> Gedichte und Zitate für alle: Woldemar von Biedermann : Gespräche Goethes 1820 (61)

2019-10-07

Woldemar von Biedermann : Gespräche Goethes 1820 (61)



1820





Spätestens 1820.
In Karlsbad 



a. 

[Bei einem zu Ehren Goethes veranstalteten Mittagsmahl brachte dieser zur Erwiederung auf einen ihm gewidmeten Toast den Trinkspruch aus:]

›Nie Mangel des Gefühls und nie Gefühl des Mangels!‹


b. 

Einem.. Dresdner, Kriegsrath Hase, .... sagte Goethe auf seine Klage, daß ihm das Glück versagt bleibe, Italien zu sehen: ›Seien Sie deß froh; denn sonst würde Ihnen der Himmel hier nie blau genug sein.‹


1820, 29. Januar. 
Mit Friedrich von Müller


Abends bei Goethe ..... »Wer für die Welt etwas thun will, muß sich nicht mit ihr einlassen.«



1820, 8. Februar. 
Mit Friedrich von Müller


Nachmittag bei Goethe, der feierlicher als sonst gestimmt schien. Ein Theater, sagte er unter andern, müsse man nur mit Folge besuchen und beurtheilen.



1820, 25. Februar. 
Bei Goethe


Ich [v. Müller] war mit Schweitzer, Frommann Julie und Lina v. Egloffstein bei Goethe. Er zeigte mir eine silberne Taufschüssel von Friedrich dem Rothbart und kam dann auf Byron zu sprechen, gegen den er sich vielleicht in einem halben Jahre erklären werde, übrigens »Vampyr« als Byrons bestes Product erklärte. Er erzählte uns auch aus der Zeit seiner Theaterregentschaft; es sei eine Art Zigeunerwirthschaft und müsse als solche extraordinario modo gehandhabt werden. Schröder habe immer nur die gewöhnlichen Lebensregeln darauf anwenden wollen.


1820, März. 
Bei Goethe 


Den andern Tag [nach der Verlobung Eduard Genast's mit Christine Böhler] empfing uns Goethe im Kreise seiner Familie, zu dem noch einige Freunde seines Hauses gezogen waren. Meine Schwägerin [Doris Böhler] hatte während unserer Reise [von Leipzig nach Weimar] das große Wort geführt und in muthwilliger Laune geäußert, was sie alles mit Goethe über seine Werke zu sprechen gedächte, als wir aber die Treppe zu ihm hinaufgingen, wurde sie ganz kleinlaut und flüsterte mir zu, daß sie gewaltige Kopfschmerzen hätte und lieber wieder umkehren wolle; ich hielt sie jedoch fest ..... Goethe trat uns mit liebenswürdiger Freundlichkeit entgegen ..... Nachdem ich meine Braut ihre Mutter und Schwester ihm, seiner geistreichen Schwiegertochter und den andern Herrschaften, die mir alle bekannt waren, vorgestellt, nahmen wir Platz, wobei Goethe meiner Braut den ihrigen an seiner Seite anwies. Goethe war kein Freund von langem Sitzen, nachdem einige Erfrischungen herumgereicht waren, stand er auf und trat mit meiner Braut ans Fenster, wo er sich lange mit ihr unterhielt, und ich bedauerte nur, daß die Schicklichkeit es nicht erlaubte, mich zu ihnen zu gesellen, um der Unterredung beizuwohnen. Frau v. Pogwisch, die Mutter der Schwiegertochter des Hauses... knüpfte mit mir ein Gespräch an, wobei meine Augen immer nach den Fenstern schielten, wo er und sie standen, um zu sehen, welchen Eindruck Christine auf Goethe mache. Es mußte ein günstiger sein; denn seine Züge wurden immer wohlwollender und seine Augen immer lebhafter, was das beste Zeugniß seiner Zufriedenheit war. Dann sprach er mit meiner Schwiegermutter, mei nem Vater und mir, wobei er sagte: »Du kannst Dich glücklich schätzen, dieses liebenswürdige Mädchen, das durch seine geistige Capacität und ihr edles weibliches Wesen mein ganzes Wohlwollen erworben hat, ins künftige die Deinige zu nennen. Nun möchte ich auch mit ihrer Schwester, von deren neckischer Laune mir Dein Vater so manches erzählt hat, einige Worte sprechen, aber ich kann der Kleinen nicht habhaft werden.«

Ja, die war in alle Ecken gekrochen, um nur aus der Nähe Goethe's zu kommen, solchen Respect hatte ihr seine Persönlichkeit eingeflößt. Ein Mädchen, das durch Witz und Munterkeit die Männerwelt bezauberte, war hier zum schüchternen Kinde geworden; ihre Schüchternheit verschwand jedoch nach und nach, als Goethe sie so freundlich ansprach, und bald lugte ihr glückliches Naturell hervor, an dem Goethe sich höchlich ergötze; denn er sagte zu mir: »Auch die Kleine ist allerliebst.« Hieraus forderte er meine Braut auf, ihm etwas zu recitiren; bereitwillig declamirte sie ihm einige seiner Gedichte und die Rede der Prinzessin aus »Tasso«. Als sie geendet hatte, nickte er mit dem Kopfe und sagte: »Brav, mein Kind! Sinnig und charakteristisch vorgetragen! Ich wünschte mir wohl das Vergnügen, Sie auf der Bühne zu sehen.«


1820, um Mitte April (?). 
Mit Johann Christian Lobe 


Ich hatte mich mit der Bitte um ein Empfehlungsschreiben an Zelter schriftlich an Goethe gewendet, da ich den Muth nicht fand, mein Gesuch mündlich vorzubringen, er ließ mir aber sagen, daß ich den andern Tag um 12 Uhr zu ihm kommen möge, da er mich zu sprechen wünsche.

... Ich beginne.. meine Erzählung gleich mit dem Momente, als ich mit dem stärksten Herzschlag, den ich je in meinem Leben gehabt, und mit einem vom dichtesten Nebel der Befangenheit umflorten Kopfe vor dem Dichterfürsten stand. Er durchschaute meinen miserablen Zustand mit dem ersten Blick und begann, um einen sprechfähigen Menschen aus mir zu machen, mit gewinnendster Freundlichkeit zu fragen, wann ich abzureisen gedenke. Ich wußte, daß er nach Karlsbad reisen werde und hatte deshalb mein Gesuch lange vor den Theaterferien eingereicht, in denen ich erst Urlaub erhalten konnte. Dies war der Gedanke, den ich ihm zu erwiedern hatte, den ich aber so verwirrt vorbrachte, daß ich fürchten mußte, er werde mich als unzurechnungsfähig sogleich entlassen. Aber er war in einer seiner liebevollsten Stimmungen und fuhr sogleich fort: »Ein Brief an Zelter geht morgen ab; ich werde Ihrer darin gedenken und Sie mögen bei ihm einsprechen, wann Sie können, er wird Sie freundlich aufnehmen. Indessen habe ich Sie sprechen wollen, um den Zweck Ihrer Reise näher kennen zu lernen, sodann auch, um Ihnen einige Aufträge zu ertheilen. Sagen Sie mir zunächst, was Sie von einem Besuch bei Zelter hoffen und wünschen.« Diese so nachsichtsvolle Rede fing an, eine beruhigende Wirkung auf mich zu machen; es tauchte allmählich etwas Fassung in mir auf und ich erwiderte mit weniger gedrückter Stimme und Redeweise, daß ich vor allem den Wunsch hege, einer Aufführung oder wenigstens einer Probe der Singakademie beiwohnen zu dürfen, über deren treffliche Leistungen soviel Rühmliches verlaute. »Ich konnte mir's denken,« bemerkte Goethe, »allein das ist nicht so leicht, und meine Empfehlungen haben nicht jederzeit den gewünschten Erfolg gehabt. Ob es gleich Zelter nicht an Bereitwilligkeit fehlt, so stehen doch die Umstände nicht ganz in seiner Gewalt. Indeß: Sie sind jung, und die Jugend hat Glück.« – Ach, nicht jede! klagte es in meinem Innern, ohne daß ich dem Gedanken Ausdruck zu geben gewagt hätte. Goethe las ihn offenbar in meinem Gesicht; denn er fuhr sogleich fort: »Oder glauben Sie an den Ausspruch nicht?« Ich hatte soviel Muth gewonnen, um die Erwiderung zu wagen, daß der Gedanke wahr sein müsse, da Excellenz ihn ausspreche; aber alles habe seine Ausnahmen, und mir komme es zuweilen vor, als gehöre ich zu derartigen Ausnahmen. Da nahm sein Gesicht einen ernstern Ausdruck an, und er bemerkte: »Eine solche Äußerung höre ich von keinem Menschen gern, am allerwenigsten von jungen Leuten, die noch gar nicht wissen, was zu ihrem Glück dienen kann. Zudem deutet sie auf hohe Ansprüche und auf Verzagtheit zugleich; damit verbittert man sich das Leben und schwächt den guten Muth zum Handeln.«

In der Gefahr kommt mir die Fassung. Diese Wendung des Gesprächs war für mich, der ich Goethe vergötterte, eine große Gefahr. Ich fühlte, daß ich sie durch eine gute Antwort beseitigen müsse, und erwiderte deshalb sogleich mit einer ehrfurchtsvoll dankbaren Miene, indem ich zum ersten Mal den Kopf hob und ihm offen in sein Jupiterauge blickte: Verzeihen Ew. Excellenz meine Bemerkung. Die Lehre schon, deren Sie mich würdigen, muß, ich ja als ein Glück erkennen; denn Sie wird mir zeitlebens im Gedächtniß bleiben; ich werde mich derselben dadurch würdig zu machen suchen, daß ich sie stets mit gutem Rath zu befolgen trachten will.

Bei dieser Antwort nahmen seine Züge wieder den früheren freundlichen Ausdruck an, und er entgegnete beruhigend: »Halten Sie diesen Entschluß fest, und Sie werden gut dabei fahren. Und da Sie guten Rath annehmen, so will ich Ihnen mittheilen, worin meine Aufträge bestehen, wovon Sie jedoch keine Mittheilung an andere machen wollen. Ich wünsche nach Ihrer Rückkehr von Berlin ein getreuliches Referat über die dortigen Zustände von Ihnen zu vernehmen: über das öffentliche Leben soviel Sie es zu beobachten Gelegenheit finden; über die Personen, mit denen Sie etwa in Berührung kommen; namentlich über Theater und Musik. Ich erhalte zwar von Zelter gute Schilderungen, aber er ist alt und Berliner, Sie sind jung und Weima raner. – Haben Sie schon früher Reisen gemacht?« – Es ist meine erste, Excellenz! erwiderte ich, und ich würde auch diese nicht unternehmen können, wenn ich nicht hoffen dürfte, auf der Berliner Bühne in den Zwischenacten als Virtuos mich produciren und durch das Honorar die Reisekosten gewinnen zu können. – »Gut!« sagte er; »so werden die Eindrücke um so frischer auf Sie wirken. Lassen Sie sich nicht durch ihre Neuheit übermannen und zur Überschätzung verleiten! Beobachten Sie mit Unbefangenheit, legen Sie den Dingen nichts von dem Ihrigen bei und unter. Sie werden hoffentlich Wolffs dort besuchen; merken Sie, wie es diesen in Berlin gefällt und wie sie in Berlin gefallen. Sie finden ferner zu der Zeit der Ferien Unzelmann dort gastirend; ich wünsche zu erfahren, wie er von dem Berliner Publicum aufgenommen wird.«

Nicht ohne einigen Stolz auf dieses Vertrauen, das mit der verehrte große Mann zeigte, versprach ich, das Geforderte zu erfüllen, soweit es meine Kräfte nur irgend gestatten würden. – »Es wird gut sein,« fuhr Goethe fort, »wenn Sie sich vorläufig ein möglichst ausführliches Schema aller der Dinge notiren, denen Sie Ihre Aufmerksamkeit zuwenden wollen, mit Hauptrubriken und Unterfragen. Schreiben Sie z.B. unter ›Theater‹ als specielle Fragen: Stück? Dichter? Schauspieler? Aufnahme des Publicums? Wirkung, auf mich? Und da Sie mir geschrieben, daß Sie in Gesellschaft zweier Kameraden reisen, auch: Wirkung auf diese? u.s.w. Sie entgehen damit der Gefahr, Umstände zu übersehen, Ihre Beobachtungen erhalten Vollständigkeit u.s.w. führen Sie über dies, wie dort, auch unterwegs ein genaues Tagebuch, worin Sie alles, auch das scheinbar Geringfügige aufzeichnen. Es giebt nichts, über das sich nicht interessante Beobachtungen anstellen ließen. Gewöhnen Sie sich also, über jede Erscheinung eine Betrachtung oder mehrere zu machen, und wo Ihnen solche nicht im Augenblicke kommen wollen, da schreiben Sie wenigstens in Ihr Tagebuch: Hier sind Betrachtungen anzustellen! – Was der Geist heute nicht, giebt er morgen oder später.«
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»Ich sehe« – begann er weiter – »aus Ihrem Schreiben, daß Sie sich mit mancherlei Gegenständen beschäftigen, für welche die Musiker sich in der Regel nicht interessiren.« – Ich wagte darauf den Einwurf, daß dies vielleicht in frühern Zeiten seltener der Fall gewesen, daß aber in neuerer Zeit gerade die Musiker nach vielseitiger Bildung strebten, wie ja unter anderm schon die vielen Componisten und Virtuosen bewiesen, die auch mit der Feder nicht ungeschickt umzugehen wüßten; ich nannte Reichardt, Zelter, A. E. Müller, unsern frühern Capellmeister, K. M. v. Weber u.a.m.

»Nun gut! Auch Sie haben, wie ich merke, Versuche der Art gemacht, ohne studirt zu haben; denn Sie sind, wenn ich nicht irre, 1811 in der Capelle angestellt worden. Wie alt waren Sie damals?« – Vierzehn Jahre, Ew. Excellenz! – »Also aus der Schule in die Capelle!« – Ach, und wie aus der Schule, Excellenz! Ich würde erröthen müssen, wenn ich sagen sollte, was ich in der Schule gelernt, oder vielmehr nicht gelernt habe. – »Ihr Schreiben an mich war gut abgefaßt; wie haben Sie Ihren Stil gebildet?« – Excellenz, wie Franklin es mit dem Addisonschen »Zuschauer«, habe ich es mit einigen Ihrer Werke gemacht: sie gelesen, den Inhalt gemerkt, nach einiger Zeit diesen in eigenen Ausdrücken nachgeschrieben, das Geschriebene dann mit Ihrer Schrift verglichen und so in das Wesen Ihres Stils einzudringen gesucht. – »Nicht übel! Und welche Werke von mir haben Sie auf diese Weise durch- und nachgearbeitet?« – Zuerst den ganzen »Werther.« – »Nun,« sagte Goethe, »da haben Sie eben keine glückliche Wahl getroffen. Stil und Ausdrucksweise dieser Production haben ein eigenthümliches Gepräge, das nicht wohl nachzuahmen ist und auch nicht nachgeahmt werden soll.« – Ich habe auch die »Propyläen« und die »Wahlverwandtschaften,« dann Wieland's »Agathon,« Schiller's prosaische Aufsätze und mehrere andere Werke auf dieselbe Weise nachgeschrieben. –

»So mag's gehen,« sagte Goethe, »und ich muß Ihren Fleiß loben.« – »Sie sind also auch, wie ich vernommen, mit der Composition einer Oper beschäftigt? Von wem ist der Text?« – Schüchtern und halblaut sagte ich, daß ich mir ihn selbst habe machen müssen, da ich niemand gefunden, der mir einen hatte liefern wollen. – »Und Sie sind damit zustande gekommen?« – Ich bin bereits mit der Composition desselben beschäftigt. – »So werden wir ja wohl später Gelegenheit finden, den Versuch kennen zu lernen. Aber haben Sie sich nicht zu viel aufgebürdet? Die Composition einer Oper verlangt einen großen Fonds von Kraft und Ausdauer, sollte nicht ein gut Theil davon schon bei Verfertigung des Textes verzehrt worden sein? Fühlen Sie bei der Composition keinen Abgang derselben?« – Meine Lust ist groß, erwiderte ich, arbeiten mein Glück, und obwohl ich von Jugend auf kränklich war, kann ich mir doch große Arbeits pensa zumuthen. Zudem, fügte ich lächelnd hinzu, hat der Text wohl meine Geduld, aber keine besondere geistige Kraft in Anspruch genommen. Ich habe mir die dramatischen Handwerksgriffe zu abstrahiren gesucht und danach einen Text gemacht; die poetische Kraft konnte nichts dabei thun; denn die besitze ich nicht. – »Auf alle Fälle,« sagte Goethe freundlich, »haben Sie viel Willenskraft gezeigt, wenn Sie das Unternehmen fort- und zu Ende führen. Werden Sie in Berlin etwas von Ihrer Composition produciren?« – Die beiden Stücke die ich vorzutragen wünsche, wenn ich zu Gehör komme, sind von meiner Composition.

»Und wie steht es mit Ihren Hoffnungen auf Erfolg? Sagen Sie mir das offen.« – Der tiefe Menschendurchdringer wollte aus meiner Antwort erfahren, welche Art von Künstlernatur vor ihm stehe, ob eine arrogante oder eine verzagte. Ich hatte mich indessen nicht lange zu besinnen; ich kannte mich, oder glaubte mich wenigstens zu kennen und sprach mich ganz ohne Rück halt aus. Was meine Compositionsversuche betrifft, sagte ich, so glaube ich während der Arbeit und kurz nach ihrer Vollendung, daß ich etwas ganz Ausgezeichnetes zu Tage gefördert habe; bald nachher kommt sie mir jedoch sehr schwach vor und dann versinke ich in eine trostlose Stimmung und zweifle an allem Talent. Nach einiger Zeit wachen Drang und Hoffnung, den nächsten Versuch vollkommener zu machen, wieder auf, es wiederholt sich das frühere Spiel und so – setzte ich seufzend hinzu – ist es mir mit allen meinen Versuchen ohne Ausnahme ergangen. – »Das,« sagte Goethe, »ist im Ganzen kein übles Zeichen. Wer mit seinen Productionen stets zufrieden ist, wird nicht weit kommen. Allein man kann auch zu weit gehen und durch höhere Forderungen an sich, als man im Augenblick practisch zu erfüllen die Kraft hat, den schaffenden Geist ängstlich machen und paralysiren.«

Goethe lenkte hierauf das Gespräch wieder auf Zelter und fragte dann, was ich von seinen Compositionen halte. Das wäre für manchen eine verfängliche Frage gewesen; denn bekannt war, wie viel Goethe auf seinen Freund hielt. Ich kannte aber Goethe aus seinen Schriften hinlänglich, um zu wissen, daß er aus den Meinungen anderer ihre Anschauungsweise kennen lernen wollte und jede mit großer Toleranz gelten ließ, wenn sie nicht geradezu abgeschmackt war. Ich fand daher gar kein Bedenken, die meinige unverhohlen auszusprechen und bemerkte: Ich kenne von Zelter nur seine Liedercompositionen; in der geistigen Auffassung erscheinen sie mir bedeutend und treffend ausgedrückt, aber ihre Form ist antiquirt. »Erklären Sie mir das näher!« versetzte Goethe. – Unsere Musiksprache, fuhr ich fort, ist seit Haydn und Mozart eine blühendere, sprechendere und anmuthigere geworden. Die Melodie ist bei Zelter immer characteristisch declamirt, accentuirt und rhythmisirt, aber seine Tonfiguren – Nächstverwandte der Schulze'schen und Reichardt'schen – sind jetzt veraltet. Dies fällt bei einfachen Singmelodien, die sich besonders dem Volkston nahe hal ten, nicht auf, aber es tritt stark hervor beim Accompagnement. Das Zelter'sche ist selten etwas mehr, als die nöthige Erfüllung der Harmonie und die Ergänzung und Ausgleichung des rhythmischen Flusses. Die Neueren haben es in ihren bessern Werken zur Mitsprache des Gefühls erhoben. Wenn Excellenz den Versuch machen wollen, Baß und Mittelstimme manches Zelter'schen Liedes ohne die Melodie spielen zu lassen, so werden Sie kaum etwas von einer mit dem Gefühl sympathisirenden Regung vernehmen; dasselbe Experiment mit einem Mozart'schen, Weber'schen, Beethoven'schen Liede angestellt, zeigt etwas anderes: da fühlt man oft schon Leben und Regung des bezüglichen Gefühls auch ohne die Melodie, und doch ist dieses erst ein Lallen. Die Musik wird hoffentlich dahin gelangen, daß jede Nebenstimme einen Beitrag, sei er auch gering, zu dem Ausdruck des Gefühls liefert.

Ich war ins Feuer gekommen und erschrack jetzt fast über meine lange Rede. Doch hatte mir Goethe mit etwas geneigtem Haupte und nachdenklichem Blick aufmerksam und, wie ich mir schmeichle, nicht ohne Interesse zugehört, blieb auch, nachdem ich innehielt, einen Augenblick sinnend stehen. Plötzlich ging er an den Flügel, der in dem Empfangszimmer stand, öffnete ihn und sagte: »Machen Sie mir das vorgeschlagene Experiment gleich selbst! Was man deducirt, muß man, wenn's wahr und klar ist, auch durch Thatsachen erhärten können.« – Ich spielte zuerst das Accompagnement eines Zelter'schen Liedes, dann, wenn ich mich recht erinnere, das zu Klärchens aus »Egmont«: »Trommeln und Pfeifen«, und endlich die Melodien zu beiden. »Gut!« sagte Goethe, nachdem ich geendet, »die Welt bleibt nun einmal nicht stillstehen, wenn uns ihr Weiterschreiten auch zuweilen aus der Gewohnheit reißt und uns unbequem wird; denn ich will Ihnen nicht verhehlen, daß mich Ihre Beispiele nicht so getroffen haben, als ich von Ihrem neuen Princip erwartete, das auch gelten mag, wenn es die Musik überhaupt erfüllen kann. Aber darin liegt für euch Jüngere eben der gefährliche Dämon: Ihr seid schnell fertig mit der Creirung neuer Ideale, und wie steht's mit der Ausführung? Ihre Forderung, daß jede Stimme etwas sagen soll, klingt ganz gut, ja, man sollte meinen, sie müßte schon längst jedem Componisten bekannt gewesen und von ihm ausgeübt worden sein, da sie dem Verstande so nahe liegt; aber ob das musikalische Kunstwerk die Durchführung dieses Grundsatzes vertragen könne, und ob dadurch nicht andere Nachtheile für den Genuß an der Musik entstehen, das ist eine andere Frage, und Sie werden wohl thun, wenn Sie dieselbe fleißig nicht bloß durchdenken, sondern auch durchexperimentiren. Es giebt Schwächen in allen Künsten der Idee nach, die aber in der Praxis beibehalten werden müssen, weil man durch Beseitigung derselben der Natur zu nahe kommt, und die Kunst unkünstlerisch wird.«

Diesen Gedanken verstand ich nicht; ich wagte daher zu sagen: Wenn mich Excellenz noch würdigen wollten, diesen Ausspruch durch einige erklärende Worte meinem Verständniß näher zu bringen! – »Es findet sich wohl später einmal Gelegenheit,« versetzte Goethe; »einstweilen denken Sie selber darüber nach. Nichts übt den Geist mehr, als das Bemühen, Räthselhaftes zu ergründen: man kommt dabei auf Dinge, die man auf gebahntem Wege nach einem klaren Ziele nicht gefunden haben würde.« Und indem er eine freundliche Kopfbewegung machte, die mir sagte, daß ich entlassen sei, setzte er noch hinzu: »Vergessen Sie nicht, mich nach Ihrer Rückkehr von Berlin zu besuchen.«

Ich versprach's, drückte meinen innigsten Dank für seine Güte ehrfurchtsvoll aus und empfahl mich.


1820, 26. April. 
Mit Joseph Sebastian Grüner

Am 26. April 1820 kam Goethe nach Eger und schickte seinen Reisepaß zur Vidimirung nach Karlsbad auf das Egerer Polizeiamt, welches ich damals als Magistratsrath zu verwalten hatte... Da ich den großen Mann aus seinen Werken kannte, glaubte ich ihm meine Ehrfurcht darbringen zu sollen, und ließ mich durch seinen Bedienten Stadelmann melden. Ich wurde sogleich vorgelassen, und nachdem ich Goethen mit großer Ehrerbietung den vidimirten Reisepaß überreicht hatte, richtete er an mich verschiedene Fragen, die auf den Kammerberg, und aus die Kleidertracht, Sprache und Geschichte des Egerlandes Bezug hatten. In Betreff des Kammerberges erzählte ich, daß der Kreishauptmann Baron Erben zu Elbogen Einleitung getroffen habe, um mit einem Versuchsschachte niederzugehen, wozu auf der Fläche des zu Straßenschotter ausgegrabenen großen Raumes, ehemals Zwergloch genannt, der Ort angewiesen wurde, und bemerkte, daß ich, falls Se. Excellenz es wünsche, das Resultat dieser Nachforschung über das, was in der Tiefe gefunden worden, vorlegen könne.

In Betreff des Egerlandes und seiner Bewohner bemerkte ich, daß ich seit meiner Anstellung als Magistrats- und Criminalrath zu Eger, nämlich seit 1807, mich mit den ältesten Landeseingeborenen über ihre Sitten und Gebräuche, ihre Haus- und Landwirthschaft besprochen, auch die Pfarrer und Schullehrer hierüber vernommen, und darüber ein eigenes Werkchen verfaßt hätte. Müßte ich nicht befürchten, sagte ich, die kostbare Zeit damit zu rauben, so würde ich mir die Freiheit nehmen, diese Zusammenstellung zum Durchblättern anzubieten. »Sie machen mir damit viel Vergnügen,« erwiderte Goethe, »und es war löblich von Ihnen, so zu verfahren; denn wenn man in Ihrem Wirkungskreise auf seine Untergebenen erfolgreich und wohlthätig wirken will, so ist es zweckmäßig, sich zu bestreben, sie näher kennen zu lernen. Wie Sie wissen,« äußerte er weiter, »reise ich nach Karlsbad, daher behalte ich mir vor, auf der Rückreise das Nähere mit Ihnen zu besprechen. Erhalten Sie mich in freundlichem Andenken,« – worauf Goethe von meinen herzlichen Wünschen begleitet nach Karlsbad abfuhr.

Goethes Persönlichkeit machte auf mich einen unbeschreiblich tiefen und angenehmen Eindruck; seine Gestalt, der Ton seiner Stimme, sein freundlich sich herabneigendes Benehmen, das zugleich Zutrauen und Ehrfurcht einflößte, weckten in mir eine wahre Sehnsucht nach dem baldigen Erscheinen des Tages seiner Rückkehr.


1820, 18. Mai. 
Mit Dorothea Herzogin von Kurland 


Nachmittag kam Goethe; er brachte mir Blumen von den Bergen, nannte sie mir, zeigte mir einige gefundene Kieselsteine, war heiter, witzig und doch gutmüthig. Der Abend verging sehr angenehm.




1820, 23. Mai. 
Mit Dorothea Herzogin von Kurland 


Gegen Abend kam Goethe; er blieb lange, und es wurde viel von Kunstsachen gesprochen. Ich gab ihm das große Kupfer vom Wiener Congreß; es machte ihm Freude. Auch will er mich diesen Sommer in Löbichau besuchen.


1820, 28. Mai. 
Mit Joseph Sebastian Grüner

Am 28. Mai 1820 traf Goethe wieder in Eger, von Karlsbad kommend, ein... und ließ mich durch seinen Bedienten Stadelmann zu sich einladen. Sein äußerst freundliches Entgegenkommen begeisterte mich noch mehr für den großen Mann; er begrüßte mich mit den Worten: »Was hat uns der problematische Kammerberg gebracht? Was machen die Egerländer? Wir haben viel, lieber Freund, und über manches uns zu besprechen.«
– – – – – – – – – – – – – – –[Goethe fuhr dann mit Grüner nach dem Kammerberg.]

Auf Goethes, dessen Wißbegierde bewunderungswürdig war, Fragen konnte man mit den Antworten in keine Verlegenheit kommen, weil sie so gestellt waren, daß man sie vollkommen nach Verhältniß des Standes und Wirkungskreises beantworten konnte. Mir war es um so leichter, ihm die gewünschten Aufklärungen über das Egerland zu geben, weil ich seit dem Jahre 1807 als Magistrats- und Criminalrath in Eger diente, und in dieser Zeit das Stadtarchiv und auf jenes Bezug nehmende Bücher und Correspondenzen durchforscht hatte.

Hinsichtlich der Stadt Eger erzählte ich ihm, daß das Kastell mit dem Römerthurm wahrscheinlich zur Entstehung derselben Anlaß gegeben habe, da in dessen Nähe ein Gäßchen noch immer die Amöney-Gasse heißt, welches die Wohnungen der Ministerialen in sich begriffen hatte, weil ferner alle Chroniken übereinstimmen, daß auf dem Johannesplatze die alte Pfarrkirche stand, und das alte Rathhaus, das umbaute sogenannte Wagnerhaus Nr. 258, in der Nähe der Burg war.

Ferner trug ich in Kürze vor, daß Eger als eine in der Pfalz gelegene deutsche Reichsstadt angesehen wurde, die einen freien Adler im Wappen führte, welcher aber, weil Kaiser Ludwig der Baier die Stadt 1315 an König Johann von Böhmen verpfändete, verkarcerirt, d.h. mit breiten weißen und rothen Streifen bis an den Hals, mit etwas herausragenden Flügeln, umgeben wurde, welches Stadtwappen noch heutigen Tages besteht. Die Stadt gab sich ihre eignen Gesetze, Zoll und Schröderordnung, der Senat bestand aus 100 Mitgliedern, wovon 67 aus der bürgerlichen Gemeinde, welche nur bei außerordentlichen Anlässen, z.B. bei Ausschreibung öffentlicher Abgaben zusammenberufen wurden. Sie hatte ihr Arsenal und Militär, schrieb Kloh-, Bern- und Umgeldsteuer aus, bezog Brücken- und Pflasterzoll, die Tranksteuer, Mauth und das Stempelgefälle. Wenn die Kaiser oder Könige Geldaushülfe zu Kriegen brauchten, so wurden an Stadt und Kreis Postulate gestellt, über welche auf dem Egerer Landtage, bei welchem k. k. Commissarien erschienen, verhandelt wurde.

Diese Rechte hat Kaiser Joseph II. von der Gemeinde mit Geld abgelöst, hat auch den Magistrat anders eingerichtet, welcher von da an bis auf die neueste Zeit aus sechs aus der politischen, judiciellen und Criminalgesetzgebung geprüften Räthen, einem geprüften Bürgermeister und zwei Secretären bestand.

Das Egerland für sich genommen verursachte dem Criminalamte wenige Geschäfte; denn dasselbe lieferte seit 1807 nur drei angesessene Bauern als Verbrecher. Der Eine hatte im Trunke einem Menschen die Bierkanne an den Kopf und damit todtgeschlagen; der andere hatte zu Pfingsten, wo junge Burschen zum Scherz geräuchertes Fleisch aus den Rauchfängen stehlen, andere Dinge diebisch mitgenommen; der dritte endlich hatte einen Bauernhof vorsätzlich in Brand gesteckt und zwar aus folgender Veranlassung. Er hatte sich einen lebenslänglichen Auszug oder Unterhalt bedungen, dieses Recht aber nicht bücherlich eintragen lassen. Der neue Besitzer seines Hauses gerieth in Schulden, dasselbe wurde im Executionswege verkauft, und der Käufer, der den an die Gläubiger verwiesenen ganzen Kaufschilling zu bezahlen hatte, weigerte sich den Auszug ihm zu verabfolgen. Nach vergeblichen Bitten um Ausfolgung des Auszuges und in große Noth gerathen, drohte der unglückliche Auszügler mit Brandlegung, führte die Drohung aus, und wurde zu lebenslangem schweren Kerker verurtheilt. Er zeigte große Reue über sein Verbrechen, und starb schon im ersten Jahre seiner Haft.

Goethe sagte: »Es ist ein wackeres abgeschlossenes Völkchen. Ich habe die Egerländer wegen ihrer beibehaltenen Kleidertracht, die ich in früheren Jahren wahrnahm, lieb gewonnen. Sie haben mit den Altenburgern viele Ähnlichkeit. Ihr Manuscript über ihre Gebräuche wird mich daher sehr unterhalten, doch wünschte ich Ihre Meinung zu hören, wie es kommt, daß bei der angeführten Population so wenige Verbrechen verübt werden, was doch auffallend merkwürdig ist.«

Meinem Dafürhalten nach, erwiderte ich, dürfte die Ursache theils in der Erziehung, theils in ihren Gebräuchen zu suchen sein; denn die Jugend wird zur Schule, zur Gottesfurcht und zur Arbeitsamkeit angehalten. Der Egerländer ist ein guter Christ, ein treuer Unterthan und Ehemann, ein sorgsamer, arbeitsamer Hausvater, und so haben die Kinder stets gute Beispiele vor Augen. Insbesondere glaube ich, daß ein Vorgang bei den Leichenbegängnissen auf sie einen tiefen und nachhaltigen Eindruck hervorbringt. Der Verstorbene bleibt nämlich in offenem Sarge in seiner Wohnstube ausgesetzt, um denselben stehen seine Angehörigen und Verwandte, auch Freunde und Nachbarn. Zu Häupten des Verblichenen hält der sogenannte Procurator, Leichenbitter, eine Anrede. Vor Allen stellt er Betrachtungen über die Vergänglichkeit des Lebens, aus den Todten hinweisend, an, und bemerkt, daß dieser nach dem Willen Gottes das Irdische habe verlassen müssen. Er muntert die Angehörigen zur Gottesfurcht, Eintracht und Arbeitsamkeit auf, nimmt im Namen des Verblichenen von Allen einen rührenden Abschied, bittet alle um Verzeihung, wenn er wissentlich oder unwissentlich jemanden beleidigt hätte, und fordert zur Versöhnung auf mit der nachdrücklichen Versicherung, daß, wenn sie bei ihren Handlungen und Unternehmungen immer Gott vor Augen haben, sie sich in jener Welt wiedersehen werden. Der Anblick der Leiche, diese Anrede, alle Nebenumstände wirken außerordentlich auf die Umstehenden. Ich selbst muß gestehen, daß ich als unbetheiligter Zuschauer gar oft zu Thränen geführt worden bin. Der Eindruck ist bleibend, und die Hinweisung auf diesen Vorgang genügt zumeist, einen Verirrten wieder auf den rechten Weg zu bringen. Goethe, der mir aufmerksam zugehört hatte, sagte: »Sie haben recht! dieser Vorgang muß auf den Landmann einen grenzenlosen Eindruck machen.«

Inzwischen waren wir an dem Kammerberg angelangt. Goethe stand mit verschränkten Armen geraume Zeit unbeweglich, in tiefe Gedanken und Betrachtungen versunken; endlich sagte er: »Ich kann diesem Hügel noch nichts Bestimmtes abgewinnen.«

Verzeihen Ew. Excellenz, versetzte ich, wenn ich, obwohl kein Naturforscher, meine Ansicht auszudrücken wage. Ich bin der Meinung, daß dieser Hügel durch einen Vulkanausbruch nicht entstanden ist, sondern daß die Gesteine, wie sie jetzt daliegen, durch ein unterirdisches Feuer gebrannt wurden.

Ich brachte von der Anhöhe aus den obersten Straten einige kleine, kaum zwei Loth schwere abgesonderte Stückchen Lava, dann aus der nämlichen Linie der Straten, nur viel tiefer, große mehrere Pfund schwere Stücke und bemerkte: Wenn der Ausfluß von oben aus dem Krater geschehen wäre, so hätten sich nach physikalischen Gesetzen die schwereren Stücke früher lagern müssen; überdies sind die Kanten wie die feinsten Nadeln spitzig, sie hätten sich bei der geringsten Bewegung abstumpfen müssen.

Goethe lächelte. »Freundchen,« sagte er, »wir sind nicht so geschwind damit fertig. Dieser Kammerberg wird so lange problematisch bleiben, bis er nicht von der Sohle des mir gezeigten seinen Glimmersandes aufwärts gegen den vermeintlichen Krater bis zu Tage durchfahren sein wird.«

Goethe besah den Versuchsschacht, bestieg die Anhöhe, und betrachtete die Gegend und den Hügel aufmerksam, worauf wir nach Eger zurückfuhren. Die von mir übergebenen Lavastücke wurden schichtenweise angemerkt, in Kisten nebst Anderem gepackt, und zur Übersendung nach Weimar dem damaligen Pächter der Franzensbader Mineralwässer, Hecht, empfohlen. Vor der Abreise beschenkte Goethe mich mit seinem am 1. Juli 1817 zu Jena geschriebenen Werkchen, betitelt: »Zur Kenntniß der böhmischen Gebirge,« und schrieb auf das Titelblatt:

»Herren Polizeirath Grüner zum freundlichen Andenken

Eger, am 28. Mai 1820.

Goethe.«




1820, 20. Juni. 
Mit Friedrich von Müller u.a. 


Den 7. Juni 1820 Fahrt nach Jena zu Goethe. Seine gemüthlichen Äußerungen über Juliens Talente. Wiener Kreidespende. Entschiedene Abneigung gegen Riemer's erstes Bibliothekariat. Brockhausische Speculation auf die Literaturzeitung. Ankunft des Großherzogs bei Goethe. Hokuspokus Goethe's mit dem trüben Glas, worauf eine Schlange. »Das ist ein Urphänomen, das muß man nicht weiter erklären wollen. Gott selbst weiß nicht mehr davon als ich ..... Goethe's Urtheil über Buddeus von Altenburg. Sein Lob des Polizeiraths Grüner von Eger und der dortigen, fest begränzten Kreisverwaltung. Heimfahrt 7 Uhr.«



1820, Mitte Juli. 
Mit Johann Christian Lobe

Ich hatte nach Goethes Rath nicht allein auf der Reise, sondern auch in Berlin ein Tagebuch geführt, glaubte gehörig vorbereitet zu sein, und freute mich auf die Unterredung mit dem außerordentlichen Manne. Als aber der Tag kam, an welchem ich ihn sprechen sollte, überfiel mich mein altes Übel, die Schüchternheit, und stieg, je näher die Stunde rückte, in erschreckenden Graden .... Aber auch diesmal verscheuchte der Zauber des Empfangs meine peinliche Verlegenheit. Ohne auf eine Eintrittsformel von meiner Seite zu warten, begann Goethe sogleich: »Ich habe gute Nachrichten über Ihr Auftreten in Ber lin erhalten. Zelter spricht sich sehr anerkennend über Ihre Leistungen als Virtuos und Componist aus und findet den Beifall, den Sie gefunden, vollkommen gerechtfertigt. Ich gratulire.« Und als ich auf diese gütige Rede mit Nichts als einer stummen Verbeugung zu antworten wußte, fuhr er mit der Frage fort, wie es mir zu Muthe gewesen, als ich vor dem fremden Publicum der großen Stadt erschienen.

Ich erwiderte, daß ich den ganzen Tag und bis zum Heraustreten auf die Bühne die schrecklichste Angst empfunden habe, als aber das Orchester das Tutti begonnen, mir der Muth plötzlich gekommen sei wie den Soldaten in der Schlacht.

»Ja«, sagte er lächelnd, »die Natur reagirt nicht blos gegen die leibliche Krankheit, sondern auch gegen die geistigen Schwächen; sie sendet in der steigenden Gefahr stärkenden Muth. Die Kriegshelden mögen besonders davon zu erzählen wissen. Wie war Zelter?« fragte er. Ich erzählte, daß ich mich eines außerordentlich freundlichen Empfangs von ihm zu erfreuen gehabt habe, wie freilich mit Excellenz gütiger Empfehlung zu erwarten gewesen. Doch sei mir in Berlin Angst vor dem Besuch gemacht worden; der – etwas derben Natur des Mannes wegen.

»Ja,« sagte Goethe, »er hat sich bei den Berlinern in Respect zu setzen gewußt; er wird seine Gründe gehabt haben. Das Völkchen besitzt viel Selbstvertrauen, ist mit Witz und Ironie gesegnet und nicht sparsam mit diesen Gaben. Haben Sie diese Erfahrung auch gemacht?«

Ich bemerkte, daß mich meine Unbedeutendheit davor geschützt; denn außer einigen gutmüthigen Witzen hätte ich nichts dergleichen wahrgenommen, im Gegentheil überall freundliches Entgegenkommen gefunden.

»Ein Zeichen,« sagte Goethe, »daß Sie mit Bescheidenheit aufgetreten sind. Berichten Sie mir zuerst, welche Stücke Sie in Berlin gesehen.« Er setzte sich und bedeutete mir, dasselbe zu thun, woraus ich mit geheimer Freude schloß, daß er zu einer längern Unterhaltung geneigt sei. Erst nach wiederholter Einladung nahm ich gegenüber auf einem Stuhle Platz.

Ich nannte »Ferdinand Cortez«, »Emilia Galotti«, »Deodata« von Kotzebue, mit Chören, Liedern u.s.w. von Anselm Weber, »Die Zaubersflöte«, worin Unzelmann den Papageno gegeben, »Die Entführung aus dem Serail«, Unzelmann als Pedrillo, »Die falsche Prima Donna« und »Das letzte Mittel«. Auch dem Concert eines Klaviervirtuosen habe ich beigewohnt.

»Wie sind Ihnen die Schauspieler und Sänger im Verhältniß zu den unserigen erschienen?«

Ich habe, erwiderte ich, im Ganzen keinen Unterschied gefunden. In den Stücken, die ich gesehen, waren die Fächer alle mit geschickten Leuten besetzt, eine hervorragende Größe, als welche mir Iffland in seinen Gastdarstellungen bei uns erschienen ist, befand sich nicht darunter. Doch glaube ich eine Eigenschaft der Berliner Künstler hervorheben zu müssen, deren Mangel an den unserigen mir durch den Vergleich mit jenen erst aufgefallen ist.

»Welche?« fragte Goethe.

Mehr Plastik in den Stellungen und Bewegungen aller dortigen Darsteller. Der Anblick der von ausgezeichneten Tänzern ausgeführten großen Ballete mag wohl günstigen Einfluß ausüben.

»So ist es,« sagte Goethe. »Da aber dieses Bildungsmittel für äußere anmuthige Repräsentation nur an wenigen Bühnen vorhanden sein kann, so sollten alle, welche sich der Schauspielkunst widmen wollen, vorher tüchtige Tänzer, Fechter werden, vor allem sich im Zeichnen und Malen üben.«

Ich bemerkte dazu, daß mir der Mangel jener Plastik an unserm Unzelmann, als ich ihn mit den Berliner Schauspielern habe agiren sehen, ganz vorzüglich und fast widerwärtig, besonders sein watschelnder Gang, aufgefallen sei, daß ich dagegen an Wolff diesen Abfall nicht bemerkt, und er sich in dieser Hinsicht in Berlin wohl gebessert habe.

»Das letztere ist ein Irrthum,« sagte Goethe, »Wolff war von Haus aus eine noble Natur und er brachte edle und anmuthige Körperhaltung schon mit, als er bei uns die Bühne betrat. Zudem zog ihn sein ernstes Wesen mehr zum Tragischen. Der Komiker, und zu solchem besitzt Unzelmann allein Talent, ist mehr aus groteskes Figurenspiel angewiesen. Welche Vorstellung«, fragte er daraus, »hat Ihnen am besten gefallen?«

Dem Musiker, versetzte ich, »Ferdinand Cortez.«

»Erzählen Sie mir davon«, sagte Goethe.

Ich muß mir zu bemerken erlauben, daß es die erste Vorstellung war, die ich in Berlin sah. Den mächtigen Eindruck kann ich Euer Excellenz freilich nicht beschreiben. Alles war mir neu, und Alles erschien in einer Größe und Vortrefflichkeit, die ich bis dahin nicht geahnt hatte. »Begreifen Sie darunter auch die Ausführenden, oder nur die reichere und glänzendere äußere Ausstattung?« fragte Goethe.

Bei uns, erwiderte ich, sind die Hauptfächer besser besetzt. Unser Bassist Stromeier und unsre Sängerin Frau. v. Heigendorff stehen im Gesange, letztere auch im Spiel höher. Den Schmelz unseres Tenoristen Moltke habe ich ebenfalls nicht wiedergefunden. Unser Orchester darf sich wohl auch mit jedem andern in der exacten Ausführung messen. Aber die numerische Stärke der Berliner, verbunden mit der vortrefflichen Ausführung unter Spontini, der sein Werk selbst dirigirte, ergriffen mich wunderbar. Das Orchester war mit dreißig Violinen, zehn Celli, sieben Contrabässen, sechs Klarinetten u.s.w. besetzt. Als Spontini erschien, in dem überfüllten Hause eine lautlose Stille eintrat, und auf einen Wink des Kommandostabes die ganze Orchestermasse mit dem Thema der Ouvertüre in kriegerischen Enthusiasmus ausbrach, stürzten mir die Thränen aus den Augen, ja ich schluchzte so, daß ich das Taschentuch vor das Gesicht halten und den Kopf hinter die Brüstung der Gallerie zurückziehen mußte, da die Nebensitzenden verwundert auf mich sahen.

Goethe lächelte und sagte: »Solcher Natur sollten alle vor der Bühne sein, dann würde sich der Künstler seiner gelungenen Mühen freuen. Das Glück jener Stunden zeigt sich jetzt noch in Ihren Augen.«

Ich schlug bei diesen Worten des Dichterfürsten die Augen beschämt zu Boden; denn ich hatte hastig und mit verstärkter Stimme gesprochen, und glaubte in seinen Worten und Mienen eine leise Ironie über meine Darstellung zu bemerken.

Goethe mochte wohl errathen, was in mir vorging; denn er fuhr mit Freundlichkeit fort: »Es ist das beneidenswerthe Glück der Jugend, die Eindrücke in aller Frische und Kraft zu empfangen und zu genießen. Bei zunehmender kritischer Erkenntniß versiegt allgemach die Quelle jener ungetrübten Freuden. Jeder Mensch ist ein Adam; denn jeder wird einmal aus dem Paradiese – der warmen Gefühle vertrieben.«

Mit Ausnahme der wenigen Glücklichen, wagte ich, mich ehrfurchtsvoll vor Goethe verbeugend, hinzuzusetzen, die Weisheit sammelten und sich doch die Gefühle der Jugend ungeschwächt erhalten.

Ich hätte diese meine jugendliche plumpe Äußerung gegenüber dem größten und gefeiertsten Geiste des Jahrhunderts gern in das Meer der vergessenen Dummheiten versenkt; da sie aber Veranlassung giebt, einen kleinen Beitrag zur Charakteristik dieses außerordentlichen und auch jetzt noch in mancher Beziehung verkannten Mannes zu liefern, so habe ich sie nicht verschweigen wollen. Goethe ließ mein albernes Compliment an sich vorübergehen, ohne durch Wort oder Miene Mißfallen kund zu geben, .... und fragte, als hätte er es gar nicht vernommen, was ich über die theatralische Darstellung der Oper weiter zu berichten wisse. Ich schilderte ihm ausführlich die Pracht der Decorationen, den Reichthum, die geschickten und anmuthigen Evolutionen des eingewebten Ballets, die der Natur treu nachgeahmte Anordnung und Ausführung des Scenischen, den Zug z.B. der Krieger des Cortez bei Nacht über das Gebirge, Fußvolk, Reiterei, Artillerie u.s.w.

Goethe hörte aufmerksam zu, seine sinnenden Augen schienen auf die fernen Gegenstände selbst zu sehen, und seine freundlichen Züge drückten Freude an den bunten Bildern aus, die meine Schilderungen an seiner Einbildungskraft vorüber führten.

Als ich geendet hatte, äußerte er: »Ja, das ist der Vortheil reicher Mittel, daß die Intentionen der schaffenden Künstler die würdige Ausführung finden können, während bei einer kleinen Bühne die Phantasie des Anordners überall durch knappen Raum beschränkt wird, mit einem Dutzend Soldaten große Schlachten, Volksscenen, mit gewendeten und umgeflickten Gewändern neue Costüme, mit einer vorhandenen vaterländischen Walddecoration die Pracht einer tropischen Vegetation darstellen muß. Indessen die Sache hat auch ihre Nachtheile. Was hat Ihnen an Spontini's Musik vorzüglich gefallen?«

Ich erwiderte, daß mich zunächst die außerordentliche Kraft, die südliche Gluth, Wahrheit und Plastik des Ausdrucks mächtig ergriffen habe.

»Was verstehen Sie unter Plastik des musikalischen Ausdrucks?« fragte Goethe.

Den bestimmten Anschlag und das Festhalten eines jeden Gefühls im Ganzen und jeder Regung im Einzelnen, erwiderte ich. Ist z.B. die Zärtlichkeit zu schildern, so ist sogleich mit dem ersten Takte die Zärtlichkeit da, und so lange diese Empfindung dauert, ist jede Note und jeder Klang, sind Zeichnung und Colorit, Melodie und Begleitung ohne das Hereinschimmern einer andern Gemüthsfarbe vorhanden. Tritt kriegerischer Muth auf, so verkünden ihn die ersten Töne und Klänge auf's Bestimmteste und Schärfste. Und so fließt nirgends etwas Unbestimmtes ein, jedes ist ganz, was es seiner Natur nach sein soll und muß.

»Ich habe das bei der ›Vestalin‹ allerdings auch empfunden,« sagte Goethe.

Zu dieser Plastik, fuhr ich fort, trägt außerordentlich viel bei die Kürze, Gedrängtheit und Einfachheit der Construction aller einzelnen Gedanken, sowie der ganzen Form. Es sind die einfachsten, die man sich denken kann.

»Das mag sein,« sagte Goethe. »Gleichwohl kann ich nicht läugnen, daß die Musik zur ›Vestalin‹ mir zu geräuschvoll erscheint, und mich bald ermüdet. Empfinden Sie das nicht auch bei seiner Musik?«

In den ersten Proben, versetzte ich, kam mir das Gefühl. Es verschwand aber bald, und jetzt erscheint mir die Instrumentation nicht mehr zu geräuschvoll, sondern nur als ein saftiges und blühendes Colorit. Auch Mozart's Musik wurde im Anfang für überladen erklärt, was doch jetzt niemand mehr findet.

»Es muß doch aber eine Grenze geben,« sagte Goethe, »über die hinaus man nicht gehen kann, ohne dem Ohr unerträglich zu werden.«

Die giebt es ganz gewiß, versetzte ich, allein daß ein großer Theil der Hörer jetzt schon die Spontinische Musik verträgt, dürfte beweisen, daß Sie diese Grenze noch nicht überschritten hat.

»Es mag so sein,« sagte Goethe; »doch fahren Sie fort in Ihrem Referat. Was haben Sie mir von ›Emilia Galotti‹ zu berichten?«

Das war eine schreckliche Vorstellung für mich, versetzte ich.

»Wie das?« fragte Goethe.

Das Publikum, fuhr ich fort, führte zu dem Trauerspiel auf der Bühne ein Lustspiel auf, das mir das Herz zerriß. Es gastirte ein Wiener Schauspieler als Marinelli. Er schien die Rolle nicht schlecht zu spielen; allein er sprach im Wiener Dialect und dazu auch, als habe er – den Schnupfen. Kaum hatte er angefangen zu sprechen, so wurde das Auditorium unruhig; bald fing man an zu scharren, zu lachen, und dies wiederholte und steigerte sich bei jedem Auftreten des Unglücklichen, so daß er zuweilen durch den Rumor gänzlich unterbrochen wurde. Kam von den mitspielenden Personen eine Äußerung auf Marinelli vor, die auf den Gast bezogen werden konnte, so geschah's vom Publikum. So bei den Worten der Gräfin »Armer Sünder!« wo ein allgemeines Gelächter und Bravorufen ausbrach. Der Arme fiel dann gänzlich aus seiner Rolle, schlug die Augen wehmüthig beschämt zu Boden und faltete wie um Mitleid bittend die Hände. Ich konnte das Elend nicht mit ansehen, verließ das Schauspielhaus und fragte mich verwundert, ob ich in Berlin im königlichen Schauspielhause gewesen sei! »Nun ja,« sagte Goethe, »und weil wir die Rohheit und Rücksichtslosigkeit der Menge kennen, und um solche Scandale zu vermeiden, alle Mißfallensbezeigungen bei uns nicht dulden, wirft man uns Beschränkung der Freiheit vor. Der ausbleibende Applaus ist Demüthigung genug für den Künstler.«

Hier fuhr ich etwas keck mit der Bemerkung heraus, daß, wenn ich zu befehlen hätte, auch keinerlei Art von Beifallzeichen gegeben werden dürfe; denn es werde alle Illusion und Stimmung, in welche mich Dichter und Darsteller versetzt, durch das Händeklatschen und Bravorufen zerrissen. Auch auf den Schauspieler äußere es einen nachtheiligen Einfluß; denn er müsse, um den Applaus hervorzurufen, Mittel anwenden, die oft mehr auf die Masse der Zuschauer berechnet seien, als aus dem Wesen der Rolle hervorgehen. Die meist outrirten Abgänge zeigen das. Der letztere Grund schien Goethe zu gefallen; er nickte beifällig mit dem Haupte. Doch bemerkte er dazu: »Es wäre wohl gut, wenn diese Sitte von Haus aus nicht bestünde; da sie aber einmal vorhanden, so ist sie nicht mehr ohne Nachtheil zu beseitigen. Der Schauspieler ist daran gewöhnt und bedarf ihrer als Sporn; er würde ohne Hoffnung auf diesen hörbaren Lohn ermatten.«

Übrigens, setzte ich hinzu, habe ich bei dieser Gelegenheit bemerken können, in welscher Achtung Wolff bei den Berlinern steht. Er spielte den Grafen Appiani. Mochte der Tumult noch so arg sein, sobald Wolff erschien, trat allgemeine Stille ein, und rauschender Applaus erschallte bei seinem Abgange.

»Das,« sagte Goethe, »söhnt mich einigermaßen wieder mit den Berlinern aus. Die Gewalt einer edlen Natur ist freilich groß. Und ich habe noch keinen zweiten Schauspieler gesehen, der durchgängig sich eine solche Würde in allen seinen Rollen bewahrt hätte, als Wolff. Selbst in der Darstellung der gemeins ten Charaktere schimmerte bei aller Wahrheit der ihm angeborene Adel seines Wesens durch. Sprachen Sie nicht auch von ›Deodata‹?« frug Goethe weiter. »Welchen Eindruck machte das Kotzebue'sche Ritterstück auf Sie?«

Einen dramatischen Genuß habe ich davon ganz und gar nicht gehabt. Da aber Ew. Excellenz verlangt haben, daß ich meine Gedanken unverhohlen ausspreche, so muß ich zu meiner Schande gestehen, daß mir an diesem Abende die Bedeutungslosigkeit des Stückes fast willkommen war; denn da mich kein Interesse an die Handlung fesselte, konnte ich meine ganze Aufmerksamkeit auf die Scenerie richten, deren Pracht noch weit über die im Cortez hinausging. Es war kein dramatischer, aber ein vollkommener Panoramengenuß. Eine Mondscheinscene im Walde z.B. war von einer Vortrefflichkeit, daß ich ganz und gar nur Auge war und kaum weiß, was dabei auf der Scene vorgegangen ist. Die Eroberung und Verbrennung einer Burg erschien mir als das Vollkommenste, was die Bühne zu leisten fähig sei. Ich wäre daher auch nicht im Stande, Ew. Excellenz eine Relation des Inhaltes dieses Schauspiels zu geben.

»Ich finde das sehr natürlich,« äußerte Goethe, »aber auch sehr bedauerlich. Die guten Leute bedenken nicht, wohin die übermäßige äußere Pracht zuletzt unausbleiblich führen muß: das Interesse für den Inhalt wird geschwächt und das Interesse für den äußeren Sinn an dessen Stelle gesetzt. Doch es wird sicherlich auch wieder eine Reaction eintreten. Ich werde es freilich nicht erleben, vielleicht Sie nicht. Erst müssen die Decorationsmaler und Maschinisten dem Publicum nichts Neues mehr bieten können, das Publicum von dem Prunk bis zum Ekel übersättigt sein, dann wird man zur Besinnung kommen und das jetzt zurückgedrängte Ächte wieder hervorgeholt, auch gutes Neues hinzugeschaffen werden.«

Kommt es so, wie Ew. Excellenz sagen, bemerkte ich, so bleibt doch die Lectüre für jeden übrig, der sich nicht in den Pfuhl des Gemeinen mit stürzen will. »Ja,« sagte Goethe, »die Buchdruckerkunst ist ein Factor, von dem ein zweiter Theil der Welt- und Kunstgeschichte datirt, welcher von dem ersten ganz verschieden ist; daher wir auch mit Folgerungen aus dem ersten auf den zweiten Theil nicht mehr auskommen.«

Dieser Gedanke überraschte mich durch seine für mich gänzliche Neuheit. Ich erwartete gespannt eine Erörterung desselben. Leider ging Goethe gleich zu weiteren Fragen über die andern von mir genannten Stücke über, und ich konnte nichts thun, als die neue Ansicht in mir festhalten, um sie gelegentlich selbst weiter zu untersuchen.

»Wie war,« fragte Goethe, »die Musik, von Anselm Weber zu ›Deodata‹?«

Sie schien mir, antwortete ich, dem Sujet angemessen und durchaus in dem Totalton des Ritterthums gehalten zu sein.

»Danach,« sagte Goethe, »wäre ja Weber unter die größten Componisten zu zählen. Nichts setzt eine stärkere Phantasie und Dichtungskraft voraus, als den Schein eines dem Stoff entsprechenden Totaltones über ein ganzes Werk zu verbreiten.«

Ich habe jedoch, sagte ich, bei dieser Gelegenheit die Bemerkung gemacht, daß diese große Eigenschaft einem Kunstwerke unter gewissen Umständen ohne alles Verdienst von Seiten des Künstlers eingeprägt werden kann.

»Wie das?« fragte Goethe.

Anselm Weber's Stil, wenn ich nicht lieber sagen soll Manier, erwiderte ich, ist eine Nachahmung des Gluck'schen, Reichardt'schen, überhaupt der älteren Meister. Seine Musik zu dem Ritterstücke scheint aus dem glücklichen Umstande hervorgegangen zu sein, daß seine künstlerische Subjectivität mit dem Gegenstande zusammentraf. Seine Manier hat von Haus aus etwas Alterthümliches. Er würde der modernsten Handlung denselben musikalischen Totalton geben müssen und sich keineswegs in einen andern umstimmen können »Das mag wohl sein,« sagte Goethe. »Und was haben Sie von dem ›Letzten Mittel‹ [von Frau v. Weißenthurn] zu berichten?«

Fast etwas Ähnliches, erwiderte ich, wie von der Weber'schen Musik. Es war die vollkommenste theatralische Vorstellung, die ich in meinem Leben gesehen habe, bis auf die kleinste Rolle vollkommen. Obwohl ich nun außer Wolff keinen der anderen Mitspieler jemals gesehen hatte, so kann ich doch nicht annehmen, daß alle gleich große Schauspieler sein sollten. Ich glaube daher annehmen zu müssen, daß ein besonders günstiger Zufall jeder Rolle die dafür geeignetste äußerliche Persönlichkeit sowohl als auch die innere Subjectivität zugetheilt habe, wodurch eine seltene Natürlichkeit durchgängig in das Ganze kam.

»Das ist eine gute Bemerkung,« sagte Goethe. »Solche glückliche Zufälle giebt es allerdings, nur gehören sie leider unter die seltenen Ausnahmen.« Obwohl ich an Goethe noch keine Ermattung des Interesses an der Unterhaltung spürte, besorgte ich doch schon längere Zeit, ihn zu langweilen; ich bemühte mich daher, meine Referate immer kürzer zu machen und überging deshalb manches. Als er nach der »Zauberflöte« fragte, bemerkte ich darüber und über »Die Entführung aus dem Serail« blos, daß in diesen beiden Opern theatralische Ausstattung wie Spiel und Gesang ungleich schlechter als bei uns ausgefallen seien. Unzelmann, der in ersterer als Papageno, in letzterer als Pedrillo gastirt, habe keinen besondern Erfolg errungen. Auch sei das Orchester weit geringer besetzt gewesen, als bei der Spontinischen Oper. Beide Werke seien gegen die anderen Vorstellungen, die ich gesehen, auf's Äußerste abgefallen. Das Ärgste aber, was mir in künstlerischer Hinsicht vorgekommen, habe ich in dem Conzert eines Claviervirtuosen erlebt. Hier verlangte Goethe eine ausführliche Schilderung, um sich, wie er sagte, den Zustand genau vergegenwärtigen zu können.

Ich schalte hier ein, daß ich Goethe die Namen der bei dem Conzert Betheiligten nannte, sie aber aus Gründen, die man billigen wird, hier verschweige. Daß das Concert, begann ich, von keiner berühmten Künstlerautorität ausging, wußte ich. Der Concertgeber ist ein außer Berlin ganz unbekannter Clavierlehrer schon in vorgerückten Jahren. Das Local war ein länglicher, schmaler Saal, dessen eine Hälfte das Orchester, die andre Hälfte ein nicht sehr zahlreiches und wie mir schien auch nicht sehr gewähltes Auditorium einnahm. Das Erste, was mir unangenehm auffiel, war ein nonchalantes, fast geringschätzendes Benehmen des Dirigenten (ein königlicher, jetzt verstorbener Musikdirector). Wie ein Pfau stolz vor dem Publicum hin- und herschreitend, präludirte er auf seiner Violine wohl eine Viertelstunde ganz laut. Nach der ziemlich mittelmäßig aufgeführten Ouvertüre trat eine Dilettanten-Sängerin vor in einer solchen Angst, daß die Notenpartie in ihren Händen sichtbar zitterte. Obgleich ihre Stimme nicht übel war, so vermochte das arme Wesen doch keinen Ton natürlich hervorzubringen. Sie tremolirte durchgängig und so auffallend, daß es zuweilen in förmliches Meckern überging. Sie mochte sonst eine den Berlinern bekannte achtbare Person sein; denn das Publicum ließ sich die Production gefallen und applaudirte sogar ein wenig am Schlusse. Ich habe in meinem Leben keinen komischeren Vortrag gehört, und nur das Mitleid mit der Armen hat meine Lachmuskeln in Ruhe gehalten. Hierauf setzte sich der Concertgeber selbst an den Flügel und das Tutti zu einem Hummelschen Concert begann. Nach ungefähr 20 oder 30 Takten des ersten Solo's war er mit dem Orchester so vollständig zerfallen, daß – aufgehört und vom Solo an noch einmal begonnen werden mußte. Mir fuhr der Schreck in alle Glieder, und ich glaubte, der Virtuos müßte vor Scham in Ohnmacht sinken. Aber nichts weni ger. Er blieb ruhig, als sei das eine ganz natürliche Sache, kam auch ohne ein zweites solches Unglück durch, aber fast immer in Zwiespalt des Tempos mit dem Orchester. Und wie viel Noten er fallen gelassen oder falsch gegriffen, weiß ich nicht zu sagen. Als habe ein neckischer Kobold die Anordnung des Concerts behufs immer komischerer Steigerung übernommen, trat nun ein alter Bratschist mit Variationen auf. Hier triumphirte endlich die Komik. Der Mann arbeitete die nichtswürdige altmodische Composition mit einem solchen Aufwand äußerer burlesker Mimik und Gesticulation ab, daß ein ironisch donnernder Beifallssturm am Ende dieser Production gar nicht aufhören wollte, worüber der Alte sehr glücklich zu sein schien. Im zweiten Theil trat die Sängerin und nach ihr der Concertgeber in ähnlicher Weise wieder auf. Doch ich fürchte Excellenz zu langweilen, und –

»Nein,« fiel Goethe ein, »fahren Sie fort! Kam denn gar keine gute Production zum Vorschein?« Ein Virtuos machte eine schöne Ausnahme, und zwar auf meinem Instrumente. Er war ein ausgezeichneter Künstler.

»Nun,« sagte Goethe, »da wünsche ich zu erfahren, in welchem Verhältniß Sie ihn zu sich gefunden haben.«

Diese Frage that mir außerordentlich wohl; denn ich konnte daraus entnehmen, daß mir Goethe Selbstkenntniß und Ehrlichkeit zutraute.

Ich antwortete nach meiner innersten Überzeugung: In dem Firlefanz der Finger mag ich etwas mehr leisten können, in schönem Ton, mannigfaltigster Nüancirung, Schattirung und scharf ausgeprägtem Gefühlsausdrucke ist er mir unendlich überlegen, und hat meine Abneigung gegen mein Virtuosenthum nur noch mehr gesteigert. Es ist ein qualvoller Zustand, zu wissen und zu fühlen, wie ein Tonstück vorgetragen werden sollte, und dann doch etwas ganz anderes Matteres zum Vorschein zu bringen. »Machen Sie nicht zu große Ansprüche an sich und täuschen sich selbst?« fragte Goethe. – Ich bitte um Verzeihung, Excellenz, erwiderte ich; von Täuschung kann nicht die Rede sein, wenn man an Andern bemerkt, daß sie haben, was einem fehlt. – »Wenn Sie glauben, sich richtig zu beurtheilen, so würde ich rathen, eine Thätigkeit aufzugeben, die Ihnen keine Befriedigung gewähren will.« – Wenn es auf mich ankäme, erwiderte ich, so hätte ich das längst gethan. Zunächst hätte ich studirt.

»Hm!« sagte Goethe, »das alte Lied vom falschen Platze!« – Ich erschrack. – »Nein, nein!« sagte Goethe, der es bemerkte, gütig, »ich meine es im Ernst. Die Welt sähe anders aus, wenn ein jeder in sein ihm zusagendes Element käme. Das soll nun einmal nicht sein. Nur Wenigen fällt dieses Loos.« Goethe sprach noch einige Gedanken dazu aus, die ich indessen bei mir behalten will. Er äußerte sodann: »Ist Ihnen auf der Reise hin und zurück, sowie in Berlin selbst noch Bemerkenswerthes vor gekommen ?« Wenig, erwiderte ich, und wohl kaum Etwas, das werth wäre, vor Ew. Excellenz angeführt zu werden. – »Erzählen Sie,« sagte Goethe, »was Ihnen aufgefallen ist. Es giebt nichts Unbedeutendes in der Welt. Es kommt nur auf die Anschauungsweise an.« – Ich bemerkte, daß mich Kriegsgeschichten sehr interessirten, und daß ich auf der Hinreise mehrfache Gelegenheit gefunden, pikante Specialitäten über die Kriege von 1806 und 1813 aus dem Munde von Augenzeugen zu erfahren. Goethe ließ sich die Erzählung mehrerer solcher Fälle gefallen. Ich übergehe sie hier, da sie nicht in diese Blätter gehören. Endlich frug er mich, ob ich Neigung zum Soldatenstande gehabt oder noch habe.

Niemals, erwiderte ich; im Gegentheil ist es mir unbegreiflich, wie irgend ein Mensch Lust dazu haben kann; Kriegsgeschichten dagegen lese und höre ich mit großer Begierde. Goethe äußerte dazu: »So kann einem also eine Sache zugleich widerwärtig und angenehm sein: widerwärtig, wenn man sie selbst unternehmen soll, angenehm, wenn man sie an anderen wahrnimmt. Wer diese Doppelgabe am ausgebreitetsten besitzt, ist der Glücklichste in dieser Welt. Er kann niemals ohne Interesse sein, folglich niemals Langeweile empfinden.«

Es wurde mir bei dieser Rede plötzlich klar, was mir bisher nur dunkel vorgeschwebt hatte, woher nämlich der ungeheure Reichthum Goethes an sentenziösen Gedanken rühre. Jedenfalls aus seiner von Jugend auf angenommenen Gewohnheit, über jede, auch die geringfügigste Erscheinung Betrachtungen anzustellen und irgend einen Allgemeingedanken daraus zu abstrahiren. Daher die Unzahl von Betrachtungen in seinen Schriften, von denen wir glauben, wir hätten sie ebenso gut finden können, weil sie so natürlich und überzeugend erscheinen. Daß wir sie aber, einmal gelesen, niemals wieder aus dem Gedächtniß verlieren, liegt in einem zweiten Grundsatz, den er sich gegeben: jedem Gedanken die klarste, anmuthigste, gefälligste Form zu verleihen. Nun verstand ich auch recht den Rath, den er mir in der ersten Unterredung gegeben: über alles, was mir vorkomme, Betrachtungen anzustellen! Ja wenn er zu diesem Rathe auch seinen wunderbar hellen, durchdringenden Blick und scharfsinnigen Geist hätte mittheilen können! Es erklären sich aus diesen Abstraktionen von jedem einzelnen concreten Falle aber auch die scheinbaren Widersprüche, denen wir zuweilen in seinen Schriften begegnen.

Das Gespräch hatte bereits so lange gedauert, und noch war mir's nicht gelungen, Goethe an die räthselhafte Äußerung zu erinnern, die er mir am Ende seiner ersten Unterredung zum eigenen Weiterbedenken auf den Weg gegeben. Aber auch heute sollte ich nicht darüber zur Aufklärung kommen.

Denn eben, als ich darauf zu kommen mir das Herz fassen wollte, trat der Diener ein und meldete, daß – servirt sei, worauf mich Goethe freundlich entließ.



1820, 24. August.
Mit Karl Friedrich von Both



Mein erster Gang war zu Knebel, der mich mit großer Freundlichkeit aufnahm, uns [v. Both und Gattin] auf den Nachmittag und Abend zu sich einlud, mich nach der Universitätsbibliothek begleitete und dort den Doctor, nachmaligen Legationsrath Weller aufforderte, mich zu Goethe zu führen. Wir fanden den letzteren in dem vor dem alten Gartenhäuschen im botanischen Garten, welches er damals bewohnte, befindlichen Baumgange auf und ab wandelnd, indem der am Morgen herabströmende Regen einigen Sonnenblicken gewichen war. Nachdem Dr. Weller den Auftrag Knebel's, mich vorzustellen, ausgerichtet und sich entfernt hatte, setzte Goethe mit mir den Spaziergang unter den Bäumen fort. Ich hatte manches von dem kalten, zurückhaltenden Wesen Goethes gehört und gelesen, und war deshalb zuerst etwas befangen; sehr bald verließ mich aber diese Befangenheit, da Goethe mir zu meiner angenehmsten Überraschung mit großer Freundlichkeit, Milde und Offenheit entgegenkam. Unser Gespräch drehte sich zunächst um das Blücherdenkmal in Rostock und wurde dann auf die uns viel zu früh entrissene Erbgroßherzogin Caroline Luise gelenkt, von deren Lobe die beredten Lippen des Greises überströmten. Nach etwa einer halben Stunde empfahl ich mich.

1820, 24. August. 
Abend bei Knebels

Herr und Frau v. Knebel empfingen uns (v. Both und Frau) sehr freundlich in einem kleinen Salon, dessen Thüren nach dem Garten hin geöffnet waren und den Blick in eine hübsche Anlage gewährten ..... Nachdem der Kaffee eingenommen war,... gingst Du [Both] mit Herrn v. Knebel in den Garten; Frau v. Knebel und ich [Frau v. Both] blieben aber noch im Zimmer, weil der Regen am Morgen den Garten sehr naß gemacht hatte, und wir der Sonne Zeit lassen wollten, ihn noch erst etwas aufzutrocknen. Wir vertrieben uns also die Zeit einstweilen mit Musik und anderer Unterhaltung .... Endlich konnten auch wir in den Garten gehn, und hier gelang es mir, das Gespräch auf Goethe zu bringen, dessen mir von Frau v. Knebel angekündigter Besuch ich mit großer Freudigkeit, aber auch mit einigem Herzklopfen erwartete .... »Er ist außerordentlich liebenswürdig, wenn er in guter Laune ist,« sagte Frau v. Knebel; »doch ist er auch zuweilen verstimmt und dann sehr einsilbig, wo man dann etwas unbehaglich mit ihm ist; doch ist dies nicht gerade oft der Fall.« Sie kam dann auf Goethes verstorbene Frau, die sie sehr lobte. Ich sagte ihr, daß ich früher kein so günstiges Urtheil über sie gehört hätte. »Die Frau ist sehr beneidet worden,« antwortete sie, »und deshalb viel angefeindet und verleumdet.« Sie sagte mir nun, daß diese Frau einen vortrefflichen Charakter, das beste Herz gehabt habe, daß sie alle der Überzeugung wären, daß Goethe nach seiner Eigenthümlichkeit nie eine passendere Frau für sich hätte finden könne, wie ihr ganzes Leben nur ihm geweiht gewesen sei, wie sie ihm gegenüber nie an sich selbst gedacht, sondern immer nur bemüht gewesen sei, es ihm angenehm und behaglich zu machen. »Dabei hatte sie« – sagte Frau v. Knebel – »eine sehr heitere Laune, verstand es, ihn aufzumuntern und kannte ihn so genau, daß sie immer wußte, welchen Ton sie anschlagen mußte, um wohlthuend auf ihn einzuwirken. Sie war keine sehr ausgebildete Frau,« fügte sie hinzu, »aber sie hatte sehr vielen natürlichen hellen Verstand. Goethe hat uns oft gesagt, daß, wenn er mit einer Sache in seinem Geiste beschäftigt wäre und die Ideen zu stark ihn drängten, er dann manchmal zu weit käme und sich selbst nicht mehr zurechtfinden könne, wie er dann zu ihr ginge, ihr einfach die Sache vorlege und oft erstaunen müßte, wie sie mit ihrem einfachen natürlichen Scharfblicke immer gleich das Richtige herauszufinden wisse und er ihr in dieser Beziehung schon manches verdanke.« Frau v. Knebel sagte mir auch, wie tief er ihren Tod empfunden hätte und wie er auch jetzt noch immer ihren Verlust nicht verschmerzen könne.

– – – – – – – – – – – – – –Über diesen Gesprächen waren wir wieder in den Salon zurückgekehrt, standen am Piano und hatten die Absicht, noch etwas zu musiciren, als ich meinen Blick zur Seite wendend, eine hohe Gestalt in der Gartenthür stehen sah. Ich konnte nicht zweifeln, daß es Goethe sei, und alles Blut schoß mir so zu Herzen, daß ich selber fühlte, wie ich ganz bleich wurde. Frau v. Knebel, die meinem Blicke gefolgt war, ging nun Goethe entgegen und bewillkommte ihn. Ich wurde ihm vorgestellt, und da er wohl bemerken mochte, daß ich sehr besangen war, so richtete er gleich einige freundliche Fragen an mich, die mich leichter über diesen ersten Augenblick des Zusammenseins mit ihm hinwegbrachten, als ich es gedacht hatte. Bald nachher kamst Du mit Herrn v. Knebel aus dem Garten zurück und er ließ sich nun in ein Gespräch mit Euch ein.

– – – – – – – – – – – – – –

In der Mitte des Salons stand ein runder Tisch mit Schreibmaterialien; an diesem nahmen wir Platz, wir beiden neben Goethe, und das Gespräch drehte sich zuerst um allgemeine Dinge. Bald darauf gingst Du mit Herrn v. Knebel weg, um den Präsidenten v. Ziegesar aufzusuchen, mit dem Du noch zu sprechen hattest, und Herr v. Knebel begleitete Dich, um Herrn v. Ziegesar einzuladen, den Abend dort zuzubringen. Frau v. Knebel hatte sich schon früher, wahrscheinlich in häuslichen Geschäften, entfernt, und so saß ich nun tête à tête mit dem großen Goethe. Mir wurde wieder etwas beklommen zu Muthe, doch führte Goethes freundliche Rede mich bald hierüber weg. Er erkundigte sich nach unserm Leben, meinen Beschäftigungen, und dann kam das Gespräch auf die Reise, die wir gemacht hatten, wobei er eine große Vorliebe für einige Partien des Harzes zeigte, den er früher öfter bereist hatte. Wir plauderten bald ganz harmlos miteinander, und als im Laufe des Gesprächs auch die Rede auf den Dom in Magdeburg kam und das schöne Grabmal in demselben, lobte Goethe es als ausgezeichnetes Kunstwerk, sprach über die Einzelheiten desselben und pries die schöne Lage der Hauptfigur. Ich mußte ihm gestehen, daß ich zwar die Schönheit desselben im Allgemeinen auch bewundert hätte, daß ich aber, an dem Tage mich unwohl fühlend und ermüdet von der Reise, dem Kunstwerke in seinen einzelnen Theilen die Aufmerksamkeit nicht geschenkt hätte, die es gewiß verdiene. »Ich will es Ihnen aufzeichnen, dann wird es Ihnen wieder mehr in's Gedächtniß zurückkehren,« sprach Goethe; »es ist zu schön, als daß es aus Ihrer Erinnerung scheiden dürfte.« Goethe nahm hierauf ein Blatt Papier vom Tische und eine Feder zeichnete das Grabmal hin und erklärte mir nun die einzelnen Theile desselben. Dann gab er mir die kleine Zeichnung – der er später den Namen eines Buches, das er mir zu lesen empfohlen hatte (»Olfrid und Lisena« von Hagen), beifügte – und sagte: »Behalten Sie es zu meinem Andenken.« .... Als später die Rede auf Lectüre kam, empfahl er mir mehrere Schriften und machte mir das Compliment, daß ich eine sehr gute Vorleserin sein müßte, da ich eine so klare deutliche Aussprache habe. Ich hatte nämlich schon vorher erfahren, daß er nicht ganz scharf mehr höre, und meine Sprache darnach eingerichtet, und dies mochte mir jenes Compliment verschafft haben.

Nach diesem kamst Du mit Herrn v. Knebel und dem Präsidenten v. Ziegesar, einem hohen, stattlichen Manne, zurück; auch Frau v. Knebel erschien wieder, um den neuen Gast zu bewillkommnen. Wir setzten uns alle wieder an den runden Tisch, wo das Gespräch sich ausschließlich den neuern Erscheinungen in der Literatur zuwandte ..... Es wurde über Hebel's alemannische Gedichte gesprochen, die von Goethe sehr belobt wurden, dann über plattdeutsche Gedichte und über die plattdeutsche Sprache überhaupt, für die Goethe sich zu interessiren schien. Außerdem wurden noch manche neue Schriften, deren Namen ich vergessen habe, beurtheilt; etwas Genaueres weiß ich aber nicht darüber zu sagen.

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So ging der Abend rasch vorüber und da das Wetter schön geworden war, so gingen wir noch in den Garten; doch waren wir noch nicht lange dort, als wir benachrichtigt wurden, daß das Essen unserer harre. Wir stiegen nun, ich von Goethe geführt, in den zweiten Stock, wo die Tafel servirt war. Ich saß wieder neben Goethe, während Du weiter unten bei Frau v. Knebel placirt wurdest. Während der Dauer der Mahlzeit wurden keine ernsten Gespräche mehr geführt; die Unterhaltung war heiter und scherzhaft. Goethe schien einiges Vergnügen daran zu finden, mich zu necken und da ich über die Blödigkeit weggekommen war, so erlaubte ich mir, ihn auch ein wenig dafür zu bezahlen. Als Herr v. Ziegesar ihm sagte: »Excellenz necken die junge Dame aber auch nicht wenig,« gab er lachend zur Antwort: »Nun, sie bleibt mir eben auch nichts schuldig.« Und in Wahrheit; ich habe es später selbst nicht begreifen können, woher ich den Muth bekommen hatte, dem großen Goethe seine Neckereien zurückzugeben, ich war aber heiter gestimmt und fühlte mich sehr angeregt, und da kann man denn manches thun, was in gewöhnlicher Stimmung unmöglich sein würde. Als wir gegen 12 Uhr vom Tische aufstanden, konnte ich gewiß aus aufrichtigem Herzen der Frau u. Knebel meinen herzlichsten Dank sagen für den herrlichen Abend, den ihre Güte uns bereitet hatte, und die gutherzige Frau war selber sehr erfreut, daß der Goethe, wie sie sagte, so prächtig gewesen sei. »Daher freute es mich,« fügte sie hinzu, »daß sie ihn so gesehen haben; er ist nicht immer so, aber heute ist er einmal in seiner rosigsten Laune.« Und gewiß, er war so liebenswürdig wie möglich .....

Als wir uns gleich darauf empfehlen wollten, erbot sich Goethe, uns in seinem Wagen, der schon vor der Thüre hielt, nach unserem Hotel zu bringen; dies wurde natürlich mit Dank angenommen, und wir bestiegen mit ihm eine Droschke, worin Du Deinen Platz bei dem Kutscher nahmst, und ich mich bei Goethe in den Hauptsitz setzen mußte. So brachte er uns nach unserm Hotel, wo wir an der Thür Abschied von ihm nahmen.


1820, 24. August. 
Mit Julius Franz Borgias Schneller


Errathen Sie, [Prokesch v. Osten] daß ich von Goethe rede? Nicht hier, sondern schon vorgestern, in Jena, traf ich ihn. Mit ihm durchfuhr ich die Gegend; an seiner Seite besuchte ich die Cabinete und Büchersammlungen, in seinem Garten lebt' ich mit ihm, theilte Mittags und Abends seine ländliche Tafel. Mit kindlicher Heiterkeit zeigte er mir einige Versuche, die auf den dritten Theil der Morphologie Bezug haben; wir sprachen über seine Jugend, seine Schöpfungen, seine Verhältnisse. Bis gegen Mitternacht las er mir aus seinem Diwan, dann schloß er mich in seine Arme, und ich schied.


1820, 25. August. 
Mit Anton von Prokesch-Osten


»Errathen Sie, daß ich von Goethe rede? Nicht hier, sondern schon vorgestern, in Jena, traf ich ihn. Mit ihm durchfuhr ich die Gegend; an seiner Seite besuchte ich die Kabinete und Büchersammlungen; in seinem Garten lebt' ich mit ihm, theilte Mittags und Abends seine ländliche Tafel. Mit kindlicher Heiterkeit zeigte er mir einige Versuche, die auf den dritten Theil der Morphologie Bezug haben; wir sprachen über seine Jugend, seine Schöpfungen, seine Verhältnisse. Bis gegen Mitternacht las er mir aus seinem Diwan, dann schloß er mich in seine Arme, und ich schied.«


1820, zwischen 24 und 28. August. 
Mit Karl Ernst Schubarth


Aus mündlicher Mittheilung.. erinnere ich mich, wie Goethe erzählte: Napoleon sei der einzige gewesen, der ihn, den Dichter, auf ein Mißverhältniß im »Werther« aufmerksam gemacht, das bis dahin den schärfsten kritischen Blicken entgangen, weil er es allerdings so künstlich versteckt, wie der Schneider seine künstliche Naht anzubringen pflege, wenn ihm durch ein Unglück in ein ganzes Tuch irgendwo ein Riß kommt. Als ich um nähern Aufschluß bat, erwiederte er mir; ich sei durch das, was ich über »Werther« in meiner Beurtheilung bereits gesagt, auf bestem Wege, es selbst zu finden, er wolle mir daher nicht vorgreifen.


1820, Ende September. 
Mit Friedrich Förster und dessen Gattin 


Auf einem ersten Ausfluge mit meiner jungen Frau (Laura geb. Gedike) nach Thüringen im Herbst 18321 , erfuhr ich in Jena, daß Goethe für den Monat September eine Gartenwohnung in dem botanischen Garten der Universität bezogen habe. Ich versäumte nicht, mich und meine Laura bei ihm anzumelden, und wir wurden in herzlichster Weise willkommen geheißen. – Goethe bot meiner Frau seinen Arm zu einem Spaziergang durch den Garten, und obschon sie kurz vorher geäußert, sie würde mehr Muth haben, dein Kaiser Napoleon oder Alexander sich vorstellen zu lassen, als Goethe, gewann sie doch bei dessen entgegenkommender Freundlichkeit vollkommene Unbefangenheit und richtete die von ihrem Lehrer Zelter an den Freund ihr aufgetragenen Grüße bestens aus. »Ich möchte« – sagte Goethe auf diesem Spaziergange – »der jungen Freundin gern ein Sträußchen verehren, aber leider ist, wie Sie sehen, schon alles verblüht.« – »Dort unten« – rief Laura, Goethe mit sich fortziehend – »seh' ich ja noch eine wunderschöne Blume in herrlichster Blüthe.« Goethe folgte; er ging festen Schrittes darauf zu. »So kann man denn doch« – rief er – »seinem ärgsten Feinde nicht entgehen! Das ist die Tabakspflanze, die eine gar schöne Blüthe treibt, deren Blätter aber, wo sie in Rauch aufgehen, das sicherste Mittel sind, mich zu vertreiben.« Dennoch entschloß er sich, diese Tabaksblüthe zu brechen; auch fanden sich noch einige Astern und Immergrün, sodaß er meiner Frau ein ganz hübsches Sträußchen geben konnte, wie er dabei sagte: »Mit Vorbehalt, es im Frühling durch ein besseres zu ersetzen.«

1 Selbstverständlich falsch.


1820, Ende September (?). 
Mit Friedrich Förster und dessen Gattin 


Zur Feier des siebzigsten Geburtstages Goethes hatte der Staatsrath Schulz in seinem, in Schönhausen bei Berlin gelegenen Landhause die näheren Freunde und Freundinnen des Dichters zu einem festlichen Mittagsmahle versammelt. Reden, Toaste und Gesänge fehlten nicht und meine Frau trug ein von mir gedichtetes Lied, ›Der Musen und Grazien der Mark Glückwunsch‹, vor.

Als bei einem späteren Besuche in Weimar Goethe meiner Frau Freundliches über ihren Gesang sagte, erwiederte sie ihm,... daß sie von seiner gütigen Gesinnung, überrascht sei, da sie ja in Berlin zuhaus gehöre, wo die Musen und Grazien der Mark sich aber nicht rühmen könnten, in besonderer Gunst bei ihm zu stehen. Goethe nahm den Scherz wohl auf und erwiederte ihn mit der Versicherung, daß er von seinem Unglauben bekehrt worden sei, seitdem ihm eine der Musen und Grazien in Person, und zwar beides in Einer erschienen sei. Die Zeiten, meinte er, seien längst vorüber, wo Nicolai mit Biester und Gedike als die Alleinherrscher im Reiche des guten Geschmackes in Berlin dominirten. »Aber ich bin ja« – fiel ihm meine Frau in die Rede – »eine Tochter Gedike's, habe also auch etwas von jener gefährlichen Erbschaft angetreten.« Goethe, ohne im Geringsten in Verlegenheit gebracht zu sein, entgegnete, ihre beiden Hände fassend und ihr freundlich in die Augen sehend: wie er nicht geglaubt hätte, daß es ihm beschieden sein werde, in seinen alten Tagen noch einmal in die schönste Ausgabe von Gedike's Lesebuch einen, ihn über so manches Wissenswerthe aufklärenden Blick thun zu dürfen. Gegen mich sich wendend, erinnerte Goethe daran: er habe vom Staatsrath Schultz erfahren, daß ich bei einer ihm zu Ehren auf Schultzes Landhause veranstalteten Festlichkeit ein Gedicht vorgetragen habe: ›Die neuen Musen und Grazien in der Mark.‹ »Lassen Sie es doch von Freund Zelter in Musik setzen und singen Sie mir es bei einem nächsten Besuche vor! Er ist den jüngern Musen diese Genugthuung schuldig, da sich die alten dieser Vergünstigung zu erfreuen gehabt.«

Goethe hatte sich in die Sophaecke zurückgezogen, um nicht von dem Lampenschein geblendet zu werden, gegen welchen er sich außerdem durch einen grünen Schirm zu schützen suchte. Meine Frau sang den ›König in Thule,‹ ›Meine Ruhe ist hin,‹ dann später ›O neige Du Schmerzensreiche‹ u.s.w. Nach einigen freundlichen, »dem seelenvollen und innig leidenschaftlichen« Vortrage der Sängerin gespendeten Worten sprach er sich anerkennend und eingehend über die Compositionen des Fürsten Radziwill aus, die ihm ja auch, und zwar vorzüglich die Chöre, von unserm gemeinschaftlichen Freunde Zelter als vorzüglich gelungen gerühmt worden seien. Nur damit erklärte er sich nicht einverstanden, daß der Componist auch die Selbstgespräche Faust's, welche sich wohl ohne musikalische Beihülfe zur Geltung bringen würden, mit Musik ausgestattet habe, wodurch das Drama den zwitterhaften Charakter des Melodramas erhalte, welches weder Schauspiel noch Oper, nicht Fisch, nicht Fleisch sei. In dieser Meinung wurde er noch durch die Mittheilung bestärkt, daß wenn der Fürst die Monologe, welche er sicherer als irgend ein Schauspieler, auch mit Verständniß und tiefgefühlter Empfindung spreche und sich selbst auf dem Cello begleite, das Gedicht zur vollen Geltung gelange, wenn aber der Schauspieler die Rolle spreche, Musik und Rede oft auseinandergeriethen, wodurch Zögerung und Fortschreiten an unrechter Stelle unvermeidlich würden. So angemessen der Stimmung die musikalische Begleitung zu Faust's Monolog ›Verlassen hab' ich Feld und Auen‹ u.s.w sei, so störe es jedenfalls, daß der Sprechende, als abhängig, oft an unpassenden Stellen unterbrochen und aufgehalten von der musikalischen Begleitung erscheint. Er sei immer der Meinung gewesen, daß die bezeichneten Stellen keiner musikalischen Beihilfe bedürften, worin er vollkommen dem geistreichen Coleridge zustimme:

An orphic tale indeed,
A tale divine of high and passionate thoughts,
To their own music chaunted.

(Der Faust) Ein orphisches Gedicht fürwahr,
Ein göttliches, voll hoher, leidenschaftlicher Gedanken,
Ertönend zu der eigenen Musik.

Als von einer der anwesenden Damen bemerkt wurde, daß die Musik Beethoven's zu Egmont's Monolog im Kerker und zur Erscheinung Clärchens als Traumbild von unbeschreiblich rührender Wirkung sei, sagte Goethe: »Nun, da möchte ich doch auf den bedeutenden Unterschied der Situation der beiden Scenen aufmerksam machen. Faust kehrt von dem Spaziergange zurück; in ernste Betrachtungen versenkt, verweist er den knurrenden Pudel, der ihn stört, zur Ruh und begiebt sich dann daran, mit Sinnen und Nachdenken sich das Verständniß über die schwerste Stelle des Evangeliums zu erschließen. Dies alles scheint mir zu musikalischen Begleitung nicht geeignet. Da ist es doch etwas anderes, wenn Egmont den langentbehrten Schlaf herbeiwünscht.« Mit einem Ausdrucke tiefempfundenster Wehmuth, die uns alle zu Thänen rührte, recitirte Goethe die Worte: ›Süßer Schlaf! Du kommst, wie ein reines Glück, ungebeten, unerfleht, am willigsten. Du lösest die Knoten der strengen Gedanken, verwischest alle Bilder der Freude und des Schmerzens; ungehindert fließt der Kreis innerer Harmonieen, und eingehüllt in gefälligen Wahnsinn versinken wir und hören auf zu sein.‹ – »Hier hab' ich ausdrücklich angegeben, daß Musik seinen Schlummer begleiten soll, sanft während der Erscheinung des Traumbildes, das verschwindet, als die Trommeln der Wache ertönen, welche Egmont zum Blutgerüst begleiten soll. Hierbei ist allerdings die musikalische Begleitung angezeigt, und Beethoven ist mit bewundernswerthem Genie in meine Intentionen eingegangen.«

An einem der folgenden Tage, an welchem wir wieder eine Einladung zu Frau v. Goethe in den Garten erhalten hatten, fand auch Goethe sich ein und brachte das Gespräch wieder auf die Compositionen des Fürsten Radziwill, theils um meiner Frau, welche von den Verehrerinnen des fürstlichen Componisten nicht der geringsten eine war, etwas Freundliches über ihren Gesang zu sagen, theils – und vielleicht mehr noch – um sie wegen ihrer Schwärmerei für ihre geliebte Vaterstadt Berlin mit dem ihm eigenen liebenswürdigen Humor zu necken, sagte er: »Berlin mag sich, seitdem ich dort war, und das ist schon lange her, sehr verändert und verschönert haben, allein zwei Dinge würde ich dort gewiß ebenso wie vordem alltäglich wiederfinden: unter den Linden Staubwolken und am Himmel Regenwolken.« – »Was die Staubwolken betrifft,« entgegnete Laura, »so wissen wir uns zu helfen: entweder wir machen uns nichts aus dem Staube oder« – »wir machen uns aus dem Staube« – unterbrach sie Goethe. »Dies letztere Mittel,« fügte Frau Ottilie hinzu, »würde sich doch wohl am meisten empfehlen.« – »Und was die Regenwolken betrifft,« nahm Laura die Rede wieder auf, »so würden Sie bei unserm Freund Zelter und auch sonst überall den Himmel voller Geigen finden, und das Cello des Fürsten Radziwill würde sich gewiß Ihres Beifalls erfreuen.« – Meine Frau erging sich aufs neue in lebhafter Schilderung des fürstlichen Componisten und Virtuosen und fügte dann hinzu: »wir wollen es schon noch durchsetzen, daß Excellenz nach Berlin kommen; ich habe mit Doris und Rosamunde [Zelter's Töchtern] eine kleine Verschwörung gemacht.« – »Und wollen Sie mir davon nicht vorher einen kleinen Wink geben?« fragte Goethe. – »Nicht alles, aber etwas will ich davon verrathen: wir halten die in Aussicht gestellte Sendung der delicaten Teltower Rübchen zurück und liefern Sie nur aus, wenn Sie sie selbst abholen.« – »Da seht ihr guten Kinder nun,« sagte Goethe zu den andern Damen gewendet, »wie gefährlich die lieben Berlinerinnen sind: wenn es ihnen mit ihrem Lockvogel auf dem Cello nicht gelingt, so halten Sie eine Lockspeise bereit, sodaß wir amende doch wohl anbeißen.«


1820, 9. October. 
Mit Carl E. von Weltzien 


Soeben komme ich von Goethe und muß noch ganz warm es Dir [v. Seidlitz] sogleich erzählen ..... Diesen hatte ich in Weimar anzutreffen geglaubt, er befindet sich aber noch immer, der schönen Witterung wegen, in seinem Sommeraufenthalt zu Jena. Heute Morgen vor 9 Uhr ging ich zu ihm, von Sivers... bis an die Thüre begleitet. Ich zitterte unterwegs am ganzen Leibe, im Gefühl, daß ich zum größten und berühmtesten Manne ging, den ich ja bisher gesehen, und für den ich keine passende Materie zur Unterhaltung wußte, den man außerdem mir als stolz und patzig verschrieen hatte. Goethes Wohnung in Jena, am botanischen Garten gelegen, ist nichts weniger als hübsch, sondern sieht sehr schofelig von außen aus, dagegen sein Haus in Weimar sehr geschmackvoll eingerichtet sein soll. Ich faßte mir endlich ein Herz, ging hinein und ließ mich anmelden. Ich wurde sogleich vorgelassen .... Goethe hält sich gewöhnlich in einem Zimmer eine Treppe hoch auf, welches blau angestrichen und mit vielen Kupferstichen behängt ist. Im Zimmer selbst sieht es ziemlich liederlich aus: alle Tische und Fenster liegen voll Kalender, Bücher etc. Nebenan stößt eine Schlafkammer, wie es scheint, in welche ich mich beim Weggehen verirrte, von Goethe aber freundlich zurechtgewiesen wurde.

Obgleich es noch früh war und Goethe Vormittags nie ausgehen soll, so fand ich ihn doch ganz in Gala in seinem Zimmer allein auf- und niedergehen. Er hatte einen schwarzen feinen Frack an, worauf der große Stern der Ehrenlegion1 prangte, schwarze Pantalons nebst Stiefeln, eine weiße Weste und sehr feine Manschetten, sodaß ich noch immer nicht begreifen kann, wie ein Mann in seinem Alter sich zu Hause solchen Zwang anthut. Sein Gesicht hat ungeachtet der tiefen Furchen und Runzeln, welche 72 Lebensjahre hineingegraben haben, einen außerordentlichen Ausdruck, den ich aber ganz anders fand, als ich ihn erwartete: nichts von Arroganz, nichts von Menschenverachtung, sondern etwas ganz Unnennbares, wie es Männern eigen zu sein pflegt, die durch vielfältige Erfahrungen und Schicksale und gleichsam im Kampf durch das Leben gegangen sind und nun im Gefühl ihrer wohlerhaltenen Integrität mit beneidenswerther Gemüthsruhe der Zukunft entgegensehn. In diesen Ausdruck mischt sich bei Goethe ein unverkennbarer Zug von Herzensgüte und zugleich ein anderer von besiegter ehemaliger Leidenschaftlichkeit, welche noch in dem unstäten Wesen seines Blicks sich offenbart. Sein großes helles Auge heftete er während des Gesprächs oft auf mich, sowie ich aber aufblickte und seinem Blicke begegnete, wandte er diesen gleich ab und ließ ihn unstät herumschweifen. Diesem Ganzen verleiht das graue Haar einen noch größern Zauber.

Ich wurde gegen meine Erwartung freundlich und human aufgenommen. Wir sprachen stehenden Fußes zuerst von Klinger, dann von meiner Reise und dem herrlichen Rhein, wo besonders Goethe seine große Bewunderung des Doms zu Köln aussprach; zuletzt von der Universität Jena. Ich brachte auch den Gruß von Morgenstern an, worauf Goethe mit einem, ich möchte sagen schalkhaften Lächeln dankte, ohne etwas zu erwiedern. Als ich aber Kurt Sprengel's Gruß überbrachte, ergoß er sich in ein fast ungestümes Lob dieses großen Mannes, den er seinen lieben Freund und den ehrwürdigsten unter den medicinischen deutschen Gelehrten nannte.

Nach 15-20 Minuten empfahl ich mich.

1 Irrig: des Falkenordens.


1820, Ende November und Anfang December. 
Mit Johann Gottlob von Quandt


Bei der Rückkehr von meiner zweiten Reise nach Italien mit meiner Frau.. erforderte es Anstandspflicht und Drang des Herzens, Goethe zu besuchen, und meine Frau ward durch Frau Hofräthin Schopenhauer bei Frau Geheimer Kammerräthin v. Goethe geb. Freiin v. Pogwisch eingeführt, die durch ihren lebhaften Geist und Liebe zu ihrem Schwiegervater geeignet war, sein Alter zu erheitern .....

Während der kurzen Zeit unseres Aufenthaltes in Weimar hatten wir täglich Gelegenheit, Goethe zu sehen. – Rauch war unlängst dagewesen, um Goethe zu modelliren und die soeben erst beendete Arbeit stand noch in Goethes Hause auf dem Stativ, umgeformt zu werden. Ich sprach den Wunsch aus, das Modell zu sehn, und Goethe beschied mich den andern Morgen zu sich. Mit ihm sein eigenes Bildniß von der Hand eines solchen Künstlers zu betrachten, gehört zu den bedeutendsten Momenten meines Lebens.

Goethe bediente sich des scherzhaften Ausdrucks, daß ihm die Natur einen Nickfang gegeben, wodurch die rechte Seite des Stirnbeins etwas eingedrückt war und das rechte Auge tiefer, als das linke stand. Aus dieser Anomalie construirte er die Bildung seines Gesichtes und sprach als Physiolog, als Künstler, als Poet, als ein universeller Geist. Noch insbesondere belehrend war, was Goethe darüber sagte, wie der Künstler sich an die Wirklichkeit zu halten habe und diese nicht absichtlich ändern dürfe, zumal bei Bildnissen. Diese Asymmetrie am Schädel eines so geistvollen Mannes kann uns keinen Zweifel daran einflößen, daß das Gehirn die Werkstätte der Seele ist; denn es war eine äußere, wahrscheinlich bei der Geburt entstandene Ungleichheit, und der Natur fehlt es bei den, ihr zu Gebote stehenden unberechenbaren Möglichkeiten nicht an Compensationen, wodurch die Wirkungen von Bildungsstörungen aufgehoben werden, wenn sie ihre Zwecke durchsetzen will. Ohne Zweifel hatten sich die Hemisphären intensiv und quantitativ einander gleich ausgebildet, sodaß die Verschiedenheit wohl bloß in einer höheren und tieferen Lage der beiden Theile des großen Gehirns bestand und die Unebenmäßigkeit nur die Schädelform betraf. – Was ich hier gesagt habe, sprach Goethe auf seine unnachahmliche Weise mit wenigen gehaltvollen Worten aus, sodaß ich, solche nicht genau aufgezeichnet zu haben, überaus bedauern muß.

Um diese Eigenheit in der Schädelbildung zu verbergen, hat Rauch den Kopf der Büste gewendet, obwohl diese Bewegung nicht in Goethes Art lag, der jedem angesichts in's Angesicht schaute ..... Rauch hatte diese Arbeit aus eigenem Antriebe unternommen, und ich bat Goethe um die Erlaubniß, bei dem Meister nach dem Modelle sein Bildniß für mich in Marmor bestellen zu dürfen, was er sehr gern bewilligte, und so habe ich das Glück, die Originalbüste zu besitzen, welche nachmals gewiß tausendfach in allen Arten von Material vervielfältigt worden ist.

Goethe hatte sich vorgenommen, uns eine Aufmerksamkeit zu erweisen und eine zahlreiche Gesellschaft einzuladen, was unsere Freunde ihm auszureden suchten, wovon er sich aber nicht abbringen ließ. Wie vorauszusehn, war diese Ehre kein Vergnügen; denn Unterhaltung findet doch nur dann statt, wenn ein Gegenstand des Gesprächs alle gleich sehr interessirt, was beigemischten Gesellschaften nicht möglich ist. Die Damen, welche um den Theetisch der Frau Geheimen Kammerräthin v. Goethe einen Kranz bildeten, hatten das beste Loos, und die Herren standen einzeln oder paarweise im Salon umher. Goethe selbst schien eine Unbefriedigung bei dieser Art von Unterhal tung zu fühlen, und ich kann versichern, daß er einige Male tief Athem holte, was einem Stöhnen sehr ähnlich war, und nach solchen Zuständen ist Goethe sehr oft und sehr falsch von Touristen beurtheilt worden, welche ich mit Bettlern vergleichen möchte, die von Haus zu Haus gehen und wie diese ein Almosen, so einen geistreichen Einfall davonzutragen hoffen. Goethe war ein großer Geist, aber kein Bonmots sprudelndes Witzkoboldchen. Die Kraft seines Genies glich den Strömungen des Galvanismus, aber nicht der Electricität, die sich in Blitzen und Schlägen entladet, und so ist wohl selten ein Mann von großem Gehalt zugleich homme de salon, unerachtet Goethes Stil, zumal in »Wilhelm Meister« und in den »Wahlverwandtschaften«, den Ton der guten Gesellschaft sehr richtig trifft.

Auch ich mochte ein ermüdetes Ansehen bekommen haben und Goethe sagte daher zu mir, daß er glaube, die Betrachtung seiner Medaillensammlung werde mich erfreuen. In Begleitung des Hofrath Meyer ging ich, von Goethe dahingeführt, in das an den Salon grenzende Cabinet, in welches er selbst von Zeit zu Zeit zurückkehrte, da er sich der Gesellschaft nicht völlig entziehen konnte. Und so verstoß auch dieser Abend sehr genußreich und belehrend für mich.



1820. 
Mit Johann Karl Gottfried Loewe

Es war 1820, als Loewe sich als Student aus Halle bei Goethe melden ließ. Er hatte den »Erlkönig« componirt, hatte ihn mitgebracht und wünschte ihn dem Dichter vorzusingen. Bemerkenswerth ist, daß Loewe noch die Äußerung wagte: er hielte den »Erlkönig« schon deshalb für die beste deutsche Ballade, weil die Personen alle redend eingeführt würden. ›Darin haben Sie recht,‹ sagte Goethe. – Immer zutraulicher gemacht, fügte Loewe hinzu: »Von Ihren dramatischen Werken halte ich den ›Tasso‹ für das beste; ich lese ihn wiederholt und immer mit neuem Entzücken.« »Das wußte ich, ehe Sie es sagten,« erwiederte Goethe.

Nun bat ich ihn, den »Erlkönig« vorsingen zu dürfen. Leider war kein Instrument vorhanden, und Goethe forderte den Studenten auf, zu seinen musikalischen Freitagsabenden in Weimar zu kommen. Das konnte leider nicht sein.


Um 1820. 
Über Ottilie von Goethe 



a. 


Er hatte kein Vertrauen in ihre wirthschaftlichen Talente und sagte wol scherzend: »Ich hatte mir so eine kochverständige Tochter gewünscht, und nun schickt mir der liebe Gott eine Thekla und Jungfrau von Orleans ins Haus.«

b.


Wiewol sie von allen Fremden, die sich um den Zutritt zu den großen Dichter bewarben, mit Vorliebe die Engländer unter ihren Schutz nahm, so daß Goethe sie scherzweise »den englischen Consul in Weimar« nannte, so hat sie doch auch mir [Kozmian] ihre Hülfe nicht verweigert.



Um 1820 (?). 
Über die Universität Jena 


»Jena ist nun einmal nicht todt zu machen,« wie auch Goethe in einem Gespräche über die Universität einmal äußerte; »ich habe Jena dreimal am Boden und dreimal wieder obenauf gesehen; es besitzt eine ungeheure Vegetationskraft.«


Um 1820. 
Mit Wilhelm Naumann u.a. 


Von Schulpforta aus, wo er damals mit seinem Zögling [Graf Hohenthal] weilte, begab er sich auf einen Ausflug nach Weimar in Begleitung eines Lehrers der Fürstenschule. Der dortige Professor, nachherige Rector Lange gab Naumann bei der Abreise eine Übersetzung der ›Iphigenie‹ in's Griechische von Ernst Ortlepp in der Absicht, dadurch einen schicklichen Anlaß zu einem Besuch bei Goethe zu bieten, dem er diese Arbeit überreichen sollte. Naumann wollte davon nichts wissen, da er gehört, Goethe behandle die Besuchenden oft unfreundlich und er sich zu sehr fühlte, um solcher Behandlung sich auszusetzen; Lange redete jedoch zu, die Übersetzung wenigstens mitzunehmen, da er doch vielleicht wünschen könne, Goethen aufwarten zu wollen. In Weimar besuchte er den Hofrath Riemer, dem er die Handschrift mit der Bitte zustellte, sie Goethe zu überreichen, und als dieser frug, warum er das nicht selbst thun wolle, gestand ihm Naumann seine Befürchtungen. Riemer sah nach seiner Uhr und sagte: ›In diesem Augenblick muß Goethe nach Hause kommen; ich verlange, daß Sie gleich zu ihm gehen, damit auch Sie von dem Vorurtheil befreit werden, welches Sie mit so manchem theilen.‹

Dieser dringenden Mahnung gehorchte nun Naumann, dem es nur unangenehm war, daß sich ihm bei dem Gange zu Goethe sein Reisebegleiter anschloß; denn als junger lebhafter Mensch hoffte er günstigere Aufnahme zu finden, als er sie jenem versprach, der ein trockner ungefüger Schulfuchs war. Beide ließen sich also bei Goethe melden, wurden angenommen und in's Empfangszimmer geführt; Goethe erschien bald, trat an Naumann heran, legte seine Hände auf dessen Schulter und sprach: »Bitte, Ihren Namen!« Als dieser sich genannt, richtete er die gleiche Frage an Naumann's Begleiter, worauf er diesem, als dem älteren, den Platz neben sich auf dem Sofa anwies. Als dieser ungeschickterweise Umstände machte und sich einen Stuhl nahm, sagte Goethe zu Naumann: »Nun, einer muß sich zu mir setzen! Da kommen Sie her!« Indessen war auch dieser von dem andern angesteckt, verbat sich die Ehre gleichfalls und setzte sich ebenso auf einen Stuhl.

Waren schon diese Umständlichkeiten nicht nach Goethes Sinn, so verstimmte es ihn augenscheinlich noch mehr, als Naumann's Begleiter die Beine übereinanderschlug und das Gespräch mit der Plattheit begann: »Ew. Excellenz haben uns wieder mit einem neuen Heft ›Kunst und Alterthum‹ beschenkt.« Goethe murmelte zur Erwiederung etwas; da besann sich der Schulmann, eine Empfehlung vom Zeichenmeister Oldendorp auszurichten, worauf Goethe äußert: »Er beweist mir immer zu meinem Geburtstag seine Anhänglichkeit.«

Endlich langte Naumann Ortlepp's ›Iphigenie‹ hervor und übergab sie mit dem Bemerken, daß Goethe diese Übersetzung jetzt um so anziehender finden werde, als er sie mit der neugriechischen Iphigenie von Papadopulos vergleichen könne. Goethe blätterte in der Handschrift und warf hin: »Ja, mit Fleiß und gutem Willen kann man vieles machen.« – Naumann nahm sich hierauf der Übersetzung an, sagte, daß wirkliche Kenntniß der Antike und Geist darin ausgeprägt sei, und bat, derselben einige Beachtung zu schenken. Vorderhand ging jedoch Goethe nicht weiter darauf ein, und da das Gespräch stockte, Naumann's Begleiter aber keine Anstalt zum Aufbruch machte, so erhob ersterer endlich selbst und Goethe war beim Abschied noch so liebenswürdig, daß Naumann durchaus nicht Ursache hatte, den Besuch zu bereuen.



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