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2019-10-04

Woldemar von Biedermann : Gespräche Goethes 1809-1 (48)


1809





1809, 14. Januar.
Mit Charlotte von Schiller



Sonst sah ich [Abeken] Goethe... bei Johannes Falk, dem bekannten Satiriker... einmal in einer komischen Situation. Falk nämlich, der damals immer seltsame Dinge im Kopfe hatte und in die Gesellschaft Geistreiches zu bringen bemüht war, ließ, um eine große, bei ihm versammelte Gesellschaft zu unterhalten, in einem selbsterfundenen chinesischen Schattenspiel Scenen aus Goethe's »Faust« darstellen, wozu hinter dem, die Schattenbilder aufnehmenden Vorhange von ihm und einer damals reisenden Virtuosin, Fräulein v. Winkel, aus dem Gedichte declamirt wurde. Da kam es mir nun äußerst komisch vor, wie diese aus schwarzem Papier geschnittenen, fingerlangen Püppchen, die Gretchen, Valentin, Faust und Mephistopheles vorstellen sollten, vor Goethe's Augen sich hin und her bewegten. Er sah das ganz ruhig an; am andern Tage sagte er zu Frau v. Schiller: es sei ihm vorgekommen, als ob er schon hundert Jahre todt gewesen.


1809, Januar. 
Mit Johann Gottfried Gruber 


»Gott sei Dank!« sagte neulich Goethe, »daß es unter den Weimarischen Gelehrten doch mehr Heiden, als Neuchristen giebt.«


1809, Januar. 
Über Martin Friedrich Arendt

In einem benachbarten Gasthofe einlogirt, speiste er fast jeden Mittag an Goethes Tische, unterhielt uns mit seinen Reiseabenteuern, antiquarischen Recherchen u.s.w., ohne in das doppelte Spiel seiner Luft- und Speiseröhre eine Pause zu bringen, oder der andern den geringsten Abbruch zu thun. Es schmeckte diesem Ausgehungerten jederzeit so vortrefflich, daß er einesmals, nachdem er mit Hammelbraten und Gurkensalat zuerst den Teller, dann den Magen reichlich gefüllt hatte, nun auch die köstliche Brühe von Gurkensaft und Öl und Essig nicht wollte umkommen lassen. Den Teller schon mit beiden Händen zu den Lippen erhoben, um ihn auszuschlürfen, fiel es ihm doch noch ein, für diese studenticose Manier um Erlaubniß zu bitten. G. mit unnachahmlicher Bonhommie, Ruhe und Treuherzigkeit hieß ihn, »sich ja nur nicht zu geniren,« indem er, während jener schlürfte, das Leckere einer solchen Mischung von Bratenbrühe und Gurkensaft rühmend auseinandersetzte und so den Genießer ermuthigte, sich ganz zwanglos dem Behagen des erquicklichen Trankes hinzugeben.

Diese ungeschlachte Rohheit... discredidirte ihn jedoch bei G. so wenig, daß dieser die Sache nur lustig nahm und wie eine naturhistorische Merkwürdigkeit aus der Diätetik der Vierfüßer ansah.


1809, 20. Februar. 
Mittag bei Goethe

Goethe äußerte über Tisch: »Der reine wahre Despotismus entwickelt sich aus dem Freiheitssinne; ja er ist selbst der Freiheitssinn mit dem Gelingen. Der Freiheitssinn strebt ins Unbedingte, er will herrschen, ohne daß er's immer im Stande ist und werden kann. Nun kommt bei einem das Gelingen hinzu, und so ist der Despot fertig. – Aus der Sklaverei geht nur der eigentliche dominus hervor, niemals der Despot oder wie er auch heißt der Tyrann.«

Ferner äußerte Goethe über den Witz: »Der Witz setzt immer ein Publikum voraus. Darum kann man den Witz auch nicht bei sich behalten. Für sich allein ist man nicht witzig. Alle andern Empfindungen genießt man für sich allein: Liebe, Hoffnung etc. – Der Witz wird immer für ein Anzeichen eines kalten Gemüths gehalten; er ist nur das eines besonnenen, freien, schwebenden, das sich von den Gegenständen losmachen kann. (Daher sagt man, daß er niemandes, auch des Freundes, nicht schone.)

Der Witz gehört unter den Spieltrieb. Das Spiel offenbart die große Freiheit des Geistes. Das Spiel will nicht die Realität, sondern den Schein. Der Schein ist mit der Idee nahe verwandt. Er ist gleichsam das Bild, das Gemälde von der Idee. Ja er ist die Idee selbst mit dem Minimo von Realität verkörpert oder daran offenbart.«


1809, 26. Februar. 
In Gesellschaft bei Johanna Schopenhauer 


Abends zu Mad. Schopenhaner, Goethe sehr lustig und spaßhaft über Blaubarts Märchen.

[Am Tage vorher war die Oper »Blaubart« von Grétry gegeben worden.]


1809, 28. (?) Februar.
Mit Johann Daniel Falk


»Es ist Alles,« sagte er ein ander Mal, am 29. [so!] Februar 1809, in demselben Sinne, »in den Wissenschaften zu weitsichtig geworden. Auf unsern Kathedern werden die einzelnen Fächer planmäßig zu halbjährigen Vorlesungen mit Gewalt auseinandergezogen. Die Reihe von wirklichen Erfindungen ist gering, besonders, wenn man sie durch ein paar Jahrhunderte im Zusammenhange betrachtet. Das Meiste, was getrieben wird, ist doch nur Wiederholung von dem, was dieser oder jener berühmte Vorgänger gesagt hat. Von einem selbstständigen Wissen ist kaum die Rede. Man treibt die jungen Leute heerdenweise in Stuben und Hörsäle zusammen und speist sie in Ermangelung wirklicher Gegenstände mit Citaten und Worten ab. Die Anschauung, die oft dem Lehrer selbst fehlt, mögen sich die Schüler hinterdrein verschaffen! Es gehört eben nicht viel dazu, um einzusehen, daß dies ein völlig verfehlter Weg ist. Besitzt nun der Professor vollends gar einen gelehrten Apparat, so wird es dadurch nicht besser, sondern nur noch schlimmer. Des Dünkels ist nur gar kein Ende. Jeder Färber an seinem Kessel, jeder Apotheker an seinem Destillirkolben muß sich sofort des breitern von ihm belehren lassen. Die armen Teufel von Praktikern, ich kann nicht sagen, wie sie mich dauern, daß sie in solche Hände gefallen sind! Da saß ehemals so ein alter Färber in Heilbronn, der war klüger als sie alle! Dafür haben sie ihn aber auch tüchtig ausgelacht. Was gäbe ich darum, wenn der alte Meister noch in der Welt wäre, die er, aber die ihn nicht erkannte, und meine Farbenlehre erlebt hätte. Dem hatte sein Kessel geholfen. Der wußte, worauf es ankam.«»Wenn ich die Summe von dem Wissenswerthen in so mancher Wissenschaft, mit der ich mich mein ganzes Leben hindurch beschäftigt habe, aufschreiben wollte, das Manuscript würde so klein ausfallen, daß Sie es in einem Briefcouvert nach Hause tragen könnten. Es herrscht bei uns der Gebrauch, daß man die Wissenschaften entweder ums Brot verbauern läßt, oder sie auf den Kathedern förmlich zersetzt, so daß uns Deutschen nur zwischen einer seichten Popularphilosophie und einem unverständlichen Gallimathias transcendentaler Redensarten gleichsam die Wahl gelassen ist. Das Capitel von der Electricität ist noch das, was in neuerer Zeit nach meinem Sinne am vorzüglichsten bearbeitet ist.«

