> Gedichte und Zitate für alle: Woldemar von Biedermann : Gespräche Goethes 1814 (54)

2019-10-05

Woldemar von Biedermann : Gespräche Goethes 1814 (54)



1814






1814, 5. Januar.
Mit Friedrich Wilhelm Riemer 


»Die Deutschen sind wiederkäuende Thiere,« sagte G. bei Gelegenheit der Zeitschrift Nemesis und des Unwillens, den Jemand bei diesem Titel geäußert.



1814, 13. Februar. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer



a. 


»Wir sind nicht glücklich durch unsere Tugenden, sondern durch unsere Fehler und Schwachheiten. Wer da meint, daß er durch die Erfüllung einer Tugend glücklich sei, irrt sich. Es ist die Eitelkeit, die ihm noch beiwohnt, eine solche Tugend auszuüben. Sie muß sich von selbst verstehen. Dann macht aber das Gefühl derselben nicht mehr glücklich, so wenig wie Gleichgültigkeit einerlei mit Interesse ist.«


b. 
»Lächerlicher Irrthum, daß wir glauben, wir sollten in andern Welten erst leisten, was bereits dort gegenwärtig schon geleistet wird, etwa wie wenn Ameisen hofften, einst Bienen zu werden, da die Bienen bereits sind und aus sich selbst sich fortpflanzen.«


1814, 26. März. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer 



a. 

»Die Poesie hat den Nachtheil vis à vis der bildenden Kunst, daß sie nicht eusynopton ist; daher Werke von größerem Athem rhapsodienweise vorgetragen werden müssen (auch so verlangt werden), so daß, wenn ein Ganzes auch vorhanden wäre (z.B. Homer), er in Rhapsodien zerlegt werden würde, um ihn zu genießen.«

(Bei Gelegenheit von »W. Meisters« Lectüre, die wir zusammen vorhatten.)

b. 

»Die Menschen sind nur so lange productiv (in Poesie und Kunst), als sie noch religiös sind; dann werden sie bloß nachahmend und wiederholend, wie wir vis à vis des Alterthums, dessen inventa alle Glaubenssachen waren, von uns aber nur, aus und um Phantasterei, phantastisch nachgeahmt werden.«
c. 

»Die Menge der Dichter ist es, die die Dichtkunst herunterbringt in Ansehen und Wirkung.«


1814, 27. März und nahebei. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer 



a. 
»Alle Menschen, die Imagination haben, gehen ins Steile, so die ersten Landschaftsmaler des 16. Seculi. – Scylla und Charybdis liegen nicht so nahe; aber der Poet mußte ins Steile gehen und sie näher bringen, um Effect zu machen.«

b.

»Die Natur ist etwas Incommensurables, und wer sich mit der Natur abgiebt, versucht die Quadratur des Cirkels. Nun fragt sich's nur, wo man den Bruch hinwirft ins gis?«

(Bei Gelegenheit von Heims geognostischen Ansichten.)

c. 

»Die Zahlen sind, wie unsere armen Worte, nur Versuche, die Erscheinungen zu fassen und auszudrücken, ewig unzureichende Annäherungen.«

d. 

»Die Natur macht unser Auge nur ad hunc actum achromatisch.So ist's mit allem. Wir haben Menschenverstand nur ad hunc actum etc.«

e. 

Werner's Ganglehre nannte G. ein Klaffen der Erde, und stellte sich die Sache vor wie die jungen Raben, die zu fressen haben wollen.


1814, März. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer

»Es giebt vegetabile Geister und animale Geister, ohngefähr wie Pflanzen und Thiere, oder Weiber und Männer. Jene verlangen gleichsam einen Boden, in dem sie sich befestigen und ihre Nahrung daraus ziehen (irgend eine Wissenschaft); andere, die frei herumgehen (eleutheroi), alles genießen und zu ihrem Nutzen verwenden: Poeten und Künstler.«

1814, 4. April. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer


Merkwürdige Äußerung Goethes über sich selbst bei Gelegenheit des »Meister«: daß nur die Jugend die Varietät und Specification, das Alter aber die genera, ja die familias habe; an sich und Tizian gezeigt, der zuletzt den Sammt nur symbolisch malte. – Artige Anekdote, daß jemand ein bestelltes Bild nicht für fertig anerkennen wollte, weil er das Specifische darin vermißte.

Goethe sei in seiner »Natürlichen Tochter«, in der »Pandora« ins Generische gegangen, im »Meister« sei noch die Varietät. Das Naturgemäße daran: Die Natur sei streng in Generibus und familiis, und nur in der species erlaube sie sich Varietäten. Daß es gelben und weißen Crocus gebe, das sei eben ihr Spaß; oben und höher hinaus müsse sie's wohl bleiben lassen.

Dies ist dasselbe, was er anderswo so ausdrückte, daß die höhern Organisationen weniger Freiheit hätten, sondern viel bedingter und eingeschränkter wären; die Vernunft lasse die wenigste Freiheit zu und sei despotisch.


1814, 9. April. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer


Interessantes Gespräch über die Neigungen der Eltern, die man in sich verspürt: wir tauschten unsere Selbsterfahrungen gegeneinander aus.


1814, 16. April. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer 


G. sprach von der Franzosen gutem Betragen in seinem Hause, zumal Denon's in Betreff seiner Kunstsachen. Ich bemerkte dagegen: man habe das Gefühl gehabt, wie wenn einen ein Löwe leckt, daß, sobald er Blut spürte, er einen zerreißen könnte.


1814, 27. April. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer


Daß die Weiber, die in der Jugend Charakter haben, wenn die Liebhaber sich verlieren, Schälke werden, an Beispielen nachgewiesen.


1814, 3. Mai. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer


»Hypochondrisch sein heißt nichts anders, als ins Subject versinken. Wenn ich die Objecte aufgebe, kann ich nicht glauben, daß sie mich für ein Object gelten lassen; und ich gebe sie auf, weil ich glaube, sie hielten mich für kein Object.«


1814, 19. Mai. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer

Über der Frau v. Staël neuestes Werk: Sur la litérature allemande.

G. war mit ihrem Urtheil über seine Sachen unzufrieden, da sie ihm nicht nachkommen könne und seine Sachen fragmentarisch erschienen.

Übrigens komme ihm das Ganze doch vor, als wie eine Maria Magdalena oder andere, die im Angesicht der heiligen Dreieinigkeit unter ihrem Mantel die Deutschen als brave Leute, doch arme Sünder, einschwärzen wolle. Von dem Dudelsack der Religion, der angestimmt worden, damit die von H ..... zu N ..... Gewordenen ihren Menuet noch anständig tanzen könnten u. dergl. mehr.


1814, 29. Mai. 
Bei Goethe in Berka


Wir [F. v. Müller und Riemer] tafelten lange bei Goethe. Er schien mir sehr angegriffen durch den Gedanken an das bevorstehende Duell seines Sohnes. Seine Unzufriedenheit über der Frau von Staël Urtheile über seine Werke brach lebhaft hervor. Sie habe Mignon bloß als Episode beurtheilt, da doch das ganze Werk dieses Charakters wegen geschrieben sei. Meister müsse nothwendig so gährend, schwankend und biegsam erscheinen, damit die andern Charaktere sich an und um ihn entfalten könnten, weßhalb auch Schiller ihn mit Gil Blas verglichen habe. Er sei wie eine Bohnenstange, an dem sich der zarte Epheu hinauf ranke. Die Staël habe alle seine, Goethes, Productionen abgerissen und isolirt betrachtet, ohne Ahnung ihres inneren Zusammenhangs, ihrer Genesis. Daher sei ihre Kritik über Schiller so viel besser, weil dessen allmähliche Ausbildung in der chronologischen Folge seiner Stücke klar vorliege.

Riemer mußte den für Halle entworfenen Prolog und das Lobspiel auf Reil vorlesen. Auch von dem unternommenen Stück zu des Königs von Preußen Empfang in Berlin wurde gesprochen.


1814, 30. Mai. 
Bei Goethe in Berka 


Unter häßlichem Regenwetter fuhr ich [v. Müller] nach Weimar, um nach Goethes Wunsch das bevorstehende Duell seines Sohnes mit Rittmeister v. Werthern auf schickliche Weise zu verhindern. Es gelang durch Herrn v. Gersdorfs eifrige Mitwirkung, und dieser fuhr selbst mit mir nach Berka zurück. Nach einem heitern Mittagsmahle gingen wir im Vorsaale auf und ab, in welchem der große ausführliche Plan von Rom aufgehängt war.

