> Gedichte und Zitate für alle: Anselm Heine "Der Zwergenring"- 2.Kapitel: Der Kandidat (2)

2019-11-03

Anselm Heine "Der Zwergenring"- 2.Kapitel: Der Kandidat (2)




Kapitel II

»Du hast in deinem Blick,
In deinem Wesen, was mein Herz
Zu dir eröffnen muß.«
(Claudine v. Villa Bella.)

Der Kandidat

Pfarrer Brion rieb sich die Stirn. Das tat er immer, wenn er angestrengt
nachdachte. Er stand am Fenster, über sein Schreibpult gebeugt, die
Gänsefeder in der Luft, und murmelte die Worte vor sich hin, die er zu
schreiben dachte. Ein sauberer Bogen lag bereit. Vorerst aber gab es auf einem
Nebenblatt nur einzeln hingekrakelte Notizen; Sätze, die kein Ganzes werden
wollten.

Es handelte sich um eine Eingabe an seinen Patronatsherrn, den Prinzen
Rohan-Soubise in Zabern; eine Bitte, den längst versprochenen Umbau des
Pfarrhauses betreffend. Das Schreiben mußte französisch abgefaßt werden und in höflichen Ausdrücken. In beidem war der gute Pfarrer nicht sehr stark. In Straßburg, während seiner Studienjahre, hatte er sich um nichts gekümmert als um die theologischen Vorlesungen. Und die waren deutsch. Im übrigen war er über sein Stückchen Oberrhein nie hinausgekommen; hatte immer nur im
nächsten Umkreis auf Dörfern gelebt.

So stand er denn ein bißchen hilflos da an seinem Pult, schrieb auf, strich aus
und überlegte, wer da helfen könne? Er riß sein Halstuch auf, schlug den
blumigen kattunenen Schlafrock, in dem er vorhin sein Mittagsschläfchen
gehalten hatte, auseinander und öffnete zuletzt das Fenster. Die Studierstube
lag nach dem Garten hinaus, der noch ein wenig kahl aussah. Der Mai hatte
sich in diesem Jahre aprilmäßig launenhaft betragen. Aber die Luft schmeckte
nach Frühling. Und verjagte die etwas muffige Stubenluft, die nach feuchten
Wänden, vielgebrauchten Möbeln und alten verräucherten Büchern roch. Der
Pfarrer griff nach dem schwarzen Döschen, das auf seinem Schreibpult stand,
schnupfte und nieste. Aber sein Kopf wurde davon nicht klarer.

Wenn doch seine Frau da wäre! Die wüßte vielleicht Rat. Oder das Riekchen.

Ja, ja, das Riekchen! Sein freundliches Gesicht war jetzt entspannt und ruhig,
als hätte er das Lieblingstöchterchen schon an seiner Seite und fühlte ihre
schmalen leichten Finger sein Haar liebkosen. Aber im Hause blieb alles still.
Sie waren wohl alle im Krautgarten, der über die Straße hinüber lag.

In diesem Augenblick hörte er die Haustürschelle gehn. Gleich darauf klopfte
es an seine Tür, und Vetter Weyland trat ein – hinter ihm ein junger Mensch in
engem, grauem Röckchen, den er als Kandidat Werner aus dem
protestantischen Konvikt zu Straßburg vorstellte. Der junge Mensch, »ein
fleißiger, strebsamer junger Mann«, blieb schüchtern an der Schwelle stehn. Er
trug eine altmodische runde Perücke, die sehr tief in die Stirn ging und fast die
Augen verdeckte. Die Arme hielt er an den Leib gedrückt. Der Pfarrer
begrüßte die Ankömmlinge freundlich, aber ohne besondere Wichtigkeit.
Gäste waren nichts Seltenes im Sesenheimer Pfarrhause. Der Hausherr pflegte
die Sorge für sie seinen Frauenzimmern zu überlassen. So äußerte er auch jetzt
bedauernd, er sei ganz allein, bot eine Prise an und schaute dann wieder, in
sich gekehrt, auf seinen Brief. »Ich werde das Rickchen bitten,« sagte er dann,
»sie soll hinübergehn zum katholischen Pfarrer. Er kann gut Französisch, er
soll mir den Brief aufsetzen.« Er gab Weyland sein Konzept. Der fremde junge
Mensch blickte von ferne mit hinein. Unvermutet äußerte er dann mit leiser,
schüchterner Stimme: wenn es dem Herrn Pfarrer angenehm sei, so wolle er
versuchen, submissest solch ein Schreiben auf französisch aufzusetzen.«
Weyland räusperte sich und sah ihn eigentümlich mahnend an. Der Kandidat
wurde sehr verlegen. »Das heißt, ich meine nur – ich könnte es ja einmal
versuchen.«

Vater Brion lächelte nachsichtig. »Nun, ich fürchte – zu meiner Zeit
wenigstens war das Französisch von uns jungen Leuten im Konvikt nicht
gerade elegant.«

Der Herr Werner stamme ein wenig von Franzosen ab, sagte Weyland eifrig.