»Die ›Elemente‹ des Euklides stehen noch immer als ein unübertroffenes Muster eines guten Lehrvortrages da; sie zeigen uns in der größten Einfachheit und nothwendigen Abstufung ihrer Probleme, wie Eingang und Zutritt zu allen Wissenschaften beschaffen sein sollten.« »Wie ungeheure Summen haben nicht die Fabrikherrn bloß durch falsche Ansichten in der Chemie verloren. Selbst die technischen Künste sind beiweitem nicht, wie sie sollten, vorgerückt. Diese Bücher- und Stubengelehrsamkeit, dies Klugwerden und Klugmachen aus nachgeschriebenen Heften ist auch die alleinige Ursache, daß die Zahl der wahrhaft nützlichen Entdeckungen durch alle Jahrhunderte so gering ist. Wahrlich, wenn heute, wo wir den 29. [so!] Februar 1809 schreiben, der altehrwürdige englische Mönch Baco – mit dem Kanzler Verulam keineswegs zu verwechseln –, nachdem so manche Jahrhunderte hinter seinen wissenschaftlichen Bestrebungen abgelaufen sind, von den Todten zurück zu mir in mein Studirzimmer käme und mich höflich ersuchte, ihn mit den Entdeckungen, die seitdem in Künsten und Wissenschaften erfolgt, bekannt zu machen, ich würde mit einiger Beschämung vor ihm dastehen und im Grunde nicht so recht wissen, was ich dem guten Alten antworten sollte. Fiele es mir etwa ein, ihm ein Sonnenmikro skop vorzulegen, so würde er mir bald mit einer Stelle in seinen Schriften dienen, wo er dieser Erfindung nicht bloß ahnend vorgriff, sondern derselben auch durch wahrhaft praktische Winke den Weg bahnte. Führte uns unser Gespräch auf die Entdeckung der Uhren, so würde er vielleicht, wenn ich ihm eine vorzeigte, gelassen fortfahren: Es ist das rechte! Es kommt mir indessen nicht unerwartet. Ich habe es ebenfalls vorausgesehen. Von der Möglichkeit solcher Maschinen könnt ihr Seite 504 in meinen Schriften das Nöthige nachlesen, wo ich sie ebenfalls, wie das Sonnenmikroskop und die Camera obscura, ausführlicher behandelt habe. Zuletzt, nach völliger Durchmusterung aller neuer Erfindungen, müßte ich vielleicht erwarten, daß sich der tiefsinnige Klosterbruder mit folgenden Worten von mir verabschiedete: Besonderes ist es eben nicht, was ihr da im Laufe so vieler Jahrhunderte geleistet habt. Rührt euch besser! Ich will mich nun wieder schlafen legen und nach vier Jahrhunderten wiederkommen und zusehen, ob auch ihr schlaft, ober ob ihr in diesem oder jenem Stücke weiter fortgeschritten seid! – Bei uns Deutschen,« setzte Goethe hinzu, »geht Alles fein langsam vonstatten. Als ich vor nunmehr zwanzig Jahren die erste Idee von der Metamorphose der Pflanzen aufstellte, wußte man bei Beurtheilung dieser Schrift nichts weiter als die einfache Behandlung im Vortrag eines wissenschaftlichen Gegenstandes herauszuheben, die jungen Leuten allenfalls zum Muster dienen könne. Von der Gültigkeit eines Grundgesetzes, auf dessen Entwickelung doch hier eben alles ankam, und das, im Fall es sich bewährte, durch die ganze Natur die mannichfalitgste Anwendung erlaubte, vernahm ich kein Wort. Das macht, es stand nichts davon im Linné, den sie ausschreiben und sodann ihren Schülern vortragen. Man sieht aus allem, der Mensch ist zum Glauben und nicht zum Schauen gemacht. Wie lange wird es dauern, so werden sie auch an mich glauben und mir dies und jenes nachsprechen! Ich wollte aber lieber, sie behaupteten ihr Recht und öffneten die Augen selbst, damit sie sähen, was vor ihnen liegt; so aber schelten sie nur auf alles, was bessere Augen hat als sie, und nehmen es sogar übel, wenn man sie in ihren Kathederansichten der Blödsichtigkeit beschuldigt. Von der Farbenlehre, die mit der Metamorphose der Pflanzen auf einem und demselben Principe beruht, gilt dieses eben auch. Sie werden sich aber die Resultate derselben auch schon aneignen; man muß ihnen nur Zeit lassen, und besonders es nicht übel nehmen, wenn sie einen, wie es mir jetzt in der Metamorphose der Pflanzen häufig genug begegnet, ohne zu nennen, ausschreiben und fremdes Eigenthum für das ihre ausgeben. Was den Mönch Baco betrifft, so darf uns diese außerordentliche Erscheinung nicht Wunder nehmen. Wir wissen ja, daß sich in England sehr früh große Keime von Civilisation zeigten. Die Eroberung dieser Insel durch die Römer möchte wohl dazu den ersten Grund gelegt haben. Dergleichen verwischt sich doch nicht so leicht, wie man wohl glaubt. Späterhin machte auch das Christenthum ebenfalls daselbst, und das schon frühe, die bedeutendsten Fortschritte. Der heilige Bonifacius ist nicht nur mit einem Evangelienbuche, sondern auch mit dem Winkelmaß in der Hand, und von allen Baukünsten begleitet, von dort her zu uns herüber nach Thüringen gekommen. Baco lebte zu einer Zeit, wo der Bürgerstand durch die Magna charta bereits große Vorrechte in England erlangt hatte. Die erlangte Freiheit der Meere, die Jury oder die Geschwornengerichte vollendeten diesen heitern Anfang. Es war fast unmöglich, daß bei so günstigen Umständen die Wissenschaften zurückbleiben und nicht auch einen freien Aufschwung nehmen sollten. Im Baco nahmen sie denselben wirklich. Dieser sinnige Mönch, ebensoweit vom Aberglauben, als vom Unglauben entfernt, hat Alles in der Idee, nur nicht in der Wirklichkeit gehabt. 

Die ganze Magie der Natur ist ihm, im schönsten Sinne des Worts, aufgegangen. Er sah alles, was kommen mußte, die Sonnenmikroskope, die Uhren, die Camera obscura, die Projectionen des Schattens; kurz, aus der Erscheinung des einzigen Mannes könnte man abnehmen, was für Fortschritte das Volk, zu dem er gehörte, im Gebiete der Erfindungen, Künste und Wissenschaften zu machen berufen war. Strebt aber nur immer weiter fort,« fügte Goethe begeistert hinzu, »junges deutsches Volk, und werdet nicht müde, es auf dem Wege, wo wir es angefangen haben, glücklich fortzusetzen! Ergebt euch dabei keiner Manier, keinem einseitigen Wesen irgend einer Art, unter welchen Namen es auch unter euch auftrete! Wißt, verfälscht ist alles, was uns von der Natur trennt; der Weg der Natur aber ist derselbe, auf dem ihr Baco, Homer und Shakspeare nothwendig begegnen müßt. Es ist überall noch viel zu thun! Seht nur mit eigenen Augen und hört mit eigenen Ohren! Übrigens laßt es euch nicht kümmern, wenn sie euch anfeinden! Auch uns ist es, weil wir lebten, nicht besser gegangen. In der Mitte von Thüringen, auf dem festen Lande haben wir unser Schiff gezimmert; nun sind die Fluthen gekommen und haben es von dannen getragen. Noch jetzt wird mancher, der die flache Gegend kennt, worin wir uns bewegten, nicht glauben, daß die Fluthen wirklich den Berg hinan gestiegen sind; und doch sind sie da. Verschmäht auch nie, in euer Streben die Einwirkung von gleichgesinnten Freunden aufzunehmen, sowie ich auch auf der andern Seite angelegentlich rathe, ebenfalls nach meinem Beispiele, keine Stunde mit Menschen zu verlieren, zu denen ihr nicht gehört oder die nicht zu euch gehören; denn solches fördert wenig, kann uns aber im Leben gar man ches Ärgerniß zufügen, und am Ende ist denn doch alles vergeblich gewesen. Im ersten Bande von ›Herder's Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit‹ sind viele Ideen, die mir gehören, besonders im Anfange. Diese Gegenstände wurden von uns damals gemeinschaftlich durchgesprochen. Dazu kam, daß ich mich zu sinnlichen Betrachtungen der Natur geneigter fühlte, als Herder, der immer schnell am Ziele sein wollte und die Idee ergriff, wo ich kaum noch einigermaßen mit der Anschauung zu Stande war, wiewohl wir gerade durch diese wechselseitige Aufregung uns gegenseitig förderten.«


1809, 5. März.
Mit Friedrich Wilhelm Riemer

a. 


»Den französischen Edelmann, den ältern oder Ritter, zeichnet für mich am besten der Graf von Foix. Die Deutschen, als Götz, Frunsperg u.s.w., erscheinen mir immer als Bürger und Philister dagegen.«



b.