Goethe animirte mich sehr zu einer Reise nach Italien. Biester habe sie einst in drei Monaten gemacht. Plötzlich blieb er vor jenem Abbilde Roms sinnend stehen und zeigte auf Ponte molle, über welchen man, von Norden herkommend, in die ewige Roma einzieht. »Euch darf ich's wohl gestehen,« sagte er, – »seit ich über den Ponte molle heimwärts fuhr, habe ich keinen rein glücklichen Tag mehr gehabt.« Und dabei waltete tiefe Rührung über seinen Zügen! »Ich lebte,« fuhr er fort, »zehn Monate lang zu Rom ein zweites akademisches Freiheitsleben; die vornehmere Gesellschaft ganz vermeidend, weil ich diese ja zu Hause schon habe.« Im Fortlauf des Gesprächs erzählte er von einer seltsamen Unterredung mit Lord Bristol, der ihm den durch seinen Werther angerichteten Schaden vorwarf. »Wie viel tausend Schlachtopfer fallen nicht dem englischen Handelssystem zu Gefallen,« entgegnete ich noch derber; »warum soll ich nicht auch einmal das Recht haben, meinem System einige Opfer zu weihen?«

Als er darauf ein herrliches Blatt von Israel von Mecheln (1504), den Tanz der Herodias vorstellend, uns zeigte, setzte er hinzu: »Der Mensch mache sich nur irgend eine würdige Gewohnheit zu eigen, an der er sich die Lust in heitern Tagen erhöhen und in trüben Tagen aufrichten kann. Er gewöhne sich z.B. täglich in der Bibel oder im Homer zu lesen, oder Medaillen oder schöne Bilder zu schauen, oder gute Musik zu hören. Aber es muß etwas Treffliches, Würdiges sein, woran er sich so gewöhnt, damit ihm stets und in jeder Lage der Respect dafür bleibe.«

Wir machten hierauf einen sehr angenehmen Spaziergang vom Bade durch die stillen Wiesengründe bis zur Kohlenhütte vor dem Orte gegen Saalborn zu. Dort setzten wir uns auf Bauhölzer und schwelgten im reinsten ländlichen Naturgenusse. Dann tranken wir Thee in der Hütte am Flusse. Goethe schilderte mit heiterster Laune den verstorbenen D. Bucholz, der sich von der kaiserlichen Akademie der Naturforscher den Namen Plinius Secundus ausbat. »Aber es heißt ja Niemand von der Sippschaft also,« ward ihm erwidert.Beim Abendessen erzählte ich erst meine Posener Abenteuer mit Herrn v. Studnitz, dann die zu Kropstädt in Napoleons Bivouac, im October 1806 und schilderte hierauf des Ministers von Frankenberg possierliche Individualität, wie Goethe die des Fürsten Kaunitz. Man habe z.B. dem letzteren nie vom Tode reden dürfen, und das Ableben des Kaisers Joseph sei ihm nur dadurch hinterbracht worden, daß sein Secretär ihm sagte: »Joseph II. unterschreibt nicht mehr.« Kaunitz hatte eine alte kränkliche Schwester, der er öfters die besten Speisen und besonders Früchte von seiner Tafel zusandte. Dieß setzte er lange fort, als sie schon verstorben war. Goethe hielt Frankenbergs Zerstreuung und karikirtes Wesen ursprünglich für absichtlich angenommene Maske.


1814, Mai (?). 
Mit Karl Eberwein

Im Jahre 1814 bat ich auf Wolff's Anregung Goethe, mir zu erlauben, sein Monodram »Proserpina« zu componiren ..... In wenig Wochen schon, am 4. April, schrieb ich die Ouverture als Schlußstein des Ganzen. Nach Vollendung derselben ritt ich nach Berka an der Ilm, wo eben Goethe im Edelhof sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Mit Vergnügen vernahm er die Lösung meiner Aufgabe und bestimmte einen andern Tag, an dem ich mich mit der Partitur zu einer Probe bei ihm einfinden möchte.

– – – – – – – – – – – – – – –Mit »Proserpina« an dem von Goethe bestimmten Tage angelangt, ließ er sich wegen dringender Geschäfte entschuldigen, daß er mich nicht sogleich empfangen könne; ich möchte indeß promeniren und mich zum Mittagessen wieder bei ihm einfinden .....

Der Geheimrath war allein; die Geheimräthin divertirte sich mit der Ulrich [nachmals verehel. Riemer] in der Residenz. Die beliebten Ilmforellen und Spargel, nach den Regeln englischer Kochkunst zubereitet, zierten das Mahl. Es befremdete mich, daß der Geheimrath seine Lieblingsspeisen nicht mit dem bekannten Wohlbehagen genoß. Die Mittheilungen über die Wirksamkeit des Theaters und was sich sonst seit seiner Entfernung in Weimar ereignet, gewannen ihm höchstens ein beifälliges Lächeln ab. Einige Fragen, die er leichthin an mich richtete, wurden ebenso von mir beantwortet. Meine Gedanken beschäftigten sich allein mit »Proserpina«. So saßen wir, jeder auf eigne Weise in sich versunken, wie es Künstlern in solcher ation zu geschehen pflegt, als sich der Geheimrath erhob. Er führte mich in ein anderes Gemach, wo ein Pianoforte mich erwartete. Einen Sessel, den ich ihm anbot, lehnte er ab. Groß und erhaben stellte er sich mir zur Seite, blickte in die Partitur und half mir während der Ouverture beim Umwenden der Blätter. Hierauf declamirte der vierundsechzigjährige Dichter »Proserpina« mit einer gewaltigen Tiefe der Empfindung, sodaß es mir bald warm bald kalt wurde. Wenn er an geeigneter Stelle in Leidenschaft gerieth, mußte ich, noch nicht die Hälfte seiner Jahre zählend, mich zusammennehmen, damit er mich, den Componisten, nicht überflügele. Der Unterschied der Jahre hielt ihn nicht ab, mir entgegenzukommen, nachzugeben und gefällig zu sein. Bei so inniger Vereinigung der Poesie mit der Musik konnte der Erfolg für mich nicht zweifelhaft sein. Am Schluß erklärte sich der Meister mit der Behandlung seines Gedichts, sowie der Musik vollständig einverstanden. »Proserpina«, fügte er hinzu, wolle er in einer Weise in Scene setzen, wie man noch nichts Ähnliches gesehen habe.


1814, 9. Juni. 
In Berka 


Ich [v. Müller] fuhr mit Riemer und Meyer, der sehr interessante Mittheilungen über die Verhältnisse der Schweiz machte, nach Berka, wo sich Goethe mit Wolf aufhielt. Da das Wetter sich besser zeigte, wandelten wir bis 6 Uhr Abends am Badehause auf und ab und speisten dann unter einem Zelte ..... Dann waren die mancherlei Märchen von Napoleons Krankheit und Thorheiten Gegenstand der Unterhaltung, welche auf der Fahrt nach Elba sich ereignet haben sollten, worüber Goethe ergrimmte und die Behauptung hinzufügte, [der österreichische Feldmarschalllieutenant Baron] Koller werde nie die Wahrheit erzählt haben, außer seinem Kaiser; »so wenig wie ich jemals meine Unterredung mit Napoleon aufrichtig mitgetheilt habe, um nicht zahllose Klatschereien zu erregen.«


1814, 9. Juni. 
In Berka

[Ergänzung zu Nr. 613. Schluß:]
.... Als Wolf die Frage aufwarf, ob die Bayern München behalten würden, da ward Goethe ernstlich ergrimmt.


1813, Ende und 1814 bis Mai. 
Mit Arthur Schopenhauer



a. 
Goethe erzählte mir neulich, er habe am Hofe der Herzogin Amalie viele seiner damals soeben geschriebenen Stücke von den Hofleuten aufführen lassen, ohne daß irgend Einer mehr als seine eigene Rolle gekannt hätte, und das Stück in seinem Zusammenhang allen unbekannt und daher bei der Aufführung auch den Spielenden neu war. – Ist unser Leben etwas Anderes als eine solche Komödie? Der Philosoph ist einer, der willig den Statisten macht, um desto besser auf den Zusammerhang achten zu können.

b. 

Ich sagte einmal zu Goethen, indem ich über die Täuschungen und Nichtigkeiten des Lebens klagte: ›Der gegenwärtige Freund ist ja der abwesende nicht mehr.‹ Darauf er antwortete: »Ja, weil der Abwesende Sie selbst sind und er nur in Ihrem Kopfe geschaffen ist; statt daß der Gegenwärtige seine eigene Indvidualität hat und sich nach seinen eigenen Gesetzen bewegt, die mit dem, was Sie sich eben denken, nicht allemal übereinstimmen können.«

c.

Jetzt, nach 21 Jahren, verstehe ich was Goethe mir 1814 sagte, in Berka, wo ich ihn beim Buch der Stael de l'Allemagne gefunden hatte und nun im Gespräch darüber äußerte, sie mache eine übertriebene Schilderung von der Ehrlichkeit der Deutschen, wodurch Ausländer irre geleitet werden könnten. Er lachte und sagte: »Ja freilich, die werden den Koffer nicht anketten, und da wird er abgeschnitten.« Dann aber setzte er ernst hinzu: »Aber wenn man die Unredlichkeit der Deutschen in ihrer ganzen Größe kennen lernen will, muß man sich mit der deutschen Litteratur bekannt machen.«

d. 

Von bemerkenswerthen Äußerungen Goethes zu Schopenhauer führe ich noch an, daß Goethe einst zu ihm gesagt: so oft er einpaar Seiten im Jean Paul lese, überkomme ihn ein Ekel und er müsse das Buch weglegen.

e. 

[In Maclaurin's ›An account of Sir Isaac Newton's philosophical discoveries.‹ 2d edition. London 1750 hat Schopenhauer Randbemerkungen gemacht. Zu der Stelle S. 257: Thus Sir Is. Newton saw... and that the moon was only a greater projectile that received its motion, in the beginning of things, from the Almighty Author of the universe, worin Sch. die herausgehobenen Worte unterstrichen hat, bemerkte er:] 


1814, um Mitte Juni. 
Mit Friedrich August Wolf u.a.

