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2019-11-03

Anselm Heine "Der Zwergenring"-1.Kapitel: der Einzug (1)





Anselma Heine

Der Zwergenring

Erzählung aus Goethes Jugendland



Kapitel I

»Von Werten, die wir zu würdigen verstehen, tragen wir einen Keim in uns
selber.«

Der Einzug

Ganz Straßburg atmete auf, als am 7. Mai des Jahres 1770 gegen Mittag
endlich der ewige Regen aufhörte und die Sonne, wenn auch noch blaß und
schwächlich, durch den Nebel hindurchschaute. Denn in wenigen Stunden
sollte die reizende Marie Antoinette von Österreich, seit drei Tagen dem
französischen Kronprinzen vermahlt, auf ihrem Wege nach Paris durch
Straßburg kommen, um hier beim ersten Schritt in ihr künftiges Königreich
festlich begrüßt zu werden. Seit dem frühen Morgen schon waren die Straßen
angefüllt von Leuten, die unter ihren Regenschirmen, mit Verwandten und
Freunden breit eingehenkelt, umherzogen und alle Vorbereitungen für den
Einzug mit Neugier, Bewunderung und Ängsten betrachteten: Würde nicht
alles durchweicht und unansehnlich sein, noch ehe Maria Theresias verwöhnte
Tochter es zu sehen bekam?

Jetzt war auch diese Sorge behoben, und die Straßburger konnten sich
ungehindert ihrer Erwartung eines glänzenden Schauspiels hingeben. Eilig
wurden noch die Verzierungen an den Häusern angebracht, die sich nicht in
den Regen hinausgewagt hatten, Teppiche herausgehängt, die Straßen frisch
mit Grün und Blumen bestreut; auf den Plätzen schüttelten die Zelte, in denen
abends die Würstchen zur Volksspeisung gebraten werden sollten, sich die
Tränen ab und begannen zu glänzen; die Fähnchen trockneten, wurden leicht
und flatterten. Alles sah lustig aus und erwartungsvoll.

Und jetzt beginnen die Glocken des Münsters ihr machtvolles Zwölf-Uhr-
Läuten. Dann mischt sich St. Stefan ein, Jung St. Peter, Alt St. Peter; und zu
den katholischen Stimmen gesellt sich mit ernstem Rhythmus die
protestantische St. Thomaskirche und die neue Kirche des protestantischen
Gymnasiums. Wie ein Netz von Klängen wirft es sich über die alte Stadt.
Trutziges Dröhnen, vereint mit lockendem Gesang. Ganz so wie drunten die
wuchtigen, kantigen Türme der mittelalterlich deutschen Zitadelle um die
graziösen welschen Bauten der Franzosen stehn.

Die Glocken haben ausgeläutet.

Je weiter die Zeit vorrückt, um so lebhafter wird das Gedränge in den
Hauptstraßen und auf den Plätzen, durch die der Zug kommen soll. Da die
Straßen für Fuhrwerk verboten sind, sieht man Kavaliere und Damen der
Gesellschaft, die sonst nur in Wagen oder Portechaisen sich fortbewegen,
vorsichtig und ein bißchen hochmütig über das feuchte Pflaster stelzen, um
sich zu den Freunden zu begeben, bei denen sie zur Schau geladen sind.
Mancher weißseidene Strumpf bekommt da einen Schmutzfleck, manche
Schleppe einen Rand. Die Damen haben ihre hohen Puffenfrisuren und
winzigen Hütchen zu schützen vor den herabbaumelnden Beinen der Buben,
die sich an Vorsprüngen und Schnitzwerk der alten Giebelhäuser eingenistet
haben und da droben lärmen wie ungeduldige Spatzen. Sie beneiden die
schleppenlosen Faltenröcke der Bürgermädchen, die sich in ihren Schoßtaillen
und farbigen Brokatschürzen auf schwarzen Stelzenschühchen zierlich
fortbewegen und recht gut wissen, wie hübsch ihnen das gestickte Häubchen
am Hinterkopf und das helle Brusttuch steht.

Und jetzt strömen die Landleute der Umgegend in die Stadt hinein. Sie
bringen ein durchaus deutsches Bild in das städtische Gemisch von
elsässischer Tradition und neuer Pariser Mode hinein. Die Männer tragen zum
langen dunkeln Rock die bunte Weste, die Kappe und blaue oder rote
Strümpfe unter ihren samtnen Kniehosen. Die Frauen mit breitem Faltenrock,
enggeschnürter dunkler Taille und rotem Brustlatz segeln in ihren großen
seidenen Schürzen, die Hände vor dem Magen wie in der Kirche, andächtig
daher; die Töchter tragen die schwarze, kleidsame Elsaßschleife über dem
reichen Haar, das ohne Puder und Locken in dichten Flechten um den Kopf
liegt. Sie würden es unanständig finden, ihr Haar nach Pariser Art zu türmen.

