Mit Joseph Sebastian Grüner
und Graf Auersperg

[Grüner hatte von dem 1816 und 1817 herrschenden Nothstand gesprochen und dabei erwähnt, daß die Erzgebirger trotzdem nicht in Eger verblieben waren, wo ihnen Erwerb verschafft wurde.]

»Allerdings« – sagte Goethe – »hängen die Gebirgsbewohner mit ganzer Seele an ihrer Heimat. Wenn ich nicht irre, ist unter Ludwig XIV. unter den schwersten Strafen das Blasen einer Schalmei verboten worden, weil in den Schweizerregi mentern die Leute dadurch zu sehr an ihre Heimat erinnert wurden, und viele an Heimweh dahinstarben. Der Fall, den Sie uns mittheilten, ist sehr merkwürdig und hätte öffentlich zur Warnung bekannt gemacht werden sollen.«


1823, 8. September. 
Mit Joseph Sebastian Grüner 


Beim Eintritte begrüßte mich Goethe freundlich mit: »Glück auf! Nun lassen Sie, mein Guter, Ihre neuen Acquisitionen sehen. Man würde Ihnen ans Herz greifen, wenn ich mir davon etwas wählen wollte.«

Für Eure Excellenz, sagte ich, steht Alles zu Diensten; denn ich habe Ihnen ja Alles zu verdanken.

Darauf Goethe: »Ich will Sie nicht beunruhigen, denn künftig ließen sie vielleicht Ihre vorzüglichsten Stücke mir nicht mehr sehen.«Da er indeß die schön krystallisirten Andalusiten lobte, suchte ich einen vorzüglichen für ihn aus, den er wohlgefällig mit den Worten annahm: »Jemand anderem würden Sie ihn gewiß nicht so bereitwillig ohne reichlichen Ersatz gegeben haben; nicht wahr, mein Lieber?«

Bei Euer Excellenz sagte ich, gereicht es mir nur zum Vergnügen, und ich schätze mich glücklich, in den Stand gesetzt zu sein, nun etwas Annehmbares anbieten zu können, aber, wie gesagt, es bemächtigt sich meiner eine so unendliche Leidenschaft des Geizes, daß ich ihr kaum widerstehen kann; ich möchte nur immer schöne Mineralien acquiriren, und, wenn ich tausche, fällt es mir schwer, sehr schwer, mich von schönen Stufen zu trennen, und dennoch muß ich es thun, weil der Freund dann gezwungen ist, mir auch schöne Sachen dafür zu liefern.

»Sie sind schon auf dem rechten Wege,« sagte Goethe, »so muß es kommen. Fahren Sie nur so fort, wo Ihre Arme noch nicht hinreichen, werde ich meine z.B. nach England, Chile, Sicilien ausstrecken.«

Während des in Goethes Tagebuche angemerkten Spazierganges richtete sein Auge sich bald auf das schöne Egerthal, bald auf die Wolken, denen, wie er sich oft äußerte, etwas abzugewinnen sei.

Bei meinem Abendbesuche erkundigte er sich über die Ceremonie bei Einführung eines Pfarrers, über die Anzahl der zum Eger'schen Magistrate gehörigen Patronate und über die Obliegenheit eines Patrons. Ich gab die erforderliche Auskunft.


1823, 13. September. 
Mit Friedrich von Müller


Als ich Abends 7 Uhr bei ihm [Goethe] eintraf, lenkte sich das Gespräch gar bald auf Rehbein's Braut [Katharina v. Gravenegg], die dieser heimzuholen gerade jenen Abend nach Eger abgereist war. Diese schöne Gelegenheit ergriff der alte Herr auf's Schlauste, sein eignes Glaubensbekenntniß auszusprechen. Er lobte nämlich die Braut über alle Maaßen, nannte es aber doch einen dummen Streich, daß Rehbein sich so rasch vereheliche. »Sie wissen«, sagte er, »wie ich alles Extemporiren hasse, vollends eine Verlobung oder Heirath aus dem Stegreife war mir von jeher ein wahrer Greuel. Eine Liebe wohl kann im Nu entstehen, und jede ächte Neigung muß irgend einmal gleich dem Blitze plötzlich aufgeflammt sein, aber wer wird sich denn gleich heirathen, wenn man liebt? Liebe ist etwas Ideelles, Heirathen etwas Reelles, und nie verwechselt man ungestraft das Ideelle mit dem Reellen. Solch ein wichtiger Lebensschritt will allseitig überlegt sein und längere Zeit hindurch, ob auch alle individuelle Beziehungen, wenigstens die meisten, zusammen passen. Übrigens ist Rehbein's Heirathsgeschichte so wunderbar, daß offenbar die Dämonen sich hineingemischt haben, und da hütete ich mich dagegen zu sprechen, ob ich gleich innerlich wüthend war.«


1823, 15. September. 
Mit Johann Peter Eckermann

Nach einem beiderseitigen fröhlichen Begrüßen fing Goethe sogleich an über meine Angelegenheit zu reden.

»Ich muß gerade heraussagen,« begann er, »ich wünsche, daß Sie diesen Winter bei mir in Weimar bleiben.« Dies waren seine ersten Worte, dann ging er näher ein und fuhr fort: »In der Poesie und Kritik steht es mit Ihnen auf's beste, Sie haben darin ein natürliches Fundament; das ist Ihr Metier, woran Sie sich zu halten haben und welches Ihnen auch sehr bald eine tüchtige Existenz zuwege bringen wird. Nun ist aber noch manches, was nicht eigentlich zum Fache gehört und was Sie doch auch wis sen müssen. Es kommt aber darauf an, daß Sie hierbei nicht lange Zeit verlieren, sondern schnell darüber hinwegkommen. Das sollen Sie nun diesen Winter bei uns in Weimar, und Sie sollen sich wundern, wie weit Sie Ostern sein werden. Sie sollen von allem das beste haben, weil die besten Hilfsmittel in meinen Händen sind. Dann stehen Sie für's Leben fest und kommen zum Behagen und können überall mit Zuversicht auftreten.«

Ich freute mich dieser Vorschläge und sagte, daß ich mich ganz seinen Ansichten und Wünschen überlassen wolle.

»Für eine Wohnung in meiner Nähe,« fuhr Goethe fort, »werde ich sorgen; Sie sollen den ganzen Winter keinen unbedeutenden Moment haben. Es ist in Weimar noch viel Gutes beisammen, und Sie werden nach und nach in den höhern Kreisen eine Gesellschaft finden, die den besten aller großen Städte gleichkommt. Auch sind mit mir persönlich ganz vorzügliche Männer verbunden, deren Bekanntschaft Sie nach und nach machen werden und deren Umgang Ihnen im hohen Grade lehrreich und nützlich sein wird.«

Goethe nannte mir verschiedene angesehene Namen und bezeichnete mit wenigen Worten die besondern Verdienste jedes einzelnen.

»Wo finden Sie«, fuhr er fort, »auf einem so engen Fleck noch so viel Gutes? Auch besitzen wir eine ausgesuchte Bibliothek und ein Theater, was den besten anderer deutschen Städte in den Hauptsachen keineswegs nachsteht. Ich wiederhole daher: bleiben Sie bei uns, und nicht bloß diesen Winter, wählen Sie Weimar zu Ihrem Wohnort. Es gehen von dort die Thore und Straßen nach allen Enden der Welt. Im Sommer machen Sie Reisen und sehen nach und nach, was Sie zu sehen wünschen. Ich bin seit funfzig Jahren dort, und wo bin ich nicht überall gewesen! Aber ich bin immer gern nach Weimar zurückgekehrt.«


1823, 17. September. 
Mit Johann Peter Eckermann


Gestern morgen, vor Goethes Abreise [von Jena] nach Weimar, war ich so glücklich, wieder ein Stündchen bei ihm zu sein. Und da führte er ein höchst bedeutendes Gespräch, was für mich ganz unschätzbar ist und mir auf mein ganzes Leben wohlthut. Alle jungen Dichter in Deutschland müßten es wissen, es könnte ihnen helfen.

Er leitete das Gespräch ein, indem er mich fragte, ob ich diesen Sommer keine Gedichte gemacht. Ich antwortete ihm, daß ich zwar einige gemacht, daß es mir aber im ganzen dazu an Behagen gefehlt. »Nehmen Sie sich in Acht,« sagte er darauf, »vor einer großen Arbeit! Das ist's eben, woran unsere Besten leiden, gerade diejenigen, in denen das meiste Talent und das tüchtigste Streben vorhanden. Ich habe auch daran gelitten und weiß, was es mir geschadet hat. Was ist da nicht alles in den Brunnen gefallen! Wenn ich alles gemacht hätte, was ich recht gut hätte machen können, es würden keine hundert Bände reichen.

Die Gegenwart will ihre Rechte; was sich täglich im Dichter von Gedanken und Empfindungen aufdrängt, das will und soll ausgesprochen sein. Hat man aber ein größeres Werk im Kopfe, so kann nichts daneben aufkommen, so werden alle Gedanken zurückgewiesen, und man ist für die Behaglichkeit des Lebens selbst so lange verloren. Welche Anstrengung und Verwendung von Geisteskraft gehört nicht dazu, um nur ein großes Ganzes in sich zu ordnen und abzurunden, und welche Kräfte und welche ruhige ungestörte Lage im Leben, um es dann in einem Fluß gehörig auszusprechen! Hat man sich nun im ganzen vergriffen, so ist alle Mühe verloren; ist man ferner bei einem so umfangreichen Gegenstande in einzelnen Theilen nicht völlig Herr seines Stoffes, so wird das Ganze stellenweise mangelhaft werden, und man wird gescholten; und aus allem entspringt für den Dichter statt Belohnung und Freude für so viele Mühe und Aufopferung nichts als Unbehagen und Lähmung der Kräfte. Faßt dagegen der Dichter täglich die Gegenwart auf, und behandelt er immer gleich in frischer Stimmung, was sich ihm darbietet, so macht er sicher immer etwas Gutes, und gelingt ihm auch einmal etwas nicht, so ist nichts daran verloren.

Da ist der August Hagen in Königsberg ein herrliches Talent! Haben Sie seine ›Olfried und Lisena‹ gelesen? Da sind Stellen darin, wie sie nicht besser sein können: die Zustände an der Ostsee, und was sonst in dortige Lokalität hineinschlägt, alles meisterhaft. Aber es sind nur schöne Stellen, als Ganzes will es niemand behagen. Und welche Mühe und welche Kräfte hat er daran verwendet, ja er hat sich fast daran erschöpft! Jetzt hat er ein Trauerspiel gemacht!«

Dabei lächelte Goethe und hielt einen Augenblick inne. Ich nahm das Wort und sagte, daß, wenn ich nicht irre, er Hagen in »Kunst und Alterthum« gerathen, nur kleine Gegenstände zu behandeln. »Freilich habe ich das,« erwiederte Goethe; »aber thut man denn was wir Alten sagen? Jeder glaubt, er müsse es doch selber am besten wissen, und dabei geht mancher verloren, und mancher hat lange daran zu irren. Es ist aber jetzt keine Zeit mehr zum Irren, dazu sind wir Alten gewesen; und was hätte uns all unser Suchen und Irren geholfen, wenn ihr jüngern Leute wieder dieselbigen Wege laufen wolltet? Da kämen wir ja nie weiter! Uns Alten rechnet man den Irrthum zu gute, weil wir die Wege nicht gebahnt fanden; wer aber später in die Welt eintritt, von dem verlangt man mehr, der soll nicht abermals irren und suchen, sondern er soll den Rath der Alten nutzen und gleich auf gutem Wege fortschreiten. Es soll nicht genügen, daß man Schritte thue, die einst zum Ziele führen, sondern jeder Schritt soll Ziel sein und als Schritt gelten.

Tragen Sie diese Worte bei sich herum und sehen Sie zu, was Sie davon mit sich vereinigen können. Es ist mir eigentlich um Sie nicht bange, aber ich helfe Ihnen durch mein Zureden vielleicht schnell über eine Periode hinweg, die Ihrer jetzigen Lage nicht gemäß ist. Machen Sie vor der Hand, wie gesagt, immer nur kleine Gegenstände, immer alles frischweg, was sich Ihnen täglich darbietet, so werden Sie in der Regel immer etwas Gutes leisten, und jeder Tag wird Ihnen Freude bringen. Geben Sie es zunächst in die Taschenbücher, in die Zeitschriften; aber fügen Sie sich nie fremden Anforderungen, sondern machen Sie es immer nach Ihrem eigenen Sinn. Die Welt ist so groß und reich und das Leben so mannigfaltig, daß es an Anlässen zu Gedichten nie fehlen wird. Aber es müssen alles Gelegenheitsgedichte sein, das heißt, die Wirklichkeit muß die Veranlassung und den Stoff dazu hergeben. Allgemein und poetisch wird ein specieller Fall eben dadurch, daß ihn der Dichter behandelt. Alle meine Gedichte sind Gelegenheitsgedichte, sie sind durch die Wirklichkeit angeregt und haben darin Grund und Boden. Von Gedichten aus der Luft gegriffen halte ich nichts.

Man sage nicht, daß es der Wirklichkeit an poetischem Interesse fehle; denn eben darin bewährt sich ja der Dichter, daß er geistreich genug sei, einem gewöhnlichen Gegenstande eine interessante Seite abzugewinnen. Die Wirklichkeit soll die Motive hergeben, die auszusprechenden Punkte, den eigentlichen Kern; aber ein schönes belebtes Ganzes daraus zu bilden, ist Sache des Dichters. Sie kennen den Fürnstein, den sogenannten Naturdichter; er hat ein Gedicht gemacht über den Hopfenbau, es läßt sich nicht artiger machen. Jetzt habe ich ihm Handwerkslieder aufgegeben, besonders ein Weberlied, und ich bin gewiß, daß es ihm gelingen wird; denn er hat von Jugend auf unter solchen Leuten gelebt, er kennt den Gegenstand durch und durch, er wird Herr seines Stoffes sein. Und das ist eben der Vortheil bei kleinen Sachen, daß man nur solche Gegenstände zu wählen braucht und wählen wird, die man kennt, von denen man Herr ist. Bei einem großen dichterischen Werke geht das aber nicht, da läßt sich nicht ausweichen: alles, was zur Verknüpfung des Ganzen gehört und in den Plan hinein mit verflochten ist, muß dargestellt werden und zwar mit getroffener Wahrheit. Bei der Jugend aber ist die Kenntniß der Dinge noch einseitig; ein großes Werk aber erfordert Vielseitigkeit, und daran scheitert man.«

Ich sagte Goethen, daß ich im Willen gehabt, ein großes Gedicht über die Jahreszeiten zu machen und die Beschäftigungen und Belustigungen aller Stände hineinzuverflechten. »Hier ist derselbige Fall,« sagte Goethe darauf »es kann Ihnen vieles daran gelingen, aber manches, was Sie vielleicht noch nicht gehörig durchforscht haben und kennen, gelingt Ihnen nicht. Es gelingt Ihnen vielleicht der Fischer, aber der Jäger vielleicht nicht. Geräth ober am Ganzen etwas nicht, so ist es als Ganzes mangelhaft, so gut einzelne Partien auch sein mögen, und Sie haben nichts Vollendetes geleistet. Stellen Sie aber blos die einzelnen Partien für sich selbständig dar, denen Sie gewachsen sind, so machen Sie sicher etwas Gutes. Besonders warne ich vor eigenen großen Erfindungen; denn da will man eine Ansicht der Dinge geben, und die ist in der Jugend selten reif. Ferner, Charaktere und Ansichten lösen sich als Seiten des Dichters von ihm ab und berauben ihn für fernere Productionen der Fülle. Und endlich, welche Zeit geht nicht an der Erfindung und innern Anordnung und Verknüpfung verloren, worauf uns niemand etwas zu gute thut, vorausgesetzt daß wir überall mit unserer Arbeit zu stande kommen. Bei einem gegebenen Stoff hingegen ist alles anders und leichter. Da werden Facta und Charaktere überliefert, und der Dichter hat nur die Belebung des Ganzen. Auch bewahrt er dabei seine eigene Fülle, denn er braucht nur wenig von dem Seinigen hinzu zu thun; auch ist der Verlust von Zeit und Kräften beiweitem geringer, denn er hat nur die Mühe der Ausführung. Ja ich rathe sogar zu schon bearbeiteten Gegenständen. Wie oft ist nicht die Iphigenie gemacht, und doch sind alle verschieden; denn jeder sieht und stellt die Sachen anders, eben nach seiner Weise.

