> Gedichte und Zitate für alle: Anselm Heine "Der Zwergenring"- 5.Kapitel: Das Fest (5)

2019-11-04

Anselm Heine "Der Zwergenring"- 5.Kapitel: Das Fest (5)



Kapitel V

»Laß sie sich drehen, und laß du uns wandeln,
Wandeln der Liebe ist himmlischer Tanz.«
(Goethe, Wechsellied zum Tanz.)

Das Fest

Die Brions pflegten alljährlich Mitte Juli ein Sommerfest für die Jugend zu
veranstalten. Man lud die Verwandten und Freunde von diesseits und jenseits
des Rheins zusammen. In diesem Jahre betrieb man die Vorbereitungen mit
besonders guter Laune. Der junge Gast aus Straßburg, der überall mithalf und
mitberiet, gab der gewohnten Sache ein neues, reizvolleres Aussehen, der
Arbeit frischen Schwung. Der Garten war sauber geharkt und mit bunten
Lampions geschmückt, die Goethe mit den Silhouetten der ganzen Familie
und mit Sinnsprüchen bemalt hatte. Gespeist werden sollte auf der großen
Wiese. Da waren über leichten Stangen, die man vom Tischler borgte,
allerhand weiße und farbige Tücher zeltartig aufgehängt, so daß man Schatten
bekam. Es gab ein Gelache und Gesinge bei der Arbeit, daß ganz Sesenheim
davon vergnügt wurde. Jeder half mit. Der eine borgte Bänke, der andere
Tische. Eine sonst recht geizige Nachbarin brachte Körbe voll Obst, eine
andere Schnittblumen als Tafelschmuck. Die Schullehrersfrau kam ganz in der
Frühe, um in der Küche zu helfen. Sie war Französin und verstand etwas von
feinerer Kochkunst. Während sie Teig einrührte, Saucen tropfte, erzählte sie
der Pfarrerin, wie gut sie mit den Stieftöchtern jetzt stehe. Die Älteste hatte
sich mit einem Bruder der Stiefmutter verlobt, einem Monsieur Wurmbheim,
der Lehrer war in der nahen Garnison Fort Louis. Die zweite hatte bei ihr sich
im Kochen vervollkommnet und wollte nun in eine Schweizer Pension als
Leiterin gehn. Sie waren nun beide froh, daß sie durch Vaters neue Heirat ihre
Freiheit hatten.

Die Lehrersfrau hatte jetzt damit begonnen, das stolze bunte Federkleid eines
gerupften Hahnen so zusammenzusetzen, daß es, auf Brotrinden
gestützt, zuletzt über das gebratene und zerlegte Tier gestülpt werden und ihm
so den Anschein eines lebendigen geben konnte. Es war ein großes Kunststück
und bedurfte einer leichten Hand. Eben war sie im Begriff, den Hals durch
eingezogene Drahtstäbe emporzuheben, als Salome eintrat mit einem Kessel,
den sie mit Fett füllte und auf den Kochherd stellte. »Für die Fische«, sagte
sie. »Das berühmte Brionsche Familiengericht. So wie bei uns schmeckt es
nirgends, sagen sie alle. Aber wo sind sie denn, die Fische?« Die Fische waren
nicht da. Man suchte, man fragte – keiner hatte etwas von den Fischen
gesehen. »Aber sie müssen doch da sein! Das Riekchen ist selber in der
Fischerhütte gewesen und hat sie bestellt!« Sie rannte auf die Wiese, wo
Friederike mit Goethe und Christian an den Zelten herumbesserte. »Die Fische
sind noch nicht gekommen!«

Friederike ließ die Arme sinken. Sie wurde ganz blaß. »Vergessen! Ich habe
vergessen, die Fische zu bestellen!«

Das Sälmel schrie vor Enttäuschung auf. »Ohne unser Fischgericht taugt die
ganze Bewirtung nichts.« Sie fing laut an zu weinen. »Und Marx ißt sie so
gern.«

Friederike stand betroffen. Wie hatte ihr diese Vergeßlichkeit nur geschehen
können? Und mitten hinein lächelte sie. Oh, sie weiß recht gut, wie alles gekommen ist! Hingegangen ist sie zum alten Fischer. Der aber hat ein Liedchen vor sich hingebrummt, ein elsässisches Volksliedchen. Und da hat sie eben nur noch darauf hingehört, hat es sich immer wieder vorsingen lassen und eingeprägt. Für ihn, für den Goethe. Und alles andere ist darüber vergessen gewesen!

