> Gedichte und Zitate für alle: Bettina von Arnim: Tagebuch zu Goethes Briefwechsel mit einem Kinde (22)

2019-11-01

Bettina von Arnim: Tagebuch zu Goethes Briefwechsel mit einem Kinde (22)



So hab ich allmählich Zuversicht gewonnen und war vertraulich mit der Natur und hab zum Scherz manche Prüfung bestanden, Sturm und Gewitter zog mich hinaus und das machte mich freudig; die heiße Sonne scheute ich nicht, ich legte mich ins Gras unter die schwärmenden Bienen mit Blütenzweigen im Mund und glaubte fest, sie würden meine Lippen nicht stechen, weil ich so befreundet war mit der Natur; und so bot ich allem Trotz, was andre fürchteten, und in der Nacht, in schauerlichen Wegen im finstern Gebüsch, da lockte es mich hin, da war's überall so heimlich, und nichts war zu fürchten.

Oben im ersten und höchsten Garten stand die Klosterkirche auf einem Rasenplatz, der am felsigen Boden hinab grünte und mit einem hohen Gang von Trauben umgeben war, er führte zur Türe der Sakristei, vor dieser saß ich oft, wenn ich meine Geschäfte in der Kirche versehen hatte, denn ich war Sakristan, ein Amt, dem es oblag, den Kelch, in dem die geweihten Hostien bewahrt wurden, zu reinigen und die Kelchtücher zu waschen, dies Amt wurde nur dem Liebling unter den jungfräulichen Kindern vertraut, die Nonnen hatten mich einstimmig dazu erwählt. In dieser Türwölbung saß ich manchen heißen Nachmittag, links in der Ecke des Kreuzbaues das Bienenhaus unter hohen Taxusbäumen, rechts der kleine Bienengarten, bepflanzt mit duftenden Kräutern und Nelken, aus denen die Bienen Honig saugten. In die Ferne konnte ich von da sehen; die Ferne, die so wunderlich Gefühle in der Kinderseele erregt, die ewig eins und dasselbe vor uns liegt, bewegt in Licht und Schatten, und zuerst schauerliche Ahnungen einer verhüllten Zukunft in uns weckt; da saß ich und sah die Bienen von ihren Streifzügen heimkehren, ich sah, wie sie sich im Blumenstaub wälzten und wie sie weiter und weiter flogen in die ungemessene Ferne, wie sie im blauen sonnedurchglänzten Äther verschwebten, und da ging mir mitten in diesen Anwandlungen von Melancholie auch die Ahnung von ungemessenem Glück auf.

Ja die Wehmut ist der Spiegel des Glücks; Du fühlst, Du siehst in ihr ausgesprochen ein Glück, nach dem sie sich sehnt. Ach und im Glück wieder durch allen Glanz der Freude durchschimmernd diese schmerzliche Wollust. Ja das Glück ist auch der Spiegel dieser aus unergründlichen Tiefen aufsteigenden Wehmut. Und jetzt noch in der Erinnerung, wie in den Kindertagen, füllt sich meine Seele mit jener Stimmung, die leise mit der Dämmerung hereinbrach und dann wieder nachgab, wenn das Sonnenlicht mit dem Sternenlicht gewechselt hatte und der Abendtau meine Haare losringelte. Die kalte Nachtluft stählte mich, ich buhlte, ich neckte mich mit den tausend Augen der Finsternis, die aus jedem Busch mir entgegen blitzten. Ich kletterte auf die Kastanienbäume, legte mich so schlank und elastisch auf ihre Äste; wenn dann der Wind durchschwirrte und jedes Blatt mich anflüsterte, da war's, als redete sie meine Sprache. Am hohen Traubengeländer, das sich an die Kirchenmauer anlehnte, stieg ich hinauf und hörte die Schwalben in ihrem Nestchen plaudern; halb träumend zwitschern sie zwei –, dreisilbige Töne, und aus tiefer Ruhe seufzt die kleine Brust einen süßen Wohllaut der Befriedigung.

Lauter Liebesglück, lauter Behagen, daß ihr Bettchen von befreundeter Wärme durchströmt ist.
O Weh über mich, daß mir im Herzen so unendlich weh ist, bloß weil ich dies Leben der Natur mit angeschaut hab in meinen Kindertagen; diese tausendfältigen Liebesseufzer, die die Sommernacht durchstöhnen, und inmitten dieser ein einsames Kind, einsam bis ins innerste Mark, das da lauscht ihren Seligkeiten, ihrer Inbrunst, das in dem Kelch der Blumen nach ihren Geheimnissen forscht, das ihren Duft in sich saugt wie eine Lehre der Weisheit, das erst über die Traube den Segen spricht, ehe es sie genießt.

Aber da war ein hoher Baum mit feinen phantastischen Zweigen, breiten Sammetblättern, die sich wie ein Laubdach ausdehnten; oft lag ich in seiner kühlen Umwölbung und sah hinauf, wie das Licht durch ihn äugelte, und da lag ich mit freier Brust in tiefem Schlaf; ja mir träumte von süßen Gaben der Liebe, gewiß, sonst hätte ich den Baum nicht sogleich verstanden, da ich erwachte, weil eben die reife Frucht sich von seinen Zweigen gelöst hatte und im Fallen auf meine Brust ihr Saft mich netzte; dies schöne dunkle überreife Blut der Maulbeere, ich kannte sie nicht, ich hatte sie nie gesehen, aber mit Zutrauen verzehrten sie meine Lippen wie Liebende den ersten Kuß verzehren. Und es gibt Küsse, von denen fühl ich, sie schmecken wie Maulbeeren.

Sag, sind das Abenteuer? und würdig, daß ich sie Dir erzähle?

* * *

Und soll ich Dir noch mehr erzählen von diesen einfachen Ereignissen, die so gewöhnlich sind wie der Atem, der die Brust hebt, und doch fanden sie auf der reinen, noch unbeschriebenen Tafel der Erinnerung einen unverlöschbaren Eindruck. Sieh, wie dem Kind in den Windeln die ganze sinnliche Natur zur Nahrung seiner Kräfte gedeiht, bis es mannbar wird und mit seinen Gliedern das Pferd und das Schwert regiert, so gedeiht auch das Empfinden der Geistigkeit des Naturlebens zur Nahrung des Geistes. Nicht jetzt noch würde ich jene Sonnenstrahlen mit dem Auge der Erinnerung auffangen, nicht mich der Wolkenzüge als erhabener Begebnisse erinnern, die Blumen der verschwundenen Frühlinge würden mir nicht heute noch mit ihren Farben und Formen zulächeln, und die reifen Früchte, denen ich liebkoste, eh ich sie genoß, würden mich nicht nach verschwundenen Jahren, wie aus den Träumen seliger Genüsse, mahnen an die heimliche Lust. Sie lachten mich an, diese runden Äpfel, die gestreiften Birnen und die schwarzen Kirschen, die ich mir aus den höchsten Zweigen erkletterte. O keine Erinnerung brennt mehr in meinem Herzen, auf meinen Lippen, die dieser den Rang abliefe; nicht Du, nicht andre haben für die süße Kost der Kirsche, auf höchstem Gipfel im brennenden Sonnenlicht gereift, oder der waldeinsamen Erdbeere, unter betautem Gras aufgefunden, mich nur einmal entschädigt. Darum, weil er denn in den Geist so tief eingegraben ist, der Genuß kindlicher Jugend, so tief wie die Flammenschrift der Leidenschaft, so ist er wohl auch eine göttliche Offenbarung, und er bedingt viel in der Brust, in der er haftet.

Gedanken sind auch Pflanzen, sie schweben im geistigen Äther, die Empfindung ist ihre Muttererde, in der sie ihre Wurzeln ausdehnen und nähren; der Geist ist ihre Luft, in dem sie ihre Blüten ausbreiten und ihren Duft; der Geist, in dem viele Gedanken ihre Blüten treiben, der ist ein gewürziger Geist, in seiner Nähe atmen wir seine Verklärung. Die ganze Natur ist aber ein Spiegel von dem, was im Geistesleben vorgeht. Keinem Sommervogel hab ich umsonst nachgejagt, mein Geist empfing dadurch die Befähigung, einem verborgenen, idealischen Reiz nachzujagen; und hab ich das klopfende Herz in die hohen Kräuter der blühenden Erde gedrückt: ich lag am Busen einer göttlichen Natur, die meiner Inbrunst, meiner Sehnsucht kühlenden Balsam zuträufelte, der alles Begehren in geistiges Schauen umwandelte.

Die wandelnden Herden in der Abenddämmerung mit ihrem Geläut, die ich oben von der Mauer herab mit stillem Entzücken betrachtete, die Schalmei des Schäfers, der in Mondnächten seine Schafe von Triften zu Triften leitete, das Bellen des Hundes in der Ferne, die jagenden Wolken, die aufseufzenden Abendwinde, das Rauschen des Flusses, das sanfte Anklatschen der Wellen am steinigen Ufer, das Einschlafen der Pflanzen, ihr Einsaugen des Morgenlichtes, das Kämpfen und Spielen der Nebel, o sag, welcher Geist hat mir das geistig noch einmal geboten? Du? Hast Du Dich so traulich an mich geschmiegt wie die Abendschatten? Hat Deine Stimme wehmütig freundlich in mich eingedrungen wie jene ferne Rohrpfeife? Hat der Hund mir angeschlagen, es nahe sich einer auf heimlicher Fährte, dem mein Herz entgegenschlägt? Und habe ich nach glücklichen Stunden wie jene schlaftrunkne Natur mit dem Bewußtsein befriedigter Sehnsucht, mich der Ruhe hingegeben? Nein! Nur in dem Spiegel der Natur hab ich's erfahren und die Bilder einer höheren Welterscheinung gesehen. So nimm denn jene Mitteilungen als Ereignisse hohen Genusses und reizender Liebesbegebenheiten auf; was hab ich alles durch sie ahnen und begreifen gelernt! Und was können wir mehr vom Leben fordern, was kann es Besseres in uns vorbereiten als die Befähigung zur Seligkeit! Wenn also Sinne und Geist so bewegt war durch das Regen in der Natur, wenn die Begierde gespannt war durch ihr Schmachten, wenn ihr Dursten, ihr Trinken, ihr Brennen und Verzehren, ihr Erzeugen und Ausbrüten das Herz durchströmte, sag, was hätte ich da nicht erfahren im Liebesglück; und welche Blume würde mir im Paradies nicht duften und welche Frucht mir nicht reifen?

Darum nimm sie auf, diese Hieroglyphen höherer Seligkeit, wie sie mein Gedächtnis nacheinander aufzeichnet. O sieh doch, das Buch der Erinnerung blättert sich ja grade in Deiner Gegenwart an diesen merkwürdigen Stellen auf; Du! Du wirst mir vielleicht im Paradiese die Äpfel vom unverbotenen Baum pflücken; an Deiner Brust werde ich dort aufwachen, und die Melodien einer beseligenden Schöpfung werden meine Lust in Deinen Busen hauchen.

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Eins bewahr im Herzen: daß Du mir den reinsten Eindruck von Schönheit gemacht hast, dem ich unmittelbar gehuldigt habe, und daß nichts dem Ursprünglichen in Deiner Natur Eintrag tun könne, und daß meine Liebe innig mit diesem einverstanden ist.

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Nur so weit geht die Höhe der Seligkeit, als sie begriffen wird; was der Geist nicht umfaßt, das macht ihn nicht glücklich, vergebens würden Cherubim und Seraphim ihn auf ihren Schwingen höher tragen; er vermöchte nie sich da zu erhalten.

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Ahnungen sind Regungen, die Flügel des Geistes höher zu heben; Sehnsucht ist ein Beweis, daß der Geist eine höhere Seligkeit sucht; Geist ist nicht allein Fassungsgabe, sondern auch Gefühl und Instinkt des Höheren, aus dem er seine Erscheinung, den Gedanken entwickelt; der Gedanke aber ist nicht das Wesentliche, wir könnten seiner entbehren, wenn er nicht für die Seele der Spiegel wär, in dem sie ihre Geistigkeit erkennt.

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Der verschloßne Same und die Blüte, die aus ihm erwächst, sind einander nicht vergleichbar, und doch ist sein erstes Keimen die Ahnung dieser Blüte, und so wächst und gedeiht er fort mit gesteigerter Zuversicht, bis Blüte und Frucht seinen ersten Instinkt bewährt, der, wenn er verloren gehen könnte, keine Blüte und Früchte tragen würde.

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Und wenn ich's auch ins Buch schreibe, daß ich heute traurig bin, kann mich's trösten? Wie öde sind diese Zeilen! Ach sie bezeichnen die Zeit des Verlassenseins. Verlassen! War ich denn je vereint mit dem, was ich liebte? War ich verstanden? Ach warum will ich verstanden sein? Alles ist Geheimnis, die ganze Natur, ihr Zauber, die Liebe, ihre Beseligung, wie ihre Schmerzen. Die Sonne scheint, treibt Blüte und Frucht, aber ihr folgen die Schatten und die winterliche Zeit. Sind denn die Bäume auch so trostlos, so verzweiflungsvoll in ihrem Winter wie das Herz in seiner Verlassenheit? Sehnen sich die Pflanzen? Ringen sie nach dem Blühen, wie mein Herz heute ringt, daß es lieben will, daß es empfunden sein will? Du mich empfinden? Wer bist Du, daß ich's von Dir verlangen muß? Ach! Die ganze Welt ist tot; in jedem Busen ist's öde! gäb's ein Herz, einen Geist, der mir erwachte!

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Komm! Laß uns noch einmal die hängenden Gärten, in denen meine Kindheit einheimisch war, durchlaufen; laß Dich durch die langen Laubgänge geleiten zu dem Glockenturm, wo ich mit leichter Mühe das Seil in Schwung brachte, um zu Tisch oder zum Gebet zu rufen; und abends um sieben Uhr läutete ich dreimal das Angelus, um die Schutzengel zur Nachtwache bei den Schlafenden zu rufen. O damals schnitt mir das Abendrot ins Herz, und das schweifende Gold, in das sich die Wolken senkten; o ich weiß es noch wie heute, daß es mir weh tat, wenn ich so einsam durch das schlafende Blumenfeld ging, und weiter, weiter Himmel um mich, der in beschwingter Eile seine Wolken zusammentrieb, wie eine Herde, die er weiterführen wollte, der rotes, blaues und gelbes Gewand entfaltete, und dann wieder andre Farben, bis die Schatten ihn übermannten. Da stand ich und sah die verspäteten Vögel mit rascher Eile nach ihrem Nest fliegen; und dachte, wenn doch einer in meine Hand flög, und ich fühlte sein klein Herzchen pochen, ich wollte zufrieden sein; ja, ich glaubte, ein Vögelchen nur, das mir zahm war, könne mich glücklich machen. Aber es flog kein Vogel in meine Hand, ein jeder hatte schon anders gewählt, und ich war nicht verstanden mit meiner Sehnsucht. Ich glaubte doch damals, die ganze Natur bestehe bloß aus dem Begriff aufgeregter Gefühle, davon komme das Blühen aller Blumen, und dadurch schmelze sich das Licht in alle Farben, und darum hauche der Abendwind so leise Schauer übers Herz, und deswegen spiegle sich der Himmel, umgrenzt vom Ufer, in den Wellen. Ich sah das Leben der Natur und glaubte, ein Geist, der der Wehmut, die meine Brust erfüllte, entsprach, sei dies Leben selbst; es seien seine Regungen, seine Gedanken, die dies Tag- und Nachtwandeln der Natur bilde; ja und ich junges Kind fühlte, daß ich einschmelzen müsse in diesen Geist, und daß es allein Seligkeit sei, in ihm aufzugehen; ich rang, ohne zu wissen, was Tod sei, dahin, aufgelöst zu sein; ich war unersättlich, die Nachtluft mit vollen Zügen einzuatmen, ich streckte die Hände in die Luft, und das flatternde Gewand, die fliegenden Haare bewiesen mir die Gegenwart des liebenden Naturgeistes; ich ließ mich küssen von der Sonne mit verschlossenen Augen, und dann öffnete ich sie, und mein Blick hielt es aus; ich dachte: läßt du dich küssen von ihr, und solltest nicht vertragen können, sie anzusehen?

Von dem Kirchgarten führte eine hohe Treppe, über die das Wasser schäumend hinabstürzte, zum zweiten Garten, der rund war, mit regelmäßigen Blumenstücken ein großes Bassin umgab, in dem das Wasser sprang; hohe Pyramiden von Taxus umgaben das Bassin, sie waren mit purpurroten Beeren übersäet, deren jede ein kristallhelles Harztröpfchen ausschwitzte; ich weiß noch alles, und dies besonders war meine Lieblingsfreude, die ersten Strahlen der Morgensonne in diesen Harzdiamanten sich spiegeln zu sehen.

Das Wasser lief aus dem Bassin unter der Erde bis zum Ende des runden Gartens und stürzte von da wieder eine hohe Treppe hinab in den dritten Garten, der den runden Garten ganz umzog und gerade so tief lag, daß die Wipfel seiner Bäume wie ein Meer den runden Garten umwogten. Es war so schön, wenn sie blühten, oder auch wenn die Äpfel und die Kirschen reiften und die vollen Äste herüberstreckten. Oft lag ich unter den Bäumen in der heißen Mittagssonne, und in der lautlosen Natur, wo sich kein Hälmchen regte, fiel die reife Frucht neben mir nieder ins hohe Gras; ich dachte: »Dich wird auch keiner finden!« Da streckte ich die Hand aus nach dem goldnen Apfel und berührte ihn mit meinen Lippen, damit er doch nicht gar umsonst gewesen sein solle.

* * *

Nicht wahr, die Gärten waren schön! Zauberisch! Da unten sammelte sich das Wasser in einem steinernen Brunnen, der von hohen Tannen umgeben war; dann lief es noch mehrere Terrassen hinab, immer in steinerne Becken gesammelt, wo es denn unter der Erde bis zur Mauer kam, die den tiefsten alle andere Gärten umgebenden einschloß, und von da sich ins Tal ergoß, denn auch dieser letzte Garten lag noch auf einer ziemlichen Höhe; da floß es in einem Bach weiter, ich weiß nicht wohin. So sah ich denn von oben hinab seinem Stürzen, seinem Sprudeln, seinem ruhigen Lauf zu; ich sah, wie es sich sammelte und kunstreich emporsprang und in feinen Strahlen umherspielte; es verbarg sich, es kam aber wieder und eilte wieder eine hohe Treppe hinab; ich eilte ihm nach, ich fand es im klaren Brunnen von dunklen Tannen umgeben, in denen die Nachtigallen hausten; da war es so traulich, da spielte ich mit bloßen Füßen in dem kühlen Wasser. Und dann lief's weiter verborgen, und wie es sich außerhalb der Mauer hinabstürzte, das sah ich mit an und konnte es nicht weiter verfolgen, ich mußte es halt dahinlaufen lassen. Ach, es kam ja Welle auf Welle nach, es strömte unaufhaltsam die Treppe hinab; der Wasserstrahl im Springbrunnen spielte Tag und Nacht und versiegte nimmer, aber da, wo es mir entlief, da grade sehnte sich mein Herz nach ihm, und da konnte ich nicht mit; und wenn ich nun Freiheit gehabt hätte und wäre mitgezogen durch alle Wiesen, durch alle Täler, durch die Wüste! Wo der Bach mich am End hingeführt haben möchte!

Ja Herr, ich sehe Dich brausen und strömen, ich seh Dich kunstreich spielen, ich sehe Dich ruhig dahin wandeln, Tag für Tag und plötzlich Deine Bahn lenken hinaus aus dem Reich des Vertrauens, wo ein liebendes Herz seine Heimat wähnte, unbekümmert, daß es verwaist bleibe.

So hat denn der Bach, an dessen Ufern ich meine Kindheit verspielte, mir in seinen kristallnen Wellen das Bild meines Geschickes gemalt, und damals hab ich's schon betrauert, daß die mir sich nicht verwandt fühlten. O komm nur, und spiel meine Kindertage noch einmal mit mir durch, Du bist mir's schuldig, daß Du meine Seufzer in Deine Melodien verhallen läßt, solange ich nicht weiter gehe, als meine kindliche Sehnsucht am Bach; die es auch geschehen lassen mußte, daß er sich losriß und sich energische Bahn brach in die Fremde. In der Fremde, wo es gewiß war, daß mein Bild sich nicht mehr in ihm spiegelte.

* * *

Heute haben wir grünen Donnerstag, da hab ich kleiner Tempeldiener viel zu tun; alle Blumen, die das frühe Jahr uns gönnt, werden abgemäht, Schneeglöckchen, Krokus, Maßlieb und das ganze Feld voll Hyazinthen schmücken den weißen Altar, und dann bring ich die Chorhemdchen und zwölf Kinder mit aufgelösten Haaren werden damit bekleidet; sie stellen die Apostel vor. Nachdem wir mit brennenden, blumengeschmückten Kerzen den Altar umwandelt haben, lassen wir uns im Halbkreis nieder, und die alte Äbtissin mit ihrem hohen Stab von Silber, umwallt vom Schleier und langem, schleppendem Chormantel, kniet vor uns, um uns die Füße zu waschen. Eine Nonne hält das silberne Becken und gießt das Wasser ein, die andre reicht die Linnen zum Abtrocknen; indessen läutet es mit allen Glocken, die Orgel ertönt, zwei Nonnen spielen die Violine, eine den Baß, zwei blasen die Posaune, eine wirbelt auf den Pauken, alle übrigen stimmen mit hohen Tönen die Litanei an: »Sankt Petrus, wir grüßen dich du bist der Fels, auf den die Kirche baut.« Dann geht es zum Paulus, und so die Reihe durch werden alle Apostel begrüßt, bis alle Füße gewaschen sind. Nun siehst Du, das ist ein Tag, auf den wir uns schon ein Vierteljahr lang halb selig gefreut haben. Die ganze Kirche war voll Menschen, sie drängten sich um unsere Prozession und weinten Tränen der Rührung über die lachenden, unschuldigen Apostel.

Von nun an ist der Garten wieder offen, der den Winter über unzugänglich war; jedes läuft an sein Blumengärtchen, da hat der Rosmarin gut überwintert, die Nelkenpflänzchen werden unter dem dürren Laub hervorgescharrt, und so manches junge Keimchen meldet den vergeßnen vorjährigen Blumenflor. Erdbeeren werden verpflanzt und die blühenden Veilchen sorgfältig herausgehoben und in Scherben versetzt; ich trage sie an mein Bett und lege den Kopf dicht an sie heran, damit ich ihren Duft die ganze Nacht ein- und ausatme.

* * *

O was erzähle ich dies alles dem Mann, der fern ab von solchen Kindereien seinen Geist zu andern Sphären trägt! Warum Dir, dem ich schmeicheln, den ich locken will; Du sollst mir freundlich sein, Du sollst, Dir unbewußt, mich allmählich lieben, während ich so mit Dir plaudere; könnte ich Dir nun nichts anders sagen, was Dir wichtiger wär, was Dich bewegte, daß Du mich »geliebtes Kind« nenntest, mich ans Herz drücktest in süßer Regung über das, was Du vernimmst?

Ach ich weiß nichts Besseres, ich weiß keine schönere Freuden als die jener ersten Frühlinge, keine innigere Sehnsucht als die nach dem Aufblühen meiner Blumenknospen, keinen heißeren Durst, als der mich befiel, wenn ich mitten in der schönen blühenden Natur stand, und alles voll üppigem Gedeihen um mich her. Nichts hat freundlicher und mitleidiger mich berührt als die Sonnenstrahlen des jungen Jahrs, und wenn Du eifersüchtig sein könntest, so wär es nur auf diese Zeit, denn wahrlich, ich sehne mich wieder dahin.

* * *

Eine Sonne geht uns auf, sie weckt den Geist wie den jungen Tag, mit ihrem Untergang geht er schlafen; wenn sie aufsteigt, erwacht ein Treiben im Herzen wie der Frühling, wenn sie hoch steht, glüht der Geist mächtig, er ragt über das Irdische hinaus und lernt aus Offenbarungen; wenn sie sich dem Abend neigt, da tritt die Besinnung ein, ihrem Untergang folgt die Erinnerung; wir besinnen uns in der Schattenruhe auf das Wogen der Seele im Lichtmeer, auf die Begeistrung in der Zeit der Glut, und mit diesen Träumen gehen wir schlafen. Manche Geister aber steigen so hoch, daß ihnen die Liebessonne nimmermehr untergeht, und der neue Tag schließt sich an den versinkenden an. Die einsame Zeit ist allein, was mir bleibt; wessen ich mich erinnere, das war in der Einsamkeit erlebt, und was ich erlebt habe, das hat mich einsam gemacht; die ganze weite Welt umspielt in allen Farben den einsamen Geist, sie spiegelt sich in ihm, aber sie durchdringt ihn nicht.

Geist ist in sich, und was er wahrnimmt, was er aufnimmt, das ist seine eigne Richtung, sein Vermögen; es ist seine höchste Offenbarung, daß er erfasse, was er vermag. Ich glaub, im Tode mag's ihm wohl offenbar werden, früher hat er nur ungläubige Anschauungen davon; hätte ich früher geglaubt, so hätte der Geist auch zu erreichen gestrebt, was er unmöglich wähnte, und hätte erlangt, wonach er sich sehnte, denn Sehnsucht ist ein heilig Merkmal der Wahrhaftigkeit seines Ziels, sie ist Inspiration und macht den Geist kühn. Dem Geist soll nichts zu kühn sein, denn weil er alles vermag; er ist der Krieger, dem keine Waffe versagt, er ist der Reiche, dessen Fülle unendliches spendet, er ist der Selige, dem alles Wollust ist; ja wohl, Geist ist die Gottheit! Die Brust saugt die Luft in sich und entläßt sie wieder, um sie wieder zu trinken, und das ist Leben. Der Geist trinkt sehnend die Gottheit und haucht sie wieder aus, um sie abermals zu trinken, und das ist sein Leben; alles andre ist Zufall, ist Spur, Geschichte des Geistes, aber nicht sein Leben.

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Darum ist der Geist einsam, weil ihn nur ein einziges belebt, das ist die Liebe. Die Liebe ist das All. Der Geist ist einsam, weil die Liebe alles allein ist. Die Liebe ist nur für den, der ganz in ihr ist. Liebe und Geist schauen sich einander an, denn sie sind in sich allein und können nur sich sehen.

Ich war auch einsam damals in der Kindheit, die Sterne äugelten mich an, ich begriff sie, die Liebe spricht durch sie.

Die Natur ist die Sprache der Liebe, die Liebe spricht zur Kindheit durch die Natur. Der Geist ist Kind hier auf Erden, drum hat die Liebe die süße, selige, kindliche Natur als Sprache für den Geist geschaffen.

Wär der Geist selbständig, vielleicht führte die Liebe eine andre Sprache. Die Natur lenkt und reicht dar, was der Geist bedarf; sie lehrt, sie erzählt, sie erfindet, sie tröstet, sie beschützt und vertritt seine Unmündigkeit, vielleicht wenn sie den Geist aus der Kindheit herausgeleitet hat, lenkt sie ihn nicht mehr, sie läßt ihn dann selbständig walten, vielleicht ist das jenseitige Leben der Frühling des Geistes, so wie dieses seine Kindheit ist. Denn wir sehnen uns ja nach dem Frühling, nach der Jugend bis zum letzten Augenblick, und dieses Erdenleben ist nur ein Vorbilden für das Jugendleben des Geistes, sie entläßt ihn aus der Kindheit, wie das Samenkorn den Keim entläßt ins Ätherleben.

Blühen ist Geist, es ist Schönheit, es ist Kunst, und sein Duftausströmen ist abermals Streben in ein höheres Element.

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Komm mit, Freund! Scheue nicht den feuchten Abendtau, ich bin ein Kind, und Du bist ein Kind, wir liegen gern unter freiem Himmel und sehen den gemächlichen Zug der Abendwolken, die im purpurnen Gewand dahin schwimmen. O komme! Kein seligerer Traum, kein beglückenderes Ereignis als Ruhe! Stille Ruhe im Dasein; beglückt, daß es so ist, und kein Wähnen, es könne anders sein, oder es müsse anders kommen. Nein! Nicht im Paradies wird es schöner sein, als diese Ruhe ist, die keine Rechenschaft gibt, kein Überschauen des Genusses, weil jeder Augenblick ganz selig ist. Solche Minuten erleb ich mit Dir, nur weil ich Dich denke an meiner Seite in jenen Kinderjahren; da sind wir eines Sinnes, was ich erlebe, spiegelt sich in Dir, und ich lerne es in Dir begreifen, und was erlebte ich, wenn ich's nicht in Dir anschaute? In was empfindet sich der Geist, durch was besitzt er sich, als nur dadurch, daß er die Liebe hat? Ich habe Dich, Freund! Du wandelst mit mir, Du ruhst an meiner Seite, meine Worte sind der Geist, den Deine Brust aushaucht.

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Alle sinnliche Natur wird Geist, aller Geist ist sinnliches Leben der Gottheit. Augen, ihr seht! Ihr trinkt Licht, Farben und Formen! O Augen, ihr seid genährt durch göttliche Weisheit, aber alles tragt ihr der Liebe zu, ihr Augen; daß die Abendsonne ihre Glorie über euch spielen läßt, und der Wolkenhimmel eine heilige Farbenharmonie euch lehrt, in die alles einstimmt: die fernen Höhen, die grüne Saat, der silberne Fluß, der schwarze Wald, der Nebelduft, das gibt euch, ihr Augen, die Mutter Natur zu trinken, während der Geist den schönen Abend verlebt im Anschauen des Geliebten. O ihr Ohren, euch umtönt die weite Stille, in ihr erhebt sich das leise Heranbrausen des Windes, es naht sich ein zweites, es trägt euch Töne zu aus der Ferne, die Wellen schlagen seufzend ans Ufer, die Blätter lispeln, nichts regt sich in der Einsamkeit, was nicht sich euch vertraute, ihr Ohren. Ihr werdet getränkt durch das ganze Walten der Natur, während Ohr, Aug, Sprache und Genuß im Busen des Freundes tief versunken ist. Ach paradiesisches Mahl, wo die Kost sich in Weisheit verwandelt, wo Weisheit Wollust ist und diese Offenbarung wird.

Diese Frucht! Duftend, reif, niedersinkend aus dem Äther! Welcher Baum hat sie abgeschüttelt von den überreichen Ästen? Während wir, Wange an Wange gelehnt, ihrer und der Zeit vergessen. Diese Gedanken, sind sie nicht die Äpfel, die der Baum der Weisheit trägt, und die er Liebenden in den Schoß schüttelt, die in seinem Paradiese wohnen und in seinem Schatten ruhen. Damals war die Liebe in der Kindesbrust, die ihre Gefühle wie der junge Keim seine Blüten dichtgefaltet und verschränkt umschloß. Damals war sie! und ihrem Drängen dehnte sich der Busen und öffnete sich, ihre Blüten zu entfalten.

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Ein Nönnchen wurde eingekleidet, eine andre haben wir begraben während den drei Jahren, als ich im Kloster war; dem einen hab ich den Zypressenkranz auf den Sarg gelegt, sie war die Gärtnerin und hatte lange Jahre den Rosmarin gepflegt, den man ihr aufs Grab pflanzte; sie war achtzig Jahre alt, und der Tod berührte sie sanft, während sie Absenker von ihren Lieblingsnelken machte, da hockte sie am Boden und hielt die Pflanzen in der Hand, die sie eben einsetzen wollte; ich war der Vollstrecker ihres Testaments, denn ich nahm die Pflanzen aus der erstarrten Hand und setzte sie in die frisch aufgewühlte Erde, ich begoß sie mit dem letzten Krüglein Wasser, was sie am Madlenenbrünnchen geholt hatte, die gute Schwester Monika! Wie schön wuchsen diese Nelken! Dunkelrot waren sie und groß. Da mich später der, der mich liebt und kennt, einer dunklen Nelke verglich, da dachte ich an die Blumen, die ich junges Kind aus der erstorbenen Hand des hohen Alters entnommen und eingepflanzt hatte, und ob es wohl so kommen werde, daß auch mich der Tod beim Pflanzen der Blumen überrasche; der Tod, der triumphierende Herold des Lebens, der Befreier von irdischer Schwere.

Aber jene andre Nonne, jung und schön, deren lange goldne Flechten ich auf goldnem Opferteller zum Altar trug: ich hab nicht geweint, da man die alte Gärtnerin zu Grabe trug, obschon sie meine Freundin gewesen war und mir manche Gartenkunst gelehrt hatte. Es kam mir so natürlich vor und so behaglich, daß ich nicht einmal darüber verwundert war; aber damals, als ich im Chorhemdchen mit einem Kranz von Rosen auf dem Kopf, mit brennender Kerze als Geleitengel, unter dem Geläute aller Glocken vor der in alle üppige Pracht gekleideten jugendlichen Braut Christi einherschritt; da wir an das Gitter kamen, vor welchem der Bischof stand, der ihr die Gelübde abnahm, und er fragte, ob sie sich Christo vermählen wolle, und man ihr auf ihr Bejahen die mit Perlen und Bändern durchflochtenen Haare abschnitt, welche ich auf einem goldenen Teller empfing, da fielen meine Tränen auf diese Haare, und da ich hin zum Altar trat, um sie dem Bischof zu überreichen, da schluchzte ich laut, und alles Volk weinte mit.

Die junge Braut legte sich an die Erde, es wurde ein Leichentuch über sie gebreitet, die Nonnen wallten von allen Seiten herbei, je zu zweien Blumenkörbe tragend. Ich streute die Blumen auf das Leichentuch, während ein Requiem gesungen wurde. Sie wurde als Tote eingesegnet und Gebete über sie gesprochen; das irdische Leben war beendet, ich hob als Auferstehungsengel die Totendecke auf; das himmlische Leben beginnt, die Nonnen umringen sie, in ihrer Mitte wird sie vom weltlichen Staat entkleidet. Ordenskleid, Mantel und Schleier werden ihr angelegt, worauf sie in die Hände des Bischofs die Gelübde des Gehorsams, der Keuschheit und der Armut ablegt. Ach, wie war ich beklommen, da der Bischof ihr das Kruzifix reichte, um es als ihren Bräutigam zu küssen. Ich wich nicht von ihrer Seite; am Abend, da die Nonne allein in ihrer Zelle saß, kniete ich noch vor ihr, mit meinem verwelkten Rosenkranz auf dem Kopf; sie war eine Französin, eine Gräfin d'Antelot. »Mon enfant«, fragte sie, »mon cher ange gardien, pourquoi as tu pleuré ce matin lorsqu'on m'a coupé les cheveux?« Ich schwieg eine Weile still, aber dann fragte ich leise: »Madame, est-ce que Jésus Christ a aussi une barbe noire?«

Diese schöne Frau war mit vielen andern hohen Damen und Rittern, die Ordensbänder und Sterne hatten und aus Frankreich vertrieben waren, in unser Kloster gekommen; diese zogen alle weiter, sie allein blieb zurück, sie wandelte viel im Garten, sie hatte einen blitzenden Ring am Finger, den sie küßte, wenn sie in der dunklen Allee allein war. Da las sie ihre Briefe mit leiser Stimme, und mit einem feinen weißen Tuch trocknete sie die weinenden Augen. Ich belauschte sie, ich liebte sie und weinte heimlich mit. Einmal trat ein schöner Mann in glänzender Uniform mit ihr in den Garten. Sie sprachen zärtlich miteinander. Der Mann hatte einen schwarzen Bart, er war größer als sie, er hielt sie in seinen Armen und sah auf sie herab, und seine glänzenden Tränen blieben in seinem schwarzen Bart hängen; das sah ich, denn ich saß in der dunkeln Laube, an deren Eingang sie standen. Er seufzte tief und laut, er drückte sie ans Herz, und sie küßte die glänzenden Tränen im schwarzen Bart auf.

Noch oft wandelte die schöne Frau in diesen einsamen Alleen, noch oft sah ich sie, weinend unter dem Baum, wo er Abschied genommen hatte, und endlich nahm sie den Schleier.

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Koblenz

Ich habe mehrere Tage nicht ins Buch geschrieben, wie hab ich mich danach gesehnt! Im Wandern durch fremde Straßen hab ich Deiner gedacht.

Hier der Spiel- und Tummelplatz Deiner Jugendjahre, da üben der Ehrenbreitstein; er heißt wie die Basis Deines Ruhms, so muß der Würfel heißen, auf dem Dein Denkmal einst stehn wird. Gestern fielen mir wunderliche Gedanken aus den Wolken, ich hätte sie gern aufgeschrieben, ich war nicht allein, ich mußte sie halt mit den wechselnden Wellen im Strom dahin ziehen lassen.

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Alles, was dem Wesen der Liebe nicht zusagt, ist Sünde, und alles, was Sünde ist, sagt dem Wesen der Liebe nicht zu. Die Liebe hat eine persönliche Gewalt, die ein Recht an uns übt; ich unterwerfe mich ihrer Rüge, sie, und sie allein ist die Stimme meines Gewissens.

Welche Anregungen auch im Leben vorkommen, welche Wendungen auch ein Geschick nimmt, sie ist der Weg der Modulation, der alle fremde Tonarten harmonisch auflöst, sie gibt die Erkenntnis, den Takt einer wahrhaft sittlichen Größe. Sie ist strenge, und diese Strenge erregt leidenschaftlich für die Liebe, ich brenne vor Begierde zu tun, was ihr gemäß ist. Ich will gern jedes Gefühl, jede Regung an ihr abmessen.

Jetzt geh ich schlafen; könnt ich Dir beschreiben, wie wohl mir ist.

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Wenn heut der Tag wäre, wo ich Dich wiedersehe! Heute! in wenig Sekunden trätest Du hier in meine vier Wände, in denen ich schon seit einem Sommer das Zauberhandwerk treibe, Dich zu besitzen; ja und manchen Augenblick warst Du mein, meine Liebe zog Dich heran. Ich sah in die Ferne, im Herzen sah ich nach Dir und erkannte Dich. Etwas sich aneignen, etwas besitzen, dazu gehört eine große Kraft; etwas besitzen wenn auch nur Minuten lang, erzeugt Wunder; was Du besitzest im Geist, das erkennst Du, was Du erkennst, das nimmt Dich ein, was Dich einnimmt, das erschließt Dir eine neue Welt.

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Der Geist will Selbstherrscher sein! der eigne Besitz ist seine wahre Kraft; jede Wahrheit, jede Offenbarung ist ein Berühren des eigenen Geistes, durchdringst Du ihn, schmilzt Deine Seele in Deinen Geist: dann hast Du alles, was Du vermagst, und jede Offenbarung und Dein Leben ist Dein fortwährendes Wissen, und Dein Wissen ist Dein Sein, Dein Erzeugen. Alle Erkenntnis ist Liebe, darum ist es so selig zu lieben, weil im Lieben der Besitz liegt der eignen göttlichen Natur.

Hast Du geliebt? es war eine Spur göttlicher Natur, Du hobst die Grenze Deines Seins auf und dehntest Dich aus im Besitz Deiner Liebe. Dieses Ausdehnen ist der Kreislauf Deiner geistigen Natur; was Du liebst, das ist ein Reich, in das Du geboren bist, daß Du vermagst in ihm zu leben. Ach es ist so groß, so unendlich das Reich der Liebe, und doch umschließt es das menschliche Herz.

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So wollen wir dann das Kloster verlassen, in dem kein Spiegel war, und in dem ich also während vier Jahren vergeblich die Bekanntschaft meiner Gesichtszüge, meiner Gestalt gesucht haben würde, doch ist es mir in dieser ganzen Zeit nie eingefallen daran zu denken, wie ich wohl aussähe; es war mir eine große Überraschung, wie ich im dreizehnten Jahre zum erstenmal mit zwei Schwestern, umarmt von der Großmutter, die ganze Gruppe im Spiegel erblickte. Ich erkannte alle, aber die eine nicht, mit feurigen Augen, glühenden Wangen, mit schwarzem, fein gekräuseltem Haar; ich kenne sie nicht, aber mein Herz schlägt ihr entgegen, ein solches Gesicht hab ich schon im Traum geliebt, in diesem Blick liegt etwas, was mich zu Tränen bewegt, diesem Wesen muß ich nachgehen, ich muß ihr Treue und Glauben zusagen; wenn sie weint, will ich still trauern, wenn sie freudig ist, will ich ihr still dienen, ich winke ihr, siehe, sie erhebt sich und kommt mir entgegen, wir lächeln uns an, und ich kann's nicht länger bezweifeln, daß ich mein Bild im Spiegel erblicke.

Ach ja, diese Prophezeiung ist mir wahr geworden, ich habe keinen andern Freund gehabt als mich selber, ich habe nicht um mich, aber oft mit mir geweint; ich habe gescherzt mit mir, und das war noch rührender, daß am Scherz auch kein andrer teilnahm, hätte mir damals einer gesagt, es sucht jeder in der Liebe nur sich, und es ist das höchste Glück sich in ihr finden, ich hätt es nicht verstanden, doch ist in diesem kleinen Ereignis eine hohe Wahrheit verborgen, die gewiß nur wenige fassen: finde dich, sei dir selber treu, lerne dich verstehen, folge deiner Stimme, nur so kannst du das Höchste erreichen. Du kannst nur dir treu sein in der Liebe, was du schön findest, das mußt du lieben, oder du bist dir untreu.

Schönheit erzeugt Begeistrung, aber Begeistrung für Schönheit ist die höchste Schönheit selbst. Sie spricht das erhöhte, verklärte Ideal des Geliebten durch sich selbst aus.

Gewiß, die Liebe erzieht eine höhere Welt aus der Sinnenwelt; der Geist wird durch die Sinne genährt, gepflegt und getragen, er wächst und steigt durch sie zur Selbstbegeistrung, zum Genie, denn Genie ist das überirdische selige Leben einer durch die sinnliche Natur erzeugten himmlischen Begeisterung.

Du erscheinst mir wie dies himmlische Erzeugnis meiner Sinnenwelt, wenn ich so vor Dir stehe und Dir ausspreche, wie ich Dich liebe, und doch, wenn ich so vor Dir stehe, dann fühl ich wie Deine sinnliche Erscheinung mich verklärt und zur himmlischen Natur in mir wird.

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Jetzt bin ich dreizehn Jahr alt, jetzt rückt die Zeit an, die aus dem Schlaf weckt, die jungen Keime haben Trieb und rücken aus ihrer braunen Hülle hervor ans Licht, und die Liebe des Kindes neigt sich den aufkeimenden Geschlechtern der Blumen; sein Herz glüht verschämt und innig ihren vielfarbigen duftenden Reizen entgegen und ahnet nicht, daß währenddem eine Keimwelt von tausendfältigen Geschlechtern der Sinne und des Geistes sich aus der Brust hervor, dem Leben, dem Licht entgegendrängt. Siehst Du wohl hier bestätigt, was ich sage: die Liebe zu der aufkeimenden Blütenwelt der sinnlichen Natur erregt die schlafenden Keime einer geistigen Blütenwelt; indem wir die sinnliche Schönheit gewahr werden, erzeugt sich in uns ein geistig Ebenbild, eine himmlische Verklärung dessen, was wir sinnlich lieben. So war meine erste Liebe, im Garten: in der Geißblattlaube war ich jeden Morgen mit der Sonne und drängte mich dem Aufbrechen ihrer rötlichen Knospen entgegen, und wie ich in die erschloßnen Kelche blickte, da liebte ich und betete die Sinnenwelt in den Blüten an, und ich mischte meine Tränen mit dem Honig in ihren Kelchen. Ja, glaub's, es war mir ein besonderer Reiz, die Träne, die unwillkürlich mir ins Auge gedrungen, da hinein zu betten, so wechselte die Lust mit der Wehmut. Die jungen Feigenblätter, wie sie zuerst so rein und dicht gefaltet aus dem Keim hervorsteigen und vor der Sonne sich ausbreiten: Ach Gott! Du! warum schmerzt die Schönheit der Natur? nicht wahr, weil die Liebe sich untüchtig fühlt, sie ganz zu umfassen, so ist die glücklichste Liebe von Wehmut durchdrungen, weil sie ihrer eignen Sehnsucht kein Genüge tun kann, so macht mich Deine Schönheit wehmütig, weil ich Dich nicht genug lieben kann. O verlasse mich nicht, sei mir nur so weit willig gesinnt, wie der Tau den Blumen gesinnt ist; morgens weckt er sie und nährt sie, und abends reinigt er sie vom Staub und kühlt sie von der Hitze des Tages. So mache Du es auch, wecke und nähre meine Begeistrung in der Frühe, kühle meine Glut und reinige mich von Sünden am Abend.

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Hast Du mich lieb? Ach! ein Herabneigen Deines Angesichts auf mich wie die wogenden Zweige der Birke, wie schön wär das! oder auch, daß Du mich anhauchtest im Schlaf, wie der Nachtwind über die Fluren hinstreift; mehr nicht, mein Freund, verlang ich von Dir daß der Atem des Geliebten Dich berührt, welche Seligkeit kannst Du dieser gleichstellen?

So hell und deutlich hab ich damals nicht gefühlt, wie ich heut in der Erinnerung fühle, ich war so unmündig wie die junge Saat, aber ich wurde vom Lichte genährt und dem Selbstbewußtsein entgegengeführt, wie jene, wenn sie durch die Ähre ihrer selbst gewiß wird; und heute bin ich reif, und streue die goldnen Fruchtkörner der Liebe zu Deinen Füßen aus, mehr nicht besagt mein Leben.

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Die Nachtigall war anders gegen mich gesinnt wie Du, sie stieg herab von Ast zu Ast und kam immer näher, sie hing sich an den äußersten Zweig, um mich zu sehen, ich wendete leise mich zu ihr, um sie nicht zu scheuchen, und siehe da! Aug in Nachtigallenaug, wir blickten uns an und hielten's aus. Dazu trugen die Winde die Töne einer fernen Musik herüber, deren allumfassende Harmonie wie ein in sich abgeschlossenes Geisteruniversum erklang, wo jeder Geist alle Geister durchdringt, und alle jedem sich fügen; vollkommen schön war dies Ereignis, dies erste Annähern zweier gleich unbewußten, unschuldigen Naturen, die noch nicht erfahren hatten, daß aus Liebesdurst, aus Liebeslust das Herz im Busen stärker und stärker klopft. Gewiß, ich war erfreut und gerührt durch dies Annähern der Nachtigall, wie ich mir denke, daß Du allenfalls freundlich bewegt werden könntest durch meine Liebe, aber was hat die Nachtigall bewogen mir nachzugehen, warum kam sie herab vom hohen Baum und setzte sich mir so nah, daß ich sie mit der Hand hätte haschen können, warum sah sie mich an und zwar mir ins Aug? Das Aug spricht mit uns, es antwortet auf den Blick, die Nachtigall wollte mit mir sprechen, sie hatte ein Gefühl, einen Gedanken mit mir auszutauschen. (Gefühl ist der Keim des Gedankens), und wenn es so ist, welchen tiefen, gewaltigen Blick läßt uns hier die Natur in ihre Werkstatt tun; wie bereitet sie ihre Steigerungen vor, wie tief legt sie ihre Keime, wie weit ist es noch von der Nachtigall bis zu dem Bewußtsein zwischen zwei Liebenden, die ihre Inbrunst so deutlich im Lied der Nachtigall gesteigert empfinden, daß sie glauben müssen, ihre Melodien seien der wahre Ausdruck ihrer Empfindungen.

Am andern Tag kam sie wieder, die Nachtigall ich auch, mir ahnete, sie würde kommen, ich hatte die Gitarre mitgenommen, ich wollte ihr was vorspielen, an der Pappelwand war's, der wilden Rosenhecke gegenüber, die ihre langen schwankenden Zweige über die Mauer des Nachbargartens hereinstreckte und mit ihren Blüten beinah bis wieder an den Boden reichte; da saß sie, streckte ihr Hälschen und sah mir zu, wie ich mit dem Sand spielte. Nachtigallen sind neugierig, sagen die Leute, bei uns ist's ein Sprichwort: »Du bist so neugierig wie eine Nachtigall«; aber warum ist sie denn neugierig auf den Menschen, der scheinbar gar keine Beziehung auf sie hat? was wird einstens aus dieser Neugierde sich erzeugen? O! nichts umsonst, alles braucht die Natur zu ihrem rastlosen Wirken, es will und muß weitergehen in ihren Erlösungen. Ich stieg auf eine hohe Pappel, deren Äste von unten auf zu einer bequemen Treppe rund um den Stamm gebildet waren; da oben in dem schlanken Wipfel band ich mich fest an die Zweige mit der Schnur, an der ich die Gitarre mir nachgezogen hatte, es war schwül, nun regten sich die Lüfte stärker und trieben ein Heer von Wolken über uns zusammen. Die Rosenhecke wurde hochgehoben vom Wind und wieder niedergebeugt, aber der Vogel saß fest; je brausender der Sturm, je schmetternder ihr Gesang, die kleine Kehle strömte jubelnd ihr ganzes Leben in die aufgeregte Natur, der fallende Regen behinderte sie nicht, die brausenden Bäume, der Donner übertäubte und schreckte sie nicht, und ich auch auf meiner schlanken Pappel wogte im Sturmwind nieder auf die Rosenhecke, wenn sie sich hob, und streifte über die Saiten, um den Jubel der kleinen Sängerin durch den Takt zu mäßigen. Wie still war's nach dem Gewitter! welche heilige Ruhe folgte dieser Begeistrung im Sturm! mit ihr breitete die Dämmerung sich über die weiten Gefilde, meine kleine Sängerin schwieg, sie war müde geworden. Ach, wenn der Genius aufleuchtet in uns und unsere gesamten Kräfte aufregt, daß sie ihm dienen, wenn der ganze Mensch nichts mehr ist, als nur dienend dem Gewaltigen, dem Höheren als er selbst, und die Ruhe folgt auf solche Anstrengung, wie mild ist es da, wie sind da alle Ansprüche, selbst etwas zu sein, aufgelöst in Hingebung an den Genius! So ist Natur, wenn sie ruht vom Tagewerk: sie schläft, und im Schlaf gibt es Gott den Seinen. So ist der Mensch, der unterworfen ist dem Genius der Kunst, dem das elektrische Feuer der Poesie die Adern durchströmt, den prophetische Gabe durchleuchtet, oder der wie Beethoven eine Sprache führt, die nicht auf Erden, sondern im Äther Muttersprache ist. Wenn solche ruhen von begeisterter Anstrengung, dann ist es so mild, so kühl, wie es heute nach dem Gewitter war in der ganzen Natur, und mehr noch in der Brust der kleinen Nachtigall, denn sie schlief wahrscheinlich heute noch tiefer als alle andren Vögel, und um so kräftiger und um so inniger wird ihr der Genius, der es den Seinen im Schlaf gibt, vergolten haben, ich aber stieg nach eingeatmeter Abendstille von meinem Baum herab, und durchdrungen von den hohen Ereignissen des eben Erlebten, sah ich unwillkürlich die Menschheit über die Achsel an.

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Alles ändert sich, die Menschen denken anders, wenn sie älter sind, als in der Jugend. Ach! was werde ich denn einstens denken, wenn mich dies irdische Leben so lange bewahrt, bis ich älter in ihm werde! vielleicht gehe ich, statt zu dem Freund, dann in die Kirche, vielleicht bete ich dann, statt zu lieben! Ach, wie werd ich's dem Lieben gleichtun im Beten? Hab ich je Andacht empfunden, so war's an Deiner Brust, Freund! Tempelduft, den Deine Lippen hauchen, Geist Gottes, den Deine Augen predigen, es strömt von Dir aus eine begeisternde Macht, Deine Gewande, Dein Antlitz, Dein Geist, alles strömt eine Heiligung aus. O Du! Deine Knie fest an meine Brust drückend, frag ich nicht mehr, was das für eine Seligkeit sein möge, die im Himmel dem Frommen bereitet ist. Gott von Angesicht zu Angesicht schauen? Wie oft hab ich mit geschloßnen Augen Deiner Nähe mich gefreut. Vielleicht dringt Gott durch den Geliebten in unser Herz, ja Geliebter! was haben wir im Herzen als nur Gott? Und wenn wir ihn da nicht empfänden, wie und wo sollten wir seine Spur suchen?

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Was fasele ich vom Frühling, was spreche ich von heiteren Tagen, von Genuß und Glück? Du! das Bewußtsein von Dir verzehrt mir jede Regung; ich kann nicht lächeln zum Scherz, ich kann nicht mich freuen, ich kann nicht hoffen mit den andern. Daß ich Dich kenne, daß ich Dich weiß, macht meine Sinne so still.

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O heute ist ein wunderbarer Tag! heute leide ich Schmerzen, so schwer ist die Seele! Du bist nah, ich weiß es, gar nicht fern ist der Weg zu Dir, aber mich trennt der kleine Raum wie die Unendlichkeit. Der Moment der Sehnsucht ist es, der gefühlt und befriedigt sein will, und wenn der Geliebte den nicht ahnt, wenn er die Liebe versäumt, was kann mich ihm nah bringen! Ach, schauerlicher Tag, der heute in Erwartung und Sehnsucht verging!

Wen mache ich zum Vertrauten? wer fühlt menschlich mit mir? wem klag ich über Dich? wer ist mein Freund? wer darf's wagen auf diesen Stufen hinanzusteigen, auf denen ich mich aller menschlichen Berührung enthoben habe? wer darf die Hand mir an die Stirn legen und sagen; »Der Friede sei mit dir?«

Dir klag ich's, den ich suche, Dir ruf ich's zu über die Klüfte, denk nur, mit heißem Ruderschlag überfliege ich die Zeit, das Leben; ich jage sie hinter mich, die Minuten der Trennung, und nun, ihr Inseln der Seligen, findet mein Anker keinen Grund. Wildes Gestade! feindseliger Strand! Ihr lasset mich nicht landen, nicht ahnen des Freundes Brust, der kennt die Geheimnisse und den göttlichen Ursprung und meines Lebens Ziel. Er hat, daß ich ihn schauen lerne, des Lichtes unbefleckten Glanz mir im Geiste geweckt, er hat begleitend in raschen Liedern die Genüsse, die Leiden der Liebe mich gelehrt, zwischen beiden voranschreitend: den Schicksalsschwestern, mit leuchtender Fackel des Eros zu bestrahlen den Weg.

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Heute ist ein andrer Tag, die böse Furcht ist gestillt, es tobt nicht, es braust nicht mehr im Herzen, die Klage unterbricht nicht mehr der Liebe glanzerfüllte Stille. Ach, heute ist die Sonne nicht hinab, ihre letzten Strahlen breiten sich unter Deine Schritte; sie wandelt die Sonne, sie steht nicht still, sie führt Dich ein bei mir, wo Dämmerung Dir winkt und der von Violen geflochtene Kranz. O Liebster! dann steh ich schweigend vor Dir, und der Duft der Blumen wird für mich sprechen bei Dir.

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Ich bin freudig wie der Delphin, der auf weitruhendem Meeresplan ferne Flöten vernimmt; er jagt mutwillig die Wasser in die glänzende Stille der Lufthöhen, daß sie auf der glatten Spiegelfläche einen Perlenrausch verbreiten; jede Perle spiegelt das Universum und zerfließt, so jeder Gedanke spiegelt die ewige Weisheit und zerfließt.

Deine Hand lehnte an meiner Wange, und Deine Lippe ruhte auf meiner Stirn, und es war so still, daß Dein Atem verhauchte wie Geisteratem. Sonst eilt die Zeit den Glücklichen, aber diesmal jagte die Zeit nicht; eine Ewigkeit, die nie endet, ist diese Zeit, die so kurz war, so in sich, daß ihr kein Maß kann angelegt werden.

An milden Frühlingstagen, wo dünnes Gewölk der jungen Saat den fruchtbringenden Regen spendet, da ist es so wie jetzt in meiner Brust; mir ahnet, wie dem kaum gewurzelten Keim seine künftige Blüte ahnet, daß Liebe ewige, einzige Zukunft sei.

Gut sein begnügt die Seele, wie das Wiegenlied die Kinderseele zum Schlaf befriedigt. Gut sein ist die heilige Ruhe, die der Same des Geistes haben muß, eh er wieder gezeitigt ist zur Saat. Der Geist aber ahnt, daß Gutsein die Vorbereitung zu einem tiefen unerforschlichen Geheimnis ist. Das
hast Du mir anvertraut, Goethe! gestern abend beim Sternenhimmel am offnen Fenster, wo ein Lüftchen nach dem andern hereinschwirrte und wieder hinaus. Wenn also die Seele gut ist: das ist eine Ruhe, ein Einschlafen im Schoß Gottes, wie der Same im Schoß der Natur schläft, eh er keimt. Wenn aber der Geist das Gute will, so will er die Gottheit selbst; so will er jenes Geheimnis der Güte als Speise, Nahrung und Vorbereitung seiner nahen Verwandlung; so pocht er an, wie der verborgne Strom im Felsenschoß, daß er ans Licht will. Solchen kühnen Mut hat Dein Geist, daß seinem Dringen Tor und Riegel aufgetan wurden, und daß er hervorbrausen durfte, über alle Zeiten hinweg, wo Geist in Geist greift, Well in Well geboren, Well in Well verloren.

Solcherlei Gespräche führten wir gestern abend, und Du sagtest noch: »Kein Mensch würde glauben, daß wir beide so miteinander sprechen.«

Wir sprachen auch von der Schönheit: Schönheit ist, wenn der Leib von dem Geist, den er beherbergt, ganz durchdrungen ist. Wenn das Licht des Geistes von dem Leib, den er durchdringt, ausströmt und seine Formen umkreist, das ist Schönheit. Dein Blick ist schön, weil er das Licht Deines Geistes ausströmt und in diesem Lichte schwimmt.

Der reine Geist bildet sich einen reinen Leib im Wort, das ist die Schönheit der Poesie. Dein Wort ist schön, weil der Geist, den es beherbergt, hindurch dringt und es umströmt.

Schönheit vergeht nicht! der Sinn, der sie in sich aufnimmt, hat sie ewig, und sie vergeht ihm nicht.

Nicht das Bild, das sie spiegelt, nicht die Form, die ihren Geist ausspricht, hat die Schönheit: nur der hat sie, der in diesem Spiegel den eignen Geist ahnt und ersehnt.

Schönheit bildet sich in dem, der sie sucht und im Bild wiederzugeben sucht, und in dem, der sie erkennt und sich ihr gleichzubilden sehnt.

Jeder echte Mensch ist Künstler, er sucht die Schönheit und sucht sie wiederzugeben, soweit er sie zu fassen vermag. Jeder echte Mensch bedarf der Schönheit als der einzigen Nahrung des Geistes.

Die Kunst ist der Spiegel der innersten Seele, ihr Bild ist es, wie sie aus Gott hervorging, was die Kunst Dir spiegelt. Alle Schönheit ist eine Erkenntnis Deiner eignen Schönheit.

Die Kunst ist es, die Dir ein sinnliches Ebenmaß des Geistes vor die leiblichen Augen zaubert.

Jeder Lebenstrieb ist Schönheitstrieb, sieh die Pflanze, ihre Triebe alle sind erfüllt mit der Sehnsucht zu blühen, und die Befriedigung dieser Sehnsucht lag schon im Samenkorn vorbereitet; also ist wohl Sehnsucht die sicherste Gewährleistung. Wer sich nach ewiger Schönheit sehnt, der wird sie haben und genießen.

Alles, was ich hier sage, schriebst Du mir ins Herz; wenn ich's noch nicht mit rechter Freiheit ausspreche? Weil ich's nicht ganz zu fassen vermag. Gestern abend, da streifte Dein Aug über die fernen Gebirge, und da sagtest Du: »Die Leidenschaft, die ins Herz geboren ist, soll auch wachsen und gedeihen, denn es ist keine Begierde, der nicht das Göttliche gegenüberstände, um sie selig zu machen.«

Sie haben mich eingeführt in ihren Tempel, die Genien, und hier stehe ich verzagt, aber nicht fremd, diese Lehren sind mir verständlich, diese Gesetze geben mir Weisheit, das Trachten der Liebe ist nicht Trachten vergänglicher Menschen. Alle Blumen, die wir brechen, werden unsterblich im Opfer, ein liebend Herz entschwingt sich feindseligem Los.

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