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2019-10-08

Woldemar von Biedermann : Gespräche Goethes 1826 (67)




1826






1826, 5. Januar.
Mit Friedrich von Müller 


Goethe machte mir Schwierigkeiten wegen des beabsichtigten Abdrucks seines Dankbriefes nach Jena [für die Beglückwünschungen der Universität bei seinem Dienstjubiläum]. »Ich weiß, was ich kann und nicht kann und will nur das, was ich kann.«





1826, 7. Januar. 
Mit Friedrich von Müller 


Nachmittags bei Goethe, der mich abermals durch Zögern mit Herausgabe des Jenaischen Schreibens, durch Nichtvorzeigung in Dresden acquirirter Zeichnungen, durch das Verlangen von sechs Gratisexemplaren der Jubelbeschreibung vom 3. September und zuletzt durch sein zweideutiges Auftreten ins hintere Zimmer ärgerte.



1826, 11. Januar. 
Mit Friedrich von Müller


Nach Tisch bei Goethe. Über die eingeschaltete Stelle in Fritschens Rede und Goethe's Ansichten der Wartburgsache. »Das macht Ihr mir nicht nach, nicht wahr?« (so objectiv zu schreiben).



1826, 25. Januar. 
Mit Oskar Ludwig Bernhard Wolff 


Zu dem bekannten Imporvisator Wolff, der... im September 1851 in Jena als Professor der ausländischen Literatur gestorben, sagte Goethe: »Sie besitzen ein schönes und seltenes Talent und wissen es mit Geschick zu behandeln, aber Sie leiden an einem Fehler, an dem die ganze jetzige Jugend krankt, und der Sie zurückbringt, statt Sie zu fördern, weil er Sie über das, was Sie geben, täuscht. Was Sie mir da geschildert haben, sollte Hamburg sein, aber es konnte ebenso gut Naumburg, ober Merseburg, oder jedes andere -burg sein. Hamburg war das nicht: Hamburg ist so eigenthümlich, daß man es mit zwei Strichen zeichnen kann.«



1826, 29. Januar. 
Mit Johann Peter Eckermann 


Der erste deutsche Improvisator, Dr. Wolff aus Hamburg, ist seit mehreren Tagen hier ..... Ich sprach Dr. Wolff gestern Abend, nachdem er mittags vor Goethe improvisirt hatte. Er war sehr beglückt und äußerte, daß diese Stunde in seinem Leben Epoche machen würde, indem Goethe ihn mit wenigen Worten auf eine ganz neue Bahn gebracht und in dem, was er an ihm getadelt, den Nagel auf den Kopf getroffen hätte.

Diesen Abend nun, als ich bei Goethe war, kam das Gespräch sogleich auf Wolff. »Dr. Wolff ist sehr glücklich,« sagte ich, »daß Euer Excellenz ihm einen guten Rath gegeben.«»Ich bin aufrichtig gegen ihn gewesen,« sagte Goethe, »und wenn meine Worte auf ihn gewirkt und ihn angeregt haben, so ist das ein sehr gutes Zeichen. Er ist ein entschiedenes Talent, daran ist kein Zweifel, allein er leidet an der allgemeinen Krankheit der jetzigen Zeit, an der Subjectivität, und davon möchte ich ihn heilen. Ich gab ihm eine Aufgabe, um ihn zu versuchen. Schildern Sie mir, sagte ich, Ihre Rückkehr nach Hamburg. Dazu war er nun sogleich bereit und fing auf der Stelle in wohlklingenden Versen zu sprechen an. Ich mußte ihn bewundern, allein ich konnte ihn nicht loben. Nicht die Rückkehr nach Hamburg schilderte er mir, sondern nur die Empfindungen der Rückkehr eines Sohnes zu Eltern, Anverwandten und Freunden, und sein Gedicht konnte ebenso gut für eine Rückkehr nach Merseburg und Jena als für eine Rückkehr nach Hamburg gelten. Was ist aber Hamburg für eine ausgezeichnete, eigenartige Stadt, und welch' ein reiches Feld für die spe ciellsten Schilderungen bot sich ihm dar, wenn er das Object gehörig zu ergreifen gewußt und gewagt hätte!«

Ich bemerkte, daß das Publicum an solcher subjectiven Richtung schuld sei, indem es allen Gefühlssachen einen entschiedenen Beifall schenke.

»Mag sein,« sagte Goethe; »allein wenn man dem Publicum das Bessere giebt, so ist es noch zufriedener. Ich bin gewiß, wenn es einem improvisirenden Talent wie Wolff gelänge, das Leben großer Städte, wie Rom, Neapel, Wien, Hamburg und London mit aller treffenden Wahrheit zu schildern, und so lebendig, daß sie glaubten, es mit eigenen Augen zu sehen, er würde alles entzücken und hinreißen. Wenn er zum Objectiven durchbricht, so ist er geborgen; es liegt in ihm, denn er ist nicht ohne Phantasie. Nur muß er sich schnell entschließen und es zu ergreifen wagen.«

»Ich fürchte,« sagte ich, »daß dieses schwerer ist als man glaubt; denn es erfordert eine Umwandlung der ganzen Denk weise. Gelingt es ihm, so wird auf jeden Fall ein augenblicklicher Stillstand in der Production eintreten, und es wird eine lange Übung erfordern, bis ihm auch das Objective geläufig und zur zweiten Natur werde.«

»Freilich,« erwiederte Goethe, »ist dieser Überschritt ungeheuer; aber er muß nur Muth haben und sich schnell entschließen. Es ist damit wie beim Baden die Scheu vor dem Wasser: man muß nur rasch hineinspringen und das Element wird unser sein.

Wenn einer singen lernen will,« fuhr Goethe fort, »sind ihm alle diejenigen Töne, die in seiner Kehle liegen, natürlich und leicht; die andern aber, die nicht in seiner Kehle liegen, sind ihm anfänglich äußerst schwer. Um aber ein Sänger zu werden, muß er sie überwinden; denn sie müssen ihm alle zu Gebote stehen. Ebenso ist es mit einem Dichter solange er bloß seine wenigen subjectiven Empfindungen ausspricht, ist er noch keiner zu nennen, aber sobald er die Welt sich anzueignen und aus zusprechen weiß, ist er ein Poet. Und dann ist er unerschöpflich und kann immer neu sein, wogegen aber eine subjective Natur ihr bißchen Inneres bald ausgesprochen hat und zuletzt in Manier zu Grunde geht.

Man spricht immer vom Studium der Alten, allein was will das anders sagen als: Richte dich auf die wirkliche Welt und suche sie auszusprechen; denn das thaten die Alten auch, da sie lebten.«

Goethe stand auf und ging im Zimmer auf und ab, während ich, wie er es gern hat, auf meinem Stuhle am Tische sitzen blieb. Er stand einen Augenblick am Ofen, dann aber, wie einer, der etwas bedacht hat, trat er zu mir heran, und den Finger an den Mund gelegt, sagte er folgendes:

»Ich will Ihnen etwas entdecken, und Sie werden es in Ihrem Leben vielfach bestätigt finden. Alle im Rückschreiten und in der Auflösung begriffenen Epochen sind subjectiv, dagegen aber haben alle vorschreitenden Epochen eine objective Richtung. Unsere ganze jetzige Zeit ist eine rückschreitende, denn sie ist eine subjective. Dieses sehen Sie nicht bloß an der Poesie, sondern auch an der Malerei und vielem andern. Jedes tüchtige Bestreben dagegen wendet sich aus dem Innern hinaus auf die Welt, wie Sie an allen großen Epochen sehen, die wirklich im Streben und Vorschreiten begriffen und alle objectiver Natur waren.«

Die ausgesprochenen Worte gaben Anlaß zu der geistreichsten Unterhaltung, wobei besonders der großen Zeit des funfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts gedacht wurde.

Das Gespräch lenkte sich sodann auf das Theater und das Schwache, Empfindsame und Trübselige der neuern Erscheinungen. »Ich tröste und stärke mich jetzt an Molière,« sagte ich. »Seinen ›Geizigen‹ habe ich übersetzt und beschäftige mich nun mit seinem ›Arzt wider Willen‹. Was ist doch Molière für ein großer, reiner Mensch!« – »Ja,« sagte Goethe, »reiner Mensch, das ist das eigentliche Wort, was man von ihm sagen kann; es ist an ihm nichts verbogen und verbildet. Und nun diese Großheit! Er beherrschte die Sitten seiner Zeit, wogegen aber unsere Iffland und Kotzebue sich von den Sitten der ihrigen beherrschen ließen und darin beschränkt und befangen waren. Molière züchtigte die Menschen, indem er sie in ihrer Wahrheit zeichnete.«

»Ich möchte etwas darum geben,« sagte ich, »wenn ich die Molière'schen Stücke in ihrer ganzen Reinheit auf der Bühne sehen könnte, allein dem Publicum, wie ich es kenne, muß dergleichen viel zu stark und natürlich sein. Sollte diese Überverfeinerung nicht von der sogenannten idealen Literatur gewisser Autoren herrühren?«

»Nein,« sagte Goethe, »sie kommt aus der Gesellschaft selbst. Und dann, was thun unsere jungen Mädchen im Theater? Sie gehören gar nicht hinein, sie gehören ins Kloster, und das Theater ist bloß für Männer und Frauen, die mit menschlichen Dingen bekannt sind. Als Molière schrieb, waren die Mädchen im Kloster, und er hatte auf sie gar keine Rücksicht zu nehmen.

Da wir nun aber unsere jungen Mädchen schwerlich hinausbringen und man nicht aufhören wird, Stücke zu geben, die schwach und eben darum diesen recht sind, so seid klug und macht es wie ich und geht nicht hinein.

Ich habe am Theater nur so lange ein wahrhaftes Interesse gehabt, als ich dabei praktisch einwirken konnte. Es war meine Freude, die Anstalt auf eine höhere Stufe zu bringen, und ich nahm bei den Vorstellungen weniger Antheil an den Stücken, als daß ich darauf sah, ob die Schauspieler ihre Sachen recht machten oder nicht. Was ich zu tadeln hatte, schickte ich am andern Morgen dem Regisseur auf einem Zettel, und ich konnte gewiß sein, bei der nächsten Vorstellung die Fehler vermieden zu sehen. Nun aber, wo ich beim Theater nicht mehr praktisch einwirken kann, habe ich auch keinen Beruf mehr hineinzuge hen. Ich müßte das Mangelhafte geschehen lassen, ohne es verbessern zu können, und das ist nicht meine Sache.

Mit dem Lesen von Stücken geht es mir nicht besser. Die jungen deutschen Dichter schicken mir immerfort Trauerspiele; allein was soll ich damit? Ich habe die deutschen Stücke immer nur in der Absicht gelesen, ob ich sie könnte spielen lassen; übrigens waren sie mir gleichgültig. Und was soll ich nun in meiner jetzigen Lage mit den Stücken dieser jungen Leute? Für mich selbst gewinne ich nichts, indem ich lese, wie man es nicht hätte machen sollen, und den jungen Dichtern kann ich nicht nützen bei einer Sache, die schon gethan ist. Schickten sie mir statt ihrer gedruckten Stücke den Plan zu einem Stück, so könnte ich wenigstens sagen, mache es, oder mache es nicht, oder mache es so, oder mache es anders, und dabei wäre doch einiger Sinn und Nutzen.

Das ganze Unheil entsteht daher, daß die poetische Cultur in Deutschland sich so sehr verbreitet hat, daß niemand mehr einen schlechten Vers macht. Die jungen Dichter, die mir ihre Werke senden, sind nicht geringer als ihre Vorgänger, und da sie nun jene so hoch gepriesen sehen, so begreifen sie nicht, warum man sie nicht auch preist. Und doch darf man zu ihrer Aufmunterung nichts thun, eben weil es solcher Talente jetzt zu Hunderten giebt und man das Überflüssige nicht befördern soll, während noch so viel Nützliches zu thun ist. Wäre ein einzelner, der über alle hervorragte, so wäre es gut; denn der Welt kann nur mit dem Außerordentlichen gedient sein.«



1826, 12. Februar. 
Mit Alessandro Poerio 


Dopo un poco viene il Venerando [Goethe], s'informa con bontà della mia salute. Io tengo il mio manoscritto [seiner Übersetzung der »Iphigenie«] nelle mani. Non oso parlargliene, ma egli volge il discorso su di ciò. Gli do il manoscritto. Domanda, se ho tradotta tutta la tragedia; rispondo di sì. Dice, che mi renderà lo scritto, dopo averlo letto. Io lo prego di ritenirlo, e con molta bontà me ne ringrazia. Indi si parla del verso sciolto Italiano, del quale fa molto elogio, specialmente per la soavità de' modi nel passaggio da un verso all' altro. Si alza per darmi una tragedia nuova a leggere. Essa è Italiana, scritta dal Sr. Tedaldi-Fores e pubblicata in Milano nel 1825. [Beatrice Tenda.] Mi dice di leggerla e di dirgliene il mio parere. Indi si parla di Manzoni &c. Non vuol parlare Italiano; dice: »Non mi seducete! È lungo tempo, che non ho parlato questa lingua.« – Mi congeda dipoi. Domani debbo visitarlo a mezzogiorno.



1826, 13. Februar. 
Abend bei Ottilie von Goethe


Egli [Goethe] (caso rarissimo!) apparve in società, fu ilare e molto mia [Poerio] dilettai di alcuni suoi giudizj. Ebbe la bontà di dirmi, in presenza di varie dame, ch'era contento della mi traduzione, per quanto fino allora ne avea letto.





1826, 16. Februar. 
Mit Johann Peter Eckermann 


Ich ging diesen Abend um 7 Uhr zu Goethe, den ich in seinem Zimmer allein fand. Ich setzte mich zu ihm an den Tisch, indem ich ihm die Nachricht brachte, daß ich gestern, bei seiner Durchreise nach Petersburg, den Herzog von Wellington im Gasthofe gesehen.