Aber lassen Sie vorderhand alles Große zur Seite. Sie haben lange genug gestrebt, es ist Zeit, daß Sie zur Heiterkeit des Lebens gelangen, und dazu eben ist die Bearbeitung kleiner Gegenstände das beste Mittel.«

Wir waren bei diesem Gespräch in seiner Stube auf- und abgegangen; ich konnte immer nur zustimmen, denn ich fühlte die Wahrheit eines jeden Wortes in meinem ganzen Wesen.


1823, 17. und 18. September. 
Mit Friedrich von Müller
und Heinrich Meyer


Gestern und vorgestern brachte ich die Abende nebst Ottilie bei ihm [Goethe] zu, ganz in alter Gemüthlichkeit, und übergab ihm auch Ihre [der Gräfin Julie Egloffstein] Zeichnung, die den lautesten Beifall erntete. Er nannte sie »höchst congruent und verständig«; Meyer tobte ganz besonders die kräftigen und scharfen Züge um Hals, Kinn und Backen. Ich soll Ihnen »einstweilen« die schönsten Danksagungen aussprechen, bis er selbst Zeit gewinne, »etwas Freundliches von sich zu geben«. Sie glauben nicht, liebste Julinde, wie herzlich er Ihnen zugethan ist und wie ich mich daran ergötze! Ehester Tage sollen Ihre »Wunder« – wie er sie neunt – gefertigt werden, über deren Verlangen er weidlich lachte. Recht artig ist es, daß sich in Karlsbad mein Abenteuer mit dem Fürsten von Hohenzollern und seiner Schwester (von dem Wasserfall bei Baden her) auf Goethen übertragen und fortgesponnen hat, und daß jene seine Bekanntschaft und er wieder umgewandt die ihrige lediglich durch Reminiscenzen aus meiner Erzählung machte. Goethe war nachher nochmals bei ihnen und rühmt besonders die Anmuth und den seinen milden Sinn der Prinzeß Julia.

1823, 21. September. 
Mit Friedrich von Müller 


Sonntags, den 21. September war ich nach dem Hofe ein Stündchen bei ihm, wurde aber bald abgerufen. Wir sprachen von dem nun wirklich zu Paris aufgefundenen Original-Manuscript von Rameau's Neffen, dessen Authenticität zu bezeugen, Goethe durch den Verleger in einem sehr schmeichelhaften und klug gestellten Schreiben aufgefordert worden.




1823, 23. September. 
Mit Friedrich von Müller

Ich war kaum gegen 6 Uhr in Goethes Zimmer getreten, zunächst um Professor Umbreit für morgen anzumelden, als der alte Herr seinen leidenschaftlichen Zorn über unser neues Judengesetz1 , welches die Heirath zwischen beiden Glaubensverwandten gestattet, ausgoß. Er ahndete die schlimmsten und grellsten Folgen davon, behauptet, wenn der Generalsuperintendent Charakter habe, müsse er lieber seine Stelle niederlegen als eine Jüdin in der Kirche im Namen der heiligen Dreifaltigkeit trauen. Alle sittlichen Gefühle in den Familien, die doch durchaus auf den religiösen ruhten, würden durch ein solch scandalö ses Gesetz untergraben. Dieser sein Unmuth, sich nach dem heitern Aufenthalt in Marienbad wieder hier eingeengt zu befinden, machte sich den ganzen Abend vielfach bemerkbar. Als ich ihn zu täglichen Spazierfahrten antrieb, sagte er: »Mit wem soll ich fahren, ohne Langeweile zu empfinden? Die Stael hat einst ganz richtig zu mir gesagt: Il vous faut de la séduction. Ja ich bin wohl und heiter heimgekehrt, drei Monate lang habe ich mich glücklich gefühlt, von einem Interesse zum andern, von einem Magnet zum andern gezogen, fast wie ein Ball hin und her geschaukelt, aber nun – ruht der Ball wieder in der Ecke und ich muß mich den Winter durch in meiner Dachshöhle vergraben, und zusehen, wie ich mich durchflicke.« Wie schmerzlich ist es doch, solch eines Mannes innere Zerrissenheit zu gewahren, zu sehen, wie das verlorene Gleichgewicht seiner Seele sich durch keine Wissenschaft, keine Kunst wieder herstellen läßt, ohne die gewaltigsten Kämpfe, und wie die reichsten Lebenserfahrungen, die hellste Würdigung der nisse ihn davor nicht schützen konnten. Was in seinem Judeneifer recht merkwürdig war, ist die tiefe Achtung vor der positiven Religion, vor den bestehenden Staats-Einrichtungen, die trotz seiner Freidenkerei überall durchblickte. »Wollen wir denn überall im Absurden vorausgehen, alles Fratzenhafte zuerst probiren?« sagte er unter andern.

1 Vom 20. Juni 1823. Nachtrag vom 6. Mai 1833 im weimarischen Regierungsblatt.



1823, 24. September. 
Mit Friedrich von Müller
und Friedrich Wilhelm Karl Umbreit


Um 1 Uhr führte ich Professor Umbreit zu Goethe. Fast eine Stunde lang war er freundlich, mild und aufgeschlossen, indem er viele der Heidelberger Lehrer und den Zustand der Naturwissenschaften, Philologie etc. die Revue passiren ließ. Paulus Tochter, Frau von Schlegel, habe eigentlich einen sehr guten Charakter, äußerte er mit Wärme, ihr Eigensinn sei nur unentwickelter Charakter, den die Eltern nicht verstanden hätten aus sich herauszuführen, in andere hinüber, zu Verarbeitung ihrer Kraft zu leiten.Den Diwan werde er nur innerlich, d.h. insofern fortsetzen, daß er einzelne Bücher, z.B. das des Paradieses, erweitere und verstärke. Bei den ungeheuren Schwierigkeiten des Erlernens dieser arabischen Sprache habe er seine Kenntniß von ihr mehr erobert durch Überfall, als regelmäßig erworben. Weiter dürfe er jetzt nicht mehr gehen, ohne verführt zu werden. Wenn er zuweilen noch in dieses Land, in diese Zustände hineinschaue, so werde ihm ganz wunderlich zu Muthe. Umbreit benahm sich vortrefflich, lebendig, ohne alle Verlegenheit und doch bescheiden. Wegscheider's Dogmatik und Kapp's Christus und Sokrates tobte er sehr. Goethe bemerkte, es sei doch in wissenschaftlicher Hinsicht eine höchst interessante Zeit, in der wir lebten, Alles habe sich unglaublich umgestaltet und aufgehellt, und eine Freude sei es zu sehen, wie jedes Fach so viel würdiger behandelt werde. Dies sei zunächst Verdienst der Philosophie, die, trotz der vielen abgeschmackten Systeme, Alles mit neuer Lebenskraft durchdrungen habe. Umbreit ging hochentzückt hinweg.



1823, 25. September. 
Mit Friedrich von Müller 



a. 


Ohne allen Anlaß meinerseits rief er kurz, nachdem ich eingetreten war, aus: »Es ist doch recht absurd, daß Julie diesen Winter nicht hier ist! Sie weiß gar nicht, wie viel sie mir entzieht und wie viel ich dadurch entbehre, so wenig, als sie weiß, wie ich sie liebe und wie oft ich mich im Geiste mit ihr beschäftige. Ihnen kann ich das wohl sagen, obgleich wir in diesem Punkt Rivals sind; denn ich traue Ihnen zu, daß Sie gleich sehr betrübt über ihre Abwesenheit sind.« Als ich hierauf ihm die Gründe entwickelte, die Ihre [der Gräfin Julie Egloffstein] jetzige Abwesenheit motivirten, erwiederte er: »Sie hat ganz Recht, das begreife ich wohl und habe mir längst im Stillen alles das, was Sie mir jetzt sagen, selbst combinirt und enträthselt, aber nur noch viel lebhafter und passionirter, als Sie es aussprechen, ja, während der Krankheit der Großherzogin habe ich beständig mit wegen Julien gezittert, und noch jetzt werde ich wüthend, wenn ich mir die Möglichkeit denke, daß eine für Julia's Zukunft so höchst passende und wichtige Perspektive [Hofdame zu werden] verloren gehen könnte. Glaubt mir nur, daß der alte Merlin in seiner Dachshöhle sich manche stille Stunde mit solchen Abwesenden beschäftigt, die für ihn eine actio in distans haben (d.h. eine unmittelbare Wirkung in die Ferne). Andere erfreuen mich bloß durch ihre Gegenwart, durch ihre sichtliche Erscheinung, sind aber rein nichts für mich, wenn ich sie nicht vor mir sehe. Mit jenen aber kann ich mich unsichtbar ten und darunter gehört Julie. Ich weiß zu gut daß sie mir durch keine andere jemals ersetzt werden kann, und eben darum bin ich so betrübt, daß sie mir gerade diesen Winter fehlt.« Und dabei war er so gemüthlich, so vertraulich, als ich ihn lange nicht gefunden in diesen Tagen.

Er erzählte mir viel von Marienbad, besonders von der Gräfin Szymanowska, die so wunderschön Klavier spielt, und sagte von ihr, sie sei so schön und so liebenswürdig, daß man trotz ihrer zauberischen Töne froh sei, wenn sie aufhöre, um sie nur sprechen zu hören, und wieder umgekehrt wünsche, sie möge nur wieder spielen, weil ihr Sprechen so sehr aufrege, daß man nur Ruhe bei ihrem Spiel wiederzufinden hoffen könne. Er sagte: ohne alle Einleitung sei er so schnell mit ihr bekannt geworden, wie man in einer milden reinen Luft sich alsobald heimisch fühle. Darauf holte er aus seinem Gartenzimmer ihre Handschrift, aus der er ihren Charakter demonstrirte und las mir dann im höchsten Pathos sein Gedicht an sie vor: drei wunder schöne Stanzen. Wie strengte ich mich an, sie zu behalten! aber nur ohngefähr giebt die Anlage sie wieder.

Dagegen lautet das kleine Gedicht, was er ihrer Schwester, Fräulein Wodzeki1 in's Stammbuch schrieb, wörtlich also: (sie glaubt nämlich wegen ihres öfteren Seitenschmerzes bald zu sterben, und ein geistreicher junger Pole2 hatte ihr scherzweise ein Testament aufgesetzt, worin ihre einzelnen Tugenden an soviel verschiedene Freunde legirt wurden)


»Wohl hat Dein Testament jedweden Reiz bedacht,
Mit dem Natur so herrlich Dich vollendet,
Und jedem Freund ein reiches Theil vermacht,
Großmüthig jede Tugend ausgespendet;
Doch wenn Du Glückliche zu machen trachtest,
So wär's nur der, dem Du Dich ganz vermachtest.«

Sie sehen also, daß seine Leidenschaft für Ulrike Levezow wenigstens nicht exclusiv ist und daß ich Recht habe zu behaupten, nicht dieses einzelne Individuum, sondern das gesteigerte Bedürfniß seiner Seele überhaupt nach Mittheilung und Mitgefühl habe seinen jetzigen Gemüthszustand herbeigeführt.

Die rohe und lieblose Sinnesweise seines Sohnes und Ulrikens [v. Pogwisch] schroffe Einseitigkeit und gehaltlose Naivetät sind freilich nicht gemacht, eine solche Krisis sanft und schonend vorüberzuführen, und die arme Ottilie ist seit seiner Ankunft beständig krank und für ihn so gut wie unsichtbar. Daher macht ihn der grelle Contrast gegen sein heiteres Badeleben mitunter höchst verstimmt und niedergebeugt, wo ihm denn jede äußere Anforderung peinlich wird. In solcher Stimmung trafen ihn gestern leider Tante [Freifrau v. Egloffstein] und Auguste [Gräfin Egloffstein], und wurden sehr bewegt dadurch. Aber das ist nur momentan; mir ist es noch immer gelungen, ihn gesprächig zu machen. Nur vom Sohne her droht alles Übel, da der verrückte Patron gegen den Vater den Piquirten spielt und sogar Ottilien mit sich nach Berlin nehmen will, wodurch alsdann erst alles verloren gehen könnte.

b. 


Von 5-8 Uhr weilte ich bei Goethe, dessen Unterhaltung höchst interessant, vertraulich, gemüthsvoll war. Er sprach über Cuvier's Lobrede3 auf Haüy, worin vorkommt »Le ciel est entièrement soumis à la Géometrie,« Goethe belächelte diese Phrase sehr, da die Mathematiker ja nicht einmal die vis centripeta noch erklären könnten.

Darauf theilte er die Gedichte auf Madame Szymanowska, die Virtuosin, und auf ihre Schwester mit. Jene sei wie die Lust, so umfließend, so alsbald zusetzend, so überall, so leicht und gleichsam körperlos. Er zeigte mir ihre Handschrift.

Als ich Knebel's briefliche Aufreizung, ihm Werner'sche Sonette abzulocken, vorlas4 und en espion von Erfurt handelte, gelang diese offene Kriegslist vortrefflich, und er versprach sie vorzusuchen. Er kam dabei auf den einstigen Wettkampf mit Werner, bei Gelegenheit des 24. Februar, Fluch und Segen in zwei kleinen Dramas durchzuführen. Gozzi habe behauptet, es gäbe nur 36 Motive zu einem Trauerspiel.

Nachdem er Ottilien Lob gespendet, bemerkte er: Die Freundinnen theilen sich in zwei Classen, in solche die action à distance haben, und in solche, die nur in Gegenwart etwas sind. Mit jenen unterhalte ich mich oft lange im Geiste, diese sind mir rein nichts, wenn ich sie nicht vor mir sehe.

Als ich über die Virtuosin Szymanowska einige Querfragen that, äußerte er sanft scheltend: »Ach der Kanzler macht mir oft unversehens Verdruß.«Den ganzen Abend war keine Spur von Unmuth oder Verstimmung in ihm zu finden; nur war es a tempo, als ich ging, denn er fing an zu ermüden.