»Sehr angenehm ist für mich die Sitte der doppelten Namen, die sonst jemand führte, wovon der eine gerade der gewöhnliche war, als Cartesius für Des Cartes, Parmeggiano für Mazzoli u.s.w. Wir haben die Sitte nur in Ekel-, Spitz- und Schimpfnamen.«

c. 


Goethe bemerkte: »Beständiger Ernst hat zum Vortheil, daß er dann und wann auch recht lustig wird und so zu einem Gipfel kommt. Beständige Lustigkeit kann dem Fall nicht entgehen, daß sie auch manchmal in Verzweiflung und Mißmuth geräth.

Eine stille ernsthafte Frau ist übel daran mit einem lustigen Manne. Ein ernsthafter Mann nicht so mit einer lustigen Frau.«

Ich sagte dazu: »So dankt er Gott, daß Er nicht nöthig hat, lustig zu sein.« Ist im Grunde Goethes und der Vulpia eigenes Verhältniß zu einander.

d. 


»Intentionelle Brezeln« nannte ich ... beim Nachtisch solche, die geholt werden sollten und noch immer unterwegs blieben. Dies brachte Goethen darauf, das auch »intentionelles Geld« zu nennen, das Napoleon den Jenensern für die abgebrannten Häuser angewiesen und doch gar nicht zustande und zustande kommen wollte.

e. 


Nach Tisch.
Manier.Stil.
Maxime des Künstler-Maxime der Kunst.
Indiv. In den In den Darstellungen
Gebilden der Naturder Kunst ist das
erscheint zuerst Allgemeine, das
das Individuelle,Charakteristische,
d.h. man sieht zu-das Ideale das
erst das Individuum,erste, was erscheint,
und der Charakter,das Individuelle
das Allgemeine, diefüllt es gleichsam
Idee erscheint erstnur aus.
darauf.

f. 


Skepticism, Kantischer, oder Kriticism, konnte nur aus den Religionssecten entstehen, aus dem Protestantism, wo jeder sich rechtgab und dem andern nicht, ohne zu wissen, daß sie alle bloß subjectiv urtheilten.«


1809, 10. März. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer 


»Die Charakterzüge der christlichen Religion, wie sie sich als römisch-katholisches Individuum entwickelt, deuten sich so zu sagen praeformirt in den Charakteren der einzelnen Apostel an; die Liebe in Johannes, der Glaube in Jakobus, der Fanatismus und Verfolgungswuth in Petrus, der Zweifel in Thomas, der Geiz in Judas Ischarioth, woran sie auch wie dieser gescheitert, durch die Reformation, denn vorzüglich der Geiz der römische Curie schlug dem Fasse den Boden aus.«


1809, 11. März. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer



a. 


Äußerte Goethe: Je schlechter Land desto bessere Patrioten. Das sehe man an den jetzigen Preußen (Märkern), sonst an den Schweizern.

b. 


Aus Goethes Munde notirt: Die poetische Gerechtigkeit sei eine Absurdität. Das allein Tragische ist das injustum und praematurum. Napoleon sehe dies ein, und daß er selbst das Fatum spiele.



1809, 21. März. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer

Bei Gelegenheit der Deutung, die man von der Apokalypse noch heutzutage auf Napoleon mache, äußerte Goethe:

»Sein Märchen komme ihm gerade so vor wie die Offenbarung S. Johannis.« Schubert hatte es gedeutet, andere anders: Es fühlt ein Jeder, daß noch etwas drin steckt, er weiß nur nicht was.

Er bemerkte ferner:

Anglomanie der Franzosen von jeher, sobald sie Friede mit den Engländern hatten. Zeigt sich in der Anhänglichkeit ans Newton'sche System und sonst. Voltaire suchte auch die Gunst anderer Nationen; er sei wie ein Virtuos auf der Violine, dessen Sprache überall hinreicht, der sich überall kann hören lassen, während besonders die deutschen Dichter nur wie Maler und Bildhauer auf ihr Zimmer und Haus eingeschränkt sind.
1809, 23. März. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer

Mittags mit Goethe allein. Er bemerkte:

Die Materie habe ebensoviel Lust zu verharren als sich zu verändern, und auf diesem Gleichgewicht beruhe die Möglichkeit der Welt, indem Gott nur mit Wenigem den Ausschlag zu geben brauche.


1809, 1. April. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer
Über Tische bemerkte Goethe:

Seine Schrift über die Farbenlehre komme ihm vor wie eine Purganz, die bei den Leuten das Innere rege macht. (Oken, Werneburg und Rühl.) Mitunter gehe dann auch ein Bandwurm ab.


1809, 8. April. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer 


Mittags allein. Geistreiche Bemerkungen von Goethe über die Geschichte der Wissenschaften und sonst.

Wie in Rom außer den Römern noch ein Volk von Statuen, so sei außer dieser realen Welt noch eine Wett des Wahns viel mächtiger beinahe, in der die meisten leben.


1809, 10. Mai. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer


Mittags bei Goethe. Über Roman-Motive. Les illustres Françaises endigen mit einer wunderbaren Geschichte, auf Sympathie beruhend. – Geschichte eines, der ein Mädchen liebt, die ihn auf alle Weise knechtet, und die er hernach im Bordell findet. Rache an ihr durch Wiedervergeltung.


1809, 13. Mai. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer


Bei Goethe. Kam Hendrich dazu. Alte Geschichten. Als wir allein, erzählte Goethe seine Laboranten- und alchemischen Studien im 22. Jahre.


1809, nach 20. Mai. 
Mit Friedrich Kohlrausch,
Wolf Graf Baudissin und Gustav Hugo

Baudissin und ich waren Hausfreunde bei Hugo geworden und brachten manchen gemüthlichen Abend bei ihm zu. Im Frühjahr 1809 machte er uns den Vorschlag, in den Pfingstferien eine Reise zusammen nach Weimar und Jena zu unternehmen, bei welcher Gelegenheit er uns auch mit Goethe und Wieland bekannt zu machen versprach. Wir gingen natürlich mit großer Freude auf den Gedanken ein und traten mit ihm in einem Göttinger Hauderer die Reise an .... In Weimar angekommen erfuhren wir, daß Goethe, wie gewöhnlich im Anfange des Sommers, seinen Aufenthalt in dem, vom Geräusche des Hofes entfernten stilleren Jena genommen habe, und begaben uns daher ebenfalls dorthin. Außer der gewichtigen Protection von Hugo hatten wir uns aber noch mit andern Empfehlungsmitteln bei Goethe versehen, die vielleicht noch wirksamer waren. Als Zuhörer in einigen Vorlesungen von Sartorius über Politik und Finanzwissenschaft waren wir auch mit diesem Professor näher bekannt geworden und erhielten von ihm zur Überbringung an Goethe die isländische Nibelungensage (Niflunga Saga) von der Göttinger Bibliothek mit auf die Reise und daneben noch als eine freundliche Zugabe einen sehr schön gestrickten seidenen Geldbeutel von der Frau Hofräthin [Sartorius], die sich ebenfalls der Gunst Goethes erfreute. So ausgerüstet, zögerten wir nicht, uns bei Goethe melden zu lassen, und wurden nicht nur angenommen, sondern auch, nachdem ich ihm den Folianten und Baudissin den Geldbeutel überreicht hatte, mit einem sehr freundlichen Danke beglückt. Ja, Goethe ging in seiner Artigkeit soweit, uns, da er in seinem Junggesellenlogis im Jenaer Schlosse keinen gesellschaftlichen Raum habe, auf den Mittag nach dem Essen um 2 Uhr zu einem Rendezvous auf dem Mineraliencabinet einzuladen, wo er gern Fremde zu empfangen pflege. Hugo sollte natürlich mit eingeladen sein.