»Nun,« sagte Goethe belebt, »wie war er? Erzählen Sie mir von ihm. Sieht er aus wie sein Portrait?«

»Ja,« sagte ich, »aber besser, besonderer. Wenn man einen Blick in sein Gesicht gethan hat, so sind alle seine Portraits vernichtet. Und man braucht ihn nur ein einziges Mal anzusehen, um ihn nie wieder zu vergessen, ein solcher Eindruck geht von ihm aus. Sein Auge ist braun und vom heitersten Glanze, man fühlt die Wirkung seines Blicks. Sein Mund ist sprechend, auch wenn er geschlossen ist. Er sieht aus wie einer, der vieles gedacht und das Größte gelebt hat, und der nun die Welt mit großer Heiterkeit und Ruhe behandelt und den nichts mehr anficht. Hart und zäh erschien er mir wie eine damascener Klinge. Er ist seinem Aussehen nach hoch in den Funfzigen, von gerader Haltung, schlank, nicht sehr groß und eher etwas mager als stark. Ich sah ihn, wie er in den Wagen steigen und wieder abfahren wollte. Sein Gruß, wie er durch die Reihen der Menschen ging und mit sehr weniger Verneigung den Finger an den Hut legte, hatte etwas ungemein Freundliches.«

Goethe hörte meiner Beschreibung mit sichtbarem Interesse zu. »Da haben Sie einen Helden mehr gesehen,« sagte er, »und das will immer etwas heißen.«Wir kamen auf Napoleon, und ich bedauerte, daß ich den nicht gesehen. »Freilich,« sagte Goethe, »das war auch der Mühe werth. Dieses Compendium der Welt!« – »Er sah wohl nach etwas aus?« fragte ich. – »Er war es,« antwortete Goethe, »und man sah ihm an, daß er es war: das war alles.«

Ich hatte für Goethe ein sehr merkwürdiges Gedicht mitgebracht, wovon ich ihm einige Abende vorher schon erzählt hatte, ein Gedicht von ihm selbst, dessen er sich jedoch nicht mehr erinnerte, so tief lag es in der Zeit zurück. Zu Anfang des Jahres 1766 in den ›Sichtbaren‹, einer damals in Frankfurt erschienenen Zeitschrift, abgedruckt, war es durch einen alten Diener Goethes mit nach Weimar gebracht worden, durch dessen Nachkommen es in meine Hände gelangt war. Ohne Zweifel das älteste aller von Goethe bekannten Gedichte. Es hatte die Höllenfahrt Christi zum Gegenstand .....

Ich legte Goethen das ganz vergilbte, kaum noch zusammenhängende Zeitungsblatt vor, und da er es mit Augen sah, erinnerte er sich des Gedichts wieder. »Es ist möglich,« sagte er, »daß das Fräulein von Klettenberg mich dazu veranlaßt hat; es steht in der Überschrift: auf Verlangen entworfen, und ich wüßte nicht, wer von meinen Freunden einen solchen Gegenstand anders hätte verlangen können. Es fehlte mir damals an Stoff, und ich war glücklich, wenn ich nur etwas hatte, das ich besingen konnte. Noch dieser Tage fiel mir ein Gedicht aus jener Zeit in die Hände, das ich in englischer Sprache geschrieben, und worin ich mich über den Mangel an poetischen Gegenständen beklage. Wir Deutschen sind auch wirklich schlimm daran: unsere Urgeschichte liegt zu sehr im Dunkel, und die spätere hat aus Mangel eines einzigen Regentenhauses kein allgemeines nationales Interesse. Klopstock versuchte sich am Hermann, allein der Gegenstand liegt zu entfernt, niemand hat dazu ein Verhältniß, niemand weiß, was er damit machen soll, und seine Darstellung ist daher ohne Wirkung und Popularität geblieben. Ich that einen glücklichen Griff mit meinem ›Götz von Berlichingen‹; das war doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch, und es war schon etwas damit zu machen.

Beim ›Werther‹ und ›Faust‹ mußte ich dagegen wieder in meinen eigenen Busen greifen, denn das Überlieferte war nicht weit her. Das Teufels- und Hexenwesen machte ich nur einmal; ich war froh mein nordisches Erbtheil verzehrt zu haben, und wandte mich zu den Tischen der Griechen. Hätte ich aber so deutlich wie jetzt gewußt, wie viel Vortreffliches seit Jahrhunderten und Jahrtausenden da ist, ich hätte keine Zeile geschrieben, sondern etwas anderes gethan.«



1826, 26. März. 
Mittag bei Goethe 


Goethe war heute bei Tische in der heitersten, herzlichsten Stimmung. Ein ihm sehr werthes Blatt war ihm heute zugekommen, nämlich Lord Byron's Handschrift der Dedication seines ›Sardanapal‹. Er zeigte sie uns zum Nachtisch, indem er zugleich seine Tochter quälte, ihm Byron's Brief aus Genua wiederzugeben. »Du siehst, liebes Kind,« sagte er, »ich habe jetzt alles beisammen, was auf mein Verhältniß zu Byron Bezug hat, selbst dieses merkwürdige Blatt gelangt heute wunderbarerweise zu mir, und es fehlt mir nun weiter nichts als jener Brief.«Die liebenswürdige Verehrerin von Byron wollte aber den Brief nicht wieder entbehren. »Sie haben ihn mir einmal geschenkt, lieber Vater,« sagte sie, »und ich gebe ihn nicht zurück; und wenn Sie denn einmal wollen, daß das Gleiche zum Gleichen soll, so geben Sie mir lieber dieses köstliche Blatt von heute noch dazu, und ich verwahre sodann alles miteinander.« Das wollte Goethe noch weniger, und der anmuthige Streit ging noch eine Weile fort, bis er sich in ein allgemeines munteres Gespräch auflöste.

Nachdem wir vom Tische aufgestanden und die Frauen hinaufgegangen waren, blieb ich [Eckermann] mit Goethe allein. Er holte aus seiner Arbeitsstube ein rothes Portefeuille, womit er mit mir ans Fenster trat und es auseinanderlegte. »Sehen Sie,« sagte er, »hier habe ich alles beisammen, was auf mein Verhältniß zu Lord Byron Bezug hat. Hier ist sein Brief aus Livorno, dies ist ein Abdruck seiner Dedication, dies mein Gedicht, hier das, was ich zu Medwin's Conversationen geschrieben; nun fehlt mir bloß sein Brief aus Genua; aber sie will ihn nicht hergeben.«

Goethe sagte mir sodann von einer freundlichen Aufforderung, die in Bezug auf Lord Byron heute aus England an ihn ergangen und die ihn sehr angenehm berührt habe. Sein Geist war bei dieser Gelegenheit ganz von Byron voll, und er ergoß sich über ihn, seine Werke und sein Talent in tausend interessanten Äußerungen.

»Die Engländer,« sagte er unter anderm, »mögen auch von Byron halten, was sie wollen, so ist doch so viel gewiß, daß sie keinen Poeten aufzuweisen haben, der ihm zu vergleichen wäre. Er ist anders als alle übrigen und meistentheils größer.«



1826, Frühjahr. 
Mit Johann Gottlob von Quandt 


Als einen Beweis von Goethes richtigem Takt muß ich noch anführen, daß er in keinem Briefe des Unglücks, welches ich hatte, beide Beine zu brechen, erwähnt. Ich litt an der unzweckmäßigen chirurgischen Behandlung drei Jahre unaussprechlich ..... Jedesmal hatte ich einen Kampf zu bestehen, wenn mich jemand bedauerte; denn das vergebliche Mitleid weckt nur besiegte Schmerzen ..... Selbst das Mitleid, welches ein Freund fühlt, kann den Unglücklichen nicht freuen; denn es ist das Leiden des andern, was uns doch kein Vergnügen machen kann. Das wußte Goethe sehr wohl. Einer Weimaranerin, die mich in Dresden besucht hatte, und ihm meinen Zustand ausführlich beschreiben wollte, fiel er ins Wort: »Verderben Sie meine Phantasie nicht! Quandt steht in seiner vollen Kraft und Thätigkeit vor mir.«

Unsere Freundin theilte mir diese Äußerung schriftlich mit, die mich erfreute; denn ich erkannte daraus, daß in Goethe ein Bild von mir stand, das ihm lieb war. Dies brachte den Vorsatz zur Reife, Goethe zu besuchen, sobald es mein Zustand mir erlauben würde, was freilich erst nach zwei Jahren geschehen konnte. Als ich nun soweit als möglich hergestellt und, obwohl kein Schnellläufer geworden, aber doch wie sonst wieder rührig war, so führte ich mein Vorhaben aus.

Goethe hatte mich zu sehen nicht erwartet. Als ich mich bei ihm melden ließ, führte mich der Diener in das große Empfangszimmer, und Goethe trat aus seinem Cabinet in der ihm eigenthümlichen geraden Haltung, beide Hände in die weiten Ärmel des grauen Oberrockes gesteckt, vor mich hin. Ich sagte ihm, daß ich das Ziel meiner Reise, Weimar, und den Zweck, ihn nach langer Zeit wiederzusehen, erreicht hätte und sehr bald nach Dresden zurückkehren würde. Es schien ihn dies Wiedersehen zu erfreuen und er lud mich neben sich auf das Sopha ein.

Das Gespräch war heiter und bestand in Fragen und Antworten über Dresdener Zustände und Personen, ohne jedoch etwas von Bedeutung zu berühren, woher es kommen mag, daß ich mich der Gegenstände unserer Unterhaltung [1870] nicht mehr erinnere .....

Als ich ging, lud mich Goethe auf morgen zu Mittag ein. Die Gesellschaft, welche ich bei ihm fand, bestand aus den Herren Hofrath Meyer, Geh. Rath Riemer und dem Kanzler v. Müller – alles mir längst bekannte und wohlwollende Männer. Die Unterhaltung war vielseitig, anregend und heiter, Goethe selbst bei der besten Laune. Unter andern wurde eine damals noch wenig bekannte und vielleicht jetzt sogar noch nicht genug gewürdigte Schrift besprochen, in welcher der geistliche Autor die Nothlüge als ein Paroli gegen unbescheidene Fragen in Schutz nimmt. Goethe, dessen ganzes Wesen durch und durch Wahrheit war, erklärte sich unbedingt gegen jede Ausflucht, und dennoch ist es ungewiß, ob die Redensart »mit Hochachtung verbleibend«, deren er sich am Schluß seiner Briefe zu bedienen pflegte, stets im strengsten Sinne für wahr gehalten werden kann. Man sprach noch in Ernst und Scherz darüber, ob dies Sagen der Wahrheit nicht bis zum Verrath gehen könne und sich immer mit den Pflichten gegen uns und andere vertrüge, jedoch blieb die Hauptfrage, wie es bei heiteren Tischgesprächen gewöhnlich geschieht, unentschieden.

Unter anderm erwähnte Goethe: »Ihre Madame D[evrient?] war auch vor kurzem hier und hat mir eine Romanze vorgesungen – nun, man muß sagen, daß der Componist das Pferdegetrappel vortrefflich ausgedrückt hat. Es ist nicht zu läugnen, daß in der von sehr vielen bewunderten Composition das Schauerli che bis zum Gräßlichen getrieben wird, zumal wenn die Sängerin die Absicht hat sich hören zu lassen.«

Gegen das Ende der Mahlzeit kam die Rede auf den Grafen L[oeben?], mit welchem ich einen literarischen Strauß gekämpft hatte, und Goethe, der im besten Zuge war und dabei eine Flasche Bordeaux leerte, sprach sich sehr lebhaft über diesen Herrn aus, auf den er zürnte, weil derselbe ihm Kupferstiche zu schenken versprochen und nicht Wort gehalten hatte. Endlich holte Goethe Athem und sagte scherzend: »Habe ich mich doch einmal wieder geärgert! Das ist gut; denn eine Bewegung bekommt mir wohl.« – Wir blieben noch eine Weile beisammen, bis die, welche Goethes gewohnte Lebensweise kannten, zum Abschied aufbrachen.



1826, 1. Mai. 
Mit Friedrich von Müller u.a. 


Abends war ich einige Stunden bei Goethe, der noch unpaß, doch schon besser war. Später kam Coudray hinzu, dann Huschke. Goethe sprach über den Gebrauch des Thees. »Er wirkt stets wie Gift auf mich,« sagte er, »und doch was sollten die Frauen ohne ihn anfangen? Das Theemachen ist eine Art Function, eine eingebildete Thätigkeit, besonders in England. Und da sitzen sie gar behaglich umher, und sind weiß, und sind schön, und sind lang, und da müssen wir sie schon sitzen lassen.«Ich frug, ob er Seidel's literarisches Geschenk »Charinomos«1 gelesen habe? »Keineswegs, nichts ist mir hohler und fataler wie ästhetische Theorien. Ich bin zu alt, um noch neue Theorien in meinen Kopf zu bringen. Ein Lied, eine Erzählung irgend etwas Producirtes – das lese ich wohl und gerne, wenn es gut ist; das beseelt um mich herum. Auch Urtheile sind etwas Geschaffenes, Thätiges und vor allen lobe ich mir meine Globisten, aber was ein Anderer denkt, wie kann mich das kümmern? Ich kann doch nicht wie er denken, weil ich Ich und nicht Er bin. Wie können sich nur die Leute einbilden, daß mich ihr Denken interessiren könnte, z.B. Cousin?«

Wir sprachen von Knebel's Engelerscheinung und von dem jungen Kupferstecher Schütz. Bei Schwerdgeburth könne er schon etwas lernen, meinte Goethe. Schwerdgeburth's erste Composition2 in Öl zum Jubiläo sei total verunglückt, obwohl gut gemeint, und im einzelnen sogar trefflich. – »Ich kann oft gar nicht begreifen, wenn ich die vielen schlechten dramati schen Productionen sehe, was die Verfasser, wenn sie auch nur Ifflandische oder Kotzebue'sche Stücke vor Augen hatten, sich dabei gedacht oder was und wie sie solche angeschaut haben mögen, wie es ihnen nur irgend möglich vorkommen kann, daß ihre eignen Erzeugnisse den geringsten Werth hätten.« Im Ganzen war er heut sehr mild und freundlich.

1 Nämlich: Joseph Haydn, gefeiert am Tage seiner Geburt den 31. März 1826. Mozart zu seiner Todtenfeier, 5. Dec. 1824. Beide im IV. Band der Langb. Schriften.

2 Goethes Werke »Tag- und Jahreshefte«.



1826, 15. Mai.
Mit Johann Peter Eckermann 


Ich sprach mit Goethe über Stephan Schütze, über den er sich sehr wohlwollend äußerte.

»In den Tagen meines krankhaften Zustandes von voriger Woche,« sagte er, »habe ich seine ›Heitern Stunden‹ gelesen. Ich habe an dem Buche große Freude gehabt. Hätte Schütze in England gelebt, er würde Epoche gemacht haben; denn ihm fehlte bei seiner Gabe der Beobachtung und Darstellung weiter nichts, als der Anblick eines bedeutenden Lebens.«






1826, 17. Mai, Vormittag. 
Mit Sulpiz Boisserée 


Morgens halb 3 Uhr bin ich in Weimar angekommen. Nachdem ich im Gasthof zum Elefanten bis um 9 Uhr geschlafen hatte, schrieb ich ein Briefchen an Goethe; er ließ mich sogleich kommen.

Es war 11 Uhr; ich fand ihn in seinem Arbeitszimmer; er empfing mich mit Thränen in den Augen recht herzlich. Er sieht gut aus, ist aber etwas matt im Gespräch, dann und wann sein Gehör etwas schwächer; auch fehlt wohl einmal das Gedächtniß für die kurz vergangenen Dinge. Er liest den Globe mit vielem Antheil; überhaupt nimmt ihn die Gegenwart sehr in Anspruch, die Händel von Voß [mit Creuzer] u.s.w .....