1 Richtig: Wolowska.

2 Irrig; es war Graf Rostoptschin.

3 Cuvier, Baron Georges, Éloge historique de M. Haüy, Paris, Mus. hist. nat., Mém. X. 1823 p. 1-35; Paris, Acad. Sct., Mém. VIII, 1829 (Hist.) p. 145-177. Also an zwei Stellen.

4 Brief v. 23. Sept. 1823: Sehen Sie doch, daß Sie von Goethe einige der guten Sonette von dem wirklichen Werner herausbringen.





1823, 26. September. 
Mit Friedrich von Müller,
Caroline von Egloffstein, Heinrich Meyer
und Clemens Wenzeslaus Coudray 


Von 6-9 Uhr war ich mit Line und Meyer bei ihm. Ich brachte bald die Lalla Rookh'schen Bilder1 auf's Tapet, damit er sie Linen zeigte, und dies gab Gelegenheit zu den heitersten Scherzen und Gesprächen, besonders über die Peris.

Zuletzt holte er seine Diwan-Manuscripte und las uns zwei herrliche Gedichte zu Ergänzung des »Paradieses« vor. Eine Huri steht Wache an der Pforte des Himmels, will den Dichter nicht einlassen, weil sie ihn für verdächtig hält und fordert Beweise für seine Glaubenskämpfe. Da antwortet er ihr:

»Mach nicht so viel Federlesen,
Laß mich zu der Pforte ein,
Denn ich bin Mensch gewesen
Und das heißt ein Kämpfer sein.«

Dann zeigte er ihr die Wunden, die Schicksal und Leidenschaft seinem Herzen geschlagen, und wie er dennoch dabei froh, fromm und dankbar geblieben; sie läßt ihn ein und er zählt nun an ihren Rosenfingern die Ewigkeiten. »So habe ich den Britten (Moore) zu überbieten gesucht.« Wir waren Beide, Line und ich, innig gerührt von der Wärme seines Vortrags. Als Line weg war, kam Coudray und gab uns einen gedrängten Ab- und Umriß seines Berliner Lebens und der dortigen Regsamkeit in Kunst und Wissenschaft, Technik, Lebensannehmlichkeit etc., so daß die Lust, solche Wunder auch zu sehen, lebhaft erwachte.

1 Die lebenden Bilder und pantom. Darstellung bei dem Festspiel Lalla-Rooky auf dem Schloß in Berlin 27. Jan. 1821. Nach der Natur von Wilhelm Hensel 1823.



1823, 27. September. 
Mit Friedrich von Müller
und Caroline von Egloffstein

Von 7-8 1/2 Uhr war ich mit Line bei Goethe. Ich führte die Wiedererzählung des Abenteuers mit der Prinzeß von Hohenzollern und der Bekanntschaft mit Mad. Szymanowska herbei; es fand sich, daß Line sie von Petersburg her kannte und liebte, was dem alten Herrn vielen Spaß machte. Nachher ergoß er sich noch im Lob des Landlebens, weil man dort ganz aus sich heraustrete, ganz frei außer sich lebe, was zu Hause niemals vorkomme. Dabei verglich er sich mit einem Gärtner, der eine Menge schöner Blumen besitze, ihrer aber dann erst recht gewahr und froh werde, wenn jemand einen Strauß von ihm fordere.

So mache ihm die Poesie erst wieder Vergnügen, wenn er eine Nöthigung zu einem Gelegenheits-Gedicht erhalte.

Von einem jungen trefflichen Polen sprach er auch, der sehr reich sei und ihm wohl zehn Tausend geben könnte, wenn er ihm einigermaßen den Kopf zurechtsetze. Dieser habe ihm von einem polnischen Trauer spiel erzählt, das, nach den Motiven zu urtheilen, ungemein anziehend sein müsse. Er versprach solche bei erster Gelegenheit uns mitzutheilen.



1823, 29. September. 
Mit Friedrich von Müller,
Heinrich Meyer, Friedrich Wilhelm Riemer
und Christoph Friedrich Ludwig Schultz

Von 7-11 1/2 Uhr war ich bei Goethe; auch Meyer, Riemer, Staatsrath Schultz von Berlin waren anwesend. Letzterer erschien als ein gar seiner verständiger, in sich gefaßter Mann, dessen edle Physiognomie auf körperliche Leiden und Tiefe der Reflexion deuteten. Eine Mappe Kuferstiche aus Rafael's Zeit ward durchgesehen. Nach dem Souper, – das erste wieder nach langer Zeit – zeigte Goethe drei herrliche, bronzene Medaillen aus dem 15. Jahrhundert. Auf der einen wird ein Reh von jungen Adlern zerfleischt, oben thront ein großer Adler; die Umschrift lautet: »Liberalitas augusta.« Goethe besitzt an 2000 solcher bronzenen Medaillen, von denen er viele mit einem Speciesthaler bezahlte. Erst durch die Übersetzung von Cellini kam er auf die Idee, Medaillen der Päpste und ihrer Zeit zu sammeln. Von Martin V. an besitzt er eine vollständige Folge aller Köpfe. Die Ordnung derselben veranlaßte ihn, über die Kunst und Schwierigkeit zu sprechen, Briefe, Aufsätze, Merkwürdigkeiten jeder Art gehörig zu reponiren, und wie man außerdem seines Besitzes nie froh werde. Die schöne Gonzaga, deren Bild im hiesigen Museum hängt, sei an einen Trivulzio1 zu Mantua, circa im Jahre 1500, verheirathet gewesen. Als er den Schenkischen2 Terzinen über Canova's Tod Lob spendete, bemerkte er: »Terzinen müssen immer einen großen, reichen Stoff zur Unterlage haben, wenn sie gefallen sollen.«

Nach Tische sprachen Riemer und Goethe über die Tropen und deren Durchführung. Die neuern Pedanten verlangen letz tere bis zum äußersten Punkt; Goethe springt gerne ab, wie ja auch die Phantasie es thut, häuft daran mehrere, um eine durch die andere zu erklären. Riemer erläuterte an Beispielen aus dem gemeinen Sprachgebrauch, wie man ohne Vermischung der Tropen gar nicht fortkommen könne, z.B. etwas in Werk setzen.

1 Ein Irrthum, vergl. v. Zahn. Katalog des weimar. Museums 1. Ausg. pag. 26.

2 Ed. v. Schenk. Besonders erschienen. München, 2. Aufl. 1823. Canova † 12. Oct. 1822 zu Venedig.



1823, September oder October. 
Mit Ludwig Rellstab 



a. 
Als ich 1823 wieder durch Weimar kam, hatte ich ein ähnliches [Gespräch] mit ihm [Goethe], das mir hauptsächlich Fragen über den Erfolg meiner Studien in Heidelberg, den alten Voß, der dort lebte, den ich aber nie gesehen, über Kreuzer's Richtungen u.s.w. vorlegte; auch der Verhältnisse Stolberg's gedachte er, Voß gegenüber, und nannte dessen ganze Stellung zu ihm eine falsche von jeher.

b. 

Auch sah ich Goethe wieder und hatte das ausführlichste Gespräch mit ihm, was ich überhaupt gehabt. Es mochte ihm zu bequemer Zeit fallen; denn er wollte eben ein wenig ausfahren und erwartete im Zimmer den Wagen. Ich sehe ihn noch vor mir im grauen großen Mantel, das weiße, schneeig gekrönte Haupt, die ernste und doch wohlwollende Miene. Er fragte nach meinen Studien, was ich zunächst vorzunehmen gedenke, erkundigte sich nach den Koryphäen in Bonn, Heidelberg, behandelte alle Verhältnisse frisch, in kurzer Munterkeit, und schied endlich, indem er mir die besten Grüße an Zelter und die sonstigen Berliner Freunde auftrug.




1823, 2. October. 
Mit Johann Peter Eckermann 


Diesen Vormittag war ich.. bei Goethe. Er freute sich über meine Ankunft und war überaus gut und liebenswürdig. Als ich gehen wollte, sagte er, daß er mich doch zuvor mit dem Staatsrath Schultz bekannt machen wolle. Er führte mich in das angrenzende Zimmer, wo ich den gedachten Herrn mit Betrachtung von Kunstwerken beschäftigt fand, und wo er mich ihm vorstellte und uns dann zu weiterm Gespräch allein ließ.




1823, 2. October. 
Abend bei Goethe 


Von 5-11 Uhr [v. Müller] bei Goethe.

Beim Eintreten gleich beschwichtigte er meinen Groll über Nichteinladung zum heutigen Mittag, wo Reinhard's Geburtstag bei ihm gefeiert wurde, auf die freundlichste Weise. Dadurch fiel bald das Gespräch auf seine Geselligkeit überhaupt und ich sprach sehr offen über die deßfallsigen Wünsche seiner Freunde und der Fürstlichkeiten.

Goethe nahm meine Aufrichtigkeit sehr gut auf und entwickelte seine Gegengründe, die hauptsächlich auf Frau v. H. (Heygendorff) hinausliefen und die ich nicht zu erkennen ver mochte. Seine Äußerungen über Reinhard waren rührend, »ich lasse ihn so bald nicht fort, ich klammere mich an ihn an.«

Schultz spielte, Ottilie sang, Soret kam, Goethe mineralogisirte mit ihm lange und sprach nachher sehr poetisch darüber. Es gebe wohl verschiedene Ansichten in den Wissenschaften; aber sie würden oft nur durch eine papierne Scheidewand veranlaßt, die leicht mit dem Ellbogen durchzustoßen sei. Bald ließ er mich wieder allein zu ihm in die Ecke des blauen Zimmers setzen und knüpfte das Gespräch über Organisation seiner Winter-Geselligkeit wieder an.

»Seht, wenn es mir wieder wohl unter Euch werden soll diesen Winter, so darf es mir nicht an munterer Gesellschaft, nicht an heiteren Anregungen fehlen, nachdem ich zu Marienbad deren in so reicher Fülle empfunden habe. Sollte es nicht möglich sein, daß eine ein für allemal gebetene Gesellschaft, sich täglich, bald in größerer, bald in kleinerer Zahl, in meinem Hause zusammen fände? Jeder käme und bliebe nach Belieben, könnte nach Herzenslust Gäste mitbringen. Die Zimmer sollten von sieben Uhr an immer geöffnet, erleuchtet, Thee und Zubehör reichlich bereit sein. Man triebe Musik, spielte, läse vor, schwatzte, Alles nach Neigung und Gutfinden. Ich selbst erschiene und verschwände wieder, wie der Geist es mir eingäbe. Und bliebe ich auch mitunter ganz weg, so dürfte dies keine Störung machen. Es kommt nur darauf an, daß eine unserer angesehensten Frauen, gleichsam als Patronin dieses geselligen Vereins aufträte und Niemand würde sich besser dazu eignen, als Frau von Fritsch. So wäre denn ein ewiger Thee organisirt, wie die ewige Lampe in gewissen Capellen brennt. Helft mir, ich bitte Euch, diese vorläufigen Ideen und Pläne fördern und ausbilden.«

Hierauf erfolgte vertraulichste Mittheilung seiner Verhältnisse zu Levezows. »Es ist eben ein Hang,« der mir noch viel zu schaffen machen wird, aber ich werde darüber hinauskom men. Iffland könnte ein charmantes Stück daraus fertigen, ein alter Onkel, der seine junge Nichte allzuheftig liebt.

Nach einer Weile fing er an meine und Riemer's allzugroße Gelindigkeit in der Kritik des Schenk'schen Gedichts auf Canova zu tadeln. Es sei kein Funke ächten poetischen Geistes darinnen, nur Rhetorik, ja sogar falsche, verderbliche Motive. Unsre eignen Productionen seien ganz gut, in der Kritik aber bewiesen wir uns nicht als seine ächten Schüler. Man müsse nur das Beste preisen. Man müsse sich stets die schwersten Aufgaben machen und in Dichtungen nur auf reiche, gehaltvolle Motive eingehen.

Dann zeigte er mir eine Menge Landschaftszeichnungen von 1810 aus seinem Jenaischen Aufenthalte vor, und klagte, daß er seitdem nicht mehr zu zeichnen vermocht und dadurch unendlich an Selbstbefriedigung verloren habe. Je schwerer die Zunge ihm wurde, je geistreichere und humoristischere Ideen drängten sich hervor. Wir gingen in's Eßzimmer, wo die andern sehr lustig waren. Er machte allerliebste Scherze über ungeknüpft herunterhängende Mützenbänder; kam dann auf Byron, pries seinen »Cain« und vorzüglich die Todschlag-Scene. »Byron allein lasse ich neben mir gelten! Walter Scott ist nichts neben ihm.«

»Die Perser [vielmehr Araber] hatten im fünften Jahrhundert nur sieben Dichter, die sie gelten ließen, und unter den verworfenen waren mehrere Canaillen, die besser als ich waren.«

Als er merkte, daß Ulrike schläfrig war, ergrimmte er scherzhaft, daß seine persische Literaturgeschichte an ihr und dem übrigen jungen Volke verschwendet sei und jagte sie mit komischer Heftigkeit alle fort.

Seit lange hatte ich Goethe nicht so überreich an Witz, Humor, Gemüthlichkeit und Phantasie gefunden. Dazu gehörte auch die zarteste Erzählung von seiner Schönheit in Marienbad und von der Bekanntschaft mit der hübschen Regensburgerin, die v. Helldorf anbetete.




1823, 3. October. 
Mit Friedrich von Müller, Carl Friedrich
und Carl von Reinhard

Mit Reinhard jun. war ich bei Goethe von 5 Uhr an. Er schien anfangs einsilbiger, abgespannter, doch gelang es mir ihn belebter zu machen. Wilbrand von Gießen, der die schöne Höhenkarte herausgegeben, war bei ihm gewesen, Hennings aus Berlin war annoncirt. Der alte Reinhard kam von Belvedere. Goethe war anfangs auch gegen ihn still und unmittheilend, und schien mir sehr Dank zu wissen, als ich politische Gespräche herbeiführte, die Reinhard zu vertraulichsten Mittheilungen über seine Stellung zu Châteaubriand und dem französischen Gouvernement überhaupt veranlaßten. Er sprach mit liebenswürdiger Wärme und Geradheit, berührte seine drei Gefangenschaften und sein trübseliges Verhältniß zu Talleyrand im Jahre 1814 und 1815 als Kanzleichef. La Besnardière sei damals sehr eifersüchtig auf ihn gewesen. Er erzählte von der Malice Talleyrand's, als er ihm einen Journalartikel gegen Châteaubriand auftrug, der aber hoffentlich zu viel Seelengröße habe, um es nachzutragen.

»In Frankfurt,« fuhr er fort, »bin ich eigentlich gleich Null, darum habe ich mir bisher die Freiheit des Wortes und des Urtheils erhalten. – In jetziger Zeit muß man feststehen auf seiner Basis und auf geprüften Maximen, nicht transigiren, nicht combiniren, sonst zieht man sich bald jede Erniedrigung und Ohrfeigen zu, und geht nur um so sicherer und schimpflicher unter.«So sprach der vielgeprüfte, würdevolle Mann, im Bewußtsein innerer Selbständigkeit und ging eben so heiter auf einen Tadel von Byrons Erde und Himmel über.