Wir beeilten unser Essen, um den rechten Augenblick nicht zu versäumen. Hugo fand aber keine Zeit, seine gewohnte Nachmittagsruhe zu halten, und ging etwas schläfrig und verdrossen mit uns. Der Anblick seines Zustandes weckte in Goethe sogleich die Lust zum Necken und erforderte daher Hugo nach der ersten Begrüßung auf, einen kritischen juristischen Fall zu entscheiden. »Ich habe« – sagte er – »eine Partie seltener Gipsabgüsse von Antiken aus Dresden verschrieben, die Kisten kommen an und das Beste darin ist zerbrochen: wer soll nun den Schaden tragen?« – »Natürlich Sie, der Besteller,« war die Antwort. – »Aber, mein Gott! ich, der unschuldigste Mann an dem ganzen Unglücke, soll die zerbrochenen Scherben als heil bezahlen? Ihr Juristen seid doch das wunderlichste Volk auf der Welt!« – »Ja, das römische Recht verfügt es so, wenn Sie nicht beweisen können, daß der Absender die Sachen schlecht verpackt, oder der Fuhrmann Fehler gemacht hat, so müssen Sie bezahlen; Sie waren von dem Augenblicke der Absendung an Eigenthümer der bestellten Sachen.« – Goethe gab sich aber nicht zufrieden, sondern neckte Hugo mit humoristischen Einwendungen, bis dieser durch seinen juristischen Eifer ganz lebendig geworden war, und nun nahm die Unterhaltung einen andern Verlauf.

Es war die Zeit der ersten Kämpfe zwischen den Franzosen und Österreichern in den Donaugegenden in dem Kriege von 1809, und wir jungen Leute waren von der Erhebung des österreichischen Volkes und den Proclamationen des Erzherzoges Karl mit begeistert .... Am Tische in unserm Gasthofe wollte man von großen Siegen der Österreicher Nachricht haben, und daß die Leichen der Franzosen bis nach Wien geschwommen seien. Wir gaben unsere Nachrichten mit Lebhaftigkeit zum besten. »Ja, ja!« bemerkte Goethe mit Kopfschütteln, »es ist endlich einmal gut eingeheizt bei uns Deutschen; es kommt nur darauf an, wie lange das Holz vorhält. Sehen Sie: wenn Sie in einer Gesellschaft sind, in welcher ein alter Jude, ein Taschenspieler, seine Kunststücke macht und verkündigt, er wolle Ihre Uhr in einem Mörser zerstoßen und doch wieder heil machen, so werde ich wetten, daß er es fertig bringt. So habe ich auch bis jetzt auf Napoleon gewettet; er versteht es doch besser, als die andern.« – Dieser Vergleich, der gerade nicht von der Verehrung zeugte, die Goethe gegen Napoleon hegen sollte, veranlaßte mich, Goethe zu fragen, ob Napoleon bei der Zusammenkunft in Erfurt im Jahre 1808 ihm wirklich eine treffende Bemerkung über den ›Werther‹ gemacht habe, wie man erzählte. Goethe erwiederte: »Allerdings hat er mir eine solche Bemerkung gemacht, die von seinem Urtheile zeugte. Ich kann sie nur damit vergleichen: wenn ein Frauenzimmer eine Naht beurtheilen will, ob sie fein und gleichmäßig genäht ist, so prüft sie dieselbe nicht mit den Augen allein, sondern sie läßt sie langsam durch den Daumen und Zeigefinger gleiten. Von einer solchen Prüfung zeugte Napoleon's Bemerkung über einen Zug im ›Werther‹.« Damit brach er diese Unterhaltung ab und schlug uns vor, ihn später bei einem Spaziergange in dem botanischen Garten zu treffen.

Hugo trennte sich von uns, vielleicht um doch noch seiner Nachmittagsruhe ihr Recht zu gönnen, und wir andern gingen zur verabredeten Zeit in den botanischen Garten, wobei sich auch mein Freund Abeken, der damals als Lehrer der Schiller'schen Kinder in Weimar lebte und mit uns nach Jena gefahren war, uns anschloß; er war in solcher Weise mit Goethe bekannt, daß er es thun durfte. Wir trafen Goethen schon im Garten auf- und abgehend mit einer einfachen Blume in der Hand, die er betrachtete, vielleicht über das große Gesetz der Metamorphose sinnend, welches er so tiefsinnig entwickelt hat. Nach einigen Gängen im Garten setzte sich Goethe mit uns auf eine Bank und ließ sich auf Gespräche über literarische Erscheinungen ein. Die Rede kam auf Kotzebue, und wir glaubten in Goethes Sinne zu reden, wenn wir Kotzebue's Leichtfertigkeit und Seichtigkeit mit möglichst scharfen Worten tadelten. »Nun, nun, ihr jungen Leute! Nur nicht gleich das Kind mit dem Bade ausgeschüttet!« unterbrach er unsere beredten Auslassungen; »wenn dieser Kotzebue den gehörigen Fleiß in der Ausbildung seines Talents und bei der Anfertigung seiner dramatischen Sachen angewendet hätte, so konnte er unser bester Lustspieldichter werden. Und auch das Sentimentale hat er in seiner Gewalt: die Zwiebel, mit welcher man den Leuten das Wasser in die Augen lockt, weiß er zu gebrauchen wie wenige.«


1809, 30. und 31. Mai. 
Mit Friedrich Kohlrausch,
Wolf Graf Baudissin und Gustav Hugo 



a. 


Ich [Baudissin] habe Goethe gesehen!

– – – – – – – – – – – – – –

Dienstag [30. Mai] früh nach Jena, wo der große Mann, um allein und ungenirt zu sein, auf sechs Wochen hingegangen ist und an der Fortsetzung des »Meister« schreibt. Wir schickten ihm den Brief, den Sartorius in Göttingen uns mitgegeben hatte, wie auch einen sehr schönen Geldbeutel von dessen Frau und ein Buch von der Göttinger Bibliothek, an dem ihm sehr viel gelegen war, und er ließ uns sagen, wir möchten um drei aufs Mineraliencabinet kommen, weil das Zimmer, welches er im Schlosse bewohnt und in dem er ißt und schläft, gar zu schlecht sei. Ich erwartete ihn wie ein Kind den heiligen Christ – endlich kam er und redete mich mit einer langen geläufigen Phrasis an, war äußerst höflich und fing an, in dem Mineraliencabinet herumzuzeigen. Ich verwünschte meine Unwissenheit in der Mineralogie und verwandte kein Auge von ihm. Ich schwöre, daß ich nie einen schöneren Mann von sechzig Jahren gesehen habe. Stirn, Nase und Augen sind wie vom Olympischen Jupiter, und letztere ganz unmalbar und unvergleichbar. Erst konnte ich mich nur erst an den schönen Zügen und der herrlichen braunen Gesichtsfarbe weiden; nachher aber, wie er anfing lebhafter zu erzählen und zu gesticuliren, wurden die beiden schwarzen Sonnen noch einmal so groß, und glänzten und leuchteten so göttlich, daß, wenn er zürnt, ich nicht begreife, wie ihre Blitze nur zu ertragen sind. Ich war in einem solchen Anstaunen und Anbeten, daß ich alle Blödigkeit rein vergaß. Mehrere Fremde haben über seine Härte und Steifigkeit geklagt, gegen uns ist er äußerst freundlich und human gewesen. Er hatte einen blauen Ueberrock an und gepudertes Haar ohne Zopf. Seine ehemaliche Corpulenz hat er verloren und seine Figur ist jetzt im vollkommensten Ebenmaß und von höchster Schönheit. Man kann keine schönere Hand sehen, als die seinige, und er gesticulirt beim Gespräch mit Feuer und entzückender Grazie. Seine Aussprache ist die eines Süddeutschen, der sich in Norddeutschland gebildet hat, welche mir immer die vorzüglichere scheint; er spricht leise, aber mit einem herrlichen Organ und weder zu schnell noch zu langsam. Und wie kommt er in die Stube, wie geht er! Er ist ein geborner König der Welt. Wir waren fast zwei Stunden da, und er nöthigte uns einpaarmal zu bleiben, erzählte uns von seiner Schweizerreise und sprach mit Lachen und äußerst witzig von einem Prozeß, den er – wie Hugo sagte – von Gott- und Rechts wegen verloren hatte. Auch fing er an, welches ihm sonst sehr selten geschieht, über politische Dinge sich auszulassen, rühmte den Plan der Oesterreicher und bewunderte Napoleon, wie man freilich weiß. Zuletzt, als ich von Forkel und Zelter erzählt, sprach er gar über alte Musik und... herrlich. Ich hatte geäußert, wenn diese beiden stürben, wol die ganze Kunst untergehe, und da sagte er, das ächte Schöne ginge nie unter, sondern lebe immer in der Brust weniger Guten wie das Vestalische Feuer unauslöschlich fort.

b. 

1809, 31. Mai.