»Ich besorge die Fische!« Goethe fuhr in seinen Rock, den er abgeworfen
hatte. »Komm mit, Christian, zur Fischerhütte!« Ehe man es sich versah,
waren die zwei schon um die Ecke gebogen.

»Soll man sich nun darauf verlassen?« sagte Salome und trocknete sich die
Augen. Friederike nickte und lächelte.

»Nun, und im Notfall machen wir eben eine gute Vorspeise von Eiern«, sagte
die Mutter, die herübergekommen war. »Es muß auch einmal so gehn.«

»Ich glaube an die Fische«, sagte Friederike, Es klang so fromm, als sage sie
aus ihrem Katechismus her.

Inzwischen liefen die beiden Sendboten, der Zäune nicht achtend, über Wiesen
und durch schmale Feldpfädchen dem Flusse zu, der, ein Inselchen umarmend,
sich unweit des nächsten Dörfchens zu einer Bucht ausweitet, die fischreich
ist. Stumm rannten sie durch den Sonnenbrand der großen Straße, zwei Pfeile,
die von der Sehne schnellen.

Am Wasser wehte Kühlung. Nicht weit von der Fischerhütte wartete ein
Wagen. Kutscher und Bedienter in erdfarbener Livree schienen auffällig klein.
Auch die Decken der braunen Pferdchen waren erdfarben.

Christian lief voran, um Kahn und Netze zu bestellen. Aber der Alte hatte sein
Boot schon vergeben, Er tröstete: Die Herrschaft, die im Wagen gekommen
und bereits seit der Morgendämmerung zum Inselchen hinübergerudert sei,
müsse jeden Augenblick zurückkommen. Sie scheuten die hellen
Tagesstunden und hätten sich nur heute verspätet.

»Sie werden uns die besten Fische weggeangelt haben!« rief Christian
unmutig.

Der Alte lächelte. »O nein, die gehn auf andre Beute aus. Sie suchen Molche
und Kröten. Auch Schlangen lieben sie. Es ist ein seltsames Paar, mit
seltsamen Gewohnheiten, Er lang wie ein preußischer Grenadier, die Dame
kaum spannengroß.« Diesem kleinen Geschöpf aber scheine der Gemahl in
allen Stücken Untertan. So verlange sie jedesmal von ihm, daß er eine große
metallne Kassette, die sie auf dem Rücksitz des Wagens immer mit sich führe,
eigenhändig aus dem Wagen heben und mit sich tragen müsse. Kein Diener
dürfe daran rühren.

In diesem Augenblick sah man drüben am Ufer, kaum unterscheidbar von
Moos und Schlamm, ein grüngraues Schleierchen aufwehn, und es erschien
eine äußerst niedliche Dame, trippelte zum Kahn und rief ein paar Worte mit
hohem, klingendem Stimmchen gegen das Büschigt hin. Worauf ein
breitschultriger Herr herankam, aus einem Korb, den er trug, allerhand
zappelndes Getier in den Kahn warf, dann wieder umkehrte, um eine
ansehnliche blitzende Kassette herbeizuholen, die er auf den Boden des
Bootes stellte, und zuletzt seiner kleinen Dame den Arm bot.

Die Frau, ihren Arm ganz hochstreckend, hing mehr, als sie ging, am Arme
ihres Mannes, der sich tief herunterbückte und wie in die Erde hineingezerrt
schien. Nun ruderten sie heran, stiegen aus. Ein Sonnenstrahl fiel auf den
breiten goldnen Ring, den er am kleinen Finger trug. Er war zu eng. Tief war
er in das Fleisch eingeschnitten. Gegen das Grün seines Jagdrocks erschien
das graue Kleid der Dame stumpf und düster. Ihr Gesichtchen aber war sehr
hold von braunem Haar umgeben. In den Augen lag etwas Rätselhaftes, das
anzog. Goethe machte alle diese Beobachtungen, während Christian sich
sogleich des nun freien Bootes bemächtigte.

»Nimm dich in acht, Christian«, flüsterte Goethe dem Knaben zu. »Nimm dich
in acht vor der Zwergenprinzessin. Sie wird dir einen Ring an den Finger
stecken, der dich ihr Untertan macht, und wird dich zu den Unterirdischen
herunterziehn. Da setzt sie dir dann Frösche und Molche vor als Diner.«

Christian ließ sich nicht aus der Fassung bringen, »Erst aber werden wir unser
Fischgericht fangen, heißa!« Und er schmetterte eine Art Jodler dem Paare
nach. Bald aber sah man nur den Mann noch gehn, gebückt, mit Schritten, viel
zu klein für seine langen Beine. Die Dame war im hohen Gras verschwunden.

Goethe lachte. »Aha, von Zeit zu Zeit versinkt die Schöne in die Erde. Kehrt
in ihren königlichen Palast zurück. Oder ist es vielleicht der, den ihr Mann so
sorgfaltig da in der Kassette mit sich trägt?«

Er ließ Christian rudern. In seiner Phantasie gestaltete sich ein Märchen, dem
er nachträumte.

Dann aber, auf der Insel angelangt, war er der eifrigste und erfolgreichste von
ihnen beiden. –

Es war ein unruhiges Umherstehn gewesen in den oberen Zimmern, die man
gegen die Sonne verhangt und durch Hinzunehmen des Hausflurs vergrößert
hatte. Im »Sälchen« gab es Beerenwein und Torten als Vorbereitung zum
Mittagessen. Albums wurden besehn, ein bißchen Klavier geklimpert. Als
Goethe eintrat, sahen ihm lauter neugierige Gesichter entgegen. Marx voll
Mißtrauen, Gottlieb mit Eifersucht, die Kusinen erwartungsvoll. Goethe wurde
mit allen Anwesenden bekanntgemacht. Meist junge Leute. Ein grauhaariger
Junggeselle darunter Verwalter vom Dietrichsschen Gute. Monsieur
Wurmbheim war mit zweien seiner Eleven gekommen, jungen Leutnants, die
sehr gespannt waren, endlich einmal ein Exemplar der in ihrem Kreise
vielbespöttelten »Kraftgenies« zu sehn. Nun stand dieser schöne junge Mann
vor ihnen, durchaus sorgfältig gekleidet, unter der prachtvollen Stirn ein paar
Augen, die er mit der unbefangenen Beharrlichkeit eines Kindes auf jedem
ruhen ließ. Bis er ihn gelesen hatte.

»Für einen Hausgast kommt er reichlich spät«, brummte Marx.

Gottlieb lächelte schmerzlich: der freilich durfte sich schon einiges erlauben!
Dann aber wurde er ruhiger. »Nur warten! Dies hier wird vorübergehn. Und
dann kommt sie zu mir.«

Der alte Amtmann hatte sein Lorgnon gezogen. »Ziemlich freie Art für einen
Studiosen.«

Die Mädchen aber waren entzückt.

Ein wenig Redegeschwirr noch, dann ging's hinüber zur Wiese. Allgemeines
»Ah!« Man hatte die Zelttücher mit Wasser besprengt, sie gaben Kühlung.
Und nun begann ein echt elsässisches hingebungsvolles Schmausen, wobei
man jedem Gericht lautes und inniges Lob spendete. Besonders dem nach
Zitrone und Kräutern duftenden goldbraun gebratenen Fischgericht. Marx
wurde förmlich ausgelassen dabei.

Im Verlauf der Mahlzeit stand der Amtmann, ein scherzhafter Herr und großer
Damenfreund, ein paarmal auf, um in seinem, mit französischen Brocken
verzierten Elsaßdeutsch ein paar lustige Tischreden zu halten. Es war seine
Spezialität, junge Paare, von denen er glauben konnte, daß sie einander
zugetan, durch allerlei Andeutungen in Verlegenheit zu bringen. Auch diesmal
lief er mit gefülltem Glase bedeutungsvoll zu Salome und Marx, dem
Brautpaar der Lehrersfamilie, dann zu Gottlieb und Friederike und noch
einmal zu Friederike, der er dann Goethe zugesellte. »Die Göttin Gelegenheit
soll leben!«

Im allgemeinen Aufbruch merkte man nicht viel von dem unzeitigen Scherz.
Nur Friederiken fuhr es siedendheiß in die Stirn. Sie vermied es, Goethe
anzusehn. Er aber folgte dem hellen leichten Mädchen mit den Augen, wie sie
von einem Gaste zum andern ging, hier ihrer Kusine ein Band zurechtrückte,
dort ein vergessenes Sonnenschirmchen brachte, dann wieder mit einer
lindernden Tinktur, die sie sich verschafft hatte, die Schnakenstiche betupfte,
wie sie unauffällig das Gespräch lenkte. Alles das, ohne je Anstrengung oder
Eile zu zeigen. Während das Sälmele aufgeregt umherwirbelte und eher
Verwirrung schuf als Ordnung.

Goethe fühlte an diesem Morgen zum ersten Male ganz, was Friederike ihm
geworden war. Und daß er sie nicht wieder lassen konnte. Er verwünschte alle
diese Menschen, die so vertraut mit ihr waren, denen sie zum Kuß die Wange
bot; die sie anlächelte. Dann aber, mitten im Gespräch, richtete sie ihre Augen
auf ihn. Und in diesem Blick lag eine Zärtlichkeit, ein Zugehörigsein, daß er,
zum Staunen von Vetter Gottlieb, der ihn gerade über elsässischen Weinbau
unterhielt, hell auflachte.

Nach Tische wurde ein sachter, kleiner Spaziergang ins »Wäldle« gemacht.
Man war nicht redselig, hatte viel und gut gegessen und getrunken, und es
drohte eine schläfrige Stunde. Friederike, die das zu vermeiden wünschte,
nahm Goethe beiseite und bat ihn, etwas auszusinnen. Zu erzählen. Er war
sogleich bereit. Und so saß denn bald die ganze Gesellschaft unter duftenden
Tannen im Moose, halb gelagert, und Goethe begann sein »Es war einmal ...«,
ohne noch eine Ahnung zu haben, was darauf folgen könne. Vater Brion hatte
sich ein wenig abseits geschlichen, sein Mittagsschläfchen nachzuholen.

»Es war einmal«, begann Goethe zum zweiten Male suchend. Dann aber
leuchtete es übermütig auf in seinen Zügen, »Es war einmal eine
Zwergenprinzessin.« Er beschrieb Palast und Hofstaat ihres Vaters, und wie
bei der Taufe der jüngstgeborene Prinz wegen seiner Winzigkeit aus den
Windeln verloren wird. Man beschließt, den alten Brauch zu erneuern und eine
der Prinzessinnen auf die Menschenwelt zu senden, sich dort einen Gemahl zu
suchen, der dem immer kleiner werdenden Zwergengeschlecht neues Blut
zuführt, es wieder zu Wachstum bringt.

Ein Zauberer verleiht der Prinzessin menschliche Größe, die aber immer nur
einige Tage anhält. Um sie wieder zu erlangen, muß sie sich jeden dritten Tag
in einen Flügel ihres Palastes zurückziehen, den man ihr zu diesem Zweck in
eine Kassette einschließt, die ein Mensch mit Leichtigkeit tragen kann. So
ausgerüstet begegnet sie einem Ritter, der auszog, neue Länder zu entdecken
und Drachen zu bekämpfen, Er verliebt sich in sie. Sie wählt ihn zum Gemahl.
In der Schatzkammer ihres väterlichen Palastes wird ein ungeheuer großer
Goldreif bewahrt. Die Prinzessin führt den Verlobten dorthin, eröffnet ihm,
daß er nur der Ihre werden könnte, wenn er sich durch Anstecken dieses
Ringes zu Zwergengröße bequemen wolle. Er, verliebt, geht alle Bedingungen
ein, steckt den Zwergenring an, der ihm, so groß er schien, schmerzhaft ins
Fleisch schneidet. Sie berührt gleichzeitig den Ring. Sie schrumpfen beide
zusammen, sind Zwerge geworden, wie die übrigen Bewohner des Palastes.

Und nun wurde mit den liebevollsten Farben der Zwergenhaushalt des jungen
Paares ausgemalt. Ihre traulichen Gespräche zwischen den Grashalmen, ihre
Gesellschaften im Reich der Ameisen, ihre Jagden auf das kleine Erdgewürm,
die Feste, bei denen die Grillen musizierten. Vor allem aber ihre immer
wachsende Liebe zueinander. Goethes übervollem Herzen entströmte ein
solcher Hymnus auf die Liebe, daß jedes junge Herz davon entbrannte.

Christian hatte sich die ganze Zeit nicht fassen können vor Vergnügen, hatte
vertrauliche Zeichen gemacht, die Goethe abwehrte.

Als aber jetzt der Verwalter herantrat und meinte: Er müsse sehr irren, oder
Frau von Dietrich kenne ein Paar, das dem geschilderten aufs Haar gleiche,
fuhr er auf, wollte erklären, erzählen. Goethe gebot ihm mit einer leichten
Geste Schweigen. »Wie dem auch sei,« bemerkte er abschließend, »mein
Märchen endet wie jedes ordentliche Märchen enden muß: ›Und wenn sie
nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.‹ Woraus ja folgt, daß jeder von
uns eines Tages dem Manne mit Kassette und Zwergenring und seiner kleinen
Frau begegnen kann.«

Alle waren höchlichst zufrieden mit dieser Wendung. Man lobte Friederike,
weil sie den Freund zum Erzählen veranlaßt hatte. Sie nahm allen Dank ruhig
mit einem allerliebsten Stolz entgegen.

Man brach nun auf. Vergnügt langte man wieder auf der Wiese an, wo die
Zelte beiseite geschafft waren. Man hatte genug geruht, man wollte jetzt
spielen, sich bewegen. Helle Kleider flogen über den Rasen, Runden bildeten
sich, die mit Gesang um irgendeine »Königstochter« oder um einen armen
Gefoppten sich herumbewegten. Man spielte »Topfschlagen« und
»Vögelchenverkauf«. Wer als letzter gefangen wurde oder sonst zurückblieb,
wurde in Strafe genommen und mußte ein »Pfand« geben. Mancher zeigte sich
mit Absicht ungeschickt, in der Hoffnung, sich nachher durch einen Kuß
auslösen zu dürfen. Denn es galt in jener Zeit ein Kuß, inmitten eines
geselligen Kreises für durchaus erlaubt. Auch Friederike hatte bei solchen
Anlässen unbedenklich Küsse gegeben und empfangen, ohne dabei weder
besonderes Vergnügen noch Abwehr zu spüren. Heute aber, als sie sich von
der Blindekuh hatte fangen lassen und man ihr als Pfand das silberne Kettchen
einforderte, das sie am Halse trug, wehrte sie sich lange. Es half ihr nichts.
Goethe von seiner Seite hatte es ähnlich getrieben, sich immer wieder und
wieder aus der Schlinge gezogen, Es war wie eine Verabredung zwischen den
beiden, sich weder ihre Lippen von Fremden berühren zu lassen, noch – sollte
der Zufall es so geben – sich vor den Augen dieser neugierigen Gesellschaft
ihren ersten Kuß zu geben. Denn, so wenig schwer man damals im Elsaß es
nahm, wenn ein junger Mann und ein junges Mädchen in Freundschaft Küsse
tauschten, die Liebenden hatten es bisher beide sorgfältig vermieden, sich
auch nur im Scherz zu umarmen. Der Gesellschaft aber schien es ein
besonderes Vergnügen zu bereiten, zu ergründen, ob »Pfarrers Riekchen« mit
dem Gottlieb versprochen sei oder etwa mit dem Studiosen aus Frankfurt. Als
Friederikens Kettchen ausgelost wurde, hieß die Strafe: »Briefträger.« Zwei
Briefe an Mamsell Brion seien angelangt, einer mit einem schwarzen, der
andre mit einem roten Siegel. Das schwarze bedeutete einen Backenstreich,
die roten fünf Küsse. Hinter einem hochgehaltenen Tischtuche mußten sich die
Herren aufstellen, die Hand erheben, und Friederike mußte für jede der Strafen den Vollzieher wählen. Hatte sie aber in der Erregung falsch zugegriffen? – Hatte der Amtmann, der solche Scherze liebte, den Lenker gespielt? – als das Tuch fiel, hielt ihre linke Hand wohl, wie sie geplant, den Vetter, ihre rechte aber lag in der heiß pulsierenden des jungen Goethe. Die ganze Gesellschaft klatschte. Der Streich wurde empfangen, die Küsse zeremoniell und flüchtig gegeben. Beim letzten aber hafteten die beiden Lippenpaare brennend undlange aneinander. Es lag etwas so Starkes, Heiliges in den Gesichtern dieser beiden schönen jungen Menschen, daß kein Wort des Scherzes oder Spottessich hervorwagte. Erst als die beiden jäh sich losreißend, wie auf der Flucht, rasch auseinanderliefen, lachte man.

Überdies waren jetzt die Mägde gekommen, stellten auf Böcken lange
Tischplatten auf, die sie mit allerlei vesperlichen Erfrischungen bedeckten:
Gelees und Obst, Kuchen, Schokolade, kühlende Mandelmilch und
Limonaden. Und Berge weißer Brötchen mit buntem, zierlichem Belag. Die
Jugend stürzte sich mit neuem, bewundernswertem Appetit auf das Gebotene.
Auch Frau Brion gönnte sich nun endlich auf einem bequemen Gartenstuhl ein
friedsames Ausruhn. Dann kamen die beiden Musikanten der Gegend und
spielten auf. Man tanzte, ging dazwischen paarweise spazieren, tanzte wieder.

Friederike hatte erst, wie immer, mitgemacht. Man sah ihr freundliches
Gesicht, hörte ihre liebenswürdige Stimme überall. Sie tanzte, bot
Erfrischungen, unterhielt sich. Alles aber wie im Traum. Ein paarmal führte
Gottlieb sie zum Tanz. Er erzählte ihr, wie schwer er hätte abkommen können,
gerade in der arbeitsreichen Zeit im Sommer. Nun aber sei er glücklich, hier
zu sein. Mit ihr. »Ja, ja«, sagte sie zerstreut freundlich. Dann tanzte sie nicht
mehr. Sie sei sehr müde, sagte sie.

Goethe hielt sich zu den andern Mädchen.

Als es dann vom Turm sieben schlug, ging Pastor Brion, die Uhr in der Hand,
unruhig umher, vor der Tür warteten bereits die beiden Stellwagen, die seine
Gäste nach verschiedenen Seiten wieder zurückbefördern wollten. Das
Abschiednehmen wurde schließlich ein ziemlich eiliges und lärmendes
Aneinander-Vorbeischwatzen. Umarmen, Küssen, »Auf Wiedersehn!«, »Und
nun müßt ihr bald auch zu uns zu Besuch kommen!«. Die Pferde zogen an. Ein
winken, Rufen – der Tag war aus.

Christian und Sophie hielten ergiebige Nachlese am Erfrischungstisch. Die
Mutter und Salome kleideten sich um und begaben sich ans Räumen. Die
Lehrerstöchter halfen. Friederike auch. Dann aber, als habe jemand sie dorthin
gerufen, ging sie in den stillen, dunkelnden Garten hinaus.

Da stand er an der Jasminlaube, ging ihr entgegen. An der Stelle, wo sie
einander trafen, blieben sie stehn und küßten sich. Dann sagten sie sich viele
Male, wie lieb sie einander hatten. Und daß sie sich niemals lassen wollten.

Hand in Hand saßen sie in der Jasminlaube. vom Felde drüben flogen
Schwärme von Leuchtkäfern empor. Jetzt stieg es auch im Garten aus dem
Rasen auf. Sinnverwirrend. In den dunkeln Bäumen hing's wie glühende
Tropfen. Goethe faßte sie mit andächtigen Fingern und setzte einen nach dem
andern als Strahlendiadem in Friederikes volles warmes Haar. Ein
Sommerduft zog über die Talsenkung, in der das Dorf schlief. »Wie liebe ich
dich!« sagte eins zum andern. Immer wieder.

Erst als im Hause die Lichter verloschen, wanderten sie, dicht zueinander
gedrängt, langsam zurück. Zwei selige Leute.




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