1823, 4. October. 
Mit Friedrich von Müller

Von 5 Uhr Nachmittags bei Goethe. Er war noch immer abgespannt und weniger mittheilend, selbst gegen Reinhard.

Schultz war krank. Goethe Widersetzte sich keineswegs Reinhard's Abreise für nächsten Montag, aber als er weggegangen war, bat er mich, sie zu verhindern. Ich mußte ihm dann noch ganz spät »die Tante«1 referiren und erntete Beifall.

1 Roman von Johanna Schopenhauer.




1823, 5. October. 
Mit Friedrich von Müller 


Um 9 Uhr Morgens kündigte ich ihm den glücklichen Erfolg meiner Negotiation an, was ihn sehr freute. Ich nahm Gelegenheit, den »ewigen Thee« wieder anzuregen, und fand mit Schrecken, daß er fast alles vergessen, was er mir Donnerstags Abends darüber gesagt hatte. Um 12 Uhr zeigte er mir die herrlichen Bilder des Himalaya-Gebirges. Er begehrte »die Tante« von mir, die ich sogleich verschaffte.


1823, 11. October. 
Mit Friedrich von Müller


Von 7 1/2 – 9 Uhr Abends war ich ganz allein bei Goethe. Wir sprachen über Reinhard, Zach, die Herzogin Mutter von Gotha, Herzog Ernst, Frau v. Buchwald, Gotter, Prinz August und von v. Grimm. Letzterer habe ein ganz diplomatisches Ansehen gehabt, doch nicht die feierliche Repräsentation eines Gesandten, sondern die zusammengenommene Haltung eines Legationsrathes, die Schultern und den Kopf etwas vorwärts, was ihm recht gut gestanden. Er sprach über die schnelle, nur achttägige Bearbeitung des »Clavigo«, über »Stella«, deren früherer Schluß durchaus keiner gewesen, nicht consequent, nicht haltbar, eigentlich nur ein Niederfallen des Vorhangs. Goethe war zwar herzlich und mittheilend, jedoch innerlich gedrückt, sichtbar leidend. Seine ganze Haltung gab mir den Begriff eines unbefriedigten großartigen Strebens, einer gewissen inneren Desperation.

1823, 12. October. 
Mit Friedrich von Müller
und Caroline von Egloffstein 


Von 5 1/2 – 6 1/2 war ich mit Line v. Egloffstein bei Goethe. Er sprach über Byrons »Cain« und »Himmel und Erde«. Letzteres Stück referirte er unvergleichlich mit vieler Laune und Humor. Es sei viel faßlicher, klarer als das erste, was gar zu tief gedacht, zu bitter sei, wiewohl erhaben, kühn, ergreifend. Nichts gotteslästerlicher übrigens als die alte Dogmatik selbst, die einen zornigen, wüthenden, ungerechten, parteiischen Gott vorspiegle.

»Thomas Moore hat mir nichts zu Dank gemacht; von Walter Scott habe ich zwei Romane gelesen und weiß nun, was er will und machen kann. Er würde mich immerfort amüsiren, aber ich kann nichts aus ihm lernen. Ich habe nur Zeit für das Vortrefflichste.« »Die Rose von Jericho« [Roman von David Heß], die er sehr lobte, und nicht zu verborgen gelobt haben wollte, versprach er denn doch Linen zu borgen, wenn sie ihm eine freundliche Hand geben und sie nicht weiter verleihen wolle. 


1823, 14. October. Thee bei Goethe 

Diesen Abend war ich [Eckermann] bei Goethe das erste Mal zu einem großen Thee. Ich war der erste am Platz und freute mich über die hell erleuchteten Zimmer, die bei offenen Thüren eins ins andere führten. In einem der letzten fand ich Goethe, der mir sehr heiter entgegenkam. Er trug auf schwarzem Anzug seinen Stern, welches ihn so wohl kleidete. Wir waren noch eine Weile allein und gingen in das sogenannte Deckenzimmer, wo das über einem rothen Kanapee hängende Gemälde der Aldobrandinischen Hochzeit mich besonders anzog. Das Bild war, bei zur Seite geschobenen grünen Vorhängen, in voller Beleuchtung mir vor Augen, und ich freute mich, es in Ruhe zu betrachten.

»Ja,« sagte Goethe, »die Alten hatten nicht allein große Intentionen, sondern es kam bei ihnen auch zur Erscheinung. Dagegen haben wir Neuern auch wohl große Intentionen, allein wir sind selten fähig, es so kräftig und lebensfrisch hervorzubringen, als wir es dachten.« .... Die Zimmer füllten sich nach und nach, und es ward in allen sehr munter und lebendig. Auch einige hübsche junge Ausländer waren gegenwärtig, mit denen Goethe französisch sprach.

Goethe selbst erschien in der Gesellschaft sehr liebenswürdig. Er ging bald zu diesem, bald zu jenem und schien immer lieber zu hören und seine Gäste reden zu lassen, als selber viel zu reden. Frau von Goethe kam oft und hängte und schmiegte sich an ihn und küßte ihn. Ich hatte ihm vor kurzem gesagt, daß mir das Theater so große Freude mache und daß es mich sehr aufheitere, indem ich mich bloß dem Eindruck der Stücke hingebe, ohne darüber viel zu denken. Dies schien ihm recht und für meinen gegenwärtigen Zustand passend zu sein.

Er trat mit Frau von Goethe zu mir heran. »Das ist meine Schwiegertochter,« sagte er; »kennt Ihr beiden euch schon?« Wir sagten ihm, daß wir soeben unsere Bekanntschaft gemacht. »Das ist auch so ein Theaterkind wie du, Ottilie,« sagte er dann, und wir freuten uns miteinander über unsere beiderseitige Neigung. »Meine Tochter,« fügte er hinzu, »versäumt keinen Abend.« – »So lange gute heitere Stücke gegeben werden,« erwiederte ich, »lasse ich es gelten, allein bei schlechten Stücken muß man auch etwas aushalten.« – »Das ist eben recht,« erwiederte Goethe, »daß man nicht fort kann und gezwungen ist, auch das Schlechte zu hören und zu sehen. Da wird man recht von Haß gegen das Schlechte durchdrungen und kommt dadurch zu einer desto bessern Einsicht des Guten. Beim Lesen ist das nicht so; da wirft man das Buch aus den Händen, wenn es einem nicht gefällt, aber im Theater muß man aushalten.«


1823, 19. October. 
Mittag bei Goethe

Diesen Mittag war ich [Eckermann] das erste Mal bei Goethe zu Tische. Es waren außer ihm nur Frau v. Goethe, Fräulein Ulrike [v. Pogwisch] und der kleine Walther gegenwärtig und wir waren also bequem unter uns. Goethe zeigte sich ganz als Familienvater: er legte alle Gerichte vor, tranchirte gebratenes Geflügel und zwar mit besonderm Geschick, und verfehlte auch nicht mitunter einzuschenken. Wir andern schwatzten munteres Zeug über Theater, junge Engländer und andere Vorkommnisse des Tages; besonders war Fräulein Ulrike sehr heiter und im hohen Grade unterhaltend. Goethe war imganzen still, indem er nur von Zeit zu Zeit als Zwischenbemerkung mit etwas Bedeutendem hervorkam. Dabei blickte er hin und wieder in die Zeitungen und theilte uns einige Stellen mit, besonders über die Fortschritte der Griechen.

Es kam dann zur Sprache, daß ich noch englisch lernen müsse, wozu Goethe dringend rieth, besonders des Lord Byron wegen, dessen Persönlichkeit von solcher Eminenz, wie sie nicht dagewesen und wohl schwerlich wiederkommen werde. Man ging die hiesigen Lehrer durch, fand aber keinen von einer durchaus guten Aussprache, weshalb man es für besser hielt, sich an junge Engländer zu halten.

Nach Tische zeigte Goethe mir einige Experimente in Bezug auf die Farbenlehre. Der Gegenstand war mir jedoch durchaus fremd, ich verstand so wenig das Phänomen als das, was er darüber sagte.




1823, 19. October. 
Mit Friedrich von Müller
und Friedrich Wilhelm Riemer 


Zwischen dem Hof war ich bei Goethe. Anfangs war er einsilbig, dann, als Riemer gekommen, sehr lebhaft. Es wurde von Raupach's Pedantismus in der Kritik und den drei ersten Acten seines »verfehlten Ziels« gesprochen.

Das Gespräch über die von Hermann zusammengestellten Fragmente der Euripideischen Niobe gab Anlaß, daß Goethe dessen »Bacchen« für sein liebstes Stück erklärte. »Euripides hat seine Naturphilosophie von Anaxagoras,« sagte er. Auch gab er eine geniale Charakteristik der Kirchengeschichte, die ein Product des Irrthums und der Gewalt sei.

Die Lehre von der Gottheit Christi, decretirt durch das Concilium von Nicäa, sei dem Despotismus sehr förderlich, ja Bedürfniß gewesen.

Reinhard's Geschenk des Tibull leitete auf ein sehr ernsthaftes Gespräch über das »Ecce jacet Tibullus« und über den Glauben an persönliche Fortdauer. Goethe sprach sich bestimmt aus. Es sei einem denkenden Wesen durchaus unmöglich, sich ein Nichtsein, ein Aufhören des Denkens und Lebens zu denken; in so fern trage jeder den Beweis der Unsterblichkeit in sich selbst und ganz unwillkürlich. Aber sobald man objectiv aus sich heraustreten wolle, sobald man dogmatisch eine persönliche Fortdauer nachweisen, begreifen wolle, jene innere Wahrnehmung philisterhaft ausstaffire, so verliere man sich in Widersprüche. Der Mensch sei aber demohngeachtet stets getrieben, das Unmögliche vereinigen zu wollen. Fast alle Gesetze seien Synthesen des Unmöglichen; z. B. das Institut der Ehe. Und doch sei es gut, daß dem so sei, es werde dadurch das Möglichste erstrebt, daß man das Unmögliche postulire.





1823, 19. October. 
Mit Friedrich von Müller 


[Ergänzung zu Nr. 887. Schluß:]

Was er über die Erzählungen der Frau Elise v. d. Recke, von ihrer Schwester Tode und persiflirend über ihre Hoffnung des Wiedersehens sprach, kam mir sehr lieblos und gemüthlos vor.





1823, 21. October. 
Mit Johann Peter Eckermann

Ich war diesen Abend bei Goethe. Wir sprachen über die »Pandora«. Ich fragte ihn, ob man diese Dichtung wohl als ein Ganzes ansehen könne, oder ob noch etwas weiteres davon existire. Er sagte, es sei weiter nichts vorhanden, er habe es nicht weiter gemacht, und zwar deswegen nicht, weil der Zuschnitt des ersten Theils so groß geworden, daß er später einen zweiten nicht habe durchführen können. Auch wäre das Geschriebene recht gut als ein Ganzes zu betrachten, weshalb er sich auch dabei beruhigt habe. Ich sagte ihm, daß ich bei dieser schweren Dichtung erst nach und nach zum Verständniß durchgedrungen, nachdem ich sie so oft gelesen, daß ich sie nun fast auswendig wisse. Darüber lächelte Goethe. »Das glaube ich wohl;« sagte er, »es ist alles als wie ineinander gekeilt.«

Ich sagte ihm, daß ich wegen dieses Gedichts nicht ganz mit Schubarth zufrieden, der darin alles das vereinigt finden wolle, was im »Werther«, »Wilhelm Meister«, »Faust« und »Wahlverwandtschaften« einzeln ausgesprochen sei, wodurch doch die Sache sehr unfaßlich und schwer werde.

»Schubarth,« sagte Goethe, »geht oft ein wenig tief; doch ist er sehr tüchtig, es ist bei ihm alles prägnant.«

Wir sprachen über Uhland. »Wo ich große Wirkungen sehe,« sagte Goethe, »pflege ich auch große Ursachen vorauszusetzen, und bei der so sehr verbreiteten Popularität, die Uhland genießt, muß also wohl etwas Vorzügliches an ihm sei. Übrigens habe ich über seine ›Gedichte‹ kaum ein Urtheil. Ich nahm den Band mit der besten Absicht zu Händen, allein ich stieß von vornherein gleich auf so viele schwache und trübselige Gedichte, daß mir das Weiterlesen verleidet wurde. Ich griff dann nach seinen Balladen, wo ich denn freilich ein vorzügliches Talent gewahr wurde und recht gut sah, daß sein Ruhm einigen Grund hat.«

Ich fragte darauf Goethe um seine Meinung hinsichtlich der Verse zur deutschen Tragödie. »Man wird sich in Deutschland,« antwortete er, »schwerlich darüber vereinigen. Jeder macht's wie er eben will und wie es dem Gegenstande einigermaßen gemäß ist. Der sechsfüßige Jambus wäre freilich am würdigsten, allein er ist für uns Deutsche zu lang; wir sind wegen der mangelnden Beiwörter gewöhnlich schon mit fünf Füßen fertig. Die Engländer reichen wegen ihrer vielen einsilbigen Wörter mit noch weniger.«

Goethe zeigte mir darauf einige Kupferwerke und sprach dann über die altdeutsche Baukunst, und daß er mir manches der Art nach und nach vorlegen wolle.

»Man sieht in den Werken der altdeutschen Baukunst,« sagte er, »die Blüthe eines außerordentlichen Zustandes. Wem eine solche Blüthe unmittelbar entgegentritt, der kann nichts als anstaunen; wer aber in das geheime innere Leben der Pflanze hineinsieht, in das Regen der Kräfte und wie sich die Blüthe nach und nach entwickelt, der sieht die Sache mit ganz andern Augen; der weiß, was er sieht. – Ich will dafür sorgen, daß Sie im Laufe dieses Winters in diesem wichtigen Gegenstande einige Einsicht erlangen, damit, wenn Sie nächsten Sommer an den Rhein gehen, es Ihnen beim Straßburger Münster und Kölner Dom zu gute komme.«

1823, 25. October. 
Mit Johann Peter Eckermann 

In der Dämmerung war ich ein halbes Stündchen bei Goethe. Er saß auf einem hölzernen Lehnstuhl vor seinem Arbeitstische; ich fand ihn in einer wunderbar sanften Stimmung, wie einer, der von himmlischem Frieden ganz erfüllt ist, oder wie einer, der an ein süßes Glück denkt, das er genossen hat und das ihm wieder in aller Fülle vor der Seele schwebt. Stadelmann mußte mir einen Stuhl in seine Nähe setzen.

Wir sprachen sodann vom Theater, welches zu meinen Hauptinteressen dieses Winters gehört. Raupach's »Erdennacht« war das letzte gewesen, was ich gesehen. Ich gab mein Urtheil darüber: daß das Stück nicht zur Erscheinung gekommen wie es im Geiste des Dichters gelegen, daß mehr die Idee vorherrsche, als das Leben, daß es mehr lyrisch als dramatisch sei, daß dasjenige, was durch fünf Akte hindurchgesponnen und hindurchgezogen wird, weit besser in zweien oder dreien wäre zu geben gewesen. Goethe fügte hinzu, daß die Idee des Ganzen sich um Aristokratie und Demokratie drehe, und daß dieses kein allgemein menschliches Interesse habe.