Wir aßen zusammen im großen Vorzimmer; es war seit vierzehn Tagen zum ersten Mal, daß der alte Herr wieder vorne speiste. Vor vierzehn Tagen ist seine Schwiegertochter vom Pferde gestürzt, hat sich das ganze Gesicht zerschellt, das Knie verletzt und eine Muskel verrenkt; sie muß noch das Bett hüten. Der Alte hat sie seit dieser Zeit noch nicht gesehen. Das macht denn keine kleine Störung für ihn, indem die junge Frau ihm haushält und für seine geselligen Erheiterungen sorgt. Unter diesen Umständen bin ich um so willkommener; die kleinen Schwierigkeiten waren bald überwunden, und wir leben schon auf demselben Fuß wie vor elf Jahren. Bei Tisch war die Schwester von Frau v. Goethe, Fräulein Ulrike v. Pogwisch.

1826, 17. Mai, Nachmittag. 
Mit Friedrich von Müller
und Sulpiz Boisserée 


Am 17. Mai traf ich Sulpice Boisserée bei Goethe, dessen Besuch ihn sehr erfreute.

Ottilie konnte sich noch nicht sehen lassen, ein unglücklicher Fall hatte ihr Gesicht getroffen, und Goethe hatte sich bis jetzt selbst noch immer gescheut, ihr entstelltes Antlitz zu sehen; »Denn,« sagte er, »ich werde solche häßliche Eindrücke nicht wieder los, sie verderben mir für immer die Erinnerung.

Ich bin hinsichtlich meines sinnlichen Auffassungsvermögens so seltsam geartet, daß ich alle Umrisse und Formen aufs schärfste und bestimmteste in der Erinnerung behalte, dabei aber durch Mißgestaltungen und Mängel mich aufs lebhafteste afficirt finde. Der schönste kostbarste Kupferstich, wenn er einen Flecken oder Bruch bekommt, ist mir sofort unleidlich. Wie könnte ich mich aber über diese oft freilich peinliche Eigenthümlichkeit ärgern, da sie mit andern erfreulichen Eigenschaften meiner Natur innigst zusammenhängt? Denn ohne jenes scharfe Auffassungs- und Eindrucksvermögen könnte ich ja auch nicht meine Gestalten so lebendig und scharf individualisirt hervorbringen. Diese Leichtigkeit und Präcision der Auffassung hat mich früher lange Jahre hindurch zu dem Wahne verführt, ich hätte Beruf und Talent zum Zeichnen und Malen; erst spät gewahrte ich, daß es mir an dem Vermögen fehlte, in gleichem Grade die empfangenen Eindrücke nach außen wiederzugeben.«

Ich entgegnete, daß ihn wohl auch das Schwierige und Zeitraubende der mechanischen und technischen Erfordernisse abgeschreckt haben könne; allein dies läugnete er, indem er behauptete: wozu wahres Talent vorhanden, da bahne es sich auch zu entsprechender Entfaltung seinen Weg, und finde trotz aller Hindernisse die rechten Mittel dazu.

1826, 18. Mai. 
Mit Sulpiz Boisserée 


Den 18. Morgens gegen halb 11 Uhr war ich schon beim Alten. Er hatte nach der Anzeige eine große Meinung von der Zeitschrift Le Catholique; ich meinte, es sei »Der Katholik«, an welchem Görres mitarbeitet, und welches Journal ich erst jetzt in Frankfurt kennen lernte. Er sagte: »Nein! es kommt in Paris heraus, es ist eine französische Zeitschrift«. – und fand endlich den Prospectus. Nun sah ich daß das Journal von Eckstein ist, und machte ihm eine Schilderung von demselben. Nachher kam er auf Carové; Reinhard hätte ihn auf sein neuestes Product, »von der allein seligmachenden Kirche« aufmerksam gemacht. Er sagte: »Nun ja! das sieht Reinhard ähnlich, der sich immer gerne noch vom Reimarus'schen Theetisch her so mit halbem Zeuge und mit halben Menschen befaßt, wähnend, dadurch dem Wahren und Rechten, dem Ganzen und Ächten im Guten wie im Schlimmen auf die Spur zu kommen.« Ich mußte ihm auch nun eine Beschreibung von Carové machen.


1826, 19. Mai. 
Mit Sulpiz Boisserée


Vor Tische zeigte mir der Alte seine Portraitsammlung von Schmeller [der Zeichnungen von Goethes Freunden für diesen besorgte]; ich mußte mich setzen, er hielt mir stehend jedes Blatt vor. Wir aßen zu Mittag in dem kleinen, an den Saal anstoßenden Zimmer.

Lebhaftes Gespräch über die Symboliker. Der alte Herr ist im Zorn gegen Schorn. »Ich bin ein Plastiker,« sagte er, auf die Büste der Juno Ludovisi im Saal zeigend, »habe gesucht, mir die Welt und die Natur klar zu machen, und nun kommen die Kerls, machen einen Dunst, zeigen mir die Dinge bald in der Ferne, bald in einer erdrückenden Nähe wie Ombres Chinoises; das hole der Teufel!« Ich äußere meine Meinung, daß ich auch keineswegs mit der Ansicht und Manier von Creuzer und Görres zufrieden sei, und daß ich mit dem erstern darüber oft gesprochen, aber ich könne auch der trocknen, breiten, hölzernen Ansicht von Voß nicht beistimmen, und durchaus könne ich nicht leiden, daß man wegen Verschiedenheit der Meinungen die Personen verketzere und verleumde, wie Voß es gethan; ich will Freiheit der Meinung. Dann ging Goethe soweit zu behaupten, Personen lassen sich nicht von der Sache trennen.


1826, 20. Mai. 
Mit Sulpiz Boisserée


Um 11 Uhr bin ich wieder bei Goethe. Das Lästern geht wieder an: Paris, das deutsche und französische Parteiwesen, Fürstenlaunen, Geschmackverderbniß, Albernheiten aller Art, Pfaffenkram in Frankreich und aufklärerische Verketzerungssucht in Deutschland, Philhellenismus als Deckmantel für anderes Parteiwesen u.s.w. Mit allen diesen moquanten Reden komme ich mir zuletzt wie auf dem Blocksberge vor. Ich sage es dem Alten; er meint: »Ei nun! wir kommen noch nicht herunter, solange wir die Welt noch nicht ganz durchgesprochen haben, müssen wir auf diesem saubern Gespräch über die Gesellschaft verweilen.«


1826, 21. Mai. 
Mit Sulpiz Boisserée 


Nachher sah ich bei Goethe die Skizzen von Gérard's Portraits. Er fand die Manier befriedigend, bewunderte die Mannigfaltigkeit der Stellungen u.s.w. Als ich meine Bemerkungen gegen diese gar zu oberflächliche und etwas rohe Manier von Radirung machte, erwiederte Goethe: »Du lieber Gott! ihr guten Kinder!« (wie denn das in allen diesen Tagen immer seine Ausrufungen sind), »wir in unserer weimarischen Bescheidenheit begnügen uns mit solchen Dingen. Ihr seid vornehm und schwer zu befriedigen.« – Dann kam Bröndsted's Werk über Griechenland zur Sprache – es lag gerade die erste Lieferung da –; dann die äginetischen Bilder und die parthenonischen. Er klagte, daß er nichts davon gesehen habe, als einpaar Basreliefs vom Parthenon und von Phigalia.



1826, 22. Mai. 
Mit Sulpiz Boisserée


Am Montag den 22. war ich wieder bei Goethe. Wir sprachen wieder über die pantheistische Pflanze (Bryophyllum), das lebendigste Bild der Morphologie.

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Goethe zeigte uns nachher das Tagebuch des Herzogs Bernhard aus Amerika. Dann brachte er sein eigenes Tagebuch von der ersten italienischen Reise zum Vorschein, von musterhafter Gleichmäßigkeit .... Coquetterie des Alten bei dieser Gelegenheit.



1826, 23. Mai. 
Mit Sulpiz Boisserée 


Am andern Morgen .... machte mich Goethe aufmerksam auf die Maske der Medusa aus der Villa Rondanini, die ihm der König von Bayern in einem alten Abguß geschenkt hat. Sie lag auf einem Modellirtischchen. Sie macht den eigenen Eindruck von einem Sterbenden, dessen Ausdruck zwischen ungeheuerm Schmerz, Wahnsinn und Wuth schwebend ist; man sieht ein von leiblichem und geistigem Schmerz überwältigtes, kräftiges weibliches Wesen mit vieler Naturwahrheit dargestellt. Goethe meinte: bei aller Wahrheit seien die Augen und der Mund über mäßig groß und zwar nicht durch den Ausdruck, sondern aus Absicht, um den Character zu steigern. – Ob es wahr ist? ....

Den Nachmittag brachte ich... dann bei dem Alten zu. Er erzählte von einem indischen Roman, »Pandurang Hari«, von einem Engländer, der lange in Indien gewesen; es sei sehr interessant als Schilderung des Lebens in Indien.



1826, 24. Mai. 
Mit Sulpiz Boisserée
und Friedrich von Müller 


Nach dem dritten Act [des »Wilhelm Tell«] ging ich zu Goethe. Der Kanzler erzählte viel von dem alten Staatsrath K., der Humboldt's Geldgeschäfte besorgte; dieser wußte sehr umständlich anzugeben, wie ein Zufall Humboldt bestimmte, die Reise nach Amerika zu unternehmen: Geldgeschichten und dergleichen gemeines Zeug verflechten sich hinein. Wir beide verstummten vor dem gläubigen Erzähler. »Elendes Volk! Bemüht sich alles Höhere und Edle herabzuziehn! Da soll man einem Kerl wie dem K. glauben, daß ein Zufall zu Humboldt's Reise Veranlassung gegeben!«


1826, 25. (?) Mai. 
Mit Sulpiz Boisserée 


Mit dem Alten kam ich in ein Gespräch über die Forschungen von Humboldt, Buch, Cuvier. Wunderliche Ansichten über Vulkane u.s.w.; gewaltsame Entstehung vieler Berge als Erddrusen. Dann kamen wir auch auf die Schlegel. Goethe sagte: »Es ist etwas Unredliches in den übertriebenen Ansichten und Vorstellungen dieser Leute, und manche sind bloß durch Verhältnisse gezwungen, mehr oder weniger einzustimmen, oder sie werden dadurch abgestumpft in der Neigung zur freien Forschung. So auch Humboldt und Cuvier in ihrem Verhältniß zu den Franzosen.«



1826, 27. Mai. 
Mit Caroline von Wolzogen


Mit Goethe hatte ich eine Conversation, die ich sogleich mittheilen muß. Er fing selbst von der Briefherausgabe-Angelegenheit an und sagte, er glaube den Contract mit Cotta sehr klug gemacht zu haben .... Mit Cotta scheint er zu wünschen, daß die Sache ihm ganz überlassen bleibe, wie es anfangs gesetzt war. Es sei nun gewiß, daß es vier Bände würden, und daß Cotta den Band mit 2000 Thalern bezahle. Dafür, daß er erlaubt, eine kleine Edition mitzumachen, müsse Cotta noch 2000 Thaler bezahlen. 20000 Exemplare habe er zu machen gestattet .... Von diesem allen sei die Hälfte Euer, [Schiller's Erben] also für jetzt 5000 Thaler. Über den Termin der ersten Zahlung hat er sich nicht erklärt; ich wollte auch nicht in ihn dringen, aber nach Johanni kannst Du [Ernst v. Schiller] Dich füglicherweise einmal bei August [v. Goethe] erkundigen, wie es damit steht. Goethe ist jetzt ganz auf dem guten Wege .... Über Eure Privilegien freute er sich, und er hoffte, Du würdest einen guten Accord machen. Es freute ihn auch sehr, daß der alte Accord mit 1825 im Reinen sei. Wahrscheinlich hättet Ihr versäumt, die Anzahl der Auflage für die Taschenausgabe zu bestimmen, was Euch freilich schaden brächte; doch müsse nun ein Abschluß gemacht und die Zukunft benutzt werden; man müsse Cotta zuleibe gehen .... Auch das Aufbewahren der Urschriften als beiderseitiges Familieneigenthum sei gesichert: er wolle das Kästchen bei der Weimarschen Regierung deponiren.



1826, 27. Mai. 
Mit Sulpiz Boisserée


Abends beim Alten; Kupferstiche durchgesehen: Mantegna's Triumphzug; venetianische Schule; Martyrien. Die gar zu realistische theatralische Darstellung derselben ebenso sehr Schuld der Maler, als der Pfaffen.


1826, 28. Mai. 
Mit Sulpiz Boisserée


Abends liest mir Goethe ein Stück aus den »Bakchen« von Euripides, das er übersetzt hat.



1826, 31. Mai. 
Mit Sulpiz Boisserée u.a.


Abends beim Alten. Frau v. Könneritz ist da. Entoptische Gläser. Kupferstiche nach Giuglio Romano liegen auf dem Tisch, darunter eine höchst merkwürdige und phantastische Behandlung der Kreuzigung: man sieht nur die Spitze des Calvarienbergs, wo Christus auf dem Kreuze sitzt; Lanzen und Waffen erheben sich überall um ihn herum, Anstalten werden gemacht zu dem grausamen Werk, die Schächer sind schon aufgerichtet. Es ist eine furchtbare schreckenvolle Scene. – Präludium vor der Abreise; der Alte will nichts davon hören, bittet mich zu bleiben, ich kann aber nicht nachgeben, da ich schon einmal aufgeschoben und meine Zeit abgelaufen ist.


1826, Mai oder Juni. 
Über Heinrich König


Inzwischen war ich im Dienst zur Rentkammer in Hanau versetzt worden, und dorthin lief desto ermunternder im Juni 1826 ein Brief Coudray's ein, nach welchem Goethe sich von unserm theatralischen Treiben hatte erzählen und mein neues Drama ›Otto's Brautfahrt‹ zum Lesen hatte mittheilen lassen. Das Urtheil, das Goethe in Gegenwart des Kanzlers v. Müller ausgesprochen, lautete in wörtlicher Mittheilung günstig genug und war von einer erneuten Einladung des Freundes begleitet.

1826, 1. Juni. Mit Sulpiz Boisserée 



a. 


Bei Goethe wieder Kupferstiche von älteren Italienern durchgesehen. Ich erzählte ihm die Fata bei der ersten Dampfschifffahrt auf dem Rhein im Jahr 1824, und mußte diese Reiseabenteuer, die Goethe sehr unterhalten, bei Tische wiederholen.

b.