Immer zahlreicher ist der Zuzug der Landleute jeder Art. Sie kommen in
Postkutschen, Leiterwagen, Einspännern, Halbchaisen, Korbwägelchen, in
eleganten Schloßkutschen. Dazwischen alte, geräumige Landkarossen, denen
man es ansieht, daß sie nur bei ganz seltenen Gelegenheiten aus der Remise
gezogen werden. Vor dem Steintor sind provisorische Ausspannungen
entstanden, Bretterverschläge für Pferde und Wagen. Denn die Einfahrt in die
Stadt ist verboten. Die drei Unterstände dort aber sind bereits überfüllt, und
bei jedem neuen Ankömmling spielen sich dramatische Szenen ab zwischen
Torwächtern und Abgewiesenen, die je nach ihrem Temperament verzweifeln
oder wüten, Ein Betrunkener belästigt alle mit wüstem Schimpfen. Einer hat
das Messer gezogen und fuchtelt wild umher.

Eben rumpelt ein altertümliches Gefährt schwerfällig und harmlos in das
lärmende Getriebe dort hinein. Auf dem Bock sitzen zwei. Die Zügel hält ein
etwa dreizehnjähriger rotwangiger Knabe, ehrbar wie ein kleiner Erwachsener
gekleidet, der nun anhält und zwischen dieser aufgeregten Menge vergebens
versucht, seine Ratlosigkeit unter einer pompösen Miene zu verbergen. Sein
Gefährte, ein blasser, ernsthafter Jüngling in schwarzem Kandidatenrock,
macht gleichfalls ein bedenkliches Gesicht. Auch die beiden gutgenährten,
aber betagten Schimmel wenden mißtrauisch die Köpfe gegen die schreienden
und herumfuchtelnden Menschen. Dergleichen sind sie nicht gewöhnt draußen
in ihrem stillen Sesenheim, wo sie meist nur Heu und Korn und Mist fahren.
Oder pflügen. Sonntags spannt dann der Knecht sie ans Korbwägelchen, damit
der gute Pfarrer Brion seine Gemeinden in den entfernteren Kirchdörfern
besuchen kann. Und manchmal geht es, heidi, in den Wald, zum Rhein, auf
irgendein Landgut in der Nähe. Lustige junge Leute, die lachen und singen
und die Pferde streicheln.

Dies hier aber gefällt ihnen nicht!

»Verboten durchzufahren!« Der Torwächter streckt die Hellebarde vor, mit
einer Bewegung, in der ganz Frankreich befiehlt. In der französischen
Uniform aber steckt ein gutmütiges Elsässergesicht. Wagt es einer daraufhin,
dennoch mit seinem Wagen hindurchzuflitzen, so kriegt er den dazugehörigen
echten Elsässer Zorn zu spüren. Das Fünffrankenstück, das ihm ein gräflicher
Lakai in die Hand gesteckt hat, wirft der Soldat zu Boden und spuckt darauf.
Inzwischen ist der Knabe vom Kutscherbock heruntergeklettert, hat die Zügel
in die schmalen zarten Hände des Kandidaten gelegt, tritt nun wie ein kleiner
Held vor den Torwächter und erklärt ihm mit heftiger Beredsamkeit: er sei der
Christian Brion. Hinein in die Stadt müsse er mit dem Wagen. Es sei
verabredet, bei dem Onkel Schöll auszuschirren, der Ratsherr sei. Und also
doch wohl in der Stadt ein Wörtchen mitzusprechen habe? Er bläht sich wie
ein kleiner Truthahn und kommt sich sehr wichtig vor. Aber der Wachtsoldat
lacht nur:

»Ah, guckmal, dem Pfarrer Brion sein Jüngster seid Ihr? Euch hab' ich noch in
Kamisölchen und Hemdzipfel in Sesenheim auf dem Anger umherlaufen
sehen. Und mit den Mamsells habe ich in der Schule gesessen. Vor sechs
Jahren hat Pfarrer Brion mich eingesegnet.«

»Seid Ihr's, Jakob Klein?« Die Stimme tönt aus dem Wagen heraus wie ein
silbernes Glöckchen. Und nun entläßt die dunkle Kutsche ein Mädchen, hell
wie der Frühlingstag selber, in den sie hinaustritt. Eine süße Heiterkeit liegt
auf ihrem zartfarbigen Gesicht mit den strahlend blauen, großen Augen. Und
als sie nun in die volle Sonne tritt, leuchtet ihr Haar, das sich an den Schläfen
anmutig lockt und in vielgewundenen Flechten um den schmalen Kopf gelegt
ist, wie eine Goldhaube über der klaren Stirn. Die Leute ringsum blicken,
mitten aus ihrem Unmut heraus, freundlich auf das liebliche Geschöpf. Sie
machen ihr sogar Platz, als sie mit ihrem leichten, liebenswürdigen Schritt auf
den Wachtsoldaten zugeht: »Grüß Gott, Jaköble. Und habt Ihr nicht bald
Urlaub, daß man Euch wieder einmal in Sesenheim sieht? Euer Vetter
Schorsch Klein in Drusenheim wartet schon lang auf Euch. Und unser Bärbel
hat sich noch immer keinen andern Schatz angeschafft.«

Jakob Klein lachte über das ganze Gesicht. Unwillkürlich trat er ein bißchen
zur Seite. Als aber jetzt Christian in die Hände klatschte: »Wir dürfen durch!«,
wurde die Miene des Soldaten plötzlich streng und dienstlich. »Verboten
durchzufahren«, rief er scharf. Die Brions sah er gar nicht mehr an.

»Er hat recht,« sagte Friederike zu Christian, dem Tränen der Wut in die
Augen traten, »er ist halt doch Elsässer Blut und kein galanter Franzos.«

Mit ein paar Schritten war sie am Wagen und sprach hinein. Beschwichtigend.
Erklärend. Wieder öffnet sich der Schlag der alten müden Kutsche. Eine
feurige Brünette springt mit einem Satz heraus, etwas älter als die Blonde. Sie
guckt mit ein paar kecken Augen um sich und fängt sogleich zu schelten an:
›Was denn das für Zustände seien hier? Stundenlang habe man
zusammengepreßt gesessen und nun solle man wohl gleich wieder umkehren?‹

Sie brachte das so komisch heraus, daß die Umstehenden lachten. Derweil
hatte sich auch der Kandidat eilig vom Bock herunterbegeben, als müsse er
dem jungen Mädchen noch nachträglich aus dem Wagen helfen.

Die lacht. »Wenn ich auf Sie hätte warten wollen, lieber Marx!« Die beiden
sind miteinander versprochen. Sobald der junge Theologe eine Stelle hat, wird
Verlobung und Hochzeit gefeiert werden. Denn »zu einer Pfarre gehört sich
eine Knarre«, sagt das nicht sehr höfliche Sprichwort.

Salome Brion oder, wie sie meist genannt wird, »das Sälmel« sieht in ihrer
enggeschnürten Miedertaille, schneeweißem Brusttuch und grünseidnem
Faltenrock mit schwarzer Schürze bunt und frisch aus wie ein Apfel. Gleich
nach ihr ist ein etwa 14jähriges Mädchen ausgestiegen, das ein wenig
schwächlich aussieht. Die eine Schulter ist höher als die andere, was ihr ein
mühseliges Ansehen gibt. Sie jammert: »Mein linkes Bein ist mir
eingeschlafen. Geh her, Friederike, führ' mich ein bissel. Wie mit lauter
Nadeln sticht's da drinnen.«

Friederike ist schon bei ihr. »Armes Sophiele! Wirklich eingeschlafen?« Sie
schüttelt sanft den hingestreckten Fuß. »Wach' auf, wach' auf!«

»Du mußt fest darauf treten,« sagt sie dann tröstend, »wirst sehn, dann geht's.«

Und es geht wirklich.

Ganz zuletzt ist noch die Mutter ausgestiegen, schlank und wohlgewachsen
wie Friederike, aber ohne deren lichte Freundlichkeit in Miene und Bewegung,
Etwas Gemessenes, beinah Hochmütiges lag in der Art, wie sie sich in ihren
Schal wickelte, als wolle sie die Berührung mit diesen Menschen hier
vermeiden. Sie hielt ernstlich Rat mit Marx, was man wohl tun könne? Ihre
reichgarnierte Haube sowie das dunkle Seidenkleid hatten etwas Vornehmes.
Das Sälmel, jetzt ganz übermütig, lachte über alles. Während Marx und
Christian dann in der Nähe Umschau hielten nach einer Unterkunft für
Kutsche undPferde, packte Friederike die mitgebrachten Erfrischungen
handlicher, so daß man sie im Pompadour gut unterbringen könne. Sie war
keinen Augenblick aus ihrer heiteren Gelassenheit geraten.

»Sieh da,« sagte sie plötzlich lächelnd, »da kommt schon die Rettung. Ich sehe
den Vetter Gottlieb, der uns sucht. Er wird sicher Rat wissen.« Salome geriet
sogleich außer sich vor Freude, riß ihr Taschentuch hervor und schwenkte es
wie ein Schiffbrüchiger. Auch die Mutter winkte lebhaft.

Jetzt hatte der Vetter sie entdeckt, wand sich zu ihnen durch und begrüßte sie
wie erlöst. »Endlich! Seit einer Stunde laufe ich hier schon herum und gucke
nach Ihnen. Die Eltern mit den Schwestern sind nach dem Metzgertor
gegangen, um den Zug gleich zu sehen, wenn er da durch die Ehrenpforte
kommt. Aber ich hatte keine Ruh. Immer mußte ich dran denken, daß Ihr hier
draußen festsitzt und womöglich zu allem zu spät kommt.«

Frau Brion warf einen wohlgefälligen Blick auf den stattlichen Neffen, der
breitschultrig und mit prallen Waden dastand wie das Bild der Gesundheit. Zu
Friederikens 18. Geburtstag neulich hatte er bei den Eltern um sie angehalten.
Aber der Vater hatte gemeint, das Riekchen sei noch viel zu jung zum
Heiraten. Die Mutter hatte ihn dann beiseitegenommen und ihn auf später
vertröstet. Einen besseren Schwiegersohn als diesen braven, tüchtigen
Menschen, der wie ein Herr auf seinem kleinen Pachtgut saß, hätte sie sich gar
nicht wünschen können. Freilich, Friederike war zart und zur Landwirtschaft
wenig geeignet. Aber hatte sie selbst sich nicht auch erst in das Landleben und
in die Mühen der großen Wirtschaft hineinfinden müssen? Ihr Mann freilich
hätte sein Riekchen am liebsten unter eine Glasglocke und in den Zierschrank
gestellt! Mit seiner Frau hatte er nie so viel Umstände gemacht!

Der verdrossene Zug um den Mund der überarbeiteten Frau wurde schärfer.

Langsam kamen sie vorwärts.

Die Straßen hier draußen sahen wenig festlich aus. Erst als man sich der
inneren Stadt näherte und über die Kanalbrücke nach dem Broglieplatze
durchdrang, sah man Girlanden und Teppiche an den Häusern, Lichte an den
Fenstern zur abendlichen Illumination und an den prächtigeren oder
wichtigeren Gebäuden die Lämpchenreihe, die nach Dunkelwerden die
Fassade in Flammen nachziehen sollte. Alles Zukunftsschönheiten, bei denen
man sich nicht weiter aufhält. Lustiger ist der Anblick in den Hauptstraßen,
wo erwartungsvolle Damen auf den schmalen Altanen der Patrizierhäuser
Platz genommen haben, dicht aneinander gereiht. Ihre buntstrahlenden
Krinolinenkleider schwingen langsam hin und her. Wie große seidene Glocken
sehen sie aus, die man da zur Begrüßung aufgehängt hätte. Die Köpfchen der
Damen aber mit ihrem gewaltigen Federschmuck erscheinen von unten wie
Wolken-Engel zwischen weißen Schwingen.

»Man hätte sich ebenfalls sollen ein bissele mehr nach der Mode anziehn«,
sagte das Sälmel verdrießlich, »wie eine Magd sieht man aus gegen die da
oben.« Aber Friederike meinte: »Wir sind hübsch genug, so wie wir sind! Das
französische Zeug steht uns nicht. Es ist so unnatürlich.«

»Und wir sind ja hergekommen, um zu sehen; nicht um gesehen zu werden!«
fügte Marx hinzu, der immer ein bißchen lehrhaft war.

Auf einmal schreit das Sophiele laut auf: »Sie kommen, sie kommen!«

Ein einzelner Reiter, wunderschön auf glänzendem Pferd, das unter seinem
Purpursattel mit gebeugtem Nacken dahersprengt, ist aus irgendeinem Grunde
in der freigelassenen Baum-Allee des Broglie erschienen. Er verschwindet im
Tor des Rathauses. »Sie kommen!« schreit das junge Ding noch einmal.
Christian gibt ihr einen ärgerlichen Schubs. Er ist ganz rot geworden. So fest
packt er sie am Arm, daß es kneift und sie »Au« sagt. Aber die Menge glaubt
dem kleinen Mädchen. Sie setzt sich gegen den Dom des Bischofschlosses in
Bewegung. Dort wird die Dauphine heute wohnen. Bis dorthin wird der Zug
ihr feierliches Geleit geben.

Die Brions und ihre beiden Kavaliere werden geschoben, festgekeilt und
wieder vorwärtsgestoßen. Alles in jener seltsam stummen und aufgeregten
Art, wie sie einer wartenden zahlreichen Menge eigen ist. Jetzt stehen sie an
einen der Weinbrunnen geklemmt; ein Delphin, aus dessen Nüstern der Wein
sprudeln soll. »Delphin heißt auf französisch Dauphin«, erklärt Marx den
beiden Jüngsten. »Das habt ihr doch in der Schule gehabt?«

Sie sagten beide »Ja«, wußten aber von nichts. Dagegen lasen sie mit
Hingebung die Verse, die an Urnen und Säulen aufgemalt waren. Christian las:

»Frohlocket ihr Bürger,
Dauphine kömmt an,
Bestreuet mit Kränzen
Die ebene Bahn.«

Gottlieb hatte Friederike zu einem Schmucktempelchen geführt, auf dem ein
Genius thronte, der ein feuerrotes Herz mit gelben Flammen am Arme hängen
hatte.

»Mein Herz ist einem
Nur allein geweiht«, stand da.
»Nur meinem Bräutigam,
deß Liebe mich erfreut.«

»Gefällt Ihnen das, Vetter?« fragte Friederike. »Ich mag's nicht leiden, wenn
die Empfindungen des Herzens so fest müssen vorherbestimmt werden am
Hochzeitstage wie die Reihenfolge der Tänze. Mich dünkt, das müsse alles
ganz von selber kommen.« Sie unterbrach sich wie erschreckt. »Wer ist das?«
fragte sie, auf einen Trupp junger Leute blickend, der, die Menschenmauer
durchbrechend, vorbeikam. Studenten schienen es zu sein. Aber von sehr
verschiedenem Alter, Anzug und Gebaren. Friederike sah nur den einen,
dessen großes Feuerauge sie gestreift hatte. Sie hätte über sein Gesicht nichts
aussagen können, so flüchtig nur war es ihr zugewandt. Aber da er nun
weiterschritt, die junge, biegsame Gestalt mit freien, ungestümen Schritten
tragend, meinte sie nie etwas Lebendigeres gesehen zu haben. »Wer ist das?«
fragte sie noch einmal. Zu gleicher Zeit löste sich aus dem Trupp, der
weiterschritt, eine schmächtige Gestalt heraus und bewegte grüßend den Hut,
den er in der Hand trug. Er kam heran. Gottlieb faßte den unscheinbaren
kleinen Menschen bei den Schultern: »Bonjour, Vetter Weyland. Auch
unterwegs? Das ist recht.« Die Mutter gab ihm die Hand. Ob er denn nicht
bald einmal wieder nach Sesenheim käme? Das Giebelstübchen sei immer
bereit für Gäste. »Mit wem sind Sie denn hier, Vetter?« fragte Salome. Und
Friederike erkundigte sich zum dritten Male: »Ja, wer ist das?« »Mein
Mittagstisch. Fast lauter Mediziner, Studiengenossen. Nur der Große, Schöne
da in der Mitte ist ein Jurist. Aus Frankfurt; wohlhabender Leute Kind. Und
ein Besonderer, sag' ich euch. Goethe heißt er.«

»Er sah aus wie ein recht unternehmender Mensch«, bemerkte Marx.
»Ist er auch. Immer den Kopf voll Anschläge. Über seine Streiche kommt man
aus dem Lachen nicht heraus. Und dann wieder redet er Dinge, daß man Maul
und Nase aufsperrt. Ein Geist voll Feuer mit Adlersflügeln.«

»Ei, ei,« meinte Gottlieb, der den stillen Vetter gern neckte, »der Weyland
redet auch schon Geniedeutsch, wie es jetzt in den Almanachen Mode sein
soll. Und dein Goethe dichtet wahrscheinlich ebenfalls?«

»Geraten. Verse, soviel du willst. Auch Theaterstücke. Alles aus dem Leben
herausgegriffen. Grade als wäre die ganze Welt ein Bilderbuch für ihn, aus
dem er abschreibt. Und was man mit dem Goethe sieht, das sieht man für sein
ganzes Leben.« Sein unbedeutendes Gesicht glänzte förmlich.

In seine Worte klang Musik herein, die erst schwach, dann langsam stärker
werdend vom Metzgertor herauftönte. Fanfarenstöße, Posaunen, Trompeten.
Jetzt kamen sie wirklich! Während die Leute sich in die Münstergasse stürzen,
um dem Zug, der den Umweg über den Münsterplatz machen wird, zu
begegnen, zieht Gottlieb Schöll seine Gesellschaft schnell in ein altes Haus
hinein, das einen verborgenen Durchgang hat nach stillen Gassen, rennt mit
ihnen über Höfe, daß die Hühner gackern, die Tauben flattern, jagt enge
Gänge durch zwischen Mauern, hinter denen Hunde ihnen wütend nachbellen,
durchläuft ein zweites Haus und siehe – man ist glücklich am Münsterplatz
gelandet, auf dem sich der Aufzug in seiner ganzen Pracht entfalten kann.

Lauter klingen die Trompeten, Kanonenschüsse, Glocken. Schon hört man das
begeisterte »Vive, sie lebe!« deutlich herübertönen. Man fühlt die Schritte der
herankommenden Soldaten den Boden erschüttern.

Und nun in voller Maisonne das Blitzen des Militärs, das die Spitze bildet.
Voran die königliche Leibgarde, die Anführer zu Pferde, Kürasse und Rosse
wie aus Bronze, die Mannschaft zu Fuß. Das funkelt und weht: Degen,
Fahnen, Mäntel, Federbüsche, Soldatenbeine, rhythmisch emporfliegend.
Pauken dröhnen, Trompeten jubilieren, Trommeln wirbeln, das Volk schreit
seinen Gruß.

Friederike zog ihren Arm aus dem Gottliebs, der sie führen wollte. Sie sah
sich nach Weyland um. Aber der war verschwunden. Wahrscheinlich
seinen Freunden nachgegangen. Schade! Er hätte sicher noch mehr erzählt von
diesem merkwürdigen Herrn Goethe. ›Was man mit dem Goethe sieht, das
sieht man fürs Leben?‹ Wenn er doch heute hier wäre, neben ihr ginge, sie mit
seinen Dichteraugen sehen lehrte!

»Gefallt's Ihnen auch, Bäschen?« fragte Gottliebs gute Stimme. »Sie sind auf
einmal so still geworden.«

Vorreiter kommen, Pagen, leuchtend in ihren roten, mit den königlichen Lilien
bestickten Phantasiekostümen. Die ersten auf zwölf schwarzen Pferdchen mit
Silberzügeln, ihnen folgen andere zwölf auf schneeweißen Rößlein mit roten
Zügeln.

Und nun sie selber, die junge Fürstin in ihrer Märchenkutsche, ganz aus Glas
und Gold. Von Kopf bis zu Fuß kann man sie sehen, wie sie mit strahlendem
Lächeln die Grüße des Volkes erwidert, mit ihren Damen plaudert, die ihr
gegenübersitzen, und immer wieder das mit einem Paradiesvogel geschmückte
hochfrisierte Köpfchen neigt. Ihr Kleid ist blauer Damast, mit Edelsteinen
übersät. Es funkelt, wenn sie sich bewegt. Ein hermelingefütterter rosa
Seidenmantel, an der Schulter befestigt, fällt in schweren Falten zur Seite
nieder. Alle, an denen sie vorüberfährt, brechen in Jubel aus. Auch die
Prachtkutsche des Bischofs wird begrüßt, die, mit vier Rappen bespannt, mit
geschmückter Dienerschaft und Troß vorüberzieht. Ihm folgt die katholische
Geistlichkeit, farbig, goldglitzernd, dann die protestantische, in ruhigem
Schwarz. Später Universitäts-Dekane und Rektor, die Spitzen der
Bürgerschaft, die Zünfte mit ihren Wahrzeichen. Es wollte kein Ende nehmen.
Und so viel Hin- und Widergrüßen. Jeder Zuschauer hatte Freunde und
Verwandte im Zuge.

Jetzt drängte die Menge nach dem Barfüßerplatz, die Tänze der Zünfte zu
sehen. Die Brions ließen sich nicht mitreißen. Diese Tänze hatte man schon oft
bewundert. Und man durfte Madam Schöll nicht warten lassen, die zum Essen
eingeladen hatte. Marx verabschiedete sich. Fr wohnte in Straßburg bei seiner
Familie, war nur in Sesenheim ein paar Tage zu Besuch gewesen und mit den
Brions hergefahren.

Es war ein gutes vergnügtes Mahl gewesen bei den Schölls im alten
Giebelhause des Schiffsleutstaden. Dann, während die Mutter sich, wie Bruder
und Schwägerin, ein Ausruh-Schläfchen gönnte, machte das junge Volk sich
wieder auf, durch die Stadt zu ziehen. Salome namentlich verlangte die
Ehrenpforte am Metzgertor zu sehen, von deren umständlichem Bau und
Ausputz ihr Marx ausführlich erzählt hatte. So ging's denn diesmal gegen das
Badische hin. Voran Christian zwischen seinen beiden Bäschen Jeanne und
Margret eingehenkelt, die sich in Ermangelung erwachsener Kavaliere die
dreiste Art des Brionschen verwöhnten Jüngsten, der noch dazu einziger Sohn
ist, gefallen ließen. Gottlieb folgte mit den beiden Sesenheimer Mädchen. Das
Sophiele war bei den Schölls geblieben. Sie sollte ihre Kräfte sparen für die
Illumination heut abend. Man ging hinter den heut feiertäglich verlassenen
braunhölzernen Verkaufsbüdchen, die mit geschlossenen Gittern dastanden,
die dunklen »Lauben« entlang, kam zum »alten Fischmarkt«, dann an der
»großen Metzig« und dem burgähnlichen, mittelalterlichen »Kaufhaus« mit
allen seinen neuen Anbauten vorbei zur Ill. Friederike blieb stehen. Sie
vermißte die Waschschiffe, die sonst hier standen mit ihrem
Heißwasserdampf, den emsigen Weibern mit bloßen Armen, die miteinander
lachten. Nun ging's über die »Rabenbrücke«. Christian erzählte eben den
Kusinen, daß drüben im Gasthof zum Raben vor 30 Jahren der preußische
König Friedrich der Große logiert habe. Das gehörte zu den wenigen Dingen,
die ihn in der Geschichtsstunde interessiert hatten. Kusine Jeanne aber
bedeutete ihn, es sei unschicklich, gerade heute von diesem König von
Preußen zu sprechen, der gegen die Mutter der Marie Antoinette so lange
Krieg geführt und überhaupt weder Religion habe noch Lebensart.

Nun war man vor der Ehrenpforte angelangt. Gottlieb berichtete, man habe die
Wallmauer zurückrücken und die Gräben zu beiden Seiten zuschütten müssen,
um die Breite für den Galawagen zu schaffen. Man blieb vor der Göttin Maja
stehen, die über dem mittleren Schwibbogen schwebte und den Mai darstellen
sollte. Sie hatte ein blaues, mit Lilien besticktes Gewand und streute aus einem
Füllhorn Blumen auf die Straße, Salome las laut den Spruch am Postament:

»Wird Frankreichs Lilienflor
In stetem Lenze stehn,
Ja werden Land und Volk
Die besten Zeiten sehn.«

»Wie muß es doch schon sein, so gefeiert zu werden!« rief sie. »wenn
unsereiner heiratet, machen die Leut' ›Polterabend‹, Scherben werfen sie
einem vor die Tür. Viel lustiger wär's doch, wenn alle Leut' einem so schön
taten und so viel Glück voraussagten, wie heut der Marie Antoinette.«

»Und Sie, Friederike?'« fragte Gottlieb dringlich, »wie wollen Sie es halten
bei Ihrer Hochzeit?«

Sie lachte. »Ob Verse oder Scherben, wenn nur der Mann recht ist. Aber
darauf kommt's an.« Er sah sie in bittender Frage an. Sie achtete es nicht. »All
dieses Übertriebene mag ich nicht«, fuhr sie fort. »Ja, es ängstet mich beinah.
Wie eine Überschwemmung ist das, die über die schönsten Gärten und die
reifsten Felder fährt.« Sie war ganz blaß geworden. Als ahne sie hinter diesem
Schmeicheln und Jubilieren das blutige Schicksal des jungen Paares, das man
heute feierte. Und das einst von seinem Volk verwünscht, vom Thron
gestoßen, in den Kerker geworfen und zuletzt auf das Schafott geschleppt
werden sollte.

Kusine Jeanne lachte. »Das Riekchen ist abergläubisch! Eine Schande für eine
Pfarrerstochter.« Die sanftere Margret aber schmiegte sich liebevoll an sie
heran. »Gelt? Man denkt manchmal so Sachen?«

Friederike sah vor sich hin. Es war sonst ihre Art niemals gewesen, »so
Sachen« zu denken. Sie nahm den Tag, so wie er kam und freute sich an ihm.
Heute aber fühlte sie sich ganz herausgerissen aus dem Alltag. Auch in ihr war
Fest, war Märchen. Ganz so wie auf dem grünen Anger, zu dem sie jetzt durch
das Tor herausgetreten waren, wo im lichten Silbernebel der jetzt wieder ganz
verhüllten Sonne muntre Paare sich im Tanze drehten. Alle lachend und
sorglos, als kennten sie nickt Mühe, Arbeit und Verdruß. Nur Tanz. Die Musik
war ländlich, an einem Steintisch fiedelten die Musikanten hinter ihren
Weinkrügen.

Unsere kleine Gesellschaft setzte sich ein wenig abseits vom Trubel unter
stillen Bäumen nieder. Das Silber überflorte immer stärker Fluß und Stadtbild
und ließ die runden Schwarzwaldberge wie dunkle Wolken erscheinen.
Allmählich dunkelte es. Salome trieb, man müsse in die Stadt zurück. Hier
und da wurden schon leuchtende Lämpchenketten sichtbar, die die Staden
bekränzten. Und jetzt, wie mit Feuertropfen in die Luft getüpfelt, die
Silhouette des Münsters. Jedes Portal, jeder Fensterbogen. Von der Plattform
sprühen Fackeln ihre glänzenden Fanale herüber. Man sieht den Turmstumpf,
kahl, wie abgebrochen, während der Turm, der einzig fertiggebaute, von innen
aus zu leuchten beginnt. Kühn und schlank hebt er sich in glühender
Zeichnung in die Luft. Ein in den Himmel weisender schimmernder
Gottesfinger. Selbst von hier aus kann man deutlich das zierlich stolze Gerank
der kunstvollen Steinarbeit erkennen. Es ist etwas Feierliches in dem Anblick.
Niemand spricht. Die Tanzenden haben aufgehört, die Musik schweigt. In der
durchsichtiger werdenden Dämmerung steht die Menge dicht beisammen mit
emporgerichteten Gesichtern, die vom Feuerschein erhellt sind. Und wieder
hat Friederike Brion das Gefühl: Heute ist Feiertag. Ein Tag, der mich angeht.
Mehr als alle früheren. –

In der Stadt war schon wieder alles auf den Beinen. Man ging an der Ill
entlang dem Schöllhause zu. Das Wasser war ganz durchtanzt von all den
goldenen Lichtern, die sich in ihm spiegelten. Und jetzt, da man am Staden
weitergeht, dem Bischofschlosse zu – was ist das? Zauberei? Der Flußarm, auf
den die bischöfliche Terrasse herausgeht, ist verschwunden; statt dessen ist da
ein plötzlich entstandener Ziergarten zu sehn mit Blumenbeeten,
Kübelbäumchen, zierlicher Balustrade und kleinen Tempelchen. Gegenüber,
gerade da, wo das Schöllsche Haus sonst stand, befinden sich luftige
Säulenhallen, die drei prächtige Ehrenpforten verbinden. Dahinter öffnet sich
der Blick auf einen monddurchleuchteten Park, der niemals früher dort war,
mit Springbrunnen, Ruhebänken, Statuen und Grotten.

Märchen! Wieder ein Feiertagsmärchen! dachte Friederike. Gottlieb war selig,
daß er und seine Schwestern das Geheimnis so gut bewahrt hatten. Er erklärte
jetzt, der Ziergarten sei einfach auf Brettern über rasch zusammengefahrenen
Pontonbrücken vergänglich aufgebaut. Und der Park nichts anderes als eine
transparente Riesenkulisse. Um dieser Überraschung willen habe er sie heute
vormittag listig von hinten ins Haus geführt, so daß sie von den
Vorbereitungen nichts gewahr geworden wären.
Friederike wehrte ab: »Laßt mir mein Wunder!«

Im Hause war Vater Scholl sehr übler Laune. Überall stänke es nach der
leimigen Malfarbe, und warum man ihm, zum Vergnügen der Dauphine von
Frankreich, in seinem guten ehrlichen alten Elsaßhause die Luft absperren
dürfe mit der Riesenkulisse aus Pappe und Ölpapier?