Den Mittwoch... um zwölf ließ uns – denk Dir wie artig! – der große Prophet zu einem Spaziergange in den Botanischen Garten abholen. Er trug einen sehr schönen schwarzen Rock und an selbigem das russische Ordensband im Knopfloche. Hugo hatte einige Tage vor unserer Abreise in der Rechtsgeschichte gesagt, die Tiber in Rom sei nicht größer, als die Leine bei Göttingen; das wäre also noch kleiner, als die Schwentine bei Rasdorf. Goethe aber, den ich fragte, versicherte zu meiner Freude, sie sei wie die Spree bei Berlin, und nun will Hugo ihm im Collegio Ehrenerklärung und Abbitte thun. Dann rühmte er die Fichte'schen Reden an die Deutsche Nation und besonders ihren wunderschönen Stil und sagte von den Deutschen: Brennholz sei recht brav eingeheizt in dieser Zeit, aber es fehle an einem tüchtigen zusammenhaltenden Ofen. Dann sprach er über das Weimarische Theater ...., beklagte uns, daß ein so schlechtes Stück in Weimar sei, (v. Holbein's Fridolin oder Der Gang nach dem Eisenhammer) an dem man höchstens im Winter wegen der gut gelungenen Schmelzöfen Gefallen finden könne und rieth uns, lieber die Jenaer Gegend zu durchstreifen. Das Rührungsmittel der Kinder in den »Hussiten vor Naumburg« [von Kotzebue] nannte er eine moralische Zwiebel pp .... Die Tieck'sche Büste von Goethe... ist keineswegs idealisirt, sondern Goethe jetzt eher noch schöner, indem sein Gesicht schmaler geworden ist und die göttlichen – nicht schwarzen, wie ich vorhin schrieb, sondern braunen – Augen nicht einmal der Pinsel darstellen kann.


1809, 30. Mai. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer



a.

Früh zu Goethe; Wahlverwandtschaften. Über Tisch von dem Roman, über die Weiber und sonstiges. Goethe bemerkte:

»Weiber scheinen keiner Ideen fähig, – kommen mir sämmtlich vor wie die Franzosen, – nehmen überhaupt von den Männern mehr als daß sie geben,« und äußerte sich

»über das servire, was in ihrer Liebe liegt.« In Bezug auf das Theater und die Schriftsteller bemerkte er über das Publikum: »Daß es hernach urtheilt, wozu es vorher doch keinen Rath gegeben hat und geben kann, selbst wenn der Autor sie beiräthig machen wollte, adjuvante Deo.«

b. 


»Sollen, Wollen Können – diese Dinge gehören in aller Kunst zusammen, damit etwas gemacht werde. Häufig findet sich im Leben nur eins von diesen dreien oder zwei, als

Sollen und Wollen, aber nicht können;
Sollen und Können, aber nicht wollen;
Wollen und Können, aber nicht sollen;

d.h.

es will einer, was er soll, aber er kann's nicht machen;
es kann einer, was er soll, aber er will's nicht;
es will und kann einer, aber er weiß nicht, was er soll.«


1809, Anfang Juni. 
Über »Johanna Sebus«


Gestern [4. Juni] war ich [Luise Seidler] bei Seebecks, wo sie mir befolgendes ganz neue Gedicht von ihm [Goethe] gab. Es hat ihm die Geschichte ein Maire von dem dortigen Orte, mit dem er correspondirt, geschrieben, und sie hat Goethe so gefallen, daß er sie niedergeschrieben und sie so als Volkssage zu verewigen wünscht. Es sind nur wenige Exemplare gedruckt, die er meistens dem Maire zum Vertheilen geschickt hat. ..... Den Namen hat er im Gedicht verändert, weil ihm Hannchen nicht gefallen, und Johanna wegen der von Orleans zu pathetisch gewesen wäre.


1809, 4. Juni. 
Abends bei Frommanns



a. 
Goethe, der mir [L. Seidler] bisher scharfblickend und manchmal mich durchmusternd gegenüber gesessen hatte, kam zu mir, setzte sich neben mich und frug mich nach diesem und jenem, unter anderem auch nach den Bildern von C ....1 Endlich kamen wir auf Drackendorf, wo ich ihn um Aufträge bat, die er aber nicht gab, indem er selbst in den nächsten Tagen herkomme, und nur Silvien nebst herzlichen Empfehlungen sagen ließ, daß er schon den vorigen Tag imbegriff gewesen, sie zu besuchen, aber abgehalten worden wäre. Schon lange hatte ich auf die Gelegenheit gewartet, von Dir [Pauline Gotter] zu sprechen; da bot sie sich endlich. Ich bedauerte Silvien, wie sie so allein sei, und sagte, daß ihre Freundinnen sie doch alle besuchen sollten, um ihre Einsamkeit zu erleichtern. »Pauline Gotter wird auch wahrscheinlich kommen.« – »So!« sagte Goethe. »Was macht sie denn Gutes? Ist sie noch immer so munter, so närrisch? Macht sie den Menschen noch immer viel zu schaffen? Das ist so ihre Sache.« – »Ach ja!« sagte ich; »sie macht das ganze Haus, wo sie ist, lebendig, und das ist sehr angenehm.« – »Kommt sie denn nicht bald nach Weimar? Ist sie nicht gerne da? es ist gar ein hübsches Mädchen, und sieht doch ihrem Vater so ähnlich, der zwar grade nicht häßlich, aber doch gar nicht hübsch war. Aber was verschönert die Weiblichkeit nicht!«

b. 

Äußerung Goethes: »De Mortuis. Die Menschen sollten nur bewundern, daß ein Mensch noch Tugenden hat. Die Fehler verstehen sich von selbst«.

1 Name nicht zu entziffern.


1809, 9. Juni. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer 


Äußerte Goethe: »Sich subordiniren ist keine Kunst; aber in absteigender Linie, in der Descendenz, etwas über sich erkennen, was unter einem steht.

Das Alterthum setzen wir gern über uns; aber die Nachkommen nicht. Nur ein Vater neidet seinem Sohne nicht das Talent.«

1809, 14. (?) Juni. 
Mit Johann Daniel Falk

Ein ander Mal, es war im Sommer, 1809, wo ich Goethe Nachmittags besuchte, fand ich ihn bei milder Witterung wieder in seinem Garten sitzend. Kaaz, der Landschaftsmaler, den Goethe ausnehmend schätzte, war soeben da gewesen. Er saß vor einem kleinen Gartentische; vor ihm auf demselben stand ein langgehalstes Zuckerglas, worin sich eine kleine lebendige Schlange munter bewegte, die er mit einem Federkiele fütterte und täglich Betrachtungen über sie anstellte. Er behauptete, daß sie ihn bereits kenne und mit dem Kopfe näher zum Rande des Glases komme, sobald sie seiner ansichtig würde. »Die herrlich ver ständigen Augen!« fuhr er fort. »Mit diesem Kopfe ist freilich manches unterwegs, aber, weil es das unbeholfene Ringeln des Körpers nun einmal nicht zuläßt, wenig genug angekommen. Hände und Füße ist die Natur diesem länglich ineinandergeschobenen Organismus schuldig geblieben, wiewohl dieser Kopf und diese Augen beides wohl verdient hätten; wie sie denn überhaupt manches schuldig bleibt, was sie für den Augenblick fallen läßt, aber späterhin doch wieder unter günstigen Umständen aufnimmt. Das Skelet von manchem Seethiere zeigt uns deutlich, daß sie schon damals, als sie dasselbe verfaßte, mit dem Gedanken einer höhern Gattung von Landthieren umging. Gar oft muß sie in einem hinderlichen Elemente sich mit einem Fischschwanze abfinden, wo sie gern ein paar Hinterfüße in den Kauf gegeben hätte, ja, wo man sogar die Ansätze dazu bereits im Skelet bemerkt hat.«

