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2019-11-04

Anselm Heine "Der Zwergenring"- 8.Kapitel: Der Zwergenring (8)



Kapitel VIII

»Und der wilde Knabe brach's
Röslein auf der Heiden.«

Der Zwergenring

Zu den Beziehungen aus ihrer Mädchenzeit, die Frau Brion in diesen Tagen
wieder befestigte, gehörten auch die zu der Baronin v. Dietrich. Sie waren als
junge Mädchen zusammen eingesegnet worden, hatten sich eingeladen und
Briefe gewechselt. Nach der Verheiratung der Baronin war das junge, hübsche
Fräulein Schöll gern gesehener Gast auf den Gütern der Familie, die überall
im Elsaß Land, Schlösser und Bergwerke besaß. (Das Gütchen bei Sesenheim
war eine spätere Erwerbung und wurde nur selten von ihnen bewohnt.) Seit
einiger Zeit bekleidete Herr von Dietrich ein Ehrenamt in Straßburg, das
häufig seine Anwesenheit forderte. So hatte er sich in der Umgegend ein
Sommerhaus gemietet.

Dorthin waren die Brions eingeladen. Auch die Schöllschen Töchter waren
aufgefordert. Es würde eine durchaus zwanglose Veranstaltung sein.

So wurden denn an einem zartverhangenen blauen Tage die fünf Damen in
einer Dietrichschen Kutsche abgeholt und fuhren in bester Stimmung auf
schattigen Chausseen, an Feldern vorbei, über Flußbrücken und neben
duftenden Auen her zu den Gastfreunden. Salome war ganz still, aus Respekt
vor dem prächtig gekleideten Kutscher und dem Bedienten, der mit
gravitätisch übereinandergeschlagenen Armen zwischen den Hinterrädern saß. Sie blickte hochnäsig auf die Spaziergänger und Reiter, an denen sie vorbeiflog. Ihre Wangen waren, unter aufgelegtem Puder hochgerötet. Friederike dagegen sah blaß aus. So gern sie sich sonst unter vergnügten Menschen heiter mitbewegte, heute wäre sie recht gern zu Haus geblieben. Sie war so müde geworden hier in Straßburg.

Goethe hatte im Herbst vorigen Jahres mit einigen jungen Elsässern einen
Ausflug in die Vogesen unternommen und war dann allein zurückgeblieben,
um die Technik des Bergbaues gründlicher zu studieren, die ihn fesselte.
Freiherr von Dietrich, bei dem er im Bärenthal um Erlaubnis der Besichtigung
nachsuchte, gewann sogleich Interesse für den schönen und lebendigen jungen
Studenten und forderte ihn auf, ihn in Straßburg zu besuchen.

Goethe aber, eben damals jedes gesellschaftlichen Treibens überdrüssig, hatte
den Besuch versäumt und einen vorläufigen Entschuldigungsbrief
geschrieben. Heute nun hatten von den paar jungen Herren, die man zu den
Damen hinzugebeten, noch in letzter Stunde zwei abgesagt, so daß man für die
Abendtafel der Jugend auf die gefürchtete Zahl 13 angewiesen war. Frau von
Dietrich, zwar selbst frei von Aberglauben, aber für die Stimmung ihrer Gäste
besorgt, überlegte, ob sie ihr ganzes Arrangement verändern und Alter und
Jugend an einer einzigen Tafel vereinigen solle, als ihr der junge Goethe
einfiel, von dem sowohl ihr Gatte wie Frau Brion soviel Rühmens machten. So
bat sie ihren Mann, ihm ein Billett zu schreiben und ihn kommen zu lassen.
Auch solle der junge Mann sehr schön vorlesen, wie sie aus Sesenheim
erfahren. Eigene Dichtungen.

Und so geschah es, daß Frau Brion, die mit einer alten Dame auf dem Wege
nach der »Einsiedelei«, wo man die Jugend Federball und Reifen spielen
sehen wollte, durch die Parkalleen promenierte, sich plötzlich einem eleganten
Herren gegenübersah in silbergrauem Galarock, der sich ehrfurchtsvoll
verneigte und ihr die Hand küßte.

»Sie hier?« Sie hatte Goethe nicht gleich erkannt. »Warum so spät?« fuhr sie
unzufrieden, fast zankend fort.

»Ein unverdienter, reizender Zufall. Man hat mich nachgeladen. Als
Vierzehnten.«

Ein Diener, ihm entgegengeschickt, führte ihn zur Schloßherrin. Er verbeugte
sich noch einmal tief vor beiden Damen und ging, federnd vor Jugend und
guter Laune, den gelb bestreuten Kiesweg entlang, dem Schlößchen zu.

»Mir scheint, meine Teure, Sie lieben diesen jungen Mann nicht sehr? Ihre
Begrüßung wenigstens klang zum Verwechseln einer Verwünschung ähnlich.«

Da, inmitten dieser Umgebung, die ihr die eigenen schönen Jugendtage
zurückrief, fing die sonst so vernünftige und beherrschte Sesenheimer
Familienmutter zu schluchzen an. Sie lehnte ihren Kopf an die nach Puder
duftende Wange ihrer alten Gönnerin und sagte ihr all ihre Sorge um
Friederike. Und nun hätte, bald nach ihrer Ankunft, da man auf den Terrassen
Erfrischungen anbot, Frau von Dietrich von ihrem Sommernachbarn
gesprochen, dem Oberamtmann Traumann, wohlhabend, Witwer mit
einem dreijährigen Töchterchen, der sich beim ersten Anblick in Friederike
verliebt hätte. Der ansehnliche Mann ließ sich sofort vorstellen und ist dann
mit Friederike in den Park gegangen.