Ich hatte die größte Mühe, mich von dem Alten loszureißen; obschon ich die Abreise dreimal verschoben hatte, so bat er mich doch wiederholt, ich möchte bleiben. »Wir kommen so jung nicht mehr zusammen! Sie glauben nicht, wie wohlthätig Ihr Besuch mir ist; es wird immer besser, je länger Sie da sind. Verweilen Sie noch; überlegen Sie es!« Mit diesen und andern herzlichen Ausdrücken setzte er mir zu, als ich ihm am Donnerstag Abend versicherte, daß die entscheidende Lage unserer Verhältnisse mich zur Rückkehr nach Frankfurt nöthigte.



1826, 1. Juni. 
Mit Johann Peter Eckermann


Goethe sprach über den ›Globe‹. »Die Mitarbeiter,« sagte er, »sind Leute von Welt, heiter, klar, kühn bis zum äußersten Grade. In ihrem Tadel sind sie fein und galant, wogegen aber die deutschen Gelehrten immer glauben, daß sie den sogleich hassen müssen, der nicht so denkt wie sie. Ich zähle den ›Globe‹ zu den interessantesten Zeitschriften und könnte ihn nicht entbehren.«



1826, 2. Juni. 
Mit Sulpiz Boisserée


Als ich... zu ihm kam, ergab er sich mit den Worten: »Ich traue Ihnen zu, lieber Sulpiz, daß Sie nicht anders können.«


1826, 3. Juni. 
Mit Sulpiz Boisserée


Der Abschied endlich war so herzlich wie der Empfang; die Thränen traten dem herrlichen Greis in die Augen, und ich riß mich schnell aus seinen Armen .....

Der alte Freund hatte mir beim Abschied ein Päckchen mit der Weisung übergeben, dasselbe erst in Stuttgart zu eröffnen;.. ich... fand darin mehrere Medaillen, darunter die seinige in Gold.

1826, 7. Juni.
Mit Friedrich von Müller 


»Was das Ärgerlichste beim jetzigen Frieren, ist, daß es gegen die Gesetze des Barometerstandes ist, also ein gesetzwidriges Frieren.«

1826, 18. Juni. 
Mit Friedrich von Müller


Von 6 bis 9 Uhr Abends war ich bei ihm ganz allein. Er machte mir den Vorwurf, daß von Hoff's Gabe zum 7. November »Fiedler's Portrait« nicht mit angezeigt worden sei. Ich antwortete: Goethe sei selbst schuld, ich habe ja gar nicht gewußt, wessen Bild es sei und von wem? Er sprach über der Gräfin Julie Portrait des Bracebridgischen Ehepaares, und wie sie sich dabei in die verruchte Manier der Nazarener verirrt, kalt, trocken, flach, ohne gehörige Rundung und Schatten, mit übler Farben-Wahl gemalt habe.

Der Irrthum jener Schule bestehe darin, daß sie ihre Muster in der Periode vor dem Culminationspunkt der Malerei aussuche, vermeinend, daß sie dabei historisch ascendiren könne.

»Die Mathematik,« sagte er, als ich von Pestalozzi's Selbstgeständnissen erzählte, »die Mathematik steht ganz falsch im Rufe, untrügliche Schlüsse zu liefern. Ihre ganze Sicherheit ist weiter nichts als Identität. Zweimal zwei ist nicht vier, sondern es ist eben zweimal zwei, und das nennen wir abkürzend vier. Vier ist aber durchaus nichts Neues. Und so geht es immer fort bei ihren Folgerungen, nur daß man in den höhern Formeln die Identität aus den Augen verliert.

Die Pythagoräer, die Platoniker meinten Wunder, was in den Zahlen alles stecke, die Religion selbst; aber Gott muß ganz anderswo gesucht werden.«

Als ich ihm ein scharfes Witzwort (Riemer's?) eines unsrer Freunde mittheilte, wurde er ganz aufgebracht und zornig. »Durch solche böswillige und indiscrete Dichteleien macht man sich nur Feinde und verbittert Laune und Existenz sich selbst. Ich wollte mich doch lieber aufhängen, als ewig negiren, ewig in der Opposition sein, ewig schlußfertig auf die Mängel und Gebrechen meiner Mitlebenden, Nächstlebenden lauern. Ihr seid noch gewaltig jung und leichtsinnig, wenn ihr so etwas billigen könnt. Das ist ein alter Sauerteig, der den Character inficirt hat und aus der Revolutionszeit stammt.« In solcher Heftigkeit ward Goethe immer beredter, immer geistreicher, immer aufrichtiger und dabei wohlmeinender in der Richtung seiner Aussprüche, so daß es mir ganz lieb war, durch jene Mittheilung seine Explosion provocirt zu haben.



1826, 19. Juni. 
Mit Friedrich von Müller 


Zwischen dem Hofe war ich bei ihm. Wir unterhielten uns über die Medaillen-Angelegenheit, sodann über die griechischen Successe. Seit acht Tagen habe er sich ungemein mit Reisebeschreibungen, Karten und Kriegsgeschichten von Griechenland beschäftigt; daß sie einen Dictator erwählt, sei ganz recht. Er kam auf die Residenz des Königs von Audh1 , der die sieben Seen der persischen Sprache herausgegeben, sprach über Tartuffe und dessen geniale Exposition, den Goethe erst in diesen Tagen wieder gelesen. Nebenbei spielte Wolf mit einem Papier, das er zerriß und auf dem sich die allerliebsten kleinen Verse fanden:

»Erinner' ich mich doch spät und früh
Des lieblichsten Gesichts;
Sie denkt an mich, ich denk' an sie,
Und beiden hilft es nichts.«

1 Vergl. die beiden Gedichte Goethes gegen ›Erkenne Dich selbst‹: »Erkenne Dich – Was soll das heißen« und »Erkenne Dich, was hab ich da für Lohn.«



1826, 20. (?) Juni. 
Mit Alessandro Poerio 


Goethe empfing ihn... sehr freundlich, rieth ihm, sich noch einige Zeit in Dresden und München aufzuhalten und forderte ihn auf, ihm aus einer oder andern dieser Städte zu schreiben.

1826, 24. Juni. 
Mit Friedrich von Müller u.a. 


Herrlicher Sommerabend! Ich war im Garten bei Goethe. Die Stadtmusici spielten trefflich auf. Der neue Arzt Vogel, Riemer und Coudray waren da, später der Sohn und die Frau Oberkammerherrin. Als »einsam bin ich, nicht alleine« aus Preciosa von Weber gespielt wurde, war Goethe höchst unzufrieden: »Solche weichliche, sentimentale Melodien deprimiren mich; ich bedarf kräftiger, frischer Töne, mich zusammen zu raffen, zu sammeln. Napoleon, der ein Tyrann war, soll sanfte Musik geliebt haben; ich vermuthlich, weil ich kein Tyrann bin, liebe die rauschen den, lebhaften, heitern. Der Mensch sehnt sich ewig nach dem, was er nicht ist.«

Als ich die »Galoppka« einen Todtentanz für die Damen genannt hatte, hielt er mir halb ernst, halb scherzhaft einen langen Strafsermon. Ebenso als ich von Salvandy's Diatriben gegen die Minister sprach.

Die Langbein'schen Gedichte1 auf Haydn und Mozart lobte er zwar, setzte aber hinzu, es sei alles, nur keine Poesie.

Als ich von der Behauptung des Journals des Débats sprach, daß eine Melodie aus dem Freischütz Motive aus Rousseau's Musik enthalte, schalt er lebhaft alles solches Nachgrübeln von Parallelstellen. Es sei ja alles, was gedichtet, argumentirt, gesprochen werde, allerdings schon dagewesen, aber wie könne denn eine Lectüre, eine Conversation, ein Zusammenleben bestehen, wenn man immer opponiren wolle: Das habe ich ja schon im Aristoteles, Homer und dergl. gelesen. Kurz, er war ziemlich negirend, ironisch, widersprechend.

1 Nach der ungenauen Erzählung Grüner's würden die Vorgänge vom 3. September schon Tags zuvor stattgefunden haben.



1826, 24. Juni. 
Mit Friedrich von Müller


Oben im Zimmer ging er noch ein König'sches Drama [»Ottos Brautfahrt«?] kritisch durch, welches ihm Coudray mitgetheilt. Imganzen verwarf er es, obschon er einzelne Schönheiten und Talent des Verfassers anerkannte.


1826, 28. Juni. 
Mit Friedrich von Müller


Von 7-9 Uhr war ich heute bei Goethe allein, der ziemlich heiter und gesprächig, doch nicht so festhaltend an den Gegenständen und mittheilend war, wie in ganz guten Stunden. Er sprach vom Nekrolog der Fr. v. Krüdener. »So ein Leben ist wie Hobelspäne; kaum ein Häufchen Asche ist daraus zu gewinnen zum Seifensieden.« Doch rieth er mir ›Valerie‹ zu lesen.

Er zeigte einen schönen Abguß einer Karsten'schen kleinen Statue, wahrscheinlich Andromache, und theilte jene herrliche Stelle über Herder's Tod1 aus der Chronik von 1803 mit. Heute zeigte er auch weit größere Theilnahme an den Griechen wie sonst, und sprach über Parry's letzte Tage Byron's. Ich erzählte von Rudolfstädter Gemälden, von Oels Reise nach Karlsbad und Dresden und von Scheidler's methodologischer Encyklopädie der Philosophie. Goethe äußerte sich sehr günstig über ihn; mein Versuch aber, eine nähere Erläuterung seines letzten heftigen Ausfalls gegen den Orakelspruch: »Kenne Dich selbst«, zu erhalten, schlug fehl.

»Ich kann mich,« erwiederte er, »darüber jetzt nicht herauslassen, aber ich hätte meinen Satz allerdings freundlicher und acceptabler ausdrücken können.«2

Als die Rede auf die irländischen reichen Pfründen der protestantischen Geistlichkeit kam, die man jetzt zu schmälern beantrage, äußerte er: »die dunkeln Köpfe! Als ob man der Geistlichkeit etwas nehmen könnte! Als ob es nicht ganz einerlei sei, wer etwas hat; wie viel wackere Männer giebt es, die noch mehr haben, uns Bettlern kommt das nur viel vor.«

1 Nach Grüner's Darstellung wäre das vom Vormittag Erzählte am 3. September vorgegangen.

2 Vielmehr: »Humoristische Studien« von Lebrun.



1826, Juli sowie früher. 
Mit Friedrich Preller 


Von Goethe ging ich niemals weg, ohne eine Anregung oder eine gute Lehre mit nach Hause zu bringen. Da ich von Zeit zu Zeit die in der Natur gefertigten Blätter, die farbigen sowohl als die mit Blei gezeichneten, dem alten Herrn vorlegte, kam ich einmal an einem Vormittage mit meiner Mappe zu ihm. Er setzte sich an seinen gewöhnlichen Platz am großen Tisch, nahm mir die Mappe ab, ließ mich neben sich setzen und sah ruhig Blatt für Blatt durch, ohne einen andern Laut, als das gewöhnliche, sehr hörbare Hm! Beim letzten Blatt räusperte er sich sehr stark, daß ich einen Schreck bekam, und begann fol gendermaßen: »Ich sehe mit wahrer Freude, daß Ihnen die Natur am Herzen liegt, doch damit Sie sich mit ihrem Wesen im Ganzen vertraut machen können, will ich Ihnen einen Rath geben. In der ganzen Natur ist kein Product, heiße es wie es wolle, ohne irgend eine Beziehung zu einem andern in seiner Nähe stehenden. Um Ihnen ein durchaus deutliches Beispiel zu geben, merken Sie genau auf beisammenstehende Bäume oder geringere Pflanzen. Die, welche dicht beisammen sind, entwickeln sich ganz anders, als solche, welche größeren Raum zwischen sich haben. Auch der Boden, auf welchem sich die Pflanze entwickelt, ist von höchster Bedeutung, daher muß der angehende Künstler auch nach dieser Seite hin die Augen wohl aufthun. Ich sehe, daß Sie die Gegenstände alle scharf characterisiren, es sind aber herausgerissene Einzelheiten. Zeichnen oder malen Sie niemals irgend einen Gegenstand allein, sondern fügen Sie stets seine nächste Nachbarschaft bei, und wenn das oft auch nur mit ein paar Strichen geschieht: in kurzer Zeit wer den Sie schon bemerken, wie sich Ihre Kenntniß der Natur erweitert hat. In der Farbengebung ist es nun nichts andres: mit dem einen wird Ihnen auch das andre klar werden.« – Wie sehr Goethe hierin recht hatte, habe ich durch mein ganzes Leben erfahren.

»Ihre Natur« – sagte er ein ander mal, »neigt vorzugsweise zum Wilden und Sterilen hin und wird Sie daher an Poussin weisen, aber um nicht einseitig zu werden, muß man auch das sich anzueignen suchen, was nicht in unserer Natur liegt. Vergessen Sie daher neben dem Naturstudium auch den andern großen Meister, den Claude Lorrain, nicht. Sie werden von allen lernen; dafür bürgt mir Ihr Streben.«

Und wieder ein ander mal, als ich mich vor der Abreise nach Italien von ihm verabschiedete: »Sie kom men in ein Land, wo die Schönheit deutlicher, verständlicher ist, als bei uns. Aber fürs erste ist Ihnen alles fremd. Haben Sie die Augen offen, und befleißigen Sie sich, immer klar in dem zu sein, was Sie wollen! Möge es Ihnen gut gehen!« Und damit reichte er mir die Hand zum Lebewohl.



1826, 4. August. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer 


Zelter klagt in einem Brief an Goethe, daß sich sein (Stief-) Sohn zu früh von ihm ablöse. Da fiel mir ein, daß sich die Welt wohl auch zu früh von Gott abgelöst habe. Goethe lachte und fuhr fort: »Das wäre das Losreißen, ›der Abfall von Gott‹, den unsre Philosophen und Theologen neuerdings wieder abhandelten.« Und so badinirten wir einiges.



1826 (?), 28. August. 
Mit Wilhelmine und Marie Melos 


An einem Geburtstage Goethes befand sich Frau Melos mit ihrem fünfjährigen Töchterchen unter den vielen Gratulanten. Sobald Goethe sie bemerkte, schritt er auf sie zu, reichte dem Kinde die Hand und sagte: ›Nun, Marie1 ! willst Du mir auch gratuliren?‹ »Ja, Excellenz!« sagte Frau Melos; »und Marie hat auch ein Gedicht gelernt, das sie Ihnen später vorsagen will.« – ›Ei, das muß ich sogleich hören!‹ sprach er und führte die kleine Marie in ein, von der vornehmen Gesellschaft freigebliebenes Nebenzimmer, setzte sich und nahm sie auf seinen Schooß. ›Jetzt sag mir einmal her, was Du gelernt hast.‹ – Marie begann: »Ufm Bergli Bin i gesässe« – ›Ha de Vögle‹, half Goethe ein. – »Ha de Vögle Zugeschaut,« fuhr Marie fort. – ›Hänt gesunge, Hänt gesprunge‹ half Goethe wieder ein, und so ging er mit ihr das ganze Liedchen bis zu Ende durch, führte die Kleine dann zur Mutter zurück und wendete sich seinen andern Besuchern zu. Am Nachmittage schickte er an Marie einen Teller Früchte und Confect von der Geburtstagstafel.

