> Gedichte und Zitate für alle: Woldemar von Biedermann : Gespräche Goethes 1808- 1 (46)

2019-10-04

Woldemar von Biedermann : Gespräche Goethes 1808- 1 (46)



1808





1808, Januar.
Mit Friedrich Wilhelm Riemer


»Durch das jetzt in Deutschland allgemein verbreitete Interesse an Kunst und Poesie wird weder für diese beiden, noch für die Erscheinung eines originalen und ersten und einzigen Meisterwerks etwas gewonnen. Der Kunst-Genius producirt zu allen Zeiten, in mehr oder minder geschmeidigem Stoff, wie die Vorwelt Homer, Aeschylos, Sophokles, Dante, Ariost, Calderon und Shakespeare gesehen hat (die Mitwelt Goethe und Schiller); es ist nur dies der Unterschied, daß jetzt auch die Mittelmäßigkeit und die secondären Figuren dran kommen und alle untern Kunsteigenschaften, die zur Technik gehören. Es wird nun auch im Thale licht, statt daß sonst nur die hohen Berggipfel Sonne trugen.

So ist es auch mit andern Stimmungen des Geistes, mit der religiösen, amourösen, bellicosen und andern. In einzelnen Individuen sind sie zu allen Zeiten gewesen und noch. Aber allgemein verbreitet nur zu gewissen Zeitaltern, und immer sind sie der Cometenschwanz irgend eines in diesen ausgezeichneten Mannes ober mehrerer, in denen, wie an den Spitzen der Berge, zuerst diese Morgenröthe schimmerte. Jede solche Stimmung lebt einen Tag, hat ihren Morgen, Mittag, Nachmittag und Abend. So ist's mit der Kunst; so wird es auch mit der Poesie werden, die jetzt im Nachmittag ist.« Oder wie G. sonst zu sagen liebte: »es ist wie eine Krankheit, durch die man hindurch muß.«


1808, 8. Januar. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer


»Es giebt« – äußerte Goethe – »im Menschen auch ein Dienenwollendes: daher die Chevallerie der Franzosen, Servage.«


1808,10. Januar. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer


In dem »Machtspruch« von Ziegler schienen ihm die Helden wie von Därmen gemacht, von ausgestopften Därmen, als wären die Gliedmaßen lauter Würste.


1808, 30. Januar. 
Mittag bei Goethe


a.
»Ich bin Gott darin ähnlich, daß er immer geschehen läßt, was er nicht will,« sagte Goethe über Tisch, worauf Werner bemerkte, daß Goethe Gott darin ähnlich sei, daß er auch alles vergäße.
b.1
Als man ihn [Goethe] einen göttlichen Mann nannte, sagte er: »Ich habe den Teufel vom Göttlichen! Was hilft's mir, daß man mir nachsagt: das ist ein göttlicher Mann! Wenn man nur nach eigenem Willen thut und mich hintergeht.2 Göttlich heißt den Leuten nur der, der sie gewähren läßt, wie ein jeder Lust hat.« Er drückte dies ein ander Mal so aus: »Man hält niemanden für einen Gott, als daß man gegen seine Gesetze handeln will, weil man ihn zu betrügen hofft, weil er von seiner Absolutheit soviel nachläßt, daß man auch absolut sein kann.«

1 Dieses Stück hat Riemer zwar vom 1. Februar 1808 datirt, es gehört aber offenbar zum vorigen Stück, wenigstens dem Zusammenhang nach.

2 Es waren beim Theater Eigenmächtigkeiten vorgefallen, worüber man ihn mit jener Schmeichelei begütigen wollte.


1808, 30. Januar (?). 
Mit Zacharis Werner in Abendgesellschaft
bei Johanna Schopenhauer 


Goethe ließ ein Werner'sches Stück – ich [v. Holtei] dächte, ›Wanda‹ wär' es gewesen – aufführen. Am Tage der Darstellung waren die Dichter und einige nähere Freunde, unter diesen die Schopenhauer, bei Goethe zum Essen. Auf die Frage, wo man sich nach dem Theater versammeln würde, suchte der Vorsichtige, der allzugroßen Andrang fürchtete, die Last von sich ab und sie, wie er es oft in ähnlichen Fällen that, der armen Schopenhauern zuzuwenden, die, gastfrei und gefällig, dergleichen Schicksale über sich ergehen lassen mußte. Diesmal kam es ihr, da sie gar nichts vorbereitet hatte, denn doch ein wenig zu schnell und wurde umso bedenklicher, weil sie die Aufführung des Werner'schen Stückes doch um keinen Preis versäumen wollte und folglich keine Zeit mehr hatte, sich um den Haushalt zu bekümmern. Sie eilte in größter Angst heim und rief nun ihrer Wirtschafterin zu: wir bekommen auf die Nacht Schaaren von Gästen: richte Dich ein und hilf Dir, so gut Du kannst.