F. A. Wolf, dessen Gelehrsamkeit und kritischen Scharfsinn er [Goethe] überaus schätzte und bewunderte, wie an seinen geistreichen Einfällen und eigenthümlichen Witzen großes Vergnügen fand, hatte doch besonders zwei Untugenden an sich, die Goethen sehr zuwider sein mußten, obgleich er sie so lange als möglich ohne weiteres ertrug: Widerspruchsgeist, der manchmal soweit ging, daß er sich selbst widersprach – und Ungeduld – die aus Mangel an irgend einem Sachinteresse herrührte; denn von Natur und bildender Kunst verstand er rein nichts und schien jene nur, insofern sie eß-, trink- und sonst genießbar ist, zu schätzen, letztere aber nur als Haus und Zimmer verzierend und meublirend anzuerkennen. Daß nun im ersten Falle auch ihm widersprochen, seine Argumente persiflirt oder durch Paradoxien übertrumpft wurden, sodaß am Ende die Sache durch Übertreibung von beiden Seiten lächerlich wurde und der Streit noch ziemlich gut in Spaß und Scherz sich auflöste, davon war ich selbst Zeuge, und Goethe er zählt mit großer Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe die Gegenstände ihrer Debatten in seinen »Tag- und Jahresheften« und in den Briefen an Zelter.

Eine ebenso heitere Geduldsprobe hatte Goethe seinem Freunde bei einem Besuch in Berka bereitet. Goethe arbeitete eben an seinem »Epimenides« und ließ zum Behuf seines gegenständlichen und anschaulichen Dichtens, das zur Anfertigung eines opernartigen Dramas des musikalischen Elements bedurfte, von dem dortigen ausgezeichneten Pianisten und Organisten, dem Badeinspektor Schütz, sich mehrere Musikstücke, meist Bach'sche Sonaten vortragen, die er mit ganz derem Ausdruck und ungemeiner Fertigkeit wiederzugeben verstand. Unter denselben war auch eine, die wir nur mit dem Namen »das Trompeterstückchen« bezeichneten, und deren eigentliche Benennung ich nicht näher anzugeben weiß. Genug – es war eine wunderbare, die Imagination ansprechende einfache Melodie, eine Fanfare, die aber durch Variationen so ins Weite, ja Endlose getrieben wurde, daß man den Trompeter nicht nur bald nah, bald fern zu hören, sondern ihn auch ins Feld reitend, bald auf einer Anhöhe haltend, bald nach allen vier Weltgegenden sich wendend und dann wieder umkehrend zu sehen glaubte, und sich wirklich Sinn und Gemüth nicht ersättigen konnte.

Nun war den Mittag über Tische schon viel von antiker und moderner Musik die Rede gewesen, wobei Wolf, wie vorauszusehen, die Partie der Alten nahm, viel von den antiken Silbenmaßen sprach, nach Tische auch die Theorie der Trochäen vortrug und sie durch Beispiele aus dem Äschylus erläuterte. Nun setzte er sich auch ans Clavier und spielte und sang »antike Musik«, – wie er sagte – mußte aber, da ein neuer Streit entstand, darin nachgeben, »daß er im Takte noch modernisire«.

Nach dem Abendessen mußte der Organist spielen und nach mehreren Sonaten kam auch das Trompeterstückchen dran. Der Tag war heiß gewesen, man hatte lange im Freien gesessen, viel und vielerlei gesprochen; das Zimmer war klein und noch dazu im Mansard und wir Hausgenossen sämmtlich zugegen. Das Stück war einmal durchgespielt; Goethe machte seine Bemerkungen darüber; Wolf schien nicht eben sonderlich erbaut und sich vielmehr nach Ruhe umzusehen. Da forderte Goethe den Musiker zu einem Dacapo auf, und nachdem dieses geleistet war, zu nochmaligem, als gelte es einen musikalischen Schlaftrunk, und wieder zu nochmaligem; ja er würde nach diesem fortgefahren haben, nun aber riß Wolfen die Geduld, er brach in Verwünschungen des Stücks aus und, Schläfrigkeit vorschützend, entfernte er sich eiligst.


1814, Ende Juni oder Anfang Juli. 
Über Frederik Christian Sibbern


Goethe ist es, der Ihrer sehr freundlich gegen Zelter gedacht.


1814, 22. Juli. 
Mit Friedrich Wilhelm Riemer


»Die Wirklichkeit hat nur Eine Gestalt, die Hoffnung ist vielgestaltet.« 1814, Ende Juli.



In Wiesbaden


Als Goethe 1814 in Wiesbaden verweilte, erregte er dadurch Anstoß, daß er trotz der damaligen Verfehmung alles Napoleonischen den Orden der Ehrenlegion angelegt hatte. Jemand unternahm es, ihm von der allgemeinen Mißstimmung Kenntniß zu geben, worauf Goethe mit den Worten: »Das Pentagramma macht Dir Pein?« den Orden abnahm und in die Tasche steckte.


1814, 8. August. 
Mit Jean de l'Aspée


Soeben werde ich zum zweiten Male zu Geheimrath Goethe gerufen. Ich freute mich außerordentlich, daß er sagte, es wäre ihm lieb, wenn er meine Schule besuchen dürfte. Er kommt morgen oder übermorgen. Er fragte, ob ich selbst bei Pestalozzi gewesen. Sonst konnte ich nicht viel über die Methode mit ihm reden, aber in meiner Schule, wenn er die facta nicht absprechen kann, muß es gehen; auch suchte ich gar nicht, mit ihm über die Methode zu reden, bevor er in meiner Schule war.


1814, 9. August. 
In de l'Aspées Schule 


Soeben, 9. August, läßt sich Goethe melden; es ist halb elf Uhr. Wie freue ich mich! Wenn mir's nur gelingt, daß ich auch vom Guten Gutes, vom Großen Großes sagen kann. Gott helfe mir! Jetzt setze ich zwei Stühle. Er kommt! Adieu! – Er ist soeben und, wie ich glaube, mit großer Zufriedenheit weg. Er blieb bis 1 Uhr. In der Grammatik fragte er manches selbst; besonders interessirte ihn die Kopfalgebra und überhaupt das Kopfrechnen, aber über alles ein Examen über deutsche Sprache. Ich aber fürchtete, das Ganze erscheine ihm als Prunk. (Um zu verhüten, daß die frappanten Resultate dem Uneingeweihten als diggelerntes und mechanisch Eingeübtes erscheinen, forderte de l'Aspée jeden Fremden und so auch Goethe zum Selbstexaminiren auf). Als er erfreut sagte, (berichtet der wackere Pädagoge weiter) ich möchte doch selbst fortfahren, nahm ich eine neue Sprachseite, von der meine Kinder noch nie etwas gehört hatten, was sie selbst auch laut vor ihm bekannten. Vorerst muß ich sagen, daß sie mir selbst neu war. Aber alles gelingt mir nur mit den Kindern und zwar dann am allerbesten, wenn ich mich in einem für die Methode entscheidenden Augenblick dazu auffordere oder dazu aufgefordert werde ..... Weil mir dieses schon so oft, wie ich glaube, gelungen ist, fürchtete ich mich auch nicht vor Goethe, und die Kinder zeigten sich so kräftig und selbstständig, daß sich Goethes Gefallen an der Sache zunehmend zeigte. Soeben erfahre ich, daß Goethe zum zweiten Mal kommen will, so gut habe es ihm gefallen. Er hat wenig geredet, aber viel über den Gang gefragt. Überhaupt halten die meisten Leute anfangs nichts auf den Gang, sobald sie aber die Kraft gesehen haben, wollen sie nun diesen wissen. Mit ihm waren Oberbergrath Cramer und Fräulein v. Hertling hier. – Goethe sandte dann zur Vertheilung unter die Zöglinge eine Anzahl Exemplare von »Hermann und Dorothea« als Zeichen seiner Zufriedenheit mit ihnen.

1814, September. 
Mit Philippine Lade

Freundlich und bereitwillig erzählte mir [Maria Belli-Gontard] am 26. Juni 1820 Fräulein Philippine Lade selbst folgendes über ihre Bekanntschaft mit dem großen Dichter. Sie war zu Besuch bei den beide Töchtern des Bergraths Cramer in Wiesbaden und die drei jungen Mädchen allein im Zimmer, scherzend und plaudernd. Plötzlich geht die Thüre des Nebenzimmers auf und in derselben steht ein schöner alter Herr. »Ei!« sprach er – »das ist ja eine hübsche junge Gesellschaft; es war da eine Stimme, die mich anzog.« – Darauf erkundigte er sich bei der einen der beiden Schwestern, ob sie sänge, und auf ihre bejahende Antwort ersuchte er sie um ein Lied. Auch die zweite mußte singen, Fräulein Lade aber antwortete, daß sie nicht musikalisch sei. »Das ist die Stimme!« rief Goethe sogleich nach diesen Worten und dann fragte er: »Kennen Sie die Werke Goethes?« – »Nein« antwortete sie; »die ziehen mich nicht an.« – »So! Welchen Schriftsteller lieben Sie denn besonders?« – »Schiller!« rief Fräulein Lade; »den liebe ich über alles. Ich kann das Meiste von ihm auswendig.« – »Hoho!« meinte Goethe; »dann declamiren Sie mir einmal etwas – z.B. den Anfang der ›Braut von Messina‹.« Fräulein Lade erröthete betroffen, begann aber »Nicht eigne Wahl« – und sprach den ganzen Monolog ohne Anstoß. Goethe klatschte Beifall und bat sie dann noch um den »Taucher«.