»Und nun muß dieser unselige Goethe wieder dazwischen kommen! Dieser
Mensch, der keinen gleichgültig läßt, der ihm einmal begegnet!«

Die alte Dame wischte der Bekümmerten mit ihrem Spitzentüchlein die
Tränenspuren ab, reichte ihr das Riechfläschchen und sodann das
Puderbüchschen mit Spiegel, sich wiederherzustellen. Aber Frau Brion hatte
nun keine Ruhe mehr. Sie wollte Friederike aufsuchen, ihr vorstellen, eine
wieviel bessere und geachtetere Stellung sie haben würde an der Seite dieses
Mannes, der hier im Lande festsaß, als an der des jungen Brausewindes, der
selber noch nicht einmal wußte, was aus ihm wurde.

Friederike war ja immer ein verständiges, sanftes Kind gewesen. Sie würde
das schon einsehen!

In ihrer Erregung ging sie so rasch vorwärts, daß die in ihre steifen Kleider
eingesperrte, zerbrechliche, alte Dame, die an ihrem Arme hing, kaum
mitfolgen konnte. –

Frau Brion kannte ihre Tochter doch recht wenig.

Die war am Arm des eifrig konversierenden Mannes unbefangen und gelassen
durch den Park spaziert und hatte bei seinen etwas oberflächlich und
nicht besonders witzigen Bemerkungen über begegnende Paare, über
Straßburger Stadtverhältnisse, die schöne Lage seiner Sommerwohnung
immer nur mit Freude gedacht: was geht das alles mich an? Und hat mich
jemals solches Gespräch fesseln können? Früher? Da ich noch nichts wußte
von Menschen, die flammen können?

Der Oberamtmann mißverstand ihre strahlenden Augen. Er begann mit
gerührter Stimme davon zu sprechen, wie einsam er sei nach dem Tode seiner
blonden Frau. Und wie sehr Friederike ihr ähnlich sehe. Dem kleinen
Mädchen fehle die Mutter, dem Hausstand die Hausfrau, vor allem aber ihm
selbst die Gattin. Er sei ein ruhiger Mann, der seine Zerstreuungen nicht
außerhalb des Hauses suche, der gern am Abend mit einer zärtlichen Seele
sein Kartenspielchen mache oder Patiencen für sie lege.

Friederike hatte ihr frohes Lachein beibehalten.

Da er aber nun, sie im dämmerigen »Labyrinth« an der Hand haltend, mit ihr
die künstlich verworrenen Wege ging und, an einer stillen Grotte angelangt,
damit begann, ihr Galanterien ins Ohr zu flüstern, machte sie sich freundlich
von ihm los.

»Wie sonderbar es in der Welt bestellt ist,« sagte sie nachdenklich, »Sie legen
hier alles Schönste und Liebste vor mich hin, das sich ein Mädchen nur
ersinnen kann – denn auch Sie selber, Monsieur Traumann, ich sage es ohne
Scheu –, Sie selber können nicht leicht einem Mädchen mißfallen. Mich aber
schreckt das alles; es beschämt mich, daß ich Undank zeigen muß. Aber ich –
ich gehöre mir nicht mehr.«

Ihre Stimme tönte silberner und klarer als je. Aber es klang eine schmerzliche
Ergebung mit hinein, die traurig machte. Und die überzeugte.

Der junge Witwer senkte den Kopf. »Sie wollen mir also nicht helfen,
Mademoiselle Brion?«

»Helfen? Ich glaube sogar, ich könnte das.«

Er sah sie fragend an. Sein hübsches, blondes Gesicht sah schon halb getröstet
aus.

Friederike redete schwesterlich. »Sie sind Witwer, Monsieur Traumann, an
Zärtlichkeit gewöhnt; Ihr Herz verlangt danach. Nun, ich weiß ein junges
Mädchen, nicht glücklich in ihrer eigenen Familie, das nur darauf wartet, so
recht von Herzen lieben zu können. Und dieses junge Mädchen ist hier. Ganz
in unserer Nähe«

Unwillkürlich blickte er um. Sie nahm ihn schwesterlich bei der Hand. »Sie
haben mich in das Labyrinth hineingeführt; jetzt bin ich es, die Sie wieder
hinausgeleitet. Zurück ins Tageslicht.«

Draußen trafen sie auf andere Promenierende. Die Kusinen waren darunter.
Ein altes Fräulein mit ihnen. Friederike winkte Margret. »Komm doch mit uns.
Herr Traumann erzählt mir gerade so lieb von seinem Maidele.«

Margret kam heran. Der junge Witwer betrachtete sie aufmerksam, wie sie
verschüchtert und sehnsüchtig unter den dunklen Bäumen stand, die braunen
Augen voll Wartens. Er sah nach Friederike hin. Die nickte leise. Da verstand
er.

Margret hatte sich bei Friederike eingehängt, Herr Traumann ging an ihrer
anderen Seite. Und bald hatte Friederike ein Gespräch in Gang gebracht
zwischen diesen beiden bescheidenen, guten, aber ziemlich oberflächlichen
Menschen. Ein Gespräch, in dem Herr Traumann sich erkundigte, ob die
Mamsell Schöll wohl den großen Markt besuchen werde, der im Oktober in
Straßburg stattfand und bei dem es immer in der Stadt hoch herging? Und
Margret fragte, ob sie der Kleinen nicht ein Kleidchen sticken dürfe? Sie tat
das so gern. Und Herr Traumann sagte ihr, daß sie hübsch und daß ihr
Füßchen entzückend sei.

Da zweigte ein Weg zur Einsiedelei ab, und Friederike bog hinein. Sie werde
dort zum Reifenspiel erwartet. Die anderen blieben zurück. –

Ein kühles, goldiges Grün webte in dem Laubgang, den Friederike
durchschritt. So leicht ging sie, daß sie es selber wohlig wahrnahm. Als habe
das Bekenntnis vorhin im Labyrinth ihr Fesseln gelöst. »Ich gehöre mir nicht
mehr.« Nichts von Hoffnung lag darin und nichts von Furcht. Nur ein
Lautwerden der Wahrheit. Darüber hinaus dachte sie nicht.

Der Laubgang veränderte seine Richtung. Ein Wegzeichen zeigte an, daß es
nun »zur Einsiedelei« gehe. Und bald öffnete sich der Ausblick auf die
altertümlich hergerichtete Kapelle mit ihrem Glockentürmchen. Die
zueinander geneigten Alleebäume umrahmten das Bild, das für die
Vorwärtsschreitende immer deutlicher und bunter wurde. Jetzt sah sie
hellgekleidete Menschen, die auf dem samtgeschorenen Rasenplatze mit
hochgehobenen Armen ihre Bälle und Reifen warfen und auffingen. Viel Blau
und Rosa, wehende Bänder, fliegende Locken. Man hörte das Taktaktak der
Unterhaltung; dazwischen kleine Lachmelodien. Vor der Buchsbaumhecke, die
den Platz kulissenartig abschloß, ein Halbkreis von Sesseln, aus denen heraus
die älteren Personen das Spiel belorgnettierten.

Man ließ Friederike keine Zeit zu längerer Betrachtung. Sie hatte reizend
ausgesehen, wie sie in ihrer frohen, raschen Art aus der Wegwölbung
heraustrat, unschuldig umheräugend wie ein junges Waldtier. Und die naive
Sicherheit, mit der sie sich sogleich am Spiel beteiligte, schaffte ihr Geltung
auch in diesem Kreise, in den sie im übrigen keineswegs hineinpaßte.Unbekümmert um die freundlich oder unfreundlich abschätzenden Blicke, die ihr folgten, griff sie zu dem Reifenstock, den man ihr bot, und war bald mit voller Seele bei dem Spiel. Ganz anders als die übrigen jungen Damen, die das Spiel nur trieben, um sich in allerhand graziösen Stellungen zeigen zu dürfen. Nur flüchtig prägte sich ihr beim Laufen, Fangen, Werfen die oder jene Erscheinung ein. Sie sah die Mutter kommen, sich in einem der Sessel niederlassen und umherschauen, sah, nicht weit von ihr, die Baronin von Oberkirch sitzen, die, lebhaft den Fächer bewegend, mit dem Freiherrn von Dietrich plauderte, der hinter ihrem Stuhl stand.

Beide schienen zu einem Herrn hinzusprechen, der durch die Platane halb
verdeckt war. Man sah nur Hut und Hand von ihm. Dieser Hut, diese Hand
schienen ihr bekannt. Aber sie dachte nicht weiter darüber nach.

Plötzlich fühlte sie sich derb am Kleid gezerrt. Salome. Das Gesicht voll
Verdruß.

»Kein Mensch kümmert sich hier um einen. Du auch nicht, Friederike.«
»Ich sah dich nicht, ich dachte, du wärst mit Jeanne?«

»War ich auch. Ein Vergnügen, das ich auch zu Hause haben kann, wenn's mir
danach wäre!«

»Warum hast du nicht mit uns hier Reifen gespielt?«

Sie drehte sich vor ihr rundum. »In diesem langen Kleide laufen?«

Sie sah grotesk aus mit ihren ungestümen Bewegungen in dem breiten
Stadtkleide, das sie sich von Margret geborgt hatte und dessen
Rüschengarnitur von allen Büschen gerupft und zerschlissen war. Dazu die
enggeschnürte Taille, die ihre junge, frische Üppigkeit zu Plumpheit werden
ließ. Das aus der Stirn gekämmte, hochgetürmte Haar entstellte sie vollends.

Friederike legte mitleidig den Arm um sie und führte sie zu einer Bank, die am
Ausgang des Laubganges stand. Aber Salome sprang wieder auf. Die Füße
taten ihr weh. Sie wollte in die Garderobe gehen, die Schuhe ausziehen und
die Füße eine Weile dort erholen.

So ging denn Friederike zu ihrem Spiel zurück. Höher, immer höher flogen
ihre Reifen. Ein kindlicher Ehrgeiz hatte sie erfaßt, es den anderen Spielern
zuvorzutun. Und jetzt – sie hatte eine übermütige Kraft verbraucht, ihn vom
Stock zu schnellen – jetzt war ihr Reif gar in der Luft verschwunden.

Gleich darauf aber sah man ihn im Ahornbaume drüben. Sein rotes Band, das
sich gelöst hatte, flatterte frei in der Luft. Eine Männerhand griff nach dem
Flüchtling. Diese Hand steckte in breiter Spitzenmanschette über silbergrauem
Ärmel. Die Hand hatte zu kurz gegriffen. Jetzt ein Sprung – drüben richteten
sich alle Gesichter empor – der Zweig schwankte, der Reifen war an seinem
Band herabgezerrt worden.

Friederike stockte der Atem, war es möglich?

Und da kam er schon quer über den Rasen gelaufen, aller Augen auf sich
gerichtet. Er verbeugte sich scherzhaft zeremoniell vor Friederike.

»Hier meldet sich der Flüchtling zurück. Sie sehen, er hat es nicht lange
ausgehalten, fern von Ihnen. Er bittet um neue Gefangenschaft.«

In seinen Augen blitzte es keck: von mir spreche ich.

Friederike, nicht so gewandt wie er, brachte nur ein »Das ist unverhofft!«
hervor.

Sie drückte den Reifen an sich wie ein lebendes Wesen und begann mit
Zärtlichkeit ihn neu zu umwickeln.

Goethe sah auf ihr gesenktes, goldenes Köpfchen herab. Lieblicher schien sie
ihm als je.

Ein recht ländliches »Oha« weckte ihn aus seinem stillen Glück. Salome
stürzte herbei, faßte Goethes Hand und schüttelte sie.

»Oha, wie kommen Sie denn hier hereingeschneit? Das ist mal recht! Gut, daß
man nun doch einen vernünftigen Menschen hat, mit dem man über was
Bekanntes schwätzen kann!«

Goethe, erst etwas betroffen von dem Überfall, dem lauten Sprechen, das
weder in diese Gesellschaft noch in seine Stimmung paßte, erwiderte jetzt
lachend: »Aber ich bin in diesem Augenblicke gar kein vernünftiger Mensch,
Mamsell Salome.«

»Gott sei Dank!« Sie brach in lautes Lachen aus. »Um so besser. Da wollen
wir einen gehörigen Unsinn miteinander treiben. A la Sesenheim.«

Zur rechten Zeit kam jetzt Frau Brion hinzu, das auffällige Gebaren ihrer
Tochter zu unterbrechen.

»Es geht nun bald zu Tisch,« sagte sie beherrscht, »dir als Braut hat man einen
würdigen Tischnachbarn gegeben. Den Herrn von Wurmbheim aus Fort Louis,
den du ja schon kennst. Er wartet drüben auf dich.« Sie führte sie weg.

Goethe lächelte. »Welche kluge, würdige Frau, Ihre Mutter. Wie verschieden
können doch Schwestern sein«, fügte er hinzu.

Es lag Liebkosung in seinen Worten.

»Das Sälmel ist halt ein Vogel, den man nicht hinter Gitter setzen darf«, sagte
Friederike zuredend.

»Und Sie, Friederike, blieben auch hinterm Gitter frei wie der Vogel auf dem
Zweige. Draußen und drinnen unverändert.«

Sie sah ihn von der Seite an. »Das macht, mein Freund, Sie sind ja neben mir.
Ich verlange weder hinaus noch herein, wenn Sie bei mir sind.«

»Kind, Kind!« Es klang fast warnend.

Friederike machte einen Schritt nach der Gesellschaft hin. »Wir müssen nun
wohl zu den andern gehn, man sieht auf uns.«

Sie begegneten Frau von Dietrich, die mit der Oberkirch ging. »Wissen Sie,
daß Sie nichts Raffinierteres für sich hätten ersinnen können,« sagte die
Oberkirch liebenswürdig zu Friederike, »als dieses ländliche Kostüm?«

»Es ist unsere alte Tracht«, sagte Friederike einfach. »Auf dem Lande bei uns
hat sie sich noch erhalten.«

»Ich weiß! Und es ist so klug, keine Zentifolie sein zu wollen, wenn man ein
reizendes Heideröschen sein darf. Ist es nicht so?« Sie wandte sich an Frau
von Dietrich.

»Ganz so. Und, wie ich eben erfahre, fehlen dem lieben Wildröschen auch
seine schützenden Dornen nicht. Sie brauchen nicht so betroffen auszusehen,
meine liebe junge Freundin, wir werden uns verstehn, wenn ich Ihnen erzähle,
daß mich Monsieur Traumann soeben beauftragt hat, bei Madame Scholl für
ihn den Freiwerber zu machen. Bitte, kündigen Sie mich ihr für Sonntag
vormittag an.«

»Das freut mich.« Es klang so von Herzen erleichtert, daß alle zu begreifen
und zu lachen begannen.

Goethe, plötzlich ernst geworden, hatte ein undurchdringliches Gesicht.

Die Oberkirch neigte sich zu ihm. Sie spürte einen Zusammenhang zwischen
dem jungen Juristen und dem lieblichen Pfarrerskinde. Nach Frauenart wollte
sie ein wenig spionieren. »Das Fräulein ist eigentlich noch viel zu jung zur
Ehestifterin«, sagte sie leichthin. »Man sollte meinen, sie habe ihr eigenes
Schicksal bereits sicher unter Dach?« Und da sie den Verstummten auf jede
weise zum Sprechen reizen wollte, fuhr sie fort: »Es täte mir leid!« Sie freute
sich, wie gut sie gerechnet hatte. Dann, ein wenig boshaft: »Die Heideröslein
entblättern schnell, wenn man sie pflückt. Und der Wanderer, der sich
unterwegs das Röslein an die Brust steckt, wirft es weg, wenn er am Ziele ist.«
»Nein, nein!«

Sie erschrak. Seine Augen, die sich auf sie richteten, standen voll Qual. Die
kultivierte Dame begriff, daß sie ungeschickt eine Wunde betastet hatte. In
einer mütterlichen Wallung nahm sie Goethes Hand und streichelte sie.

Er achtete nicht darauf.

Nun sollte man zu Tisch gehn. Frau von Dietrich flüsterte Goethe zu, sie habe
ihm die hochgebildete Kusine der Frau von Oberkirch zugedacht. Sie sei aus
Paris.

Vor der Baronin selber verbeugte sich der Hausherr.

»Was beobachten Sie?« fragte er, da sie sich auf der Freitreppe an seinem Arm
noch einmal umwandte, die langgestielte Lorgnette vor die Augen nahm und
in den Garten zurückschaute, in dem die Paare sich jetzt ordneten.

»Ich wollte sehn, mit wem die kleine Brion sich tröstet.«

»Tröstet? Warum?«

»Es scheint sich da etwas angesponnen zu haben mit dem jungen Goethe.«
Und sie seufzte wieder ihr »Schade«. Diesmal aber galt es nicht dem Röslein,
sondern dem Wanderer. »Womöglich wird er an ihr hängen bleiben«, meinte
sie sorgenvoll. »Und dann adieu Genie und Laufbahn. Und für unsere Salons
ist er dann auch verloren, ein so interessanter Gesellschafter.«

Herr von Dietrich folgte mit den Augen Friederike, die, mit einem jungen
Forstbeamten gepaart, ihm anmutig ihren Pompadour zu halten gab, wahrend
sie gefällig einem jungen Mädchen die Halskrause glättete, die sich verdrückt
hatte.

»Erstaunlich, wie sie sich in dem fremden Kreise zurechtfindet, ja, ihn durch
ihre Liebenswürdigkeit beinah beherrscht. Das Mädchen ist reizend.«

»Mir scheint, Sie würden sich gleichfalls ganz gern an dieses Idyll verlieren?«

»Ich? Das Schäferkostüm würde mir wahrscheinlich ebensogut stehn wie das
Magistratskleid. Aber das Mädchen sieht nicht aus, als ob sie Gefallen finden
würde an solchem Spiel.«

»So wiederhole ich mein ›Desto schlimmer‹. Eine Pfarrerstochter, die
geheiratet werden will! Ein Mädchen ohne alle Konnexion! Was braucht sich
dieser vielversprechende junge Mann überhaupt schon jetzt zu binden?«

Der Baron schwieg einen Augenblick. Dann sagte er in einem Tone, der
sonderbar ernst war: »Den bindet nichts und niemand, teure Freundin.
Glauben Sie mir. Wen die Gottheit zur Größe bestimmt hat, dem hat sie auch
die Kraft und Grausamkeit verliehn, zurückzustoßen, was ihn am Wachstum
hindern, ihn an die Erde ketten will.«

Er hatte ernster gesprochen als gewöhnlich.

»Und Sie glauben bestimmt, daß dieser junge Mensch – Sie prophezeien ihm
eine Zukunft? Eine große Karriere?«

Dietrich lächelte. Diese Frau, die Bücher schrieb, hatte nichts vom Genie
begriffen. Artig lenkte er zurück: »Aber wozu von Zukunft orakeln.
Lassen Sie mich lieber die Gegenwart genießen, die in ihrer liebenswürdigen
Form mir zur Seite geht.«

Sie bedankte mit freundlichem Kopfneigen sein Kompliment. Dann traten sie
in den kerzenhellen duftenden Gartensaal, in dem das Souper beginnen sollte.

Alan hätte für Goethe in seiner jetzigen Verfassung keine geeignetere
Tischdame wählen können als das Fräulein von Ranfft. Begierig, ihre
literarischen Kenntnisse zu zeigen, sprach sie ganze Abhandlungen über
Diderot. Und das in einem so geschwinden und gezierten Französisch, daß
Goethe kaum folgen konnte. Einmal wollte sie etwas über Klopstock wissen,
wartete aber die Antwort nicht ab, sondern schwatzte selber unaufhörlich fort.

Goethe war ihr dankbar dafür. Er saß da und nagte die Unterlippe. Sein Puls
jagte. Mit aller Kraft wehrte er sich gegen das Wort, das ihm die Oberkirch
zugeworfen: »Am Ziel wirft man das Röslein weg.« »Nein, nein!« Er wehrte
sich dagegen, wie man sich gegen eine Krankheit wehrt, die man schon in den
Gliedern fühlt.

»Was haben Sie uns mitgebracht?« fragte ihn Frau von Dietrich nach
aufgehobener Tafel. »Wenn Sie uns etwas Ernstes vorlesen wollen, so setzen
wir es am besten vor Beginn der Musikvorträge. Lesen Sie dagegen etwas
Heiteres, so –. Aber Sie sehen ja aus wie das verkörperte schlechte Gewissen?
Sie wollen uns doch nicht etwa im Stich lassen?«

Goethe stand in peinlichster Verlegenheit. Unmöglich konnte er sagen, daß die
Freude, Friederike hier zu überraschen, ihn die Aufforderung – die ja
eigentlich ein Befehl war, hatte vergessen lassen. Er murmelte etwas wie »In
der Eile nichts vorbereiten können«, »hätte nicht wagen dürfen –«

Die Dietrich konnte ihre Betroffenheit nur schwer verbergen. Betrübt blickte
sie auf die Paare, die jetzt an ihnen vorbei in den Musiksaal drängten. »Was
machen wir nur? Man hat Sie der Gesellschaft versprochen. Alle diese
schönen Damen warten schon auf Sie. Man darf sie nicht enttäuschen, was
tun?«

Goethe stand ratlos, innerlich zornig über die beschämende Situation, in die er
sich gebracht hatte. Aber Frau von Dietrich lächelte schon wieder. Sie ging auf
Friederike zu, die mit ihrem Tischherrn plaudernd herankam. »Wissen Sie,
Mademoiselle, daß eigentlich Sie an dem ganzen Unglück schuld sind?«

»Ich?« Sie wurde flammend rot.

»Ganz Sesenheim. Hätte Ihre liebe Mama nicht so verlockend von Ihren
Vorleseabenden erzählt, ich hätte nie den Gedanken gehabt –«

Friederike kämpfte mit einer leichten Verlegenheit. Der hilflose Liebste aber
tat ihr so leid, daß sie auf Beistand sann.

»Nun, wenn Sesenheim schuld ist, muß Sesenheim auch wieder gutmachen«,
sagte sie endlich zierlich. Sie wandte sich an Goethe: »Erzählen Sie doch das
Märchen, mit dem Sie bei uns alle unsere Gäste entzückten. Ich bin sicher, es
würde auch hier gefallen.«

»Also erzählen, erzählen!« riefen die Umstehenden.

Der Musiksaal war gefüllt. Das kleine Konzert hatte bereits mit einer
sommerlichen Barkarole begonnen, die wiegend und wohllautend die Zuhörer
umschmeichelte. Friederike war, gleich nach ihrer kleinen Rede, entflohn und
hatte sich, ganz durchklopft von einem ungebärdigen Herzschlag, ihr
Sesselchen hinter die Vorhänge der tiefen Fensternische gerückt. Sie freute
sich auf die Wiederholung des lieben Märchens. Und doch war eine
sonderbare Angst in ihr. Fürchtete sie die Liebeshymne hier vor den fremden
Ohren? Meinte sie, ihr Liebster würde vielleicht nicht gefallen als Erzähler?
Jetzt hatte die Musik geendet, der Beifall war vorbei. Herr von Dietrich betrat
die kleine Estrade und kündete die zweite Nummer des kleinen Programms an:
ein Märchen, »Der Zwergenring«, vom Verfasser selbst erzählt. Er knüpfte ein
paar liebenswürdige Bemerkungen an.

Nun kam Goethe. Immer wieder von neuem liebte Friederike das
Durchflammte seines Gehens, Stehenbleibens, wie er den Kopf hob, die
mächtigen Augen über die Menschen hinziehen ließ. Allmählich wurde sie
ruhiger und konnte folgen. Da war der abenteuerlustige Ritter wieder, der
Hofstaat des Zwergenkönigs, die Taufe ohne Täufling, die Beschlüsse der
Hofweisen, die Ausrüstung der Prinzessin zur Brautfahrt ins Märchenland, die
Verlobung, das regelmäßige Verschwinden des Prinzeßchens in ihrer Kassette.
Alles war da, fast in den gleichen Worten. Aber es schien Friederike, als fehle
dieser Märchenwelt heute das Treuherzige und Selbstverständliche, von dem
man damals so wohlig überströmt war. Es war jetzt etwas Wehmütiges
hineingeraten, etwas Unruhiges, das traurig machte.

Die Prinzessin führt den Geliebten an den väterlichen Palast. Sie gesteht ihm
ihre Herkunft, ihr Schicksal, und eröffnet ihm die Bedingungen, die für ihn an
den Vollzug der Heirat geknüpft sind. Der Ritter zaudert. Soll er sich wirklich
festbannen lassen in ein Zwergenleben, zwischen Gräsern, Moosen, Blümchen
und Kiesbrocken, die ihm wie Felsen scheinen würden? Er fühlt seine
angeborene Bestimmung zu Taten, zu Wirksamkeit ins Weite. Aber während
er noch sinnt, verschwindet seine Schöne traurig in ihrer Kassette, die er nun
weinend, zärtlich auf den Knien hielt. Jeden Tag wächst seine Sehnsucht nach
ihr, seine Leidenschaft. Er empfindet immer heftiger den Liebreiz, die Güte,
den inneren Wert des kleinen Wesens. Und als sie endlich wieder erscheint,
sinken sie sich glückselig in die Arme. Die Hochzeit wird gefeiert, die heilige
Zeremonie des Ringansteckens unter Beihilfe von sieben körperkräftigen
Priestern vollendet. Sogleich schrumpft das Paar zusammen, bekommt
Spannenhöhe.

Es folgt nun die Schilderung aller Freuden im Zwergenreiche, wie Friederike
sie schon kennt. Dann aber hört sie neue Worte. Worte, die ihr das Herz
zerreißen.

Der Ritter kann seinen vorigen Zustand nicht vergessen. Fr trägt ein Ideal von
sich selber im Herzen: das Ideal seiner früheren Größe. Inmitten aller
Seligkeiten, Freuden und Zerstreuungen quält ihn das. Er versucht manchmal,
den Zwergenring zu lockern, abzustreifen, aber der zieht sich nach jedem
solchen Versuche um so fester zusammen, so daß er ihm zuletzt schmerzhaft
ins Fleisch schneidet.

Friederike hatte sich angstvoll vorgebeugt, was redete er da? Klingt das nicht,
als schildere er im Märchenritter eigne Schmerzen?

Der Atem stockt ihr. Je weiter er erzählt, um so gewisser wird es ihr: »Er
meint ja sich. Meint sich und uns!« Ihr Blut gefriert. Es ist wie Sterben.

Und Goethe erzählt weiter an seinem Märchen: Der Ritter verbirgt die
verräterische Wunde so gut es gehen will. Er versucht es, sich in den
Seligkeiten seiner Liebe zu vergessen. Er kann es nicht. Mitten im behaglichen
Kreise der liebenswürdigen kleinen Eltern, Schwestern, Bäschen, angesichts
seiner angebeteten Frau bricht er in Klagen und Verwünschungen aus: wie ein
blinder Gaul am Mahlstein komme er sich vor, immer in derselben engen
Runde umhergetrieben. »Man hat nur einmal im Leben seine Jugendkräfte.
wer sie nicht nutzt für sich und andere, wer sich selber nicht bis zu seinem
Höchsten treibt, der begeht ein Verbrechen.« Unter Mühen und Qualen feilt er
sich den Zwergenring vom Finger. Der Vater bittet ihn, um's Himmels willen
doch wenigstens aus dem Palast herauszutreten, er würde ihn sonst sprengen.
Er will die Gemahlin mit sich nehmen. Aber sie schüttelt das Köpfchen. Ihre
Zeit der Verwandlungsmöglichkeit ist abgelaufen, die Luft da oben ist ihr zu
hoch, das Menschenvolk zu plump und ungeschlacht. Sie paßt nicht dafür.

Da tritt er weinend aus dem Palast heraus, der geborstene Ring fällt ihm herab,
er schießt mit Gewalt in die Höhe. So tief er sich auch bückt, das Zwergenschloß ist für ihn im hohen Gras nicht mehr zu finden.

Schweren Herzens wandert er in die weite Welt hinaus. Er besiegt
Landesfeinde, erschlägt gefährliche Untiere, erringt sich Königreiche. Die
Narbe aber an seinem Finger verheilt nicht. Sie ist sein Talisman. Immer,
wenn er im Begriff ist, vom selbstgewählten Wege abzuirren, sein Leben in
Vergnügen oder Bequemlichkeit zu verbringen, erinnert ihn ein Schmerz an
jenen Zwergenring, den er vom Finger feilte, um nicht als ein Kleiner leben zu
müssen. –

Das Märchen war zu Ende. Bleich und entspannt saß Goethe noch einige
Minuten auf seinem Stuhl und blickte fremd in den Saal hinunter, aus dem ihm
diskreter Beifall entgegenkam. Dann stand er auf. Seine Augen suchten.
Friederike zitterte hinter ihrem Vorhange. Unaufhörlich rannen ihr Tränen
übers Gesicht.

Im Publikum machte sich eine sonderbare Heiterkeit bemerkbar. Man
tuschelte und schwatzte.

Herr von Dietrich kam und drückte Goethe dankend die Hand. »Wundern Sie
sich nicht über unsere Ausgelassenheit. Sie hat eine besondere Ursache. Was
nämlich mich, sowie einige andere Personen noch besonders erfreute, ist die
feine Art, mit der Sie Märchen und Wirklichkeit zu einer so interessanten
Dichtung verschmelzen.«

Jetzt drängten auch andere hinzu mit Fragen. Es stellte sich heraus, daß einige
Anwesende das so deutlich geschilderte ungleiche Ehepaar kannten. Und daß
auch die von Goethe erfundenen Zustände und Erlebnisse in einem gewissen
Maße der Wirklichkeit entsprächen.

Es handelte sich um eine winzig kleine rheinische Sängerin, die auf Brautfahrt
ging, sich einen möglichst stattlichen Gemahl zu suchen. Bis sie zuletzt in
einem elsässischen Landedelmann, einem weitläufigen verwandten der
Dietrichs, den Wünschenswertesten gefunden und ihn, trotz ihrer Kleinheit,
zum Sklaven gemacht hatte, der ihr die Kassette mit ihren Brillanten überall
nachtragen mußte. Man schilderte den Haushalt mit viel zu kleinen Möbeln,
die geringen Eßportionen, an denen der Mann verhungerte. Es komme gar
nicht selten vor, berichtete man, daß das kleine Wesen, hurtig wie ein Kobold,
auf einen Sessel springt und ihren Riesen ohrfeigt.

Goethe stand jetzt ruhig da inmitten der Amüsierten, wohlerzogen jede Frage
beantwortend. Immer wieder aber sah er sich forschend um. Jetzt streifte sein
Blick Friederikes Fensternische. Er sah sie. Friederike starrte ungläubig in sein
Gesicht, das sich durchaus veränderte, hell wurde in jenem raschen
Aufstrahlen, das sie aus glücklichen Stunden so gut an ihm kannte. Jetzt
machte er eine Bewegung mit der Hand. Halb Gruß, halb Lockung. Eine
Liebkosung.

Friederikes Augen weiteten sich, was war das? Hatte sie sich denn getäuscht?

Sie sah sich um. Niemand im Saal schien anderes gehört zu haben als ein recht
vergnügliches Märchen. Man tuschelte und lachte immer noch. Und war
zufrieden mit sich, Märchen, Welt und allem übrigen. Friederike lehnte sich in
ihr Versteck zurück. Wußten sie denn nicht, daß eine unter ihnen saß, der man
soeben das Todesurteil gesprochen? Sie schloß die Augen. Alles war so weh
und verworren.

Eine Sonate begann. Sie war den Tönen dankbar, die ihr Zeit ließen, sich im
Dunkel ihres Elends einen Weg zu suchen.

Suchen? Ach, sie kannte nur den einen. Und der hieß: Liebe, Liebe, Liebe. –

Das Konzert war zu Ende. Friederike erhob sich. Sie hatte die Kraft zu stehn,
zu sprechen und zu gehn, wie die andern taten. Dann kam der Augenblick, vor
dem sie sich gefürchtet hatte: Das Ende des kleinen Konzertes. Die
Begegnung.

»Endlich gefunden!« Als er so vor ihr stand, sie vertraut anlächelte unter all
den fremden Menschen, ihre kalte Hand von seiner warmen guten gefaßt,
vergaß sie für einen Augenblick alle Bitterkeit, alle Qualen.

Er sah sie forschend an: »Sie sind unzufrieden mit mir, Mamsell Brion? Ich
weiß, ich habe schlecht erzählt. Manches kam ganz anders als ich wollte.«

»Der Schluß ist traurig«, sagte sie mit bebenden Lippen.

Er zog sie von den Leuten fort, hinaus ins Freie. Unter einer Hängeweide blieb
er stehn. »Was ist mit Ihnen, Friederike? Hab' ich Sie betrübt?«

Jedes ahnungslose Wort ein Blitzstrahl, der sie brennt. Und auf einmal versteht sie. In ihrer großen, unerschütterlichen Liebe zu diesem Dichtermenschen versteht das einfache Mädchen, was ihrem Liebsten geschehen ist! Ja, diese gelassen schönbewegten Lippen, die jetzt zärtliche Worte zu ihr reden, sie sind der Maskenmund gewesen, aus dem sein Dämon grausame Worte schrie. Worte, von denen er selber nichts weiß. Noch nicht!

Eines Tages aber werden die Schmerzen aufwachen, die in ihm schlummern.
Sie werden eigene, bewußte Worte finden, Anklagen, Verwünschungen, wie
sie der Ritter im Märchen fand. Entsetzliche Worte!

Jedes von ihnen hat sich ihr eingegraben. Blutig.

Eine böse Lust fallt sie an, den Nachtwandler zu wecken. Aber unversehens
hat ihr Herz sich schon mit Mitleid angefüllt. War er nicht unglücklicher als
sie? Sie brauchte nichts zu tun, als ihn zu lieben. Er liebte sie und mußte sie
verlassen. Wie schützend breitete sie die Arme aus. Und dann, mit einem
kleinen, hellen Schrei, wie die Vögel schreien, die zu ihren Nestern fliehn,
stürzt sie ihm um den Hals und küßt ihn wie noch nie. Noch ist er da. Noch
weiß er nicht, daß er leidet. Daß er sie bald verläßt. Sie aber weiß es. Weiß,
daß ihr Tag nur kurz ist. Und daß sie ihm abgewinnen muß, was irgend er ihr
noch zu geben vermag.

Aus dem Gartensaal tönt jetzt Tanzmusik. Friederike horcht empor. »Tanzen,
laß uns tanzen.« Sie laufen zum Saal zurück, mischen sich in die Reihen. Zwei
Fröhliche unter den Fröhlichen.

Spat abends fuhr man heim. Viele Sterne leuchteten. Salome war in bester
Laune, hatte zuletzt noch allerlei Anschluß gefunden, hatte geplaudert, getanzt
und war mit sich zufrieden. Das Bräutchen Margret schmiegte sich beglückt
und still an Friederike. Jeanne kritisierte säuerlich die Gäste. Frau Brion sah
mit wachen Augen auf den Schein der Wagenlichter, der über den
Chausseesand fegte. Ihr war weh um Friederike.




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