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2019-11-01

Bettina Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde (19)




An Goethe
Berlin, am 17. Oktober

Beschuldige mich nicht, daß ich so viel mit mir fortgenommen habe; denn wahrlich, ich fühle mich so verarmt, daß ich mich nach allen Seiten umsehe nach etwas, an das ich mich halten kann; gib mir etwas zu tun, wozu ich kein Tageslicht brauche, kein Zusammensein mit den Menschen, und was mir Mut gibt, allein zu sein. Dieser Ort gefällt mir nicht, hier sind keine Höhen, von denen man in die Ferne schauen könnte.

Am 18.

Ich stieg einmal auf einen Berg. Ach! was mein Herz beschwert? sind Kleinigkeiten, sagen die Menschen. Zusammenhängend schreiben? Ich könnte meiner Lebtag die Wahrheit nicht hervorbringen; seitdem wir in Töplitz zusammengesessen haben, was soll ich Dir noch lang schreiben, was der Tag mit sich bringt, das Leben ist nur schön, wenn ich mit Dir bin. Nein, ich kann Dir nichts Zusammenhängendes erzählen, buchstabier Dich durch wie damals durch mein Geschwätz. Schreib ich denn nicht immer, was ich schon hunderttausendmal gesagt habe? Die da von Dresden kamen, erzählten mir viel von Deinen Wegen und Stegen, grad als wollten sie sagen: »Dein Hausgott war auf anderer Leute Herd zu Gast und hat sich da gefallen.« Z... hat Dein Bild überkommen und hat es wider sein graubraunes Konterfei gestützt; ich seh in die Welt, und in diesem tausendfältigen Narrenspiegel seh ich häufig Dein Bild, das von Narren geliebkost wird. Du kannst doch wohl denken, daß dies mir nicht erfreulich ist. Du und Schiller, Ihr wart Freunde, und Eure Freundschaft hatte eine Basis im Geisterreich; aber Goethe, diese nachkömmlichen Bündnisse, die gemahnen mich grad wie die Trauerschleppe einer erhabenen vergangenen Zeit, die durch allen Schmutz des gemeinen Lebens nachschleppt. Wenn ich mich bereite, Dir zu schreiben, und denke so in mich hinein, da fallen mir allemal die einzelnen Momente meines

Lebens ein, die so ruhig, so auffaßlich in mich hereingeklungen haben, wie allenfalls einem Maler ähnliche Momente in der Natur wieder erscheinen, wenn er mit Lust etwas malt; so gedenke ich jetzt der Abenddämmerung im heißen Monat August, wie Du am Fenster saßest und ich vor Dir stand, und wie wir die Rede wechselten, ich hatte meinen Blick wie ein Pfeil scharf Dir ins Auge gedrückt, und so blieb ich drin haften und bohrte mich immer tiefer und tiefer ein, und wir waren beide stille, und Du zogst meine aufgelösten Haare durch die Finger. Ach Goethe, da fragtest Du, ob ich künftig Deiner gedenken werde beim Licht der Sterne, und ich hab es Dir versprochen; jetzt haben wir Mitte Oktober, und schon oft hab ich nach den Sternen gesehen und habe Deiner gedacht, es überläuft mich kalter Schauer, und Du, der meinen Blick dahin gebannt hat, denke doch, wie oft ich noch hinaufblicken werde, so schreib es denn auch täglich neu in die Sterne, daß Du mich liebst, damit ich nicht verzweifeln muß, sondern daß mir Trost von den Sternen niederleuchtet, jetzt, wo wir nicht beieinander sind. Vorm Jahr um diese Zeit, da ging ich an einem Tag weit spazieren und blieb auf einem Berg sitzen, da oben spielte ich mit dem glitzernden Sand, den die Sonne beschien und knipste den Samen aus den verdorrten Stäudchen, bei mit Nebel kämpfender Abendröte ging ich und übersah alle Lande, ich war frei im Herzen; denn meine Liebe zu Dir macht mich frei. So was beengt mich zuweilen, wie damals die erfrischende Luft mich kräftig, ja beinah gescheut machte, daß ich nicht immer geh, immer wandre unter freiem Himmel und mit der Natur spreche. Ein Sturmwind nimmt in größter Schnelle ganze Täler ein, alles berührt er, alles bewegt er, und der es empfindet, wird von Begeistrung ergriffen. Die gewaltige Natur läßt keinen Raum und bedarf keinen Raum, was sie mit ihrem Zauberkreis umschlingt, das ist hereingebannt. O Goethe, Du bist auch hineingebannt, in keinem Wort, in keinem Hauch Deiner Gedichte läßt sie Dich los. Und wieder muß ich vor dieser Menschwerdung niederknien und muß Dich lieben und begehren wie alle Natur.

Da wollt ich Dir noch viel sagen, ward abgerufen, und heute am 29. Oktober komme ich wieder zum Schreiben. Es ist halt überall ruhig oder vielmehr öde. Daß die Wahrheit sei, dazu gehört nicht einer; aber daß die Wahrheit sich an ihnen bewähre, dazu gehören alle Menschen. Mann! Dessen Fleisch und Bein so von der Schönheit Deiner Seele durchdrungen ist, wie darf ich Leib und Seele so beisammen lieb haben! Oft denk ich bei mir, ich möchte besser und herrlicher sein, damit ich doch die Ansprüche an Dich rechtfertigen könnte, aber kann ich's? Dann muß ich an Dich denken, Dich vor mir sehen, und habe nichts, wenn mir die Liebe nicht als Verdienst gelten soll? Solche Liebe ist nicht unfruchtbar. Und doch darf ich nicht nachdenken, ich könnte mir den Tod daran holen, ist was daran gelegen? Jawohl! Ich hab eine Wiege in Deinem Herzen, und wer mich da herausstiehlt, sei es Tod oder Leben, der raubt Dir ein Kind. Ein Kopfkissen möcht ich mit Dir haben, aber ein hartes; sag es niemand, daß ich so bei Dir liegen möchte, in tiefster Ruhe an Deiner Seite. Es gibt viele Auswege und Durchgänge in der Welt, einsame Wälder und Höhlen, die kein Ende haben, aber keiner ist so zum Schlaf, zum Wohlsein eingerichtet als nur der Schoß Gottes; ich denk mir's da breit und behaglich, und daß einer mit dem Kopf auf des andern Brust ruhe, und daß ein warmer Atem am Herzen hinstreife, was ich mir so sehr wünsche zu fühlen, Deinen Atem.

Bettine

An Bettine

Lücke in der Korrespondenz

Nun bin ich, liebe Bettine, wieder in Weimar ansässig und hätte Dir schon lange für Deine lieben Blätter11 danken sollen, die mir alle nach und nach zugekommen sind, besonders für Dein Andenken vom 27. August. Anstatt nun also Dir zu sagen, wie es mir geht, wovon nicht viel zu sagen ist, so bring ich eine freundliche Bitte an Dich. Da Du doch nicht aufhören wirst, mir gern zu schreiben, und ich nicht aufhören werde, Dich gern zu lesen, so könntest Du mir noch nebenher einen Gefallen tun. Ich will Dir nämlich bekennen, daß ich im Begriff bin, meine Bekenntnisse zu schreiben, daraus mag nun ein Roman oder eine Geschichte werden, das läßt sich nicht voraussehen, aber in jedem Fall bedarf ich Deiner Beihilfe. Meine gute Mutter ist abgeschieden und so manche andre, die mir das Vergangne wieder hervorrufen könnten, das ich meistens vergessen habe. Nun hast Du eine schöne Zeit mit der teuern Mutter gelebt, hast ihre Märchen und Anekdoten wiederholt vernommen und trägst und hegst alles im frischen belebenden Gedächtnis. Setze Dich also nur gleich hin und schreibe nieder, was sich auf mich und die Meinigen bezieht, und Du wirst mich dadurch sehr erfreuen und verbinden. Schicke von Zeit zu Zeit etwas und sprich mir dabei von Dir und Deiner Umgebung. Liebe mich bis zum Wiedersehn.

Weimar, am 25. Oktober 1810

G.

Am 4. November

Du hast doch immer eine Ursache, mir zu schreiben, ich hab aber nichts behalten, noch in Betracht gezogen als nur das Ende: »Liebe mich bis zum Wiedersehn.« Hättest Du diese letzten Worte nicht hingesetzt, so hätt ich vielleicht noch Rücksicht genommen aufs Vorhergehende; diese einzige Freundlichkeit hat mich überschwemmt, hat mich gefangen gehalten in tausend süßen Gedanken von gestern abend an bis wieder heut abend. Aus dem allen kannst Du schließen, daß mir Dein Brief ungefähr vor vierundzwanzig Stunden frische Luft ins Zimmer gebracht hat. Nun war ich aber seitdem wie ein Dachs, dem die Winterwelt zu schlecht ist, und habe mich in den warmen Boden meiner eignen Gedanken vergraben. Was Du verlangst, hat für mich immer den Wert, daß ich es der Gabe würdig achte; ich gebe daher die Nahrung, das Leben zweier regen Jahre gern in Dein Gewahrsam, es ist wenig in bezug auf viel, aber unendlich, weil es einzig ist; Du selber könntest Dich vielleicht wundern, daß ich Dinge in den Tempel eintrug und mein Dasein durch sie weihte, die man doch allerorten findet; an jeder Hecke kann man in der Frühlingszeit Blüten abbrechen; aber wie, lieber Herr! So unscheinbar die Blüte auch ist, wenn sie nun nach Jahren immer noch duftet und grünt? Deine Mutter gebar Dich in ihrem siebzehnten Jahr, und im sechsundsiebzigsten konnte sie alles noch mitleben, was in Deinen ersten Jahren vorging, und sie besäte das junge Feld, das guten Boden, aber keine Blumen hatte, mit diesen ewigen Blüten; und so kann ich Dir wohl gefallen, da ich gleichsam ein duftender Garten dieser Erinnerungen bin, worunter Deiner Mutter Zärtlichkeit die schönste Blüte ist, und darf ich's sagen? meine Treue die gewaltigste. Ich trug nun schon früher Sorge darum, daß, was bei der Mutter so kräftig Wurzeln schlug und bei mir Blüten trieb, endlich auch in süßer Frucht vom hohen Stamm an die Erde niederrollen möchte. Nun höre! Da lernte ich in München einen jungen Arzt kennen, verbranntes, von Blattern zerrissenes Gesicht, arm wie Hiob, fremd mit allen, große ausgebreitete Natur, aber grade darum in sich fertig und geschlossen, konnte den Teufel nicht als das absolut Böse erfassen, aber wohl als einen Kerl mit zwei Hörnern und Bocksfüßen (natürlich an den Hörnern läßt sich einer packen, wenn man Courage hat), der Weg seiner Begeisterung ging nicht auf einer Himmels-, aber wohl auf einer Hühnerleiter in seine Kammer, allwo er auf eigne Kosten mit armen Kranken darbte und freudig das Seinige mit ihnen teilte, seine junge, enthusiastische Kunst an ihnen gedeihen machte; er war stumm durch Krankheit bis in sein viertes Jahr, ein Donnerschlag löste ihm die Zunge, mit fünfzehn Jahren sollte er Soldat werden; dafür, daß er des Generals wildes Pferd zähmte, gab ihn dieser frei, dadurch, daß er einen Wahnwitzigen kurierte, bekam er eine kleine unbequeme Stelle in München, in dieser Lage lernte ich ihn kennen, bald ging er bei mir aus und ein, dieser gute Geist, reich an Edelmut, der außerdem nichts hatte als seine Einsamkeit; nach beschwerlicher Tageslast, aus hilfreicher Leidenschaft lief er oft noch abends spät meilenweite Strecken, um die gefangnen Tiroler zu begegnen und ihnen Geld zuzustecken, oder er begleitete mich auf den Schneckenturm, wo man die fernen Alpen sehen kann, da haben wir überlegt, wenn wir Nebel oder rötlichen Schein am Himmel bemerkten, ob's Feuer sein könnte, da hab ich ihm auch oft meine Pläne mitgeteilt, daß ich hinüber möchte zu den Tirolern, da haben wir auf der Karte einen Weg ausstudiert, und ich sah es ihm auf dem Gesicht geschrieben, daß er nur meiner Befehle harre.