1 Nicht Ida, wie die Quelle angiebt, sondern deren jüngere Schwester, wie Frau Ida Freiligrath geb. Melos mir mitzutheilen die Güte hatte.



1826, um Jahresmitte. (?) 
Mit Karl Heinrich von Lang 


Auf der Rückreise ging's. . . nach Weimar, wo ich mich vom Teufel verblenden ließ, mich bei seinem alten Faust, dem Herrn v. Goethe, in einem, mit unterthänigsten Kratzfüßen nicht sparsamen Brieflein anzumelden. Ich war angenommen um halb eins.

Ein langer, alter, eiskalter, steifer Reichsstadtsyndicus trat mir entgegen in einem Schlafrock, winkte mir wie der steinerne Gast, mich niederzusetzen, blieb tonlos in allen Seiten, die ich bei ihm anschlagen wollte, stimmte bei allem, was ich ihm vom Streben des Kronprinzen von Bayern sagte, zu und brach dann in die Worte aus: »Sagen Sie mir: ohne Zweifel werden Sie auch in Ihrem Ansbacher Bezirk eine Brandversicherungsanstalt haben?« Antwort: Ja wohl! – Nun erging die Einladung, alles im kleinsten Detail zu erzählen, wie es bei eintretenden wirklichen Bränden gehalten werde. Ich erwiederte ihm: es komme darauf an, ob der Brand wieder gelöscht werde, oder Ort oder Haus wirklich abbrenne. »Wollen wir, wenn ich bitten darf, den Ort ganz und gar abbrennen lassen.« Ich blies also mein Feuer an und ließ alles verzehren, die Spritzen vergeblich sausen, die Herren Landrichter vergeblich brausen, rücke andern Tags mit meinem Augenscheine aus, lasse den Schaden einschatzen, von der Schatzung soviel als möglich herunterknickern, dann neue Schönheitsbaurisse machen, die in München Jahr und Tag liegen bleiben, während die armen Abgebrannten in Baracken und Kellern schmachten und zahle dann in zwei, drei Jahren das abgehandelte Entschädigungssümmlein heraus. Das hörte der alte Faust mit an und sagte: »Ich danke Ihnen.« Dann fing er weiter an: »Wie stark ist denn die Menschenzahl von so einem Rezatkreis bei Ihnen?« Ich sagte: Etwas über 500000 Seelen. – »So! so!« sprach er; »Hm, hm! Das ist schon etwas.« (Freilich mehr, als das Doppelte vom ganzen Großherzogthum Weimar.) Ich sagte: Jetzt, da ich die Ehre habe, bei Ihnen zu sein, ist dort eine Seele weniger. Ich will mich aber auch wieder dahin aufmachen und mich empfehlen. – Darauf gab er mir die Hand, dankte mir für die Ehre meines Besuchs und geleitete mich zur Thür. Es war mir, als wenn ich mich beim Feuerlöschen erkältet hätte.

1826, 14. September. 
Mit Hermann Ludwig Heinrich
von Pückler-Muskau 


Diesen Abend stattete ich Goethe meinen Besuch ab. Er empfing mich in einer dämmernd erleuchteten Stube, deren clair obscur nicht ohne einige künstlerische Coquetterie arrangirt war. Auch nahm sich der schöne Greis mit seinem Jupiterantlitz gar stattlich aus. Das Alter hat ihn nur verändert, kaum geschwächt; er ist vielleicht weniger lebhaft als sonst, aber desto gleicher und milder, und seine Unterhaltung mehr von erhabener Ruhe, als jenem blitzenden Feuer durchdrungen, das ihn ehemals bei aller Grandezza wohl zuweilen überraschte. Ich freute mich herzlich über seine gute Gesundheit und äußerte scherzend, wie froh es mich mache, unsern Geisterkönig immer gleich majestätisch und wohlauf zu finden. »O! Sie sind zu gnädig,« sagte er mit seiner immer noch nicht verwischten süddeutschen Weise und lächelte norddeutsch, satyrisch dazu, »mir einen solchen Namen zu geben.« Nein! erwiederte ich, wahrlich aus vollem Herzen: nicht nur König, sondern sogar Despot; denn Sie reißen ja ganz Europa gewaltsam mit sich fort. Er verbeugte sich höflich und befrug mich nun über einige Dinge, die meinen früheren Aufenthalt in Weimar betrafen, sagte mir dann auch viel Gütiges über Muskau und mein dortiges Streben, mild äußernd, wie verdienstlich er es überall finde, den Schönheitssinn zu erwecken, es sei auf welche Art es wolle, wie aus dem Schönen dann immer auch das Gute und alles Edle sich mannigfach von selbst entwickelt, und gab mir zuletzt sogar auf meine Bitte, uns dort einmal zu besuchen, einige aufmunternde Hoffnung. Du [Lucie Fürstin Pückler?] kannst Dir vorstellen Liebste, mit welchem Empressement ich dies aufgriff, wenn es gleich nur eine façon de parler sein mochte. Im fernern Verlauf des Gesprächs kamen wir auf Sir Walter Scott. Goethe war eben nicht sehr enthusiasmirt für den großen Unbekannten eingenommen. Er zweifle gar nicht, sagte er, daß er seine Romane schreibe, wie die alten Maler mit ihren Schülern gemeinschaftlich gemalt hätten, nämlich: er gäbe Plan und Hauptgedanken, das Skelett der Scenen an, lasse aber die Schüler dann ausführen und retouchire nur zuletzt. Es schien fast, als wäre er der Meinung, daß es gar nicht der Mühe werth sei, für einen Mann von Walter Scott's Eminenz, seine Zeit zu soviel fastidieusen Details herzugeben.1 »Hätte ich« – setzte er hinzu – »mich zu bloßem Gewinnsuchen verstehen mögen, ich hätte früher mit Lenz und andern, ja ich wollte noch jetzt Dinge anonym in die Welt schicken, über welche die Leute nicht wenig erstaunen und sich den Kopf über den Autor zerbrechen sollten; aber am Ende würden es doch nur Fabrikarbeiten bleiben.« Ich äußerte später, daß es wohlthuend für die Deutschen sei, zu sehen, wie jetzt unsere Literatur die fremden Nationen gleichsam erobere und hierbei – fuhr ich fort – wird unser Napoleon kein Waterloo erleben, »Gewiß!« erwiederte er, mein etwas fades Compliment überhörend, »ganz abgesehen von unsern eignen Productionen, stehen wir schon durch das Aufnehmen und völlige Aneignen des Fremden auf einer sehr hohen Stufe der Bildung. Die andern Nationen werden bald schon deshalb deutsch lernen, weil sie inne werden müssen, daß sie sich damit das Lernen fast aller andern Sprachen gewissermaßen ersparen können; denn von welcher besitzen wir nicht die gediegensten Werke in vortrefflichen deutschen Übersetzungen? Die alten Classiker, die Meisterwerke des neueren Europas, indische und morgenländische Literatur – hat sie nicht alle der Reichthum und die Vielseitigkeit der deutschen Sprache, wie der treue deutsche Fleiß und tief in sie eindringende Genius besser wiedergegeben, als es in andern Sprachen der Fall ist? Frankreich« – fuhr er fort – »hat gar viel seines einstigen Übergewichts in der Literatur dem Umstande zu verdanken gehabt, daß es am frühesten aus dem Griechischen und Lateinischen leidliche Übersetzungen lieferte; aber wie vollständig hat Deutschland es seitdem übertroffen!«

Im politischen Felde schien er nicht viel auf die so beliebten Constitutionstheorien zu geben. Ich vertheidigte mich und meine Meinung indeß ziemlich warm. Er kam hier auf seine Lieblingsidee, die er mehrmals wiederholte, nämlich daß jeder nur darum bekümmert sein solle, in seiner speciellen Sphäre, groß oder klein, recht treu und mit Liebe fortzuwirken, so werde der allgemeine Segen auch unter keiner Regierungsform ausbleiben. Er für seine Person habe es nicht anders gemacht, und ich mache es in Muskau ja ebenfalls so – setzte er gutmüthig hinzu – unbekümmert, was andere Interessen geböten. Ich meinte nun freilich mit aller Bescheidenheit, daß, so wahr und herrlich dieser Grundsatz sei, ich doch glaube, eine consti tutionelle Regierungsform müsse ihn eben erst recht ins Leben rufen, weil sie offenbar in jedem Individuum die Überzeugung größerer Sicherheit für Person und Eigenthum, folglich die freudigste Thatkraft und zugleich damit die zuverlässigste Vaterlandsliebe begründe, hierdurch aber dem stillen Wirken in eines jeden Kreise eben eine weit solidere, allgemeine Basis gegeben werde, und führte endlich, vielleicht ungeschickt, England als Beleg für meine Behauptung an. Er erwiederte gleich: das Beispiel sei nicht zum besten gewählt; denn in keinem Lande herrsche eben Egoismus mehr vor, kein Volk sei vielleicht wesentlich inhumaner in politischen und Privatverhältnissen;2 nicht von außen herein durch Regierungsform käme das Heil, sondern von innen heraus durch weise Beschränkung und bescheidene Thätigkeit eines jeden in seinem Kreise. Dies bleibe immer die Hauptsache zum menschlichen Glück und sei am leichtesten und einfachsten zu erlangen.Von Lord Byron redete er nachher mit vieler Liebe, fast wie ein Vater von seinem Sohne, was meinem hohen Enthusiasmus für diesen großen Dichter sehr wohl that. Er widersprach unter andern auch der albernen Behauptung, daß »Manfred« eine Nachbetung seines »Faust« sei; doch sei es ihm allerdings als etwas Interessantes aufgefallen, daß Byron unbewußt sich derselben Maske des Mephistopheles wie er bedient habe, obgleich freilich Byron sie ganz anders spielen lasse. Er bedauerte es sehr, den Lord nie persönlich kennen gelernt zu haben, und er tadelte streng und gewiß mit dem höchsten Rechte die englische Nation, daß sie ihren großen Landsmann so kleinlich beurtheilte und im Allgemeinen so wenig verstanden habe. Doch hierüber hat sich Goethe so genügend und schon öffentlich ausgesprochen, daß ich nichts weiter hinzuzufügen brauche.

Ich erwähnte zuletzt der Aufführung des »Faust« auf einem Privattheater zu Berlin mit Musik vom Fürsten Radzivil und lobte den ergreifenden Effect einiger Theile dieser Darstellung. »Nun!« sagte Goethe gravitätisch, »es ist ein eigenes Unternehmen, aber alle Ansichten und Versuche sind zu ehren.«

Ich grolle meinem schlechten Gedächtniß, daß ich mich nicht mehr aus unsrer ziemlich belebten Unterhaltung eben erinnern kann. Mit hoher Ehrfurcht und Liebe verließ ich den großen Mann.

1 Sir Walter's officielle Erklärung, daß alle jene Schriften von ihm allein seien, war damals noch nicht gegeben.

2 Hier habe ich meinen Freund fast in Verdacht, daß er Goethen nur seine eigene Meinung in den Mund gelegt hat. – A. d. H. [d.h. Pückler's selbst.



1826, Sommer. 
Mit Johann Peter Eckermann


Nach Vollendung der »Helena« hatte Goethe sich im vergangenen Sommer zur Fortsetzung der ›Wanderjahre‹ gewendet. Von dem Vorrücken dieser Arbeit erzählte er mir oft. »Um den vorhandenen Stoff besser zu benutzen,« sagte er mir eines Tages, »habe ich den ersten Theil ganz aufgelöst und werde nun so durch Vermischung des Alten und Neuen zwei Theile bilden. Ich lasse nun das Gedruckte ganz abschreiben; die Stellen, wo ich neues auszuführen habe, sind angemerkt, und wenn der Schreibende an ein solches Zeichen kommt, so dictire ich weiter und bin auf diese Weise genöthigt, die Arbeit nicht in Stocken gerathen zu lassen.«

Eines andern Tags sagte er mir so: »Das Gedruckte der ›Wanderjahre‹ ist nun ganz abgeschrieben; die Stellen, die ich noch neu zu machen habe, sind mit blauem Papier ausgefüllt, so daß ich sinnlich vor Augen habe, was noch zu thun ist. Sowie ich nun vorrücke, verschwinden die blauen Stellen immer mehr, und ich habe daran meine Freude.«



1826, 23. September. 
Mit Johann Karl Ludwig von Schorn 


Goethe war . . . über den Tod des hiesigen Bibliothekars Güldenapfel sehr betrübt, daher hielt es der Kanzler [v. Müller] für besser, erst am Samstag zu ihm zu gehen. Ich zähle die halbe Stunde, die ich bei ihm war, zu den schönsten meines Lebens und werde nie vergessen, wie er uns, mitten in der Stube stehend, empfing, wie grandios er aussah. Er scheint sehr wohl zu sein, bis auf ein kleines Pflaster, das er noch am Halse trägt. Ich sagte ihm gleich Empfehlungen von Dir [Boisserée]; er erkundigte sich nach Deiner Gesundheit und äußerte sich über die schöne Aufstellung Eurer Bilder in dem gegenwärtigen Verhält niß. Dann kam das Gespräch auf Martius und England, wo ich ihm viel von den Elgin'schen Marmoren und den Cartons zu Hamptoncourt [von Rafael] erzählen mußte. Als wir dann von den Carstens'schen Handzeichnungen redeten und ich die Herausgabe von Umrissen danach wünschte, besonders für Künstler, meinte er: »Nun, sie haben ja dort Mosen und die Propheten, da brauchen sie dergleichen nicht.« Dadurch geriethen wir auf die Münchner Zustände und Sammlungen; er zeigte mir durch diese Veranlassung seine hübschen Bronzen; auch die Nachbildung von Leybold's Zeichnung mußte ich sehen und sein Büstencabinet, aus welchem er von mir Abschied nahm, weil andere schon auf Audienz warteten. Er hatte etwas sehr Mildes und Freundliches und das Majestätische seines Gesichts und seiner Augen imponirte dadurch umsomehr, daß es zugleich Zutrauen und Wohlwollen einflößte.



1826, 29. September. 
Mit Franz Grillparzer u.a.


Endlich kam ich nach Weimar und kehrte in dem damals in ganz Deutschland bekannten Gasthofe »zum Elefanten«, gleichsam dem Vorzimmer zu Weimars lebender Walhalla, ein. Von da sandte ich den Kellner mit einer Karte zu Goethe und ließ anfragen, ob ich ihm aufwarten dürfe. Der Kellner brachte die Antwort zurück: Der Herr Geheimrath habe Gäste bei sich und könne mich daher jetzt nicht sehen. Er erwarte mich für den Abend zum Thee .....