»Aber ›Werner‹ klingt doch recht deutsch?«

»Mütterlicherseits«, bestätigte nun der junge Mann mit tief gesenkten Augen.
Er schien wirklich ein sehr schüchterner Mensch zu sein.

Der Pfarrer versank wieder in Schweigen. Weyland, der sein Wesen kannte,
erbot sich, die Tante und die Bäschen aufzusuchen und herbeizuschaffen.

Kaum war er draußen, als der Pfarrer sofort ein langes Selbstgespräch begann,
bei dem der stumme Zuhörer nichts zu tun hatte, als beistimmend zu nicken.

Es sei eine Schande, führte er aus, daß eine so reiche Gemeinde es sich
gefallen lassen müsse, ihren Pfarrer in einem alten, elenden Fachwerkhause
unterzubringen. »Haben Sie das Haus des katholischen Pfarrers gesehen? Es
ist ein solides Steinhaus. Und er ist doch nicht Familienvater. Ich dagegen –
Und ich bin fast jedes Jahr wieder neu eingekommen, habe Baupläne
eingeschickt. Man hat sie verloren oder zerrissen. Nicht aus bösem Willen,
bewahre, aber so sehr man in Straßburg den Protestantismus respektiert, auf
dem Lande werden die Katholiken bevorzugt. Meine Nachfolger hier werden
es mir einmal danken, daß ich für sie gekämpft habe. Ich selbst –« Er sah auf.
Das Gesicht des fremden Kandidaten war ihm einen Augenblick so sonderbar
wach und durchgeistigt erschienen. Aber da er ihn nun betrachtete, sah er
wieder das bescheidene, etwas törichte Lächeln vor sich. »Ich selbst kann
mich nicht beklagen«, fuhr er fort. »Die Stelle ist gut, man beneidet mich
darum. Die Protestanten von sechs Dörfern gehören dazu; die Bauern liefern
pünktlich ihren Zehnten; ich habe Wiesen und Felder, einen großen Garten,
der mir Obst und Gemüse liefert. Ich danke Gott jeden Tag dafür. Und meine
liebe Frau ist darin mit mir gleicher Meinung. Das Haus wird nicht leer von
Gästen, die an den guten Gaben teilnehmen. Das Pfarrhaus zu Sesenheim ist
berühmt durch seine Gastfreundschaft. Immer fröhliches junges Volk, Musik,
auch wohl mal ein Tänzchen im Freien. Das lobt Gott mehr als Grämen und
Sorgen.«

Er hielt inne. Wieder dieses sonderbare Aufleuchten des jungen Menschen, »O
ja«, sagte er ganz heiß. »Und es ist ein so großer Irrtum des Mittelalters
gewesen, daß man das Wort 'Glück' aus dem christlichen Sprachschatz hat
verbannen wollen. Jede Lust wurde als Sünde betrachtet. Als etwas, das
ausgerodet werden müsse. Christus hat das nicht gemeint. ›Sehet die Lilien auf
dem Felde.‹ Dann das Weinwunder bei der Hochzeit von Kana. Die Künstler
damals haben das wohl gewußt. Wenn ich vor dem Münster stehe – welche
strenge Erhabenheit, aber welcher Reichtum an Freude und Willkür! Freude ist es, aus der sich das Erhabene aufbaut.«

Hier wurden sie unterbrochen. –

Frau Brion war wirklich mit Salome und Sophie in den Krautgarten gegangen.
Friederike hatten sie nicht mitgenommen. Das junge Mädchen war von je zart,
und man hielt sie von körperlicher Anstrengung fern, wenn es dagegen galt, zu
ordnen und zu schmücken, eine Speise schmackhaft zu machen, etwas
Gefälliges oder Tröstliches zu unternehmen, einer mißlichen Sache ihre gute
Seite abzugewinnen, dann war Friederike die Rechte dazu.

Jetzt war sie zum Schulmeister gegangen, der heute abend von seiner
Hochzeitsreise zurückerwartet wurde. Seine beiden Töchter erster Ehe, 20 und
22 Jahre alt, waren ihm gram wegen dieser neuen Heirat. Sie saßen verstockt
und schmollend auf der Bank vor dem Schulhause, so daß jeder
Vorübergehende sie sehen und bedauern konnte, hatten beim Krämer ein
billiges »Willkommen« gekauft und waren damit beschäftigt, die
dazugehörige Türgirlande zu winden, ohne Sorgfalt: Tanne und hier und da ein
weißes Blümchen. Es sah mehr einem Totenkranze gleich als einem
Hochzeitsgruß.