So war's, da in Augsburg die pestartigen Lazarette sich häuften und in kurzer Zeit die Ärzte mit den Kranken wegrafften; mein junger Eisbrecher wanderte hin, um Last und Gefahr einem alten Lehrer abzunehmen, der Familienvater war, er ging mit schwerer Ahnung, ich gab ihm ein Sacktuch, alten Wein und das Versprechen, zu schreiben, zum Abschied. Da wurde denn überlegt und all des Guten gedacht, was sich während dieser kurzen Bekanntschaft ereignet hatte, und da wurde überdacht, daß meine Worte über Dich, mein liebendes Wissen von Dir und der Mutter, ein heiliger Schatz sei, der nicht verloren gehen solle, in der äußern Schale der Armut würde ein solches Kleinod am heiligsten bewahrt sein, und so kam's, daß meine Briefe mit den einzelnen Anekdoten Deiner Jugend erfüllt waren, deren eine jede wie Geister zu rechter Zeit eintrat, und Laune und Verdruß verscheuchten. Der Zufall, uns der geheiligte, trägt auf seinen tausendfach beladenen Schwingen auch diese Briefe, und vielleicht wird es so, daß, wenn Fülle und Üppigkeit einst sich wieder durch das mißhandelte Fruchtland empordrängen, auch er die goldne Frucht niederschüttelt ins allgemeine Wohl.

Manches habe ich schon in dermaliger Zeit mit wenig Worten gedeutet, mehr zu Dir darüber sprechend, da ich Dich noch nicht kannte, nicht gesehen hatte, oder auch war ich mit dem Senkblei tief in eignes Wohl und Weh eingedrungen. Verstehst Du mich? Da Du mich liebst? Willst Du so, daß ich Dir die ehemalige Zeit vortrage, wo, so wie mir Dein Geist erschien, ich mich meiner eignen Geistigkeit bemächtigte, um ihn zu fassen, zu lieben? Und warum sollte ich nicht schwindeln vor Begeisterung, ist denn das mögliche Hinabstürzen so furchtbar? Wie der Edelstein, vom einsamen Strahl berührt, tausendfache Farben ihm entgegenspiegelt, so auch wird Deine Schönheit vom Strahl der Begeisterung allein beleuchtet, tausendfach bereichert.

Nur erst, wenn alles begriffen ist, kann das Etwas seinen vollen Wert erweisen, und somit begreifst Du mich, wenn ich Dir erzähle, daß das Wochenbett Deiner Mutter, worin sie Dich zur Welt brachte, blaugewürfelte Vorhänge hatte. Sie war damals achtzehn Jahre alt und ein Jahr verheiratet, hier bemerkte sie, Du würdest wohl ewig jung bleiben, und Dein Herz würde nie veralten, da Du die Jugend der Mutter mit in den Kauf habest. Drei Tage bedachtest Du Dich, eh Du ans Weltlicht kamst und machtest der Mutter schwere Stunden. Aus Zorn, daß Dich die Not aus dem eingebornen Wohnort trieb und durch die Mißhandlung der Amme kamst Du ganz schwarz und ohne Lebenszeichen. Sie legten Dich in einen sogenannten Fleischarden und bäheten Dir die Herzgrube mit Wein, ganz an Deinem Leben verzweifelnd. Deine Großmutter stand hinter dem Bett, als Du zuerst die Augen aufschlugst, rief sie hervor: »Rätin, er lebt!« »Da erwachte mein mütterliches Herz und lebte seitdem in fortwährender Begeisterung bis zu dieser Stunde!« sagte sie mir in ihrem fünfundsiebzigsten Jahre. Dein Großvater, der der Stadt ein herrlicher Bürger und damals Syndikus war, wendete stets Zufall und Unfall zum Wohl der Stadt an, und so wurde auch Deine schwere Geburt die Veranlassung, daß man einen Geburtshelfer für die Armen einsetzte. »Schon in der Wiege war er den Menschen eine Wohltat«, sagte die Mutter, sie legte Dich an ihre Brust, allein Du warst nicht zum Saugen zu bringen, da wurde Dir eine Amme gegeben. An dieser hat er mit rechtem Appetit und Behagen getrunken, da es sich nun fand, sagte sie, daß ich keine Milch hatte, so merkten wird bald, daß er gescheiter gewesen war wie wir alle, da er nicht an mir trinken wollte.

Siehst Du, nun bist Du einmal geboren, nun kann ich schon immer ein wenig pausieren, nun bist Du einmal da, ein jeder Augenblick ist mir lieb genug, um dabei zu verweilen, ich mag den zweiten nicht herbei rufen, daß er mich vom ersten verdränge. Wo Du bist, ist Lieb und Güte, wo Du bist Natur! Jetzt wart ich's erst ab, daß Du mir wieder schreibest: »Nun, erzähl weiter.« Dann werd ich erst fragen: Nun, wo sind wir denn geblieben? Und dann werd ich Dir erzählen von Deinen Großeltern, von Deinen Träumen, Schönheit, Stolz, Liebe usw. Amen.

Rätin, er lebt! Das Wort ging mir immer durch Mark und Bein, so oft es die Mutter im erhöhten Freudenton vortrug.

Das Schwert der Gefahr
Hängt oft an einem Haar,
Aber der Segen einer Ewigkeit
Liegt oft in einem Blick der Gnade bereit
kann man bei Deiner Geburt wohl sagen.

Bettine

P.S.

Schreib bald, Herzenskind, dann wirst Du auch bald wachsen, in die liebsten Jahre kommen, wo Dein Mutwille Dich allen gefährlich machte und über alle Gefahr hinweghob. Soll ich Dir bekennen, daß dieses Geschäft mir Schmerzen macht, und daß die tausend Gedanken sich um mich herlagern, als wollten sie mich für ewig gefangennehmen?

Zelter läutet und bummelt mir Deine Lieder vor wie eine Glocke, die von einem faulen Küster angeläutet wird, es geht immer Bim und zu spät wieder Bam. Sie fallen alle übereinander her, Zelter über Reichard, dieser über Hummel, dieser über Righini und dieser wieder über den Zelter; es könnte ein jeder sich selbst ausprügeln, so hätte er immer dem andern einen größeren Gefallen getan, als wenn er ihn zum Konzert eingeladen hätte. Nur die Toten sollen sie mir ruhen lassen und den Beethoven, der gleich bei seiner Geburt auf ihr Erbteil Verzicht getan hat.

Das gilt aber alles nichts... Lieber Freund! Wer Dich lieb hat wie ich, der singt Dich im tiefsten Herzen, das kann aber keiner mit so breiten Knochen und so langer Weste.

Schreib bald, schreib gleich, wenn Du wüßtest, wie in einem einzigen Wort von Dir oft ein schwerer Traum gelöst wird! Ruf mir nur zu: »Kind, ich bin ja bei Dir!« Dann ist alles gut. Tu es.

Würde es Dich nicht interessieren, Briefe, die Du an Jugendfreunde geschrieben, wieder zu bekommen? Schreib darüber, sie könnten Dich doch wohl um so lebhafter in die damalige Zeit versetzen, und derselben zum Teil habhaft zu werden, wäre doch auch nicht unmöglich, antworte mir, lieber Freund, unterdessen will ich keinen Tag vergehen lassen, ohne an Deiner Aufgabe zu arbeiten.

An Bettine

Hier die Duette! In diesem Augenblick habe ich nicht mehr Fassung und Ruhe als Dir zu sagen: fahre fort, so lieb und anmutig zu sein. Laß mich nun bald taufen! Adieu.

12. November 1810

G.

Mein teuerster Freund!

Ich kenne Dich nicht! Nein, ich kenne Dich nicht! Ich kann Deine Worte mißverstehen, ich kann mir Sorgen um Dich machen, da Du doch Freiheit hast über aller Sklaverei, da doch Dein Antlitz nie vom Unglück überschattet war, und ich kann Furcht haben bei dem edelsten Gastfreund des Glückes? Die wahre Liebe hat kein Bekümmernis. Ich habe mir oft vorgenommen, daß ich Dich viel zu heilig halten will als elende Angst um Dich zu hegen, und daß Du in mir nur Trost und Freude hervorbringen sollst. Sei es, wie es mag, hab ich Dich auch nicht, so hab ich Dich doch, und nicht wahr, in meinen Briefen, da fühlst Du, daß ich Wahrheit rede? Da hast Du mich, und ich? Weissagend verfolge ich die Züge Deiner Feder, die Hand, die mir gnädig ist, hat sie geführt, das Auge, das mir wohl will, hat sie übersehen, und der Geist, der so vieles, so Verschiednes umfängt, hat sich eine Minute lang ausschließlich zu mir gewendet da hab ich Dich, soll ich Dir einen Kommentar hierzu machen? Ein Augenblick ist ein schicklicherer Raum für eine göttliche Erscheinung als eine halbe Stunde der Augenblick, den Du mir schenkst, macht mich seliger als das ganze Leben.

Heute am 24. hab ich die Duetten erhalten mit den wenigen Zeilen von Dir, die mich aufs Geratewohl irreführten, es war mir, als könntest Du krank sein, oder ich weiß nicht, was ich mir alles dachte, aber daran dachte ich nicht, daß Du in jenem Augenblick, bloß, weil Dein Herz so voll war, so viel in wenig Worten ausdrücken könntest, und endlich, für Dich ist ja nichts zu fürchten, nichts zu zittern. Aber wenn auch! Weh mir, wenn ich Dir nicht freudig folgen könnte, wenn meine Liebe den Weg nicht fände, der Dir immer so nah ist, wie mein Herz dem Deinigen ist und war.

Bettine

Hierbei schicke ich Dir Blätter mit allerlei Geschichten und Notizen aus Deinem und der Mutter Leben. Es ist die Frage, ob Du es wirst brauchen können, schreib mir, ob Dir mehr erforderlich ist, in diesem Fall müßte ich das Notizbuch zurückerhalten, was ich hier mitschicke, ich glaub aber gewiß, daß Du besser und mehr darin finden wirst, als ich noch hinzusetzen könnte. Verzeih alles Überflüssige, wozu denn wohl am ersten die Tintenkleckse und ausgestrichenen Worte gehören.

An Goethe

Die Himmel dehnen sich so weit vor mir, alle Berge, die ich je mit stillem Blick maß, heben sich so unermeßlich, die Ebenen, die noch eben mit dem glühenden Rand der aufgehenden Sonne begrenzt waren, sie haben keine Grenzen mehr. In die Ewigkeit hinein. Will denn sein Leben so viel Raum haben?

Von seiner Kindheit: wie er schon mit neun Wochen ängstliche Träume gehabt, wie Großmutter und Großvater, Mutter und Vater und die Amme um seine Wiege gestanden und lauschten, welche heftige Bewegungen sich in seinen Mienen zeigten, und wenn er erwachte, in ein sehr betrübtes Weinen verfallen, oft auch sehr heftig geschrien hat, so daß ihm der Atem entging und die Eltern für sein Leben besorgt waren; sie schafften eine Klingel an, wenn sie merkten, daß er im Schlaf unruhig ward, klingelten und rasselten sie heftig, damit er bei dem Aufwachen gleich den Traum vergessen möge; einmal hatte der Vater ihn auf dem Arm und ließ ihn in den Mond sehen, da fiel er plötzlich wie von etwas erschüttert, zurück und geriet so außer sich, daß ihm der Vater Luft einblasen mußte, damit er nicht ersticke. »Diese kleinen Zufälle würde ich in einem Zeitraum von sechszig Jahren vergessen haben«, sagte die Mutter, »wenn nicht sein fortwährendes Leben mir dies alles geheiligt hätte; denn soll ich die Vorsehung nicht anbeten, wenn ich bedenke, daß ein Leben damals von einem Lufthauch abhing, das sich jetzt in tausend Herzen befestigt hat? Und mir ist es nun gar das einzige, denn Du kannst wohl denken, Bettine, daß Weltbegebenheiten mich nicht sehr anfechten, daß Gesellschaften mich nicht erfüllen. Hier in meiner Einsamkeit, wo ich die Tage nacheinander zähle und keiner vergeht, daß ich nicht meines Sohnes gedenke, und alles ist mir wie Gold.«

Er spielte nicht gern mit kleinen Kindern, sie mußten denn sehr schön sein. In einer Gesellschaft fing er plötzlich an zu weinen und schrie: »Das schwarze Kind soll hinaus, das kann ich nicht leiden«, er hörte auch nicht auf mit Weinen, bis er nach Haus kam, wo ihn die Mutter befragte über die Unart, er konnte sich nicht trösten über des Kindes Häßlichkeit. Damals war er drei Jahr alt. Die Bettine, welche auf einem Schemel zu Füßen der Frau Rat saß, machte ihre eignen Glossen darüber und drückte der Mutter Knie ans Herz.

Zu der kleinen Schwester Cornelia hatte er, da sie noch in der Wiege lag, schon die zärtlichste Zuneigung, er trug ihr alles zu und wollte sie allein nähren und pflegen und war eifersüchtig, wenn man sie aus der Wiege nahm, in der er sie beherrschte, da war sein Zorn nicht zu bändigen, er war überhaupt viel mehr zum Zürnen wie zum Weinen zu bringen.