Gegen Abend ging ich zu Goethe. Ich fand im Salon eine ziemlich große Gesellschaft, die des noch nicht sichtbar gewor denen Herrn Geheimraths wartete. Da sich darunter – und das waren eben die Gäste, die Goethe Mittags bei sich hatte – ein Hofrath Jakob. . . mit seiner ebenso jungen als schönen, und ebenso schönen als gebildeten Tochter befand, derselben, die sich später unter dem Namen Talvj einen literarischen Ruf gemacht hat, so verlor sich bald meine Baugigkeit, und ich vergaß im Gespräche mit dem liebenswürdigen Mädchen beinahe, daß ich bei Goethe war. Endlich öffnete sich eine Seitenthüre, und – er selbst trat ein. Schwarz gekleidet, den Ordensstern auf der Brust, gerader, beinahe steifer Haltung, trat er unter uns, wie ein Audienz gebender Monarch. Er sprach mit diesem und jenem ein paar Worte, und kam endlich auch zu mir, der ich an der entgegengesetzten Seite des Zimmers stand. Er fragte mich, ob bei uns die italienische Literatur sehr betrieben werde? Ich sagte ihm der Wahrheit gemäß, die italienische Sprache sei allerdings sehr verbreitet, da alle Angestellten sie vorschriftsmäßig erlernen müßten; die italienische Literatur dagegen werde völlig vernachlässigt, und man wende sich aus Modeton vielmehr der englischen zu, welche bei aller Vortrefflichkeit doch eine Beimischung von Derbheit habe, die für den gegenwärtigen Zustand der deutschen Kultur, vornehmlich der poetischen, mir nichts weniger als förderlich scheine. Ob ihm diese meine Äußerung gefallen habe oder nicht, kann ich nicht wissen, glaube aber fast letzteres, da gerade damals die Zeit seines Briefwechsels mit Lord Byron war. Er entfernte sich von mir, sprach mit andern, kam wieder zu mir zurück, redete, ich weiß nicht mehr von was, entfernte sich endlich, und wir waren entlassen.

Ich gestehe, daß ich mit einer höchst unangenehmen Empfindung in mein Gasthaus zurückkehrte. Nicht als wäre meine Eitelkeit beleidigt gewesen, Goethe hatte mich im Gegentheil freundlicher und aufmerksamer behandelt, als ich voraussetzte; aber das Ideal meiner Jugend, den Dichter des »Faust«, »Clavigo« und »Egmont« als steifen Minister zu sehen, der seinen Gästen den Thee gesegnete, ließ mich aus all' meinen Himmeln herabfallen. Wenn er mir Grobheiten gesagt und mich zur Thüre hinausgeworfen hätte, wäre es mir fast lieber gewesen. Ich bereute fast, nach Weimar gegangen zu sein.


1826, 1. October. 
Mittag bei Goethe 


Während wir den Besuch einzelner Merkwürdigkeiten Weimars [am 30. September] verabredeten, und Kanzler Müller, der meine [Grillparzer's] Herabstimmung bemerkt haben mochte, mir versicherte, die Steifheit Goethes sei nichts als eigne Verlegenheit, so oft er mit einem Fremden das erstemal zusammentreffe, trat der Kellner ein und brachte eine Karte mit der Einladung zum Mittagmahl bei Goethe für den nächstfolgenden Tag. Ich mußte daher meinen Aufenthalt verlängern, und bestellte die bereits für morgen besprochenen Pferde ab.Endlich kam der verhängnißvolle Tag mit seiner Mittagsstunde, und ich ging zu Goethe. Die außer mir geladenen Gäste waren schon versammelt, und zwar ausschließlich Herren, da die liebenswürdige Talvj schon am Morgen nach jenem Theeabende mit ihrem Vater abgereist, und Goethes Schwiegertochter, die mir mit ihrer früh geschiedenen Tochter später so werth geworden ist, damals von Weimar abwesend war. Als ich im Zimmer vorschritt, kam mir Goethe entgegen und war so liebenswürdig und warm, als er neulich steif und kalt gewesen war. Das Innerste meines Wesens begann sich zu bewegen. Als es aber zu Tisch ging, und der Mann, der mir die Verkörperung der deutschen Poesie, der mir in der Entfernung und dem unermeßlichen Abstande beinahe zu einer mythischen Person geworden war, meine Hand ergriff, um mich ins Speisezimmer zu führen, da kam einmal wieder der Knabe zum Vorschein und ich brach in Thränen aus. Goethe gab sich alle Mühe, um meine Albernheit zu masquiren. Ich saß bei Tisch an seiner Seite, und er war so heiter und gesprächig, als man ihn, nach späterer Versicherung der Gäste, seit langem nicht gesehen hatte. Das von ihm belebte Gespräch ward allgemein. Goethe wandte sich aber auch oft einzeln zu mir. Was er aber sprach, außer einem guten Spaß über Müllner's Mitternachtsblatt, weiß ich nicht mehr. Ich habe leider über diese Reise nichts aufgeschrieben ..... Von dem Tisch-Ereignisse ist mir nur noch als characteristisch erinnerlich, daß ich im Eifer des Gespräches nach löblicher Gewohnheit in dem neben mir liegenden Brod krümelte und dadurch unschöne Brosamen erzeugte. Da tippte denn Goethe mit dem Finger auf jedes einzelne und legte sie auf ein regelmäßiges Häuschen zusammen. Spät erst bemerkte ich es und unterließ dann meine Handarbeit.

Beim Abschied forderte mich Goethe auf, des nächsten Vormittags zu kommen, um mich zeichnen zu lassen. Er hatte nämlich die Gewohnheit, alle jene von seinen Besuchern, die ihn interessirten, von einem eigens dazu bestellten Zeichner in schwarzer Kreide portraitiren zu lassen. Diese Bildnisse wurden in einen Rahmen, der zu diesem Zwecke im Besuchzimmer hing, eingefügt und allwöchentlich der Reihe nach gewechselt. Mir wurde auch diese Ehre zu Theil.


1826, 2. October. 
Mit Franz Grillparzer 


Als ich mich des andern Vormittags einstellte, war der Maler noch nicht gekommen. Man wies mich daher zu Goethe, der in seinem Hausgärtchen auf und nieder ging. Nun wurde mir die Ursache seiner steifen Körperhaltung gegenüber von Fremden klar. Das Alter war nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Wie er so im Gärtchen hinschritt, bemerkte man wohl ein gedrücktes Vorneigen des Oberleibes mit Kopf und Nacken. Das wollte er nun vor Fremden verbergen, und daher jenes gezwungene Emporrichten, das eine unangenehme Wirkung machte. Sein Anblick in dieser natürlichen Stellung, mit einem langen Haus rock bekleidet, ein kleines Schirmkäppchen auf den weißen Haaren, hatte etwas unendlich Rührendes. Er sah halb wie ein König aus und halb wie ein Vater. Wir sprachen im Auf- und Niedergehen.

Er erwähnte meiner »Sappho«, die er zu billigen schien, worin er freilich sich selbst lobte; denn ich hatte so ziemlich mit seinem Kalbe gepflügt. Als ich meine vereinzelte Stellung in Wien beklagte, sagte er, was wir seitdem gedruckt von ihm gelesen haben, daß der Mensch nur in Gesellschaft Gleicher oder Ähnlicher wirken könne. Wenn Er und Schiller das geworden wären, als was die Welt sie anerkennt, verdankten sie es großentheils dieser fördernden und sich ergänzenden Wechselwirkung. Inzwischen kam der Maler. Wir gingen ins Haus, und ich wurde gezeichnet. Goethe war in sein Zimmer gegangen, von wo er von Zeit zu Zeit herauskam und sich von den Fortschritten des Bildes überzeugte, mit dem er nach der Vollendung zufrieden war. Nach Verabschiedung des Malers ließ Goethe durch seinen Sohn mehrere Schaustücke von seinen Schätzen herbeibringen.

Da war sein Briefwechsel mit Lord Byron; alles, was sich auf seine Bekanntschaft mit der Kaiserin und dem Kaiser von Österreich in Karlsbad bezog; endlich das kaiserlich österreichische Privilegium gegen den Nachdruck für seine gesammelten Werke. Auf letzteres schien er große Stücke zu halten, entweder weil ihm die conservative Haltung Österreichs gefiel, oder, im Abstich der sonstigen literarischen Vorgänge in diesem Lande, als Curiosum. Diese Schätze waren halb orientalisch, jedes Zusammengehörige einzeln in ein seidnes Tuch eingeschlagen, und Goethe benahm sich ihnen gegenüber mit einer Art Ehrfurcht. Endlich wurde ich aufs Liebevollste entlassen.

Im Laufe des Tages forderte mich Kanzler Müller auf, gegen Abend Goethe zu besuchen. Ich würde ihn allein treffen und mein Besuch ihm durchaus nicht unangenehm sein. Erst später fiel mir auf, daß Müller das nicht ohne Goethes Vorwissen gesagt haben konnte.

Nun begab sich meine zweite Weimar'sche Dummheit. Ich fürchtete mich, mit Goethe einen ganzen Abend allein zu sein, und ging, nach manchem Wanken und Schwanken, nicht hin.


1826, 3. October. 
Mit Franz Grillparzer


Als ich am vierten Tage meines Aufenthaltes von Goethe Abschied nahm, war er freundlich, aber abgekühlt. Er wunderte sich, daß ich schon so früh Weimar verlasse, und fügte hinzu, daß, wenn ich später von mir Nachricht geben wolle, es sie sämmtlich erfreuen werde. Also »sie« in vielfacher Zahl, nicht ihn. Er ist mir auch in der Folge nicht gerecht geworden, in sofern ich mich nämlich denn doch, trotz allem Abstande, für den besten halte, der nach ihm und Schiller gekommen ist. Daß das alles meine Liebe und Ehrfurcht für ihn nicht vermindert hat, brauche ich wohl nicht zu sagen. Am Tage meiner Abreise gab mir das sämmtliche Weimar einen Abschiedsschmaus im Schützenhause, zu dem Goethe auch seinen Sohn hinausgeschickt hatte.



1826, 8. November. 
Mit Johann Peter Eckermann 


Goethe sprach heute abermals mit Bewunderung über Lord Byron. »Ich habe,« sagte er, »seinen ›Deformed Transformed‹ wieder gelesen und muß sagen, daß sein Talent mir immer größer vorkommt. Sein Teufel ist aus meinem Mephistopheles hervorgegangen, aber es ist keine Nachahmung, es ist alles durchaus originell und neu, und alles knapp, tüchtig und geistreich. Es ist keine Stelle darin, die schwach wäre, nicht so viel Platz um den Knopf einer Nadel hinzusetzen, wo man nicht auf Erfindung und Geist träfe. Ihm ist nichts im Wege als das Hypochondrische und negative, und er wäre so groß wie Shakespeare und die Alten.« Ich wunderte mich. »Ja,« sagte Goethe, »Sie können es mir glauben, ich habe ihn von neuem studirt und muß ihm dies immer mehr zugestehn.«

In einem frühern Gespräche äußerte Goethe: Lord Byron habe zu viel Empirie. Ich verstand nicht recht, was er damit sagen wollte, doch enthielt ich mich ihn zu fragen und dachte der Sache im stillen nach. Es war aber durch Nachdenken nichts zu gewinnen, und ich mußte warten, bis meine vorschreitende Cultur oder ein glücklicher Umstand mir das Geheimniß aufschließen möchte. Ein solcher führte sich dadurch herbei, daß abends im Theater eine treffliche Vorstellung des ›Macbeth‹ auf mich wirkte und ich tags darauf die Werke des Lord Byron in die Hände nahm, um seinen ›Beppo‹ zu lesen. Nun wollte dieses Gedicht auf den ›Macbeth‹ mir nicht munden, und je weiter ich las, je mehr ging es mir auf, was Goethe bei jener Äußerung sich mochte gedacht haben. Im ›Macbeth‹ hatte ein Geist auf mich gewirkt, der, groß, gewaltig und erhaben wie er war, von niemand hatte ausgehen können als von Shakespeare selbst. Es war das Angeborene einer höher und tiefer begabten Natur, welche eben das Individuum, das sie besaß, vor allen auszeichnete und dadurch zum großen Dichter machte. Dasjenige, was zu diesem Stück die Welt und Erfahrung gegeben, war dem poetischen Geiste untergeordnet und diente nur, um diesen reden und vorwalten zu lassen. Der große Dichter herrschte und hob uns an seine Seite hinauf zu der Höhe seiner Ansicht.

Beim Lesen des ›Beppo‹ dagegen empfand ich das Vorherrschen einer verruchten empirischen Welt, der sich der Geist, der sie uns vor die Sinne führt, gewissermaßen associirt hatte. Nicht mehr der angeborene größere und reinere Sinn eines hochbegabten Dichters begegnete mir, sondern des Dichters Denkungsweise schien durch ein häufiges Leben mit der Welt von gleichem Schlage geworden zu sein. Er erschien in gleichem Niveau mit allen vornehmen geistreichen Weltleuten, vor denen er sich durch nichts auszeichnete als durch sein großes Talent der Darstellung, sodaß er denn auch als ihr redendes Organ betrachtet werden konnte.

Und so empfand ich denn beim Lesen des ›Beppo‹: Lord Byron habe zu viel Empirie, und zwar nicht weil er zu viel wirkliches Leben uns vor die Augen führte, sondern weil seine höhere poetische Natur zu schweigen, ja von einer empirischen Denkungsweise ausgetrieben zu sein schien.


1826, 29. November. 
Mit Johann Peter Eckermann 


Lord Byron's ›Deformed Transformed‹ hatte ich nun auch gelesen und sprach mit Goethe darüber nach Tische.

»Nicht wahr,« sagte er, »die ersten Scenen sind groß und zwar poetisch groß. Das übrige, wo es auseinander und zur Belagerung Roms geht, will ich nicht als poetisch rühmen, allein man muß gestehen, daß es geistreich ist.«

»Im höchsten Grade,« sagte ich; »aber es ist keine Kunst geistreich zu sein, wenn man vor nichts Respect hat.«

Goethe lachte. »Sie haben nicht ganz unrecht,« sagte er; »man muß freilich zugeben, daß der Poet mehr sagt als man möchte; er sagt die Wahrheit, allein es wird einem nicht wohl dabei, und man sähe lieber, daß er den Mund hielte. Es giebt Dinge in der Welt, die der Dichter besser überhüllt als aufdeckt; doch dies ist eben Byron's Character, und man würde ihn vernichten, wenn man ihn anders wollte.«

»Ja,« Sagte ich, »im höchsten Grade geistreich ist er. Wie trefflich ist z.B. diese Stelle:

The Devil speaks truth much oftener than he's deemed,

He hath an ignorant audience.«

»Das ist freilich ebenso groß und frei als mein Mephistopheles irgend etwas gesagt hat.