Ich lobte dagegen, was ich von Kotzebue gesehen, nämlich seine »Verwandtschaften« und die »Versöhnung«. Ich lobte daran den frischen Blick ins wirkliche Leben, den glücklichen Griff für die interessanten Seiten desselben, und die mitunter sehr kernige wahre Darstellung. Goethe stimmte mir bei. »Was zwanzig Jahre sich erhält,« sagte er, »und die Neigung des Volks hat, das muß schon etwas sein. Wenn er in seinem Kreise blieb und nicht über sein Vermögen hinausging, so machte Kotzebue in der Regel etwas Gutes. Es ging ihm wie Chodowiecky: die bürgerlichen Scenen gelangen auch diesem vollkommen, wollte er aber römische oder griechische Helden zeichnen, so ward es nichts.«

Goethe nannte mir noch einige gute Stücke von Kotzebue, besonders »Die beiden Klingsberge«. »Es ist nicht zu leugnen,« fügte er hinzu, »er hat sich im Leben umgethan und die Augen offen gehabt.«

»Geist und irgend Poesie,« fuhr Goethe fort, »kann man den neuern tragischen Dichtern nicht absprechen; allein den meisten fehlt das Vermögen der leichten lebendigen Darstellung; sie streben nach etwas, das über ihre Kräfte hinausgeht, und ich möchte sie in dieser Hinsicht forcirte Talente nennen.«

»Ich zweifle,« sagte ich, »daß solche Dichter ein Stück in Prosa schreiben können, und bin der Meinung, daß dies der wahre Probierstein ihres Talents sein würde.« Goethe stimmte mir bei und fügte hinzu, daß die Verse den poetischen Sinn steigerten oder wohl gar hervorlockten. Wir sprachen darauf dies und jenes über vorhabende Arbeiten. Es war die Rede von seiner »Reise über Frankfurt und Stuttgart nach der Schweiz«, die er in drei Heften liegen hat und die er mir zusenden will, damit ich die Einzelheiten lese und Vorschläge thue, wie daraus ein Ganzes zu machen. »Sie werden sehen,« sagte er, »es ist alles nur so hingeschrieben wie es der Augenblick gab; an einen Plan und eine künstlerische Rundung ist dabei gar nicht gedacht, es ist als wenn man einen Eimer Wasser ausgießt.«




1823, 27. October. 
Mit Johann Peter Eckermann 


Heute früh wurde ich bei Goethe auf diesen Abend zum Thee und Concert eingeladen. Der Bediente zeigte mir die Liste der zu invitirenden Personen, woraus ich sah, daß die Gesellschaft sehr zahlreich und glänzend sein würde. Er sagte, es sei eine junge Polin angekommen, die etwas auf dem Flügel spielen werde...

Nachher wurde der Theaterzettel gebracht: »Die Schachmaschine« [von H. Beck] sollte gegeben werden. Das Stück war mir unbekannt, meine Wirthin aber ergoß sich darüber in ein solches Lob, daß ein großes Verlangen sich meiner bemäch tigte, es zu sehen. Überdies befand ich mich den Tag über nicht zum besten, und es ward mir immer mehr, als passe ich besser in eine lustige Komödie als in eine so gute Gesellschaft.

Gegen Abend, eine Stunde vor dem Theater, ging ich zu Goethe. Es war im Hause schon alles lebendig; ich hörte im Vorbeigehen in dem größern Zimmer den Flügel stimmen, als Vorbereitung zu der musikalischen Unterhaltung.

Ich traf Goethe in seinem Zimmer allein; er war bereits festlich angezogen, ich schien ihm gelegen. »Nun bleiben Sie gleich hier,« sagte er, »wir wollen uns so lange unterhalten, bis die übrigen auch kommen.« Ich dachte, da kommst du doch nicht los, da wirst du doch bleiben müssen; es ist dir zwar jetzt mit Goethen allein sehr angenehm, doch wenn erst die vielen fremden Herren und Damen erscheinen, da wirst du dich nicht in deinem Elemente fühlen.Ich ging mit Goethe im Zimmer auf und ab. Es dauerte nicht lange, so war das Theater der Gegenstand unsers Gesprächs, und ich hatte Gelegenheit zu wiederholen, daß es mir die Quelle eines immer neuen Vergnügens sei, zumal da ich in früherer Zeit so gut wie gar nichts gesehen und jetzt fast alle Stücke auf mich eine ganz frische Wirkung ausübten. »Ja,« fügte ich hinzu, »es ist mit mir so arg, daß es mich heute sogar in Unruhe und Zwiespalt gebracht hat, obgleich mir bei Ihnen eine so bedeutende Abendunterhaltung bevorsteht.«

»Wissen Sie was,« sagte Goethe darauf, indem er stillstand und mich groß und freundlich ansah, »gehen Sie hin! Geniren Sie sich nicht! Ist Ihnen das heitere Stück diesen Abend vielleicht bequemer, Ihren Zuständen angemessener, so gehen Sie hin. Bei mir haben Sie Musik, das werden Sie noch öfter haben.« – »Ja,« sagte ich, »so will ich hingehen: es wird mir überdies vielleicht besser sein, daß ich lache.« – »Nun,« sagte Goethe, »so bleiben Sie bis gegen sechs Uhr bei mir, da können wir noch ein Wörtchen reden.«

Stadelmann brachte zwei Wachslichter, die er auf Goethes Arbeitstisch stellte. Goethe ersuchte mich, vor den Lichtern Platz zu nehmen, er wolle mir etwas zu lesen geben. Und was legte er mir vor? Sein neuestes, liebstes Gedicht, seine »Elegie von Marienbad«.

– – – – – – – – – – – – – – –

Als ich ausgelesen, trat Goethe wieder zu mir heran. »Gelt,« sagte er, »da habe ich Euch etwas Gutes gezeigt? In einigen Tagen sollen Sie mir darüber weissagen.« Es war mir sehr lieb, daß Goethe durch diese Worte ein augenblickliches Urtheil meinerseits ablehnte, denn ohnehin war der Eindruck zu neu und zu schnell vorübergehend, als daß ich etwas Gehöriges darüber hätte sagen können.Goethe versprach, bei ruhiger Stunde es mir abermals vorzulegen. Es war indeß die Zeit des Theaters herangekommen, und ich schied unter herzlichem Händedrücken.


1823, 28. October. 
Concert bei Goethe 


Heute war Concert bei Goethe. Ein Quartett von der Composition des Prinzen Louis Ferdinand und gespielt von Mad. Szymanowska gab Goethen zu den interessantesten Bemerkungen Anlaß. Er faßte, wie wohl ganz schüchtern, den Gedanken, daß die Künstlerin ein öffentliches Concert geben sollte, und forderte Schmidt, Coudray und mich [v. Müller] auf, es auf alle Weise zu befördern.


1823, 29. October. 
Mit Johann Peter Eckermann 


Diesen Abend zur Zeit des Lichtanzündens ging ich zu Goethe. Ich fand ihn sehr frischen aufgeweckten Geistes, seine Angen funkelten im Wiederschein des Lichts, sein ganzer Ausdruck war Heiterkeit, Kraft und Jugend. Er fing sogleich von den Gedichten, die ich ihm gestern zugeschickt, zu reden an, indem er mit mir in seinem Zimmer auf- und abging.

»Ich begreife jetzt,« begann er, »wie Sie in Jena gegen mich äußern konnten, Sie wollten ein Gedicht über die Jahreszeiten machen. Ich rathe jetzt dazu; fangen Sie gleich mit dem Winter an. Sie scheinen für natürliche Gegenstände besondern Sinn und Blick zu haben.«

»Nur zwei Worte will ich Ihnen über die Gedichte sagen. Sie stehen jetzt auf dem Punkt, wo sie nothwendig zum eigentlich Hohen und Schweren der Kunst durchbrechen müssen, zur Auffassung des Individuellen; Sie müssen mit Gewalt, damit Sie aus der Idee herauskommen; Sie haben das Talent und sind so weit vorgeschritten, jetzt müssen Sie. Sie sind dieser Tage in Tiefurt gewesen, das möchte ich Ihnen zunächst zu einer solchen Aufgabe machen. Sie können vielleicht noch drei- bis viermal hingehen und Tiefurt betrachten, ehe Sie ihm die charakteristische Seite abgewinnen und alle Motive beisammen haben; doch scheuen Sie die Mühe nicht, studiren Sie alles wohl und stellen Sie es dar; der Gegenstand verdient es. Ich selbst hätte es längst gemacht; allein ich kann es nicht, ich habe jene bedeutenden Zustände selbst mit durchlebt, ich bin zu sehr darin befangen, sodaß die Einzelheiten sich mir in zu großer Fülle gen. Sie aber kommen als Fremder und lassen sich vom Kastellan das Vergangene erzählen und sehen nur das Gegenwärtige, Hervorstechende, Bedeutende.«

Ich versprach, mich daran zu versuchen, obgleich ich nicht leugnen könne, daß es eine Aufgabe sei, die mir sehr fern stehe und die ich für sehr schwierig halte.

»Ich weiß wohl,« sagte Goethe, »daß es schwer ist, aber die Auffassung und Darstellung des Besondern ist auch das eigentliche Leben der Kunst.«

»Und dann, so lange man sich im allgemeinen hält, kann es uns jeder nachmachen; aber das Besondere macht uns niemand nach. Warum? Weil es die andern nicht erlebt haben. Auch braucht man nicht zu fürchten, daß das Besondere keinen Anklang finde. Jeder Charakter, so eigenthümlich er sein möge, und jedes Darzustellende, vom Stein herauf bis zum Menschen, hat Allgemeinheit; denn alles wiederholt sich, und es giebt kein Ding in der Welt, das nur einmal da wäre.«»Auf dieser Stufe der individuellen Darstellung,« fuhr Goethe fort, »beginnt dann zugleich dasjenige, was man Komposition nennt.«

Dieses war mir nicht sogleich klar, doch enthielt ich mich, danach zu fragen. Vielleicht, dachte ich, meint er damit die künstlerische Verschmelzung des Idealen mit dem Realen, die Vereinigung von dem, was außer uns befindlich, mit dem, was innerlich uns angeboren. Doch vielleicht meinte er auch etwas Anderes. Goethe fuhr fort:

»Und dann setzen Sie unter jedes Gedicht immer das Datum, wann Sie es gemacht haben.« Ich sah ihn fragend an, warum das so wichtig. »Es gilt dann,« fügte er hinzu, »zugleich als Tagebuch Ihrer Zustände. Und das ist nichts Geringes. Ich habe es seit Jahren gethan, und sehe ein was das heißen will.«

Es war indes die Zeit des Theaters herangekommen, und ich verließ Goethe. »Sie gehen nun nach Finnland!« rief er mir scherzend nach. Es ward nämlich gegeben: »Johann von Finnland« von der Frau von Weißenthurn.



1823, 3. November.
Mit Johann Peter Eckermann 


Ich ging gegen 5 zu Goethe. Als ich hinaufkam, hörte ich in dem größern Zimmer sehr laut und munter reden und scherzen. Der Bediente sagte mir, die junge polnische Dame sei dort zu Tische gewesen und die Gesellschaft noch beisammen. Ich wollte wieder gehen, allein er sagte, er habe den Befehl, mich zu melden; auch wäre es seinem Herrn vielleicht lieb, weil es schon spät sei. Ich ließ ihn daher gewähren und wartete ein Weilchen, wo denn Goethe sehr heiter herauskam und mit mir gegenüber in sein Zimmer ging. Mein Besuch schien ihm ange nehm zu sein. Er ließ sogleich eine Flasche Wein bringen, wovon er mir einschenkte und auch sich selber gelegentlich.

»Ehe ich es vergesse,« sagte er dann, indem er auf dem Tische etwas suchte, »hier haben Sie ein Billet ins Concert. Madame Szymanowska wird morgen Abend im Saale des Stadthauses ein öffentliches Concert geben; das dürfen Sie ja nicht versäumen.« Ich sagte ihm, daß ich meine Thorheit von neulich nicht zum zweitenmal begehen würde. Sie soll sehr gut gespielt haben, fügte ich hinzu. »Ganz vortrefflich!« sagte Goethe. »Wohl so gut wie Hummel?« fragte ich. »Sie müssen bedenken,« sagte Goethe, »daß sie nicht allein eine große Virtuosin, sondern zugleich, ein schönes Weib ist; da kommt es uns denn vor als ob alles anmuthiger wäre; sie hat eine meisterhafte Fertigkeit, man muß erstaunen!« – »Aber auch in der Kraft groß?« fragte ich. »Ja, auch in der Kraft,« sagte Goethe, »und das ist eben das Merkwürdigste an ihr, weil man das sonst bei Frauenzimmern gewöhnlich nicht findet.« Ich sagte, daß ich mich sehr freue, sie nun doch noch zu hören.

Secretär Kräuter trat herein und referirte in Bibliotheksangelegenheiten. Als er gegangen war, lobte Goethe seine große Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit in Geschäften.

Ich brachte sodann das Gespräch auf die im Jahre 1797 über Frankfurt und Stuttgart gemachte Reise in die Schweiz, wovon er mir die Manuscripte in drei Heften dieser Tage mitgetheilt und die ich bereits fleißig studirt hatte. Ich erwähnte, wie er damals mit Meyer so viel über die Gegenstände der bildenden Kunst nachgedacht.

»Ja,« sagte Goethe, »was ist auch wichtiger als die Gegenstände, und was ist die ganze Kunstlehre ohne sie! Alles Talent ist verschwendet, wenn der Gegenstand nichts taugt. Und eben weil dem neuern Künstler die würdigen Gegenstände fehlen, so hapert es auch so mit aller Kunst der neuern Zeit. Darunter lei den wir alle; ich habe auch meine Modernität nicht verleugnen können.

Die wenigsten Künstler,« fuhr er fort, »sind über diesen Punkt im Klaren und wissen, was zu ihrem Frieden dient. Da malen sie z. B. meinen ›Fischer‹ und bedenken nicht, daß sich das gar nicht malen lasse. Es ist ja in dieser Ballade bloß das Gefühl des Wassers ausgedrückt, das Anmuthige, was uns im Sommer lockt, uns zu baden; weiter liegt nichts darin, und wie läßt sich das malen!«

Ich erwähnte ferner, daß ich mich freue, wie er auf jener Reise an allem Interesse genommen und alles aufgefaßt habe: Gestalt und Lage der Gebirge und ihre Steinarten; Boden, Flüsse, Wolken, Luft, Wind und Wetter; dann Städte und ihre Entstehung und successive Bildung; Baukunst, Malerei, Theater; städtische Einrichtung und Verwaltung; Gewerbe, Ökonomie, Straßenbau; Menschenrasse, Lebensart, Eigenheiten; dann wieder Politik und Kriegsangelegenheiten, und so noch hundert andere Dinge.

Goethe antwortete: »Aber Sie finden kein Wort über Musik, und zwar deswegen nicht, weil das nicht in meinem Kreise lag. Jeder muß wissen, worauf er bei einer Reise zu sehen hat und was seine Sache ist.«

Der Herr Kanzler trat herein. Er sprach einiges mit Goethe und äußerte sich dann gegen mich sehr wohlwollend und mit vieler Einsicht über meine kleine Schrift, die er in diesen Tagen gelesen. Er ging dann bald wieder zu den Damen hinüber, wo, wie ich hörte, der Flügel gespielt wurde.

Als er gegangen war, sprach Goethe sehr gut über ihn und sagte dann: »Alle diese vortrefflichen Menschen, zu denen Sie nun ein angenehmes Verhältniß haben, das ist es, was ich eine Heimat nenne, zu der man immer gern wieder zurückkehrt.«

Ich erwiderte ihm, daß ich bereits den wohlthätigen Einfluß meines hiesigen Aufenthalts zu spüren beginne, daß ich aus meinen bisherigen ideellen und theoretischen Richtungen nach und nach herauskomme und immer mehr den Werth des augenblicklichen Zustandes zu schätzen wisse.

»Das müßte schlimm sein,« sagte Goethe, »wenn Sie das nicht sollten. Beharren Sie nur dabei und halten Sie immer an der Gegenwart fest. Jeder Zustand, ja jeder Augenblick ist von unendlichem Werth, denn er ist der Repräsentant einer ganzen Ewigkeit.«

Es trat eine kleine Pause ein; dann brachte ich das Gespräch auf Tiefurt, und in welcher Art es etwa darzustellen. »Es ist ein mannigfaltiger Gegenstand,« sagte ich, »und schwer, ihm eine durchgreifende Form zu geben. Am bequemsten wäre es mir, ihn in Prosa zu behandeln.«

»Dazu,« sagte Goethe, »ist der Gegenstand nicht bedeutend genug. Die sogenannte didaktisch-beschreibende Form würde zwar im ganzen die zu wählende sein; allein auch sie ist nicht durchgreifend passend. Am besten ist es, Sie stellen den Gegen stand in zehn bis zwölf kleinen einzelnen Gedichten dar, in Reimen, aber in mannigfaltigen Versarten und Formen, so wie es die verschiedenen Seiten und Ansichten verlangen, wodurch denn das Ganze wird umschrieben und beleuchtet sein.« Diesen Rath ergriff ich als zweckmäßig. »Ja, was hindert Sie, dabei auch einmal dramatisch zu verfahren und ein Gespräch etwa mit dem Gärtner führen zu lassen? Und durch diese Zerstückelung macht man es sich leicht und kann besser das Charakteristische der verschiedenen Seiten des Gegenstandes ausdrücken. Ein umfassendes größeres Ganzes dagegen ist immer schwierig, und man bringt selten etwas Vollendetes zustande.«


1823, Anfang November. 
Mit Friedrich von Müller 


»Wenn Julie [Gräfin Egloffstein] nur eine Tagereise entfernt wäre,« sagte Goethe, »so müßte man sie mit Courierpferden holen; denn so etwas hört sie so leicht nicht wieder« [wie das Clavierspiel der Szymanowska].




1823, 4. November. 
Abend bei Goethe


Heute endlich, noch vielen Bemühungen und sich durchkreuzenden Hindernissen kam das öffentliche Concert der Mad. Szymanowska zu Stande. Noch wenig Stunden vorher wäre das Unternehmen fast aus Mangel eines guten Instrumentes gescheitert, hätte nicht die Frau Großfürstin selbst das Ihrige großmüthig dargeliehen. Nach dem Concert soupirten wir [v. Müller u. a.] mit Egloffsteins bei Goethe, der von der liebenswürdigsten Gemüthlichkeit war. Als unter mancherlei ausgebrachten Toasten auch einer der Erinnerung geweiht wurde, brach er mit Heftigkeit in die Worte aus:»Ich statuire keine Erinnerung in Eurem Sinne, das ist nur eine unbeholfene Art sich auszudrücken. Das uns irgend Großes, Schönes, Bedeutendes begegnet, muß nicht erst von Außen her wieder er – innert, gleichsam er-jagt werden, es muß sich vielmehr gleich vom Anfang her in unser Inneres verweben, mit ihm eins werden, ein neueres besseres Ich in uns erzeugen und so ewig bildend in uns fortleben und schaffen. Es giebt kein Vergangenes, das man zurücksehnen dürfte, es giebt nur ein ewig Neues, das sich aus den erweiterten Elementen des Vergangenen gestaltet und die ächte Sehnsucht muß stets productiv sein, ein neues Besseres erschaffen.« »Und,« setzte er mit großer Rührung hinzu, – »haben wir dies nicht alle in diesen Tagen an uns selbst erfahren? Fühlen wir uns nicht alle insgesammt durch diese liebenswürdige, edle Erscheinung, die uns jetzt wieder verlassen will, im Innersten erfrischt, verbessert, erweitert? Nein, sie kann uns nicht entschwinden, sie ist in unser innerstes Selbst übergegangen, sie lebt in uns mit uns fort und fange sie es auch an, wie sie wolle, mir zu entfliehen, ich halte sie immerdar fest in mir.«





1823, 5. November. 
Beim Abschied von Marie Szymanowska


Als ich [v. Müller] Nachmittags zu Goethe kam, traf ich ihn noch mit Mad. Szymanowska zu Tische sitzend; sie hatte eben an die ganze Familie bis zu dem kleinen Wolf herab, ihrem Liebling, die zierlichsten kleinen Abschiedsgeschenke, zum Theil eigner Hände Arbeit, ausgetheilt, und der alte Herr war in der wunderbarsten Stimmung. Er wollte heiter und humoristisch sein, und überall blickte der tiefste Schmerz des Abschieds durch. Unentschieden ging er nach Tische hin und her, verschwand, kam und ging wieder. Dann zeichnete er sich in das Stammbuch der Casimira [Wolowska] ein.

»Rappelezmoi au souvenir de tout le monde, moi aussi je demanderai à tout le monde des nouvelles de vous.«

Um 6 Uhr war sie zur Abschiedsaudienz bei der Frau Großfürstin bestellt, wo sie, der Hoftrauer entsprechend, ganz schwarz gekleidet erschien, was für Goethe den Eindruck noch erhöhte. Der Wagen fuhr vor und ohne daß er es bemerkte, war sie verschwunden. Es schien zweifelhaft, ob sie noch einmal wieder käme.

Da trat das Menschliche in Goethen recht unverhüllt hervor; er bat mich aufs Dringendste zu bewirken, daß sie nochmals wieder erscheinen, nicht ohne Abschied scheiden möchte. Einige Stunden später führten der Sohn und ich sie und ihre Schwester zu ihm.»Ich scheide reich und getröstet von Ihnen,« – sagte sie zu ihm, – »Sie haben mir den Glauben an mich selbst bestätigt, ich fühle mich besser und würdiger, da Sie mich achten. Nichts von Abschied, nichts von Dank; lassen Sie uns vom Wiedersehen träumen. O, daß ich doch schon viel älter wäre und hätte einen Enkel bald zu hoffen, er müßte Wolf heißen, und das erste Wort, das ich ihn stammeln lehrte, wäre Ihr theurer Name.« »Comment,« erwiederte Goethe, »vos compatriotes ont eu tant de peine à chasser les loups de chez eux, et vous voulez les y reconduire?« Aber alle Anstrengung des Humors half nicht aus, die hervorbrechenden Thränen zurückzuhalten, sprachlos schloß er sie und ihre Schwester in seine Arme und sein Blick begleitete sie noch lange, als sie durch die lange offene Reihe der Gemächer entschwand.

»Dieser holden Frau habe ich viel zu danken,« sagte er mir später, »ihre Bekanntschaft und ihr wundervolles Talent haben mich zuerst mir selbst wiedergegeben.«



1823, 10. November. 
Mit Johann Peter Eckermann 


Goethe befindet sich seit einigen Tagen nicht zum besten; eine heftige Erkältung scheint in ihm zu stecken. Er hustet viel, obgleich laut und kräftig; doch scheint der Husten schmerzlich zu sein, denn er faßt dabei gewöhnlich mit der Hand nach der Seite des Herzens.

Ich war diesen Abend vor dem Theater ein halbes Stündchen bei ihm. Er saß in einem Lehnstuhl, mit dem Rücken in ein Kissen gesenkt; das Reden schien ihm schwer zu werden.

Nachdem wir einiges gesprochen, wünschte er, daß ich ein Gedicht lesen möchte, womit er ein neues jetzt im Werke begriffenes Heft von »Kunst und Alterthum« eröffnet [»Des Paria Gebet« – »Legende« – »Des Paria Dank«]. Er blieb in seinem Stuhle sitzen und bezeichnete mir den Ort, wo es lag. Ich nahm ein Licht und setzte mich ein wenig entfernt von ihm an seinen Schreibtisch, um es zu lesen .....

Ich sprach darauf mit Goethe sowohl über den Gegenstand als die Behandlung, wo mir denn durch einige seiner Andeutungen manches lebendiger entgegentrat.

»Freilich,« sagte er darauf, »die Behandlung ist sehr knapp, und man muß gut eindringen, wenn man es recht besitzen will. Es kommt mir selber vor wie eine aus Stahldrähten geschmiedete Damascenerklinge. Ich habe aber auch den Gegenstand vierzig Jahre mit mir herumgetragen, sodaß er denn freilich Zeit hatte, sich von allem Ungehörigen zu läutern.«

»Es wird Wirkung thun,« sagte ich, »wenn es beim Publicum hervortritt.«

»Ach, das Publicum!« seufzte Goethe.»Sollte es nicht gut sein,« sagte ich, »wenn man dem Verständniß zu Hilfe käme und es machte wie bei der Erklärung eines Gemäldes, wo man durch Vorführung der vorhergegangenen Momente das wirklich Gegenwärtige zu beleben sucht?«

»Ich bin nicht der Meinung,« sagte Goethe. »Mit Gemälden ist es ein anderes; weil aber ein Gedicht gleichfalls aus Worten besteht, so hebt ein Wort das andere auf.«

Goethe scheint mir hierdurch sehr treffend die Klippe angedeutet zu haben, woran Ausleger von Gedichten gewöhnlich scheitern. Es fragt sich aber, ob es nicht möglich sei, eine solche Klippe zu vermeiden und einem Gedichte dennoch durch Worte zu Hilfe zu kommen, ohne das Zarte seines innern Lebens im mindesten zu verletzen.

Als ich ging, wünschte er, daß ich die Bogen von »Kunst und Alterthum« mit nach Hause nehme, um das Gedicht ferner zu betrachten; desgleichen die »Östlichen Rosen« von Rückert, von welchem Dichter er viel zu halten und die besten Erwartungen zu hegen scheint.




1823, 11. November. 
Abend bei Goethe 


Kleine Abendgesellschaft bei Goethe, der seit längerer Zeit wieder leidend ist. Seine Füße hatte er in eine wollene Decke gewickelt, die ihn seit dem Feldzuge in der Champagne überallhin begleitet. Bei Gelegenheit dieser Decke erzählte er uns [Soret u. a.] eine Anekdote aus dem Jahre 1806, wo die Franzosen Jena okkupirt hatten und der Kaplan eines französischen Regiments Behänge zum Schmuck seines Altars requirirte. »Man hatte ihm ein Stück glänzend karmoisinrothes Zeug geliefert,« sagte Goethe, »das ihm aber noch nicht gut genug war. Er beschwerte sich darüber bei mir. Schicken Sie mir jenes Zeug, antwortete ich ihm, ich will sehen, ob ich Ihnen etwas Besseres verschaffen kann. Indessen hatten wir auf unserm Theater ein neues Stück zu geben, und ich benutzte den prächtigen rothen Stoff, um damit meine Schauspieler herauszuputzen. Was aber meinen Kaplan betraf, so erhielt er weiter nichts; er ward vergessen, und er hat sehen müssen, wie er sich selber half.«


1823, 14. November. 
Mit Johann Peter Eckermann u.a. 


Gegen Abend sendete Goethe mir eine Einladung, ihn zu besuchen; Humboldt sei am Hofe, und ich würde ihm daher um so willkommener sein. Ich fand ihn noch wie vor einigen Tagen in seinem Lehnstuhl sitzend; er reichte mir freundlich die Hand, indem er mit himmlischer Sanftmuth einige Worte sprach. Ein großer Ofenschirm stand ihm zur Seite und gab ihm zugleich Schatten vor den Lichtern, die weiterhin auf dem Tische standen. Auch der Herr Kanzler trat herein und gesellte sich zu uns. Wir setzten uns in Goethes Nähe und führten leichte Gespräche, damit er sich nur zuhörend verhalten könnte. Bald kam auch der Arzt, Hofrath Rehbein. Er fand Goethes Puls, wie er sich ausdrückte, ganz munter und leichtfertig, worüber wir uns freuten und Goethe einige Scherze machte. »Wenn nur der Schmerz von der Seite des Herzens weg wäre!« klagte er dann. Rehbein schlug vor, ihm ein Pflaster dahin zu legen; wir sprachen über die guten Wirkungen eines solchen Mittels, und Goethe ließ sich dazu geneigt finden. Rehbein brachte das Gespräch auf Marienbad, wodurch bei Goethe angenehme Erinnerungen erweckt zu werden schienen. Man machte Pläne, nächsten Sommer wieder hinzugehen, und bemerkte, daß auch der Großherzog nicht fehlen würde, durch welche Aussichten Goethe in die heiterste Stimmung versetzt wurde. Auch sprach man über Madame Szymanowska und gedachte der Tage, wo sie hier war und die Männer sich um ihre Gunst bewarben.

Als Rehbein gegangen war, las der Kanzler die Indischen Gedichte. Goethe sprach derweilen mit mir über seine »Elegie von Marienbad«.Um acht Uhr ging der Kanzler; ich wollte auch gehen, Goethe bat mich aber, noch ein wenig zu bleiben. Ich setzte mich wieder. Das Gespräch kam auf das Theater, und daß morgen der »Wallenstein« würde gegeben werden. Dies gab Gelegenheit, über Schiller zu reden.

»Es geht mir mit Schiller eigen,« sagte ich; »einige Scenen seiner großen Theaterstücke lese ich mit wahrer Liebe und Bewunderung, dann aber komme ich auf Verstöße gegen die Wahrheit der Natur, und ich kann nicht weiter. Selbst mit dem ›Wallenstein‹ geht es mir nicht anders. Ich kann nicht umhin zu glauben, daß Schillers philosophische Richtung seiner Poesie geschadet hat; denn durch sie kam er dahin, die Idee höher zu halten als alle Natur, ja die Natur dadurch zu vernichten. Was er sich denken konnte, mußte geschehen, es mochte nun der Natur gemäß oder ihr zuwider sein.«

»Es ist betrübend,« sagte Goethe, »wenn man sieht, wie ein so außerordentlich begabter Mensch sich mit philosophischen Denkweisen herumquälte, die ihm nichts helfen konnten. Humboldt hat mir Briefe mitgebracht, die Schiller in der unseligen Zeit jener Speculationen an ihn geschrieben. Man sieht daraus, wie er sich damals mit der Intention plagte, die sentimentale Poesie von der naiven ganz frei zu machen, Aber nun konnte er für jene Dichtart keinen Boden finden, und dies brachte ihn in unsägliche Verwirrung. Und als ob,« fügte Goethe lächelnd hinzu, »die sentimentale Poesie ohne einen naiven Grund, aus welchem sie gleichsam hervorwächst, nur irgend bestehen könnte!