Das sagte wenigstens Friederike, die sich sogleich daran machte, im Garten
hinter dem Hause neues Grün und neue Blumen zu holen. Auch in die Wiesen
lief sie schnell, in die der Garten sich hineinzog, und brachte Buchenlaub mit,
Sauerklee, überwinterte rote Beeren, vom Waldrand Farnkräuter und
gelbleuchtendes, starkduftendes »Wolverleih«. Die Lehrerstöchter meinten
erst, das alles sei nicht nötig. Als sie aber der Mamsell Brion zusahen, wie
unter ihren geschickten Fingern da etwas sehr Lustiges und Schönes entstand,
etwas, über das alle Dorfleute staunen würden, da faßte sie der Ehrgeiz
mitzutun. Und sie schafften sich die verdrossenen Wangen straff und rot. Bald
war ein Lachen da und ein Beraten, daß es war wie Vogelzwitschern nach dem
Regen.

»Und was werdet ihr denn anziehend« hatte Friederike gefragt.

Sie wüßten nicht, sie hätten nichts Rechtes. Und sie wollten ja überhaupt nur
rasch zum Gratulieren herunterkommen. Essen wollten sie dann lieber allein
in der Küche. Man wisse ja nicht – ob die junge Frau –.

Friederike hörte gar nicht hin. Sie flocht zwei Haarkränzchen, eines aus
Goldregen für das braune Haar der Jüngsten und dann ein schmales aus
Vergißmeinnicht für die Aschblonde. Die drückte sie ihnen auf das Haar und
schob sie dann beide ins Haus hinein, in die Wohnstube vor den Spiegel. Da
standen sie nun, besahen sich und machten auf einmal ganz vergnügte
Gesichter. Sie holten Mieder und Brusttücher aus der Truhe, Friederike sollte
aussuchen. Auch die Seidenschürzchen wurden gewählt. Es war plötzlich eine
Emsigkeit in sie gefahren, als gälte es, sich für einen Ball zu kleiden.
Friederike holte noch einen hübschen Krug aus der Rüche, den sie mit
Zweigen füllte, sah zu, wie die Mädchen ein schöngewebtes weißes Tischtuch
auflegten und vier Gedecke dazu. Und lächelte befriedigt.

Jetzt sah die Sache anders aus. Und der Abend würde liebevoller verlaufen, als
die trotzigen Mädchen es sich vorgenommen hatten!

Mit ihren leichten Schritten ging sie durch die lange Dorfstraße. In der kühlen
Reinheit dieses Abends schien sich die Freundlichkeit ihres Wesens wohlig zu
wiegen, wie ein Vogel auf dem Zweige. Die Alten, die vor der Tür saßen,
sprachen sie an, tauschten Grüße mit ihr. Sie erkundigte sich teilnehmend nach ihrem Tun, nach Kranken und Gesunden der Familien und lachte mittendrein aus Wohlgefühl und Jugend. Ohne Grund sonst.

Am Wirtshaus zum Anker stand der Wirt in Zipfelmütze und bequemer Jacke.
Seine rote Nase glühte.

»Ihr habt Besuch bekommen, Mamsell Riekchen, der Herr Weyland und noch
einer aus Straßburg. Scheint ein armer Schlucker.«

Nun war sie an der großen, alten Steinkirche angelangt, die Protestanten und
Katholiken abwechselnd benutzten. Eben läutete es zur Messe. Dem Kirchhof
gegenüber zog sich das Gitter hin, das den Pfarrhof umschloß. Sie öffnete die
Tür im Bretterzaun. Am Ziehbrunnen stand das Bärbele und wand den Eimer
hoch. »Schnell, schnell, Mamsell Riekchen, es ist Besuch da.« Auch die
Mutter und Salome riefen aus der Küche, sie möge rasch in die Studierstube
gehen, sie selber hätten arg zu tun, Weyland sei beim Barbier und der Vater
mit dem Fremden allein geblieben. »Du weißt ja, er mag das nicht.« Friederike
ging hinüber und öffnete die Tür. Da gerade war es, daß der Herr Werner die
Worte sprach vom Glück und Mittelalter und von den Lilien auf dem Felde.
Friederike blieb stehn. Sie horchte hoch auf. Solche Worte hörte man nicht
leicht in diesem Raum, in dem bei den allmonatlichen Pastorenkonferenzen
gemächlich über Gemeindedinge und Alltägliches geredet wurde.