Neben dem Glase mit der Schlange lagen einige Cocons von eingesponnenen Raupen, deren Durchbruch Goethe nächstens erwartete. Es zeigte sich in ihnen eine der Hand fühlbare, besondere Regsamkeit. Goethe nahm sie vom Tische, betrachtete sie noch einmal scharf und aufmerksam und sagte sodann zu seinem Knaben: »Trage sie herein; heute kommen sie schwerlich! Die Tageszeit ist zu weit vorgerückt!« Es war Nachmittag um 4 Uhr. In diesen Augenblicken kam auch Frau v. Goethe in den Garten hereingetreten. Goethe nahm dem Knaben die Cocons aus der Hand und legte sie wieder auf den Tisch. »Wie herrlich der Feigenbaum in Blüthen und Laub steht!« rief Frau v. Goethe uns schon von Weitem zu, indem sie durch den Mittelgang des Gartens auf uns zukam. Nachdem sie mich darauf begrüßt und meinen Gegengruß empfangen hatte, fragte sie mich gleich, ob ich auch wohl den schönen Feigenbaum schon in der Nähe gesehen und bewundert hätte. »wir wollen ja nicht vergessen,« so richtete sie in dem nämlichen Augenblicke an Goethe selber das Wort, »ihn diesen Winter einlegen zu lassen!« Goethe lächelte und sagte zu mir: »Lassen Sie sich ja, und das auf der Stelle, den Feigenbaum zeigen, sonst haben wir den ganzen Abend keine Ruhe. Er ist aber auch wirklich sehenswerth, und verdient, daß man ihn prächtig hält und mit aller Vorsicht behandelt.« »Wie heißt doch die ausländische Pflanze,« fing Frau v. Goethe wieder an, »die uns neulich ein Mann von Jena herüberbrachte?« »Etwa die große Nieswurz?« »Recht! Sie kommt ebenfalls trefflich fort.« »Das freut mich! Am Ende können wir noch ein zweites Anticyra hiesiges Ortes anlegen!« »Da seh' ich, liegen auch die Cocons. Haben Sie noch nichts bemerkt?« »Ich hatte sie für dich zurückgelegt. Ich bitt' Euch,« indem er sie aufs Neue in die Hand nahm und an sein Ohr hielt, »wie das klopft wie das hüpft und ins Leben hinaus will! Wundervoll möcht' ich sie nennen, diese Übergänge der Natur, wenn nicht das Wunderbare in der Natur eben das Allgewöhnliche wäre. Übrigens wollen wir auch unserm Freunde hier das Schauspiel nicht vorenthalten. Morgen oder übermorgen kann es sein, daß der Vogel da ist, und zwar ein so schöner und anmuthiger, wie Ihr wohl selten gesehen habt. Ich kenne die Raupe und bescheide Euch morgen Nachmittag um dieselbe Stunde in den Garten hierher, wenn ihr etwas sehen wollt, was noch merkwürdiger ist als das Allermerkwürdigste, was Kotzebue in seinem merkwürdigsten Lebensjahre auf seiner weiten Reise bis Tobolsk irgend gesehen hat. Indeß laßt uns die Schachtel hier, worin sich unsere noch unbekannte, schöne Sylphide befindet und sich aufs prächtigste zu morgen anlegt, in irgend ein sonniges Fenster des Gartenhauses stellen! So! Hier stehst du, gutes, artiges Kind! Niemand wird dich in diesem Winkel daran hindern, deine Toilette fertig zu machen!« »Aber wie möchte ich nur,« hub Frau v. Goethe wieder aufs Neue an, indem sie einen Seitenblick auf die Schlange richtete, »ein so garstiges Ding um mich leiden, wie dieses, oder es gar mit eignen Händen groß füttern? Es ist ein so unangenehmes Thier. Mir graut jedes Mal, wenn ich es nur ansehe.« »Schweig Du!« gab ihr Goethe zur Antwort, wiewohl er von Natur ruhig, diese muntere Lebendigkeit nicht ungern in seiner Umgebung hatte. »Ja!« indem er das Gespräch zu mir herübertrug, »wenn die Schlange ihr nur den Gefallen erzeigte, sich einzuspinnen und ein schöner Sommervogel zu werden, da würde von dem greulichen Wesen gleich nicht weiter die Rede sein. Aber, liebes Kind, wir können nicht alle Sommervögel und nicht alle mit Blüthen und Früchten geschmückte Feigenbäume sein. Arme Schlange! Sie vernachlässigen dich! Sie sollten sich deiner besser annehmen! Wie sie mich ansieht! Wie sie den Kopf emporstreckt! Ist es nicht, als ob sie merkte, daß ich Gutes von ihr mit Euch spreche! Armes Ding! wie das drinnen steckt und nicht herauskann, so gern es auch wollte! Ich meine zwiefach: einmal im Zuckerglas und sodann in dem Hauptfutteral, das ihr die Natur gab.« Als er dies gesagt, fing er an, seinen Reisstift und das Zeichenpapier, worauf er bisher einzelne Striche zu einer phantastischen Landschaft zusammengezogen hatte, ohne sich dadurch beim Sprechen im geringsten irre machen zu lassen, ebenfalls bei Seite zu legen. Der Bediente brachte Wasser, und indem er sich die Hände wusch, sagte er: »Um noch ein Mal auf Maler Kaaz zurückzukommen, dem Sie bei Ihrem Eintritte begegnet haben müssen, so ist er mir eine recht angenehme, ja liebliche Erscheinung. Er macht es hier in Weimar gerade so, wie er es in der Villa Borghese machte. So oft ich ihn sehe, ist es mir, als ob er ein Stück von dem seligen far niente des römischen Kunsthimmels in meine Gesellschaft mitbrächte! Ich will mir doch noch, weil er da ist, ein kleines Stammbuch aus meinen Zeichnungen anordnen. Wir sprechen überhaupt viel zu viel. Wir sollten weniger sprechen und mehr zeichnen. Ich meinerseits möchte mir das Reden ganz abgewöhnen und wie die bildende Natur in lauter Zeichnungen fortsprechen. Jener Feigenbaum, diese kleine Schlange, der Cocon, der dort vor dem Fenster liegt und seine Zukunft ruhig erwartet, alles das sind inhaltschwere Signaturen; ja, wer nur ihre Bedeutung recht zu entziffern vermöchte, der würde alles Geschriebenen und alles Gesprochenen bald zu entbehren im Stande sein! Je mehr ich darüber nachdenke, es ist etwas so unnützes, so Müßiges, ich möchte fast sagen Geckenhaftes im Reden, daß man vor dem stillen Ernste der Natur und ihrem Schweigen erschrickt, sobald man sich ihr vor einer einsamen Felsenwand oder in der Einöde eines alten Berges gesammelt entgegenstellt!«

»Ich habe hier eine Menge Blumen und Pflanzengewächse,« indem er auf seine phantastische Zeichnung wies, »wunderlich genug auf dem Papier zusammengebracht. Diese Gespenster könnten noch toller, noch phantastischer sein, so ist es doch die Frage, ob sie nicht auch irgendwo so vorhanden sind.«

»Die Seele musicirt, indem sie zeichnet, ein Stück von ihrem innersten Wesen heraus, und eigentlich sind es die höchsten Geheimnisse der Schöpfung, die, was ihre Grundanlagen betrifft, gänzlich auf Zeichnen und Plastik beruht, welche sie dadurch ausplaudert. Die Combinationen in diesem Felde sind so unendlich, daß selbst der Humor eine Stelle darin gefunden hat. Ich will nur die Schmarozerpflanzen nehmen; wie viel Phantastisches, Possenhaftes, Vogelmäßiges ist nicht allein in den flüchtigen Schriftzügen derselben enthalten! Wie Schmetterlinge setzt sich ihr fliegender Same an diesen oder jenen Baum an und zehrt an ihm, bis das Gewächs groß wird. So in die Rinde eingesäet, eingewachsen finden wir den sogenannten viscus, woraus Vogelleim bereitet wird, zunächst als Gesträuch am Birnbaum. Hier, nicht zufrieden damit, daß er sich als Gast um denselben herumschlingt, muß ihm der Birnbaum sogar sein Holz machen.«

»Das Moos auf den Bäumen, das auch nur parasitisch dasitzt, gehört ebendahin. Ich besitze sehr schöne Präparate über die Geschlechter, die nichts für sich in der Natur übernehmen, sondern sich in allen Stücken nur auf bereits Vorhandenes einlassen. Ich will sie Ihnen bei Gelegenheit vorzeigen. Sie mögen mich daran erinnern. Das Würzhafte gewisser Stauden, die auch zu den Parasiten gehören, läßt sich aus der Steigerung der Säfte recht gut erklären, da dieselben nicht nach dem gewöhnlichen Laufe der Natur mit einem roh irdischen, sondern mit einem bereits gebildeten Stoffe ihren ersten Anfang machen.«