Es war nicht Schiller's Sache,« fuhr Goethe fort, »mit einer gewissen Bewußtlosigkeit und gleichsam instinktmäßig zu verfahren, vielmehr mußte er über jedes, was er that, reflektiren; woher es auch kam, daß er über seine poetischen Vorsätze nicht unterlassen konnte sehr viel hin- und herzureden, sodaß er alle seine spätern Stücke Scene für Scene mit mir durchgesprochen hat.«»Dagegen war es ganz gegen meine Natur, über das, was ich von poetischen Plänen vorhatte, mit irgend jemand zu reden, selbst nicht mit Schiller. Ich trug alles still mit mir herum, und niemand erfuhr in der Regel etwas, als bis es vollendet war. Als ich Schillern meinen ›Hermann und Dorothea‹1 fertig vorlegte, war er verwundert; denn ich hatte ihm vorher mit keiner Silbe gesagt, daß ich dergleichen vorhatte. Aber ich bin neugierig, was Sie morgen zum ›Wallenstein‹ sagen werden. Sie werden große Gestalten sehen, und das Stück wird auf Sie einen Eindruck machen, wie Sie es sich wahrscheinlich nicht vermuthen.«

1 Irrig: das geschah mit der »Natürlichen Tochter.«



1823, 16. November. 
Mit Johann Peter Eckermann


Abends bei Goethe. Er saß noch in seinem Lehnstuhl und schien ein wenig schwach. Seine erste Frage war nach dem ›Wallenstein‹. Ich gab ihm Rechenschaft von dem Eindruck, den das Stück von der Bühne herunter auf mich gemacht; er hörte es mit sichtbarer Freude. ....

Eingedenk seines Versprechens, mir seine ›Elegie von Marienbad‹ zu einer passenden Stunde abermals zu zeigen, stand Goethe auf, stellte ein Licht auf seinen Schreibtisch und gab mir das Gedicht. Ich war glücklich, es abermals vor Augen zu haben. Goethe setzte sich wieder in Ruhe und überließ mich einer ungestörten Betrachtung.

Nachdem ich eine Weile gelesen, wollte ich ihm etwas darüber sagen; es kam mir aber vor als ob er schlief. Ich benutzte daher den günstigen Augenblick und las es aber- und abermals und hatte dabei einen seltenen Genuß. Die jugendlichste Gluth der Liebe, gemildert durch die sittliche Höhe des Geistes, das erschien mir im allgemeinen als des Gedichts durchgreifender Charakter. Übrigens kam es mir vor, als seien die ausgesprochenen Gefühle stärker, als wir sie in andern Gedichten Goethes anzutreffen gewohnt sind, und ich schloß darauf auf einen Einfluß von Byron, welches Goethe auch nicht ablehnte.

»Sie sehen das Product eines höchst leidenschaftlichen Zustandes,« fügte er hinzu; »als ich darin befangen war, hätte ich ihn um alles in der Welt nicht entbehren mögen, und jetzt möchte ich um keinen Preis wieder hineingerathen.Ich schrieb das Gedicht, unmittelbar als ich von Marienbad abreiste und ich mich noch im vollen frischen Gefühle des Erlebten befand. Morgens acht Uhr auf der ersten Station schrieb ich die erste Strophe, und so dichtete ich im Wagen fort und schrieb von Station zu Station das im Gedächtniß Gefaßte nieder, sodaß es Abends fertig auf dem Papiere Stand. Es hat daher eine gewisse Unmittelbarkeit und ist wie aus einem Gusse, welches dem Ganzen zu gute kommen mag.«

»Zugleich,« sagte ich, »hat es in seiner ganzen Art viel Eigenthümliches, sodaß es an keins Ihrer andern Gedichte erinnert.«

»Das mag daher kommen,« sagte Goethe: »ich setzte auf die Gegenwart, so wie man eine bedeutende Summe auf eine Karte setzt, und suchte sie ohne Übertreibung so hoch zu steigern als möglich.«Diese Äußerung erschien mir sehr wichtig, indem sie Goethes Verfahren ans Licht setzt und uns seine allgemein bewunderte Mannigfaltigkeit erklärlich macht.

Es war indeß gegen neun Uhr geworden; Goethe bat mich, seinen Bedienten Stadelmann zu rufen, welches ich that.

Er ließ sich darauf von diesem das verordnete Pflaster auf die Brust zur Seite des Herzens legen. Ich stellte mich derweil ans Fenster. Hinter meinem Rücken hörte ich nun, wie er gegen Stadelmann klagte, daß sein Übel sich gar nicht bessern wolle, und daß es einen bleibenden Charakter annehme. Als die Operation vorbei war, setzte ich mich noch ein wenig zu ihm. Er klagte nun auch gegen mich, daß er seit einigen Nächten gar nicht geschlafen habe, und daß auch zum Essen gar keine Neigung vorhanden. »Der Winter geht nun so hin,« sagte er, »ich kann nichts thun, ich kann nichts zusammenbringen, der Geist hat gar keine Kraft.« Ich suchte ihn zu beruhigen, indem ich ihn bat, nur nicht so viel an seine Arbeiten zu denken, und daß ja dieser Zustand hoffentlich bald vorübergehen werde. »Ach,« sagte er darauf, »ungeduldig bin ich auch nicht, ich habe schon zu viel solcher Zustände durchlebt und habe schon gelernt zu leiden und zu dulden.« Er saß in einem Schlafrock von weißem Flanell, über seine Knie und Füße eine wollene Decke gelegt und gewickelt. »Ich werde gar nicht zu Bett gehen,« sagte er, »ich werde so auf meinem Stuhl die Nacht sitzen bleiben, denn zum rechten Schlaf komme ich doch nicht.«

Es war indeß Zeit geworden, er reichte mir seine liebe Hand und ich ging.


1823, 16. November. 
Mit Friedrich Soret 


Goethe ist immer noch nicht besser. Die Frau Großfürstin schickte ihm diesen Abend durch mich einige sehr schöne Medaillen, deren Betrachtung ihm vielleicht einige Zerstreuung und Aufheiterung gewähren möchte. Goethe war über diese zarte Aufmerksamkeit seiner hohen Fürstin sichtbar erfreut. Er klagte mir darauf, daß er denselbigen Schmerz an der Seite des Herzens fühle, wie er seiner schweren Krankheit vom vorigen Winter vorangegangen. »Ich kann nicht arbeiten,« sagte er, »ich kann nicht lesen, und selbst das Denken gelingt mir nur in glücklichen Augenblicken der Erleichterung.«


1823, 19. November. 
Mit Johann Peter Eckermann 


Gestern ging ich in Sorgen umher. Es ward außer seiner Familie niemand zu ihm gelassen.

Heute gegen Abend ging ich hin und wurde auch angenommen. Ich fand ihn noch in seinem Lehnstuhl sitzen, er schien dem Äußern nach noch ganz wie ich ihn am Sonntag verlassen, doch war er heitern Geistes.

Wir sprachen besonders über Zauper und die sehr ungleichen Wirkungen, die aus dem Studium der Literatur der Alten hervorgehen.




1823, 23. November. 
Mit Friedrich von Müller 


Als ich heute Mittag Goethe besuchte, und ihm von dem gehässigen Benehmen der Würzburger gegen Heine und dessen orthopädische Anstalt erzählte, sagte er:

»Das ist die alte Erfahrung; sobald sich etwas Bedeutendes hervorthut, alsobald erscheint als Gegensatz die Gemeinheit, die Opposition. Lassen wir sie gewähren, sie werden das Gute doch nicht unterdrücken. – Bei mir ist an keine Besserung zu denken, so lange ich, wie schon seit vielen Tagen nicht im Bette schlafen kann. Die Krankheit ist eben auch ein absolutes Übel. Welch ein Zustand! welch eine Qual, ohne Morgen und Abend, ohne Thätigkeit, ohne klare Idee! Aber besucht mich nur immer Mittags ein wenig, damit man doch noch denken möge, zusammen zu gehören.«



1823, 24. November. 
Mit Johann Peter Eckermann

Sonnabend und Sonntag studirte ich die Gedichte [von Graf Platen]. Diesen Morgen schrieb ich meine Ansicht darüber und schickte sie Goethen zu; denn ich hatte erfahren, daß er seit einigen Tagen niemand vor sich lasse, indem der Arzt ihm alles Reden verboten.

Heute gegen Abend ließ er mich dennoch rufen. Als ich zu ihm hineintrat, fand ich einen Stuhl bereits in seine Nähe gesetzt; er reichte mir seine Hand entgegen und war äußerst liebevoll und gut. Er fing sogleich an über meine kleine Recension zu reden. »Ich habe mich sehr darüber gefreut,« sagte er; »Sie haben eine schöne Gabe. Ich will Ihnen etwas sagen,« fuhr er dann fort, »wenn Ihnen vielleicht von andern Orten her literarische Anträge gemacht werden sollten, so lehnen Sie solche ab oder sagen es mir wenigstens zuvor; denn da Sie einmal mit mir verbunden sind, so möchte ich nicht gern, daß Sie auch zu andern ein Verhältniß hätten.«

Ich antwortete, daß ich mich bloß zu ihm halten, wolle, und daß es mir auch vorderhand um anderweitige Verbindungen durchaus nicht zu thun sei.

Das war ihm lieb, und er sagte darauf, daß wir diesen Winter noch manche hübsche Arbeit miteinander machen wollten.

Wir kamen dann auf die ›Ghaselen‹ selbst zu sprechen, und Goethe freute sich über die Vollendung dieser Gedichte, und daß unsere neueste Literatur doch manches Tüchtige hervorbringe.

»Ihnen,« fuhr er dann fort, »möchte ich unsere neuesten Talente zu einem besonderen Studium und Augenmerk len. Ich möchte, daß Sie sich von allem, was in unserer Literatur Bedeutendes hervortritt, in Kenntniß setzten und mir das Verdienstliche vor Augen brächten, damit wir in den Heften von ›Kunst und Alterthum‹ darüber reden und das Gute, Edle und Tüchtige mit Anerkennung erwähnen könnten. Denn mit dem besten Willen komme ich bei meinem hohen Alter und bei meinen tausendfachen Obliegenheiten ohne anderweitige Hilfe nicht dazu.«

Ich versprach dieses zu thun, indem ich mich zugleich freute zu sehen, daß unsere neuesten Schriftsteller und Dichter Goethen mehr am Herzen liegen, als ich mir gedacht hatte.


1823, 28. November. 
Mit Friedrich Soret


Der erste Theil von Meyers ›Kunstgeschichte‹, der soeben erschienen, scheint Goethe sehr angenehm zu beschäftigen. Er sprach darüber heute in Ausdrücken des höchsten Lobes.


1823, 1. December. 
Mit Johann Peter Eckermann
und Karl Friedrich Zelter

Heute ward ich bei Goethe zu Tische geladen. Ich fand Zelter bei ihm sitzen, als ich hereintrat. Sie kamen mir einige Schritte entgegen und gaben mir die Hände. »Hier,« sagte Goethe, »haben wir meinen Freund Zelter. Sie machen an ihm eine gute Bekanntschaft; ich werde Sie bald einmal nach Berlin schicken, da sollen Sie denn von ihm auf das beste gepflegt werden.« – »In Berlin mag es gut sein,« sagte ich. »Ja,« sagte Zelter lachend, »es läßt sich darin viel lernen und verlernen.«Wir setzten uns und führten allerlei Gespräche. Ich fragte nach Schubarth. »Er besucht mich wenigstens alle acht Tage,« sagte Zelter. »Er hat sich verheirathet, ist aber ohne Anstellung, weil er es in Berlin mit den Philologen verdorben.«

Zelter fragte mich darauf, ob ich Immermann kenne. »Seinen Namen,« sagte ich, »habe ich bereits sehr oft nennen hören, doch von seinen Schriften kenne ich bis jetzt nichts.« »Ich habe seine Bekanntschaft zu Münster gemacht,« sagte Zelter; »es ist ein sehr hoffnungsvoller junger Mann, und es wäre ihm zu wünschen, daß seine Anstellung ihm für seine Kunst mehr Zeit ließe.« Goethe lobte gleichfalls sein Talent. »Wir wollen sehen,« sagte er, »wie er sich entwickelt; ob er sich bequemen mag, seinen Geschmack zu reinigen und hinsichtlich der Form die anerkannt besten Muster zur Richtschnur zu nehmen. Sein originelles Streben hat zwar sein Gutes, allein es führt gar zu leicht in die Irre.«Der kleine Walter kam gesprungen und machte sich an Zelter und seinen Großpapa mit vielen Fragen. »Wenn du kommst, unruhiger Geist,« sagte Goethe, »so verdirbst du gleich jedes Gespräch.« Übrigens liebte er den Knaben und war unermüdet, ihm alles zu Willen zu thun.


                                                                1823, 4. December. 
Mittag bei Goethe

Diesen Morgen brachte mir [Eckermann] Secretär Kräuter eine Einladung bei Goethe zu Tische. Dabei gab er mir von Goethe den Wink, Zeltern doch ein Exemplar meiner ›Beiträge zur Poesie‹ zu verehren. Ich that so und brachte es ihm ins Wirthshaus.

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Darauf um 2 Uhr kam ich zu Tische. Ich fand Zelter bereits bei Goethe sitzen und Kupferstiche italienischer Gegenden betrachten. Frau von Goethe trat herein, und wir gingen zu Tische. Fräulein Ulrike war heute abwesend, desgleichen der junge Goethe, welcher bloß hereinkam, um guten Tag zu sagen, und dann wieder an Hof ging.

Die Tischgespräche waren heute besonders mannigfaltig. Sehr viel originelle Anekdoten wurden erzählt, sowohl von Zelter als Goethe, welche alle dahin gingen, die Eigenschaften ihres gemeinschaftlichen Freundes Friedrich August Wolf zu Berlin ins Licht zu setzen. Dann ward über die Nibelungen viel gesprochen, dann über Lord Byron und seinen zu hoffenden Besuch in Weimar, woran Frau von Goethe besonders theilnahm. Das Rochusfest zu Bingen war ferner ein sehr heiterer Gegenstand, wobei Zelter sich besonders zweier schöner Mädchen erinnerte, deren Liebenswürdigkeit sich ihm tief eingeprägt hatte und deren Andenken ihn noch heute zu beglücken schien. Das gesellige Lied ›Kriegsglück‹ von Goethe ward darauf sehr heiter besprochen. Zelter war unerschöpflich in Anekdoten von blessirten Soldaten und schönen Frauen, welche alle dahin gingen, um die Wahrheit des Gedichts zu beweisen. Goethe selber sagte, er habe nach solchen Realitäten nicht weit zu gehen brauchen, er habe alles in Weimar persönlich erlebt. Frau von Goethe aber hielt immerwährend ein heiteres Widerspiel, indem sie nicht zugeben wollte, daß die Frauen so wären als das »garstige« Gedicht sie schildere.