Sie trat jetzt näher. Die beiden sahen auf. 

Der Schein der sinkenden Sonne stand hinter ihr und ließ all ihre kleinen krausen Härchen in einem einzigen frommen Geflimmer aufleuchten. 

Jetzt erhob sich der junge Theologe. Lang, schmal und gekrümmt in seinem engen grauen Röckchen. Seine Ärmel reichten kaum bis zum Handgelenk. »Ich spreche natürlich nur nach meiner unmaßgeblichen Meinung!« sagte er noch zum Pfarrer hinüber. Seine Stimme war jetzt hoch und dünn und unnatürlich.

Der Pfarrer streckte dem Töchterchen die Hand hin. Er schien aus einem
Traum aufzuwachen. »Da ist mein Riekchen. And das da«, er zeigte auf die
arme verbogene Gestalt, »Herr Kandidat Werner, ein wackerer junger
Theologe aus dem Straßburger Konvikt. Ein Freund von Vetter Weyland.« Der
junge Mann blickte auf. Er stockte. Auch Friederike erschrak. Gab es denn
zweimal solche Augen? Aber dann lachte sie über sich selbst.

Seit dem Tage in Straßburg hatte sie ja überall diese schwarzen, flammenden
Augen gesehn. Nun sogar im Gesicht dieses dürftigen Studiosus Werner! Der
aber hatte sich plötzlich aufgerichtet. Einen Augenblick nur. Dann lag wieder
das verkniffene Bescheidenheitslächeln um den schmal verzogenen Mund.

Jetzt kam Weyland, frisch rasiert und von einer bäuerlichen Seife duftend. Mit
ihm die Mutter und Salome. Auch ihnen machte der Kandidat seine demütige
und verzwickte Reverenz von vorhin. Aber seine Blicke kehrten immer wieder
zu Friederike zurück, die jetzt in ihrer leichten, anmutigen Art allerlei
Tischgerät zusammenholte, dann wieder mit den Gästen sprach, Sophie, die
zwischen Tür und Angel herumstand, weil sie sich zu wenig beachtet fand, die
Zopfschleife zierlicher band und dann die Treppe hinaufeilte, den Tisch zu
decken.

Salome, lebhaft und laut wie immer, ließ sich nun auch mit dem Theologen in
eine Art Gespräch ein, indem sie ihn allerhand fragte, ohne auf seine Antwort
zu warten, Weyland war merkwürdig aufgeregt. Er klopfte seinem Freunde ein
paarmal gönnerhaft die Schulter und schien sich überhaupt aufs beste zu
amüsieren. Ganz anders, als sonst in seiner Art lag. Als nun gar Salome ihn
aufforderte, von seinem Tischgenossen zu erzählen, dem Herrn Goethe aus
Frankfurt, der ja ein so merkwürdiges Genie sein sollte und soviel tolle
Streiche mache, da pruschte er heftig und erzahlte – immer weiter lachend –,
der zöge jetzt in merkwürdigen Verkleidungen im Land umher und verdrehte
wahrscheinlich allen Mädchen die Köpfe. Studiosus Werner meinte sanft, so
schlimm werde das wohl nicht sein. Und die Elsässer Mädchen ließen sich
wahrscheinlich nicht so leicht von jedem Hergelaufenen die Köpfe verdrehen.
Aber Weyland lachte stärker. Davon verständen wohl die theologischen
Studenten nicht allzuviel. Der Goethe aber sei Jurist, werde nächstens seinen
Doktor machen und sei auch sonst ein Kerl, der sich sehen lassen könne.

Frau Brion machte dem Neffen ein strenges Gesicht. So wenig ihr der
unbeholfene Student auch imponierte, ein Gast durfte in ihrem Hause nicht
gekränkt werden. So lenkte sie denn das Gespräch auf andere Dinge, fragte
Weyland nach gemeinsamen Verwandten und Bekannten. Und bald war man
in vollem Zuge. Die ganze Familienchronik wurde ausführlich erörtert,
Nachrichten aus dem Bekanntenkreise mitgeteilt. Eine Fülle von Namen,
Verlobungen, Hochzeiten, Taufen und Krankheitsfällen oder eiligem
Versterben. Friederike, die inzwischen wieder eingetreten war, wollte
menschenfreundlich den stumm zuhörenden Fremden mit hineinziehen in die
Unterhaltung. »Wir reden hier soviel von Menschen, die Ihnen fremd sind,«
sagte sie, »aber es geschieht in der Hoffnung, daß auch Sie unsern Kreis bald
kennenlernen. Denn ich denke, Sie werden es machen wie jeder, der einmal zu
uns nach Sesenheim herausgekommen ist. Sie werden wiederkehren.«

»Während Sie redeten,« sagte der Kandidat leise, »versetzte ich mich in alle
die Personen hinein, von denen Sie erzählten. Mir ist nun beinah, als wäre ich
bereits gut Freund mit sämtlichen Nachbarn und Freunden, die Sie so mit
Laune und Leidenschaft schilderten. Und es lebt nun in meiner
Einbildungskraft ein solcher Schwarm von Onkeln und Tanten, Vettern und
Basen, Kommenden und Gehenden, Gevattern und Gästen, daß ich in der
belebtesten Welt zu hausen glaube, in Ihrer Welt, Mamsell Brion.«

Friederike schloß unwillkürlich einen Moment die Augen. Sie wollte diese
sonderbare und klägliche Figur nicht sehen. Lag doch in jedem Worte, das er
mit ihr sprach, etwas Merkwürdiges und Warmes, wie ein Geheimnis, nur für
sie bestimmt. Auch mit dem Vater hatte er so Ungewöhnliches geredet. Und
doch hatte er nachher einen Ausdruck von Scheinheiligkeit im Gesicht, einen
Ton von Unaufrichtigkeit in der Stimme gehabt.

Was ging das sie aber auch an! Er war eben ein Besuch, wie so viele ins
Pfarrhaus kamen. Salome rief zum Essen. Man ging die breite ausgetretene
Treppe hinauf zur Wohnstube, in der ein runder Tisch bereitet stand. Vater und Mutter setzten sich zusammen auf das große schwarzbezogene Kanapee, die übrigen auf Stühle ringsum. Christian kam erst eine Weile nach dem
Tischgebet. Niemand machte ihm Vorwürfe. Sophie saß neben Friederike. Sie
war eifersüchtig auf den Kandidaten, dem Friederike mitleidig die besten
Stücke vorlegte. Gerade die Hühnerleber aus dem Frikassee, die Sophie so
liebte. Die Mutter sah ein paarmal scharf hinüber zu dem Fremden, der für
einen armen Freitischler auffallend wenig aß.

Die Unterhaltung bei Tisch bestritten hauptsächlich der Vater und Weyland.
Christian fuhr manchmal naseweis dazwischen mit einer Bemerkung, über die
er selber dann zufrieden lachte. Kandidat Werner sah kaum vom Tischtuch
auf. Die Frauen hatten mit Holen, Vorlegen und Anbieten zu tun. Es war eine
gemütliche Stube, in der sie saßen, mit holzgetäfelten Wänden, alten, dunklen,
bauchigen Schränken und Kommoden und einer Glasservante, in der hohe
geränderte Tassen mit Sprüchen standen. Ein paar alte Familienbilder in
Perücken und Hauben sahen von der Wand prüfend und ein bißchen
erzieherisch auf die Menschen des heutigen Tages. Lauter Schölls. Die
Brionsche Familie hatte nie Geld gehabt, sich malen zu lassen.

Das nach Zitronen duftende Omelett war aufgetragen, fruchtgefüllt und
schaumig, wie es Frau Brions vielgepriesene Kunst verlangte. Vater Brion, der
kein Kostverächter war, geriet in Feiertagslaune, Er wandte sich an den
schüchternen Theologen: »Wie wär's, Herr Kandidat, wenn Sie – Pfingsten ist
ja vor der Tür – mir ein bißchen im Amte helfen würden? Ich kann nicht hier
und in allen Filialdörfern zu gleicher Zeit sein. Und das Lesen vom
Schulmeister genügt nicht allen Gemeinden.«

»Es würde mir eine Ehre sein, wenn anders ich mit meinen schwachen Kräften
–« Auf einmal wurde seine Stimme markig. »In der Bibel heißt es ja: ›Darum
ein jeglicher Schriftgelehrter zum Himmelreich gelehrt ist gleich einem
Hausvater, der aus seinem Schatz Altes und Neues hervorträgt.‹«

»Worüber würdest du denn predigen?« fragte Weyland sichtlich bedenklich.

»Vielleicht aus dem Lukas: ›Selig sind eure Augen, daß sie sehen, und eure
Ohren, daß sie hören.‹« Es klang wie Frühlingswind in das braune,
wohlgeordnete Zimmer hinein, in dem die alten Porträts mit Perücken und
Hauben von den Wänden schauten.

Vater Brion zog ein Brillenetui aus der Tasche. Er putzte die Gläser. »Na,«
sagte er dann abschließend, »ich glaub', Sie werden's schon machen.«

Nach dem Essen ging man hinüber in den »Saal«, der aber nicht größer war
als die übrigen Zimmer, Er war nach französischer Art als Besuchszimmer
eingerichtet, mit einem Kamin, vor dem zwei Sessel standen, am Fenster ein
ovaler Tisch mit Pflanzentöpfen, blühende und auch pflegebedürftige. Ein paar
hochlehnige Stühle, ein Perltischchen. Das Hauptstück aber war ein kleiner
honiggelber Flügel, dessen Schwanz gegen die Wand hochstand. Christian und
Sophie machten sich eifrig an den Pedalen zu schaffen, um dem Gast zu
zeigen, wie man sowohl Janitscharenmusik wie Flöte oder Trompete damit
hervorbringen könne. Es gab einen Höllenlärm.

Kandidat Werner war indessen an das Bücherbrettchen herangetreten, in dem
sich eine kleine Versammlung neuerer Literatur befand, darunter Klopstock
und Rousseau. Dazu einige Almanache.

Der Pfarrer war gleichfalls herangetreten. »Ja, das ist nun der Geschmack von
heute«, sagte er und schlug einen Almanach auf, in dem ein junger Mann in
seinen Mantel gehüllt mit einer Gebärde der Verzweiflung in die Ferne starrte.
»Die Töchter bringen das aus Straßburg mit. Mir ist das moderne aufgeregte
Gebaren in der Poesie nicht angenehm. Ich ziehe die französischen Dichter
vor, die sich in gemessenen Formen bewegen.«

»Sie sind anderer Meinung?« sagte er höflich, da der Kandidat zu lächeln
schien. Der sah zu Boden.

»Ich würde mir das selbstverständlich nicht erlauben. Freilich ist es mir
eigentümlich ergangen. Ich war ein rechter Bewunderer der Franzosen, ehe ich
nach Straßburg kam. Hier, an der Schwelle Frankreichs, aber habe ich erst
eingesehen, was in unserm Deutschland –« Weyland legte ihm seine Hand auf
die Schulter. Es sah aus, als wolle er ihn hindern, soviel zu sprechen. »Machen
Sie uns doch ein bißle Musik, Bäschen«, sagte er abbrechend zu Friederike.

Der Kandidat machte ein verlegenes Gesicht. »Sie spielen, Mamsell?« fragte
er schüchtern.

»Oh, ich kann nur ein paar Tänze. Weil ich nämlich sehr gern tanze, der Arzt
es mir aber verboten hat – ich habe vor einigen Jahren eine schwere
Lungenentzündung gehabt und muß mich immer noch schonen –, so habe ich
mir ein paar Tänze auf dem Klavier eingelernt. Damit ich doch
wenigstens auch dabei bin, wenn man tanzt.« Es lag eine solche natürliche
Liebenswürdigkeit in diesem Bekenntnis, daß auch der schüchterne Studiosus
lächelte. Friederike setzte sich ohne viel Umstände ans Klavier. »Es ist
verstimmt«, sagte sie. »Der Efeu macht die Wand feucht.« Wirklich klang der
Walzer, den sie spielte, unharmonisch. »Aber sie singt ja auch«, sagte der
Vater und streichelte ihr Haar. »Sing doch das Lied, das du aus Straßburg
mitgebracht hast; du weißt; ›Souvenir‹.« – »Oh, das wird dem Herrn gewiß
noch weniger gefallen. Das paßt in einen Stadtsalon.« Aber ungeziert stellte
sie sich ans Klavier und sang mit einer kleinen klaren Stimme ein
französisches sentimentales Liedchen, das damals Mode war:

»Andenken der Jugendtage
Sind gegraben in mein Herz.
Ach, des Dörfchens denk' ich immer
In der Wiesen grünem Schimmer,
Wo ich fühlte keinen Schmerz.«

Noch ehe sie aber die letzte Strophe beendete, in der die Töne jammernd in die
Höhe stiegen, lachte sie hell auf. »Nein, das geht nicht. Lieber singe ich Ihnen
einmal im Freien eins meiner Elsaßliedchen. Die passen besser nach
Sesenheim.«

Da nun der Mond heraufgekommen war und ins Fenster sah, Vater und Mutter
sich zu ihrer gewohnten Partie »Tod und Leben« mit Karten an das
Perltischchen setzten, schlug Weyland einen kleinen Spaziergang vor.

Und bald wandelten die beiden Pärchen stillatmend in die weiche Nacht
hinein, die sie mit Duft und Sternen feierlich empfing. Salome, die selten
ruhig genießen konnte, machte allerlei komische Bewegungen, um sie von
ihrem Schatten, der an den Häuserwänden kletternd neben ihr herglitt, verzerrt nachgeahmt zu sehen. Auch Weyland versuchte sich in Verrenkungen. Das andere Paar blieb noch schweigsam.

Vom Rhein herüber stieg es neblig auf. Und als sie jetzt von der Dorfstraße
abbiegend den Feldweg gingen, webte schon silbriges Fließen und Schimmern
über den Wiesen, wo sich der Plan zu einer kleinen Anhöhe wölbte, wandte
der Kandidat sich um und betrachtete das in Mondschein ruhende
langgestreckte Dorf, freundlich umbuscht und von seinem schiefergedeckten
Kirchturm behütlich überwacht.

»Jetzt habe ich doch ein Plätzchen,« sagte er, »zu dem ich hinschauen kann,
wenn ich mit meinen Tischgesellen den Altan des Münsters besteige, um mit
gefüllten Römern die scheidende Sonne zu begrüßen.«

Gefüllte Römer? Friederike wunderte es, daß ein Konvikttheologe mit
gefüllten Römern auf der Münsterterrasse sitzt. Ihr klares und geordnetes
Empfinden fühlte da irgend etwas, das nicht stimmte.

Sie gingen jetzt im Wäldchen und im Schatten, den die Bäume unterm
Mondlicht warfen. Da sie einander nur verschwommen sahen, war es, als ob
zwei körperlose Stimmen miteinander Zwiesprache hielten. Die seine hatte
ihren unnatürlichen Klang verloren. Sie war jetzt tönend und voll Wärme. Und
vor dieser Stimme öffnete die junge Friederike seltsam schnell ihr ganzes
Herz. Sie begann von ihrer Kindheit zu erzählen. Bis zu ihrem achten Jahr ist
die Familie in Niederrödern gewesen, zwei Stunden von hier, eine armselige
Pfarre, in der die Mutter es schwer hatte. Das Glück war groß, als der Vater die
gute und angenehme Stelle hier erhielt. Nur sie selber, Friederike, konnte sich
an den Wechsel schwer gewöhnen. »Daß man weggehen kann von etwas, das
man lieb hat, war mir ganz neu. Es entsetzte mich. In Niederrödern waren die
Nachbarskinder, mit denen ich spielte, der Lehrer, der mich lesen lehrte und
mit Nüssen rechnen. Und dann hatte ich mein kleines Beet, in dem ich
Gänseblümchen so lange umpflanzte, bis sie Tausendschönchen wurden. Und
das alles blieb zurück? Ich wurde krank zuerst, so sehnte ich mich danach.«

Ob sie nicht glücklich sei in Sesenheim? Sie scheine doch so heiter?

»Oh, sehr, sehr glücklich jetzt! So viele Menschen, die man gern hatte. Im
Dorfe. Und die zu Besuch kamen, von beiden Seiten des Rheins kamen sie ins
Sesenheimer Pfarrhaus, deutsche und französische Bekannte.«

Er blieb stehen. »Und ist unter allen diesen Nachbarn, Vettern, Gästen keiner,
der Ihrem Herzen besonders nahe steht?«

»Keiner«, sagte sie freimütig. »Ich habe sie alle miteinander gleich gern.«

Er faßte ihre Hand, wie um zu danken. Sie zog sie aus der seinen. Dann, als
wolle sie ihm zeigen, daß sie nicht beleidigt sei, sagte sie: »Und jetzt sollen
Sie auch mein Liedchen hören.«

Unter einer breiten schwarzen Tanne, die etwas schräg am Hange eines
Hügelchens wuchs, blieb sie stehen: »Z' Lauterbach hab' i mein Strumpf
verlor'n«, sang sie und »Chimmt a Vogerl geflogen«. Dann das Lied von der
»heimlichen Liebe«. Die Töne schwebten leicht und jubelnd unter den
Sternen, die seltsam klar über den weiß umnebelten Wiesen glänzten.

Salome und Weyland waren umgekehrt und hatten zugehört. Sie klatschten
Beifall. Der Kandidat stand schweigend im Dunkel.

Friederike konnte sein Gesicht nicht sehen, aber sie fühlte, daß er sie
unverwandt anblickte.

»Wir müssen zurück«, sagte endlich das Sälmel. »Die Eltern sind gewiß schon
zu Bett gegangen und horchen auf unsere Heimkehr.«

So wendeten sie alle vier zusammen um. Die Dorfhäuschen waren jetzt schon
dunkel. Die Hunde schlugen an, aber gedämpft. Sie kannten den Schritt der
Pfarrmaidele.

Im Hause sprang Fideel an sie heran. Die Eltern riefen aus der Kammer ihr
»Gute Nacht«. Weyland bekam einen Messingleuchter in die Hand mit einer
brennenden Kerze. Die Mädchen blieben im ersten Stock, zündeten wispernd,
um das Sophiele nicht zu wecken, gleichfalls ihr Lichtlein an, und mit einem
»Auf Wiedersehn morgen« ging man auseinander.

Die beiden jungen Leute stiegen zur Giebelstube hinauf. Zwei Betten,
einladend aufgedeckt, blütenweiß, an den blaugestrichenen Wänden. Weyland
legte mit gemächlichem Gähnen seine Kleider ab. »Gut gelungen ist der
Scherz«, sagte er dabei behaglich. »Ich bin den ganzen Tag nicht aus dem
Lachen herausgekommen. Aber ein paarmal, lieber Goethe, hättest du dich
fast verraten. Und wenn ich mich nicht geräuspert hätte –« Er war eben im
Begriff, unter seine Decke zu schlüpfen, als er sich nach seinem Gefährten
umsah, der sich gar so still verhielt.

Da sah er ihn, noch angekleidet, auf einem Stuhl hockend, ganz
zusammengesunken. Die Hand hing schlaff aus dem viel zu kurzen Ärmel.
Weyland richtete sich auf. »Wirklich vertrackt siehst du aus. Deine eigene
Mutter würde dich nicht erkennen in diesem Aufzuge.«

Der Zusammengebeugte sprang auf, riß sich den Rock vom Leibe, daß er
kreischend zerriß, zerrte sich die Perücke ab und stand nun herrlich da in
seinem wahren kräftigen Wuchs, das Haupt von braunen Locken umwallt. Ein
Götterjüngling. In rasendem Zorn schlug er sich an die Brust, daß es dröhnte.
»Ich bin der Unglückseligste der ganzen Schöpfung. Ein Frevler bin ich, der
mit einer Lüge sich in das Heiligtum eingeschlichen hat. Meine alberne
Verkleidungssucht ist schuld an allem. Und wer bin ich denn auch, daß ich wie
ein Großer und Berühmter inkognito reisen müßte? Und du«, sein mächtiges
Auge wetterte über den Freund hin, der mit verschränkten Armen im Bett lag
wie einer, der im Sicheren ein Gewitter vorüberbrausen läßt. »Du! Anstatt mir
abzureden, bestärkst du mich noch in meinen Narreteien. Du aber bist noch
schuldiger als ich, du kanntest sie, du wußtest, wen ich hier treffen würde.
Leute, denen gegenüber mich schon Eitelkeit hindern müßte, vor ihnen den
Narren zu machen. Die Ehrfurcht allein hätte genügen sollen, sie vor
solchem knabenhaften Schabernack zu schützen. Und dieses Mädchen –« Er
wölbte beide Hände, als wolle er damit eine Muschel bilden zum Schrein für
eine Heilige.

»Mit welcher Freundlichkeit ist sie mir entgegengekommen, wie zutraulich
und rein hat sie sich mir offenbart! Sie wiederzusehen, wäre mein ganzes
Glück gewesen. Aber wie kann ich das tun? Wenn sie mir selbst in ihrer
Himmelsgüte den albernen Streich verzeihen wollte, ich –« Er stieß in
Abscheu mit dem Fuß nach den weggeworfenen Kleidern. »Unmöglich konnte
ich noch in diesem abscheulichen und lächerlichen Aufzuge wieder vor sie
hintreten. Ich müßte denn –« Er hielt plötzlich inne, nahm Weylands hübsche
und saubere Kleider, die am Bett hingen, in die Hand und hielt sie an das
Licht. Aber Weyland, der ahnte, was dieser Brausekopf plante, setzte sich auf
und nahm sie ihm weg. »Nein, nein, mein Bester. Und sie wären dir ja auch
viel zu klein.«

»Dann, ja dann weiß ich, was ich tue.« Er riß seinen Reisemantel vom
Kleiderhaken, das Licht flackerte hoch auf; und ehe Weyland sich's versah,
war der junge Sturmwind die Treppe hinunter und ins Weite gelangt. Fluchend
erhob sich der Müde, nahm sich nun gleichfalls seinen Mantel um, zog sich
Pantoffeln an, sorglich erst auch noch Strümpfe und schlich ihm nach. Aber da
hörte er vom Wirtshaus her schon Hufschlag, der sich nach der Drusenheimer
Straße hin entfernte. »Ja, da ist also nichts zu machen.«

Kopfschüttelnd schlich er zurück. »Dieser Goethe ist doch ein rabiater
Mensch! Und wie er ausgesehen hat in seinem Zorn! Der Donnrer selber.«

Aber dann schüttelte er sich. Ihn fror. Und er wollte sich nicht erkälten.–




Keine Kommentare: