> Gedichte und Zitate für alle: Woldemar von Biedermann : Gespräche Goethes 1806 (43)

2019-10-03

Woldemar von Biedermann : Gespräche Goethes 1806 (43)




1806, 31. August.
Mit Friedrich Wilhelm Riemer


a.
»Das Beste in den Briefen des Bonifacius sind die Stellen aus der Bibel, weil es ewig nur Mosaik ist, was die Leute machen, aber in dem Sinne gut.

Wir haben ja auch unsere Coteriesprache, und von den Humanisten, welche römisch schreiben, kann man dasselbe sagen.«

b.
»Die beiden ersten Acte der ›Minna von Barnhelm‹ sind schön und gut, sie haben Handlung und Fortschritt; im dritten stockt's. Man weiß nicht, woran es sich accrochirt; da erscheint ein retardirender Auftritt zwischen dem Wachtmeister und Franziska. Man sieht, Lessing hat Lust an den Charakteren selbst gewonnen und spielt mit denen, malt sie zu einzelnen Scenen aus, die als solche recht schön sind. Sensation des Stücks bei seiner ersten Erscheinung. Im Tellheim die Ansicht seiner Zeit und Welt im Punkt der Ehre, in Minna Lessing's Verstand.«


1806, Ende September. 
Mit Georg Reinbeck

Bei dem Dichterfürsten Goethe glaubte ich keiner fremden Empfehlung zu bedürfen; denn er hatte mehrere meiner Dramen auf die Bühne zu bringen gewürdigt und hatte mir öfter durch Reisende nach Petersburg freundliche, mich ehrende Grüße gespendet. Er nahm mich wie einen Bekannten auf, erkundigte sich nach meinen Zwecken, meinen Arbeiten und erzählte mir von der nicht ungünstigen Aufnahme meiner Dramen und von seiner Absicht bei der Aufführung meiner, nach Monsieur de Pourceaugnac des Molière bearbeiteten Posse »Herr von Hopfenkeim«. Er klagte darüber, daß das deutsche Publicum zu prüde sei und nicht recht Spaß verstehe, wodurch der Bühne ein Gebiet verschlossen werde, das wenigstens den Genuß größerer Mannigfaltigkeit geben könne, und, recht behandelt, könne das Grotesk-Komische gerade ein Vehikel sein, so manches zur Sprache zu bringen, was in zarterer Behandlung einen zu ernsten Charakter gewinne.
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Goethe und Bertuch hatten keine besonders hohe Meinung von Klinger's Charakter und erzählten mir manche Anekdote aus seinem früheren Leben, die ihn als einen Phantasten darstellt, der bloß durch ein angenommenes fast brutales Wesen habe Aufsehen erregen wollen.


1806, Anfang October. 
Mit einem preußischen Artillerieoffizier.1

Er [Goethe] nahm mich mit der früheren alten Freundschaft und Herzlichkeit auf, lud mich auch zu Tische, und wir plauderten viel von den im Feldzug von 1792 in Frankreich und dann bei der Belagerung von Mainz gemeinschaftlich bestandenen Abenteuern. Im übrigen fand ich Goethe in einer sehr sorgenvollen, gedrückten Stimmung, wozu er als Minister des Herzogthums Weimar freilich auch alle Ursache hatte. Er war ein zu klarer Kopf und besaß eine zu gereifte Menschenkenntniß, als daß er sich die ungemein vielen Gebrechen und Schwächen aller Art, die sich in unserem ganzen Heere und besonders in der obersten Leitung zeigten, nur im Allermindesten verhehlen konnte. So hegte er denn nichts wie Angst und Besorgniß vor dem Ausgang dieses Krieges und prophezeite uns ein schlimmes Ende, worin ich ihm als preußischer Offizier natürlich mit aller Entschiedenheit zu widersprechen für meine Pflicht hielt, obgleich ich in meinem Innern leider manche seiner Befürchtungen nur zu sehr theilte. Daß sich jetzt der Kriegsschauplatz in das Gebiet des Herzogthums Sachsen-Weimar hingezogen hatte, mußte Goethen als Minister dort sehr unangenehm sein; denn nicht allein, daß er selbst viel Plage und Arbeit dadurch hatte, so litt das Land ganz ungemein. Wenn auch die Disciplin in unserem Heere bis jetzt noch sehr strenge gehandhabt wurde, so war es doch nicht zu vermeiden, daß Unordnungen und Excesse in Menge vorkamen .... Alle diese vielen Plagen und Scherereien der verschiedensten Art... mochten ebenfalls wohl viel mit dazu beitragen, daß sein Unmuth über diesen ganzen Krieg und besonders auch die Art und Weise, wie solcher bisher von uns geführt wurde, ein so überaus heftiger war, daß er ganz nie Ruhe und Würde, die ihm sonst stets in so hohem Grade innewohnte, darüber vergaß. Besonders hart tadelte er auch, daß wir nicht die Feinde in der Gegend südwärts des Thüringer Waldes selbst angriffen, statt, wie es jetzt den Anschein hatte, uns nordwärts davon von ihnen angreifen zu lassen. So glaube ich, daß der Einfluß Goethes wirklich dabei mit im Spiel gewesen ist, daß der Herzog Karl August von Sachsen-Weimar, der wieder in active preußische Dienste getreten war, es durchzusetzen vermochte, daß er mit einem auserlesenen Corps von zehntausend Mann Infanterie und Artillerie... über den Thüringer Wald gesandt wurde, um dem Feind, den wir damals noch immer zwischen Koburg und Bamberg vermutheten, in die Flanke zu fallen.