Und so vergingen denn auch heute die Stunden bei Tische sehr angenehm.

Als ich darauf später mit Goethe allein war, fragte er mich über Zelter. »Nun,« sagte er, »wie gefällt er Ihnen?« Ich sprach über das durchaus Wohlthätige seiner Persönlichkeit. »Er kann,« fügte Goethe hinzu, »bei der ersten Bekanntschaft etwas sehr derb, ja mitunter sogar etwas roh erscheinen. Allein das ist nur äußerlich. Ich kenne kaum jemand, der zugleich so zart wäre wie Zelter. Und dabei muß man nicht vergessen, daß er über ein halbes Jahrhundert in Berlin zugebracht hat. Es lebt aber, wie ich an allem merke, dort ein so verwegener Menschenschlag beisammen, daß man mit der Delikatesse nicht weit reicht, sondern daß man Haare auf den Zähnen haben und mitunter etwas grob sein muß, um sich über Wasser zu halten.«




1823, 5. December. 
Mit Friedrich Soret


Ich brachte Goethe einige Mineralien, besonders ein Stück thonigen Ocker, den Dechamps zu Courmayeur [?] gefunden und wovon Herr Massot viel Rühmens macht. Wie sehr aber war Goethe erstaunt, als er in dieser Farbe ganz dieselbe erkannte, die Angelika Kauffmann zu den Fleischpartien ihrer Gemälde zu benutzen pflegte! »Sie schätzte das Wenige, das sie davon besaß,« sagte er, »nach dem Gewicht des Goldes. Der Ort indeß, wo es herstammte und wo es zu finden, war ihr unbekannt.« Goethe meinte gegen seine Tochter, ich behandle ihn wie einen Sultan, dem man täglich neue Geschenke bringe. »Er behandelt Sie vielmehr wie ein Kind!« erwiderte Frau von Goethe; worüber er sich denn nicht enthalten konnte zu lächeln.



1823, 7. December. 
Mit Friedrich Soret


Ich fragte Goethe, wie er sich heute befinde. »Nicht ganz so schlecht als Napoleon auf seiner Insel,« war die seufzende Antwort. Der sich sehr in die Länge ziehende krankhafte Zustand scheint denn doch nach und nach sehr auf ihn zu wirken.



1823, 15. December 
Mit Friedrich von Müller 


Heute war ich eine Stunde bei Goethe, der ziemlich munter war. Er war etwas ärgerlich über die Recension des Concerts der Madame Szymanowska im Berliner Blatt1 , und kam, an die Geschwister denkend, darauf, uns von dem Entstehen seiner ›Geschwister‹ zu erzählen. »Ich entwarf sie auf einer kleinen Reise nach Thalbürgel, wo ich den Großherzog besuchte. In wenig Tagen waren sie fertig; es reut mich, daß ich damals nicht ein Dutzend ähnlicher Stücke hingeworfen habe, aber ich gerieth bald auf die ›Iphigenie‹ und ward viel ernster. Die ›Geschwister‹ führte ich dann auf einem kleinen Privattheater mit Dem. Kotzebue (Madame Gildemeister) selbst auf, nicht ohne wechselseitige Neigung. Sie war anmuthig, naiv, weit mehr als ihre Tochter, die etwas kurz Angebundenes hat. Der nachmalige Staatsrath Kotzebue machte in ›Stella‹ den Postillon.« Beim Weggehen bat Goethe mich mit seinen Freunden zu verabreden, daß jeder abwechselnd an den Abenden allein ihn aufsuche, weil das Hin- und Herreden Mehrerer ihn betäube oder zu sehr aufrege.

1 Berliner Nachrichten 1823. Nr. 149.






1823, 21. December.
Mit Friedrich Soret u.a.



Goethes gute Laune war heute wieder glänzend. Wir haben den kürzesten Tag erreicht, und die Hoffnung, jetzt mit jeder Woche die Tage wieder bedeutend zunehmen zu sehen, scheint auf seine Stimmung den günstigsten Einfluß auszuüben. »Heute feiern wir die Wiedergeburt der Sonne!« rief er mir froh entgegen, als ich diesen Vormittag bei ihm eintrat. Ich höre, daß er jedes Jahr die Wochen vor dem kürzesten Tage in deprimirter Stimmung zu verbringen und zu verseufzen pflegt.

Frau von Goethe trat herein, um ihren Schwiegerpapa zu benachrichtigen, daß sie nach Berlin zu reisen im Begriff sei, um dort mit ihrer nächstens zurückkommenden Mutter zusammenzutreffen.

Als Frau von Goethe gegangen war, scherzte Goethe mit mir über die lebendige Einbildungskraft, welche die Jugend characterisire. »Ich bin zu alt,« sagte er, »um ihr zu widersprechen und ihr begreiflich zu machen, daß die Freude, ihre Mutter dort oder hier zuerst wiederzusehen, ganz dieselbige sein würde. Diese Winterreise ist viel Mühe um Nichts; aber ein solches Nichts ist der Jugend oft unendlich viel. Und im ganzen genommen, was thut's! Man muß oft etwas Tolles unternehmen, um nur wieder eine Zeit lang leben zu können. In meiner Jugend habe ich es nicht besser gemacht, und doch bin ich noch ziemlich mit heiler Haut davongekommen.«


1823, 29. December. 
Mit Friedrich von Müller 


Ich fand heute Goethe allein. Nach Besichtigung einiger Kupferstiche sprach er über Hamann und seine Briefe an Jacobi. »Hamann war seiner Zeit der hellste Kopf; er wußte wohl, was er wollte. Aber er hielt immer biblische Sprüche und Stellen aus den Alten vor wie Masken, und ist dadurch vielen dunkel und mystisch erschienen. Mir ist die populäre Philosophie stets widerlich gewesen, deshalb neigte ich mich leichter zu Kant hin, der jene vernichtet hat. Aber mit seiner Kritik der Vernunft habe ich mich nie tief eingelassen.«

1823, 30. December. 
Mit Friedrich Soret 


Abends mit Goethe allein, in allerlei Gesprächen. Er sagte mir, daß er die Absicht habe, seine ›Reise in die Schweiz vom Jahre 1797‹ in seine Werke aufzunehmen. Sodann war die Rede vom ›Werther‹, den er nicht wieder gelesen habe als einmal, ungefähr zehn Jahre nach seinem Erscheinen. Auch mit seinen andern Schriften habe er es so gemacht. Wir sprachen darauf von Übersetzungen, wobei er mir sagte, daß es ihm sehr schwer werde, englische Gedichte in deutschen Versen wiederzugeben. »Wenn man die schlagenden einsilbigen Worte der Engländer,« sagte er, »mit vielsilbigen oder zusammengesetzten deutschen ausdrücken will, so ist gleich alle Kraft und Wirkung verloren.« Von seinem ›Rameau‹, sagte er, daß er die Übersetzung in vier Wochen gemacht und alles diktirt habe.

Wir sprachen sodann über Naturwissenschaften, insbesondere über die Kleingeisterei, womit diese und jene Gelehrten sich um die Priorität streiten. »Ich habe durch nichts die Menschen besser kennen gelernt,« sagte Goethe, »als durch meine wissenschaftlichen Bestrebungen. Ich habe es mich viel kosten lassen und es ist mit manchen Leiden verknüpft gewesen; aber ich freue mich dennoch, die Erfahrung gemacht zu haben.«

»In den Wissenschaften,« bemerkte ich, »scheint auf eine besondere Weise der Egoismus der Menschen angeregt zu werden; und wenn dieser einmal in Bewegung gesetzt ist, so pflegen sehr bald alle Schwächen des Charakters zum Vorschein zu kommen.«

»Die Fragen der Wissenschaft,« versetzte Goethe, »sind sehr häufig Fragen der Existenz. Eine einzige Entdeckung kann einen Mann berühmt machen und sein bürgerliches Glück begründen. Deshalb herrscht auch in den Wissenschaften diese große Strenge und dieses Festhalten und diese Eifersucht auf das Aperçu eines andern. Im Reich der Ästhetik dagegen ist alles weit läßlicher; die Gedanken sind mehr oder weniger ein angeborenes Eigenthum aller Menschen, wobei alles auf die Behandlung und Ausführung ankommt und billigerweise wenig Neid stattfindet. Ein einziger Gedanke kann das Fundament zu hundert Epigrammen hergeben, und es fragt sich bloß, welcher Poet denn nun diesen Gedanken auf die wirksamste und schönste Weise zu versinnlichen gewußt habe. Bei der Wissenschaft aber ist die Behandlung null, und alle Wirkung liegt im Aperçu. Es ist dabei wenig Allgemeines und Subjectives, sondern die einzelnen Manifestationen der Naturgesetze liegen alle sphinxartig, starr, fest und stumm außer uns da. Jedes wahrgenommene neue Phänomen ist eine Entdeckung, jede Entdeckung ein Eigenthum. Taste aber nur einer das Eigenthum an, und der Mensch mit seinen Leidenschaften wird sogleich da sein.

Es wird aber«, fuhr Goethe fort, »in den Wissenschaften auch zugleich dasjenige als Eigenthum angesehen, was man auf Akademien überliefert erhalten und gelernt hat. Kommt nun einer, der etwas Neues bringt, das mit unserm Credo, das wir seit Jahren nachbeten und wiederum andern überliefern, in Widerspruch steht und es wohl gar zu stürzen droht, so regt man alle Leidenschaften gegen ihn auf und sucht ihn auf alle Weise zu unterdrücken. Man sträubt sich dagegen, wie man nur kann; man thut als höre man nicht, als verstände man nicht; man spricht darüber mit Geringschätzung, als wäre es gar nicht der Mühe werth es nur anzusehen und zu untersuchen; und so kann eine neue Wahrheit lange warten, bis sie sich Bahn macht. Ein Franzose sagte zu einem meiner Freunde in Bezug auf meine Farbenlehre: Wir haben funfzig Jahre lang gearbeitet, um das Reich Newtons zu gründen und zu befestigen; es werden andere funfzig Jahre nöthig sein, um es zu stürzen.

Die mathematische Gilde hat meinen Namen in der Wissenschaft so verdächtig zu machen gesucht, daß man sich scheut, ihn nur zu nennen. Es kam mir vor einiger Zeit eine Broschüre in die Hand, worin Gegenstände der Farbenlehre behandelt waren, und zwar schien der Verfasser ganz durchdrungen von meiner Lehre zu sein und hatte alles auf dieselben Fundamente gebaut und zurückgeführt. Ich las die Schrift mit großer Freude; allein zu meiner nicht geringen Überraschung mußte ich sehen, daß der Verfasser mich nicht einmal genannt hatte. Später ward mir das Räthsel gelöst. Ein gemeinschaftlicher Freund besuchte mich und gestand mir, der talentreiche junge Verfasser habe durch jene Schrift seinen Ruf zu gründen gesucht und habe mit Recht gefürchtet, sich bei der gelehrten Welt zu schaden, wenn er es gewagt hätte, seine vorgetragenen Ansichten durch meinen Namen zu stützen. Die kleine Schrift machte Glück, und der geistreiche junge Verfasser hat sich mir später persönlich vorgestellt und sich entschuldigt.«

»Der Fall erscheint mir um so merkwürdiger,« versetzte ich, »da man in allen andern Dingen auf Ihre Autorität stolz zu sein Ursache hat und jedermann sich glücklich schätzt, in Ihrer Zustimmung vor der Welt einen mächtigen Schutz zu finden. Bei Ihrer Farbenlehre scheint mir das Schlimme zu sein, daß Sie es dabei nicht bloß mit dem berühmten, von allen anerkannten Newton, sondern auch mit seinen in der ganzen Welt verbreiteten Schülern zu thun haben, die ihrem Meister anhängen und deren Zahl Legion ist. Gesetzt auch daß Sie am Ende recht behalten, so werden Sie gewiß noch eine geraume Zeit mit Ihrer neuen Lehre allein stehen.«

»Ich bin es gewohnt und bin darauf gefaßt,« erwiederte Goethe. »Aber sagen Sie selbst,« fuhr er fort, »konnte ich nicht stolz sein, wenn ich mir seit zwanzig Jahren gestehen mußte, daß der große Newton und alle Mathematiker und erhabenen Rechner mit ihm in Bezug auf die Farbenlehre sich in einem entschiedenen Irrthum befänden, und daß ich unter Millionen der einzige sei, der in diesem großen Naturgegenstande allein das Rechte wisse? Mit diesem Gefühl der Superiorität war es mir denn möglich, die stupide Anmaßlichkeit meiner Gegner zu ertragen. Man suchte mich und meine Lehre auf alle Weise anzufeinden und meine Ideen lächerlich zu machen, aber ich hatte nichtsdestoweniger über mein vollendetes Werk eine große Freude. Alle Angriffe meiner Gegner dienten mir nur, um die Menschen in ihrer Schwäche zu sehen.«

Während Goethe so mit einer Kraft und einem Reichthum des Ausdrucks sprach, wie ich in ganzer Wahrheit wiederzugeben nicht im Stande bin, glänzten seine Augen von einem außerordentlichen Feuer. Man sah darin den Ausdruck des Triumphs, während ein ironisches Lächeln um seine Lippen spielte. Die Züge seines schönen Gesichts waren imposanter als je.



1823, 31. December. 
Mit Friedrich Soret 


Bei Goethe zu Tische, in mancherlei Gesprächen. Er zeigte mir ein Portefeuille mit Handzeichnungen, unter denen besonders die Anfänge von Heinrich Füeßli merkwürdig.

Wir sprachen sodann über religiöse Dinge und den Mißbrauch des göttlichen Namens.

»Die Leute traktiren ihn,« sagte Goethe, »als wäre das unbegreifliche, gar nicht auszudenkende höchste Wesen nicht viel mehr als ihresgleichen. Sie würden sonst nicht sagen: der Herr Gott, der liebe Gott, der gute Gott. Er wird ihnen, besonders den Geistlichen, die ihn täglich im Munde führen, zu einer Phrase, zu einem bloßen Namen, wobei sie sich auch gar nichts denken. Wären sie aber durchdrungen von seiner Größe, sie würden verstummen und ihn vor Verehrung nicht nennen mögen.«


1823, Ende. 
Mit Eduard Genast 


So waren denn fast alle dramatischen Werke Schiller's auf der Leipziger Bühne gegeben worden bis auf die Trilogie ›Wallenstein‹; aber auch diese war in Aussicht gestellt, die Titelrolle bereits nach der Weimarischen Einrichtung ausgeschrieben und mir übertragen worden. Ich fuhr nach Weimar, um Goethe zu bitten, sich meiner bey dieser großen Aufgabe freundlich anzunehmen. »Ich will Dir recht gern in diesem Vorhaben behülflich sein« – sagte Goethe – »und Dir im allgemeinen meine Ansichten über den Charakter mittheilen, um Dir aber wahrhaft förderlich bei Deinem Studium dieser schwierigen Rolle zu sein, werde ich Dir einen Brief an Tieck mitgeben und ihn ersuchen, daß er die Rolle mit Dir durchgehe. Er hat Fleck in dieser Rolle gesehen, den besten Wallenstein, wie er mir selbst sagte, den je die deutsche Bühne besessen.«

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