Nachdem sie auch die Ballade gesprochen, bemerkte Goethe: ihre Bewegungen mit den Armen seien zu heftig gewesen, bei einer Ballade passe sich das nicht. Sie mußte wiederholen und dabei eine Stuhllehne festhalten; bei den Hauptscenen jedoch wackelte der Stuhl gewaltig.

An dem Tage mußte Fräulein Lade stets an Goethes Seite bleiben und bei Tische neben ihm sitzen, wodurch sie natürlich, obwohl noch im Alter des Backfisch, ein Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit wurde.

Goethe beschäftigte sich von da an viel mit Fräulein Lade. Es war im Jahre 1814; er gebrauchte die Cur in Wiesbaden und hatte seinen eigenen Wagen bei sich. Täglich fuhr er mit ihr spazieren und nahm sie mit ins Theater. Dann mußte sie ihm ihre Meinung sagen, wenn ihr etwas gefiel oder mißfiel, und weshalb, wobei Goethe es sich dann angelegen sein ließ, ihren Geschmack zu läutern und zu bilden. Natürlich gewann er dadurch an dem jungen Mädchen eine enthusiastische Verehrerin. – Auf einer Landpartie nach Jörgenborn bei Schlangenbad mußte Fräulein Lade wieder neben ihm im Wagen sitzen, und da sie später eine Skizze nach der Natur machte, wünschte er diese zu sehen und fing an zu kritisiren. »Ach! Sie können alles besser machen, als ich!« rief Fräulein Lade, nahm ihm das Blatt aus der Hand und zerriß es, wahrscheinlich ein wenig gereizt. »Aber eins kann ich, was Sie nicht können!« und damit lief Sie rasch einen steilen Weinberg hinan – Goethe ihr nach. Auf der Höhe aber stolperte er und fiel an dem steilen Abhang zu Boden. Mit beiden Händen klammerte er sich an, bis auf des jungen Mädchens Geschrei einige Herren von der Gesellschaft herbeieilten und ihn aus seiner gefährlichen Lage befreiten. Fräulein Lade zerfloß in Thränen, Goethe aber lachte und suchte sie zu beruhigen.

Beim Abschied nahm Goethe dem Secretär Lade das Versprechen ab; ihn mit seiner Tochter in Weimar zu besuchen. Fräulein Lade hat Goethe nicht wiedergesehen.


1814, zwischen 1. und 8. September. 
Bei Johanna Antonia Josefa Brentano


Eines Tages auch saß Goethe neben mir bei Tisch, und als der Bediente irgend eine ungeschickte Bewegung mit einem Präsentirbret machte, sprang ich auf, ihm gleichsam als Hülfe die Arme entgegenstreckend; da schob mich Goethe abwehrend auf meinen Stuhl zurück und sagte ruhig: »Man muß nicht immer und überall Hausfrau sein wollen.« – Er hatte sehr recht, und ich habe es mir mein Lebtag gemerkt; denn wenn man manchmal seine Ruhe bewahrt bei irgend einer Ungeschicklichkeit, so merken es die Gäste nicht, während durch irgendeine bung der Hausfrau gerade die Aufmerksamkeit derselben auf den unerwünschten Zwischenfall geleitet wird.


1814, zwischen 24. September und 9. October. 
In Heidelberg

a. 

Nun laß mich Dir [Dr. Schmitz] von Goethe erzählen; daß er volle vierzehn Tage bei uns [den Brüdern Boisserée] gewohnt hat, wirst Du wissen, daß wir aber durch diesen längern Umgang, der in jeder Hinsicht sehr lehrreich und erfreulich für uns war, sein ganzes Vertrauen erworben und ein sehr enges Verhältniß mit ihm geknüpft haben, weißt Du noch nicht. Es ist die Rede davon, über unsere Sammlung, über unser Bemühen um das altdeutsche Bauwesen, und über die Art und Weise, wie wir dazu gekommen, eine eigene kleine Schrift zu schreiben. »Ei der Teufel« (sagte er mir mehrmal), »die Welt weiß noch nicht, was Ihr habt, und was Ihr wollt, wir wollen's ihr sagen, und wir wollen ihr, weil sie es doch nun einmal nicht anders verlangt, die goldenen Äpfel in silbernen Schalen bringen; wenn ich nach Haus komme, mache ich ein Schema, das schicke ich Euch, damit Ihr Eure Bemerkungen dazu machen und sehen könnt, was für Materialien mir allenfalls noch abgehen, die schickt Ihr mir, die Redaction behalte ich, und es müßte seltsam zugehen, wenn wir nicht etwas recht Schönes zu Stande brächten; es ist schwer, so was zu schreiben, aber ich weiß den Weg ins Holz, laßt mich nur machen, um Ostern komme ich wieder, dann bringe ich es mit, und ist's Euch recht, so lassen wir es bei Mohr und Zimmer drucken.«

Ich theile Dir hier nur das Resultat, und zwar recht in Bausch und Bogen mit; denn sonst hätte ich Dir so viel zu schreiben, daß ich nicht fertig würde, Du kannst Dir nun das Übrige ziemlich denken. Um recht zu begreifen, welchen gewaltigen Eindruck unsere Bilder auf den alten, rüstigen Freund gemacht haben, mußt Du wissen, daß er nie einen Johann van Eyck, und überhaupt außer Cranach und wenige Dürer keine altdeutschen Bilder gesehen hatte. »Ach Kinder,« rief er fast alle Tage aus, »was sind wir dumm, was sind wir dumm! wir bilden uns ein, unsere Großmutter sei nicht auch schön gewesen; das waren andere Kerle als wir, ja Schwernoth! die wollen wir gelten lassen, die wollen wir loben und abermals loben! Die verdienen, daß Fürsten und Kaiserinnen, daß alle Nationen kommen, und ihnen huldigen!« – Jeden Tag, nur einige, wo wir uns mit dem Bauwesen beschäftigten, ausgenommen, war er morgens um acht Uhr im Bildersaal und wich nicht von der Stelle, bis zur Mittagszeit, da wurde dann alles besprochen, und mußten wir ihm alles Geschichtliche und unsere Ansichten und Bemerkungen sagen, wogegen wir die seinigen hörten. Er war mit unsrer ruhigen, philosophisch-kriti schen Betrachtung der Kunstgeschichte sehr zufrieden, und ich kann sagen, daß ich über den Gang der Kunstgeschichte recht viel von ihm gelernt habe. So wie wir jetzt mit einander stehen, denke ich noch manches von dem alten Meister zu lernen, besonders im Schreiben; ich habe schon mit ihm darüber gesprochen, und ich werde ihm nächstens den Entwurf zu einer Abhandlung schicken, damit er mir seine Bemerkungen macht.

b. 

Wie Goethe sich in die farbenprächtige und wahrheitsvolle Idealwelt dieser altdeutschen Bilder [der Boisserée'schen Sammlung], in die überraschende Ursprünglichkeit ihrer Gedanken hineinlebte und über die empfangenen Eindrücke sich äußerte, ist für den alten Herrn im hohen Grade charakteristisch. Er betrachtete die Bilder nicht wie sie eins neben dem andern an der Wand hingen, er ließ sich immer nur eins, abgesondert von den andern, auf die Staffelei stellen und studirte es, indem er es behaglich genoß und seine Schönheiten, unverkümmert durch fremdartige Eindrücke von außen, sei es der Bilder oder Menschenwelt, in sich aufnahm. Er verhielt sich dabei still, bis er des Gesehenen, seines Inhalts und seiner tieferen Beziehungen Herr zu sein glaubte, und fand er dann Anlaß, Personen, die er liebte und schätzte, gegenüber seinen Empfindungen Ausdruck zu geben, so geschah es in einer Weise, die alle Hörer zwang. – Es war vor dem Bilde der Anbetung der heiligen drei Könige [von Johann Schwarz?], das damals für einen Van Eyck galt, da sagte er: »Das ist lauter Wahrheit und Natur; man kann von der Ruine zum Bilde und umgekehrt vom Bilde zur Schloßruine wandern und fände sich hier wie dort in gleich ernster Art angeregt und gehoben.« – »Da hat man nun,« äußerte er ein ander Mal, »auf seine alten Tage sich mühsam von der Jugend, welche das Alter zu stürzen kommt, seines eignen Bestehens wegen abgesperrt, und hat sich, um sich gleichmäßig zu erhalten, vor allen Eindrücken neuer und störender Art zu hüten gesucht, und nun tritt da mit einem Male vor mich hin eine ganz neue und bisher mir ganz unbekannte Welt von Farben und Gestalten, die mich aus dem alten Gleise meiner Anschauungen und Empfindungen herauszwingt – eine neue, ewige Jugend; und wollte ich auch hier etwas sagen, es würde diese oder jene Hand aus dem Bilde herausgreifen, um mir einen Schlag ins Gesicht zu versetzen, und der wäre mir wohl gebührend.« ..... – »Wie ganz anders muß zu Eyck's Zeit,« sagte er, »das Kunstleben und die Kunstliebe geblüht haben! Jetzt verschlingt der schlechte Luxus alles.« Und vor dem Bilde des Todes der Maria, das man für einen Jan Schoorel hielt, bemerkte er treffend: »aus dem schlägt uns die Wahrheit wie mit Fäusten entgegen!« – Die Bezeichnung »byzantinisch-niederrheinisch«, welche Goethe auf diese Bilder, namentlich das der heiligen Veronica anwandte, war nur eine unglückliche, keineswegs eine solche, wie man hat ten wollen, die ihn verhindert hätte, das Richtige zu erkennen; er nannte eben byzantinisch, was eine spätere, kaum weisere Schulsprache mit »romantisch« glaubte benennen zu müssen, und mit den bestimmtesten Worten sprach er es ebenso mündlich aus, wie er es schriftlich im 1. Heft von »Kunst und Alterthum« wiederholt gethan hat, daß in diesen Kölnischen und andern niederrheinischen Bildern eine Kunstentwickelung von solcher Selbständigkeit und so sehr von ächt deutschem Sinn und Ursprung gegeben sei, daß wir nicht nöthig hätten, italienischen oder andern fremdländischen Einfluß anzunehmen. In jenen geweihten Augenblicken, wo er vor den Bildern saß, ließ Goethe sich nur ungern durch Besuche stören, denen er ein tieferes Interesse daran nicht zutraute, und wie schätzbar die Personen ihm sonst auch sein mochten, er suchte sich ihrer auf irgend eine zulässige Art zu entledigen. Wenige Tage nach seiner ersten Ankunft (es wird am 26. September gewesen sein), ließ Frau v. Humboldt sich bei den Boisserées melden, als eben Goethe in der Sammlung vor dem Bilde des heiligen Lukas, der die Madonna mit dem Kinde malt [von van Eyck], saß. »Es steht Ihnen eine Überraschung bevor,« sagte Bertram, als er zu Goethe ins Zimmer trat. »Eine Überraschung? Herr! Sie wissen, wie sehr ich die Überraschungen liebe. Wer ist es?« »Frau v. Humboldt!« »F-r-a-u v-o-n H-u-m-b-o-l-dt? Sie möge kommen!« Und dabei veränderte sich Goethes Gesicht von oben bis unten, indem es die langweiligste Grimasse annahm, Frau v. Humboldt öffnete die Thüre, und die Arme ausbreitend rief sie: »Goethe!« Dieser erhob sich ruhig von seinem Sessel, bat sie, sich neben ihn zu setzen. »Wissen Sie, wie man Salmen fängt?« fragte er. »Nein!« erwiderte ganz verwundert über solchen Empfang Frau v. Humboldt. »Mit einem Wehr fängt man sie,« fuhr er fort. »Sehen Sie! solch ein Wehr haben diese Herren« (auf Boisserées zeigend) »mir gestellt, und sie haben mich gefangen. Ich bitte Sie: machen Sie sich schnell auf und davon, daß es Ihnen nicht geht, wie mir. Ich bin nun einmal gefangen und muß hier sitzen bleiben und anschauen, aber das wäre nichts für Sie. Machen Sie also, machen Sie, daß Sie fortkommen.« – Frau v. Humboldt, die nicht gekommen war, Bilder anzuschauen, sondern in dem großen Mann einen alten Bekannten zu begrüßen und mit ihm zu plaudern, sah sich wider ihren Willen gleichsam zur Thür hinausgeschoben und entfernte sich, worauf Goethe zu seinen Freunden sagte: »Nun kommen Sie! Jetzt soll uns nichts mehr stören.« Doch verschmähte es Goethe nicht, die Huldigung der geistreichen Frau bei gelegenerer Zeit anzunehmen, als er in den nächstfolgenden Tagen zweimal bei ihr in Abendgesellschaft erschien.

Wiederholt war Goethe auch im Hause bei Voß, dem Übersetzer des Homer, den er vor vielen hochschätzte. Die schlichte Gutmüthigkeit der Hausfrau des berühmten Professors gab Anlaß zu manchem launigen Scherz. Goethe folgte ihr überall hin willig, als sie ihn bei seinem ersten Besuch an allen Orten und Enden ihres Hauses herumführte und ihm auch das unbedeutendste Winkelchen, zuletzt selbst den Gänsestall unter der Treppe zeigte. »Sie sind ja nun einmal ein Mann, der in allen Dingen Bescheid weiß,« sagte sie, als er das nächste Mal wiederkam, »und so mögen Sie denn auch einen Streit schlichten, der zwischen mir und meinem Mann über ein Stück Camelot entstanden ist.« »Nun, so bringen Sie das Zeug her!« rief Goethe. Sie brachte es, indem sie bemerkte: »Mein Mann will einen Schlafrock daraus haben und ich einen Vorhang für sein Büchergestell; ich halte das letztere für nöthiger, weil die Bücher durch den Staub zu Grunde gehn.« »Ei was!« erwiderte Goethe, »was zanken Sie sich darum! Theilen Sie das Stück und machen Sie Ihrem Mann statt des Rocks nur ein Camelotjäckle, und aus dem andern Stück können Sie ein Vorhängle für die Bücher machen.«

Bald darauf kam Voß zu den Boisserées, als sich gerade Goethe im Bildersaal befand. Man meldete diesem seine Ankunft. »Laßt ihn nur herein!« rief Goethe; »dem will ich sein Camelot anstreichen!« Als Voß eingetreten war, begann Goethe mit ihm angesichts der Bilder über den Unterschied der bildenden und dichtenden Kunst zu sprechen, wobei gar manches geistreiche und treffende Wort gewechselt wurde, und zwar soll, was Goethe bei dieser Gelegenheit über Wesen und Zweck der bildenden Kunst sagte, über alle Beschreibung köstlich gewesen sein. Er erkannte halb im Scherz, halb im Ernst der bildenden Kunst den Vorzug zu, indem er fortfuhr: »Ich bin ein großer Freund von Homer, das wissen Sie, und von Ihnen kann ich ein Gleiches sagen. Wenn Sie nun heute damit zu mir kommen, so bin ich es auch zufrieden und höre es abermals an, wenn Sie aber das dritte Mal kommen, so sage ich: Laufen Sie zum Teufel! Schenkt man Ihnen aber einen ächten Raphael, oder auch nur eine gute Copie eines solchen, so hängen Sie das Bild gewiß dahin, wo Sie es alle Tage sehen können, und Sie werden es, sooft Sie davortreten, mit immer neuem Vergnügen betrachten. Das ist der Unterschied der Poesie und der bildenden Kunst, daß diese auf solche Weise immer neu, frisch und lebendig vor unsre Sinne tritt.« Voß wußte hierauf nichts zu antworten. »Wäre ich an seiner Stelle gewesen,« sagte Goethe, indem er dies erzählte, »ich würde schon gewußt haben, was ich antworten soll.«

c. 

Bertram ..... wußte auch sonst wohl gar manches lustige Geschichtlein von Goethe ... zu erzählen, das dem Gedächtniß erhalten zu werden verdient ..... Jeden Abend, erzählte Bertram, ließ Goethe seinen Bedienten zu sich auf die Stube kommen, um Rechnung mit ihm abzuhalten über alle Ausgaben des Tags, die größten wie die kleinsten, und für den folgenden Tag den vorläufigen Etat im Ausgabebuch festzustellen. Als Bertram über diese haushälterische, dem Materiellen zugewendete Sorgfalt des Dichters seine Verwunderung äußerte, sagte Goethe: »Wenn die Prosa abgethan ist, kann die Poesie um so lustiger gedeihen. Man muß sich das Unangenehme vom Halse schaffen, um angenehm leben zu können, und der Schlaf bekommt nur um so besser.«

– – – – – – – – – – – – – –

Aus den früheren Mittheilungen wissen wir, daß Goethe in Heidelberg allmorgendlich die Schloßruine besuchte. Dorthin wünschte er gleich am andern Tage nach seiner Ankunft [25. September] geführt zu werden, doch so, daß es kein Aufsehen errege, da man ihm, wie er vernommen, schon überall auflaure. Die Boisserées versprachen ihn durch den Thibaut'schen Garten dorthin zu bringen, was auch geschah. Sie begleiteten ihn ein Stück Weges hinauf und ließen ihn dann allein, wie es sein Wunsch war. Inzwischen hatte oben auf der Bank schon ein anderer Gast platzgenommen; dies war Schwarz, der Geheime Kirchenrath und Verfasser des bekannten Werkes über die Erziehungslehre, der zufälligerweise erfahren hatte, daß Goethe in Heidelberg sei und früh die Schloßruine besuchen wolle. Er war ihm auf diese Weise zuvorgekommen, und als Goethe erschien, redete er denselben auch sogleich an und pries sich glücklich, ihn endlich zu sehen und fragen zu können, was er denn eigentlich mit dem »Wilhelm Meister« beabsichtigt habe; er habe ihn gewiß für ein Erziehungsinstitut geschrieben. Goethe, der dem unzeitigen Frager nicht ausweichen konnte, fügte sich in das Unvermeidliche, indem er erwiderte: »Das habe ich bisher selbst nicht gewußt, doch nun leuchtet es mir vollkommen ein; ja, ja! ich habe den ›Wilhelm Meister‹ für ein Erziehungsinstitut geschrieben, und ich bitte Sie, dies ja überall in der Welt bekannt zu machen.« – Schwarz war entzückt über die neue Entdeckung und lief sogleich in ganz Heidelberg umher, um seinen Bekannten mitzutheilen, daß Goethe nun wisse, warum er den »Wilhelm Meister« geschrieben habe.Goethe pflegte in Heidelberg die Sonnenuntergänge von der Höhe einer Pfarrei herab zu beobachten und bei dieser Gelegenheit seinen Gefühlen im Anblick des erhabenen Naturschauspiels dem ihn begleitenden Freunde Sulpiz Boisserée gegenüber in der ergreifendsten Weise Ausdruck zu geben. Man wußte das in der Stadt. Als nun eines Abends Goethe wieder einmal mit seinem Freunde die Höhe hinanstieg, um die Sonne untergehen zu sehen, hatten ein paar Frauenzimmer, die ihn dabei zu belauschen wünschten, sich hinter das Gebüsch versteckt. Goethe bemerkte sie, that aber nicht, als ob dies der Fall sei, und als er oben angekommen war, begann er einen so abschreckenden Sermon über das Altwerden der Sonne, die anfange, fahl und bleich auszusehen, daß es nicht lange dauerte, und die Gestalten hinter dem Busch waren verschwunden. Nie war, erzählte Sulpiz später seinen Bekannten, Goethe größer, seelenvoller in seinen Betrachtungen, als an diesem herrlichen Abende, nachdem die unberufenen Lauscherinnen sich entfernt hatten.

Wir wissen aus Goethes eignen Bekenntnissen, daß er jede Maske, auch die des liberalistischen Indifferentismus annehmen konnte, um sich dahinter gegen Pedantismus und Dünkel zu schützen. »Es kommt nur auf mich an,« sagte er eines Tags bei den Boisserées, »mit jeder Gesellschaft, wie sie auch sei, in guter Art fertig zu werden. Vermuthe ich in ihr einfältige und dumme Leute, so stelle ich mir vor, daß es lauter geistreiche seien, dann erhebe ich sie zu mir und zwinge sie, auch ihren Geist leuchten zu lassen; und umgekehrt, wenn ich zu jemandem komme, der sich einbildet, mehr zu sein und zu wissen, als die andern Menschenkinder, dann denke ich mir das Gegentheil und behandle ihn auch so, indem ich ihn beschäme und nöthige, seine Nase nicht mehr so hoch zu tragen.«

Goethe suchte alles, was in Leben und Dichtung ihm entgegentrat, möglichst unter dem ästhetischen Gesichtspunkt zu fassen. »Wenn etwas auch nicht schön ist,« pflegte er zu sagen, »so müssen wir doch soviel Phantasie haben, es schön zu finden.«

Zudringlichkeit und Hochmuth waren ihm so verhaßt, als Gespreiztheit und Ziererei. Als Frau v. Humboldt in geselligem Kreise ihn fragte, ob sie ihm nicht ihr Töchterlein vorführen dürfe, die gerade etwas declamiren wollte, brummte er ein verdrießliches »Ja!« Die Kleine trat auf und declamirte mit vieler Selbstgefälligkeit Stücke aus der »Jungfrau von Orleans« und »Maria Stuart«. Goethe saß dabei, mürrischen Gesichts vor sich hinsehend, ohne ein Wort zu sagen. Als sie fort waren, rief er: »Welche Unverschämtheit! wäre dieser kleine Balg nicht werth, daß man ihm die Ruthe applicirte? Stellt sie sich so keck vor mich hin und declamirt mir diese Geschichten vor!«

Einst war Goethe zu Voß eingeladen. Als sie bei Tisch saßen, wird Voß herausgerufen, und führt verabredetermaßen einen jungen Dichter, Kunz mit Namen, der für Almanachs gearbeitet hatte, herein, stellt ihn vor und setzt ihn neben Goethe. Dieser Kunz war, ich weiß nicht mehr aus welchem kleinen Staate. Goethe ergriff das Wort und sagte: »Nun, Ihr Fürst ist ein strenger Herr: es soll schwer halten, dort einen Paß zu bekommen. Könnten Sie mir wohl einen solchen zeigen?« »O ja wohl! Sehr gern!« Und damit holte Kunz aus der Seitentasche seines Rockes den Paß. »Bitte, leihen Sie mir ihn bis morgen!« sprach Goethe; »es ist doch ein merkwürdiges Stück; das muß ich ein wenig sorgfältiger mir anschauen.« Wer war glücklicher, als der junge Dichter? Er sah sich schon bei Goethe, eingeladen von ihm und seines Schutzes theilhaftig. »Wissen Sie,« sagte Goethe später zu einigen seiner Gäste, die sich über diese Paßliebhaberei wunderten, »warum ich mir das Papier geben ließ? Ich sah aus Kunz's andrer Rocktasche ein Packet Gedichte gucken, und lieber wollte ich den Paß lesen, als die.«

Goethe las sehr gut, aber selten vor; es war daher großer Jubel im Hause bei den Boisserées, als er ihnen ankündigte, daß er in der nächsten Abendgesellschaft etwas von sich vorlesen wolle. Melchior meldete dies Bertram mit dem Bedeuten, daß er dabei erscheinen müsse. Bertram antwortete: »Laßt mich nur machen!« und begab sich zu Goethe, indem er sagte: »Muß ich heut Abend erscheinen?« »Muß ich heut Abend erscheinen – was heißt das?« fragte dieser. »Ich muß Ihnen gestehen, Herr Geheimrath,« erwiderte Bertram, »daß Sie mir keinen größeren Possen spielen können, als wenn Sie etwas vorlesen: ich habe keine Ruhe dazu, es mit anzuhören.« »Gehen Sie ohne Gewissensbisse in pace!« antwortete Goethe, indem er die Arme zu einem Kreuze übereinander legte.

Der Professor des Civil- und Criminalrechts Christoph Reinhard Martin in Heidelberg hatte einen schönen Garten, wohin Goethe öfter kam, als er sich in jener Stadt aufhielt. Sie saßen beide im Gartenhause; Martin klagte, daß man die schönen hohen Waldbäume in der Nähe seines ländlichen Sitzes auf Befehl der Regierung habe abschlagen lassen und hielt letzterer gerade keine Lobrede. »Wie lange dauert es denn,« fragte Goethe, »bis die Bäume wieder herangewachsen sind?« »Ja, eben das ist's! Mindestens zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre,« antwortete Martin. »Nun!« sagte Goethe, »dann haben Sie ja noch lange Zeit, um sich wieder zu ärgern.«

d. 

Du [Frh. v. Truchseß] forderst einen Jubelbrief über Goethe, aber den kann ich nun nicht mehr schreiben, da die Jubelperiode vorüber ist und der Jubelsenior fern. Das hätte unter seinen Augen geschehen müssen. Goethe ist volle vierzehn Tage bei uns gewesen und hat bei den Brüdern Boisserée, eigentlich wohl bei ihren Gemälden gewohnt. Sein erster Besuch war bei meinen Eltern, und er kam so freundlich und zutraulich wie in den ersten Jenaer Zeiten. Am folgenden Tage gingen die Schmausereien an, und wenn so was im Gang ist, hört es nicht auf. Auch wir Professoren nebst einem Anhange von Beamten, Ärzten u.s.w. gaben ihm einen gemeinschaftlichen Schmaus im Karlsberge. So hat ihn denn jeder nach Herzenslust sehn können; genossen haben ihn nur wenige; denn beim Essen und Trinken, besonders wo Gaffer herumstehn, ist Goethe ein Mann wie unsereins. Nur zweimal kam ich dazu, ein trauliches Wort mit ihm zu sprechen, und sah zu meiner Freude, daß er mir und meinem Treiben noch hold ist. Besonders herzlich war er gegen mich, als ich ihm am Tage vor seiner Abreise [also 8. October] einen Morgenbesuch machte. Wir sprachen viel über Calderon. Auch er ist entzückt von Gries' Übersetzung; auch er bewundert mehr das wollüstige Farbenspiel, als die Charakteristik Calderon's, in der er weit unter Shakespeare stehe. In den Intriguenstücken sei er besonders Meister, und hier müsse der Deutsche noch recht bei ihm in die Schule gehn. Daß die Heidelberger über Goethe entzückt sind, versteht sich. Alt und jung preist seine Leutseligkeit, und jeder verwahrt sorgfältig die ihm zugeworfenen Geistesbrocken, wenn sie auch noch so mager sind. Sogar mein College Moser, der aus einem deutschen Barbier ein lateinischer Professor der Medicin geworden, ist seines Gespräches gewürdigt. »Wir haben über den ›Faust‹ gesprochen,« sagte er mir. »Und ich mit ihm über die Feldmäuse,« antwortete ich ganz ernsthaft. Ein anderer, ein Mann von Geschmack und ästhetischer Bildung, fing an über den Barbarismus zu radotiren, womit die Handschuchsheimer den schönen Heiligenberg niedergeholzt hätten. »Beruhigen Sie sich,« sagte Goethe; »in einigen Jahren ist er wieder grün, und dann hat Ihr Ärger volle 22 Jahre Ruhe; denn so lange muß er nach forstlichen Regeln schon grün bleiben.« Der Philister guckte Goethen an und schien an seinem Geschmacke ganz irre zu werden. – Daß Goethe sich mit manchen zu seiner Gemüthsergötzung unterhalten hat, ahndet mancher nicht. Andere dienten dazu, seinen Schatz von Menschenkenntniß zu erweitern, oder seine Phantasie mit irgend einer Personage für ein zukünftiges Fastnachtsspiel zu bereichern.


1814, zwischen 26. September und 2. October. 
Mit Wilhelm Grimm 


Einst saß er lange Zeit schweigend vor dem großen Bilde Johann's von Eyck, das in fortschreitender Folge Christi Verkündigung, Geburt und Darstellung im Tempel schildert, und redete auch nachher kein Wort darüber, aber nachmittags beim Spazirgange sagte er mit einem Male: »Da habe ich nun in meinem Leben viele Verse gemacht, darunter sind einpaar gute und viele mittelmäßige; da malt der Eyck Ein solches Bild, das mehr werth ist, als alles was ich gemacht habe.«


1814, 10. October. 
Über Georg Moller


Die Sache mit Moller macht sich ganz gut; vor allem weicht der neu aufgefundene Riß [des Kölner Dom] nur ganz wenig von dem alten Kupferstich ab, das Wichtigste aber ist, daß er wie der Kupferstich selber von dem bereits ausgeführten Theil wesentlich abweicht, und daß alle Abweichungen vom Riß an dem Gebäude wahre Verbesserungen sind, die der Meister während dem Bau angebracht hat. Moller bietet mir [Sulpiz Boisserée] an, den Riß zur Veränderung meiner Hauptfaçade zu benutzen, und fragt mich, wann ich deshalb hierher kommen wolle. Sonst aber hat ihm der Himmel in den Sinn gegeben, diesen ganzen 13 1/2, Fuß langen Riß so, wie er ist, stechen und als Supplement zu meinem Werk erscheinen zu lassen. Goethe lachte von Herzen, als ich ihm diese Botschaft brachte. »Nun Gott sei Dank!« sagte er, »daß der Kerl doch bloß absurd und nicht boshaft ist; ich fürchtete, er würde mit seinem Riß hinter dem Berg halten und nachher chicaniren wollen. Jetzt ist mir ein schwerer Stein vom Herzen. Lassen Sie ihn nur machen und bestärken Sie ihn nur in seinem Vorsatz; wer wird ihm denn einen so ungeheuern, so schwer verständlichen halben Riß abkaufen wollen.«


1814, zwischen 20. und 25. October. 
Mit Carl Cäsar Ritter von Leonhard 



a. 


Es konnte nicht fehlen, daß beim Durchmustern meiner [Mineralien-] Sammlung im einzelnen, als die Kalkspathgattung zur Anschauung gebracht wurde, auch die so vielfach angefochtene und dennoch so kraftgeistige und schöpferische Farbenlehre zur Sprache kam und die großen Forschungen, welche der Gegner Newton's angestellt. Hatte Goethe sich einmal eines Gegenstandes bemächtigt, so verstand er diesen gleichsam auf's Neue zu schaffen. Seine einfachen, lichtgebenden Worte hatten den eigenthümlichsten Reiz; mit Entzücken hörte ich ihm zu. Wie wahr, was Jean Paul sagt: »Goethe ist der klarste Mann von Europa.«

Seine Beredsamkeit, sein Feuer waren die eines Jünglings, aber zugleich großartige Ruhe, welche ihm den Glanz einer Würde verliehen, deren er nicht zu bedürfen schien. Anmuthiger Ernst mit dem Ausdruck von Wohlredenheit schwebte um die freien Lippen, als er mir erklärte, wie alle Farbenerscheinungen daher rührten, daß das Licht entweder durch ein trübes Mittel gesehen werde, ohne daß sich hinter einem beleuchteten trüben Mittel die Finsterniß als Hintergrund befinde, oder daß man durch ein weiß erleuchtetes Trübe in die Finsterniß des unermeßlichen Raumes schaue. Geschehe das erste, so erscheine das Licht bei geringer Trübung des Mittels gelb und gehe mit zunehmender Trübung des Mittels ins Gelbrothe und Rothe über. So sehe man die Sonne, wenn dieselbe ihren erhabensten Stand erreicht, ungefähr weiß, obwohl auch hier in's Gelbe spielend; immer gelber aber erscheine sie, je tiefer sie sich senkt, je dichter mithin jener Theil des Dunstkreises wird, welchen die Strahlen der Sonne zu durchschreiten haben, bis sie endlich roth untergeht. Im andern Falle stelle sich der unermeßliche Raum, wenn die Trübe dicht, blaulich dar; ist sie weniger dicht, so nehme die Bläue an Tiefe zu, verliere sich in's Violblaue und endlich in's tiefste Schwarzblau.

Die prismatischen Versuche wurden angestellt und erläutert; Goethe schloß mit den Worten: »Daß meine Ansichten über die Farbenlehre gute Wirkung gethan, freut mich. Die Herren mögen sich gebärden wie sie wollen, aus der Geschichte der Physik bringen sie mein Buch wenigstens nicht heraus.«

b. 

Die Hanauer Gesellschaftsbühne hatte sich ganz besonders durch Iffland's Theilnahme, durch sein wohlwollendes Urtheil einigen Ruf erworben. Zu meinem Erstaunen sprach Goethe in Wiesbaden sehr entschieden den Wunsch aus: ich möge während seiner Anwesenheit auf einen dramatischen Abend bedacht sein. Vergebens meine besorglichen Mienen, meine bescheidenen Einreden; umsonst die Vorstellungen, den gegenwärtigen Verfall des Privattheaters betreffend. Offen und ehrlich gestand ich: die erste Liebhaberin sei längst vermählt und eine glückliche Mutter – zärtlicher Vater und naiver Bursche wären Hand in Hand mit den reitenden hessischen Jägern gen Frankreich gezogen – der Charakterspieler und Darsteller alter Gecken treulos und flüchtig ohne Urlaub auf unbestimmte Zeit verreist – unter den jetzt Wirkenden fehle gar manchem noch die nöthige Bretersicherheit – es dürfte schwer werden, das fast gescheiterte Wrack wieder zum Segeln zu bringen – alles vergebens! Goethe beharrte auf seinem Begehren...... Wir schritten zu Wiederholungen: »Die Brandschatzung« [von Kotzebue], Contessa's »Räthsel« und Theodor Körner's »Vetter aus Bremen«, das liebliche Spiel der Laune, kamen an die Reihe.

Der Tag erschien, an dessen Abend wir vor Goethe auftreten sollten ..... Gern sei's gestanden: ich fühlte kein großes Vertrauen zu mir,... und dennoch betrat ich die Breter mit freudigem Gefühl. Vorher, von mir gesprochen, ein Prolog, an den Patriarchen deutscher Literatur gerichtet, an unsern erhabenen Zuhörer. Folgende Stanze ist aus dieser Eröffnungsrede entnommen:

Da tut's so wohl, inmitten uns zu schauen
Den Sänger, der der Fesseln uns entwöhnt
Und ein Prometheus sinnig, sonder Grauen,
Den deutschen Geist erleuchtet und verschönt.
Du selbst lustwandelnd auf der Griechen Auen,
Hast Braga mit Apollo ausgesöhnt
Und wirst zum Lohne für Dein hohes Streben
Willkommen stets in ihrem Kreise leben.

Ein glücklicher Zufall wollte, daß des heldenmüthigen Jünglings »Spiel in Versen« für Goethe neu war, und daß gerade in dieser Darstellung dem Dichter sein Recht widerfuhr. Bei der mit gebührendem Pathos vorgetragenen Rede des Pachters Veit:

Ich hab' schon mein Wort gegeben;
Der Vetter aus Bremen: trifft heute noch ein.
Es bleibt nun mein liebster Wunsch im Leben:
Mein Eidam muß ein Schulmeister sein.
Die Veite haben seit ewigen Zeiten
Das Scepter in der Schule geführt,
Nun kann ich's doch wirklich nicht dulden noch leiden,
Daß unsre Familie den Ruhm verliert. –

lachte Goethe so herzlich, wie ich ihn je lachen hörte; er erklärte die Posse für allerliebst, neckisch und komisch. Das Ganze wurde nicht verdorben, sondern leidlich zu Ende geführt.

Die Spielenden hatte ich mit meines Gastes Bewilligung zu einem Abendbrode eingeladen. Immer lebendiger und mittheilender wurde Goethe, immer bestimmter und schärfer die Rede. Seine Laune war unerschöpflich, er hinreißend und liebenswürdig. Mit Lust ließ er sich gehen und warf zuletzt mit Witzworten und Scherzen um sich.

»Seht, liebe Kinder!« – so sagte er unter anderm – »Ihr befandet Euch dem Ziele ganz nahe; könnte ich acht Tage bleiben: noch eine Lese- und eine Spielprobe, und Ihr solltet sehen! – Dann müßte jede Scene so gegeben werden, als dürfte es eben nicht anders sein, und die Zuschauer glauben, sie selbst würden es gerade so und nicht anders gemacht haben.«Wie dankbar, wie beglückt war der aufmerksame Hörerkreis für die so nachsichtsvolle Äußerung! Wie fühlten wir uns ergriffen von Goethes Liebenswürdigkeit! Die geistvolle Munterkeit durchströmte die ganze Gesellschaft; der heitere Genius des überragenden Meisters beherrschte die Gemüther seiner Jünger.

Mit Wärme wurde bei dieser Gelegenheit der Wunsch ausgesprochen: wir möchten daran denken, Schiller's Glocke über unsere kleine Bühne gehen zu lassen; die Darstellung in Weimar sei von bester Wirkung gewesen. Ohne die mindeste Änderung hatte man dem trefflichen Werke dramatisches Leben verliehen, indem nach Maßgabe der Persönlichkeiten die einzelnen Stellen unter die gesammte Gesellschaft vertheilt wurden; Meister und Gesellen erhielten so eine Art Individualität. – Später erfolgte die zugesagte Übersendung einer Abschrift der dramatisirten Glocke. .... Mein Gast erstaunte, wie er nach seiner Taschenuhr sehend bemerkte, daß Mitternacht längst vorüber.

c. 

Auf dem nächsten Morgenspaziergang gefiel es dem Weimar'schen Heros von mir die Geschichte der Hanauer Privatbühne zu verlangen, von ihrem ersten Entstehen an bis zu den glanzvollen Tagen, wo Iffland mit uns auftrat. Gerechten Anstand nahm ich, meinen verehrten Gast mit solchen Kleinigkeiten zu unterhalten, aber es half nichts! Er wiederholte seinen Wunsch, ich mußte erzählen; mit Theilnahme achtete Goethe auf alles, was ich vorbrachte.

– – – – – – – – – – – – –

Leseproben ließ ich mir sehr angelegen sein, obwohl Spielproben meinen Leutchen für weit ergötzticher galten. »Recht!« unterbrach mich Goethe; »damit muß man's ernst nehmen, findet die Sache auch oft nichts weniger, als ungetheilten Beifall. Ich, der ich veranlaßt wurde, mit tieferem Blick in's Innere des Theaterwesens zu dringen, lasse mich nie irren. Mir gelten Leseproben für unerläßlich, damit Ausschweifungen vermieden, die Rollen nicht verfehlt, nicht ohne Leben, mit ächter Laune vorgetragen werden, mit Bewußtsein und Besonnenheit, nicht allzu feurig und ungestüm, auch das Stoßende, Harte und Verrenkte in der Sprache vermieden werde; ebenso der Schwulst, zu dem sich junge Schauspieler so gern verlocken lassen, obwohl er dem ganzen Wesen theatralischer Darstellungen durchaus fremd ist und ungeziemend. Leseproben sind für die meisten unerläßlich, um vom Geist ihrer Rollen durchdrungen zu werden, um die Herzenssprache hören zu lassen, nicht das Auswendiggelernte; um mit Kraft und Nachdruck reden zu können, ohne den Mund voll zu nehmen, ohne jene fürchterliche Deutlichkeit in der Aussprache, die durch Mark und Bein geht. Bei Leseproben kann man auf solche Fehler aufmerksam machen und Unarten verbannen.«


1814, Ende (?). 
Mit Eduard Genast


Er [Goethe] liebte.. musikalische Unterhaltung, die in früherer Zeit unter Eberwein's Leitung viel ausgedehnter stattfand. Seit diese größern musikalischen Aufführungen in seinem Hause aufgehört, begnügte er sich mit Liedern. Meist wurde dann der Kammersänger Moltke, der eine Menge Gedichte von ihm componirt hatte, herbeigerufen. Auch ich hatte einst die Freude, zu diesem Zwecke zu ihm beordert zu werden; wahrscheinlich wollte er sich überzeugen, ob ich Fortschritte im Vortrag, der bei ihm die Hauptsache war, gemacht habe. Ich sang ihm zuerst »Jägers Abendlied« von Reichardt componirt. Er saß dabei im Lehnstuhl und bedeckte sich mit der Hand die Augen. Gegen Ende des Liedes sprang er auf und rief: »Das Lied singst Du schlecht!« Dann ging er vor sich hinsummend eine Weile im Zimmer auf und ab und fuhr dann fort, indem er vor mich hintrat und mich mit seinen wunderschönen Augen anblitzte: »Der erste Vers sowie der dritte müssen markig, mit einer Art Wildheit vorgetragen werden, der zweite und vierte weicher; denn da tritt eine andere Empfindung ein. Siehst Du so!« (indem er scharf markirte:) »da ramm! da ramm! da ramm! da ramm!« Dabei bezeichnete er zugleich mit beiden Armen auf- und abfahrend das Tempo und sang dies »da ramm!« in einem tiefen Tone. Ich wußte nun, was er wollte, und auf sein Verlangen wiederholte ich das Lied. Er war zufrieden und sagte: »So ist es besser! Nach und nach wird es Dir schon klar werden, wie man solche Strophenlieder vorzutragen hat.« Nachdem ich ihm nun »Zwischen Weizen und Korn« und »Da droben auf jenem Berge« vorgesungen, bat ich um die Vergünstigung, ihm »Willkommen und Abschied« wieder einmal singen zu dürfen, wobei ich bemerkte, daß ich das Lied seit längerer Zeit fleißig studirt habe. Mit einem freundlichen Kopfnicken gewahrte er mir meine Bitte. Die Scene von Lauchstädt [ein zärtliches Erlebniß Genast's] trat lebendig vor meine Seele; ich trug das Lied mit wachsender Empfindung vor, und diesmal sang ich dem Meister mehr zudank.


1814 (?). 
Mit Gustav Moltke


Mitunter waren wir Schauspielerkinder von unserer mütterlichen Freundin, Frau v. Goethe, recht zahlreich eingeladen; dann ging's natürlich nicht allzu ruhig her. So trat einstmals, als die prächtige Frau in ihrer großen Gutmüthigkeit dem Kinderlärm nicht zu steuern vermochte, der empörte alte Diener zornfunkelnd heran und schrie: der Geheimbderath könne den verfluchtigen Spectakel nicht länger ertragen. Kurze Zeit blieb's ruhig, sobald uns aber der Cerberus aus den Augen war, wurde lustig weiter spectakelt. Plötzlich aber trat die allgefürchtete Excellenz im langen Hausrock selber herein, in gemessenem Schritt, voll majestätischer Haltung, die Hände auf dem Rücken. Rasch flüchteten wir Kinder zu unserer guten Fee, die mich kleinen Unband liebreich umschloß. Da aber der gefürchtete Herr beim Anblick dieser komischen Gruppe nur lächelnd mit dem Finger drohte und gar nicht schalt, fing ich muthwilliges Bürschchen an zu kichern. Der Gestrenge setzte sich und rief: »Kleiner Molke!« (das t in meinem Namen war ihm eine grausame Härte) »komm einmal her zu mir.« Etwas zaghaft ging ich zu ihm, er aber nahm mich freundlich auf sein Knie und fragte: »Was habt ihr kleinen Kobolde denn eigentlich getrieben? Weshalb der störende Lärm?« Sogleich bekam ich wieder Courage und sagte, wir hätten getanzt und gesungen, im Garten Haschemännchen gespielt, wären dabei tüchtig herumgesprungen, an der Laube emporgeklettert und hätten den Herlitzchenbaum geplündert. – »Was! meine Herlitzchen, die ich selbst so gern genieße, hast du ner Schlingel mir stibitzt? I, das ist ja recht schön!« – Mit einem wohlwollenden Backenstreich entließ mich der gestrenge Herr.
1814.
Mit Therese Hankel


Meine [Lothar Hetschel's] sel. Mutter, Therese geb. Hankel aus Buttstädt bei Weimar, befand sich als 16jähriges Mädchen als Kammerjungfer in den Diensten der Frau v. Stein und hatte die Obliegenheit, den Briefwechsel Letzterer mit Herrn von Goethe persönlich zu vermitteln und bei den intimen Theeabenden, welche bei Frau v. Stein stattfanden, zu serviren. An solchen Abenden, wo Großherzog Karl August und alle damaligen hervorragenden Männer Weimars zugegen waren, las Goethe oft seine Manuscripte vor. Als er einst – es war im Jahre 1814 – Fragmente aus Wilhelm Meisters Wanderjahren vorlas und den Namen »Lothar« aussprach, lächelte meine Mutter. Goethe bemerkte dieses, winkte Therese zu sich heran und frug sie, worüber sie gelacht habe. ›Über den sonderbaren Namen, Herr von Goethe,‹ antwortete meine Mutter. Er winkte sie zu sich heran, nahm ihre Hand und sagte ihr: »versprechen Sie mir vor dieser illustren Gesellschaft, daß, wenn Sie einmal heirathen und« – ›o ich werde nie heirathen,‹ unterbrach meine Mutter – »Sie werden,« sagte hierauf Goethe, »Ihrem Schicksal schon verfallen! und wenn Sie dann der Himmel mit einem Knaben segnet, daß dieser Knabe ›Lothar‹ heißen soll. Merken Sie es sich, daß dieses ein schöner deutscher Name ist!«

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