»Kein Apfel wächst mitten am Stamme, wo Alles rauh und holzig ist. Es gehört schon eine lange Reihe von Jahren und die sorgsamste Vorbereitung dazu, so ein Äpfelgewächs in einen tragbaren, weinichten Baum zu verwandeln, der allererst Blüthen und so dann auch Früchte hervortreibt. Jeder Apfel ist eine kugelförmige, compacte Masse und fordert als solche beides, eine große Concentration und auch zugleich eine außerordentliche Veredelung und Verfeinerung der Säfte, die ihm von allen Seiten zufließen. Man denke sich die Natur, wie sie gleichsam vor einem Spieltische steht und unaufhörlich au double! ruft, d.h. mit dem bereits Gewonnenen durch alle Reiche ihres Wirkens glücklich, ja bis ins Unendliche wieder fortspielt. Stein, Thier, Pflanze, alles wird nach einigen solchen Glückswürfen beständig von neuem wieder aufgesetzt, und wer weiß, ob nicht auch der ganze Mensch wieder nur ein Wurf nach einem höhern Ziele ist?«

Während dieser angenehmen Unterhaltung war der Abend herbeigekommen, und weil es im Garten zu kühl wurde, gingen wir herauf in die Wohnzimmer. Späterhin standen wir an einem Fenster. Der Himmel war mit Sternen besät. Die durch die freiere Gartenumgebung angeklungenen Saiten in Goethes Seele zitterten noch immer fort und konnten auch zu Abend nicht aus ihren Schwingungen kommen. »Es ist Alles so ungeheuer,« sagte er zu mir, »daß an kein Aufhören von irgend einer Seite zu denken ist. Oder meinen Sie, daß selbst die Sonne, die doch Alles verschafft, schon mit der Schöpfung ihres eigenen Planetensystems völlig zu Rande wäre, und daß sonach die Erden und Monde bildende Kraft in ihr entweder ausgegangen sei, oder doch unthätig und völlig nutzlos daliege? Ich glaube dies keineswegs. Mir ist es sogar höchst wahrscheinlich, daß hinter Mercur, der an sich schon klein genug ausgefallen ist, einst noch ein kleinerer Stern als dieser zum Vorschein kommen wird. Man sieht freilich schon aus der Stellung der Planeten, daß die Projectionskraft der Sonne merklich abnimmt, weil die größten Massen im Systeme auch die größte Entfernung einnehmen. Eben auf diesem Wege aber kann es, fortgeschlossen, dahin kommen, daß wegen Schwächung der Projectionskraft irgend ein versuchter Planetenwurf irgend einmal verunglückte. Kann die Sonne sodann den jungen Planeten nicht wie die vorigen gehörig von sich absondern und ausstoßen, so wird sich vielleicht, wie beim Saturn, ein Ring um sie legen, der uns armen Erdenbewohnern, weil er aus irdischen Bestandtheilen zusammengesetzt ist, ein böses Spiel machen dürfte. Und nicht mir für uns, sondern auch für alle übrigen Planeten unseres Systems würde die Schattennähe eines solchen Ringes wenig Erfreuliches bewirken. Die milden Einflüsse von Licht und Wärme müßten natürlich dadurch verringert werden, und alle Organisationen, deren Entwickelung ihr Werk ist, die einen mehr, die andern weniger sich dadurch gehemmt fühlen.«

»Nach dieser Betrachtung könnten die Sonnenflecke allerdings einige Unruhe für die Zukunft erwecken. So viel ist gewiß, daß wenigstens in dem ganzen uns bekannt gewordenen Bildungshergang und Gesetz unseres Planeten nichts enthalten ist, was der Formation eines Sonnenringes entgegenstände, wiewohl sich freilich für eine solche Entwickelung keine Zeit angeben läßt.«

[Was Riemer »Mittheilungen« I, 27 gegen diese Erzählung, sowie sonst gegen Berichte Falk's vorbringt, hat von deren Aufnahme hier nicht abhalten dürfen]


1809, 23. Juni. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer

Goethes Poesien [meinte er selbst] seien gleichsam Häufungen vorübergehender und vorübergegangener Zustände. Aus solchen Bälgen machen sich die Leute nun Schuhe, Kleider u.s.w. und tragen sie ab. – So hatte sich eine kleine Schauspielerin »Des Schäfers Klage« und »Amor als Schütz« angeeignet und sang es nun, als hätte sie's für sich gemacht. – Er selbst sagte einmal: seine Sachen wären nur Buchstücke aus ehemaligen Existenzen: da einmal ein alter abgelegter Hut, ein paar Stiefeln u. dergl.


1809, 28. Juli. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer



a. 

Kotzebue sei wie einer, der auf dem Seile tanzt: es schnelle ihn empor, und er betupfe es doch, das sei nicht zu läugnen; er betupfe doch das Publicum, wenn es ihn auch wieder fahren lasse, und er komme immer wieder darauf zurück; er habe sich doch auf dem Seil erhalten von seinem ersten bis zum letzten Stück, wenn er auch manchmal mit der Balancirstange auf die Erde gestoßen. Andere wären doch heruntergefallen. Iffland sei viel zu schwer aufgetreten. Goethe habe Wernern dazu verhelfen wollen, er sei aber zu ungeschickt gewesen.

b. 


»Seltsam, daß man im Physischen, besonders in der Farbenlehre, durch Experimente darzuthun und zu beweisen denkt, was vorher schon das Auge im vollkommensten Sinn aufgefaßt – etwas durch geringere Mittel, als das Organ selbst ist, wofür eigentlich die Phänomene gemacht sind; denn wenn das Experiment aufs Höchste gebracht wird, so muß es identisch ausfallen mit dem Organ selbst. Z. E. das Auge ist schon chromatisch, die achromatischen Gläser bringen nur das Identische mit dem Auge hervor. Mit Einem Worte: die Sinne selbst schon sind die eigentlichen Experimentirer, Prüfer und Bewährer der Phänomene, indem die Phänomene das, was sie sind, nur für die respectiven Sinne sind. – Der Mensch ist der größte und gemeinste physikalische Apparat.«

c. 


»Die obtrectatores machen, daß man sich ewig defensiv verhalten muß. Man hat nichts von ihnen, man wird nicht gefördert. Ihre Liebe gewinnt man doch nicht und man muß ewig wie vor Feinden auf der Hut sein. Solche Menschen sind wie die, welche einem Fieberkranken ewig zurufen, er habe das Fieber, er zittre, er friere, ihn überfalle jählings Hitze, – ohne daß ein einziger auch nur das geringste anwendet, ihn davon zu befreien.«


1809, 9. Juli. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer
und Karl Friedrich Kaaz

Mittags mit Goethe und Kaaz allein zu Tische.

Nach Tisch. Goethe äußerte: »Die Willkür des Genies läßt sich gar nicht bestimmen und abmessen. Genie kann im Schönen und Vollkommenen verbleiben, oder darüber hinausgehen ins Absurde.

Man könnte ein solches Genie, das innerhalb des Schönen bleibt, ein moralisches nennen, weil es eben das thut, was das moralische Wesen thut, innerhalb der Pflicht oder des moralischen Gesetzes zu verbleiben.

Die andern, insofern unmoralische, wohlgemerkt! nicht unsittliche. Es ist das tertium comparationis hier nur dies, daß beide in einem gewissen Maße, auf einer gewissen Mitte bestehen.

Und so wie die Menschen gewöhnlich mehr sittliche Ungeheuer bewundern und anstaunen als wahrhaft Sittliche, so auch mehr das extravagante Genie, das sich im Absurden gefällt, als das, welches im Schönen verbleibt.«

1809, 20. Juli.
Mittag bei Goethe

Mittags Kaaz und Falk, der seine Wette, daß der österreichische Kaiser Wien behalten werde, sehr drollig erzählt. Die Franzosen, bemerkte Falk, seien fast keiner Ideen fähig, sie thäten auch nichts um einer Idee willen, diese zu realisiren, und gleichen in diesem Stück den Weibern, die sich nie zum Allgemeinen erheben, sondern vom Einzelnen und für das Einzelne handeln.

So bemerkte auch Goethe: ein Franzose handle nie aus reinem Antrieb, um der Sache willen, er hänge ihr immer noch einen Schwanz von Absehen dabei an, entweder um bei Hof, beim Kaiser, beim Publicum, bei den Frauen u. dergl. zu gewinnen.

»Die Weiber sind überhaupt Franzosen, und was die Franzosen unter den Männern sind, das sind die Weiber unter den Menschen überhaupt. Man kann also in diesem Sinne die Franzosen die Weiber von Europa nennen. – Die Weiber überhaupt sind Franzosen.«


1809, 23. Juli. 
Mit Luise Seidler und Silvie von Ziegesar


Am Sonntag habe ich [L. Seidler] Dich [P. Gotter] herzlich an meine Stelle in den botanischen Garten gewünscht, wo Silvie in Entzücken schwamm und alles aufbot, Goethe recht gut zu unterhalten, wobei ich es nur sehr seltsam fand, als sie anfing ihm zu erzählen, wie sie neulich nachts die – Wanzen so geplagt hätten, daß sie ganz zerstochen gewesen wäre, u.s.w. Ich versteckte bei dieser Affaire mein Gesicht ins Schnupftuch; dies bemerkte der Geheimrath (Silvie und ich saßen an seiner Seite auf einer Bank) und frug, ob ich auch Märthyrerin davon gewesen wäre? Da sagte Silvie: »Ich glaube, Luise schämt sich, daß ich das erzählt habe,« und lachte entsetzlich darüber. Sie wurde aber bestraft; denn Goethe sagte: »Da darf ich keine Nacht in Drackendorf zubringen; denn mich spüren die Thiere und wenn ich noch so weit bin.« Silvien wurde nun angst; sie versicherte weitläufig, wie sie alles hätte reinigen lassen u.s.w. – Ich möchte wissen, ob Goethe dergleichen naive Gespräche auch sehr gefielen!

1809, um 24. Juli. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer 



a. 

»Das Symbolische ist oft repräsentativ, z. E. in ›Wallensteins Lager‹ ist der Bauer mit den Würfeln eine symbolische Figur und zugleich eine repräsentative; denn er stellt die ganze Klasse vor.«

b.

»Motiviren bedeutete in dem bisherigen Verstande, von dramatischen Handlungen, das Individualisiren derselben bis ins Unendliche, sodaß, wenn etwas bloß allgemein angedeutet war, nämlich ein Mögliches, es sogleich hieß: die Handlung wäre nicht motivirt genug, z.B. der Haß zwischen zwei Brüdern. Aber das ganze Verlangen ist lächerlich; denn zuletzt muß doch etwas bloß zugegeben werden, weil es irgendwo wirklich ist und folglich auch möglich sein kann. Warum also nicht gleich anfangs?«


1809, 24. Juli. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer 



a. 
»Die sittlichen Symbole in den Naturwissenschaften (z.B. das der ›Wahlverwandtschaft‹ vom großen Bergmann erfunden und gebraucht) sind geistreicher und lassen sich eher mit Poesie, ja mit Societät verbinden, als alle übrigen, die ja auch, selbst die mathematischen, nur anthropomorphisch sind, nur daß jene dem Gemüth, diese dem Verstande angehören.

Es ist seltsam (singulier), daß eine so geistreiche Nation, wie die französische, sich mit solchen mathematischen, wie die des Cartesius sind, mit solchen Figuren, als seine Wirbel vorstellen, hat befassen mögen, die so unbegreiflich, als irgendein anderes der geoffenbarten Religion auch sind. Aber es scheint so, daß wenn man sich des Unbegreiflichen in irgend einem Falle abthut und es nicht anerkennen will, man zur Genugthuung in eine andre unbegreifliche Vorstellungsart verfällt, wie z.B. die Cartesianische und Newtonische sind.«

b. 

Goethe führte die Anekdote von Isaak Vossius an, von dem Jakob I. von England gesagt haben soll: »Das ist mir ein kurioser Pfaffe! der glaubt an alles, nur nicht an die Bibel.« »Gewiß nur der am empfindlichsten gewesen ist, kann der kälteste und härteste werden; denn er muß sich mit einem harten Panzer umgeben, um sich vor den unsanften Berührungen zu sichern; und oft wird ihm selbst dieser Panzer zur Last.«



1809, Anfang. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer



a. 
Über Tisch Goethes Hypothese, daß die Leidensgeschichte Jesu nach dem Vorbild gewöhnlicher Hinrichtungen gemeiner Übelthäter von poetischen Erzählern nachgedichtet worden. Sie ist wie ein Bild nach Gang und Ordnung und konnte deswegen zu Bildern wieder werden.

b.

Das was wir am Homer so bewundern und schätzen, sei gerade das Werk der Grammatiker, die es ins Enge zogen. Sonst sei das Cyklische gerade das Poetische, und würde, wenn Er sich nicht ins Geschlossene gezogen, von ihm arborirt werden. Über Polarität des Glaubens und Hoffens.


1809, Anfang August. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer 


»Die griechische Mythologie, sonst ein Wirrwarr, ist nur als Entwickelung der möglichen Kunstmotive, die in einem Gegenstande lagen, anzusehen.«


1809, 13. August. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer


Goethe äußerte: »daß die Männer zum Dienen, die Weiber zu Müttern gezogen werden müßten. Das jetzige Unglück der Welt rühre doch meist davon her, daß sich alles zu Herren gebildet habe. Dies sei vom Mittelstand ausgegangen (vom Kaufmann, der reich, vom Bürger, der sich gebildet). Der Adel sei von jeher dienstpflichtig gewesen. Und der erste Staatsdiener, wie Joseph II. schon gesagt, sei der Fürst.«


1809, 15. August. 
Abend bei Griesbachs


Zum Abend waren Goethe, der sich eben in Jena aufhielt, und Knebel geladen. [Wieland mit zwei Töchtern war schon zu Mittag dagewesen und geblieben]. Die Unterhaltung beim Thee war angenehm; Goethe führte meistens das Wort. Er sprach über einige alte Reisebeschreibungen, die er eben gelesen, und zwar mit großer Lebendigkeit und Anschaulichkeit. Es ist eine Wonne, zu sehen und zu hören, wie der Mann alles gleich von der eigentlich interessanten, von der menschlichen Seite auffaßt und wiedergiebt. Aber beim Essen ging erst recht meine [?] Lust an. Die Wirthin, wie sie denn immer treulich für mich sorgt, gab mir den Platz zwischen Wieland und seiner Tochter, Goethen gerade gegenüber. Da wollt' ich nun, Du [Abeken] hättest gesehen und gehört, wie heiter, ja wie ausgelassen lustig Goethe war; denn beschreiben läßt sich so etwas nicht, aber nie habe ich einen jungen Mann gesehen, der ein Gespräch auch über unbedeutende Dinge mit solcher Lebhaftigkeit und Gewandtheit geführt hätte, als dieser nunmehr sechzigjährige Goethe. Er, Wieland und Knebel sind Freunde aus alter Zeit, auf Du und Du; so war das Gespräch vertraulich und zwanglos. Unter anderem kam es auf einige Weimarische Schauspielerinnen, an deren einer die jüngeren Frauenzimmer allerlei auszusetzen hatten, besonders in Hinsicht auf das Äußere, die Gestalt. Goethe nahm ihre Partie und wußte so komisch darzuthun, wie, wenn man an dem Körper hier ein weniges wegnähme, dort ansetzte u.s.w., eine gar stattliche Gestalt zutage kommen würde, daß der alte Wieland nicht aus dem Lachen kam, wie derholt Goethen um Quartier bat, endlich niederkauerte und die Serviette sich über den Kopf zog und gegen den Mund drückte.


1809, 18. August. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer



a. 

Bemerkung Goethes: Menschen, die ihr Gleiches lieben und aufsuchen, und wieder solche, die ihr Gegentheil lieben und diesem nachgehen.

b. 


»Die Menschen sind immer bei beschränkten Mitteln noch beschränkter als die Mittel, die ihnen zu Gebote stehen, deswegen man sich immer gefallen lassen muß, daß, wenn man mit Andern und durch Andere zu wirken hat, immer das Minimum von Effect hervorgebracht wird.

Es geht im Kleinen wie im Großen. Folge! Das Einzige, wodurch alles gemacht wird und ohne das nichts gemacht werden kann, warum läßt sie sich so selten halten? Warum so wenig durch sich selbst und Andere hervorbringen?«



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