Die ganze Zeit während des Essens schalt er auf die Regierung. Ging auch
danach nicht mit, die Illumination zu sehen, sondern setzte sich grollend zur
Lampe in seine Arbeitsstube. Er nahm es Frau und Schwester übel, daß sie
nicht bei ihm zu Hause blieben, schalt sie vergnügungssüchtige Närrinnen,
ließ sich einen neuen Schoppen Wein aus dem Fasse bringen und nickte
einsam scheltend ein.

Er schlief noch, als die Seinen lustgesättigt und ein wenig müde nach Hause
kamen und nun eifrig zu erzählen begannen: von Namenszügen aus Licht,
Wappen, Häuserverzierungen, den weinfließenden Brünnlein, den Bratzelten,
dem Gedränge und Gestaune, als überall das Feuerwerk sprühte und knatterte,
und wen man getroffen, was dieser und jener gesagt. Vater Scholl hielt sich die
Ohren zu. »Ihr schwätzt alle durcheinand. Man wird ganz drehicht davon.«
Erst als Friederike ihm ein paar komische Episoden beschrieb, die man erlebt
hatte: eine Perücke, die vom Kopf gefallen war, und die ein Übermütiger auf
einen Baum gehängt, und ähnliche harmlos-derbe Scherze, taute der Alte auf.
Er begann von den Promotionen zu sprechen, denen er als Magistratsperson
beizuwohnen hatte. Von dem Versammeln in den Zunftstuben, den feierlichen
Aufzügen mit Musik. Und erwärmte sich dermaßen bei der Beschreibung, daß
er, nun ganz in Feststimmung, selbst in den Keller ging, guten Wein
heraufholte und eigenhändig seinen Gästen einschenkte. »Dein Riekchen
versteht's mit den Männern«, sagte die Frau Rat leise zu Frau Brion. Die
blickte erstaunt auf. »Sie ist selbst immer vergnügt«, sagte sie dann, »und
kann's nicht leiden, wenn eins mürrisch ist.«

Und so war es wirklich. Friederike mußte Heiterkeit um sich verbreiten. So
wie die Sonne Helligkeit. Aus ihrer Natur heraus. Ganz ohne Absicht.

Abends beim Zubettgehen war dann noch ein großes Gelärme in dem Zimmer
der beiden jungen Mädchen, in dem auch Salome und Friederike einquartiert
waren. Jedes Schwesternpaar schlief in einem der großen französischen
Betten, die ebenso breit wie lang sind. Die Mädchen, aufgeregt von dem
langen ereignisreichen Tage, sprangen in ihren langen Nachthemden wie toll
umher, sangen, erzählten, warfen sich mit Kopfkissen, flochten sich
dann gegenseitig das Haar. Und dann liefen die Haustöchter noch rasch in die
Speisekammer, noch »Guts« zu holen, zum Knabbern und Schlürfen.
Die Schölls erzahlten dabei von dem großen Rathausfest, das der Magistrat
kürzlich gegeben, mit köstlicher Bewirtung und Tanz. Sie waren erst am
hellen Morgen nach Haus gekommen. Sogar die Mutter. Sie wollte auf den
Vater aufpassen, der leicht, wenn er getrunken hatte, gegen Frankreich lärmte
und sich mißliebig machte.

Salome seufzte: »Man kommt zu nichts mehr, wenn man Braut ist!« Sie
betrachtete im Spiegel ihre langen braunen Zöpfe.

Auch die Kusinen seufzten. Neidisch. Sie waren älter als die Sesenheimer
Mädchen und hätten eine sichere Heiratsaussicht sehr geschätzt. Aber es
wollte sich keine zeigen. Jeanne, die Älteste, war unansehnlich und hatte eine
säuerliche Art, die abstieß; die Jüngste, hübscher und liebenswürdiger, war
neben der herrschsüchtigen Schwester schüchtern geworden. Sie redete kaum.
Dazu kam die strenge Frömmigkeit der Mutter, die derbe unbekümmerte Art
des Vaters, der – Elsässer mit Leib und Seele – bei jeder Gelegenheit gegen
die französische Regierung auftrat und deshalb den jungen Herren, die ihr
Fortkommen suchten, als Schwiegervater nicht willkommen war.

So schlichen denn die drei zuletzt verdrossen zu Bett. Nur Friederike hatte ihr
strahlendes Lächeln behalten. Sie suchte noch nichts und wollte noch nichts,
was sie nicht in sich selber besessen hätte. So schlief sie ruhig ein.

Mitten in der Nacht aber fühlte das Sälmel sich bei der Hand gefaßt und so
stark gezogen, daß sie fast aus dem Bett gefallen wäre. Und Friederikes
Stimme sagte in das Dunkel hinein: »Das sieht man für sein Leben.« –

Am nächsten Morgen wußte sie nichts mehr davon.




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