Da wir vom Mephistopheles reden,« fuhr Goethe fort, »so will ich Ihnen doch etwas zeigen, was Coudray von Paris mitgebracht hat. Was sagen Sie dazu?«Er legte mir einen Steindruck vor, die Scene darstellend, wo Faust und Mephistopheles, um Gretchen aus dem Kerker zu befreien, in der Nacht auf zwei Pferden an einem Hochgerichte vorbeisausen. Faust reitet ein schwarzes, das im gestrecktesten Galopp ausgreift und sich sowie sein Reiter vor den Gespenstern unter dem Galgen zu fürchten scheint. Sie reiten so schnell, daß Faust Mühe hat, sich zu halten; die stark entgegenwirkende Luft hat seine Mütze entführt, die, von dem Sturmriemen am Halse gehalten, weit hinter ihm herfliegt. Er hat sein furchtsam fragendes Gesicht dem Mephistopheles zugewendet und lauscht auf dessen Worte. Dieser sitzt ruhig, unangefochten, wie ein höheres Wesen. Er reitet kein lebendiges Pferd; denn er liebt nicht das Lebendige. Auch hat er es nicht vonnöthen; denn schon sein Wollen bewegt ihn in der gewünschtesten Schnelle. Er hat blos ein Pferd, weil er einmal reitend gedacht werden muß, und da genügte es ihm, ein blos noch in der Haut zusammenhängendes Gerippe vom ersten besten Anger aufzuraffen. Es ist heller Farbe und scheint in der Dunkelheit der Nacht zu phosphoresciren. Es ist weder gezügelt noch gesattelt, es geht ohne das. Der überirdische Reiter sitzt leicht und nachlässig, im Gespräch zu Faust gewendet; das entgegenwirkende Element der Luft ist für ihn nicht da; er wie sein Pferd empfinden nichts, es wird ihnen kein Haar bewegt.

Wir hatten an dieser geistreichen Composition große Freude. »Da muß man doch gestehen,« sagte Goethe, »daß man es sich selbst nicht so vollkommen gedacht hat. Hier haben Sie ein anderes Blatt, was sagen Sie zu diesem?«

Die wilde Trinkscene in Auerbach's Keller sah ich dargestellt und zwar, als Quintessenz des Ganzen, den bedeutendsten Moment, wo der verschüttete Wein als Flamme auflodert und die Bestialität der Trinkenden sich auf die verschiedenste Weise kundgiebt. Alles ist Leidenschaft und Bewegung, und nur Mephistopheles bleibt in der gewohnten heitern Ruhe. Das wilde Fluchen und Schreien und das gezückte Messer des ihm zunächst Stehenden sind ihm nichts. Er hat sich auf eine Tischecke gesetzt und baumelt mit den Beinen; sein ausgehobener Finger ist genug, um Flamme und Leidenschaft zu dämpfen.

Je mehr man dieses treffliche Bild betrachtete, desto mehr fand man den großen Verstand des Künstlers, der keine Figur der andern gleich machte und in jeder eine andere Stufe der Handlung darstellte.

»Herr Delacroix,« sagte Goethe, »ist ein großes Talent, das gerade am ›Faust‹ die rechte Nahrung gefunden hat. Die Franzosen tadeln an ihm seine Wildheit, allein hier kommt sie ihm recht zustatten. Er wird, wie man hofft, den ganzen ›Faust‹ durchführen, und ich freue mich besonders auf die Hexenküche und die Brockenscenen. Man sieht ihm an, daß er das Leben recht durchgemacht hat, wozu ihm denn eine Stadt wie Paris die beste Gelegenheit geboten.«

Ich machte bemerklich, daß solche Bilder zum bessern Verstehen des Gedichts sehr viel beitrügen. »Das ist keine Frage,« sagte Goethe; »denn die vollkommenere Einbildungskraft eines solchen Künstlers zwingt uns, die Situationen so gut zu denken, wie er sie selber gedacht hat. Und wenn ich nun gestehen muß, daß Herr Delacroix meine eigene Vorstellung bei Scenen übertroffen hat, die ich selber gemacht habe, um wie viel mehr werden nicht die Leser alles lebendig und über ihre Imagination hinausgehend finden!«



1826, November oder December. 
Mit Jenny von Pappenheim 


Im November 1826 kam ich nach Weimar zurück. Schüchtern, mit hochklopfendem Herzen erschien ich vor Goethe, der mich und meine Mutter im Aldobrandinizimmer mit großer Freundlichkeit empfing. Ich sehe ihn noch vor mir: nicht allzu groß und doch größer erscheinend, als andere, mit jener Jupiterstirn, die ich am vollendetsten in der von Bettina gezeichneten Statue wiederfinde, die unser [Weimarer] Museum schmückt, während seine Augen durch Stieler ambesten wiedergegeben sind. Auch mich sehe ich noch im rosa Kleid und grünem Spenzer unter einem großen, runden Hut, heiß erröthend bei seinem kräftigen Händedruck. Ich brachte keinen Ton über die Lippen, obgleich er mich, wie er es gern bei jungen Mädchen that, mit ›Frauenzimmerchen‹ und ›mein schönes Kind‹ ermuthigte; erst als er lächelnd sagte: ›Die Augen werden viel Unheil anrichten‹; ermannte ich mich zu der verwunderten Frage: »Warum denn gerade Unheil?«



1826, 11. December. 
Mit Johann Peter Eckermann 


Ich fand Goethe in einer sehr heiter aufgeregten Stimmung. »Alexander von Humboldt ist diesen Morgen einige Stunden bei mir gewesen,« sagte er mir sehr belebt entgegen. »Was ist das für ein Mann! Ich kenne ihn so lange und doch bin ich vonneuem über ihn in Erstaunen. Man kann sagen, er hat an Kenntnissen und lebendigem Wissen nicht seinesgleichen. Und eine Vielseitigkeit, wie sie mir gleichfalls noch nicht vorgekommen ist! Wohin man rührt, er ist überall zu Hause und überschüttet uns mit geistigen Schätzen. Er gleicht einem Brunnen mit vielen Röhren, wo man überall nur Gefäße unterzuhalten braucht und wo es uns immer erquicklich und unerschöpflich entgegenströmt. Er wird einige Tage hier bleiben, und ich fühle schon, es wird mir sein als hätte ich Jahre verlebt.



1826, 13. December. 
Mit Johann Peter Eckermann u.a.


Über Tische lobten die Frauen ein Portrait eines jungen Malers. »Und was bewundernswürdig ist,« fügten sie hinzu, »er hat alles von selbst gelernt.« Dieses merkte man denn auch besonders an den Händen, die nicht richtig und kunstmäßig gezeichnet waren.

»Man sieht,« sagte Goethe, »der junge Mann hat Talent, allein daß er alles von selbst gelernt hat, deswegen soll man ihn nicht loben, sondern schelten. Ein Talent wird nicht geboren, um sich selbst überlassen zu bleiben, sondern sich zur Kunst und guten Meistern zu wenden, die denn etwas aus ihm machen. Ich habe dieser Tage einen Brief von Mozart gelesen, wo er einem Baron, der ihm Compositionen zugesendet hatte, etwa folgendes schreibt: ›Euch Dilettanten muß man schelten; denn es finden bei euch gewöhnlich zwei Dinge statt: entweder ihr habt keine eigene Gedanken, und da nehmt ihr fremde; oder wenn ihr eigene Gedanken habt, so wißt ihr nicht damit umzugehen.‹ Ist das nicht himmlisch? Und gilt dieses große Wort, was Mozart von der Musik sagt, nicht von allen übrigen Künsten?«

Goethe fuhr fort: »Lenardo da Vinci sagt: Wenn in euerm Sohne nicht der Sinn steckt, dasjenige, was er zeichnet, durch kräftige Schattirung so herauszuheben, daß man es mit Händen greifen möchte, so hat er kein Talent.

Und ferner sagt Lenardo da Vinci: Wenn euer Sohn Perspective und Anatomie völlig inne hat, so thut ihn zu einem guten Meister. Und jetzt,« sagte Goethe, »verstehen unsere jungen Künstler beides kaum, wenn sie ihre Meister verlassen. So sehr haben sich die Zeiten geändert.

Unsern jungen Malern,« fuhr Goethe fort, »fehlt es an Gemüth und Geist; ihre Erfindungen sagen nichts und wirken nichts; sie malen Schwerter, die nicht hauen, und Pfeile, die nicht treffen, und es dringt sich mir oft auf, als wäre aller Geist aus der Welt verschwunden.«

»Und doch,« versetzte ich, »sollte man glauben, daß die großen kriegerischen Ereignisse der letzten Jahre den Geist aufgeregt hätten.«

»Mehr Wollen,« sagte Goethe, »haben sie aufgeregt als Geist, und mehr politischen Geist als künstlerischen, und alle Naivetät und Sinnlichkeit ist dagegen gänzlich verloren gegangen. Wie will aber ein Maler ohne diese beiden großen Erfordernisse etwas machen, woran man Freude haben könnte!«Ich sagte, daß ich dieser Tage in seiner ›Italienischen Reise‹ von einem Bilde Correggio's gelesen, welches eine Entwöhnung darstellt, wo das Kind Christus auf dem Schoße der Maria zwischen der Mutterbrust und einer hingereichten Birne in Zweifel kommt und nicht weiß, welches von beiden es wählen soll.

»Ja,« sagte Goethe, »das ist ein Bildchen! Da ist Geist, Naivetät, Sinnlichkeit, alles beieinander. Und der heilige Gegenstand ist allgemein menschlich geworden und gilt als Symbol für eine Lebensstufe, die wir alle durchmachen. Ein solches Bild ist ewig, weil es in die frühesten Zeiten der Menschheit zurück- und in die künftigsten vorwärtsgreift. Wollte man dagegen den Christus malen, wie er die Kindlein zu sich kommen läßt, so wäre das ein Bild, welches gar nichts zu sagen hätte, wenigstens nichts von Bedeutung.

Ich habe nun,« fuhr Goethe fort, »der deutschen Malerei über funfzig Jahre zugesehen, ja nicht blos zugesehen, sondern auch von meiner Seite einzuwirken gesucht, und kann jetzt so viel sagen, daß so wie alles jetzt steht, wenig zu erwarten ist. Es muß ein großes Talent kommen, welches sich alles Gute der Zeit sogleich aneignet und dadurch alles übertrifft. Die Mittel sind alle da, und die Wege gezeigt und gebahnt. Haben wir doch jetzt sogar auch die Phidiasse vor Augen, woran in unserer Jugend nicht zu denken war. Es fehlt jetzt, wie gesagt, weiter nichts als ein großes Talent, und dieses, hoffe ich, wird kommen; es liegt vielleicht schon in der Wiege und Sie können seinen Glanz noch erleben.«



1826, 20. December. 
Mit Johann Peter Eckermann 


Ich erzählte Goethen nach Tische, daß ich eine Entdeckung gemacht, die mir viele Freude gewähre. Ich hätte nämlich an einer brennenden Wachskerze bemerkt, daß der durchsichtige untere Theil der Flamme dasselbe Phänomen zeige, als wodurch der blaue Himmel entstehe, indem nämlich die Finsterniß durch ein erleuchtetes Trübe gesehen werde.

Ich fragte Goethe, ob er dieses Phänomen der Kerze kenne und in seiner ›Farbenlehre‹ aufgenommen habe. »Ohne Zweifel,« sagte er. Er nahm einen Band der ›Farbenlehre‹ herunter und las mir die Paragraphen, wo ich denn alles beschrieben fand, wie ich es gesehen. »Es ist mir sehr lieb,« sagte er, »daß Ihnen dieses Phänomen ausgegangen ist, ohne es aus meiner ›Farbenlehre‹ zu kennen; denn nun haben Sie es begriffen und können sagen, daß Sie es besitzen. Auch haben Sie dadurch einen Standpunkt gefaßt, von welchem aus Sie zu den übrigen Phänomenen weiter gehen werden. Ich will Ihnen jetzt sogleich ein neues zeigen.«

Es mochte etwa 4 Uhr sein; es war ein bedeckter Himmel und im ersten Anfangen der Dämmerung. Goethe zündete ein Licht an und ging damit in die Nähe des Fensters zu einem Tische. Er setzte das Licht auf einen weißen Bogen Papier und stellte ein Stäbchen darauf, so daß der Schein des Kerzenlichts vom Stäbchen aus einen Schatten warf nach dem Lichte des Tages zu. »Nun,« sagte Goethe, »was sagen Sie zu diesem Schatten?« – »Der Schatten ist blau,« antwortete ich. – »Da hätten Sie also das Blaue wieder,« sagte Goethe; »aber auf dieser andern Seite des Stäbchens nach der Kerze zu, was sehen Sie da?« – »Auch einen Schatten.« – »Aber von welcher Farbe?« – »Der Schatten ist ein röthliches Gelb,« antwortete ich; »doch wie entsteht dieses doppelte Phänomen?« – »Das ist nun Ihre Sache,« sagte Goethe; »sehen Sie zu, daß Sie es herausbringen. Zu finden ist es, aber es ist schwer. Sehen Sie nicht früher in meiner ›Farbenlehre‹ nach, als bis Sie die Hoffnung aufgegeben haben, es selber herauszubringen.« Ich versprach dieses mit vieler Freude.

»Das Phänomen am untern Theile der Kerze,« fuhr Goethe fort, »wo ein durchsichtiges Helle vor die Finsterniß tritt und die blaue Farbe hervorbringt, will ich Ihnen jetzt in vergrößertem Maße zeigen.« Er nahm einen Löffel, goß Spiritus hinein und zündete ihn an. Da entstand denn wieder ein durchsichtiges Helle, wodurch die Finsterniß blau erschien. Wendete ich den brennenden Spiritus vor die Dunkelheit der Nacht, so nahm die Bläue an Kräftigkeit zu; hielt ich ihn gegen das Helle, so schwächte sie sich oder verschwand gänzlich. Ich hatte meine Freude an dem Phänomen. »Ja,« Sagte Goethe, »das ist eben das Große bei der Natur, daß sie so einfach ist, und daß sie ihre größten Erscheinungen immer im Kleinen wiederholt. Dasselbe Gesetz, wodurch der Himmel blau ist, sieht man ebenfalls an dem untern Theil einer brennenden Kerze, am brennenden Spiritus, sowie an dem erleuchteten Rauch, der von einem Dorfe aufsteigt, hinter welchem ein dunkles Gebirge liegt.«

»Aber wie erklären die Schüler von Newton dieses höchst einfache Phänomen?« fragte ich.