Die Küche im Haus ging auf die Straße, an einem Sonntag morgen, da alles in der Kirche war, geriet der kleine Wolfgang hinein und warf alles Geschirr nacheinander zum Fenster hinaus, weil ihn das Rappeln freute und die Nachbarn, die es ergötzte, ihn dazu aufmunterten; die Mutter, die aus der Kirche kam, war sehr erstaunt, die Schüsseln alle herausfliegen zu sehen, da war er eben fertig und lachte so herzlich mit den Leuten auf der Straße, und die Mutter lachte mit.

Oft sah er nach den Sternen, von denen man ihm sagte, daß sie bei seiner Geburt eingestanden haben, hier mußte die Einbildungskraft der Mutter oft das Unmögliche tun, um seinen Forschungen Genüge zu leisten, und so hatte er bald heraus, daß Jupiter und Venus die Regenten und Beschützer seiner Geschicke sein würden; kein Spielwerk konnte ihn nun mehr fesseln, als das Zahlbrett seines Vaters, auf dem er mit Zahlpfennigen die Stellung der Gestirne nachmachte, wie er sie gesehen hatte; er stellte dieses Zahlbrett an sein Bett und glaubte sich dadurch dem Einfluß seiner günstigen Sterne näher gerückt; er sagte auch oft zur Mutter sorgenvoll: »Die Sterne werden mich doch nicht vergessen und werden halten, was sie bei meiner Wiege versprochen haben?« Da sagte die Mutter: »Warum willst du denn mit Gewalt den Beistand der Sterne, da wir andre doch ohne sie fertig werden müssen«, da sagte er ganz stolz: »Mit dem, was andern Leuten genügt, kann ich nicht fertig werden«; damals war er sieben Jahr alt.

Sonderbar fiel es der Mutter auf, daß er bei dem Tod seines jüngern Bruders Jakob, der sein Spielkamerad war, keine Träne vergoß, er schien vielmehr eine Art Ärger über die Klagen der Eltern und Geschwister zu haben, da die Mutter nun später den Trotzigen fragte, ob er den Bruder nicht lieb gehabt habe, lief er in seine Kammer, brachte unter dem Bett hervor eine Menge Papiere, die mit Lektionen und Geschichtchen beschrieben waren; er sagte ihr, daß er dies alles gemacht habe, um es dem Bruder zu lehren.

Die Mutter glaubte auch sich einen Anteil an seiner Darstellungsgabe zuschreiben zu dürfen, »denn einmal«, sagte sie, »konnte ich nicht ermüden zu erzählen, so wie er nicht ermüdete zuzuhören; Luft, Feuer, Wasser und Erde stellte ich ihm unter schönen Prinzessinnen vor, und alles, was in der ganzen Natur vorging, dem ergab sich eine Bedeutung, an die ich bald selbst fester glaubte als meine Zuhörer, und da wir uns erst zwischen den Gestirnen Straßen dachten, und daß wir einst Sterne bewohnen würden, und welchen großen Geistern wir da oben begegnen würden, da war kein Mensch so eifrig auf die Stunde des Erzählens mit den Kindern wie ich, ja, ich war im höchsten Grad begierig, unsere kleinen eingebildeten Erzählungen weiterzuführen, und eine Einladung, die mich um einen solchen Abend brachte, war mir immer verdrießlich. Da saß ich, und da verschlang er mich bald mit seinen großen schwarzen Augen, und wenn das Schicksal irgendeines Lieblings nicht recht nach seinem Sinn ging, da sah ich, wie die Zornader an der Stirn schwoll, und wie er die Tränen verbiß. Manchmal griff er ein und sagte, noch eh ich meine Wendung genommen hatte: »Nicht wahr, Mutter, die Prinzessin heiratet nicht den verdammten Schneider, wenn er auch den Riesen totschlägt«; wenn ich nun Halt machte und die Katastrophe auf den nächsten Abend verschob, so konnte ich sicher sein, daß er bis dahin alles zurechtgerückt hatte, und so ward mir denn meine Einbildungskraft, wo sie nicht mehr zureichte, häufig durch die seine ersetzt; wenn ich denn am nächsten Abend die Schicksalsfäden nach seiner Angabe weiter lenkte und sagte: »Du hast's geraten, so ist's gekommen«, da war er Feuer und Flamme, und man konnte sein Herzchen unter der Halskrause schlagen sehen. Der Großmutter, die im Hinterhause wohnte, und deren Liebling er war, vertraute er nun allemal seine Ansichten, wie es mit der Erzählung wohl noch werde, und von dieser erfuhr ich, wie ich seinen Wünschen gemäß weiter im Text kommen solle, und so war ein geheimes diplomatisches Treiben zwischen uns, das keiner an den andern verriet; so hatte ich die Satisfaktion, zum Genuß und Erstaunen der Zuhörenden, meine Märchen vorzutragen, und der Wolfgang, ohne je sich als den Urheber aller merkwürdigen Ereignisse zu bekennen, sah mit glühenden Augen der Erfüllung seiner kühn angelegten Pläne entgegen und begrüßte das Ausmalen derselben mit enthusiastischem Beifall.« Diese schönen Abende, durch die sich der Ruhm meiner Erzählungskunst bald verbreitete, so daß endlich alt und jung daran teilnahm, sind mir eine sehr erquickliche Erinnerung. Das Welttheater war nicht so reichhaltig, obschon es die Quelle war zu immer neuen Erfindungen, es tat durch seine grausenhafte Wirklichkeit, die alles Fabelhafte überstieg, für's erste der Märchenwelt Abbruch, das war das Erdbeben von Lissabon; alle Zeitungen waren davon erfüllt, alle Menschen argumentierten in wunderlicher Verwirrung, kurz, es war ein Weltereignis, das bis in die entferntesten Gegenden alle Herzen erschütterte; der kleine Wolfgang, der damals im siebenten Jahr war, hatte keine Ruhe mehr; das brausende Meer, das in einem Nu alle Schiffe niederschluckte und dann hinaufstieg am Ufer, um den ungeheuern königlichen Palast zu verschlingen, die hohen Türme, die zuvörderst unter dem Schutt der kleinern Häuser begraben wurden, die Flammen, die überall aus den Ruinen heraus endlich zusammenschlagen und ein großes Feuermeer verbreiten, während eine Schar von Teufeln aus der Erde hervorsteigt, um allen bösen Unfug an den Unglücklichen auszuüben, die von vielen tausend zugrunde Gegangnen noch übrig waren, machten ihm einen ungeheuren Eindruck. Jeden Abend enthielt die Zeitung neue Mär, bestimmtere Erzählungen, in den Kirchen hielt man Bußpredigten, der Papst schrieb ein allgemeines Fasten aus, in den katholischen Kirchen waren Requiem für die vom Erdbeben Verschlungenen. Betrachtungen aller Art wurden in Gegenwart der Kinder vielseitig besprochen, die Bibel wurde aufgeschlagen, Gründe für und wider behauptet, dies alles beschäftigte den Wolfgang tiefer, als einer ahnen konnte, und er machte am Ende eine Auslegung davon, die alle an Weisheit übertraf.

Nachdem er mit dem Großvater aus einer Predigt kam, in welcher die Weisheit des Schöpfers gleichsam gegen die betroffne Menschheit verteidigt wurde, und der Vater ihn fragte, wie er die Predigt verstanden habe, sagte er: »Am Ende mag alles noch viel einfacher sein, als der Prediger meint, Gott wird wohl wissen, daß der unsterblichen Seele durch böses Schicksal kein Schaden geschehen kann.« Von da an warst Du wieder oben auf, doch meinte die Mutter, daß Deine revolutionären Aufregungen bei diesem Erdbeben später beim Prometheus wieder zum Vorschein gekommen seien.

Laß mich Dir noch erzählen, daß Dein Großvater zum Gedächtnis Deiner Geburt einen Birnbaum in dem wohlgepflegten Garten vor dem Bockenheimer Tor gepflanzt hat, der Baum ist sehr groß geworden, von seinen Früchten, die köstlich sind, hab ich gegessen und Du würdest mich auslachen, wenn ich Dir alles sagen wollte. Es war ein schöner Frühling, sonnig und warm, der junge hochstämmige Birnbaum war über und über bedeckt mit Blüten, nun war's, glaub ich, am Geburtstag der Mutter, da schafften die Kinder den grünen Sessel, auf dem sie abends, wenn sie erzählte, zu sitzen pflegte, und der darum der Märchensessel genannt wurde, in aller Stille in den Garten, putzten ihn auf mit Bändern und Blumen, und nachdem Gäste und Verwandte sich versammelt hatten, trat der Wolfgang als Schäfer gekleidet mit einer Hirtentasche, aus der eine Rolle mit goldnen Buchstaben herabhing, mit einem grünen Kranz auf dem Kopf unter den Birnbaum und hielt eine Anrede an den Sessel, als den Sitz der schönen Märchen, es war eine große Freude, den schönen bekränzten Knaben unter den blühenden Zweigen zu sehen, wie er im Feuer der Rede, welche er mit großer Zuversicht hielt, aufbrauste. Der zweite Teil dieses schönen Festes bestand in Seifenblasen, die im Sonnenschein, von Kindern, welche den Märchenstuhl umkreisten, in die heitere Luft gehaucht, von Zephir aufgenommen und schwebend hin und her geweht wurden; sooft eine Blase auf den gefeierten Stuhl sank, schrie alles: »Ein Märchen! ein Märchen!« Wenn die Blase, von der krausen Wolle des Tuches eine Weile gehalten, endlich platzte, schrien sie wieder: »Das Märchen platzt.« Die Nachbarsleute in den angrenzenden Gärten guckten über Mauer und Verzäunung und nahmen den lebhaftesten Anteil an diesem großen Jubel, so daß dies kleine Fest am Abend in der ganzen Stadt bekannt war. Die Stadt hat's vergessen, die Mutter hat's behalten und es sich später oft als eine Weissagung Deiner Zukunft ausgelegt.

Nun, lieber Goethe, muß ich Dir bekennen, daß es mir das Herz zusammenschnürt, wenn ich Dir diese einzelnen Dinge hintereinander hinschreibe, die mit tausend Gedanken zusammenhängen, welche ich Dir weder erzählen noch sonst deutlich machen kann, denn Du liebst Dich nicht wie ich, und Dir muß dies wohl unbedeutend erscheinen, während ich keinen Atemzug von Dir verlieren möchte. Daß vieles sich nicht verwindet, wenn's einmal empfunden ist, daß es immer wiederkehrt, ist nicht traurig; aber daß die Ufer ewig unerreichbar bleiben, das schärft den Schmerz. Wenn mir Deine Liebe zu meiner Mutter durchklingt und ich überdenke das Ganze, dies Zurückhalten, dies Verbrausen der Jugend auf tausend Wegen, es muß sich ja doch einmal lösen. Mein Leben: was war's anders als ein tiefer Spiegel des Deinigen, es war liebende Ahnung, die alles mit sich fortzieht, die mir von Dir Kunde gab; so war ich Dir nachgekommen ans Licht, und so werd ich Dir nachziehen ins Dunkel. Mein lieber Freund, der mich nimmermehr verkennt! Sieh ich löse mir das Rätsel auf mancherlei schöne Weise; aber, »frag nicht, was es ist, und laß das Herz gewähren«, sag ich mir hundertmal.

Ich seh um mich emporwachsen Pflanzen seltner Art, sie haben Stacheln und Duft, ich mag keine berühren, ich mag keine missen. Wer sich ins Leben hereinwagt, der kann nur sich wieder durcharbeiten in die Freiheit; und ich weiß, daß ich Dich einst noch festhalten werde und mit Dir sein und in Dir sein, das ist das Ziel meiner Wünsche, das ist mein Glaube.

Leb wohl, sei gesund und laß Dir ein einheimischer Gedanke sein, daß Du mich wiedersehen wollest, vieles möcht ich vor Dir aussprechen.

24. November

An Goethe

Schön wie ein Engel warst Du, bist Du und bleibst Du, so waren auch in Deiner frühesten Jugend aller Augen auf Dich gerichtet. Einmal stand jemand am Fenster bei Deiner Mutter, da Du eben über die Straße herkamst mit mehreren andern Knaben, sie bemerkten, daß Du sehr gravitätisch einherschrittst, und hielten Dir vor, daß Du Dich mit Deinem Gradehalten sehr sonderbar von den andern Knaben auszeichnetest. »Mit diesem mache ich den Anfang«, sagtest Du, »später werd ich mich noch mit allerlei auszeichnen«; »und das ist auch wahr geworden«, sagte die Mutter.

Einmal zur Herbstlese, wo denn in Frankfurt am Abend in allen Gärten Feuerwerke abbrennen und von allen Seiten Raketen aufsteigen, bemerkte man in den entferntesten Feldern, wo sich die Festlichkeit nicht hin erstreckt hatte, viele Irrlichter, die hin und her hüpften, bald auseinander, bald wieder eng zusammen, endlich fingen sie gar an, figurierte Tänze aufzuführen, wenn man nun näher drauf los kam, verlosch ein Irrlicht nach dem andern, manche taten noch große Sätze und verschwanden, andere blieben mitten in der Luft und verloschen dann plötzlich, andere setzten sich auf Hecken und Bäume, weg waren sie, die Leute fanden nichts, gingen wieder zurück, gleich fing der Tanz von vorne an; ein Lichtlein nach dem andern stellte sich wieder ein und tanzte um die halbe Stadt herum. Was war's? Goethe, der mit vielen Kameraden, die sich Lichter auf die Hüte gesteckt hatten, da draußen herumtanzte.

Das war Deiner Mutter eine der liebsten Anekdoten, sie konnte noch manches dazu erzählen, wie Du nach solchen Streichen immer lustig nach Hause kamst und hundert Abenteuer gehabt usw. Deiner Mutter war gut zuhören!

In seiner Kleidung war er nun ganz entsetzlich eigen, ich mußte ihm täglich drei Toiletten besorgen, auf einen Stuhl hing ich einen Überrock, lange Beinkleider, ordinäre Weste, stellte ein Paar Stiefel dazu, auf den zweiten einen Frack, seidne Strümpfe, die er schon angehabt hatte, Schuhe usw., auf den dritten kam alles vom Feinsten nebst Degen und Haarbeutel, das erste zog er im Hause an, das zweite, wenn er zu täglichen Bekannten ging, das dritte zum Gala; kam ich nun am andern Tag hinein, da hatte ich Ordnung zu stiften, da standen die Stiefeln auf den feinen Manschetten und Halskrausen, die Schuhe standen gegen Osten und Westen, ein Stück lag da, das andre dort; da schüttelte ich den Staub aus den Kleidern, legte frische Wäsche hin, brachte alles wieder ins Geleis; wie ich nun so eine Weste nehme und sie am offnen Fenster recht herzhaft in die Luft schwinge, fahren mir plötzlich eine Menge kleiner Steine ins Gesicht, darüber fing ich an zu fluchen, er kam hinzu, ich zanke ihn aus, die Steine hätten mir ja ein Aug aus dem Kopf schlagen können; »nun es hat Ihr ja kein Aug ausgeschlagen, wo sind denn die Steine, ich muß sie wiederhaben, helf Sie mir sie wieder suchen«, sagte er; nun muß er sie wohl von seinem Schatz bekommen haben, denn er bekümmerte sich gar nur um die Steine, es waren ordinäre Kieselsteinchen und Sand, daß er den nicht mehr zusammenlesen konnte, war ihm ärgerlich, alles was noch da war, wickelte er sorgfältig in ein Papier und trug's fort, den Tag vorher war er in Offenbach gewesen, da war ein Wirtshaus zur Rose, die Tochter hieß das schöne Gretchen, er hatte sie sehr gern, das war die erste, von der ich weiß, daß er sie lieb hatte.

Bist Du böse, daß die Mutter mir dies alles erzählt hat? Diese Geschichte habe ich nun ganz ungemein lieb. Deine Mutter hat sie mir wohl zwanzigmal erzählt, manchmal setzte sie hinzu, daß die Sonne ins Fenster geschienen habe, daß Du rot geworden seist, daß Du die aufgesammelten Steinchen fest ans Herz gehalten und damit fortmarschiert, ohne auch nur eine Entschuldigung gemacht zu haben, daß sie ihr ins Gesicht geflogen. Siehst Du, was die alles gemerkt hat, denn so klein die Begebenheit schien, war es ihr doch eine Quelle von freudiger Betrachtung über Deine Raschheit, funkelnde Augen, pochend Herz, rote Wangen usw. Es ergötzte sie ja noch in ihrer späten Zeit. Diese und die folgende Geschichte haben mir den lebhaftesten Eindruck gemacht, ich seh Dich in beiden vor mir, in vollem Glanz Deiner Jugend. An einem hellen Wintertag, an dem Deine Mutter Gäste hatte, machtest Du ihr den Vorschlag, mit den Fremden an den Main zu fahren. »Mutter, Sie hat mich ja doch noch nicht Schlittschuhe laufen sehen, und das Wetter ist heut so schön« usw. Ich zog meinen karmoisinroten Pelz an, der einen langen Schlepp hatte und vorn herunter mit goldnen Spangen zugemacht war, und so fahren wir denn hinaus, da schleift mein Sohn herum wie ein Pfeil zwischen den andern durch, die Luft hatte ihm die Backen rot gemacht, und der Puder war aus seinen braunen Haaren geflogen, wie er nun den karmoisinroten Pelz sieht, kommt er herbei an die Kutsche und lacht mich ganz freundlich an, »nun, was willst du?« sag ich. »Ei Mutter, Sie hat ja doch nicht kalt im Wagen, geb Sie mir Ihren Sammetrock«, »du wirst ihn doch nicht gar anziehen wollen«, »freilich will ich ihn anziehen.« Ich zieh halt meinen prächtig warmen Rock aus, er zieht ihn an, schlägt die Schleppe über den Arm, und da fährt er hin, wie ein Göttersohn auf dem Eis; Bettine, wenn du ihn gesehen hättest!! So was Schönes gibt's nicht mehr, ich klatschte in die Hände vor Lust! Mein Lebtag seh ich noch, wie er den einen Brückenbogen hinaus und den andern wieder herein lief, und wie da der Wind ihm den Schlepp lang hinten nachtrug, damals war Deine Mutter mit auf dem Eis, der wollte er gefallen.

Nun, bei dieser Geschichte kann ich wieder sagen, was ich Dir in Töplitz sagte: daß es mich immer durchglüht, wenn ich an Deine Jugend denke, ja es durchglüht mich auch, und ich hab einen ewigen Genuß daran. Wie freut es einem, den Baum vor der Haustür, den man seit der Kindheit kennt, im Frühjahr wieder grünen und Blüten gewinnen zu sehen; wie freut es mich, da Du mir ewig blühst, wenn zuzeiten Deine Blüten eine innigere höhere Farbe ausstrahlen und ich in lebhafter Erinnerung mein Gesicht in die Kelche hineinsenke und sie ganz einatme.

Am 28. November

Bettine

An Goethe

Ich weiß, daß Du alles, was ich Dir von Dir erzähle, nicht wirst brauchen können, ich hab in einer einsamen Zeit über diesen einzelnen Momenten geschwebt wie der Tau auf den Blumen, der im Sonnenschein ihre Farben spiegelt. Noch immer seh ich Dich so verherrlicht, aber mir ist's unmöglich, es Dir darstellend zu beweisen, Du bist bescheiden und wirst's auf sich beruhen lassen, Du wirst mir's gönnen, daß Deine Erscheinung grade mich anstrahlte; ich war die Einsame, die durch Zufall oder vielmehr durch bewußtlosen Trieb zu Deinen Füßen sich einfand. Es kostet mir Mühe, und ich kann nur ungenügend darlegen, was so eng mit meinem Herzen verbunden ist, das doch einmal in meiner Brust wohnt und sich nicht so ganz ablöst. Indessen bedurft es nur ein Wort von Dir, daß ich diese Kleinodien rauh und ungeglättet, wie ich sie empfing, wieder in Deinen ungeheueren Reichtum hereinwerfe; was in die Stirn, die liebendes Denken geründet hat, in meinen Blick, der mit Begeistrung auf Dich gerichtet war, in die Lippen, die von diesem Liebesgeist gerührt zu Dir sprachen, hierdurch eingeprägt ward, das kann ich nicht wiedergeben, es entschwebt, wie der Ton der Musik entschwebt und für sich besteht in dem Augenblick, da sie aufgeführt wird.

Jeder Anekdote, die ich hinschreibe, möchte ich ein Lebewohl zurufen; die Blumen sollen abgebrochen werden, damit sie noch in ihrer Blüte ins Herbarium kommen. So hab ich mir's nicht gedacht, da ich Dir in meinem vorletzten Brief meinen Garten so freundlich anbot, lächelst Du? Du wirst doch alles überflüssige Laub absondern und des Taus noch des Sonnenscheins nicht mehr achten, der außer meinem Territorium nicht mehr drauf ruht. Der Schütze wird nicht müde, tausend und tausend Pfeile zu versenden, der nach der Liebe zielt. Er spannt abermal, zieht die Senne bis ans Aug heran, blickt scharf und zielt scharf; und Du! Sieh diese verschoßnen Pfeile, die zu Deinen Füßen hinsinken, gnädig an und denke, daß ich mich nicht zurückhalten kann, Dir ewig dasselbe zu sagen. Und berührt Dich ein solcher Pfeil niemals, auch nur ein kleines wenig?

Dein Großvater war ein Träumender und Traumdeuter, es ward ihm vieles über seine Familie durch Träume offenbar, einmal sagte er einen großen Brand, dann die unvermutete Ankunft des Kaisers voraus; dieses war zwar nicht beachtet worden, doch hatte es sich in der Stadt verbreitet und erregte allgemeines Staunen, da es eintraf. Heimlich vertraute er seiner Frau, ihm habe geträumt, daß einer der Schöffen ihm sehr verbindlicherweise seinen Platz angeboten habe, nicht lange darauf starb dieser am Schlag, seine Stelle wurde durch die goldne Kugel Deinem Großvater zuteil. Als der Schultheiß gestorben war, wurde noch in später Nacht durch den Ratsdiener auf den andern Morgen eine außerordentliche Ratsversammlung angezeigt, das Licht in seiner Laterne war abgebrannt, da rief der Großvater aus seinem Bette: »Gebt ihm ein neues Licht, denn der Mann hat ja doch die Mühe bloß für mich.« Kein Mensch hatte diese Worte beachtet, er selbst äußerte am andern Morgen nichts und schien es vergessen zu haben, seine älteste Tochter (Deine Mutter) hatte sich's gemerkt und hatte einen festen Glauben dran, wie nun der Vater ins Rathaus gegangen war, steckte sie sich nach ihrer eignen Aussage in einen unmenschlichen Staat und frisierte sich bis an den Himmel. In dieser Pracht setzte sie sich mit einem Buch in der Hand im Lehnsessel ans Fenster. Mutter und Schwestern glaubten, die Schwester Prinzeß (so wurde sie wegen ihrem Abscheu vor häuslicher Arbeit und Liebe zur Kleiderpracht und Lesen genannt) sei närrisch, sie aber versicherte ihnen, sie würden bald hinter die Bettvorhänge kriechen, wenn die Ratsherren kommen würden, ihnen wegen dem Vater, der heute zum Syndikus erwählt werde, zu gratulieren, da nun die Schwestern sie noch wegen ihrer Leichtgläubigkeit verlachten, sah sie vom hohen Sitz am Fenster den Vater im stattlichen Gefolge vieler Ratsherren daherkommen; »versteckt euch«, rief sie, »dort kommt er und alle Ratsherren mit«, keine wollt es glauben, bis eine nach der andern den unfrisierten Kopf zum Fenster hinaus steckte und die feierliche Prozession daherschreiten sah, liefen alle davon und ließen die Prinzeß allein im Zimmer, um sie zu empfangen. Diese Traumgabe schien auf die eine Schwester fortgeerbt zu haben, denn gleich nach Deines Großvaters Tod, da man in Verlegenheit war, das Testament zu finden, träumte ihr, es sei zwischen zwei Brettchen im Pult des Vaters zu finden, die durch ein geheimes Schloß verbunden waren, man untersuchte das Pult und fand alles richtig. Deine Mutter aber hatte das Talent nicht, sie meinte, es komme von ihrer heitern, sorglosen Stimmung und ihrer großen Zuversicht zu allem Guten, grade dies mag wohl ihre prophetische Gabe gewesen sein, denn sie sagte selbst, daß sie in dieser Beziehung sich nie getäuscht habe.

Deine Großmutter kam einst nach Mitternacht in die Schlafstube der Töchter und blieb da bis am Morgen, weil ihr etwas begegnet war, was sie vor Angst sich nicht zu sagen getraute, am andern Morgen erzählte sie, daß etwas im Zimmer geraschelt habe wie Papier, in der Meinung, das Fenster sei offen und der Wind jage die Papiere von des Vaters Schreibpult im anstoßenden Studierzimmer umher, sei sie aufgestanden, aber die Fenster seien geschlossen gewesen. Da sie wieder im Bett lag, rauschte es immer näher und näher heran mit ängstlichem Zusammenknittern von Papier, endlich seufzte es tief auf und noch einmal dicht an ihrem Angesicht, daß es sie kalt anwehte, darauf ist sie vor Angst zu den Kindern gelaufen; kurz hiernach ließ sich ein Fremder melden, da dieser nun auf die Hausfrau zuging und ein ganz zerknittertes Papier ihr darreichte, wandelte sie eine Ohnmacht an. Ein Freund von ihr, der in jener Nacht seinen herannahenden Tod gespürt, hatte nach Papier verlangt, um der Freundin in einer wichtigen Angelegenheit zu schreiben, aber noch ehe er fertig war, hatte er, vom Todeskrampf ergriffen, das Papier gepackt, zerknittert und damit auf der Bettdecke hin und her gefahren, endlich zweimal tief aufgeseufzt, und dann war er verschieden; obschon nun das, was auf dem Papiere geschrieben war, nichts Entscheidendes besagte, so konnte sich die Freundin doch vorstellen, was seine letzte Bitte gewesen, Dein edler Großvater nahm sich einer kleinen Waise jenes Freundes, die keine rechtlichen Ansprüche an sein Erbe hatte, an, ward ihr Vormund, legte eine Summe aus eignen Mitteln für sie an, die Deine Großmutter mit manchem kleinen Ersparnis mehrte.

Seit diesem Augenblick verschmähte Deine Mutter keine Vorbedeutungen noch Ähnliches, sie sagte: »Wenn man es auch nicht glaubt, so soll man es auch nicht leugnen oder gar verachten«, das Herz werde durch dergleichen tief gerührt. Das ganze Schicksal entwickle sich oft an Begebenheiten, die so unbedeutend erscheinen, daß man ihrer gar nicht erwähne, und innerlich so gelenk und heimlich arbeiten, daß man es kaum empfinde; »noch täglich«, sagte sie, »erleb ich Begebenheiten, die kein andrer Mensch beachten würde, aber sie sind meine Welt, mein Genuß und meine Herrlichkeit; wenn ich in einen Kreis von langweiligen Menschen trete, denen die aufgehende Sonne kein Wunder mehr ist, und die sich über alles hinaus glauben, was sie nicht verstehen, so denk ich in meiner Seele: ja, meint nur, ihr hättet die Welt gefressen, wüßtet ihr, was die Frau Rat heute alles erlebt hat!« Sie sagte mir, daß sie sich in ihrem ganzen Leben nicht mit der ordinären Tagsweise habe begnügen können, daß ihr starker Geist auch wichtige und tüchtige Begebenheiten habe verdauen wollen, und daß ihr dies auch in vollem Maße begegnet sei, sie sei nicht allein um ihres Sohnes willen da, sondern der Sohn auch um ihrentwillen; und sie könne sich wohl ihres Anteils an Deinem Wirken und an Deinem Ruhm versichert halten, indem sich ja auch kein vollendeteres und erhabeneres Glück denken lasse, als um des Sohnes willen allgemein so geehrt zu werden; sie hatte recht, wer braucht das noch zu beleuchten, es versteht sich von selbst. So entfernt Du von ihr warst, so lange Zeit auch: Du warst nie besser verstanden als von ihr; während Gelehrte, Philosophen und Kritiker Dich und Deine Werke untersuchten, war sie ein lebendiges Beispiel, wie Du aufzunehmen seist. Sie sagte mir oft einzelne Stellen aus Deinen Büchern vor, so zu rechter Zeit, so mit herrlichem Blick und Ton, daß in diesen auch meine Welt anfing, lebendigere Farbe zu empfangen, und Geschwister und Freunde dagegen in die Schattenseite traten. Das Lied: »O laß mich scheinen, bis ich werde« legte sie herrlich aus, sie sagte, daß dies allein schon beweisen müsse, welche tiefe Religion in Dir sei, denn Du habest den Zustand darin beschrieben, in dem allein die Seele wieder sich zu Gott schwingen könne, nämlich ohne Vorurteile, ohne selbstische Verdienste aus reiner Sehnsucht zu ihrem Erzeuger; und daß die Tugenden, mit denen man glaube, den Himmel stürmen zu können, lauter Narrenspossen seien, und daß alles Verdienst vor der Zuversicht der Unschuld die Segel streichen müsse, diese sei der Born der Gnade, der alle Sünde abwasche, und jedem Menschen sei diese Unschuld eingeboren und sei das Urprinzip aller Sehnsucht nach einem göttlichen Leben; auch in dem verwirrtesten Gemüt vermittele sich ein tiefer Zusammenhang mit seinem Schöpfer, in jener unschuldigen Liebe und Zuversicht, die sich trotz aller Verirrungen nicht ausrotten lasse, an diese solle man sich halten, denn es sei Gott selber im Menschen, der nicht wolle, daß er in Verzweiflung aus dieser Welt in jene übergehe, sondern mit Behagen und Geistesgegenwart, sonst würde der Geist wie ein Trunkenbold hinüberstolpern und die ewigen Freuden durch sein Lamento stören, und seine Albernheit würde da keinen großen Respekt einflößen, da man ihm erst den Kopf wieder müsse zurechtsetzen. Sie sagte von diesem Lied, es sei der Geist der Wahrheit mit dem kräftigen Leib der Natur angetan, und nannte es ihr Glaubensbekenntnis, die Melodien waren elend und unwahr gegen den Nachdruck ihres Vortrags und gegen das Gefühl, was in vollem Maße aus ihrer Stimme hervorklang. Nur wer die Sehnsucht kennt; ihr Auge ruhte dabei auf dem Knopf des Katharinenturms, der das letzte Ziel der Aussicht war, die sie vom Sitz an ihrem Fenster hatte, die Lippen bewegten sich herb, die sie am End immer schmerzlich-ernst schloß, während ihr Blick in die Ferne verloren glühte, es war, als ob ihre Jugendsinne wieder anschwellen, dann drückte sie mir wohl die Hand und überraschte mich mit den Worten: »Du verstehst den Wolfgang und liebst ihn.« Ihr Gedächtnis war nicht allein merkwürdig, es war sehr herrlich; der Eindruck mächtiger Gefühle entwickelte sich in seiner vollen Gewalt bei ihren Erinnerungen, und hier will ich Dir die Geschichte, die ich Dir schon in München mitteilen wollte, und die so wunderbar mit ihrem Tode zusammenhing, als Beispiel ihres großen Herzens hinschreiben, so einfach wie sie mir selbst es erzählt hat. Eh ich ins Rheingau reiste, kam ich, um Abschied zu nehmen, sie sagte, indem sich ein Posthorn auf der Straße hören ließ, daß ihr dieser Ton immer noch das Herz durchschneide, wie in ihrem siebenzehnten Jahre, damals war Karl VII., mit dem Zunamen der Unglückliche, in Frankfurt, alles war voll Begeisterung über seine große Schönheit, am Karfreitag sah sie ihn im langen schwarzen Mantel zu Fuß mit vielen Herren und schwarzgekleideten Pagen die Kirchen besuchen. »Himmel, was hatte der Mann für Augen; wie melancholisch blickte er unter den gesenkten Augenwimpern hervor! Ich verließ ihn nicht, folgte ihm in alle Kirchen, überall kniete er auf der letzten Bank unter den Bettlern und legte sein Haupt eine Weile in die Hände, wenn er wieder emporsah, war mir's allemal wie ein Donnerschlag in der Brust; da ich nach Hause kam, fand ich mich nicht mehr in die alte Lebensweise, es war, als ob Bett, Stuhl und Tisch nicht mehr an dem gewohnten Ort ständen, es war Nacht geworden, man brachte Licht herein, ich ging ans Fenster und sah hinaus auf die dunklen Straßen, und wie ich die in der Stube von dem Kaiser sprechen hörte, da zitterte ich wie Espenlaub, am Abend in meiner Kammer legte ich mich vor meinem Bett auf die Knie und hielt meinen Kopf in den Händen wie er, es war nicht anders, wie wenn ein großes Tor in meiner Brust geöffnet wär; meine Schwester, die ihn enthusiastisch pries, suchte jede Gelegenheit, ihn zu sehen, ich ging mit, ohne daß einer ahnte, wie tief es mir zu Herzen gehe, einmal, da der Kaiser vorüberfuhr, sprang sie auf einen Prallstein am Wege und rief ihm ein lautes Vivat zu, er sah heraus und winkte freundlich mit dem Schnupftuch, sie prahlte sich sehr, daß der Kaiser ihr so freundlich gewinkt habe, ich war aber heimlich überzeugt, daß der Gruß mir gegolten habe, denn im Vorüberfahren sah er noch einmal rückwärts nach mir; ja beinah jeden Tag, wo ich Gelegenheit hatte, ihn zu sehen, ereignete sich etwas, was ich mir als ein Zeichen seiner Gunst auslegen konnte, und am Abend, in meiner Schlafkammer, kniete ich allemal vor meinem Bett und hielt den Kopf in meinen Händen, wie ich von ihm am Karfreitag in der Kirche gesehen hatte, und dann überlegte ich, was mir alles mit ihm begegnet war, und so baute sich ein geheimes Liebeseinverständnis in meinem Herzen auf, von dem mir unmöglich war zu glauben, daß er nichts davon ahne, ich glaubte gewiß, er habe meine Wohnung erforscht, da er jetzt öfter durch unsere Gasse fuhr wie sonst und allemal heraufsah nach den Fenstern und mich grüßte. O, wie war ich den vollen Tag so selig, wo er mir am Morgen einen Gruß gespendet hatte; da kann ich wohl sagen, daß ich weinte vor Lust. Wie er einmal offne Tafel hielt, drängte ich mich durch die Wachen und kam in den Saal, statt auf die Galerie. Es wurde in die Trompeten gestoßen, bei dem dritten Stoß erschien er in einem roten Sammetmantel, den ihm zwei Kammerherren abnahmen, er ging langsam mit etwas gebeugtem Haupt. Ich war ihm ganz nah und dachte an nichts, daß ich auf dem unrechten Platz wäre, seine Gesundheit wurde von allen anwesenden großen Herren getrunken, und die Trompeten schmetterten drein, da jauchzte ich laut mit, der Kaiser sah mich an, er nahm den Becher, um Bescheid zu tun und nickte mir, ja, da kam mir's vor, als hätte er den Becher mir bringen wollen, und ich muß noch heute daran glauben, es würde mir zuviel kosten, wenn ich diesen Gedanken, dem ich so viel Glückstränen geweint habe, aufgeben müßte, warum sollte er auch nicht, er mußte ja wohl die große Begeistrung in meinen Augen lesen; damals im Saal bei dem Geschmetter der Pauken und Trompeten, die den Trunk, womit er den Fürsten Bescheid tat, begleiteten, ward ich ganz elend und betäubt, so sehr nahm ich mir diese eingebildete Ehre zu Herzen, meine Schwester hatte Mühe, mich hinauszubringen an die frische Luft, sie schmälte mit mir, daß sie wegen meiner des Vergnügens verlustig war, den Kaiser speisen zu sehen, sie wollte auch, nachdem ich am Röhrbrunnen Wasser getrunken, versuchen, wieder hineinzukommen, aber eine geheime Stimme sagte mir, daß ich an dem, was mir heute beschert geworden, mir solle genügen lassen, und ging nicht wieder mit; nein, ich suchte meine einsame Schlafkammer auf und setzte mich auf den Stuhl am Bett und weinte dem Kaiser schmerzlich süße Tränen der heißesten Liebe, am andern Tag reiste er ab, ich lag früh morgens um vier Uhr in meinem Bett, der Tag fing eben an zu grauen, es war am 17. April, da hörte ich fünf Posthörner blasen, das war er, ich sprang aus dem Bett, vor übergroßer Eile fiel ich in die Mitte der Stube und tat mir weh, ich achtete es nicht und sprang ans Fenster, in dem Augenblick fuhr der Kaiser vorbei, er sah schon nach meinem Fenster, noch eh ich es aufgerissen hatte, er warf mir Kußhände zu und winkte mir mit dem Schnupftuch, bis er die Gasse hinaus war. Von der Zeit an habe ich kein Posthorn blasen hören, ohne dieses Abschieds zu gedenken, und bis auf den heutigen Tag, wo ich den Lebensstrom seiner ganzen Länge nach durchschifft habe und eben im Begriff bin, zu landen, greift mich sein weitschallender Ton noch schmerzlich an, und wo so vieles, worauf die Menschen Wert legen, rund um mich versunken ist, ohne daß ich Kummer darum habe. Soll man da nicht wunderliche Glossen machen, wenn man erleben muß, daß eine Leidenschaft, die gleich im Entstehen eine Chimäre war, alles Wirkliche überdauert und sich in einem Herzen behauptet, dem längst solche Ansprüche als Narrheit verpönt sind? Ich hab auch nie Lust gehabt, davon zu sprechen, es ist heute das erstemal. Bei dem Fall, den ich damals vor übergroßer Eile tat, hatte ich mir das Knie verwundet, an einem großen Brettnagel, der etwas hoch aus den Dielen hervorstand, hatte ich mir eine tiefe Wunde über dem rechten Knie geschlagen, der scharfgeschlagne Kopf des Nagels bildete die Narbe als einen sehr feinen regelmäßigen Stern, den ich oft darauf ansah während den vier Wochen, in denen bald darauf der Tod des Kaisers mit allen Glocken jeden Nachmittag eine ganze Stunde eingeläutet wurde, ach, was hab ich da für schmerzliche Stunden gehabt, wenn der Dom anfing zu läuten mit der großen Glocke, es kamen erst so einzelne mächtige Schläge, als wanke er trostlos hin und her, nach und nach klang das Geläut der kleinen Glocken und der ferneren Kirchen mit, es war, als ob alle über den Trauerfall seufzten und weinten; und die Luft war so schauerlich, es war gleich bei Sonnenuntergang, da hörte es wieder auf zu läuten, eine Glocke nach der andern schwieg, bis der Dom, so wie er angefangen hatte zu klagen, auch die allerletzten Töne in die Nachtdämmerung seufzte; damals war die Narbe über meinem Knie noch ganz frisch, ich betrachtete sie jeden Tag und erinnerte mich dabei an alles.«

Deine Mutter zeigte mir ihr Knie, über dem das Mal in Form eines sehr deutlichen regelmäßigen Sternes ausgebildet war, sie reichte mir die Hand zum Abschied und sagte mir noch in der Tür, sie habe niemals hiervon mit jemand gesprochen als nur mit mir; wie ich kaum im Rheingau war, schrieb ich mir aus der Erinnerung so viel wie möglich mit ihren eignen Worten alles auf, denn ich dachte gleich, daß Dich dies gewiß einmal interessieren müsse, nun hat aber der Mutter Tod dieser kindlichen Liebesgeschichte, von der ich mir denken kann, daß sie kein edles männliches Herz, viel weniger den Kaiser würde haben ungerührt gelassen, eine herrliche Krone aufgesetzt und sie zu etwas vollendet Schönem gestempelt. Im September wurde mir ins Rheingau geschrieben, die Mutter sei nicht wohl, ich beeilte meine Rückkehr, mein erster Gang war zu ihr, der Arzt war grade bei ihr, sie sah sehr ernst aus, als er weg war, reichte sie mir lächelnd das Rezept hin und sagte: »Da lese, welche Vorbedeutung mag das haben, ein Umschlag von Wein, Myrrhen, Öl und Lorbeerblättern, um mein Knie zu stärken, das mich seit diesem Sommer anfing zu schmerzen, und endlich hat sich Wasser unter der Narbe gesammelt, du wirst aber sehen, es wird nichts helfen mit diesen kaiserlichen Spezialien von Lorbeer, Wein und Öl, womit die Kaiser bei der Krönung gesalbt werden. Ich seh das schon kommen, daß das Wasser sich nach dem Herzen ziehen wird, und da wird es gleich aus sein«; sie sagte mir Lebewohl und sie wolle mir sagen lassen, wenn ich wiederkommen solle; ein paar Tage darauf ließ sie mich rufen, sie lag zu Bett, sie sagte: »Heute lieg ich wieder zu Bett wie damals, als ich kaum sechszehn Jahr alt war, an derselben Wunde«; ich lachte mit ihr hierüber und sagte ihr scherzweise viel, was sie rührte und erfreute; da sah sie mich noch einmal recht feurig an, sie drückte mir die Hand und sagte: »Du bist so recht geeignet, um mich in dieser Leidenszeit aufrecht zu halten, denn ich weiß wohl, daß es mit mir zu Ende geht.« Sie sprach noch ein paar Worte von Dir, daß ich nicht aufhören sollte, Dich zu lieben, und ihrem Enkel solle ich zu Weihnachten noch einmal die gewohnten Zuckerwerke in ihrem Namen senden, zwei Tage drauf, am Abend, wo ein Konzert in ihrer Nähe gegeben wurde, sagte sie: »Nun will ich im Einschlafen an die Musik denken, die mich bald im Himmel empfangen wird«, sie ließ sich auch noch Haare abschneiden und sagte, man solle sie mir nach ihrem Tode geben nebst einem Familienbild von Seekatz, worauf sie mit Deinem Vater, Deiner Schwester und Dir als Schäfer gekleidet in anmutiger Gegend abgemalt ist, am andern Morgen war sie nicht mehr, sie war nächtlich hinübergeschlummert.

Das ist die Geschichte, die ich Dir schon in München versprochen hatte, jetzt, wo sie niedergeschrieben ist, weiß ich nicht, wie Du sie aufnehmen wirst, mir war sie immer als etwas ganz Außerordentliches vorgekommen, und ich habe bei ihr so manche Gelübde getan.

Von Deinem Vater erzählte sie mir auch viel Schönes, er selbst war ein schöner Mann, sie heiratete ihn ohne bestimmte Neigung, sie wußte ihn auf mancherlei Weise zum Vorteil der Kinder zu lenken, denen er mit einer gewissen Strenge im Lernen zusetzte, doch muß er auch sehr freundlich gegen Dich gewesen sein, da er stundenlang mit Dir von zukünftigen Reisen sprach und Dir Deine Zukunft so glanzvoll wie möglich ausmalte, von einem großen Hausbau, den Dein Vater unternahm, erzählte die Mutter auch und wie sie Dich da als junges Kind oft mit großen Sorgen habe auf den Gerüsten herumklettern sehen. Als der Bau beendigt war, der Euer altes rumpeliges Haus mit Windeltreppen und ungleichen Etagen in eine schöne anmutige Wohnung umschuf, in der wertvolle Kunstgegenstände mit Geschmack die Zimmer verzierten, da richtete der Vater mit großer Umständlichkeit eine Bibliothek ein, bei der Du beschäftigt wurdest. Über Deines Vaters Leidenschaft zum Reisen erzählte die Mutter sehr viel.

Seine Zimmer waren mit Landkarten, Planen von großen Städten behängt, und während Du die Reisebeschreibung vorlasest, spazierte er mit dem Finger darauf herum, um jeden Punkt aufzusuchen, dies sagte weder Deiner Ungeduld noch dem eilfertigen Temperament der Mutter zu, Ihr sehntet Euch nach Hindernissen solcher langweiligen Winterabende, die denn endlich auch durch die Einquartierung eines französischen Kommandanten in die Prachtstuben völlig unterbrochen wurden, hierdurch war nichts gebessert, der Vater war nicht zu trösten, daß seine kaum eingerichtete Wohnung, die ihm so manches Opfer gekostet hatte, der Einquartierung preisgegeben war, daraus erwuchs mancherlei Not, die Deine Mutter trefflich auszugleichen verstand; ein paar Blätter mit Notizen schicke ich noch mit, ich kann sie nicht besser ausmalen, Dir aber können sie wohl zur Wiederaufweckung von tausenderlei Dingen dienen, die Du dann auch wieder in ihrem Zusammenhang finden wirst, die Liebesgeschichten aus Offenbach mit einem gewissen Gretchen, die nächtlichen Spaziergänge und was dergleichen mehr, hat Deine Mutter nie im Zusammenhang erzählt, und Gott weiß, ich hab mich auch gescheut, danach zu fragen.

Bettine

An Goethe

Was mich so lange gefangen hielt, war die Musik, ungeschnittne Federn, schlechtes Papier, dicke Tinte, es treffen immer viel Umstände zusammen. Am 4. Dezember war kalt und schauerlich Wetter, es wechselte ab im Schneien, Regnen und Eisen was hab ich nun besseres zu tun, als Dein Herz warmzuhalten, die Unterweste hab ich so schmeichelnd warm gemacht als mir nur möglich. Denk an mich.

Ich habe des Fürsten Radziwill seine Musik aus dem »Faust« gehört, das Lied vom Schäfer ist so einzig lebendig darstellend, kurz, alle löbliche Eigenschaften besitzend, daß es gewiß nimmermehr so trefflich kann komponiert werden. Das Chor: »Drinnen sitzt einer gefangen«, es geht einem durch Mark und Bein. Das Chor der Geister, wo Faust einschlummert, herrlich! Man hört den Polen durch, ein Deutscher hätt es nicht so angefangen, um so reizender. Es muß so leicht vorgetragen werden wie fliegende Spinnweb in den Sommerabenden.

Zelter ist manchmal bei uns, ich suche herauszubringen, was er ist. Ungeschliffen ist er zwar, recht und unrecht hat er auch, Dich liebzuhaben behauptet er auch, er möchte der Welt dienen und führt Klage, daß sie sich's nicht will gefallen lassen, und daß er alle Weisheit für sich behalten muß. Einen Standpunkt hat er sich erwählt, von dem aus er sie von oben herab beschaut. Und der Welt ist's einerlei, daß er mit den Krähen auf der Zinne sitzt und sie sich auf ihren Gemeinplätzen tummeln sieht. An der Liedertafel ist er Cäsar und freut sich seiner Siege, in der Singakademie ist er Napoleon und jagt durch sein Machtwort alles in Schrecken, und seine Truppen gehen mit Zuversicht durch dick und dünn; zum Glück ist gesungen nicht gehauen und gestochen. Seine Leibgarde, der Baß, hat den Katarrh. In der Welt, in der Gesellschaft und auf Reisen, da ist er Goethe, und zwar ein recht menschlicher, voll herablassender Güte, er wandelt, er steht, wirft ein kurzes Wort hin, nickt freundlich zu unbedeutenden Dingen, hält die Hände auf den Rücken, das macht sich alles; nur zuweilen speit er aus, und zwar herzhaft, das trifft nicht, da geht die ganze Illusion zum Teufel.

Die Verwirrung, die das Magische in jeder Kunst bei den Philistern veranlaßt, ist bei der Musik auf den höchsten Grad gestiegen; Zelter zum Beispiel läßt nichts die Maut passieren, was er nicht schon versteht, und eigentlich ist das doch nur Musik, was grade da beginnt, wo der Verstand nicht mehr ausreicht, und die ewig vernichtenden Quergeister, die es so gut meinen, wenn sie zuvörderst das Verständliche in der Kunst fordern: daß die nicht begreifen, daß sie das höchste Element einer göttlichen Sprache herabwürdigen, wenn sie es nur mit dem ausfüllen, was sie verstehen, indem sie ja doch nur das Gemeine verstehen, und daß sie höhere Offenbarung nie erfahren, wenn sie ewig gescheiter sein wollen, wie ihre Botschafter, die Phantasie und die Begeistrung. Obschon in der Musik die Zauberformeln ewig lebendig sind, so spricht sie der Philister, vor Schreck sie nicht zu verstehen, oft nur halb, oft rückwärts aus, und nun stehen die sonst so beweglichen, blitzenden, naßkalt, langwierig, beschwerlich und freilich unverständlich im Weg.

Dagegen ist der Begeisterte ein anderer: mit heimlicher Zuversicht lauscht er und wird eine Welt gewahr, sie läßt sich nicht definieren, sie kann dem Gemüt wohl ihre Wirkung, aber nicht ihren Ursprung mitteilen, daher die plötzliche reife Erscheinung des Genies, das lang in ungebundner Selbstbeschauung zerstreut war, nun in sich selbst erhöht, hervorbricht ans Tageslicht, unbekümmert, ob die Ungeweihten es verstehen, da es mit Gott spricht (Beethoven). So steht's mit der Musik, das Genie kann nicht offenbar werden, weil die Philister nichts anerkennen, als was sie verstehen. Wenn ich mir da meinen Beethoven denke, der, den eignen Geist fühlend, freudig ausruft: »Ich bin elektrischer Natur, und darum mache ich so herrliche Musik!«

Viele Sinne zu einer Erscheinung des Geistes. Stetes lebhaftes Wirken des Geistes auf die Sinne (Menschen), ohne welche kein Geist, keine Musik.

Wollust, ins Vergangne zu schauen wie durch Kristall, Einsicht der Beherrschung, der Tragung, der Erregung des Geistes; nimmermehr in der Musik, was verklungen ist, hatte seinen eignen Tempel. Der ist mit ihm versunken, Musik kann nur ewig neu erstehen.

Sonderbares Schicksal der Musiksprache, nicht verstanden zu werden. Daher immer die Wut gegen das, was noch nicht gehört war, daher der Ausdruck: »Unerhört.« Dem Genie in der Musik steht der Gelehrte in der Musik allemal als ein Holzbock gegenüber (Zelter muß vermeiden, dem Beethoven gegenüberzustehen), das Bekannte verträgt er, nicht weil er es begreift, sondern weil er es gewohnt ist wie der Esel den täglichen Weg. Was kann einer noch, wenn er auch alles wollte, solang er nicht mit dem Genius sein eignes Leben führt, da er nicht Rechenschaft zu geben hat und die Gelehrsamkeit ihm nicht hineinpfuschen darf. Die Gelehrsamkeit versteht ja doch nur höchstens, was schon da war, aber nicht, was da kommen soll, er kann die Geister nicht lösen vom Buchstaben, vom Gesetz. Jede Kunst steht eigenmächtig da, den Tod zu verdrängen, den Menschen in den Himmel zu führen; aber wo sie die Philister bewachen und als Meister lossprechen, da steht sie mit geschornem Haupt, beschämt, was freier Wille, freies Leben sein soll, ist Uhrwerk. Und da mag nun einer zuhören, glauben und hoffen, es wird doch nichts draus. Nur durch Wege konnte man dazu gelangen, die dem Philister verschüttet sind, Gebet, Verschwiegenheit des Herzens im stillen Vertrauen auf die ewige Weisheit, auch in dem Unbegreiflichen. Da stehen wir an den unübersteiglichen Bergen, und doch: da oben nur lernt man die Wollust des Atmens verstehen.

Der Frau das kleine Andenken mit meinem Glückwunsch zum neuen Jahr. Dem Hrn. R. die ungemachte Weste, seine Vollkommenheit hat mich in Töplitz zu sehr geblendet, als daß ich mir das rechte Maß hätte denken können, die Vorstecknadeln seien hier zu geschmacklos, als daß ich ihm eine hätte schicken mögen, aber lauter und lauter Vergißmeinnicht in der Weste! Er mag nicht wenig stolz darauf sein. Sollte sein Geschmack noch nicht soweit gebildet sein, dies schön zu finden, so soll er nur auf mein Wort glauben, daß ihn alle Menschen darum beneiden werden; noch muß ich erinnern, daß sie als Unterweste getragen wird. Nun, er wird mir gewiß schreiben und wird sich bedanken. Und Du? hm. Du Einziger, der mir den Tod bitter macht!

Bettine

Grüß doch die Frau recht herzlich von mir, es ist ihr doch niemand so von Herzen gut wie ich.

Adieu Magnetberg. Wollt ich auch da und dorthin die Fahrt lenken, an Dir würden alle Schiffe scheitern.

Adieu einzig Erbteil meiner Mutter.

Adieu Brunnen, aus dem ich trinke.

An Bettine

Du erscheinst von Zeit zu Zeit, liebe Bettine, als ein wohltätiger Genius, bald persönlich, bald mit guten Gaben. Auch diesmal hast Du viel Freude angerichtet, wofür Dir der schönste Dank von allen abgetragen wird.

Daß Du mit Zeltern manchmal zusammen bist, ist mir lieb, ich hoffe immer noch, Du wirst Dich noch besser in ihn finden, es könnte mir viel Freude machen. Du bist vielseitig genug, aber auch manchmal ein recht beschränkter Eigensinn, und besonders, was die Musik betrifft, hast Du wunderliche Grillen in Deinem Köpfchen erstarren lassen, die mir insofern lieb sind, weil sie Dein gehören, deswegen ich Dich auch keineswegs deshalb meistern noch quälen will; im Gegenteil, wenn ich Dir ein unverhohlnes Bekenntnis machen soll, so wünsch ich Deine Gedanken über Kunst überhaupt wie über die Musik mir zugewendet. In einsamen Stunden kannst Du nichts Bessers tun als Deinem lieben Eigensinn nachhängen und ihn mir trauen, ich will Dir auch nicht verhehlen, daß Deine Ansichten trotz allem Absonderlichen einen gewissen Anklang in mir haben, und so manches, was ich in früherer Zeit wohl auch in feinem Herzen getragen, wieder anregen, was mir denn in diesem Augenblick sehr zustatten kommt; bei Dir wäre sehr zu wünschen, was die Weltweisen als die wesentlichste Bedingung der Unsterblichkeit fordern, daß nämlich der ganze Mensch aus sich heraustreten müsse ans Licht. Ich muß Dir doch auf's dringendste anempfehlen, diesen weisen Rat so viel wie möglich nachzukommen, denn obschon ich nicht glaube, daß hierdurch alles Unverstandne und Rätselhafte genügend gelöst würde, so wären doch wohl die erfreulichsten Resultate davon zu erwarten.

Von den guten Musiksachen, die ich Dir verdanke, ist schon gar manches einstudieret und wird oft wiederholt. Überhaupt geht unsre kleine musikalische Anstalt diesen Winter recht ruhig und ordentlich fort.

Von mir kann ich Dir wenig sagen, als daß ich mich wohl befinde, welches denn auch sehr gut ist. Für lauter Äußerlichkeiten hat sich von ihnen nichts entwickeln können. Ich denke, das Frühjahr und einige Einsamkeit wird das Beste tun. Ich danke Dir zum schönsten für das Evangelium juventutis, wovon Du mir einige Perikopen gesendet hast. Fahre fort von Zeit zu Zeit, wie es Dir der Geist eingibt.

Und nun lebe wohl und habe nochmals Dank für die warme Glanzweste. Meine Frau grüßt und dankt zum schönsten. Riemer hat wohl schon selbst geschrieben. Jena, wo ich mich auf vierzehn Tage hinbegeben.

Den 11. Januar 1811

G.

An Goethe

Also ist mein lieber Freund allein! Das freut mich, daß Du allein bist, Denke meiner! Lege die Hand an die Stirne und denke meiner, daß ich auch allein bin. In beiliegenden Blättern der Beweis, daß meine Einsamkeit mit Dir erfüllt ist, ja, wie sollte ich anders zu solchen Anschauungen kommen, als indem ich mich in Deine Gegenwart denke.

Ich habe eine kalte Nacht verwacht, um meinen Gedanken nachzugehen, weil Du so freundlich alles zu wissen verlangst, ich hab doch nicht alles aufschreiben können, weil diese Gedanken zu flüchtig sind. Ach ja, Goethe, wenn ich alles aufschreiben wollte, wie wunderlich würde das sein. Nimm vorlieb, ergänze Dir alles in meinem Sinn, in dem Du ja doch zu Hause bist. Du und kein andrer hat mich je gemahnt, Dir meine Seele mitzuteilen, und ich möchte Dir nichts vorenthalten, darum möcht ich aus mir heraus ans Licht treten, weil Du allein mich erleuchtest.

Beiliegende Blätter geschrieben in der Montagnacht.

Über Kunst. Ich hab sie nicht studiert, weiß nichts von ihrer Entstehung, ihrer Geschichte, ihrem Standpunkt. Wie sie einwirkt, wie die Menschen sie verstehen, das scheint mir unecht.

Die Kunst ist Heiligung der sinnlichen Natur, hiermit sag ich alles, was ich von ihr weiß. Was geliebt wird, das soll der Liebe dienen, der Geist ist das geliebte Kind Gottes, Gott erwählt ihn zum Dienst der sinnlichen Natur, das ist die Kunst. Offenbarung des Geistes in den Sinnen ist die Kunst. Was Du fühlst, das wird Gedanke und was Du denkst, was Du zu erdenken strebst, das wird sinnliches Gefühl. Was die Menschen in der Kunst zusammentragen, was sie hervorbringen, wie sie sich durcharbeiten, was sie zu viel oder zu wenig tun, das möchte manchen Widerspruch erdulden, aber immer ist es ein Buchstabieren des göttlichen Es werde.

Was kann uns ergreifen an der Darstellung einer Gestalt, die sich nicht regt, die den Moment ihrer geistigen Tendenz nicht zu entwickeln vermag? Was kann uns durchdringen in einer gemalten Luftschicht, in welcher die Ahnung des steigenden Lichts nie erfüllt wird? Was bewegt uns zu heimatlichem Sehnen in der gemalten Hütte sogar? Was zu dem vertraulichen Hinneigen zum nachgeahmten Tiere? Wenn es nicht eine Sanktion des keimenden Geistes der Erzeugung ist!

Ach, was fragst Du nach der Kunst, ich kann Dir nichts Genügendes sagen? Frage nach der Liebe, die ist meine Kunst, in ihr soll ich darstellen, in ihr soll ich mich fassen und heiligen.

Ich fürchte mich vor Dir, ich fürche mich vor dem Geist, den Du in mir aufstehen heißest, weil ich ihn nicht aussprechen kann. Du sagst in Deinem Brief, der ganze Mensch müsse aus sich heraustreten ans Licht; nie hat dies einfache untrügliche Gebot mir früher eingeleuchtet, jetzt aber, wo Deine Weisheit mich ans Licht fordert, was hab ich da aufzuweisen, als nur Verschuldungen gegen diesen inneren Menschen; siehe da! Er war mißhandelt und unterdrückt. Ist aber dieses Hervortreten des innern Menschen ans Licht nicht die Kunst? Dieser innere Mensch, der ans Licht begehrt, daß ihm Gottes Finger die Zunge löse, das Gehör entbinde, alle Sinne erwecke, daß er empfange und ausgebe! Und ist hier die Liebe nicht allein Meisterin und wir ihre Schüler in jedem Werke, das wir durch ihre Inspiration vollbringen?

Kunstwerke sind zwar allein das, was wir Kunst nennen, durch was wir die Kunst zu erkennen und zu genießen glauben. Aber soweit die Erzeugung Gottes in Herz und Geist erhaben ist über die Begriffe und Mitteilungen, die wir uns von ihm machen, über die Gesetze, die von ihm unter uns im zeitlichen Leben gelten sollen, ebenso erhaben ist die Kunst über das, was die Menschen unter sich von ihr geltend machen. Wer sie zu verstehen wähnt, der wird nicht mehr leisten, als was der Verstand beherrscht. Wessen Sinne aber ihrem Geist unterworfen sind, der hat die Offenbarung.

Alles Erzeugnis der Kunst ist Symbol der Offenbarung, und da hat oft der auffassende Geist mehr teil an der Offenbarung als der erzeugende. Die Kunst ist Zeugnis, daß die Sprache einer höheren Welt deutlich in der unsern vernommen wird, und wenn wir sie auslegen zu wollen uns nicht vermessen, so wird sie selbst die Vorbereitung jenes höheren Geisteslebens in uns bewirken, von dem sie die Sprache ist. Es ist nicht nötig, daß wir sie verstehen, aber daß wir an sie glauben. Der Glaube ist der Same, durch den ihr Geist in uns aufgeht, so wie durch ihn alle Weisheit aufgeht, da er der Same ist einer unsterblichen Welt. Da das höchste Wunder wahr ist, so muß wohl alles, was dazwischen liegt, eine Annäherung zur Wahrheit sein, und nur der richtende Menschengeist führt in die Irre. Was kann und darf uns billiger Weise noch wundern als unsre eigne Kleinheit? Alles ist Vater und Sohn und heiliger Geist; der irdischen Weisheit Grenze sind die sternebeschienenen Menschlein, die von ihrem Lichte fabeln. Die Wärme Deines Blutes ist Weisheit, denn die Liebe gibt das Leben allein. Die Wärme Deines Geistes ist Weisheit, denn die Liebe belebt den Geist allein; wärme mein Herz durch Deinen Geist, den Du mir einhauchst, so hab ich den Geist Gottes, der nur allein vermag's.

Diese kalte Nacht hab ich zugebracht am Schreibtisch, um das Evangelium juventutis weiterzuführen, und habe viel gedacht, was ich nicht sagen kann.

Die Vorratskammer der Erfahrung hat Vorteile aufgespeichert, diese benützen zu können nach Bedürfnis, ist Meisterschaft; sie auf den Schüler überzutragen, ist Belehrung; hat der Schüler alles erfaßt und versteht er es anzuwenden, so wird er losgesprochen; dies ist die Schule, durch welche die Kunst sich fortpflanzt. Ein so Losgesprochener ist einer, dem alle Irrwege zwar offen stehn, aber nicht der rechte. Aus der langgewohnten Herberge, in die die Lehre der Erfahrung ihn eingepfercht hatte, entlassen, ist die Wüste des Irrtums seine Welt, aus der er nicht herauszutreten vermag, jeder Weg, den er ergreift, ist ein einseitiger Pfad des Irrtums; des göttlichen Geistes bar, durch Vorurteile verleitet, sucht er seine Kunstgriffe in Anwendung zu bringen, hat er sie alle an seinem Gegenstand durchgesetzt, so hat er ein Kunstwerk hervorgebracht. Mehr hat noch nie das Bestreben eines durch die Kunstschule gebildeten Künstlers erworben. Wer je zu etwas gekommen ist in der Kunst, der hat seiner Kunstgriffe vergessen, dessen Fracht von Erfahrungen hat Schiffbruch gelitten, und die Verzweiflung hat ihn am rechten Ufer landen lassen. Was aus solcher gewaltsamen Epoche hervorgeht, ist zwar oft ergreifend, aber nicht überzeugend, weil der Maßstab des Urteils und des Begriffs immer nur jene Erfahrungen und Kunstgriffe sind, die nicht passen, wo das Erzeugnis nicht durch sie vermittelt ist; dann auch weil das Vorurteil der errungenen Meisterschaft nicht zuläßt, daß etwas sei, was nicht in ihm begriffen ist, und so die Ahnung einer höheren Welt ihm verschlossen bleibt. Die Erfindung dieser Meisterschaft wird gerechtfertigt durch den Grundsatz: »Es ist nichts neues, alles ist vor der Imagination erfunden.« Ihre Erzeugnisse teilen sich in den Mißbrauch des Erfundenen zu neuen Erfindungen, in das Scheinerfinden, wo das Kunstwerk nicht den Gedanken in sich trägt, sondern seine Entbehrung durch die Kunstgriffe und Erfahrung der Kunstschule vermittelt sind, und in die Erzeugungen, die so weit gehen, als dem Gedanken durch Bildung erlaubt ist, etwas zu fassen. Je klüger, je abwägender, je fehlerfreier, je sicherer, desto wohlverstandener, von und für die Menge, und dies nennen wir Kunstwerke.

Wenn wir eines Helden Standbild machen, wir kennen seine Lebensverhältnisse, verbinden diese mit der Genugtuung der Ehre auf eine gebildete Weise, ein jeder einzelne Teil enthält einen harmonischen Begriff seiner Individualität, das Ganze entspricht dem Maße der Erfahrung im Schönen, so sind wir hinlänglich befriedigt. Dies ist aber nicht die Aufgabe des Kunstwerks, die durch das Genie gefördert wird; diese ist nicht befriedigend, sondern überwältigend, sie ist nicht der Repräsentant einer Erscheinung, sondern die Offenbarung des Genies selbst, in der Erscheinung. Ihr werdet nicht sagen: »Dies ist das Bild eines Mannes, der ein Held war«, sondern: »Dies ist die Offenbarung des Heldentums, das sich in diesem Kunstwerk verkörperte.« Zu solcher Aufgabe gehört nicht Berechnung, sondern Leidenschaft, oder vielmehr Erleiden einer göttlichen Gewalt. Und welcher Künstler das Heldentum (ich nehme es als Repräsentant jeder Tugend, denn jede Tugend ist lediglich Sieg) so darstellt, daß es die Begeistrung, die seine Erscheinung ist, mitteilt: der ist dieser Tugend nicht allein fähig, sondern sie ist schon in ihm wiedergeboren. In der bildenden Kunst steht der Gegenstand fest wie der Glaube, der Geist des Menschen umwandelt ihn wie der Begriff; Erkenntnis im Glauben bildet das Kunstwerk, welches erleuchtet.

In der Musik ist die Erzeugung selbst ein Wandeln der göttlichen Erkenntnis, die in den Menschen hereinleuchtet ohne Gegenstand, und der Mensch selbst ist die Empfängnis. In allem ist ein Verein der Liebe, ein Ineinanderfügen geistiger Kräfte. Jede Erregung wird Sprache, Aufforderung an den Geist; er anwortet: und dies ist Erfindung. Dies also ist die geheime Grundlage der Erfindung: das Vermögen des Geistes, auf eine Frage zu antworten, die nicht einen bestimmten Gegenstand zur Aufgabe hat, sondern die vielleicht bewußtlose Tendenz der Erzeugung ist.

Alle Regungen geistiger Ereignisse des Lebens nach außen haben einen solchen tief verborgnen Grund; so wie der Lebensatem sich in die Brust senkt, um aufs neue Atem zu schöpfen, so senkt sich der erzeugende Geist in die Seele, um aufs neue in die höhere Region ewiger Schöpfungskraft aufzusteigen.

Die Seele atmet durch den Geist, der Geist atmet durch die Inspiration, und die ist das Atmen der Gottheit.

Das Aufatmen des göttlichen Geistes ist Schöpfen, Erzeugen; das Senken des göttlichen Atems ist Gebären und Ernähren des Geistes, so erzeugt, gebärt und ernährt sich das Göttliche im Geist; so, durch den Geist in der Seele, so durch die Seele in dem Leib. Der Leib ist die Kunst, sie ist die sinnliche Natur, ins Leben des Geistes erzeugt.

In der Künstlersprache heißt es: Es kann nichts neues erfunden werden, alles ist schon vorher dagewesen; ja! Wir können auch nur im Menschen erfinden, außer ihm gibt es nichts, denn da ist der Geist nicht, denn Gott selbst hat keine andere Herberge als den Geist des Menschen. Der Erfinder ist die Liebe. Da nur das Umfassen der Liebe das Dasein gründet, so liegt außer diesem Umfaßten kein Dasein, kein Erfundenes. Das Erfinden ist nur ein Gewahrwerden, wie der Geist der Liebe in dem von ihr begründeten Dasein waltet.

Der Mensch kann nicht erfinden, sondern nur sich selbst empfinden, nur auffassen, erkennen, was der Geist der Liebe zu ihm spricht, wie er sich in ihm nährt und ihn durch sich belehrt. Außer diesem Gewahrwerden der göttlichen Liebe, in Sprache der Erkenntnis umsetzen: ist keine Erfindung.

Wie könnte der Geist nun erfinden wollen, da nur er das Erfundene ist, da die Entfaltung seines Lebens nur die Entwicklung der Leidenschaft ist, die ihm einzuflößen der göttlichen Liebe Genuß und Nahrung ist, da sein Atem nur das Verzehren dieser Leidenschaft ist, und da seine Erzeugnisse nur das Verkörpern dieser Leidenschaft sind.

Also das Dasein ist das Umfassen der Liebe, das Geliebtsein. Das Erfinden, das Aussprechen ist das Einflößen ihrer Leidenschaft in den menschlichen Geist. Die Schönheit aber ist der Spiegel ihrer Seligkeit, die sie in der Befriedigung ihrer Leidenschaft hat. Die Seligkeit der Liebe spiegelt sich in dem Geist, den sie erzeugt, den sie mit Leidenschaft durchdringt, daß er sie begehre; dieses Begehren zu befriedigen, erzeugt ihren Genuß, dieses Mitgefühl ihres Genusses, ihrer Seligkeit, spricht der Geist durch Schönheit aus. Die Schönheit verkörpert sich durch den liebenden Geist, der die Form mit Leidenschaft durchdringt, so wie die Liebe die selbsterschaffene Form des Geistes durchdringt. Dann spricht nachher die sinnliche Form die Schönheit des Geistes aus, wie der von Leidenschaft erfüllte Geist die Schönheit der Liebe ausspricht. Und so ist die Schönheit der irdischen Form der Spiegel der Seligkeit des liebenden Geistes, wie die Schönheit der Seele der Spiegel der Seligkeit der liebenden Gottheit ist.

Mein Freund glaubt vielleicht, ich sei mondsüchtig, da wir heute Vollmond haben, ich glaub's auch.

Den 1. August 1817

Nicht geahndet hab ich es, daß ich je wieder so viel Herz fassen würde an Dich zu schreiben, bist Du es denn? oder ist es nur meine Erinnerung, die sich so in der Einsamkeit zu mir lagert und mich allein mit ihren offnen Augen anblickt? Ach, wie vielmal hab ich in solchen Stunden Dir die Hand dargeboten, daß Du die Deinigen hineinlegen möchtest, daß ich sie beide an meine Lippen drücken könnte. Ich fühl es jetzt wohl, daß es nicht leicht war, mich in meiner Leidenschaftlichkeit zu ertragen, ja ich ertrage mich selbst nicht, und mit Schauder wende ich mich von all den Schmerzen, die die Betrachtung in mir aufwühlt. Warum aber gerad heute, nachdem Jahre vorüber sind, nachdem Stunden verwunden sind, wo ich mit Geistern zu kämpfen hatte, die mich zu Dir hin mahnten? Heute bedachte ich es, daß vielleicht auch du nie eine Liebe erfahren habest, die bis ans End gewährt habe, heute hatte ich die Haare in Händen, die Deine Mutter sich abschnitt, um sie mir als ein Zeichen ihrer Liebe nach ihrem Tode reichen zu lassen, und da faßte ich Herz, einmal will ich Dich noch rufen, was kann mir widerfahren, wenn Du nicht hörst?

Die Leute gehen jetzt häufig in die Kirche, sie gehen zum Abendmahl, sie sprechen viel von ihrem Freund und Herrn, von dem Sohn ihres Gottes;

ich habe nicht einmal den Freund bewahrt, den ich mir selbst erwählte, mein Mund hat sich geschlossen über ihn, als ob ich ihn nicht kenne, ich habe das Richtschwert der Zunge über ihm blitzen sehen und hab es nicht abgewehrt, siehst Du, so wenig Gutes ist in mir, da ich doch damals so gewiß besser sein wollte als alle, die so sind.

Mir träumte vor drei Jahren, ich erwache aus einem ruhigen Schlaf auf Deinen Knien sitzend, an einer langen gedeckten Tafel, Du zeigtest mir ein Licht, was tief herabgebrennt war und sagtest: »So lange hab ich dich an meinem Herzen schlafen lassen, alle Gäste sind von der Tafel weggegangen, ich allein bin, um deine Ruhe nicht zu stören, sitzengeblieben, nun werfe mir nicht mehr vor, daß ich keine Geduld mit dir habe« ja wahrlich, das träumte ich, ich wollte Dir damals schreiben, aber eine Bangigkeit, die mir bis in die Fingerspitzen ging, hielt mich davon ab; nun grüße ich Dich nochmals durch alle Nacht der Vergangenheit und drücke die Wunden wieder zu, die ich so lange nicht zu beschauen wagte, und warte ab, ob Du mich auch noch hören willst, eh ich Dir mehr erzähle.

Bettine

Den Tag, an dem ich dies geschrieben, geriet das Komödienhaus in Brand, ich ging nach dem Platz, wo Tausende mit mir dies unerhörte Schauspiel genossen, die wilden Flammendrachen rissen sich vom Dache los und ringelten sich nieder oder wurden von Windstößen zerrissen, die Hitze hatte die schon tröpfelnden Wolken verzehrt oder zerteilt, und man konnte durch die rote Glut ruhig ins Antlitz der Sonne sehen, der Rauch wurde zum rötlichen Schleier. Das Feuer senkte sich in die innern Gemächer und hüpfte von außen hier und dort auf dem Rand des Gebäudes umher, das Gebälke des Daches war in einem Nu in sich hereingestürzt, und das war herrlich; nun muß ich Dir auch erzählen, daß es währenddem in mir jubelte, ich glühte mit, der irdische Leib verzehrte sich, und der unechte Staat verzehrte sich mit, man sah durch die geöffnete Türe, durch die dunkeln toten Mauern alle Fenster schwarz, den Vorhang des Theaters brennend niederstürzen, nun war das Theater im Augenblick ein Feuermeer, jetzt ging ein leises Knistern durch alle Fenstern, und sie waren weg, ja, wenn die Geister solcher Elemente einmal die Flügel aus den Ketten los haben, dann machen sie es arg. In dieser andern Welt, in der ich nun stand, dachte ich an Dich, den ich schon so lange verlassen hatte; Deine Lieder, die ich lange nicht gesungen hatte, zuckten auf meinen Lippen, ich allein vielleicht unter den Tausenden, die da standen, die schauderten, die jammerten, ich allein fühlte in seliger einsamer Begeisterung, wie feuerfest Du bist ein Rätsel hatte sich gelöst, deutlicher und besser konnte der Schmerz, der oft in früheren Zeiten in meiner Brust wühlte, nicht erläutert werden, ja es war gut, mit diesem Hause brannte ein dumpfes Gebäude nieder, frei und licht ward's in meiner Seele, und die Vaterlandsluft wehte mich an, noch eins will ich Dir davon erzählen: in den ersten Nachmittagsstunden schon hatte das Feuer seine Rolle im Innern ausgespielt, wie der Mond aufging, hüpften die kleinen Flammengeister spielend in die Fenstermauern, in den Verzierungen tanzend lichteten sie die geschwärzten Masken. Am dritten Tag schlug die Flamme aus den tiefgehöhlten Balkenlöchern. Gelt, mehr läßt sich nicht erwarten, willst Du mir nun über all diesen Schutt die Hand wieder reichen, willst Du bis ans End mich warm und liebend für Dich wissen, so sag ein Wort, aber bald, denn ich habe Durst.

Seit den langen Jahren hab ich das Schreiben verlernt, die Gedanken arbeiten sich auf ungeebnetem Weg durch, und doch denk ich mich noch wie den schäumenden Becher in Deiner Hand, aus dem Du gern nippen magst.

Wenn das beigefügte Blatt noch seine Farbe hat, so kannst Du sehen, welche Farbe meine Liebe zu Dir hat, denn immer kommt's mir vor, als ob's grad so innig rot und so ruhig, und der goldne Samenstaub auch, so ist Dein Bett in meinem Herzen bereitet, verschmähe es nicht. Meine Adresse ist Georgen-Straße Nr. 17.

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