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2019-11-04

Anselm Heine "Der Zwergenring"- 6.Kapitel (6)



Kapitel VI

»Ich weiß nicht, was mir hier gefällt.
In dieser engen kleinen Welt
Mit holdem Zauberband mich hält?
Vergeß ich dich, vergeß ich gern,
Wie seltsam mich das Schicksal leitet;
Und ach, ich fühle: nah und fern
Ist mir noch manches zubereitet.«

Goethe hatte wenige Tage vor dem Feste einen Brief aus Straßburg erhalten.
Professor Jeremias Oberlin, sein geliebtester Lehrer, schrieb ihm voll Lob, fast
Begeisterung über einen Aufsatz, den Goethe ihm vor der Abreise im Konzept
gebracht, und den der Professor nun gelesen hatte. »Über deutsche Baukunst.«
Oberlin schrieb, er halte es für seine Pflicht, ihm dringend zu raten, die
akademische Karriere zu ergreifen und sogleich nach bestandenem Examen
sich an der Straßburger Universität für Geschichte, Redekunst und Staatsrecht
zu habilitieren. Bei seinen herrlichen Gaben werde es ihm ein leichtes sein, in
Kürze eine Professur zu erlangen. Habe er erst einmal die, sei ihm über kurz
oder lang eine Anstellung in Versailles an der deutschen Kanzlei gewiß. Was
für ihn einen ebenso ruhmreichen wie angenehmen Wirkungskreis für das
ganze Leben bedeuten würde. Goethe hatte einen Augenblick der Lockung
gelauscht. Tätigkeit, Stellung, Ruhm schon in so jungen Jahren! Dann aber
hatte er ein Blatt Papier ergriffen und darauf entschiedensten Protest gegen
diese verfrühte Einschirrung in Amt und Beruf leidenschaftlich hingeströmt,
wie es sein Temperament ihm eingab. »Ich würde sein wie ein Pferd mit
Scheuklappen, das seinen Narren im Trott auf ebener Landstraße weiterzieht,
anstatt in die Welt hineinzusprengen, sich bald auf Frühlingswiesen zu
tummeln, bald mit donnerndem Hufschlag über Strombrücken zu jagen«,
sudelte er hin. Dann an anderer Stelle: »In Versailles würde ich gezwungen
sein, französisch zu denken und zu dichten. Und das gerade jetzt, da hier im
Elsaß die ganze Kraft und Schönheit des deutschen Mittelalters in mir
lebendig geworden ist und nach Gestaltung verlangt.« Und wieder: »Wohl will
ich mich einem Berufe beugen. Aber einzig dem, den ich wirklich als Ruf der
Gottheit in mir spüre. Erst hier auf dem Lande, im Umgange mit der Natur und
im herzlichsten Verkehr mit guten, unverfälschten Menschen hatte ich Stille
genug, um diesen Ruf zu hören. Erst hier habe ich Aufgabe und Sendung
meines Wesens verstanden. Aus der Liebe dieser Menschen habe ich
Gesundung getrunken des Leibes und der Seele. Flügel sind mir gewachsen.
Nun zucken sie empor und wollen fliegen. Ich darf mich nicht nach Gefallen
gestalten. Ich fühle mich gesandt, das Weltbild neu zu gestalten. Dazu aber
muß ich die Welt erst kennenlernen in allen ihren Höhen und Tiefen, muß
mich an ihr erproben. Verkrieche ich mich jetzt schon in einer ihrer Ecken, so
habe ich gesündigt gegen mich selbst. Das darf nicht sein. Mir selber muß ich
Opfer bringen. Opfer auch verlangen können, wenn das not tut.«

Alles das hatte er mit fliegender Feder hingeschrieben, fast ohne es vorher zu
denken, wie von einer unerbittlichen Macht diktiert. Er hatte dankbar, höflich
seinem Gönner erwidern wollen, überlegen, fragen. Nun war es dieses
ungestüme »Nein« geworden. So konnte er das Blatt nicht abschicken. Er
schloß es in seine Mappe, es später als Konzept zu benutzen. Dann kam das
Fest, die Stunde in der Jasminlaube mit Friederike. Noch in derselben Nacht
zerriß er das Blatt Papier.

Eine symbolische Handlung.

In die Welt gehen? Jetzt? Fort von seinem Mädchen? Konnte er das heute noch
wollen? Unmöglich!

Seine Träume aber waren andrer Meinung.

Er sah sich mit Friederike durch hohe, blühende Wiesen gehen, aber er kam
durchaus nicht vorwärts, so kleine Schrittchen machte sie, die fest an seinem
Arm hing. Denn auf einmal war es gar nicht mehr Friederike, sondern die
winzige Dame vom Rheininselchen.

Der Rücken tat ihm weh, so tief mußte er sich zu ihr herunterbücken. Die
Kassette hatte sie ihm auf den Rücken gebunden. Bei jedem Schritt schlug sie
schmerzhaft an ihn an. Die kleine Dame zog einen Ring vom Finger, den
steckte sie ihm an. Das tat entsetzlich weh. »Nun sollst du mit mir in meinem
Land wohnen«, sagte sie dabei mit einem hohen, grellen Stimmchen. »Krieche
mit mir in diese Kassette. Das wird unser Häuschen sein.« Er aber begann zu
weinen. – Sein Kopfkissen war ganz naß, als er beim ersten Morgenschein
erwachte. Draußen regnete es. Ein Landregen. Die Wiese, auf die er blickte,
sah zertreten und häßlich aus. Die Berge am Horizont verschwunden. Alles
grau und schwül. Wie abgestanden. –

Auch Friederike hatte wenig geschlafen. Sie fühlte Stiche in der Brust, und
gegen Morgen stellte sich leichtes Fieber bei ihr ein. Aber sie litt nicht.
Fast hätte sie es als Verschwendung empfunden, zu schlafen, wenn man so
voll Seligkeit ist. Nichts von Staunen war in ihr und nichts von Unruhe. Sie
war in diese Liebe hineingewachsen, wie die junge Blume in die Sonne
emporwächst, von der sie lebt. Alles war so selbstverständlich geschehen, wie
es im Märchen geschieht. Und daß sie gestern sich geküßt und ihre Liebe sich
in Worten gesagt haben, das gehört genau so zu allen märchenhaften
Selbstverständlichkeiten wie alles andre.

Und heute ist ein neuer Tag. Und er ist da. Sie werden beieinander sein, sich
lieben, sich verstehn. Ihre Hände brennen. Als draußen das Rauschen beginnt,
tut es ihr gut, an Regen und Kühlung zu denken. Und daß sie nun beide im
Zimmer bleiben müssen in diesem Wetter. Beide. Auch das Zuwachs an
Glück.–

Friederike ist aufgestanden. Aber die Stiche in der Brust werden stärker; ihr
Herz bäumt sich wie ein Fluß zwischen Steinen. Und sie ist ganz heiser. Die
Mutter schickt sie wieder zurück ins Bett. Sie schilt über das abendliche
Promenieren, bei dem man sich erkältet. Dabei sieht sie Friederiken forschend
ins Gesicht. Die gibt diesen Blick in Strahlen zurück.

Und weiter wird nichts mehr erklärt zwischen Mutter und Tochter. Es ist im
Pfarrhause nicht Brauch, über Herzenssachen zu reden. Der Vater läßt
ahnungslos wachsen, was da wachsen mag, die kluge Mutter schaute wohl
scharf zu und lenkte leise, aber sie redete nicht. Diesmal hielt sie es für das
beste, die Dinge gehen zu lassen. Kam er wieder, war es gut. Kam er nicht –
vielleicht noch besser. Der gute Gottlieb war dann immer noch da. – So
schwieg sie.

Salome dagegen konnte ihren Mund nicht halten. Während sie das
gemeinsame Zimmer aufräumte, nickte sie bedeutungsvoll zu Friederike
hinüber, die im Bett ihre Zöpfe flocht. »Na, und der Monsieur Goethe?
Machen wir eine Doppelhochzeit?« Da aber Friederike auf ihren Hals zeigend
schwieg, ließ sie von Fragen ab, obgleich sie die List durchschaute.–

Friederikes Kranksein war für den Liebenden eine große Enttäuschung. von
ihrem klaren Gesicht hatte er Beruhigung erhofft. Sie würde ihn küssen und
alles war wieder gut. Statt dessen brachte ihm wichtig und umständlich das
Sophiele die Morgensuppe in sein Zimmer hinauf. Unten sei noch alles in
Unordnung, das Sälmel schelte in der Küche herum, weil die Mägde gestern
allerlei Geschirr und Glas zerbrochen hätten; der Vater sehe bedenklich in den
Regen. Das Getreide sei ja in diesem Jahre noch so spät auf dem Halm und
hätte sollen morgen geschnitten werden. Sie redete wie eine Alte und fühlte
sich wohl darin.

Gegen Mittag endlich durfte er sie sehn. Immer wieder war er an ihrer Tür
gewesen, aber die Mutter hatte ihn weggewiesen: die Tochter dürfe nicht
reden. Sie selbst ließ ihn bitten, vernünftig zu sein. Sie kenne ihr Übel und
wisse, wie es zu behandeln sei. Um ihn loszuwerden, schickte Salome den
Dringlichen in das nächste größere Dorf zum Apotheker. Er lief, den
Wettermantel um sich geschlagen, barhäuptig durch den Regen davon, das
Haupt emporgewendet. Im Laufen löste sich sein Haarband, der wind peitschte
ihm die nassen Locken ins Gesicht – er achtete es nicht.

Frau Brion sah ihm nach, wie er dahinstürmte, Etwas Verzücktes und Wildes
lag in seinem Schreiten. So ging keiner, den sie kannte! Sie ließ die Männer
ihres Kreises in Gedanken an sich vorüberziehen: Marx, Gottlieb, ihren guten
Mann, die Straßburger Verwandten und Freunde – keiner!

Und in der vom Alltag vernutzten Frau stand gegen Vernunft und Vorsicht ein
Verstehen auf für Friederikes Liebe. Dies Verstehen lag auch in ihrer Stimme,
als sie, sich ins Zimmer zurückwendend, zu Friederike sagte: »Dein Goethe
rennt wie ein Närrischer um deine Medizin.«

Das blasse, goldgezöpfte Mädchen lächelte in ihre Kissen. Sie hatte eine
Erlaubnis herausgehört aus den paar Worten. –

Kaum Zeit, den Mantel abzulegen, nahm er sich. Dann saß er still an ihrem
Bett, nahm ihre Hand und hielt die Augen über ihr Gesicht, daß es ganz
überflutet war von seiner Liebe.

Es war ein großes, niedriges Zimmer, in dem Friederike lag. Im Alkoven
standen die Betten der beiden Ältesten, jedes mit weißen Musselinvorhängen
duftig umhüllt, ein großer runder Tisch in der Mitte, an der Längswand ein
breites, geblumtes Rattunsofa, auf dem nachts für Sophie gebettet wurde. An
einem der grün umrankten Fenster stand das Nähtischchen, am andern eine
alte, schöne Schreibkommode, an den Wänden Bücherbrettchen, Blumen in
Töpfen und Vasen, Familienbilder. Die Ecke mit den Waschtischen durch
einen geblumten Vorhang abgeschrägt. Das Ganze hatte in seiner
Bescheidenheit und sauberen Ordnung etwas von Tradition und Kindlichkeit
zugleich, das Andacht weckte. Der junge Goethe wenigstens empfand es so.

»Was sehen Sie, mein Freund?«

»Ich betrachte mir die Stube, in der man mir mein Mädchen bewahrt.«

Sie vermochte nur flüsternd zu sprechen. Unwillkürlich erwiderte er ebenso.
Das gab allen ihren Worten etwas Tuschliges, Heimliches und Trauliches.
Zuletzt zog er Oberlins Brief aus der Tasche, las daraus und berichtete
sogleich von seinerAbsage und von dem Zerreißen des Konzeptes heut nacht.

Das war sehr süß zu hören für das Mädchen. Andächtig las sie dann sein Lob
im Briefe. Er malte ihr aus, wie es sein würde, wenn sie einmal in Versailles
zusammen wohnten. Unwillkürlich brauchte er ähnliche Worte wie gestern im
Märchen für das Zwergenhaushältchen, sprach von Kaminchen, Tischchen,
Tellerchen und Stickereichen. Und während er erzählte, beugte er sich ganz
zusammen. Aber keiner von ihnen beiden achtete darauf.–

Goethe war abgereist. Er hatte in Straßburg zu tun. Und wollte auch mit
Oberlin über dessen Vorschläge reden. Seine Sachen hatte er dagelassen,
wollte in Kürze zurückkommen, wurde aber durch Examenvorbereitungen und
den Besuch seines Freundes Herder in der Stadt zurückgehalten. Auch aus der
Trennung aber schufen sich die Liebenden neue Freuden. In Friederikes
Schreibkommödchen häuften sich die Briefe. Briefe, die oft zu Versen wurden.

Friederike beantwortete diese Briefe alle mit ihrer leichten, tanzenden Schrift,
die er liebte. Sie war oft selbst erstaunt darüber, was für eine flinke
Briefstellerin sie wurde. Freilich schrieb sie keine geistvollen Betrachtungen,
machte keine weitläufigen Schilderungen. In der wundervollen Sicherheit
ihres Wesens ging sie nie über ihren Kreis hinaus. Aber indem sie vom
Nächstliegenden erzählte und dabei des Freundes dachte, der sie hören sollte,
formte sich ihr alles freier, bildhafter. Wie ein Mensch, der lange verreist
gewesen, sah sie die Heimat plötzlich neu. So, ohne recht zu gewahren, wuchs
sie an dem Entfernten.

Und dann kamen all die herrlichen Liebesgedichte, die Friederike feierten.
Immer wieder las sie das Gedichtchen, das er ihr mit einem selbstgemalten
Bande schickte und das so innig endete:

»Mädchen, das wie ich empfindet,
Reich mir deine liebe Hand,
Und das Band, das uns verbindet,
Sei kein schwaches Rosenband.«

Ja, sie war reich. Reich wie keine.

Noch nicht völlig genesen, stieg Friederike eines Morgens langsam das
Obertreppchen hinauf ins Logierzimmer. Man mußte es für etwaige andere
Gäste instandsetzen. Und sie wollte es sich nicht nehmen lassen, all die
Sachen und Sächelchen zu ordnen, die der allzu Sorglose um sich her zu
streuen pflegte. Es war ihr eine zarte Freude, sich mit diesen Dingen zu
beschäftigen, die ihm gehörten; zu fühlen, daß sie teilhatte an jedem Wort,
jedem Gedanken, der in diesem Zimmer entstanden ist. Sie nahm jedes
einzelne zärtlich in die Hände, faltete und bündelte mit Sorgfalt und ordnete
alles in einen kleinen Handkoffer, den sie heraufgebracht hatte. Zuletzt griff
sie noch in den Papierkorb. Ein zerrissenes Blatt lag obenauf. Das
Briefkonzept für Versailles: Sie las und setzte sich auf einen Stuhl und
schluchzte. Leid und Glück hatten gleichen Teil an diesen Tränen. »Ich muß
die Welt kennenlernen«, las sie, »in allen ihren Höhen und Tiefen. Verkrieche
ich mich jetzt schon in einer ihrer Ecken –« Dann aber kam eine Stelle, die ihr
Trost gab. »Erst hier bei guten, unverfälschten Menschen, die ich liebe, habe
ich Stille genug gehabt, den Ruf der Gottheit an mich zu vernehmen. Und ich
habe Gesundung getrunken an der Liebe dieser wahrhaftigen Menschen, die
von ihrer Erde Schönheit und Weisheit lernen.« Er war gesundet an ihr! Was
wollte sie noch mehr? Und leise fing sie an zu summen. Sein Lied:

»Schicksal segne diese Triebe,
Laß mich ihr, und laß sie mein,
Laß das Leben unsrer Liebe
Doch kein Rosenleben sein.«




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