»Das müssen Sie gar nicht wissen,« antwortete Goethe. »Es ist gar zu dumm, und man glaubt nicht, welchen Schaden es einem guten Kopfe thut, wenn er sich mit etwas Dummem befaßt. Bekümmern Sie sich gar nicht um die Newtonianer, lassen Sie sich die reine Lehre genügen, und Sie werden sich gut dabei stehen.«»Die Beschäftigung mit dem Verkehrten,« sagte ich, »ist vielleicht in diesem Fall ebenso unangenehm und schädlich, als wenn man ein schlechtes Trauerspiel in sich aufnehmen sollte, um es nach allen sei nen Theilen zu beleuchten und in seiner Blöße darzustellen.«

»Es ist ganz dasselbe,« sagte Goethe, »und man soll sich ohne Noth nicht damit befassen. Ich ehre die Mathematik als die erhabenste und nützlichste Wissenschaft, solange man sie da anwendet, wo sie am Platze ist, allein ich kann nicht loben, daß man sie bei Dingen mißbrauchen will, die gar nicht in ihrem Bereich liegen und wo die edle Wissenschaft sogleich als Unsinn erscheint. Und als ob alles nur dann existirte, wenn es sich mathematisch beweisen läßt! Es wäre doch thöricht, wenn jemand nicht an die Liebe seines Mädchens glauben wollte, weil sie ihm solche nicht mathematisch beweisen kann! Ihre Mitgift kann sie ihm mathematisch beweisen, aber nicht ihre Liebe. Haben doch auch die Mathematiker nicht die Metamor phose der Pflanze erfunden! Ich habe dieses ohne die Mathematik vollbracht, und die Mathematiker haben es müssen gelten lassen. Um die Phänomene der Farbenlehre zu begreifen, gehört weiter nichts als ein reines Anschauen und ein gesunder Kopf; allein beides ist freilich seltener als man glauben sollte.«

»Wie stehen denn die jetzigen Franzosen und Engländer zur Farbenlehre?« fragte ich.

»Beide Nationen,« antwortete Goethe, »haben ihre Avantagen und ihre Nachtheile. Bei den Engländern ist es gut, daß sie alles praktisch machen; aber sie sind Pedanten. Die Franzosen sind gute Köpfe, aber es soll bei ihnen alles positiv sein, und wenn es nicht so ist, so machen sie es so. Doch sind sie in der Farbenlehre auf gutem Wege, und einer ihrer Besten kommt nahe heran. Er sagt: die Farbe sei den Dingen angeschaffen; denn wie es in der Natur ein Säurendes gebe, so gebe es auch ein Färbendes. Damit sind nun freilich die Phänomene nicht erklärt, allein er spielt doch den Gegenstand in die Natur hinein und befreit ihn von der Einschränkung der Mathematik.«

Die Berliner Zeitungen wurden gebracht, und Goethe setzte sich, sie zu lesen. Er reichte auch mir ein Blatt, und ich fand in den Theaternachrichten, daß man dort im Opernhause und königlichen Theater ebenso schlechte Stücke gebe als hier.

»Wie soll dies auch anders sein,« sagte Goethe. »Es ist freilich keine Frage, daß man nicht mit Hilfe der guten englischen, französischen und spanischen Stücke ein so gutes Repertoire zusammenbringen sollte, um jeden Abend ein gutes Stück geben zu können, allein wo ist das Bedürfniß in der Nation, immer ein gutes Stück zu sehen? Die Zeit, in welcher Äschylus, Sophokles und Euripides schrieben, war freilich eine ganz andere: sie hatte den Geist hinter sich und wollte nur immer das wirklich Größte und Beste. Aber in unserer schlechten Zeit, wo ist denn da das Bedürfniß für das Beste? Wo sind die Organe, es auf zunehmen? Und dann,« fuhr Goethe fort, »man will etwas Neues! In Berlin wie in Paris, das Publicum ist überall dasselbe! Eine Unzahl neuer Stücke wird jede Woche in Paris geschrieben und auf die Theater gebracht, und man muß immer fünf bis sechs durchaus schlechte aushalten, ehe man durch ein gutes entschädigt wird.

Das einzige Mittel, um jetzt ein deutsches Theater oben zu halten, sind Gastrollen. Hätte ich jetzt noch die Leitung, so sollte der ganze Winter mit trefflichen Gastspielern besetzt sein. Dadurch wurden nicht allein alle guten Stücke immer wieder zum Vorschein kommen, sondern das Interesse würde auch mehr von den Stücken ab auf das Spiel gelenkt; man könnte vergleichen und urtheilen, das Publicum gewönne an Einsichten, und unsere eigenen Schauspieler würden durch das bedeutende Spiel eines ausgezeichneten Gastes immer in Anregung und Nacheiferung erhalten. Wie gesagt: Gastrollen und immer Gastrollen, und Ihr solltet über den Nutzen erstaunen, der daraus für Theater und: Publicum hervorgehen würde.

Ich sehe die Zeit kommen, wo ein gescheiter, der Sache gewachsener Kopf vier Theater zugleich übernehmen und sie hin und her mit Gastrollen versehen wird, und ich bin gewiß, daß er sich besser bei diesen vieren stehen wird, als wenn er nur ein einziges hätte.«


1826, 27. December. 
Mit Johann Peter Eckermann 


Dem Phänomen des blauen und gelben Schattens hatte ich nun zu Hause fleißig nachgedacht, und wiewohl es mir lange ein Räthsel blieb, so, ging mir doch bei fortgesetztem Beobachten ein Licht auf, und ich ward nach und nach überzeugt, das Phänomen begriffen zu haben.

Heute bei Tische sagte ich Goethen, daß ich das Räthsel gelöst. »Es wäre viel,« sagte Goethe; »nach Tische sollen Sie es mir machen.« – »Ich will es lieber schreiben,« sagte ich; »denn zu einer mündlichen Auseinandersetzung fehlen mir leicht die richtigen Worte.« – »Sie mögen es später schreiben,« sagte Goethe, »aber heute sollen Sie es mir erst vor meinen Augen machen und mir mündlich demonstriren, damit ich sehe, ob Sie im rechten sind.«

Nach Tische, wo es völlig hell war, fragte Goethe: »Können Sie jetzt das Experiment machen?« – »Nein,« sagte ich. »Warum nicht?« fragte Goethe. »Es ist noch zu hell,« antwortete ich; »es muß erst ein wenig Dämmerung eintreten, damit das Kerzenlicht einen entschiedenen Schatten werfe; doch muß es noch hell genug sein, damit das Tageslicht diesen erleuchten könne.« – »Hm!« sagte Goethe, »das ist nicht unrecht.«

Der Anfang der Abenddämmerung trat endlich ein, und ich sagte Goethen, daß es jetzt Zeit sei. Er zündete die Wachskerze an und gab mir ein Blatt weißes Papier und ein Stäbchen. »Nun experimentiren und dociren Sie!« sagte er.

Ich stellte das Licht auf den Tisch in die Nähe des Fensters, legte das Blatt Papier in die Nähe des Lichts, und als ich das Stäbchen auf die Mitte des Papiers zwischen Tages- und zenlicht setzte, war das Phänomen in vollkommener Schönheit da. Der Schatten nach dem Lichte zu zeigte sich entschieden gelb, der andere nach dem Fenster zu vollkommen blau.

»Nun,« sagte Goethe, »wie entsteht zunächst der blaue Schatten?« – »Ehe ich dieses erkläre,« sagte ich, »will ich das Grundgesetz aussprechen, aus dem ich beide Erscheinungen ableite.

Licht und Finsterniß«, sagte ich, »sind keine Farben, sondern sie sind zwei Extreme, in deren Mitte die Farben liegen und entstehen, und zwar durch eine Modification von beiden.

Den Extremen Licht und Finsterniß zunächst entstehen die beiden Farben gelb und blau: die gelbe an der Grenze des Lichts, indem ich dieses durch ein getrübtes, die blaue an der Grenze der Finsterniß, indem ich diese durch ein erleuchtetes Durchsichtige betrachte.

Kommen wir nun,« fuhr ich fort, »zu unserm Phänomen, so sehen wir, daß das Stäbchen vermöge der Gewalt des Kerzen lichts einen entschiedenen Schatten wirft. Dieser Schatten würde als schwarze Finsterniß erscheinen, wenn ich die Läden schlösse und das Tageslicht absperrte. Nun aber dringt durch die offenen Fenster das Tageslicht frei herein und bildet ein erhelltes Medium, durch welches ich die Finsterniß des Schattens sehe, und so entsteht denn, dem Gesetz gemäß, die blaue Farbe.« Goethe lachte. »Das wäre der blaue,« sagte er; »wie aber erklären Sie den gelben Schatten?«

»Aus dem Gesetz des getrübten Lichts,« antwortete ich. »Die brennende Kerze wirft auf das weiße Papier ein Licht, das schon einen leisen Hauch vom Gelblichen hat. Der einwirkende Tag aber hat so viele Gewalt, um vom Stäbchen aus nach dem Kerzenlichte zu einen schwachen Schatten zu werfen, der, so weit er reicht, das Licht trübt, und so entsteht, dem Gesetz gemäß, die gelbe Farbe. Schwäche ich die Trübe, indem ich den Schatten dem Lichte möglichst nahe bringe, so zeigt sich ein reines Hellgelb; verstärke ich aber die Trübe, indem ich den Schatten möglichst vom Lichte entferne, so verdunkelt sich das Gelbe bis zum Röthlichen, ja Rothen.«

Goethe lachte wieder, und zwar sehr geheimnißvoll. »Nun,« sagte ich, »habe ich recht?« – »Sie haben das Phänomen recht gut gesehen und recht hübsch ausgesprochen,« antwortete Goethe, »aber Sie haben es nicht erklärt. Ihre Erklärung ist gescheit, ja sogar geistreich, aber sie ist nicht die richtige.«

»Nun so helfen Sie mir,« sagte ich, »und lösen Sie mir das Räthsel, denn ich bin nun im höchsten Grade ungeduldig.« – »Sie sollen es erfahren,« sagte Goethe, »aber nicht heute und nicht auf diesem Wege. Ich will Ihnen nächstens ein anderes Phänomen zeigen, durch welches Ihnen das Gesetz augenscheinlich werden soll. Sie sind nahe heran, und weiter ist in dieser Richtung nicht zu gelangen. Haben Sie aber das neue Gesetz begriffen, so sind Sie in eine ganz andere Region eingeführt und über sehr vieles hinaus. Kommen Sie einmal am Mittag bei heiterm Himmel ein Stündchen früher zu Tische, so will ich Ihnen ein deutlicher Phänomen zeigen, durch welches Sie dasselbe Gesetz, welches diesem zum Grunde liegt, sogleich begreifen sollen.

Es ist mir sehr lieb,« fuhr er fort, »daß Sie für die Farbe dieses Interesse haben; es wird Ihnen eine Quelle von unbeschreiblichen Freuden werden.«

Nachdem ich Goethe am Abend verlassen, konnte ich den Gedanken an das Phänomen nicht aus dem Kopfe bringen, sodaß ich sogar im Traume damit zu thun hatte. Aber auch in diesem Zustande sah ich nicht klarer und kam der Lösung des Räthsels um keinen Schritt näher.


1826, December (?). 
Mit Johann Peter Eckermann 


»Mit meinen naturwissenschaftlichen Heften,« sagte Goethe vor einiger Zeit, »gehe ich auch langsam fort. Nicht weil ich glaube, die Wissenschaft noch jetzt bedeutend fördern zu können, sondern der vielen angenehmen Verbindungen wegen, die ich dadurch unterhalte. Die Beschäftigung mit der Natur ist die unschuldigste. In ästhetischer Hinsicht ist jetzt an gar keine Verbindung und Correspondenz zu denken. Da wollen sie wissen, welche Stadt am Rhein bei meinem ›Hermann und Dorothea‹ gemeint sei. Als ob es nicht besser wäre, sich jede beliebige zu denken. Man will Wahrheit, man will Wirklichkeit und verdirbt dadurch die Poesie.«


1826, oder 1827. (?) 
Gartengesellschaft bei Goethe 


Das zweite Mal sah ich [ein reisender Engländer] Goethen in seinem Garten bei einer Soirée. Da wir zu einer früheren Stunde eingeladen waren, so hatten wir das Glück, die Gesellschaft des deutschen Dichterfürsten schon vorher zu genießen in seinem häuslichen Kreise. In einem blauen Fracke und schwarzem Strohhute, ging er mit einem Freunde umher. Nachdem sich alle gesetzt hatten, kam auch er zum traulichen Kreise und gab seinen Theil zur Unterhaltung ..... Ich fand, daß er sehr lebendig beim Sprechen war und über jede Unterbrechung ungeduldig zu werden schien. »Mein lieber Engel!« sagte er zu einem Freunde, der ihm eine wirkliche oder scheinbare Unrichtigkeit zu corrigiren wagte, »Du bist sehr gut, doch laß mich erzählen.«


1826 (?). 
Mit Karl Vogel 


Ich [Julius Schwabe] hatte eines Tages Gelegenheit, mit dem Staatsrath Vogel, der Goethe's Leibarzt in dessen letzten Lebensjahren war und von ihm hochgeschätzt wurde, über Goethe's Herzenseigenschaften zu sprechen. Er erzählte mir, daß Goethe, kurz nachdem Vogel sein Arzt geworden, eines Tages zu ihm gesagt habe: ›Sie kommen als Arzt wol oft in die Wohnungen des kleinen Mannes; sollten Sie irgendwo gewahr werden, daß man einer durch Krankheit in unverschuldete Noth gerathene Familie durch etwas mehr, als ein gewöhnliches Almosen aufhelfen könnte, so theilen Sie es mir mit. Ich bin in solchen Fällen gern zu helfen bereit, soweit ich es vermag.‹ Kurz darauf war Vogel wieder bei Goethe und sagte zu ihm: »Excellenz, ich komme soeben von einem Kranken, für den ich den, von Ihnen so gütig angebotenen Beistand in Anspruch nehmen möchte. Es ist der Tischler N., ein fleißiger braver Mann, der seine zahlreiche Familie bisher redlich durchgebracht hat. Jetzt ist er nach längerer Krankheit der Genesung nahe, sieht aber mit schwerer Sorge in die Zukunft, da er durch seine Krankheit in bittere Noth gerathen ist.« Schweigend ging Goethe an seinen Schreibtisch, nahm eine Fünfzehnthalerrolle heraus und legte sie in Vogel's Hand. ›Hier ist, was ich geben kann,‹ sprach er, ›ich thue es aber mit der Bitte, daß weder der Tischler noch irgend jemand erfahre, wer der Geber ist. Ihre Vermittlung werde ich Ihnen auch in Zukunft danken, aber stets in der Voraussetzung, daß die Sache unter uns bleibt.‹ Noch oft trat diese Vermittlung ein, und nie that Vogel eine Fehlbitte, und die Gabe betrug nie weniger, meist aber mehr, als fünf Thaler.

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