Als nun nach höchst zweifelhaften, aber doch scheinbarem Erfolge die Gäste eintrafen, nahmen die Frauen an der improvisierten Tafel Platz, die Herren standen mit ihren Tellern umher. Für Goethe und Werner waren zwei Stühle in der Mitte bestimmt; zwischen ihnen auf dem Tische stand ein wilder Schweinskopf, von dem die Wirthin schon des Tages zuvor gegessen, in ihrer Angst hatte die Haushälterin durch einen großen Kranz Lorbeerblätter die Anschnittswunde zu verdecken gesucht. Goethe erhob, diesen Schmuck erblicken, mächtig seine Stimme und rief dem, bekanntlich sehr zynischen und nicht immer sauber gewaschenen Werner zu: »Zwei gekrönte Häupter an einer Tafel? Das geht nicht!« Und er nahm dem wilden Schweinskopf seinen Kranz und setzte ihn dem Dichter der ›Wanda‹ auf den Kopf.


1808,1. Februar. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer 


Goethe äußerte hinsichtlich Werners und seiner Rühmerei:  »Nur die ungebildete Seite an uns ist es, von der her wir glücklich sind. Jeder Mensch hat so eine.«


1808, 26. Februar. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer 


Mittags sprach Goethe von der Deutlichkeit über andere Menschen, ihre Gesinnungen, was sie thun wollen und können; alles beruhe darauf und daraus entstehe die Furchtlosigkeit.


1808, 3. März (?). 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer 


›Der zerbrochene Krug‹ von Kleist folgte am 2. März .... Bei der Aufführung dieses Stücks ereignete sich ein Vorfall, der in dem kleinen weimarschen Hoftheater noch nie dagewesen und als etwas Unerhörtes bezeichnet werden konnte: ein herzoglicher Beamter hatte die Frechheit, das Stück auszupfeifen. Karl August, der seinen Platz... auf dem sogenannten bürgerlichen Balcon hatte, bog sich über die Brüstung heraus und rief: »Wer ist der freche Mensch, der sich untersteht, in Gegenwart meiner Gemahlin zu pfeifen? Husaren, nehmt den Kerl fest!« Dies geschah... und er wurde drei Tage auf die Hauptwache gesetzt. – Den andern Tag soll Goethe gegen Riemer, der es mir mittheilte, bemerkt haben: »Der Mensch hat gar nicht so unrecht gehabt; ich wäre auch dabei gewesen, wenn es der Anstand und meine Stellung erlaubt hätten. Des Anstands wegen hätte er eben warten sollen, bis er außerhalb des Zuschauerraumes war.«


1808, 4. März. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer 


Bei Goethe. Concipirte er einen Brief an Jacobi. Mittags war davon die Rede und über Platonismus und Spinozismus. Über den logos oder das Wort als erstgewesenes.


1808, 8. März. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer


Mittags allein. Ermunterung an Goethe, etwas in der Tieckischen Liedermanier zu machen aus einer höheren Naturanschauung. Über Falk; hat nur die mittleren Maximen durch sich selbst, die höheren bloß aneignungsweise.

1808, 9. März. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer


Nach Tische die Steindrücke der Albrecht Dürer'schen Federzeichnungen besehen. Goethe sagte schon neulich, daß er sich ärgern würde, wenn er gestorben wäre, ohne sie zu sehen.


1808, 10. März. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer


Mittags Dispute über Goethes paradoxe Maxime, alle öffentlichen Lehranstalten in Deutschtand aufzuheben und den Lehrsubjekten freizugeben, Institute, Pensionsanstalten u. dergl. auf ihre Kosten zu errichten.


1808, 27. März. 
Mittag bei Goethe


Werner zu Tisch. Gegen Christenthum und Christen apostrophirt, Goethe und ich. Goethe der letzte Heide, Werner der erste und letzte Christ.


1808, 30. März. 
In Gesellschaft bei Johanna Schopenhauer 


Goethe theilnehmend und mittheilend, beschrieb Karlsbad, und kam auf die großen Orkane zu sprechen, deren sehr kleine Breite man auf drei- bis vierhundert Schritt berechnet habe und die eine Spirallinie im Wirbel bildeten. Von Schröder behauptete er, daß er kein wahrer Künstler sei, weil er soviel Kunststücke gemacht und in höchst tragischen Momenten verruchter Späße fähig gewesen sei; ohne Gemüth sei keine wahre Kunst denkbar.


1808, 5. April. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer 


Mittags allein mit ihm [Goethe]. Über Galvanismus, Siderismus, Wünschelruthe etc. Goethe bemerkte:

Werner verwechsle die agapê mit dem erôs.

Er äußerte weiter:

»In der Kultur der Wissenschaften haben die Bibel, Aristoteles und Plato hauptsächlich gewirkt, und auf diese 3 Fundamente kommt man immer wieder zurück. ›Neuplatoniker‹ sagt man, also Rückkehr auf den Plato.

Scholastiker, und daß Kant wieder die Scholastik bringe, also Aristoteles. Jetzt Rückkehr zur Bibel. Man kann aus diesen Elementen nicht heraus, und so ist es lächerlich, wenn die Menschen sagen, die Scholastik kehre wieder, Aristoteles oder Plato.«


1808, 6. April. 
Mittag bei Goethe

Mittags Seebeck zu Tische. Über Galvanismus und modernen Mysticisinus, bemerkte Seebeck, daß man leicht glauben könne: der Messias könne aus den Tremellen, die bei Gewitterregen zum Vorschein kommen als eine Gallerte, entstehen. Goethe faßte es auf und wollte ein Gedicht Maranatha oder »der Herr kommt« machen.

Goethe bemerkte über die neuesten Ästhetiker, die Schlegels, Ast etc., daß ihr ganzes Urtheil und Absprechen bloß darauf beruhe, daß ein jeder wie im Dominospiel bloß den Stein lobt, an den er seine Zahl anschieben kann. Er äußerte ferner:

»Engländer haben kein ästhetisch moralisches Urtheil, sprechen von einzelnen Schönheiten. Als wenn für den Dichter etwas schöner wäre als das andere! Was er ausspricht, ist insofern etwas, daß er es ausspricht. Sie meinen, daß er nur etwas sage, wenn er gerade ihr Interesse ausspricht.«



1808, 18. April. 
In Gesellschaft bei Johanna Schopenhauer 



a. 
Am zweiten Osterfeiertage 1808 Abends war ich [Falk] mit Goethe in einer kleinen, auserlesenen Gesellschaft zusammen gewesen.

So ist es ihm eben recht. Auch that er seinem Humor keinen Zwang an, sondern ließ ihm freien Lauf, besonders, als wir auf Theater und die neue Literatur zu sprechen kamen, die er mit politischen Zuständen verglich und seinen Vergleich mit der anmuthigsten und lebendigsten Laune durchführte. Eben hatten wir am vergangenen Sonnabend »Die Piccolomini« gesehen; die nächste Mittwoch sollte nach einer langen Zwischenpause auch der »Wallenstein« darankommen.

»Es ist,« sagte Goethe, »mit diesen Stücken wie mit einem ausgelegenen Weine. Je älter sie werden, je mehr Geschmack gewinnt man ihnen ab. Ich nehme mir die Freiheit, Schiller für einen Dichter und sogar für einen großen zu halten, wiewohl die neusten Imperatoren und Dictatoren unserer Literatur versichert haben, er sei keiner. Auch den Wieland wollen sie nicht gelten lassen. Es fragt sich nur, wer dann gelten soll?«

»Kürzlich hat eine Gelehrtenzeitung in einer von beiden Städten, ich weiß nicht recht, ob in Ingolstadt oder in Landshut, Friedrich Schlegel als den ersten deutschen Dichter und Imperator in der Gelehrtenrepublik förmlich ausgerufen. Gott erhalte Se. Majestät auf Ihrem neuen Throne und schenke demselben eine lange und glückliche Regierung! Bei alle dem möchte man es nicht bergen, daß das Reich dermalen noch von sehr

rebellischen Unterthanen umlagert ist, deren wir einige,« indem er einen Seitenblick auf mich warf, »sogar in unsrer eigenen Nähe haben.«