1 Vergl. Nr. 1453 und 1454.


1806, 18. October. 
Über Goethes Heirath


Mir [Voß] war es rührend, wie Goethe am zweiten [?] Abend nach der Schlacht, als wir um ihn versammelt waren, der Vulpius für ihre Treue in diesen unruhigen Tagen dankte und mit den Worten schloß: »So Gott will, sind wir morgen Mittag Mann und Frau.«


1806, October. 
Mit Johann Heinrich Voß d. J.


Goethe war mir in den traurigen Tagen ein Gegenstand des innigsten Mitleidens. Ich habe ihn Thränen vergießen sehen. »Wer,« – rief er aus – »nimmt mir Haus und Hof ab, damit ich in die Ferne ziehen kann?«

1806, 2. November. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer


»Es ist ein gräuliches Verfahren, welches die Mineralogen bei der Bestimmung der Farben beobachten. Nicht nur mengen sie apparente Farben, chemische, und unter diesen durchsichtige und Erdfarben untereinander, sondern auch die physischen mischen sie mit chemischen wie auf der Palette durcheinander: Morgenroth mit gelblich braun u. dergl.«


1806, November. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer


»Wenn Paulus sagt: gehorchet der Obrigkeit, denn sie ist Gottes Ordnung, so spricht dies eine ungeheuere Cultur aus, die wohl auf keinem frühern Wege als dem christlichen erreicht werden konnte: eine Vorschrift, die, wenn sie alle Überwundenen jetzt beobachteten, diese von allem eigenmächtigen und unbilligen, zu ihrem eigenen Verderben aufschlagenden Verfahren abhalten würde.«
1806, 6. November. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer 


Angefangen an dem Schema und der Einleitung zur Morphologie, des Abends um acht Uhr.

»Das Gall'sche System kann dadurch zu einer Erläuterung, Begründung und Zurechtstellung gelangen.

Es ist ein sonderbarer Einwurf, den man gegen dasselbe davon hergenommen hat, daß es eine partielle Erklärungsweise sei von Erscheinungen, die aus dem gesammten organischen Wesen ihre Erklärung schöpfen. Als wenn nicht alle Wissenschaft in ihrem Ursprunge partiell und einseitig sein müßte! Das Buchstabiren und Syllabiren ist noch nicht das Lesen, noch weniger Genuß und Anwendung des Gelesenen; es führt doch aber dazu. Eine Würdigung dieser erst aufkeimenden Wissenschaft oder dieser Art des Wissens ist noch viel zu früh.«


1806, November. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer


»Wie die Schalthiere im nächsten Bezug auf den Kalk stehen, daß man sagen kann, sie seien organisirter Kalk; so kann man sagen, daß diejenigen Insekten, welche auf färbenden Pflanzen leben und gleichsam lebendig den Farbestoff derselben darstellen, als die Coccusarten, gleichsam die organisirten Pflanzen sind. Steffens nannte gewisse Käfer in Bezug auf den Blumenstaub, den sie der Blume zuführen, das fliegende Gehirn derselben. Mit demselben Rechte einer witzigen Combination, wenn es weiter nichts wäre, kann man jene Insekten organisirten Far bestoff nennen. Lebendiger Farbestoff, wie Jeder sagen würde und könnte, drückt das Nämliche aus, nur versteckter.«


1806, 7. November. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer

a.
»Die Naturphilosophie construirt zuerst aus dem Lichte die Solidität und die Schwere. Den die Schwere constituirenden Kern des Erdkörpers bilden die Metalle. Demnach müßte man sagen: die Metalle seien das solidirte Licht und Darsteller der Schwere; daher auch ihr übriger Bezug zum Lichte theils durch ihren Glanz, theils durch die Farbe, die sie in ihrem regulinischen, krystallischen und kalkhaften Zustande bereits haben und noch annehmen.«

b.
»Bücher werden jetzt nicht geschrieben, um gelesen zu werden, um sich daraus zu unterrichten und zu belehren, sondern um recensirt zu werden, damit man wieder darüber reden und meinen kann, so in's Unendliche fort.

Seitdem man die Bücher recensirt, liest sie kein Mensch außer dem Recensenten, und der auch so so. Es hat aber jetzt auch selten Jemand etwas Neues, Eigenes, Selbstgedachtes und Unterrichtendes, mit Liebe und Fleiß Ausgearbeitetes zu sagen und mitzutheilen, und so ist Eins des Andern werth.«


1806, 9. November. 
Mit Christiane Kotzebue


Es wird Dich [August v. Kotzebue] von Goethe freuen, daß er kurz nach der Plünderung, wie Krause begraben wurde, auf dem Kirchhofe zu mir kam, mich fragte, wie es mir gegangen, und wünschte, daß ich in sein Haus gekommen wäre. Er sei nicht ausgeplündert, weil er sich eine Sauvegarde, die ihm zwar viel gekostet, ausgebeten. Er habe bis auf den Wein doch das Seinige behalten, und bedauerte mich sehr freundschaftlich über meinen Verlust.


1806, 10. November. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer 


»Qualis rex, talis grex paßt niemals mehr als jetzt, und miles gregarius versteht man jetzt, wovon es ausgeht.

Es bemerkte jemand sehr gut, daß Napoleon in seinem Zimmer wie ein Löwe oder Tiger in seinem Käfig unruhig auf und abgeht und sich dreht.«



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