> Gedichte und Zitate für alle: Anselm Heine "Der Zwergenring"- 4.Kapitel: Freudenzeit (4)

2019-11-03

Anselm Heine "Der Zwergenring"- 4.Kapitel: Freudenzeit (4)



Kapitel IV

»Diese Stube, dieses Haus ist ein Himmel,
Seit Egmonts Liebe darin wohnt.«
(Goethe, Egmont.)
»O Lieb, o Liebe, So goldenschön,
Wie Morgenwolken Auf jenen Höhn.«
(Goethe, Mailied.)

Freudenzeit

Es war wundervoller Sommer geworden. Der Juni hatte alles doppelt entfaltet,
was der kühle, regnerische Mai in der Knospe zurückgehalten. Die kleinen
Gehölze und Gärten, zwischen denen die braune Häuserzeile der Sesenheimer
Dorfstraße eingebettet lag, waren eine einzige Woge von Blüten. Und eine
warme Bläue in der Luft, die trunken machte! Friederike ging durch ihren
Garten, wie durch ein Fest, das man ihr bereitet hätte, strich dankbar über die
Malven, die ihre rosa Rosetten so lustig rund um den hohen Schaft gesteckt
hielten, roch an den weitoffenen Jasminblüten, die sich den Bienen
bereithielten, und jagte sich mit dem alten, zottigen Fideel, in dessen alte
Glieder neue Lebenslust gefahren schien.

War denn Sommer früher je so schön gewesen?

Und heute war Freitag. Heute kam Bibiane Ziez, die Botenfrau.

Friederike flog ins Haus zurück. Im Töchterzimmer, auf dem ausgeblaßten
Nähtischchen, lag die Schreibmappe, die sie für Goethe gestickt hatte: ein
Kranz von goldfarbenen Blumen, die sie ihm mit ihrem eigenen Haar gestickt
und im Innern des Deckels befestigt hatte. Sie hätte ihm gern Mairosen
hineingestickt. Aber ihr Haar war ja nicht rosa!

Als sie mit dem Päckchen ins Wohnzimmer ging, dort einen Bindfaden aus
dem alten Sekretär zu holen, wäre sie fast über Christian gefallen, der auf dem
Bauche am Boden lag und mit einem langen, beweglichen Zollstab, der immer
einknickte, die Fensterhöhe maß. Im nächsten Augenblick stand er auf dem
Ofensims, gleich darauf hing er an einem Schrank, schwitzend vor Eifer. Nie
früher hatte er für eine Aufgabe soviel Geduld aufgebracht. Und soviel
Anstrengung. »Es ist Freitag,« sagte er zu Friederike erklärend, »Bibiane
kommt. Ich will dem Monsieur Goethe doch die Maße mitschicken.«

»Seid doch still, ich dichte!«

Sophie saß am Eßtisch und schrieb. Sie hatte sich die Zöpfe aufgeflochten, um
den Kopf frei zu haben, und hielt sich die Ohren zu. Mit den unordentlichen
Strähnen um das vom Nachdenken ganz verrunzelte Gesicht sah sie komisch
aus.

»Was dichtest du denn?« fragte Friederike möglichst ernsthaft.

»Oh, der Goethe hat dir doch das Gedicht geschickt, was er auf deine Buche
gemacht hat. Ich will auch auf deine Buche dichten. Zuerst habe ich mir die
Reime aufgeschrieben, das ist natürlich das Schwerste.« Und sie las: »Buche,
Tuche, Sturm, Turm. Fee – eine Fee muß vorkommen, das ist poetisch – also
Fee. Da habe ich nur ›Schnee‹ gefunden. So wird es nun ein Wintergedicht
werden. Das ist ja ganz gut. Dann hast du für jede Jahreszeit eines.«

Friederike hob das Schulheft auf, in dem mit langen Buchstaben stand:

»Im Wäldle an der Buche
steht eine Fee,
Bedeckt sie mit dem Tuche
von weißem Schnee.
Es läuten die Glocken vom Kirchturm –«

»Die Zeile mit dem Sturm fehlt noch. Ich will fertig werden, ehe die Botenfrau
kommt. Ich schicke das Gedicht nämlich dem Goethe.«

Die Mutter kam herein und suchte im Nähkorb. Sie hatte ihre neueste Haube
auf der Faust. »Weißt, Riekchen, das graue Band gefällt mir nicht. Ich will der
Bibiane eine Seidenprobe für Veilchenblau mitgeben. Veilchenblau hat mir
früher so gut gestanden. Man vernachlässigt sich viel zu sehr hier auf dem
Lande. Und wenn dann Besuch kommt –«

Friederike lachte hell. Überall kam ihr Der entgegen, an den sie selber
unaufhörlich dachte.

Eine Stunde später ging sie zur Jasminlaube, dem Vater, der dort seine Predigt
für den nächsten Sonntag durchlas und neu lernte, das Zehn-Uhr-Brot zu
bringen. Sie fand ihn mit gespannter Miene vor sich hinstarrend, als lausche er
einer Stimme. »Weischt, Riekchen,« sagte er und streckte ihr die Hand
entgegen, »wie ich mir die Predigt wieder durchlese, die ich seit zwanzig
Jahren am vierten Sonntag nach Trinitatis zu halten pflege, kommt mir die
Lust, in diesem Jahre eine neue zu machen. Es ist so eine Sommerherrlichkeit
heuer! Und da hab' ich mir den Text gedacht aus dem Lukas: ›Selig sind eure
Augen, daß sie sehen, und eure Ohren, daß sie hören.‹ Und, siehscht du,
Riekchen, ich habe eine Entdeckung gemacht: Es ist ein großer Irrtum des
Mittelalters gewesen, daß man die Erde nur als Jammertal betrachten wollte.
Und daß man behauptete, die Bibel erlaube keine Sinnenfreuden, verlange nur
immer Reue und Buße. Denke doch an den Spruch: ›Sehet die Lilien auf dem
Felde.‹ Und man kann eine Menge anderer finden, die Sorglosigkeit und
Freude predigen, Es wird einem so froh dabei.«

Friederike fiel dem Vater um den Hals. Der gute Mann hatte vergessen, wem
er diese Gedanken entlieh, die ihn beglückten. Friederike aber wußte es.
Ergriffen sah sie in das Gesicht ihres lieben Väterchens, das auf einmal so
apostelmäßig dreinschaute. Und blickte dann hinüber nach der Seite, wo sie
die silberne Silhouette des Münsterturms in schwachem Umriß erkannte. Ob
er jetzt dort oben stand?

In diesem Augenblick erschien Salome im Garten mit Marx, der gestern abend
zu Besuch gekommen war. Er schleppte halbverdrossen einen Korb voll Erde,
während das Sälmel allerlei Farnpflanzen, in ein Tuch geknüpft, trug. »Sie
will durchaus den ›Berg‹ zur Alpenwelt machen«, klagte er zu Friederike.
»Der Monsieur Goethe verlangt's – da tut sie's eben. Und ich muß dabei
helfen!«

Vater Brion achtete nicht auf seine Worte, hielt ihn am Rockknopf und sagte
ihm ungefähr das gleiche, was er eben Friederike gesagt.

Salome lachte. »Aha, der Goethe hat dich angesteckt!«

Da setzte Marx seinen Korb nieder und schnitt ein bitterböses Gesicht. »Das
Pfarrhaus zu Sesenheim hat einen neuen Herrn bekommen«, sagte er beleidigt.
»Er logiert in Straßburg, aber hier im Hause führt er Regiment. Ein reiches
Herrchen, das mit seinem Mummenschanz die Köpfe verdreht, während
ernsthafte Leute, die nicht so gut hopsen und schwadronieren können wie der,
über die Achsel angesehen werden. Und Pfarrer Brion hat es wahrlich doch
nicht nötig, sich seine Predigten aus dem Hirn eines Zweiundzwanzigjährigen
zu leihen!«

Vater Brion sah betroffen drein wie ein gescholtenes Kind. »Man wird eben
selber wieder Zweiundzwanzig«, sagte er leise. »Und das tut gut.«

Marx wollte erwidern. Da sah er, daß aus Garten, Hof und Haus Herrschaft
und Gesinde auf die Straße lief. »Bibiane kommt! Die Botenfrau ist da!«
Friederike, leichtfüßig wie ein Reh, war schon am Gatter, Salome, den Kopf
reumütig zurückgewandt, folgte ihr langsamer. Und selbst der Alte nahm den
langen Schlafrock auf und lief mit seinem Altmännerschritt dem Hoftor zu.

Marx blieb allein. Er stieß den Korb mit Erde, der jetzt am Boden stand, mit
einem Fußtritt um.

Er wenigstens wollte nicht mittun bei dem »Goethzendienst«. Der Worteinfall
machte ihm Spaß und tröstete ihn ein bißchen.

Es war ein großer Wäschetag gewesen im Pfarrhause. Die Frauen der Familie
hatten rechtschaffen mitgearbeitet. Nun saß man abends auf den Bänken nahe
dem Hause. Die Mutter war über einer Filetarbeit eingeschlafen, Salome
lehnte schläfrig, die Hände im Schoß, neben ihr, der Vater las beim Scheine
des Windlichts in einer Übersetzung Ossianscher Gesänge, die Goethe
gemacht und ihm geschickt hatte. Er fand wenig Geschmack daran. Wozu all
das Traurige und Dunkle? Das Alter will Helligkeit, weil es selber trübe ist.

Friederike hatte das Kästchen vorgeholt, in dem unter Noten, Kochrezepten
und Häkelmustern allerhand Zettel und Briefe von dem neuen Freunde lagen.
Auch Gedichte. »Ihr goldenen Kinder«, schrieb er manchmal. Aber der Inhalt
– der war für sie allein. Da war eine Stelle in seinem allerersten Briefe, die sie
immer wieder las:

»Es ist ein gar zu herziges Ding um die Hoffnung wiederzusehn. Und wenn
uns das Herz wehtut, gleich sind wir mit der Arzenei da und sagen: Liebes
Herzchen sei ruhig, du wirst nicht lange entfernt bleiben von den Leuten, die
du liebst. Sei ruhig, liebes Herzchen! Und dann geben wir ihm inzwischen ein
Schattenbild, daß es doch was hat. Und dann ist es artig und still wie ein Kind,
dem die Mama eine Puppe statt des Apfels gibt, wovon es nicht essen soll.«

Friederike erhob sich plötzlich. Sie ging in die Küche, in der die Magd vom
»Anker« heute dem Bärbele half.

»Ist noch Hefe da zum Kuchenbacken?« fragte sie. »Wir bekommen Besuch.
Heute abend noch!« fügte sie hinzu.

Nachdem sie das gesagt hatte, stand sie verstört. Was fiel ihr nur ein? Es war
ja gar kein Mensch angekündigt?

Aber die Gewißheit in ihr war stärker. Sie streifte sich die Ärmel auf, band
eine große Schürze um und begann in einer großen irdenen Schüssel Mehl und
Butter anzurühren. Nach einer Weile kam Salome, nach ihr zu sehen. Die
Eltern seien schon schlafen gegangen, was denn Friederike da noch treibe? Ob
sie nicht müde sei vom Schaffen heute?

»Es kommt Besuch heut abend!« sagte Friederike ruhig und gewiß.

»Ach, Unsinn!« Sie lachte. Aber sie half doch, ganz munter geworden und wie
erfrischt, der Schwester eifrig bei ihrem Werke. Bald war der Ofen frisch
geheizt, die Backsteine erhitzt. Und es dauerte nicht allzulange, da saßen die
beiden Mädchen wieder auf der Bank vor dem Hause, sich zu kühlen. Und zu
warten. Der Tisch war neugedeckt, am Fenster stand ein kaltes halbes Huhn
bereit, der Kohl von heute mittag in der Ofenröhre.

»Länger als bis zehn bleibe ich nicht auf«, sagte Salome, deren Aufschwung
sich schon wieder verlor. »Es ist ja närrisch, so aufs Geratewohl zu backen
und zu brauen.«

Friederike antwortete nicht. Sie hatte Hufschlag gehört. Aber der Reiter war
von der Dorfstraße ausgebogen. Wahrscheinlich im Wirtshaus geblieben.

»Jetzt geh' ich aber«, sagte Salome und stand auf. »Man muß sich ja schämen,
sich von deinen Einbildungen anstecken zu lassen!«

Da kamen Schritte. Die Mädchen liefen ums Haus herum. Und sahen nun den
späten Gast, hochgewachsen, im kavaliermäßigen Reiserock und
Stulpenstiefeln, wie er am Gattertor herumgriff.

Goethe!

Er stieß einen Freudenruf aus, als er die beiden freundlichen Gestalten aus
dem Schatten heraustreten sah. Salome küßte ihn ohne Umstände, wie einen
alten Bekannten, auf beide Wangen. Friederike reichte ihm eine heiße Hand,
die er zärtlich in der seinen behielt. Plötzlich aber ließ er sie fallen. »Ich störe?
Im ›Anker‹ sagte mir die Magd, man erwarte im Pfarrhaus noch Besuch heute
abend?« Er blickte argwöhnisch umher, als vermute er einen Versteckten in
den dunkeln Büschen.

»Nun, und was weiter?« fragte Friederike begütigend, denn Ton und Gebärde
des jungen Mannes war zornig gewesen.

»Was weiter?« Er nahm sich zusammen. »Nun, da hat ein gewisser Monsieur
ein wenig den Kopf verloren, ist hergelaufen, gestiefelt und gespornt, wie er
vom Pferd gestiegen, um wenigstens noch der erste am Platze zu sein. Ich war
recht eifersüchtig«, fügte er sanfter, fast abbittend, hinzu.

»Dazu haben Sie die wenigste Ursache, Sie Unband!« Salome lachte
unbeherrscht. Friederike legte bittend den Finger an die Lippen, sie möge
schweigen. Aber Salome lachte fort. »Ich lache nur,« erklärte sie endlich,
»weil man Sie heute so höfisch vor sich sieht. Ich mußte dabei an den
Kandidaten und den Bauernburschen denken. Auch Vetter Gottliebs Pekesche
war nicht elegant.« Sie lief ins Haus, den bereitgestellten Imbiß
herauszubringen. Dabei legte sie sich schon die Worte zurecht, mit denen sie
Marx die ganze Begebenheit schreiben würde. Sie hatte ihn von Herzen lieb,
aber seine trockene, schwerfällige Art ärgerte sie oft. Und es machte ihr Spaß,
ihn ein wenig eifersüchtig zu machen auf diesen jungen Mann, der ja wirklich
ein ganz goldiger Geselle war mit all seinen Unarten.

Ob er wohl Friederike heiraten wollte? Sie konnte ihn sich nicht als Hausvater
vorstellen. Und Friederike liebte das Stadtleben nicht. Nein, es war schon das
beste, das Riekchen heiratete einmal den getreuen Gottlieb. Bei dem würde sie
es gut haben. Und man kannte die Verhältnisse!

Friederike hatte den Gast an den gedeckten Tisch geführt und das Windlicht
wieder entzündet. Als er nun das weiße Brot, den Wein, den Käse und das
blitzende Gedeck sah, stieg der Unmut wieder in ihm auf. »Und darf man
wissen, wer der Undankbare ist, den man so liebevoll empfangen wollte, und
der nun die unbegreifliche Nachlässigkeit begeht, nicht zu kommen?«

»Ein Undankbarer wirklich«, sagte Friederike lächelnd. »Sie haben recht. Ich
rate Ihnen, sich recht gründlich an seine Stelle zu setzen und alles aufzuessen,
was für ihn bestimmt war.«

Ihr Ton beruhigte ihn.

»Das soll geschehen!« Er lachte übermütig. »Ich hasse diesen Mann schon
recht von Herzen. Und bin bereit, es auf einen Wettkampf mit ihm ankommen
zu lassen.«

In Wahrheit aber aß er dann sehr wenig, blickte immer nur Friederike an und
atmete ein paarmal tief wie ein Erlöster. Salome fand ihn blaß aussehend. Er
gestand, er sei die ganze Zeit her nicht gesund gewesen, habe gehustet, schwer
atmen können, und sein Professor selber habe ihm geraten, eine kleine
Erholungsreise zu unternehmen. Da habe er sich denn noch am späten
Nachmittag aufgemacht, sei im Dunkeln ein paarmal in die Irre geraten, aber
die Sommernacht sei wunderschön gewesen. Und der Gedanke an das
Wiedersehen morgen früh –! Er endete nicht.

»Wir werden Sie schon heilen!« sagte Friederike zuversichtlich. »Sesenheim
liegt so gesund. Sie sollten eine Weile hierbleiben, viel spazierengehn, kräftig
essen, rudern – was Sie wollen.«

»Und meine Arbeit?«

»Die holen Sie sich her. Jeder hier hat seine Beschäftigung, und kommt man
dann zusammen, ist's ein Fest.«

Man blieb noch eine Weile beisammen und machte Pläne. Dann schlug die
Uhr vom Kirchturm elf. Goethe stand auf. »Wie schwer das Weggehn ist!«

Sie waren jetzt alle drei blaß und sahen übermüdet aus. Wäschetag und Ritt
machten sich geltend. Trotzdem zögerte man den Abschied hin.

Fideel in der Hundehütte klopfte freundschaftlich mit seinem Schwanz das
Holz. Er erkannte den Besucher wieder. Und genehmigte ihn. –

Es war gekommen, wie die Mädchen geplant hatten: aus dem beabsichtigten
Tagesbesuch war eine Sommerkur geworden. Die Mutter hatte erst allerlei
Einwände gehabt: Der Gast würde sich auf die Dauer langweilen. Oder stören.
Und wenn er ernstlich krank würde? Er sah so angegriffen aus. Und wenn es
etwa die ganze Zeit über regnete? Was dann? Auch stand die Heuernte vor der
Tür.

Aber das Wetter blieb schön, der Gast langweilte sich nicht im geringsten und
störte auch niemanden. Der Vater war entzückt von dem Besuch. Der
französische Brief war geschrieben, der Bauplan von dem Architekten
angefertigt. Und der junge Gast half ihm auch, seine Bücher ordnen. Im
übrigen saß er oft stundenlang auf dem jetzt wohlbepflanzten »Berge« und
arbeitete. Oft wurden Ausflüge gemacht. Man besuchte die Rheininseln,
fischte, tanzte, ruderte und sang. Und ließ sich nur von den blutgierigen
Rheinschnaken verjagen, von denen die Einheimischen freilich weniger
geplagt wurden als der Besuch. Goethe dichtete allerhand Trutzliedchen, die
dann im Chorus gesungen wurden. Und von denen Christian felsenfest
glaubte, sie verjagten die Plage.

Unter diesem heitern und unschuldigen Treiben besserte sich Goethes
Gesundheit rasch. Und als die Heuernte kam, war er einer der eifrigsten bei
der Arbeit, stand neben dem Knecht und sah ihm ab, wie er das Heu auf die
blitzende Gabel spießte und dann mit kräftigem Schwung die duftende
Wolke auf den Wagen schleuderte, daß die Mägde droben fast nicht schnell
genug die Menge unterbringen konnten. Salome, die droben mithalf, spuckte
unaufhörlich trockene Grasblumen aus und behauptete, der mutwillige
Studiosus ziele extra auf sie; wolle sie verschütten. Harmlose Scherze flogen
hin und her. Man spürte die Hitze kaum, solange man sich bewegte. Erst als
Friederike mit dem Bärbele kam und das Mittagessen brachte, war
allgemeines Ausruhen und Schweißwischen. Man suchte den Schatten der
Kirschbäume auf, die, nun schon blütenlos, voll kleiner grüner Fruchtkelche
standen. Friederike teilte aus. Die Zinnteller blitzten, der Wein leuchtete, die
Männer mit ihren aufgestreiften Hemdsärmeln, die Frauen, mit Hüten und
hellen Brusttüchern gegen die Sonne geschützt, die Blätterschatten über den
erhitzten Gesichtern – alles gab ein Bild wohligen Ruhens und Genießens.
Man sprach nicht viel. Ermüdet lagerte man am Wiesenrain, ganz körperliche
Zufriedenheit, ganz Gegenwart. Auch Goethe, sonst beredt, lag still, an einen
kühlen Wegstein gelehnt. Ihm war nichts Lieberes, als zuzusehen, wie zierlich
Friederike ging und kam und holte, ordnete und zuletzt der Magd half, die am
Bach die gebrauchten Teller und geleerten Schüsseln reinigte. Jeder einzelne,
der zu ihr herantrat, um seinen Löffel, seinen Teller zu bringen, erhielt von ihr
ein freundliches, vertrautes Wort, eine Frage. Jedes Gesicht, auf das sie
blickte, entfaltete sich. Zu Goethe sprach sie kaum. Auch verlangte er nicht
danach. Sie wußten beide, jeder still für sich, daß sie einander das Liebste auf
der Welt geworden waren. Sich das laut zu sagen – dessen bedurfte es noch
nicht für sie in diesen Tagen.

Und der Sommer ging weiter. Ein rechter Sommer für Liebende. Nichts mehr
von Rheinnebeln und feuchten Schleiern. Klar und wie in Blau gemalt lag das
fruchtbare Land und sandte seine warmen Düfte in die Dörfer. Die Aufregung
des Frühlings war still geworden, die Bäume blühten nicht mehr, die Vögel
hatten aufgehört zu jubilieren. Man hörte Nestgezirp und sah Früchte reifen.
Die Tage waren hell und heiß, ohne Schwüle, und nachts schickten die
Gebirge abkühlende Gewitter ins Tal hinab, den nächsten Morgen der
Seligkeiten vorzubereiten.

An Schlaf dachte man kaum. Schon die frühsten Morgenstunden, in denen
noch Tau auf Wiesen und Sträuchern blitzte, wurden zu Spaziergängen
benutzt, an denen jeder nach Laune und Muße teilnahm. Meist aber waren es
nur der Vater, Goethe und Friederike, die sich zusammentaten. Und zuletzt
kehrte der Vater um. Dann fand sich unwillkürlich Hand in Hand. Meist war
zuerst ein Schweigen zwischen ihnen. Sie pflückten Sträuße aus dem Feld
heraus, suchten nach Beeren und lachten, wenn sie sich mit blaugefärbten
Mündern gegenüberstanden. Dann ruhten sie im Tannenschatten. Und dort war es meist, wo sich ihnen die noch ungeborenen Helden von Goethes späteren Werken zugesellten. Die lieblichen blauen Kuppen der Schwarzwaldberge verwandelten sich ihnen in steile, unzugängliche Felsen, bekrönt von den Burgen der Raubritter. Bauern mit Mistgabeln und Erdhacken stürmten gegen ihre Zwingherren an. Die eisenumklirrte Gestalt des Götz von Berlichingen trat zu ihnen, streckte seine erzene Hand wie schützend über die deutschen Dörfer und Felder. Seine großen blauen Augen blickten suchend umher nach einem treuen Freunde.

Und Faust tauchte auf im schwarzen Talar des Gelehrten, dann im
Weltmannskleide, und neben ihm der Teufel, der ihm alle Freuden der Erde
anbietet. Faust aber trägt die dunkle Angst im Herzen: »Ich darf mich nicht am
Augenblick verlieren. Meine Kraft gehört dem Kampf, dem Werke.«

Es waren nur unzusammenhängende, ungeformte Bilder, die da im
elsässischen »Wäldle« vor dem jungen ländlichen Mädchen sich offenbarten,
aber die Stimme, die, bebend vor Schaffensleidenschaft, vor ihr redete, der
geheimnisvolle Glanz der dunkeln Augen, aus denen die Gestalten – wie aus
heiligen schwarzen Seen – sich zu erheben schienen, füllte die Lauschende mit
Andacht; fast mit Schrecken. Ein Strom aus anderm Lande stürzte sich da
brausend in ihr friedliches Gebiet, riß sich Weg durch stilles Land, sprengte
Felsgestein. Und floß zum großen Meere. Und Friederike, deren ganzes
Dasein im Heitern, Anmutigen und Wirklichen eingesichert lag, atmete schwer
in solchen Augenblicken. Fast wie in Furcht.

Einen Augenblick darauf aber rollte sich der eben noch Gottbesessene,
jauchzend wie ein Kind, den Abhang hinunter, daß Friederike ihn tröstend
zwischen Brombeerdornen und Nesseln aufsuchen und ihn mit allerlei
alterprobten elsässischen Zaubersprüchen »heile, heile« sagen mußte.

So lebten sie. In den heißen Stunden ging dann ein jeder im möglichst kühlen
Zimmer eigener Beschäftigung nach.

Friederike hatte ein paarmal in der Woche kleine Mädchen um sich, die bei ihr
spielten, nähten, plauderten. Sie war die Vertraute von allen, das »Täntele«.

Goethe, wenn er sie so beschäftigt wußte, schlich sich gern in das
Nebenzimmer und horchte auf das Durcheinanderschwatzen und auf ihre
Stimme, die bald ein Liedchen sang, bald beschwichtigende Worte redete, bald
schalt. Und oft von Herzen lachte. Sie schien ihm plötzlich zeitlos. Kindlich
noch und weise Lenkerin zugleich.

Wenn dann zuletzt die Tür aufgeschmettert wurde und die Maidele unter
großem Gekrach die Treppe hinuntersausten, lärmte das ganze Haus von
»Täntele, grüß Gott, au revoir, auf Wiedersehen, lieb Tantele«. Es klang ihm
lange noch im Ohr. – Im übrigen arbeitete der junge Doktorand leidlich fleißig
zur Promotion. Er hatte im Herbst ein Vorexamen gut bestanden, das ihn von
der Pflicht entband, Vorlesungen zu hören. Nun hatte er einen dicken Band
mitgebracht, eine Sammlung von Pandekten, die er gewissenhaft
durchstudierte, sich Notizen machte, lernte, schrieb.

Viel lieber aber als die Juristerei studierte er sein geliebtes Deutsch. Nicht nur
aus den gelehrten Büchern. Hier auf dem Lande behorchte er die Alten und
Jungen; machte sich lieb Kind bei den Spittelweibern, die ihm mit ihren
welken oder vertrunkenen Stimmen die Liedchen ihrer Jugend vorsangen. Er
spielte auf dem Anger mit den Kindern und lernte ihre kauderwelschen
Abzählverschen kennen, aus denen er sich das alte, unverwischte Alemannisch
mit Entzücken herausschälte. Jeder kannte ihn. Er wurde die Wichtigkeit und
der Liebling des ganzen Dorfes. Und wo sich »der Mamsell Riekchen ihr
Hochzeiter« blicken ließ, war er lustig umringt.

Abends dann, nach dem Nachtessen, kam man in der hoch und leidlich kühl
gelegenen Jasminlaube zusammen. Goethe las vor. Heiteres und Ernstes, Altes
und Neues. Alles, was die besten Geister der Gegenwart und der
Vergangenheit bewegte, trug er zusammen hier für sein kleines liebes Nest auf
dem Lande. Oft erzählte er auch. Erlebtes und Erfundenes durcheinander.
Oder sie lasen, miteinander ins Buch sehend, kleine Dramen, Lustspiele. Auch
einige, die Goethe selbst früher gedichtet hatte, und die besonders dem Vater
gefielen, weil sie noch im Stil der französischen Schäferspiele geschrieben
waren, die er aus seiner Jugend kannte.

Das Sälmel, das nicht gern still saß, schlief manchmal verstohlen ein, und die
übermüdete Mutter schlich sacht zu Bett. Der Vater aber und Friederike hätten
am liebsten die ganze Nacht gesessen und zugehört.




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