»Übrigens geht es in der deutschen Gelehrtenrepublik jetzt völlig so bunt zu wie beim Verfall des römischen Reiches, wo zuletzt jeder herrschen wollte, und keiner mehr wußte, wer eigentlich Kaiser war. Die großen Männer leben dermal fast sämmtlich im Exil und jedes verwegene Markedentergesicht kann Imperator werden, sobald es nur die Gunst der Soldaten und der Armee besitzt, oder sich sonst eines Einflusses zu erfreuen hat. Ein paar Kaiser mehr oder weniger, darauf kommt es in solchen Zeiten gar nicht an. Haben doch einmal im römischen Reiche dreißig Kaiser zugleich regiert, warum sollten wir in unsern gelehrten Staaten der Oberhäupter weniger haben? Wieland und Schiller sind bereits ihres Thrones verlustig erklärt; wie lange mir mein alter Imperatormantel noch auf den Schultern sitzen wird, läßt sich nicht vorausbestimmen; ich

weiß es selbst nicht. Doch bin ich entschlossen, wenn es je dahin kommen sollte, der Welt zu zeigen, daß Reich und Scepter mir nicht ans Herz gewachsen sind, und meine Absetzung mit Geduld zu ertragen; wie denn überhaupt seinen Geschicken in dieser Welt niemand so leicht entgehen mag. Ja, wovon sprachen wir doch gleich? Ha, von Imperatoren! Gut! Novalis war noch keiner, aber mit der Zeit hätte er auch einer werden können. Schade nur, daß er so jung gestorben ist, zumal, da er noch außerdem seiner Zeit den Gefallen gethan und katholisch geworden ist. Sind ja doch schon, wie die Zeitungen besagten, Jungfrauen und Studenten rudelweise zu seinem Grabe gewallfahrtet und haben ihm mit vollen Händen Blumen gestreut. Das nenn' ich einen guten Anfang, und es läßt sich davon schon etwas für die Folge erwarten. Da ich nur wenige Zeitungen lese, so ersuche ich meine anwesenden Freunde, wenn etwas weiter von dieser Art, was von Wichtigkeit, eine Kanonisirung oder dergleichen vorfallen sollte, mich davon sogleich in Kenntniß zu setzen. Ich meinerseits bin damit zufrieden, daß man bei meinen Lebzeiten alles nur erdenkliche Böse von mir sagt; nach meinem Tode sollen sie mich schon in Ruhe lassen, weil der Stoff schon früher erschöpft ist, sodaß ihnen wenig oder nichts übrig bleiben wird. Tieck war auch eine Zeitlang Imperator, aber es währte nicht lange, so verlor er Scepter und Krone. Man sagt, es sei etwas zu Titusartiges in seiner Natur, er sei zu gütig, zu milde gewesen, das Reich aber fodere in seinem jetzigen Zustande Strenge, ja, man möchte wohl sagen, eine fast barbarische Größe. Nun kamen die Schlegel ans Regiment; da ging's besser! August Schlegel, seines Namens der Erste, und Friedrich Schlegel der Zweite – die beiden regierten mit dem gehörigen Nachdrucke. Es verging kein Tag, wo nicht irgendjemand ins Exil geschickt, oder ein paar Executionen gehalten wurden. So ist's recht! Von dergleichen ist das Volk seit undenklichen Zeiten ein großer Liebhaber gewesen. Vor kurzem hat ein junger Anfänger den Friedrich Schlegel irgendwo als einen deutschen Hercules aufgeführt, der mit seiner Keule im Reiche herumginge und alles todtschlüge, was ihm irgend in den Weg käme. Dafür hat jener muthige Imperator diesen jungen Anfänger seinerseits sogleich in den Adelstand erhoben und ihn ohne weiteres einen Heroen der deutschen Literatur genannt. Das Diplom ist ausgefertigt; Ihr könnt Euch darauf verlassen, ich habe es selber gelesen. Dotationen, Domainen, ganze Fächer in Gelehrtenzeitungen, die sie ihren Freunden zum Recensiren verschaffen, sind auch nicht selten, die Feinde aber werden oft heimlich aus dem Wege geräumt, indem man ihre Schriften beiseite legt und sie lieber gar nicht anzeigt. Da wir nun im Deutschen ein sehr geduldiges Publicum haben, das nichts liest, als was zuvor recensirt ist, so ist diese Sache gar so übel nicht ausgesonnen. Das Beste noch bei der ganzen Sache ist denn aber doch immer das Ungefährliche. Z.B. es legt sich einer jetzt Abends als Imperator gesund und vergnügt zu Bette; des andern Morgens darauf erwacht er und sieht mit Erstaunen, daß die Krone von seinem Haupte hinweg ist. Ich geb' es zu, es ist ein schlimmer Zufall, aber der Kopf, sofern der Imperator überhaupt einen hatte, sitzt doch noch immer auf derselben Stelle, und das ist, meines Erachtens, baarer Gewinn. Wie häßlich dagegen ist es von den alten Imperatoren zu lesen, wenn sie dutzendweise in der römischen Geschichte erdrosselt und nachher in die Tiber geworfen werden. Ich meinerseits gedenke, wofern ich auch Reich und Scepter verlieren sollte, hier ruhig an der Ilm auf meinem Bette zu sterben. Von unsern Reichsangelegenheiten und besonders von Imperatoren weiter zu sprechen: ein andrer junger Dichter in Jena [A. Bode?] ist auch zu früh gestorben. Imperator konnte der zwar nicht werden, aber Reichsverweser, Major Domus oder so etwas, das wär' ihm nicht entgangen. Wo nicht, so stand ihm noch immer als einem der ersten Heroen in der deutschen Literatur ein Platz offen. Eine Pairskammer zu stiften, wozu Vermögen gehört, wäre überhaupt in der deutschen Literatur kein verwerflicher Gedanke. Hätte jener nur ein paar Jahre länger in Jena gelebt, so könnte er Pair des Reiches geworden sein, ehe er sich umsah. So aber, wie gesagt, starb er zu frühe. Das war übereilt. Man soll sich, wie es der rasche Gang unserer neuesten Literatur fordert, so schnell als möglich mit Erde bedecken. Das ist Grundsatz. Mit der Herausgabe von einigen Sonetten und ein paar Almanachen ist die Sache noch keineswegs gethan. Die literarischen Freunde des jungen Mannes haben zwar in öffentlichen Blättern versichert, seine Sonetten würden auch lange nach seinem Tode noch fortleben, ich habe mich aber nachher nicht weiter danach erkundigt, kann daher auch nicht sagen, ob es in Erfüllung gegangen ist, oder wie es sich überhaupt mit dieser Sache verhält.«

»Als ich noch jung war, hab' ich mir freilich von verständigen Männern sagen lassen, es arbeite oft ein ganzes Zeitalter daran, um einen einzigen tüchtigen großen Maler oder Dichter hervorzubringen, aber das ist lange her. Jetzt geht das Alles viel leichter vonstatten. Unsre jungen Leute wissen das besser einzurichten und springen mit ihrem Zeitalter um, daß es eine Lust ist. Sie arbeiten sich nicht aus dem Zeitalter heraus, wie es eigentlich sein sollte, sondern sie wollen das ganze Zeitalter in sich hineinarbeiten, und wenn ihnen das nicht nach Wunsche glückt, so werden sie über die Maßen verdrießlich und schelten die Gemeinheit eines Publicums, dem in seiner gänzlichen Unschuld eigentlich Alles recht ist. Neulich besuchte mich ein junger Mann, der soeben von Heidelberg zurückkehrte; ich konnte ihn kaum über neunzehn Jahre schätzen. Dieser versicherte mich im vollen Ernste, er habe nunmehr mit sich abgeschlossen, und da er wisse, worauf es eigentlich ankomme, so wolle er künftighin so wenig wie möglich lesen, dagegen aber in gesellschaftlichen Kreisen seine Weltansichten selbstständig zu entwickeln suchen, ohne sich durch fremde Sprachen, Bücher und Hefte irgend darin hindern zu lassen. Das ist ein prächtiger Anfang! Wenn jeder nur erst wieder von Null ausgeht, da müssen die Fortschritte in kurzer Zeit außerordentlich bedeutend werden.« 

b. 

Goethe denkt bald nach Karlsbad zu reisen. Letzthin war er göttlich bei Mde. Schopenhauer, wo er über Schiller's Cyclus »Wallenstein« sprach, welcher heute (21. April) und den Sonnabend gegeben wird. »Freilich« – sagte er unter anderm – »verlautet jetzt von dem guten Schiller, daß er kein Dichter sei (dieses predigt Passow seinen Primanern, und stand zwei Schritte von Goethe), doch wir haben da so unsere eigene Meinung darüber.« Mit dreimal kaustischer Lauge sprach er scherzend über die poetische Anarchie, wo der neueste Dichter zum größten ausgerufen werde und kam auf die Landshuter Erklärung (von Ast?), daß Friedrich Schlegel zum Hercules unter den Dichtern proclamirt sei, und jetzt, anstatt mit dem Schlegel, mit der Keule herumwandle, an der als Excrescenz auch ein Ästchen bemerkbar sei. Kurz, Goethe documentirte hier so ganz seine hohe Meisterschaft und ließ einmal hell sehen, wie er über die Alfanzereien der Zeit eigentlich denkt.
c.
Bei Gelegenheit der Recension seiner Werke in den Heidelberger Jahrbüchern von F. Schlegel sagte G., er sei damit zufrieden. Der Recensent habe sich viel Mühe gegeben und Alles bedacht und bemerkt. Nur müsse er (G.) selbst am besten wissen, wo die Zäume hingen. Er verstehe die Recension recht gut, aber gegen seine Leser, d.h. die Leser seiner Werke, habe der Recensent einen curiosen Stand. Es seien ja dies alles nur Fetzen und Lappen von seiner Existenz; da einmal ein alter Hut, und dort ein paar Schuhe und dort ein Lappen von einem Rock, den er einmal getragen.

Die große Kluft, die durch die Reise nach Italien gemacht wird, zwischen den italienischen und andern Gedichten, könne man freilich nicht verlangen, daß sie der Recensent ausfüllen solle.
d.
Äußerte Goethe: »Schelme, Halbschelme sind wie die doppelfarbigen Mäntel, die man nach Gefallen umkehren kann um immer nach einer Seite zu erscheinen.«


1808, Mai, vor dem 8. 
Mit Bernhard Rudolf Abeken


Auch Goethe habe ich gesehen. Ich besuchte ihn auf Dein [Heinrich Voßens] Wort. Er empfing mich in seinem Garten und ging eine Weile mit mir auf und ab. Er sprach sehr freundschaftlich von Dir und freute sich, daß sein Sohn Dich fände.


1808, 9. Mai. 
Mit Johann Daniel Falk 


Der schwer beleidigte Kaiser [Napoleon] verstattete zwar dem Herzoge die Rückkehr in seine Staaten, aber nicht ohne das höchste Mißtrauen in ihn zu setzen, sodaß der edle, offne deutsche Mann von diesem Augenblicke an von allen Seiten mit Horchern, sogar an seiner Tafel umstellt war. Da mich um diese Zeit meine Geschäfte oftmals nach Berlin und Erfurt führten, gaben mir die dortigen höhern Behörden nicht selten Bemerkungen anzuhören, von denen ich gewiß war, daß man sie als Resultate der dort gehaltenen geheimen Polizeiregister dem Kaiser vorlegte, und die ich eben deshalb dem Herzoge nicht verschweigen durfte. Mit wörtlicher Treue, wie ich sie empfangen hatte, setzte ich sie schriftlich auf, um sie höhern Orts zu übergeben. Bei dieser Gelegenheit hat Goethe eine so schöne persönliche Anhänglichkeit für den Herzog an den Tag gelegt, daß ich mir ein Gewissen daraus machen würde, dem deutschen Publicum dies schöne Blatt aus der Lebensgeschichte seines großen Dichters vorzuenthalten. Es geschah um diese Zeit häufig genug, wenn ich Goethe besuchte, daß die bedenklichen Zeitumstände – in welche ich selbst damals, nicht aber zum Unglück, sondern, wofür ich Gott herzlich danke, zum Segen des Landes, das ich bewohnte, handelnd verflochten war – mit männlicher Umsicht von uns nach allen Seiten durchgesprochen wurden. So kam denn auch diesmal, als ich Goethe nach meiner Zurückkunft von Erfurt in seinem Garten besuchte, die Rede auf die Beschwerden der französischen Regierung. Ich theilte sie ihm Punkt für Punkt und so mit, wie sie auch nach diesem der Herzog unverändert gelesen hat. Es sei bekannt, hieß es unter anderm in dieser Schrift, daß der Herzog von Weimar dem feindlichen General Blücher, der sich zu Hamburg mit seinen Officieren nach der Niederlage von Lübeck in der größten Verlegenheit befunden, 4000 Thaler auf Wechsel vorgeschossen habe. Ebenso wisse jedermann, daß ein preußischer Officier, der Hauptmann v. Ende,... als Hofmarschall bei der Frau Großfürstin angestellt sei. Es sei nicht zu leugnen, daß die Anstellung so vieler preußischer Officiere sowohl im Militär- als Civilfach, deren Gesinnungen bekanntlich nicht die besten seien, für Frankreich etwas Beunruhigendes mit sich führe. Schwerlich werde es der Kaiser billigen, oder jemals zugeben, daß man mitten im Herzen des Rheinbundes gleichsam eine stillschweigende Verschwörung wider ihn anlege. Sogar zum Hofmeister seines Sohnes, des Prinzen Bernhard, habe man einen ehemaligen preußischen Officier, den Herrn von Rühle... gewählt; Herr von Müffling, ebenfalls gedienter Officier und Sohn des preußischen Generals dieses Namens,... sei mit großem Gehalte in Weimar als Präsident eines Landescollegiums angestellt; der Herzog stehe mit demselben in einem vertrauten persönlichen Umgange, und es sei natürlich, daß alle solche Verbindungen nur dazu dienten, einen ohnehin schlecht genug verheimlichten Groll gegen Frankreich zu nähren. Es scheine, daß man gleichsam alles absichtlich hervorsuche, um den Zorn des Kaisers, der doch manches von Weimar zu vergessen habe, aufs Neue zu reizen und herauszufordern. Unvorsichtig wenigstens seien die Schritte des Herzogs in einem hohen Grade, wenn man ihnen auch nicht geradewegs eine böse Absicht unterlegen wolle. So habe derselbe auch den Herzog von Braunschweig, den Todfeind Frankreichs, nebst Herrn v. Müffling, nach dem Gefechte von Lübeck zu Braunschweig auf seinem Durchmarsch besucht.

»Genug!« fiel mir Goethe, als ich bis dahin gelesen hatte, mit flammendem Gesichte ins Wort. »Was wollen sie denn, diese Franzosen? Sind sie Menschen? Warum verlangen sie geradeweg das Unmenschliche? Was hat der Herzog gethan, was nicht lobens- und rühmenswerth ist? Seit wann ist es denn ein Verbrechen, seinen Freunden und alten Waffenkameraden im Unglück treu zu bleiben? Ist denn eines edeln Mannes Gedächtniß so gar nichts in euern Augen? Warum muthet man dem Herzoge zu, die schönsten Erinnerungen seines Lebens, den siebenjährigen Krieg, das Andenken an Friedrich den Großen, der sein Oheim war, kurz alles Ruhmwürdige des uralten deutschen Zustandes, woran er selbst so thätig Antheil nahm, und wofür er noch zuletzt Krone und Scepter auf's Spiel setzte, den neuen Herren zu gefallen, wie ein verrechnetes Exempel plötzlich über Nacht mit einem nassen Schwamme von der Tafel seines Gedächtnisses hinwegzustreichen? Steht denn euer Kaiserthum von gestern schon auf so festen Füßen, daß ihr keine, gar keine Wechsel des menschlichen Schicksales in Zukunft zu befürchten habt? Von Natur zu gelassener Betrachtung der Dinge aufgelegt, werde ich doch grimmig, sobald ich sehe, daß man dem Menschen das Unmögliche abfodert. Daß der Herzog verwundete, ihres Soldes beraubte preußische Officiere unterstützte, daß er dem heldenmüthigen Blücher nach dem Gefecht von Lübeck einen Vorschuß von 4000 Thalern machte, das wollt ihr eine Verschwörung nennen? Setzen wir den Fall, daß heute oder morgen Unglück bei eurer großen Armee einträte: was würde wohl ein General oder ein Feldmarschall in den Augen des Kaisers werth sein, der gerade so handelte, wie unser Herzog in dem vorliegenden Falle wirklich gehandelt hat? Ich sage euch, der Herzog soll so handeln, wie er handelt! Er muß so handeln! Er thäte sehr Unrecht, wenn er je anders handelte! Ja, und müßte er darüber Land und Leute, Krone und Scepter verlieren, wie sein Vorfahr, der unglückliche Johann, so soll und darf er doch um keine Hand breit von dieser edeln Sinnesart und dem, was ihm Menschen- und Fürstenpflicht in solchen Fällen vorschreibt, abweichen. Unglück! Was ist Unglück? Was ist Unglück, wenn sich ein Fürst dergleichen von Fremden in seinem eigenen Hause muß gefallen lassen. Und wenn es auch dahin mit ihm käme, wohin es mit jenem Johann einst gekommen ist, daß beides, sein Fall und sein Unglück, gewiß wäre, so soll uns auch das nicht irre machen, sondern mit einem Stecken in der Hand wollen wir unsern Herrn, wie jener Lukas Cranach den seinigen, ins Elend begleiten und treu an seiner Seite aushalten. Die Kinder und Frauen, wenn sie uns in den Dörfern begegnen, werden weinend die Augen aufschlagen und zueinander sprechen: das ist der alte Goethe und der ehemalige Herzog von Weimar, den der französische Kaiser seines Thrones entsetzt hat, weil er seinen Freunden so treu im Unglück war; weil er den Herzog von Braunschweig, seinen Oheim, auf dem Todbette besuchte; weil er seine alten Waffenkameraden und Zeltbrüder nicht wollte verhungern lassen!« Hier rollten ihm die Thränen stromweise von beiden Backen herunter; alsdann fuhr er nach einer Pause, und sobald er wieder einige Fassung gesammelt, fort: »Ich will ums Brot singen! Ich will ein Bänkelsänger werden, und unser Unglück in Liedern verfassen! Ich will in alle Dörfer und in alle Schulen ziehen, wo irgend der Name Goethe bekannt ist; die Schande der Deutschen will ich besingen, und die Kinder sollen mein Schandlied auswendig lernen, bis sie Männer werden, und damit meinen Herrn wieder auf den Thron herauf- und euch von dem euern heruntersingen! Ja, spottet nur des Gesetzes, ihr werdet doch zuletzt an ihm zu Schanden werden! Komm an, Franzos! Hier oder nirgend ist der Ort mit dir anzubinden! Wenn du dieses Gefühl dem Deutschen nimmst oder es mit Füßen trittst, was eins ist, so wirst du diesem Volke bald selbst unter die Füße kommen! Ihr seht, ich zittre an Händen und Füßen. Ich bin lange nicht so bewegt gewesen. Gebt mir diesen Bericht! Oder nein, nehmt ihn selbst! Werft ihn ins Feuer! Verbrennt ihn! Und wenn Ihr ihn verbrannt habt, sammelt die Asche und werft sie ins Wasser! Laßt es sieden, brodeln und kochen! Ich selbst will Holz dazu herbeitragen, bis alles zerstiebt ist, bis jeder Punkt in Rauch und Dunst davonfliegt, sodaß auch nicht ein Stäubchen davon auf deutschem Grund und Boden übrig bleibt! Und so müssen wir es auch einst mit diesen übermüthigen Fremden machen, wenn es je besser mit Deutschtand werden soll.«

Ich brauche kein Wort zu diesem wahrhaft männlichen Gespräche hinzuzusetzen, das ebenso ehrend für Goethe, als für den Herzog ist.

Als ich Goethe beim Abschied umarmte, standen auch mir die Augen voll Thränen.


1808, 14. Mai. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer

Auf mitunter sehr schlechten Wegen nach Franzensbad. Am Brunnen gewesen. Schöne Kobellsche Landschaft mit blauen Bergen. Besonders Politica besprochen.

»Europa – äußerte Goethe – war sonst eine der seltensten Republiken, die jemals existirt, und ging dadurch zu Grunde, daß ein Theil das sein wollte, was das Ganze war, nämlich Frankreich wollte Republik werden. – Jetzt nirgends Schutz und Hilfe. Omnia in propatulo.

Sonst, der Mensch auf sich allein gestellt, suchte er Hilfe bei anderen: in Burgen, Schlössern, bei Freunden. Jetzt, in der öffentlichsten Kommunikation hilflos, und nur durch sein Inneres zu trösten und zu helfen.

Sonst verschlossen nach außen, offen nach innen; jetzt offen nach außen, verschlossen nach innen.«


1808, 15. Mai.
Mit Friedrich Wilhelm Riemer 


Unterwegs [zwischen Franzensbad und Karlsbad] über Liebe. Amor feminarum plerumque officiosus, marium sive masculorum enthousiazôn. Goethes Geschichte amoris uxoris suae post expertam fidem. Über Werners Liebe.


1808, 17. Mai. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer


Nach Tische Metra für Goethe. Abends mit ihm den Chodekschen Weg. Über Pandora: über Systole und Diastole des Weltgeistes. »Jene giebt die Specifikation, diese das Unendliche. In der Natur sei das Unmögliche, daß nichts nicht werde: das Leben sei gleich da.«


1808, 1. Juni. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer


Über Tische von Politicis, – daß Napoleon mit Spanien fertig sei, daß Rußland es früher mit Polen ebenso gemacht. Ich meinte, unsere Kritiker würden ihn einen glücklichen Nachahmer schelten.


1808, 2. August. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer

Abends Armenconcert von Pixis und Holbein gegeben, der declamirte und sang, Goethes Hochzeitlied und Schillers Glocke. Nicht besonders. Um 9 Uhr nachhause mit Goethe. Darüber gesprochen.

»Hier giebt man – sagte Goethe – Concerte und Bälle, um wohlthätig zu sein, und ist wohlthätig, um mit Ehren singen und tanzen zu können. Das ist die Art von Mittelsalz, womit die moderne Welt ihre Pflicht und Vergnügen zugleich abführt, damit ja alles recht kurmäßig geschehen möge.«


1808, 11. August 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer


Mittags allein, mit Goethe. Über München, die dortigen Verhältnisse. Plan zu einem deutschen Volksbuche besprochen.

Keine Kommentare: