> Gedichte und Zitate für alle: Anselm Heine "Der Zwergenring"- 7.Kapitel: Besuch in Straßburg (7)

2019-11-04

Anselm Heine "Der Zwergenring"- 7.Kapitel: Besuch in Straßburg (7)



Kapitel VII

Besuch in Straßburg

»Der Weg ist begonnen, vollende die Reise,
Dein Los ist gefallen, verfolge die Weise.«

(Goethe, Sprüche.)

»Das Meer flutet immer,
Das Land behält s nimmer.«

(Goethe, ebenda.)

Das heurige Sommerfest war in der Chronik des Sesenheimer Pfarrhauses ein
Höhepunkt gewesen. Die Anwesenheit des jungen Genies, das Märchen, die
Atmosphäre von Übermut und Leidenschaft, die über allem schwebte, war von
den Gästen als etwas ganz besonders Feiertägliches empfunden worden. Die
Schölls hatten in Straßburg Wunderdinge davon erzählt. Nun brannten
Verwandte und Bekannte darauf, den interessanten jungen Freund der Brions
kennenzulernen und in ihr Haus zu ziehen. Da ohnedies längst ein Besuch der
Brions in Straßburg geplant war, erließen die Schölls eine dringende
Einladung nach der anderen für die Sesenheimerinnen. Aber die Mutter konnte
sich, namentlich während der ländlichen Sommerarbeiten, schwer vom
Haushalt trennen. Und von Friederike wußte man, daß sie das Stadtleben nicht
liebe. Gerade sie aber betrieb diesmal die kleine Reise. Sophie war glücklich
in der Aussicht, einmal selbständig daheim die Wirtschaft zu führen. Ihre
poetische Phase war vorbei. Dem Buchengedicht fehlte noch immer der
Schlußvers. Als nun noch die Schulmeisterin versprach, nach dem Rechten zu
sehen, wurde nur noch die Roggenernte abgewartet. Und dann ging's nach
Straßburg. Das Sälmel war außer sich vor Freude. Sie verlangte, es solle eine
Überraschung sein für Goethe, schalt Friederike, die sich dem widersetzte
»hausbacken« und »nüchtern« und stellte mit ihren gewaltigen Vorbereitungen
das Haus auf den Kopf. In Friederike war eine stille, strömende
Glückseligkeit, die keines Lärmens bedurfte.

Straßburg war schon etwas versengt und verstaubt, als die Brions dort aus dem
Postwagen stiegen, der sie durchs Tor und tief in die Stadt hinein fuhr. Seit
jenem Einzugstage waren sie nicht mehr in Straßburg gewesen. Friederike
dachte daran.War das nicht Jahre her?

Heute war hier Alltag. Planwagen rüttelten über das Pflaster, die der Stadt
Mehl und Stroh hereinbrachten. Die Madams, ihre bäurische Magd mit dem
Korb auf dem Kopf hinter sich, gingen auf die Nasch- und Obstmärkte
einkaufen. Am Staden keiften die Fischweiber und die Waschschiffweiber
miteinander. Nur der Paradeplatz mit seinen, die Häuser entlang im Quadrat
gepflanzten grünen Schirmen der Linden, hatte etwas friedvoll Erfrischendes.
Da, am Posthof stiegen sie aus.

»Der Goethe ist da und die Kusinen«, flüsterte das Sälmel aufgeregt. Es gab
ein großes Hin-und-her-Umarmen. Auch der junge Freund ging nicht leer aus.
Friederike küßte ihn sogar vor allen Leuten herzlich auf den Mund. Er lachte
glückselig. »Mein Mädchen.« Sogleich aber nahm er eine gesetzte Miene an.
Er grüßte respektvoll in einen Wagen hinein, der vorbeifuhr.

»Wer war's?« wollte das Sälmel wissen.

»Die Baronin von Oberkirch«, erwiderte die Mutter statt seiner. »Man kennt
die Livree.«

»Die? Das ist ja wohl eine Gelehrte?« Sie hatte sich umgedreht und nach ihrer
ungenierten Art Goethe am Arm gepackt.

»Sie schreibt über das Elsaß«, sagte er ein wenig zurechtweisend. Ihre laute
Art schien ihn zu ärgern. Und als sie sich jetzt nach einem der beiden
Reisesäcke bückte, um sie sich mit einem »Hoppla« aufzuladen, trat er rasch
dazwischen und winkte den Aufwärter seines Rosthauses herbei, den er
herbestellt hatte. Friederike sah, daß ihm das Blut ins Gesicht gestiegen war.
Sie las einen leichten Unmut über der Schwester auffälliges Gebaren in seinen
Augen.

Der Bursche tat die beiden schweren und großen gestickten Taschen in seinen
Karren und befestigte sich die vielen Schachteln und Kartons mit einem Strick
an Brust und Rücken. Er verzog dabei ein wenig geringschätzig das Gesicht.

Frau Brion sah ihn streng an. Sie zog den Geldbeutel. »Was guckt Er? Hat Er
noch kein Frauenzimmergepäck gesehen?«

In ihrem Arger gab sie ihm überreichlich. Sie wehrte Goethes Börse ab. »O
nein, lieber Freund, in Straßburg bin ich mehr zu Hause als Sie.«

Die Verstimmung schwand nicht so schnell. Goethe bot der Mutter den Arm,
die in ihrem langen, grauen Reisekragen, das Spitzentuch über dem
gepuderten Haar, würdig und gelassen einherschritt. Die Mädchen gingen
voran. Die beiden Sesenheimerinnen trugen wie immer ihre deutsche Tracht,
dazu große Strohhüte. Die Schlupfenhaube war zu Haus geblieben. Ein
Zugeständnis an die Stadt sollte wohl auch der große, rot und schwarze
Stofffächer bedeuten, den Salome beständig wie ein Spielwerk auf und zu
warf, daß es nur so klapperte. Die älteste Kusine nahm ihn ihr endlich aus der
Hand: »Weißt, wir Bürgermaidele hier in Straßburg machen das nicht auf der
Straße. Das machen nur Standespersonen, die im Wagen sitzen.«

»Ach so!« sagte das Sälmel verdrießlich. »Wir sind euch hier wohl nicht gut
genug?« Sie zog einen bitterbösen Mund.

Der Weg war nur kurz. Es wurde nicht viel gesprochen.

Vor der Tür verabschiedete sich Goethe. Er küßte allen die Hand. Friederikens
hielt er fest und lange. »Meines Riekchens liebes Gesicht hier in den
steinernen engen Gassen!« Es lag Zärtlichkeit und eine gewisse Angst in
seiner Stimme.

Friederike lächelte ihn an. »Es ist das alte Riekchen doch. Ich hab' dir halt das
Sesenheim mit hier hereingebracht in deine Stadt!« Aber etwas
Nachdenkliches in ihres Liebsten Zügen verwischte sich nicht.

Endlich riß er sich los. Am Nachmittag wollte er kommen und sie abholen. Sie
mußten zusammen die Stadt ansehen. Und seine Wohnung wollte er ihr
zeigen. Und seine Freunde sollte sie auch allmählich kennenlernen, Er war
jetzt ganz in seine gewöhnliche Lebhaftigkeit gefallen. Und machte ein recht
verdutztes Gesicht, als die älteste Kusine ein wenig trocken bemerkte: »Über
den heutigen Nachmittag sei leider schon bestimmt.« Die Mutter habe für sich
und ihre Gäste eine Einladung zu Verwandten genommen. Aber sie hoffe
bestimmt, den Herrn Studiosus recht oft bei sich zu sehen.

Er verneigte sich. Friederike spürte, daß er nur schwer seinen Zorn
herunterschluckte. »Da ist nun freilich nichts zu machen,« sagte sie
begütigend, »aber am Ende ist es recht klug, daß wir unsere schönen Vorsätze
nicht gleich alle am ersten Tage ausführen? Es ist so hübsch, sich auf etwas zu
freuen.«

Ihre Stimme beruhigte ihn. Er lächelte dankbar auf sie herunter. Dann ging er.
Friederike sah ihm nach. Seine Erscheinung, der Stadt angepaßt, hatte etwas
Ungewohntes für sie. Sein Haar war steifer geordnet und stärker gepudert als
in Ensisheim; statt der Stulpenstiefel trug er weißseidene Strümpfe und
Schnallenschuhe; den dreieckigen Hut hielt er wie einen Zierat in der Hand.
Sein biberbrauner Tuchrock über den hellen Kniehosen war von tadellosem
Schnitt. So ging er in gepflegter Haltung die Straße hinauf. Nicht stutzerhaft,
aber doch nicht mehr der Sesenheimer Waldkamerad!

Auch die Mutter hatte ihm nachgesehen. »Es gefällt mir an dem Goethe,«
sagte sie, »daß er sich nach der Mode kleidet und nicht den Genialischen
macht, wie das die jungen Studiosen jetzt so gerne tun.«

Friederike schwieg. Sie wußte es aufs neue, daß sie diesen Mann lieben
mußte, wie und in welcher Gestalt auch er sich ihr zeigen mochte. Und in ihre
helle Jugend fiel dabei zum erstenmal eine Ahnung künftiger Schmerzen.

Heute aber war er noch da. War noch bei ihr.

Heute war noch Glück! Sie machte eine Bewegung mit beiden Händen, als
schiebe sie Beengendes von sich weg.

Es war ein großer Gegensatz zwischen dem heiteren, regellosen Leben bei den
Brions und dem streng geordneten, etwas düsteren Hause Schöll. Die Frau,
eine Genferin, hielt streng auf französische Etikette. Beim Kirchgang ebenso
wie im gesellschaftlichen Kreise. Das hatte zur Folge, daß die Tochter
manches Unschuldige heimlich taten, von dem sie wußten, die Mutter würde
es nicht erlauben. Der Syndikus aber, ein schwerer jähzorniger Mann, war in
Manier und Anschauung noch nicht aus dem deutschen Mittelalter
herausgekommen. Er aß gern, trank viel, und jeder Zwang war ihm zuwider.
So gab es oft Streit in der Familie und verdrießliche Gesichter. Die jungen
Sesenheimerinnen freilich hatten ihr sorgloses Lachen mitgebracht in die
steifen Stuben, in denen kein Stuhl gerückt, keine Seidenfranse der
tiefgenischten Fenstervorhänge verschoben werden durfte. In den Kaminvasen
des Salons standen die künstlichen Blumen auf Draht einen Tag wie den
andern unter ihrem Glassturz, der Kronleuchter war mit Gaze verhängt, die
Sessel hatten gleichfalls Sommertoilette gemacht. Kam Besuch, so wurden
von den Sesseln, die man brauchte, die Überzüge rasch abgenommen. In die
Wohnstuben drang kein Fremder.

Das war keine günstige Umwelt für zwei Liebende, die bisher an die grüne
Weite von Anger und Wald gewohnt waren; die in die Stimmen und Bilder der
Natur versenkt, oft in stundenlangem Schweigen miteinander glücklich
gewesen sind. Hier galt es, steif auf zerbrechlichen goldenen Stühlchen im
Salon sitzen, während die Tante sich mit einer Handarbeit an den Kamin
setzte. Hatte sie nicht Zeit, wurde ein anderer Ehrenwacht hineingeschickt.
Frau Scholl hatte es unerhört gefunden, einen jungen Mann mit einem jungen
Mädchen allein zu lassen. Zwar machte die junge Welt Spaziergänge und
Ausflüge, aber auch die dienten nur einer salonartigen Geselligkeit. Jeanne,
das älteste Schöllmädchen, sah in der Natur nichts als eine Gelegenheit, sich in
hübscher Toilette in besuchten Kaffeegärten zu zeigen. Margret, die jüngere,
hätte wohl gern einem Vogel gelauscht, eine Blume bewundert, aber sie war
durch die Schwester verschüchtert. Deren Ehrgeiz war es, sich mit einer
Eskorte junger Leute zu zeigen. Marx und Weyland sowie Gottlieb mußten
ihre Kavaliere spielen, soweit es Examen, Beruf und Landarbeiten erlaubten.
Der schöne, gut gekleidete junge Frankfurter war ihr eine willkommene Beute.
Der aber ließ sich nicht so gutwillig einspannen. Er, der sich in Sesenheim
gegen den gemütlichen kleinen Familienklatsch so nachsichtig bewiesen hatte,
ließ hier deutlich erkennen, wie sehr ihn, den Fremden, diese persönlichen
Gespräche – unvermeidlich bei einem engen, vertrauten Kreise – langweilten.
Er zeigte sich verdrießlich, launisch, schweigsam, spielte mit seiner Uhr,
zupfte an den Spitzenmanschetten, gab kurze, unfreundliche Antworten. Und
stand zuletzt vom Stuhle auf, mit Weyland oder Friederike ein Einzelgespräch
zu beginnen. Kurz, benahm sich so ungezogen, daß die Kusinen, die mit dem
glänzenden Gesellschafter geprahlt hatten, vor Verdruß vergehen wollten.

Friederike mußte heimlich lachen, wenn sie ihn so sah. Wußte sie doch, daß es
nur die Ungeduld des Liebenden war, die ihn so entstellte. Mit Weyland heckte
sie allerhand unschuldige Intrigen aus, die diesen leidigen Zustand bessern
sollten. Gottlieb, der erst mitgetan hatte, zog sich mehr und mehr von
solchen Zusammenkünften zurück. Es tat ihm weh, Friederike und Goethe
beieinander zu sehen.

Friederike verstand es die ärgerlich Auseinanderstrebenden durch eine
gemeinsame Beschäftigung recht vergnügt zusammenzuhalten. Sie schlug
Schreibspiele vor. Unter den schattigen Platanen des »Bäckerhiesel« rückte
man ein paar Tische zusammen, stellte Bänke davor, der Wirt brachte ein altes
Schulheft seines Sohnes, dessen leere Blätter man benutzte. Und bald waren
alle Wangen gerötet. Jeder lächelte befriedigt vor sich hin, einem Wort
entgegen, das ihm einfiel und ihm witzig schien, wohlgelungenen Verschen,
das er zu aufgegebenen Reimen dichten, einem Bildchen, das er aus einzelnen
Figuren zusammenziehen mußte. Goethe, der auflebte, sobald er zu tun
bekam, war jetzt der lebhafteste. Sein Stift flog über das Papier. Und über die
gebeugten Köpfe hinüber sandte er Blick um Blick zu Frederikens Augen,
abbittend, reumütig, dann aber strahlend.

Das Verschen, das er mit einiger Willkür aus den aufgegebenen Reimworten
»Eile – Weile«, »frei – bei« gemacht hatte, lautete:

»Erst sitzt er eine Weile,
Die Stirn von Wolken frei;
Auf einmal kommt in Eile
Sein ganz Gesicht der Eule
Verzerrtem Ernste bei.
Ihr fraget, was das sei?
Lieb' oder Langeweile?
Ach, sie sind's alle zwei.«

Eine Art Sündenbekenntnis an Friederike.

Der Launenhafte besserte sich auch wirklich. Bei Tee-Einladungen zu den
Schöllschen Verwandten und Freunden entzückte er die soliden
Bürgerfamilien durch seine artige Höflichkeit und seine netten Geschichtchen.
Wollten sie die Spiele sehen, die man in Sesenheim trieb und von denen sie
soviel gehört hatten, verstand er es, allerlei Lustiges zusammenzubringen. Im
Kartenspiel, bei den älteren Personen, tat er gleichfalls sein Bestes. Manchmal
sandte er dabei einen Blick zu Friederike hinüber, der ihr die schmeichelnde
Versicherung gab: »All' diese Langeweile dulde ich für dich.«

Sie litt mit ihm. Und stärker als er. Sah sie doch hinter der hohen Stirn
Gedanken auf den Augenblick der Erlösung warten.

Sie sann auf Befreiung.

An bestimmten Wochentagen versammelte sich die Straßburger Gesellschaft
immer in aller Morgenfrühe auf dem Broglie, um dort die Morgenmusik zu
hören, eine Stunde auf und ab zu promenieren, mit Bekannten zu plaudern,
sich zu zeigen. Die Schöllschen Damen fehlten niemals. Marx,
Gottlieb, Weyland, Goethe waren hinbeordert. Auf einmal gab Friederike das
verabredete Zeichen mit der Hand. Weyland nahm Goethe am Arm und
entwich mit ihm durch die Pforte des Eisengitters, das den Platz umschloß,
wahrend Friederike durch eine entgegengesetzte Tür davonging, nachdem sie
der Tante von einer kleinen Besorgung gesprochen hatte, die sie rasch zu
erledigen habe. Ruhig ging sie am französischen Komödienhaus vorbei,
draußen aber kehrte sie wieder um. Und es dauerte nicht lange, so traf sie auf
die zwei. Sie lachten sich an. Tiefblauer Himmel über den schmalen,
buntgestrichenen Häusern mit den braunroten Giebelstirnen. Aus ihren zwei
bis drei Etagen übereinanderstehenden, offenen Mansardenfensterchen
schienen sie dankbar emporzuatmen. Aus den Brunnen quoll silberner Strahl,
die Mägde schöpften am Trog und schwatzten. Unter den schwarzen
Bandhauben sahen ihre Gesichter freundlich und jung aus. Alles schien
Wohlsein und ohne Beschwerde. Auch Friederike atmete leicht. Die
Aufregungen der letzten Zeit, die sie schweigend trug, auch vor sich selbst
nicht eingestand, hatten ihr oft den Atem stocken lassen; nun schlug das Herz
ihr froh. Mit lieblich geöffneten Lippen ging sie neben den Männern her, die
zueinander sprachen. Und doch eigentlich nur für sie. Straßburgs
Vergangenheit stand auf zwischen ihnen, von dem Poeten heraufbeschworen.
Das Ringen von Alemannen und Franken um das ehemalige Keltenland;
Legenden, Siegfried jagt in den Vogesen, Gottfried von Straßburg erlebt hier
neu die alte Mär von Tristan und Isolde; die frommen Gestalten der
protestantischen »Gottesfreunde« erheben sich vor Friederikes
Einbildungskraft. Ist das noch dieselbe Stadt, die sie seit ihrer Kindheit kennt?
Durch die sie ging, um Einkäufe zu machen, den und jenen zu besuchen und
mit ihm über Haus und Familie Nachrichten zu tauschen? Dies die Straßen,
durch die sie Sonntags mit den Kusinen zog, um Bekannte zu treffen?

Sie begriff es nicht. Alles war geweitet und wichtig, was man sonst hier
übersehen hatte; alles früher Wichtige ganz klein geworden.

»Und nun gehen wir zu mir«, rief Goethe lustig. Unmerklich hatte er sie auf
den Fischmarkt hingeführt. Friederike stand unschlüssig am alten,
reichverzierten Brunnentempel, sah das Wasser in den Steintrog fließen und
netzte ihre Hände in dem Strahl. Sie sah zu den Fenstern empor, hinter denen
ihr Liebster hauste. Dann fragend auf Weyland. »Wenn Tante Schöll es erfährt,
werden wir beide tüchtig gescholten.«

Aber Goethe war schon vorangesprungen, ein wenig Ordnung schaffen
droben. So stiegen sie denn gehorsam die steile, knackende Treppe hinan, bis
in den zweiten Stock. Friederike blieb einen Augenblick auf der Schwelle
stehen, sah liebevoll das helle, viereckige Stübchen mit der Blumentapete, den
Alkoven mit dem Bett, die grüne Bettdecke, den wohlbekannten braunen
Arbeitsrock am Ständer, dann wieder auf der Kommode allerlei feine
Sächelchen, in denen die Sonne blitzte. Goethe hatte auf den ovalen Tisch eine
Flasche Wein gestellt mit drei Gläsern, holte Biskuits aus dem Schrank,
gemalte Teller. Alles in glücklichster Bewegung. Friederike hielt am Stehpult
die wohlgespitzten Gänsefedern in der Hand. Sie betrachtete Silhouetten und
Kupfer an der Wand, die in ihren Rähmchen einander die Wimpern
zuwendeten. Goethe nannte ihr die Namen. Die meisten hatte Friederike schon
gehört. Aber so wie etwas Fernes, viel zu Hohes, das nur irgendwo am
Himmel leuchtete.

Weyland machte sie aufmerksam auf die Flaschen und Retorten in der
Wandnische. Goethes chemische Experimente. Dicke schweinslederne Bände
lagen auf einem Stuhl neben der Kommode, altertümlicher Druck. Sätze, die
sie nicht verstand. Ein Hängeschränkchen war da voll Steine, Käfer und
andere Naturalien, die in Kästchen mit Aufschriften ruhten.

»Was Sie alles tun!«

»Vieles, aber vorerst noch nicht viel.« Sein Blick ging ins Ferne.

Wo war er? Fühlte er sie gar nicht jetzt?

Sie kam sich plötzlich ausgeschlossen und verstoßen vor.

Bald brach sie auf. Weyland begleitete sie nach dem Broglie zurück. Sie war
sehr still.




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