> Gedichte und Zitate für alle: Bettina von Arnim: Tagebuch zu Goethes Briefwechsel mit einem Kinde (23)

2019-11-01

Bettina von Arnim: Tagebuch zu Goethes Briefwechsel mit einem Kinde (23)



Ich soll Dir erzählen von den Zeiten, wo ich Deinen Namen noch nicht hatte nennen lernen? Gewiß, Du hast recht, wissen zu wollen, was mich auf Dich vorbereitete, ich sagte Dir, daß Blumen und Kräuter zuerst mich ansahen, daß ich erkannte, im Blick sei eine Frage, eine Forderung, die ich nur mit zärtlichen Tränen beantworten konnte, dann lockte mich die Nachtigall, ihr selbständig Handeln, ihr Gesang, ihr Annähern und Zurückziehen lockte mich noch mehr als das Leben der Blumen, ich war ihr näher im Gemüt, ihr Umgang hatte etwas Reizendes; aus meinem Bettchen konnte ich ihr nächtlich Lied hören, ihr melodisch Stöhnen weckte mich, ich seufzte mit ihr und legte ihrem Gesang Gedanken unter, auf die ich tröstende Antworten erfand. Ich erinnere mich, daß ich damals unter blühenden Bäumen Ball spielte, ein junger Mann, der ihn fing, brachte mir ihn und sagte: »Du bist schön!« Dies Wort brachte mir Feuer ins Herz, es glühte auf wie meine Wangen, aber ich dachte auf die Nachtigall, deren Gesang mich wahrscheinlich nächtlich verschöne, und in diesem Augenblick brach die heilige Wahrheit in meinem Geiste auf, daß alles, was über das Irdische erhebt, Schönheit erzeugt, und ich widmete mich der Nachtigall mit mehr Eifer, mein Herz hielt pochend still und ließ sich von ihren Tönen berühren wie von göttlichem Finger ich wollte schön sein, und Schönheit war mir göttlich, ich neigte mich vor dem Gefühl der Schönheit und überlegte nicht, ob es äußerlich war oder innen. Indessen hab ich bis heute immer in der Schönheit, wo sie sich mir zeigte, eine nahe Verwandtschaft gefühlt, in Bildern, in Statuen, in Gegenden, in schlanken Bäumen. Obschon ich nun nicht schlank bin, so regt sich doch etwas in meinem Geist, was dieser Schlankheit entspricht, und ob Du auch lächelst, ich sage Dir, während ich mit dem Blick ihre himmelanstrebenden Wipfel verfolge, scheinen mir meine Eingebungen auch himmelanstrebend, und wie im Windesrauschen die weichen Zweige hin und her wogen, so wogt ein Gefühl gleichsam als belaubtes Gezweig eines hohen Gedankenstammes in mir. Und so wollte ich nur sagen, daß alle Schönheit erzieht, und daß der Geist, der wie ein treuer Spiegel die Schönheit fasset, hierdurch auch zu dem höheren Aufschwung kommt, der geistig diese selbe Schönheit ist, nämlich allemal ihre göttliche Offenbarung. So denke denn Du, wie Du mir einleuchten mußt, da Du schön bist. Schönheit ist Erlösung. Schönheit ist Befreiung vom Zauber, Schönheit ist Freiheit, himmlische; hat Flügel und durchschneidet den Äther. Schönheit ist ohne Gesetz, vor ihr schwindet jede Grenze, sie löst sich auf in alles, was ihren Reiz zu empfinden vermag, sie befreit vom Buchstaben; denn sie ist Geist. Du bist empfunden von mir, Du machst mich frei vom Buchstaben und vom Gesetz. Sieh diese Schauer, die mich überwogen, es ist der Reiz Deiner Schönheit, der sich auflöst, mir im Gefühl, daß ich selber schön bin und Deiner würdig.

* * *

Der Sommer geht vorüber, und die Nachtigall schweigt, sie schweigt, sie ist stumm und läßt sich auch nicht mehr sehen. Ich lebte da ohne Zerstreuung die Tage hindurch; ihre Nähe war mir eine liebe Gewohnheit, es schmerzt mich, sie zu entbehren, hätte ich doch etwas, was sie mir ersetzt! Vielleicht ein ander Tier, an die Menschen dachte ich nicht, im Nachbargarten ist ein Reh in einer Umzäunung, es läuft hin und her an der Bretterwand und seufzt, ich mache ihm eine Öffnung, wo es den Kopf durchstecken kann. Der Winter hat alles mit Schnee bedeckt, ich suche ihm Moos von den Bäumen: wir kennen uns, wie schön sind seine Augen; welche tiefe Seele sieht mich aus diesen an, wie wahr, wie warm! Es legt gern den Kopf in meine Hand und sieht mich an, ich bin ihm auch gut, ich komme, sooft es mich ruft; in den kalten hellen Mondnächten hör ich seine Stimme, ich springe aus dem Bett, mit bloßen Füßen lauf ich durch den Schnee, um dich zu beschwichtigen. Dann bist du ruhig, wenn du mich gesehen hast, wunderbares Tier, das mich ansieht, anschreit, als wenn es um Erlösung bäte. Welch festes Vertrauen hat es auf mich, die ich nicht seinesgleichen bin! Armes Tier, du und ich sind getrennt von unsersgleichen, wir sind beide einsam, und wir teilen dies Gefühl der Einsamkeit; o wie oft hab ich für dich in den Wald gedacht, wo du lang auslaufen konntest, und nicht ewig in die Runde, wie hier in deinem Verschlag; dort liefst du doch deines Weges immerzu und konntest mit jedem Schritte hoffen, endlich einen Gefährten zu treffen, hier aber war deines Ziels kein Ende, und doch war alle Hoffnung abgeschnitten. Armes Tier! Wie schaudert mich dein Geschick, und wie nah verwandt mag es dem meinen sein! Ich auch lauf in die Runde, da oben seh ich die Sterne schimmern, aber sie halten alle fest, keiner senkt sich herab, und von hier aus ist es so weit bis zu ihnen, und was sich lieben lassen will, das soll mir nah kommen; aber so war's mir in der Wiege gesungen, daß ich mußte einen Stern lieben, und der Stern blieb mir fern; lange Zeit hab ich nach ihm gestrebt, und meine Sinne waren aufgegangen in diesem Streben, so daß ich nichts sah, nichts hörte und auch nichts dachte als nur meinen Stern, der sich nicht vom Firmament losreißen werde, um sich mir zu neigen. Mir träumt, der Stern senkt sich tiefer und tiefer, schon kann ich sein Antlitz erkennen, sein Strahlen wird zum Auge, es sieht mich an, und meine Augen spiegeln sich in ihm. Sein Glanz umbreitet mich, von allem auf Erden, soweit ich denken kann, soweit mich meine Sinne tragen, bin ich getrennt durch meinen Stern.

* * *

Nichts hab ich zu verlieren, nichts hab ich zu gewinnen, zwischen mir und jedem Gewinn schwebst Du, der, göttlich strahlend im Geist, alles Glück überbietet; zwischen mir und jedem Verlust bist Du, der sich mir menschlich herabneigt.

Ich verstehe nur das Eine, an Deinem Busen die Zeit zu verträumen; ich verstehe nicht Deiner Schwingen Bewegung, die Dich in den Äther tragen, droben in schwindelnder Höhe über mir, im ewigen Blau Dich schwebend erhalten.

* * *

Mich und die Welt umkleidet Dein Glanz, Dein Licht ist Traumlicht der höheren Welt, wir atmen ihre Luft, wir erwachen im Duft der Erinnerung; ja sie duftet uns, sie hebt uns und trägt unser schwankendes Los auf ihren spiegelnden Fluten der Götter allumfassenden Armen entgegen.

Du aber hast's mir in der Wiege gesungen, daß ich Deinem Gesang, der in Träumen mich wiegt über das Los meiner Tage, träumend auch lausche bis ans End meiner Tage.

* * *

Einmal schon, im Kloster, hatten mich die Geister bewogen, mich ihnen zu gesellen, in den hellen Mondnächten lockten sie mich; ich durchwanderte wunderliche dunkle Gänge, in denen ich die Wasser rauschen hörte, ich folgte beklemmt, bis zum Springbrunnen kam ich; der Mond schien in sein bewegtes Wasser und gewandete die Geister, die auf seinem wogenden Spiegel sich mir zeigten, in Silberglanz; sie kamen, sie bedeuteten mein fragendes Herz und verschwanden wieder, es kamen andere, sie legten Geheimnisse auf meine Zunge, berührten alle Lebenskeime in meiner Brust, bezeichneten mich mit ihrem Siegel, sie verhüllten meinen Willen, meine Neigungen und die Kraft, die von ihnen auf mich ausgegangen war. Wie war das? Wie berieten sie mich? Durch welche Sprache gab sich ihre Lehre kund? Und wie soll ich Dir darlegen, daß es so war? Und was sie mir lehrten?

Die Mondnacht deckte mich im süßen, tiefen Kindesschlaf, dann trat sie aus sich selbst hervor und berührte mich an meinen Augen, daß sie ihrem Licht erwachten, und senkte sich mit magnetischer Gewalt in meine Brust, daß ich alle Furcht bezwang, auf Wegen, die nicht geheuer waren, forteilte in tiefer, regungsloser Nacht, bis ich zum Springbrunnen kam zwischen Blumenbeeten, wo jede Blume, jedes Kraut in täuschender Dämmerung ein Traumgesicht ausdrückte, wo sie buhlten und stritten mit der Phantasie. Dort stand ich und sah, wie der von den Lüften bewegte Wasserstrahl hinüber und herüber schwankte, und wie die Mondstrahlen das bewegte Wasser durchwebten, und wie der Blitz mit zingelnder Eile silberne Hieroglyphen in die wogenden Kreise schrieb; da kniete ich in den feuchten Sand und beugte mich über dies schwindelnde Lichtweben und lauschte mit allen Sinnen, und mein Herz hielt still, und ich nahm es an, als ob mir diese schwindenden Strahlenzüge etwas hinschrieben, und mein Herz war freudig, als ob ich sie verstanden hätte, daß ihr Inhalt mir Glück andeute; ich ging zurück durch die langen, dunklen, labyrinthischen Gänge, vorüber an Bildern von wunderlichen Heiligen in gelassener Ruhe, bis zu meinem Bettchen, das im Erker am Fenster eingeklemmt war, da öffnete ich leise das Fenster dem Mondlicht und ließ es meine Brust anstrahlen; ja, mich umarmte in jenen glücklichen, glückbringenden Momenten ein freudegeistiges Gefühl, groß, allumfassend; es umarmte von außen mein Herz, mein Herz fühlte sich umfaßt von einer liebenden Gewalt, der es sich anschmiegte im Schlummer, der von dieser Gewalt aus über mich kam. Wie soll ich diese Gewalt nennen? Lebensgeist? Ich weiß es nicht, ich weiß nicht, was ich erfahren hatte, aber ein Begegnis war es mir, ein wichtiges Ereignis, und ich war im Herzen als wie der Keim, der aus erster Verhüllung ans Licht hervorbricht; ich saugte Licht mit dem Geist und sah mit diesem, was ich vorher mit leiblichem Auge nicht gesehen haben würde, alles was die Natur mir spielend darbot, gab mir eine Erinnerung an ein Verborgenes in mir, die Farben und Formen der Pflanzenwelt sah ich mit tiefem, genießendem, verzehrendem Blick, durch den die Nahrung in meinen Geist übergehe.

Ach, wir wollen schweigen, wir wollen leisen Nebelflor über dies Geheimnis ziehen, durch den uns sein Inhalt ahnungsweise durchschimmert, ja wir wollen schweigen, Freund! Wir können's ja doch nicht in Worten enthüllen. Aber pflanzt doch der irdische Mensch und säet in den Busen der Erde, die vorher unbefruchtet war, daß ihre nährenden Kräfte eindringen in die Frucht ihrer Erzeugnisse. Hätte sie Bewußtsein ihres sinnlichen Gefühls, dann würde dies Gefühl zu Geist in ihr werden; so vergleiche ich den Menschengeist mit ihr, ein vom himmlischen Geistesäther umschwebtes Eiland; es wird aufgelockert und urbar gemacht, und göttlicher Same wird seinen sinnlichen Kräften vertraut, und diese Kräfte regen sich und sprießen in ein höheres Leben, das dem Licht angehört, welches Geist ist; und die Frucht, die dieser göttliche Same trägt, ist die Erkenntnis, die wir genießen, damit unsere der Seligkeit zuwachsenden Kräfte gedeihen.

Wie soll ich's noch darlegen, daß dieses leise Schauern und Spielen der Lüfte, des Wassers, des Mondlichts mir wirklich Berührung mit der Geisterwelt war? Wie Gott die Schöpfung dachte, da ward der einzige Gedanke: »Es werde«, ein Baum, der alle Welten trägt und sie reift. So ist auch dieser Hauch, dies Gelispel der Natur in nächtlicher Stille ein leiser Geisterhauch, der den Geist weckt und ihn besäet mit allen Gedanken, die ewig währen.

Ich sah ein Inneres in mir, ein Höheres, dem ich mich unterworfen fühlte, dem ich alles opfern sollte, und wo ich's nicht tat, da fühlte ich mich aus der Bahn der Erkenntnis herausgeworfen, und noch heute muß ich diese Macht anerkennen, sie spricht allen selbstischen Genuß ab, sie trennt von den Ansprüchen an das allgemeine Leben und hebt über diese hinweg. Es ist sonderbar, daß das, was wir für uns selbst fordern, gewöhnlich auch das ist, was uns unserer Freiheit beraubt; wir wollen gebunden sein mit Banden, die uns süß deuchten und unserer Schwachheit eine Stütze, eine Versicherung sind; wir wollen getragen sein, gehoben durch Anerkenntnis, durch Ruhm, und ahnen nicht, daß wir dieser Forderung das Ruhmwürdige und die Nahrung des Höheren aufopfern; wir wollen geliebt sein, wo wir Anregung zur Liebe haben, und erkennen's nicht, daß wir den liebenden Genius darum in uns verdrängen. Wo bleibt die Freiheit, wenn die Seele Bedürfnisse hat und sie befriedigt wissen will durch äußere Vermittlung?

Was ist die Forderung, die wir außer uns machen, anders, als der Beweis eines Mangels in uns? Und was bewirkt ihre Befriedigung, als nur die Beförderung dieser Schwäche, die Gebundenheit unserer Freiheit in dieser? Der Genius will, daß die Seele lieber entbehre, als daß sie von der Befriedigung eines Triebes, einer Neigung, eines Bedürfnisses abhänge.

Wir alle sollen Könige sein; und je widerspenstiger, je herrischer der Knecht in uns, je herrlicher wird sich die Herrscherwürde entfalten, je kühner und gewaltiger der Geist, der überwindet.

Der Genius, der selbst die Flügel regt, sich in den blauen Äther erhebt und Lichtstrahlen aussendet, der Macht hat, die Seligkeit durch eigne Kräfte zu erzeugen; wie schön, wenn der sich vor Dir beugt und Dich lieben will, der nicht um Liebe klagt, nicht sie fordert, sondern sie gibt. Ja, schön und herrlich: übergehen ineinander, in den Lichtsphären des Geistes, in aller Glorie der Freiheit aus eignem, kräftigem Willen.

Die Erde liegt im Äther wie im Ei, das Irdische liegt im Himmlischen wie im Mutterschoß, die Liebe ist der Mutterschoß des Geistes.

Es gibt keine Weisheit, keine Erkenntnis des Wahren, die mehr will, als die Liebe zu ihr.

Jede Wahrheit buhlt um die Gunst des Menschengeistes.

Gerechtigkeit gegen alle beurkundet die wahre Liebe zu dem einen. Je allseitiger, je individueller.

Nur der Geist kann von Sünden freimachen.

Willst Du allein sein mit dem Geliebten, so sei allein mit Dir.

Willst Du den Geliebten erwerben, so suche Dich zu finden, zu erwerben in ihm.

Du erwirbst, Du hast Dich selbst wo Du liebst; wo Du nicht liebst, entbehrst Du Dich.

Bist Du allein mit Dir, so bist Du mit dem Genius.

Du liebst in dem Geliebten nur den eignen Genius.

Gott lieben, ist Gott genießen; wenn Du das Göttliche anbetest, so gibst Du Deinem Genius ein Gastmahl.

Sei immer mit Deinem Genius, so bist Du auf dem graden Weg zum Himmel.

Eine Kunst erwerben, heißt dem Genius einen sinnlichen Leib geben.

Eine Kunst erworben haben, bedeutet dem Geist nicht mehr Verdienst, als dem Vater eines bedeutenden Kindes. Die Seele war da, und der Geist hat sie in die sichtbare, fühlbare Welt geboren.

Wenn Du einen Gedanken hast, der Dich belehrt, so fühlst Du wohl, es ist Dein liebender Genius, der Dir schmeichelt, der Dir liebkost. Er will Dich bewegen zur Leidenschaft für ihn.

Und alle Wahrheit ist Eingebung, und alle Eingebung ist Liebkosung, ist Inbrunst von Deinem Genius zu Dir, er will Dich bewegen, in ihn überzugehen.

Liebst Du, so nimmt Dein Genius eine sinnliche Gestalt an.

Gott ist Mensch geworden in dem Geliebten; in welcher Gestalt Du auch liebst es ist das Ideal Deiner eignen höheren Natur, was Du im Geliebten berührst.

Die wahre Liebe ist keiner Untreue fähig, sie sucht den Geliebten, den Genius, wie den Proteus unter jeglicher Verwandlung.

Geist ist göttlicher Kunststoff, in der sinnlichen Natur liegt er als unberührtes Material. Das himmlische Leben aber ist, wenn Gott ihn als Kunststoff benützt, um seinen Geist in ihm zu erzeugen.

Drum ist das ganze himmlische Leben nur Geist, und jeder Irrtum ist Verlust des Himmlischen. Darum ist jede Wahrheit eine Knospe, die durch die himmlischen Elemente blühen und Früchte tragen wird. Darum sollen wir die Wahrheit in uns aufnehmen, wie die Erde den Samen; als Mittel, durch welches unsere sinnlichen Kräfte in ein höheres Element hinüberblühen.

Indem Du denkst, sei immer liebend gegen Deinen Genius, so wird Dir die Fülle des Geistes nie ausgehen.

Die echte Liebe empfindet den Geist auch im Leib, in der sinnlichen Schönheit. Schönheit ist Geist, der einen sinnlichen Leib hat.

Aller Geist geht aus Selbstbeherrschung hervor.

Selbstbeherrschung ist, wenn Deinem Genius die Macht über Deinen Geist gegeben ist, die der Liebende dem Geliebten über sich einräumt.

Mancher will sich selbst beherrschen, daran scheitert jeder Witz, jede List, jede Ausdauer; er muß sich selbst beherrschen lassen durch seinen Genius, durch seine idealische Natur.

Du kannst den Geist nicht erzeugen. Du kannst ihn nur empfangen.

Du berührst Dich mit dem Geliebten in allem, was Du erhaben über Dich fühlst.

Du bist im Geheimnis der Liebe mit ihm, in allem, was Dich begeistert.

Nichts soll Dich trennen von diesem göttlichen Selbst, alles, was eine Kluft zwischen Dir und dem Genius bildet, ist Sünde.

Nichts ist Sünde, was mit ihm nicht entzweit, jeder Scherz, jeder Mutwill, jede Kühnheit ist durch ihn sanktioniert, er ist die göttliche Freiheit in uns.

Wer sich durch die Äußerung dieser göttlichen Freiheit beleidigt fühlt, der lebt nicht in seinem Genius, dessen Weisheit ist nicht Inspiration, sie ist Afterweisheit.

Die Erkenntnis des Bösen ist ein Abwenden aus der Umarmung der idealischen Liebe; die Sünde spiegelt sich nicht im Auge des Geliebten.

Du saugst göttliche Freiheit aus dem Blick der Liebe, der Blick des Genius strahlt göttliche Freiheit.

Es gibt ein wildes Naturleben, das durch alle Abgründe schweift, den göttlichen Genius nicht kennt, aber ihn nicht verleugnet; es gibt ein zahmes, kultiviertes Tugendleben, das ihn von sich ausschließt.

Wer die Tugend übt aus eigner Weisheit, der ist ein Sklave seiner kurzsichtigen Bildungsanstalt; wer dem Genius vertraut, der atmet göttliche Freiheit, dessen Fähigkeiten sind zerteilt in alle Regionen, und er wird sich überall wiederfinden im göttlichen Element.

Ich habe oft mit dem Genius gespielt in der Nacht, statt zu schlafen, und ich war müde, und er weckte mich zu vertraulichen Gesprächen und ließ mich nicht schlafen.

So sprach der Dämon heute nacht mit mir, da ich versuchte, Dir deutlich zu machen, in welchen wunderlichen Mitteilungen ich in diesen Kinderjahren begriffen war; er setzte Gedanken in mir ab, ich erwog sie nicht, ich glaubte an sie, sie waren wohl andrer Art, aber das Eigene hatten sie, wie auch noch jetzt, daß ich sie nicht als Selbstgedachtes, sondern als Mitgeteiltes empfinde.

* * *

Du bist gut, Du willst nicht, daß ich dies süße Geschwätz mit Dir abbreche, es ist doch allenfalls so schön und so verständlich wie das Blinken der Sterne, was ich Dir hier sage; und wenn es auch nur wär eine Melodie, die sich durch meinen Geist Luft machte sie ist äußerst lieblich, diese Melodie, und lehrt Dich träumen.

O lerne schöne Träume durch mein Geschwätz, die Dich beflügeln und mit Dir den kühlen Äther durchschiffen.

Wie herrlich schreitest Du auf diesen Traumteppichen! Wie wühlst Du Dich durch die tausendfältigen Schleier der Phantasie und wirst immer klarer und deutlicher, Du selber, der da verdient geliebt zu sein; da begegnest Du mir und wunderst Dich über mich und gönnst es mir, daß ich zuerst Dich fand. Schlafe! Senke Deine Wimpern ineinander, lasse Dich umweben so leise wie mit Sommerfäden auf der Wiese. Umweben lasse Dich mit Zauberfäden, die Dich ins Traumland bannen, schlafe! Und gib vom weichen Pfühle träumend ein halb Gehör.

* * *

Am Weihnachtmorgen das waren drei Jahre, eh ich Dich gesehen habe, gingen wir bei früher Zeit in die Kirche; es war noch Nacht, eine Laterne leuchtete voran, um durch den Schnee den Fußpfad zu finden, wir kamen an einer verödeten, verfallnen Klosterkirche vorüber, der Wind pfiff durch die zerbrochnen Fenster und klapperte mit den losen Dachziegeln; »in diesem Gemäuer hausen die Geister«, sagte der Laternenträger, »da ist es unsicher!« Am Abend, im Zimmer der Großmutter, wo eine ebenso verödete und verfallene Gesellschaft eine Spielpartie machte, erinnerte ich mich dieser Bemerkung; ich dachte, wie schauerlich es sein müsse, da allein zu sein, und wie ich um alles in der Welt jetzt nicht dort sein möchte. Kaum hatte ich mir dies überlegt, so war die Frage innerlich, ob ich's nicht wagen möchte? Ich schüttelte den Gedanken ab, er kam wieder, immer furchtsamer war ich, immer mehr wehrte ich mich gegen diesen unausführbaren Einfall, immer dringender wurde die Aufforderung dazu. Ich wollte ihr entgehen und setzte mich in eine andere Ecke des wohlerleuchteten Zimmers, aber da war's grade der offnen Tür eines dunklen Raumes gegenüber, nun spielten und zingelten Winke in der Finsternis, sie webten und schwebten bis an mich heran. Ich wickelte mich in den Fenstervorhang vor diesen Scheinwesen in der dunklen Kammer, ich drückte die Augen zu und träumte in mich hinein, da war ein freundlich Zureden in mir, ich solle an die Klostermauer gehen, wo die Geister spuken. Es war acht Uhr abends, ich überlegte, wie ich's wagen solle, in dieser Stunde einen einsamen weiten Weg zu gehen, den ich nicht genau kannte und den ich selbst bei Tag nicht allein machen würde. Es zog mich immer tiefer in einen vertrauten, abgeschlossenen Kreis; die Stimmen der Spielenden vernahm ich wie aus weiter Ferne, wie eine fremde Welt, die außer meinem Kreis sich rege.

Ich öffnete die Augen und sah die wunderlichen, unauflösbaren Rätselgesichter der Spielenden dort sitzen, vom hellen Kerzenschein beleuchtet; ich hörte die Ausrufungen des L'Hombrespiels wie Bannsprüche und Zauberformeln; diese Menschen mit ihrem wunderlichen Beginnen waren gespensterhaft; ihre Kleidung, ihre Gebärden unverständlich, grausenerregend; der Spuk war mir zu nahegekommen ich schlich mich leise hinaus. Auf der Hoftreppe atmete ich wieder frei; da lag der reine Schneeteppich zu meinen Füßen und deckte sanft anschwellend alle Unebenheiten; da breiteten die bereiften Bäume ihre silbernen Zweige unter dem wandelnden Mondlicht aus. Diese Kälte war so warm, so freundlich, hier war nichts unverständlich, nichts zu fürchten, es war, als sei ich den bösen Geistern da drinnen entwischt; hier draußen sprachen die guten um so vernehmlicher zu mir, ich zauderte keinen Augenblick mehr, ihrem Geheiß zu folgen. Wie es auch werden mag, leise und behend klettere ich über das Hoftor, jenseits werf ich mein Kleid über den Kopf, um mich zu verhüllen, und in flüchtigen Sprüngen setz ich über den Schnee. Manches begegnet mir, dem ich ausbeuge, mit gesteigerter Angst und klopfendem Herzen komme ich an, scheu und furchtsam seh ich mich um, aber ich zaudere nicht, den öden Platz zu betreten; ich bahne mir einen Weg durch das zusammengefallne, überschneite Gestein bis zur Kirchenmauer, an die ich den Kopf anlehne. Ich lausche, ich höre das Klappern der Ziegeln im Dach, und wie der Wind in dem losen Sparrwerk rasselt; ich denke: »Ob das die Geister sind?« Sie senken sich herab, ich suche meine Angst zu bekämpfen sie schweben in geringer Höhe über mir, die Furcht beschwichtigt sich allmählich; es war, als ob ich die offne Brust dem Hauch des Freundes biete, den ich kurz vorher noch für meinen Feind gehalten hatte.

Wie ich zum erstenmal vor Dir stand es war im Winter 1807 da erblaßte ich und zitterte, aber an Deiner Brust, von Deinen Armen umschlossen, kam ich so zu seliger Ruhe, daß mir die Augenlider zufielen und ich einschlief.

So ist's, wenn wir Nektar trinken, die Sinne sind dieser Kost nicht gewachsen. Da mildert der Schlaf den Sturm der Beseligung und vermittelt und schützt die gebrochnen Kräfte; könnten wir umfassen, was uns in einem Moment geboten ist, könnten wir sein verklärendes Anschauen ertragen, so wären wir hellsehend; könnte sich die Macht des Glückes in uns ausbreiten, so wären wir allmächtig; drum bitte ich Dich, wenn es wahr ist, daß Du mich liebst, begrabe mich in Deinem Denken, decke mir Herz und Geist mit Schlaf, weil sie zu schwach sind, um ihr Glück zu tragen. Ja Glück! Wer sich mit ihm verständigte, wie mit einem Geist, dem er sich gewachsen fühlte, der müßte durch es seine irdische Natur zur göttlichen verklären.

Gestern kam ein Brief von Dir, ich sah das blaue Kuvert auf dem Tisch liegen und erkannte ihn von weitem, ich verbarg ihn im Busen und eilte in mein einsames Zimmer an den Schreibtisch, ich wollte Dir gleich beim ersten Lesen die Fülle der Begeistrung niederschreiben. Da saß ich und faltete die Hände über dem Schatz und mochte ihn nicht vom warmen Herzen herunternehmen. Du weißt, so hab ich mich auch nie aus Deinen Armen losgemacht; Du warst immer der erste und ließest die Arme sinken und sagtest: »Nun geh!« Und ich folgte dem Befehl Deiner Lippen. Hätte ich dem Deiner Augen gefolgt, so wär ich bei Dir geblieben; denn die sagten: »Komm her!«

Ich schlief also ein über dem Bewachen meines Kleinods im Busen, und da ich erwachte, las ich die zwei Zeilen von Deiner Hand geschrieben: »Ich war auch einmal so närrisch wie Du, und damals war ich besser als jetzt.«

O Du! Von Dir sagt die öffentliche Stimme, Du seist glücklich, sie preisen Deinen Ruhm, und daß an den Strahlen Deines Geistes Dein Jahrhundert sich zum Äthergeschlecht ausbrüte, zum Fliegen und Schweben über Höhen und den Flug nach Deinen Winken zu richten; aber doch sagen sie, Dein Glück übersteige noch Deinen Geist. O wahrlich, Du bist Deines Glückes Schmied, der es mit kühnem, kräftigem Schlag eines Helden zurechtschmiedet; was Dir auch begegne, es muß sich fügen, die Form auszufüllen, die Dein Glück bedarf, der Schmerz, der andre zum Mißmut und zur Klage bewegen würde, der wird ein Stachel für Deine Begeistrung. Was andre niederschlägt, das entfaltet Deinen Flug, der Dich den Bedrängnissen enthebt, wo Du den reinen Äther trinkst und die Empfindung des Elends Dich nicht verdirbt. Du nimmst Dein Geschick als Kost nur aus den Händen der Götter und trinkst den bitteren Kelch wie den süßen mit dem Gefühl der Überlegenheit. Du läßt Dich nicht berauschen, wie ich mich berauschen lasse auf dem Weg, der zu Dir führt. Du würdest nicht, wie ich, der Verzweiflung hingegeben sein, wenn ein Abgrund Dich von Deinem Glück trennte. Und so hat Unglück nichts mit Dir zu schaffen. Du weißt es zu schaffen, Dein Glück, in jedem kleinen Ereignis, wie die allselige Natur auch der geringsten Blume eine Blütezeit gewährt, in der sie duftet und die Sonne ihr in den Kelch scheint.

Du gibst jedem Stoff, jedem Moment alles, was sich von Seligkeit in ihn bilden läßt, und so hast Du mir gegeben, da ich doch zu Deinen Füßen hingegeben bin; und so hab auch ich einen Moment Deines Glückes erfüllt. Was will ich mehr! Da in ihm eine Aufgabe liegt bis zum letzten Atemzug.

* * *

Ich vergleiche Dich mit Recht jener freundlichen, kalten Winternacht, in der sich die Geister meiner bemächtigten, in Dir leuchtet mir nicht die Sonne, in Dir funkeln mir tausend Sterne, und alles Kleinliche, was der Tag beleuchtet, schmilzt mir unberührt in seinen vieleckigen Widerwärtigkeiten in erhabenen Massen zusammen.

Du bist kalt und freundlich und klar und ruhig wie die helle Winternacht; Deine Anziehungskraft liegt in der idealischen Reinheit, mit der Du die hingebende Liebe aufnimmst und aussprichst. Du bist wie der Reif jener Winternacht, der die Bäume und Sträucher mit allen kleinen Zweigen, Sprossen und Knospen zukünftiger Blüte mit weicher Silberdecke umkleidet. Wie jene Nacht, wechselnd mit Mond- und Sternenlicht, so beleuchtest Du Dein Begreifen und Belehren in tausend sich durchkreuzenden Lichtern und deckst mit milder Dämmerung und verschmilzst im Schatten; die aufgeregten Gefühle übergießest Du mit idealischen Formen, jede Stimmung wird durch Dein liebendes Verstehen individueller und reizender, und durch Dein sanftes Beschwichtigen wird die heftige Leidenschaft zum Genie.

* * *

Von jenen abenteuerlichen Geister-Nachtwegen kam ich mit durchnäßten Kleidern zurück, vom geschmolzenen Schnee; man glaubte, ich sei im Garten gewesen. Über Nacht vergaß ich alles, erst am andern Abend um dieselbe Stunde fiel mir's wieder ein und die Angst, die ich ausgestanden hatte; ich begriff nicht, wie ich hatte wagen können, diesen öden Weg in der Nacht allein zu gehen und auf dem wüsten, schaurigen Platz zu verweilen; ich stand an die Hoftüre gelehnt, heute war's nicht so milde und still wie gestern, die Winde hoben sich und brausten dahin, sie seufzten auf zu meinen Füßen und eilten nach jener Seite, die schwankenden Pappeln im Garten beugten sich und warfen die Schneelast ab, die Wolken trieben mit ungeheurer Eile, was festgewurzelt war, schwankte hinüber, was sich ablösen konnte, das nahmen die jagenden Winde unaufhaltsam mit sich. In einem Nu war auch ich über die Hoftür und im flüchtigen Lauf atemlos bis an die Kirche gekommen, und nun war ich so froh, daß ich da war; ich lehnte mich an das Gemäuer, bis der Atem beschwichtigt war, es war, als ob Leib und Seele in dieser Verborgenheit geläutert würden, ich fühlte die Liebkosungen von meinem Genius in der Brust, ich fühlte sie als echte Mitteilungen im Geist. Alles ist göttliche Mitteilung, was wir erfahren, alles Erkennen ist Aufnehmen des Göttlichen, es kommt nur auf die zweifellose unschuldige Empfängnis unseres Geistes an, daß wir auch den Gott in uns empfinden. Wie ich zum erstenmal vor Dir stand und mich Dein Blick wie ein Zauberstab berührte, da verwandeltest Du allen Willen in Unterwerfung, es kam mir nicht in den Sinn, etwas anders zu verlangen, als in dieser Lichtatmosphäre in die mich Deine Gegenwart aufnahm, zu verweilen, sie war mein Element; ich bin oft aus ihm verdrängt worden, immer durch eigene Schuld. Die ganze Aufgabe des Lebens ist ja das Beharren in ihm, und die Sünde ist das, was uns daraus verdrängt.

* * *

So erlangen wir Seligkeit, wenn wir auf dem Weg uns zu erhalten wissen, auf dem wir sie ahnen. Nie hatte ich eine bestimmtere Überzeugung von ihr, als wenn ich glaubte, von Dir geliebt zu sein. Und was ist sie denn, diese Seligkeit? Du bist fern, wenn Du Dich der Geliebten erinnerst, so schmilzt Deine Seele in diese Erinnerung ein und berührt so liebend die Geliebte, wie die Sonnenstrahlen wärmend den Fluß berühren; wie die leisen Frühlingslüfte, die den Duft und den Blütenstaub zu dem Fluß tragen, der diese schönen Geschenke des Frühlings mit seinen Wellen vermischt. Wenn alles Wirken in der Natur sich geistig in sich selbst fühlt, so empfindet der Fluß diese liebkosenden Berührungen als ein innerlichstes Wesentlichstes. Warum sollte ich dies bezweifeln? Warum empfinden wir die Entzückungen des Frühlings, als nur weil er den Rhythmus angibt, mit dem der Geist sich aufzuschwingen vermag? Also, wenn Du meiner gedenkst, so gibst Du den Rhythmus an, mit dem meine Begeistrung sich zu dem Begriff von Seligkeit aufzuschwingen vermag.

Ach, ich fühl's! Mich durchzücken leise Schauer, daß Du meiner gedenken solltest in der Ferne, daß das Behagen, die Lust Deiner Tage einen Augenblick erhöht wird durch meine Liebe. Sieh, so schön ist das Geweb meiner innern Gedankenwelt, wer möchte es zerstören! Musik! Jeder Ton in ihr ist wesentlich, ist der Keim einer Modulation, in die die ganze Seele sich fügt, und so verschieden, so in sich abgeschlossen die melodischen Formen sind, in die diese Gedankenwelt sich ergießt: so umfaßt sie doch und vernimmt die Harmonie, wie der Ozean alle Strömungen in sich aufnimmt.

* * *

So gehört denn auch zu unserm vögelsingenden, blüteschneienden Frühling, wo der Fluß zwischen duftenden Kräutern tanzt und ein Herz im andern lebt, jener kalte, vom Wind und Schnee durchkreuzte Winter, wo die eisige Luft mir den Atem an den Haaren zu Reif ansetzte, wo ich so wenig wußte, was mich in den Wintersturm hinausjagte, als wo der Wind herkam, und wo er hineilte. Ach, Herz und Sturmwind eilten der Gegenwart zuvor in die Zukunft, also Dir entgegen. Darum riß es mich so unwiderstehlich aus dem stummen Dasein dem schönen Augenblick entgegen, der mein Leben in allen seinen Aspirationen entwickeln und in Musik auflösen sollte.

* * *

Es kann dem Winter nichts ungleicher sein als der Frühling, der unter seiner eisigen Decke der Zukunft harrt; es kann dem im Samen verschloßnen, in der Erde verborgenen Keim nichts fremder sein als das Licht, und doch ist es seine einzige Richtung; der Genius des Lebens treibt aus ihm hervor, um sich mit dem Licht zu vermählen.

Dieses Anschmiegen an eine Geisterwelt, dies Vertrauen auf die geheime Stimme, die mich so seltsame Wege leitete, die mir nur leise Winke gab, was war es anders als ein unwillkürliches Folgen dem Geist, der mich reizte, wie das Licht das Leben!

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Meine verödete Kirche stand diesseits an der Höhe, einer Mauer, die tief hinabging, einen Bleichplatz umschloß, der jenseits vom Mainfluß begrenzt war. Während mir vor der Höhe dieser Mauer schwindelte und ich furchtsam ausweichen wollte, hatte ich mich unwillkürlich hinübergeschwungen, und so fand ich im nächtlichen Dunkel kleine Spalten in der Mauer, in die ich Hände und Füße einklemmte und hervorragende Steine, auf denen ich mir hinabhalf; ohne zu bedenken, ob und wie ich wieder hinaufkommen werde, hatte ich den Boden erreicht; eine Wanne, die wohl im Sommer zum Bleichen gedient hatte und im Herbst war vergessen worden, rollte ich bis zum Ufer, stellte sie da auf und setzte mich hinein und sah dem Eisgang zu; es war mir eine behagliche, befriedigende Empfindung, so als eingerahmtes Bild der erhabenen Winternatur ins Antlitz zu schauen. Es war, als habe ich einer geheimen Anforderung Genüge geleistet. Im Hinaufklettern fand ich ebenso kleine Lücken und Steine unter Händen und Füßen, wie ich sie brauchte. Von nun an konnte kein Wetter, kein Zufall mich abhalten, ich überwand alle Schwierigkeiten; ohne zu wissen wie, fand ich mich an meiner Geistermauer, an der ich jeden Abend hinabkletterte und in meiner Wanne sitzend dem Treiben der Eisschollen zusah. Eine stieß ans Ufer, ich sträubte mich nicht mehr gegen die dämonischen Eingebungen, zuversichtlich sprang ich drauf und ließ mich eine Weile forttreiben. Dann sprang ich auf die nächste, bis ich endlich in der Mitte des Stromes dahinsegelte. Es war eine wunderbare Nacht! Warum? Jeder Naturmoment ist wunderbar, ist ungeheuer, wo er in seiner Freiheit waltet über den Menschengeist, ich habe mich ihm preisgegeben, und so wirkte er als höchstes Ereignis. Am fernen Horizont schimmerte ein dunkles Rot, ein trübes Gelb und milderte die Finsternis zur Dämmerung, das Licht, gefesselt in den Umarmungen der Nacht; dahin schaute ich, dahin trug mich mein eisiger Seelenverkäufer, und der Wind, der sich kaum über die Höhe des Flusses hob, spielte und klatschte zu meinen Füßen mit den Falten meiner Kleider. Noch heute empfinde ich den königlichen Stolz in meiner Brust, noch heute hebt mich die Erinnerung der schmeichelnden Winde zu meinen Füßen, noch heute durchglüht mich die Begeistrung jener kühnen nächtlichen Fahrt, als wenn es nicht vor sechs Jahren, sondern in dieser kalten Winternacht wär, in der ich hier sitze, um Dir zulieb und meiner Liebe zum Gedächtnis alles aufzuschreiben. Eine gute Strecke hatte ich mich dahin treiben lassen, da war ich ebenso willenlos, als ich den Fluß hinabgeschwommen war, wieder umgekehrt, ich schritt ruhig von einer nachkommenden Eisscholle zur andern, bis ich mich glücklich am Ufer befand. Zu Hause im Bette überlegte ich, wo mich wohl noch diese Wege hinführen möchten; es ahnte mir wie ein Weg, der immer weiter, aber nicht zurückführen werde, und ich war neugierig auf das Abenteuer der nächsten Nacht. Am andern Tag unterbrach eine zufällige Reise in die Stadt meine nächtlichen Geisterwanderungen. Da ich nach drei Wochen zurückkehrte, war dieser mächtige Reiz aufgehoben, und nichts hätte mich bewegen können, sie aus eigener Willkür zu wagen. Sie lenkten freilich einen Weg, diese freundlichen Nachtgeister, der nicht wieder umlenkt, sie belehrten mich, wollten mich lehren der Tiefe, dem Ernst, der Weisheit meines Glückes nachzugehen und seine Beseligung nur als seinen Abglanz zu betrachten. So machen es die Menschen; während ihr Geschick ihnen einen vorübergehenden Genuß darbietet, wollen sie ewig dabei verweilen und versäumen so, sich ihrem Glück, das vorwärts schreitet, zu vertrauen, und ahnen nicht, daß sie den Genuß verlassen müssen, um dem Glück nachzugehen und es nicht aus den Augen zu lassen.

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Nur das eine ist Glück, was den idealischen Menschen in uns entwickelt, und nur insofern ihn Genuß in den Äther hebt und ihn fliegen lehrt in ungekannten Regionen, ist er ihm wahre Beseligung. Gewiß, ich möchte immer bei Dir sein, in Dein Antlitz schauen, Rede mit Dir wechseln, die Lust würde nimmer versiegen: aber doch sagt mir eine geheime Stimme, daß es Deiner nicht würdig sein würde, mir dies als Glück zu setzen. Vorwärtseilen in den ewigen Ozean, das sind die Wege, die mir auf eisiger Bahn die Geister vorschrieben, auf denen ich Dich gewiß nicht verlieren werde, da auch Du nicht umkehrst und ich nie an Dir vorüberschreiten werde, und so ist gewiß das einzige Ziel alles Begehrens die Ewigkeit.

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Die Reise nach der Stadt hatte der Krieg veranlaßt. Wir flüchteten vor dem Getümmel der Österreicher mit den Franzosen; es war zu fürchten, daß unser kleines Stadtparadies mit seinen wohlgeordneten Lustrevieren nächstens unter den Hufen kämpfender Reiterei zertrümmert werde. Der Feind war nur flüchtig durch Feld und Wald gesprengt, hatte über den Fluß gesetzt, und die heimliche Ruh des beginnenden Frühjahrs lagerte schützend über den Saatfeldern, deren junges Grün schon aus dem schmelzenden Schnee hervorragte, da wir wieder zurückkehrten.

Die kräftigen Stämme der Kastanienallee, Du kennst sie wohl! Manche Träume Deiner Frühlingstage flatterten dort mit der jungen Nachtigallenbrut um die Wette, wie oft bist Du dort an Liebchens Arm dem aufgehenden Mond entgegengeschlendert! Ich mag nicht daran denken; Du wirst Dich der heiteren Aussichten des wimmelnden Lebens auf dem Fluß am Tag, seiner ruheflüsternden Schilfgestade in warmen Sommernächten und seiner ringsum blühenden Gärten, zwischen denen sich die reinlichen Straßen verteilen, noch gar wohl erinnern und auch seiner Bequemheit für Deine Liebesangelegenheiten. Seitdem hat sich die Gegend wie die Lebensweise und auch die Bevölkerung ins Wunderbare gespielt, und keiner würde es glauben, der's nicht gesehen hat, und jeder, der mit seinem Reisejournal in der Tasche von seiner Reise um die Welt hier durchkäm, würde glauben, in die Stadt der Märchen versetzt zu sein12; eine mystische Nation wandelt in bunter, wunderbarer Kleidung zwischen den andern durch; die Greise und Männer mit langen Bärten in Purpur und grün und gelben Talaren, die Hälfte des Gewandes immer von verschiedener Farbe, die wunderschönen Jünglinge und Knaben in enganliegendem Wams, mit Gold verbrämt, die eine Hose grün, die andre gelb oder rot, dahersprengend auf mutigen Rossen mit silbernen Glöckchen am Hals, oder am Abend durch die Straße auf der Gitarre und Flöte präludierend, bis sie vor Liebchens Fenster Halt machen! Denke Dir dies alles und den milden Sommerhimmel, der sich darüber wölbt und dessen Grenzen eine blühende, tanzende und musizierende Welt umfließt; denke Dir den Fürsten jenes Volkes mit silbernem Bart, weißem Gewand, der vor dem Tor seines Palastes auf öffentlicher Straße auf prächtigen Teppichen und Polstern lagert, umgeben von seinem Hofstaat, wo jeder einzelne ein absonderliches Zeichen seines Amts und Würde an seiner fabelhaften Kleidung hat. Da speist er unter freiem Himmel gegenüber den lustigen Gärten, hinter deren zierlichen Gittern hohe Pyramiden blühender Gewächse aufgestellt sind und mit feinem Drahtflor umzogene Volieren, wo der Goldfasan und der Pfau zwischen den rucksenden Haustauben einherstolzieren und die kleinen Singevögel jubeln, alles von zartem, grünem Rasen umschlossen, wo mancher Wasserstrahl emporschießt; die Knaben in verbrämten Kleidern goldne Schüsseln bringen, indessen aus den offnen Fenstern des Palastes Musik erschallt. Wir Kinder machten manchmal im Vorübergehen da Halt und sahen und hörten dem Verein schöner Jünglinge im Gesang, Flöte und Gitarre zu; aber damals wußte ich nicht, daß nicht überall die Welt so heiter lieblich, so reinen Genusses sich ausbreite; und so fand ich es auch nicht wunderbar, wenn die Nacht einbrach und aus dem Nachbarsgarten die herrlichsten Symphonien herüberschallten, von einem Orchester der ersten Künstler aufgeführt, wenn die herrlichen großen Bäume mit so viel bunten Lampen geschmückt waren, als Sterne sich am Himmel blicken ließen; da suchte ich einen einsamen Weg und sah den glühenden Johanniswürmchen zu, wie sich die im Flug durchkreuzten, und ich war überrascht von dem wunderbaren Leuchten, ich dachte nachts an diese Tierchen und freute mich auf den andern Abend, um sie wiederzusehen, auf die Menschen aber freute ich mich nicht, sie leuchteten mir nicht ein, ich verstand und ahnte nicht, daß man sich mit ihnen verständigen könne; manche Sommernacht auch schwamm die Kapelle von blasenden Instrumenten auf dem Main, bald hinab und hinauf, begleitet von vielen Nachen, auf denen sich kaum ein Flüstern hören ließ, so tiefernst hörten sie der Musik zu. Da wurde ich auch mitgeschaukelt auf den sanften Wellen und sah die wechselnden Schatten, Lichter und Mondstrahlen und ließ das kühle Wasser über meine Hände laufen. So war das Sommerleben, das plötzlich durch die rückkehrenden Kriegsszenen unterbrochen ward. Da war an kein Flüchten zu denken, am Morgen, da wir erwachten, hieß es: »Hinab in den Keller! Die Stadt wird beschossen, die Franzosen haben sich hereingeworfen, die Rotmäntel und die Totenköpfe sprengen von allen Seiten heran, um sie herauszujagen!« Da war ein Zusammenlaufen auf den Straßen, da erzählte man sich von den Rotmänteln, daß die kein Pardon gäben, alles zusammenhauen, daß sie fürchterliche Schnurrbärte haben, rollende Augen, blutrote Mäntel, damit das vergossene Blut nicht so leicht zu bemerken sei. Allmählich wurden die Fensterladen geschlossen, die Straßen leer, die erste Kugel, die durch die Straßen flog, eilte alles in die Keller, auch wir, Großmutter, Tante, eine alte Cousine von achtzig Jahren, die Köchin, die Kammerjungfer, ein männlicher Hausgenosse. Da saßen wir, die Zeit wurde uns lang, wir lauschten eine Bombe flog in unsern Hof, sie platzte. Das war doch eine Diversion, aber nun stand zu erwarten, daß Feuer ausbrechen könne. Allerlei, was meiner Großmutter unendlich wichtig war von Büchern, von Bildern, fiel ihr ein, sie hätte es gern in den Keller gerettet. Der männliche Hausgenosse demonstrierte, wie es eine Unmöglichkeit sei, den heiligen Johannes, ein Bild, was die wunderbare Eigenschaft hatte, die Fabel geltend zu machen, er sei ein Raffael, jetzt aus dem oberen Saal herunterzuschaffen, indem es viel zu schwer sei; ich entfernte mich leise, stieg zum Saal, hob das schwere Bild ab, nahm es an der Schnur über den Rücken, und so kam ich, noch eh die Verhandlung beendigt war, zum Erstaunen aller und zur großen Freude der Großmutter, zur Kellertreppe herabgepoltert, ich meldete noch, wie ich aus dem Saalfenster gesehen und alles still sei; ich bekam die Erlaubnis, noch mehr zu retten, ich bekam die Schlüssel zur Bibliothek, um Kupferwerke zu holen, mit freudiger Eile sprang ich die Treppe hinauf, in die Bibliothek hätt ich längst gern mich eingestohlen, da war eine Sammlung prachtvoller Muscheln, wunderbarer Steine, getrockneter Pflanzen, da hingen Straußeneier an den Wänden, Kokusnüsse, da lagen alte Waffen, ein Magnetstein, an dem alle Näh- und Stricknadeln hängen blieben, da standen Schachteln voll Briefschaften, Toiletten mit wunderlichem alten Geschirr und Geschmeide, Zitternadeln mit Sternen von bunten Steinen, o ich freute mich, den Schlüssel zu haben, ich holte herunter, was man verlangte, zog den Schlüssel ab, ohne abzuschließen, und dachte mir eine stille, einsame Nacht, in der ich, alles durchsuchend und betrachtend, schwelgen wolle. Das Schießen hatte wieder angefangen, einzelne Reiter hörte man in gestrecktem Galopp die furchtbare Stille der Straße unterbrechen, die Furcht im Keller stieg, man dachte jedoch nicht daran, daß ich verletzt werden könne, und ich auch nicht; ich sprach nicht aus, daß ich mich nicht fürchte, und fühlte auch nicht, daß ich Gefahr lief, und so überkam ich das schöne Amt, alle zu bedienen, für alle Bedürfnisse zu sorgen. Ich hörte verschiedentlich die Reiter vorübersprengen. »Das mag ein Rotmantel sein!« dachte ich, lief eilig ans Fenster des unteren Geschosses, riß den Laden auf siehe, da hielt er in der mitten Straße mit gezogenem Säbel, langem fliegenden Schnurrbart, dicken, schwarzen, geflochtenen Haarzöpfen, die unter der roten Pelzmütze hervorhingen, der rote Mantel schwebte in den Lüften, wie er die Straße hinabflog, alles wieder totenstill! Ein junger Mensch in Hemdärmeln, bloßem Kopf, totenblaß, blutbespritzt, rennt verzweiflungsvoll hin und wieder, rasselt an den Haustüren, klopft an den Läden, keiner tut sich auf, mir klopft das Herz, ich winke er sieht es nicht. Jetzt eilt er auf mich zu, bittend, da ertönt der Schall eines Pferdes; er schmiegt sich in die Vertiefung des Hoftors, der Reiter, der ihn suchend verfolgt, sprengt an ihm vorbei, hält einen Augenblick, späht in die Ferne, wendet um und fort. O, jeder Blick, jede Bewegung des Reiters und des Pferdes haben sich tief in mein Gehirn geprägt, und der arme Angsterfüllte eilt hervor und schwingt sich am schwachen Kinderarm herein in die rettenden Wände, aber kaum, da ist der Reiter schon wieder, er sprengt an mich heran, ich rühr mich nicht vom Fenster, er verlangt Wasser, ich eile in die Küche, es ihm zu holen, nachdem er getrunken und nachdem ich ihn die Straße hinabreiten gesehen erst, mache ich meinen Laden zu, und nun sehe ich mich nach meiner geretteten Beute um. Hätte sich der Rotmantel auf seinem Pferde in die Steigbügel gestellt, so hätte er meinen Geretteten entdeckt, dieser küßte mir zitternd die Hände und sagte mit leiser Stimme: »O mon dieu! mon dieu!«. Ich lachte vor Freuden, aber dann brach ich in Tränen aus; denn es rührte mich, der Retter eines Menschen geworden zu sein, so ohne mich zu besinnen, so ohne zu wissen wie. Und Du auch! Rührt es Dich nicht? Freut es Dich nicht, daß es mir gelungen ist? Mehr als alle Schmeichelreden, die ich Dir sagen könnte? »Sauvez-moi! Cachez-moi!« sagte er, »mon père et ma mère prieront pour vous.«. Ich faßte ihn bei der Hand und führte ihn schweigend leise über den Hof nach dem Holzstall: dort untersuchte ich seine Wunde, das Blut abwaschen konnte ich nicht, ich hatte kein Wasser, holen mochte ich auch keins, der Nachbar Andree, dessen Du Dich auch erinnern mußt, war mit mehreren Freunden auf sein Observatorium gestiegen, um das Kriegswesen zu beobachten, er konnte mich bemerken. Ein einzig Mittel hatte ich erfunden; ich leckte ihm das Blut ab, denn es ihm so mit Speichel abzuwaschen, schien mir zu unbescheiden; er ließ mich gewähren, ich zog leise und sanft die anklebenden Haare zurück, da flog ein Huhn mit großem Geschrei vom oberen Holz herunter, wir hatten es verscheucht von dem Ort, wo es seine Eier zu legen pflegte, ich kletterte hinauf, um das Ei zu holen, die innere weiße Haut legte ich über die Wunde es mag wohl geheilt haben, ich will's hoffen! Nun eilte ich wieder in den Keller, die eine Schwester schlief, die andere betete vor Angst, die Großmutter schrieb an einem kleinen Tisch bei Licht ihr Testament, die Tante hatte den Tee bereitet, ich bekam die Schlüssel zur Speisekammer, um Wein und kalte Speisen zu holen, da dachte ich auch an den Magen meines armen Gefangenen und brachte ihm Wein und Brot. So ging der Tag vorüber und die Gefahr, der Keller wurde verlassen, mein Geheimnis fing an mich zu beklemmen; ich beobachtete jeden Schritt der Hausgenossen, der Köchin half ich in der Küche, ich holte ihr Wasser und Holz, unter dem Vorwand, daß es doch noch gefährlich sein könne unter freiem Himmel, sie ließ sich's gefallen; endlich und endlich kam die Nacht, der Nachbar hatte Rapport gebracht, daß nichts zu fürchten sei vor der Hand, und so legte man sich zur Ruhe, deren man so sehr bedurfte. Ich hatte meine Schlafstätte im Nebenzimmer der Großmutter, von da konnte ich den Holzstall, der vom Mond beschienen war, beobachten, ich ordnete nun meinen Plan: fürs erste mußten Kleider geschafft werden, die den Soldaten verleugneten. Wie gut, daß ich die Bibliothek offen gelassen! Da oben hing ein Jagdkleid und Mütze von welchem Schnitt, ob alt- oder neumodisch wußt ich nicht. Wie ein Geist schlich ich auf bloßen Strümpfen an der Tante Zimmer vorbei, schwebend trug ich's herunter, damit die metallnen Knöpfe nicht rasselten, er zog es an, es saß wie angegossen Gott hat es ihm angepaßt und die Jagdmütze dazu! Ich hatte das Geld, was man mir schenkte, immer in das Kissen eines ledernen Sessels gesteckt, weil ich keine Gelegenheit hatte, es zu brauchen. Jetzt durchsuchte ich den Sessel, und es fand sich eine ziemliche Barschaft zusammen, die ich meinem Geretteten als Zehrpfennig einhändigte. Nun führte ich ihn durch den mondbeschienenen, blüteduftenden Garten; wir gingen langsamen Schrittes Hand in Hand bis hinter die Pappelwand, an die Mauer, wo alle Jahr die Nachtigall in der Rosenhecke ihr Nest baute, es war grade die Zeit, was half's dies Jahr mußte sie gestört werden. Da wollte er mir danken, da nahm er mich auf seine Arme und hob mich hoch, er warf die Mütze ab und legte den  verbundenen Kopf auf meine Brust, was hatte ich zu tun? Ich hatte die Arme frei, ich faltete sie über seinem Kopf zum Gebet; er küßte mich, stieg über die Rosenheckenmauer in einen Garten, der zum Main führte, da konnte er sich übersetzen; denn es waren Nachen am Ufer.

Es gibt unerwartete Erfahrungen, die sind vergessen, gleich als ob sie nicht erlebt wären, und erst dann, wenn sie wieder aus dem Gedächtnisbrunnen heraufsteigen, ergibt sich ihre Bedeutung es ist, als ob eine Lebenserfahrung dazu gehörte, ihre Wichtigkeit empfinden zu lernen; es sind andre Begebnisse, auf die man mit Begeistrung harrt, und die schwimmen so gleichgültig vorüber wie das fließende Wasser. Wie Du mich fragtest, wer mir den ersten Kuß gegeben habe, dessen ich mich deutlich erinnere, da schweifte mein Besinnen hin und her wie ein Weberschiffchen, bis allmählich dies Bild des Erretteten lebhaft und deutlich hervortrat, und in diesem Widerhall des Gefühls erst werde ich gewahr, welche tiefe Spuren sie in mir zurückgelassen! So gibt es Gedanken wie Lichtstrahlen, die einen Augenblick nur das Gefühl der Helle geben und dann verschwinden, aber ich glaube gewiß, daß sie ewig sind und uns wieder berühren in dem Augenblick, wo unsere sittliche Kraft auf die Höhe steigt, mit der allein wir sie zu fassen vermögen. Ich glaube: mit uns selbst ins Gericht gehen, oder wenn Du willst, Krieg führen mit allen Mächten, ist das beste Mittel, höherer Gedanken teilhaftig zu werden. Es gibt eine Art Lumpengesindel auch im Geist, das alle Befähigung zur Inspiration unterdrückt und sich wuchernd ausbreitet; dahin gehören die Ansprüche aller Art nach außen: wer etwas von außen erwartet, dem wird es in dem Innern nicht kommen, aller Reiz, der nach außen zur Versündigung wird, kann im Innersten konzentriert zur Tugend werden; das Gefühl, das, sowie es sich mit der Oberfläche des Lebens berührt, gleich zur Eitelkeit anschließt: in der innersten Seele festgehalten, wird sich zu einer demütigen Unterwerfung an die Schönheit ausbilden. Und so könnte wohl jede Verkehrtheit daher entstehen, weil ihr Reiz fehlgeht in seiner Befriedigung. Alle Ansprüche, aller Reiz, alle Leidenschaft soll befriedigt werden, aber nur durch das Göttliche, und so nicht der Sklave der Leidenschaft, sondern unserer höheren Natur werden.

Wenn ich mich über mich selbst stelle und über mein Tun und Treiben, dann kommen mir gleich Gedanken, von denen empfinde ich, sie haben eine bestimmte Beziehung auf eine bestimmte Erscheinung in mir, wie gewiß auch bei den verschiedenen Epochen in dem Pflanzenleben die Nahrung eine verschiedne geistige Richtung annimmt; daß zum Beispiel beim Blühen der Nahrungsstoff, der doch aus denselben Elementen besteht, eine in sich selbst erhöhte geistige Verwandlung vornimmt; denn er äußert sich ja nicht mehr bloß vegetierend in dem Leben der Pflanze, sondern duftend, wissend, in ihrem Geist. Gedanken dieser Art beglücken mich, wenn ich Frieden mit mir schließe und den Schlaf gleichsam annehme als Versöhnung mit mir selbst; so gestern abend fühlte ich vor dem Einschlafen, als ob mich mein Inneres in Liebe aufgenommen habe, und da schlief ich die Ruhe bis tief in meine Seele hinein und wachte von Zeit zu Zeit auf und hatte Gedanken. Ich schrieb sie, ohne sie weiter zu spinnen oder ihren Gehalt zu wägen, ja selbst manche, ohne sie ganz zu verstehen, mit Bleistift auf und schlief dann gleich wieder fort, aber bald weckte mich's wieder auf; diese Gedanken waren wie Ausrufungen meiner Seele in der Empfindung von Behagen. Ich will sie hier abschreiben, wie ich sie nacheinander erfahren. Ob sie Wert und Gehalt haben, lasse ich unberührt, aber immer werden sie ein Beweis sein, daß der Geist auch im Schlaf lebendig wirkt.

Ich glaub, daß jede Handlung ihre unendlichen Folgen hat; daß uns die Wahrheit Genuß gewährt, daß also jeder Genuß eine Wahrheit zum tiefsten Grunde hat, daß also jeder Genuß durch seine Wahrheit legitimiert ist.

Ich glaube, daß alle Ahnungen Spiegelungen der Wahrheit sind.

Der Geist ist Auge, je schärfer er sieht, je deutlicher wird die Ahnung, je reiner tritt das Spiegelbild der Wahrheit in der Empfindung auf. Die Vielheit soll zur Einheit führen, der Spiegel fasset alles in einen Strahl zusammen.

Das Licht gebärt das allseitige Leben und Streben in die Einheit, in das Reich des Göttlichen.

Die Philosophie ist Symbol der Leidenschaft zwischen Gott und dem Menschen.

Die Liebe ist eine Metamorphose der Gottheit.

Jeder Gedanke ist die Blüte einer Pflanze; was ist dann aber ihre Frucht? Die Wirkung auf unser Inneres ist ihre Frucht.

Zum Denken des wahren Geistes gehört die Unschuld. Nur mit der unschuldigen Psyche beredet sich der Geist.

Der Geist stellt die erkrankte Unschuld her. Die Frucht des Geistes genießen, macht unschuldig, das ist die Wirkung der Frucht.

Das Sinnliche ist Symbol des Geistigen, ist Spiegel einer noch nicht in die geistige Erfahrung getretnen Wahrheit.

Geistige Erfahrung ist gebornes Leben. Wenn wir Besitzer der geistigen Wahrheit sind, dann ist das Sinnliche aufgelöst.

Alles Sinnliche ist unverstanden, durch sein Verstehen wird es geistig.

Geistige Entwicklung macht große Schmerzen, sie ist der Beweis, wie sehr der Geist mit dem Physischen zusammenhängt.

Der Geist, der keine Schmerzen macht, ist Leben nach der Geburt.

Oft stirbt der Geist, sein Tod ist Sünde. Aber er ersteht wieder zum Leben; die Auferstehung von den Toten macht Schmerzen.

Der Geist ist ein Zauberer, er kann alles! Wenn ich mit dem vollen Gefühl der Liebe vor Dich hintrete, dann bist Du da.

Was ist denn Zauberei? Die Wahrheit des Gefühls geltend machen.

Die Sehnsucht hat allemal recht, aber der Mensch verkennt sie oft.

Der Mensch hat einen sinnlichen Leib angenommen, damit er in ihm zur Wahrheit komme; das Irdische ist da, damit sich in ihm das Göttliche manifestiere.

Das ganze Wirken der Natur ist nur ein Trieb, der Wahrheit nachzugehen. Die Wahrheit hat keinen Leib, aber das sinnliche Leben ist die Spur ihres Wegs.

Manchmal hab ich den Trieb, mich von Dir, wie ich Dich sinnlich erkenne, abzuwenden und an das göttliche Geheimnis Deines Daseins zu appellieren, dann fühl ich, daß sich alle verschiedenen Neigungen in einer auflösen.

Gewiß! Die Liebe ist Instinkt einer höheren Gemeinschaft, einer göttlichen Natur mit dem Geliebten. Drum schließt Liebe alle verschiedenen Neigungen aus.

Wenn wir erst wissen, daß alle äußeren Augen ein inneres Auge sind, das uns sieht, so tun wir alles dem inneren Auge zulieb, denn wir wollen in unserer geheimen Handlung der Schönheit gesehen sein.

Unser Trieb, schön zu handeln, ist der Trieb, dem innern Auge wohlgefällig zu erscheinen. Drum ist der Trieb nach Anerkenntnis, nach Ruhm eine verkehrte Befriedigung dieser angebornen, unvertilgbaren Neigung, weil ihr Ursprung göttlich ist. Was haben wir von allem äußeren Glanz, von dem Gaukelspiel des Beifalls einer unwissenden Menge, wenn wir vor dem Auge des inneren Genius nicht bestehen, wenn unsere Schönheit vor ihm zerrüttet ist! ich will nur für meine Schönheit leben, ich will nur ihr huldigen; denn sie ist der Geliebte selbst.

Wenn wir den Blick des inneren Auges umschreiben, so haben wir die Kunst und das Wissen.

Alles Wissen soll sich zur Kunst erheben, es soll ebenso unschuldig die Wahrheit nachahmen wie die bildende Kunst, und so wird sie ein Spiegel der Wahrheit, ein Bild, in dem wir sie erkennen.

Denken ist ein unmittelbares Nachahmen der Wahrheit, es ist nicht sie selbst, sie hat keinen Leib, sie hat nur eine Erscheinung.

Suche nur die Wahrheit in Deinem Innern, so hast Du den Vorteil, sie zu finden und Dich zugleich in sie aufzulösen.

In Deinem Innern wirst Du ein lebendiges Bewegen wahrnehmen, wie das Bewegen des Wassers, es ist nichts als ein Bewegen, sich in die Wahrheit aufzulösen.

Alles Leben löst sich in eine höhere Wahrheit auf, geht in eine höhere Wahrheit über, wär es anders, so wär es Sterben.

Schönheit ist eine Auflösung der sinnlichen Anschauung in eine höhere Wahrheit; Schönheit stirbt nicht, sie ist Geist.

Alle Disharmonie ist Unwahrheit.

Wenn Du schlafen willst, so ergib Dich Deinem innern Mond. Schlaf in dem Mondlicht Deiner Natur! Ich glaub, das erzieht und nährt Deinen inneren Menschen, wie das Mondlicht den Geist der Pflanze ernährt und befördert. Wer von selbst seinen Geist der Natur unterwirft, für den gibt es keinen Tod.

Der Geist muß so mächtig werden, daß er den Tod des Leibes nicht empfindet.

Der Geist braucht nicht zu denken und kann doch mächtig sein, bloß durch die Reinheit des Willens.

In allem nur sich sehen und gegen sich den reinsten Willen haben, dann ist der Geist mächtig.

Auch der sinnliche Schlaf soll so genossen werden, daß er ein geistiger Balsam sei.

Vielleicht vererben sich die geistigen Reichtümer wie die irdischen, vielleicht verteilen die Geister ihre Fähigkeiten auf ihre Nachkommen! »Ich erkenne an dem Gedanken, wes Geistes Kind du bist.« Dies Sprichwort beurkundet meine Bemerkung.

Wachsen ist das Gefühl, daß das Uranfänglichste zu seinem Ursprung in die Ewigkeit dringt.

Der Genius allein kann die verletzte Unschuld herstellen. O komm, Genius, und befriede Dich mit mir!

Hier übermannte mich ein tieferer Schlaf. Am Morgen fand ich mein beschriebenes Papier, ich erinnerte mich seiner kaum, aber sehr deutlich erinnerte ich mich des Behagens in der Nacht, und daß es eine Empfindung war, wie dem Kind in der Wiege das Schaukeln sein muß, und ich dachte, daß ich oft so träumen möchte.

Nun will ich Dir auch gleich die Geschichte meines zweiten Kusses erzählen; er folgte beinah unmittelbar auf den ersten, und was denkst Du von Deinem Mädchen, daß es so leichtfertig geworden! Ja diesmal wurde ich leichtfertig, und zwar mit einem Freund von Dir. Es klingelt, hastig springe ich an die Haustür, um zu öffnen; ein Mann in schwarzer Kleidung, ernsten Ansehens, etwas erhitzten Augen tritt ein, noch ehe er seinen Namen genannt oder gesagt, was sein Verlangen ist, küßt er mich; noch ehe ich mich besinnen konnte, geb ich ihm eine Ohrfeige, und dann erst seh ich ihm ergrimmt ins Antlitz und erkenne ein freundliches Gesicht, das gar nicht erschreckt und nicht erbittert über mein Verfahren zu sein scheint; um meiner Verlegenheit zu entgehen denn ich wußte nicht, ob ich Recht oder Unrecht getan hatte öffne ich ihm rasch die Türen zu den Zimmern der Großmutter. Da war nun meine Überraschung bald in Schrecken umgewandelt, da diese mit der höchsten Begeistrung ausrief, einmal über das andre: »Ist es möglich? Herder, mein Herder! Daß euer Weg euch zu dieser Grillentür führt? Seid tausendmal umarmt!« Und hier folgten diese tausend Umarmungen, während denen ich mich leise davonschlich und wünschte, es möge in diesem Schwall von Liebkosungen die eine untergehen, die ihm mit einer Ohrfeige war beantwortet worden. Allein, dem nicht so, er vergaß weder Kuß noch Ohrfeige, er schielte, an das Herz der Großmutter von ihren umfassenden Armen gefesselt, über ihre Achsel hinaus, nach der Enkelin und machte ihr einen bittenden Vorwurf. Ich verstand ihn sogleich und machte mich ihm auch verständlich, er sollte mich nicht verklagen, sonst wolle ich mich rächen, und schlich hinter die Vorzimmer. Allein Herder hatte keine Andacht mehr für die Großmutter, für ihre schönen Erinnerungen aus der Schweiz, für ihre Mitteilungen aus den Briefen von Julie Bondeli, für ihre Schmeichelreden und begeisterte Lobsprüche, für ihre Reden von gelehrten Dingen. Er fragte, ob sie ihm nicht ihre Enkelkinder wolle zeigen? So wurden wir ihm denn alle drei feierlich vorgeführt und von der Großmutter zugleich belehrt, wie glücklich wir seien, ihn zu sehen und von ihm gesegnet zu sein. Er war auch gar nicht faul, ging rasch auf mich zu, legte mir die Hand auf den Kopf, unter welcher ich ihn drohend ansah, und sagte langsam und feierlich: »Diese da scheint sehr selbständig, wenn Gott ihr diese Gabe als eine Waffe für ihr Glück zugeteilt hat, so möge sie sich ihrer ungefährdet bedienen, daß alle sich ihrem kühnen Willen fügen und niemand ihren Sinn zu brechen gedenke.« Ziemlich verwundert war die Großmutter über diesen wunderlichen Segen, noch mehr aber, daß er die Schwestern nicht segnete, die doch ihre Lieblinge waren. Wir wurden entlassen und gingen in den Garten; wir trugen damals breite Schärpen von blau und weiß geflammter Seide, auf dem Rücken waren sie in Schleifen gebunden, die in der vollen Breite, welche wohl eine Elle betrug, ausgebreitet waren, so daß sie gleichsam Schmetterlingsflügel bildeten. Während ich in meinem Blumenbeet arbeitete, haschte mich einer an diesen Flügeln; es war Herder. »Siehst du, kleine Psyche«, sagte er, »mit den Flügeln genießt man wohl die Freiheit, wenn man sie zu rechter Zeit zu brauchen weiß, aber an den Flügeln wird man auch gefangen, und was gibst du, daß ich dich wieder loslasse?« Er verlangte einen Kuß, ich verneigte mich und küßte ihn, ohne das Geringste einzuwenden.

Der Kuß des geretteten Franzosen war ganz im Einverständnis meiner Empfindung, ich kam ihm auf halbem Weg entgegen, und doch war er unmittelbar darauf vergessen, und jetzt erst, nach sechs Jahren, tauchte er aus meiner Erinnerung auf als eine neue Erscheinung. Herders Kuß war von meiner Seite ganz willenlos oder eher unwillig angenommen, und doch hab ich ihn nicht vergessen; ich konnte in erster Zeit den Eindruck nicht verwinden, er verfolgte mich im Traum; bald war mir's, als habe ich wider meinen Willen etwas weggeschenkt, bald überraschte es mich, daß dieser große bedeutende Mann mich so dringend aufgefordert hatte, ihn zu küssen, dies war mir eine rätselhafte Erfahrung. Herder sah mich so feierlich an, nachdem er mich geküßt hatte, daß mich ein Schauer befiel; der rätselhafte Name Psyche, dessen Bedeutung ich nicht verstand, versöhnte mich einigermaßen mit ihm, und wie denn manches Zufällige, was vielen unscheinbar vorüberschweift, einen tief rührt und eine währende Bedeutung für ihn gewinnt, so war mir dies unbegriffne Wort Psyche ein Talisman, der mich einer unsichtbaren Welt zuführte, in der ich mich unter diesem Namen begriffen dachte.

So lehrte mir Amor das Abc, und in meiner Geisblattlaube, in der die Spinnen rund um mich her dem beflügelten Insektenvolk Netze stellten, seufzte die kleine beflügelte Psyche über dieser problematischen Lektion.

Ach Herr! Im Anfang des Jahres ist die Sonne mild, sie schmeichelt den jungen Trieben, dann spaltet sie die Keime und wird immer dringender, die geöffnete Knospe kann sich nicht wieder in die kühle Kammer bewußtloser Dunkelheit verschließen, ihre Blüte fällt dem glühenden Strahl, der sie erst lockte, als Opfer.

Dritter Kuß

Der blinde Herzog vom Aremberg, der schöne, dessen Zügen die geheiligte Würde der Legitimität aufgeprägt war, wollte gegen meinen Willen mir diesen Kuß geben, ich aber war wie die schwankende Blume im Winde, die der Schmetterling vergeblich umtanzt. Laß Dir's erzählen und ausmalen mit diesen bunten Farben aus dem Muschelkasten des Kindes, mit denen ich damals noch meine Welt ausmalte und sie verstand, und Du wirst sie auch verstehen und Dich freuen, daß Du mit mir in den Spiegel siehst, in dem ich mich erkenne und den Genius, der mich zu Dir lenkt.

Er war schön, der Herzog! Schön für das großgewölbte Kinderauge, das noch kein Menschenantlitz erblickt hatte, dessen Züge Geist ausströmten. Wenn er stundenlang bei der Großmutter saß und sich von ihr erzählen ließ, stand ich neben ihm und starrte ihn an: ich war in Betrachtung dieser reinen erhabenen Züge versunken, die dem gewöhnlichen Menschen nie geschenkt werden.

Die reine, starke Stirn, deren Mitte eine Feuerstelle hatte für den göttlichen Brand des Zorns, diese Nase, höher, kühner, trotzbietender als sein schauerliches Schicksal, diese feinen feuchten Lippen, die mehr als alles andre Befehl und Herrscherwürde aussprachen, die Luft tranken und ausseufzten die tiefste Melancholie, diese feinen Schläfe, sich an den Wangen niederschmiegend zum aufgeworfnen Kinn, wie der metallne Helm der Minerva! Laß mich malen, Goethe, aus meinem kleinen Muschelkasten, es wird so schön! Sieh sie an, die grellen abstechenden Farben, die der philosophische Maler vermeidet, aber ich, das Kind, ich male so; und Du, der dem Kinde lächelt wie den Sternen, und in dessen Begeistrung Kindereinfalt sich mischt mit dem Seherblick des Weisen, freue Dich der grellen bunten Farben meiner Phantasie.

So war er, der schöne, blinde Herzog, so ist er noch jetzt in dem Zauberspiegel der Erinnerung, der alle Bilder meiner Kindheit gefesselt hält, der sie in Perlen reiht und Dir als Opfer zu Füßen legt; so war seine Gestalt oft niedergebeugt im Schmerz um die erblindete Jugend, dann stolz erstreckt, sich aufrichtend, heiter verächtlich ironisch lächelnd, wenn er die tiefversunknen Augensterne gegen das Licht wendete. Da stand ich und starrte ihn an, wie der Schäferknabe tief vergessen seiner Herde und seines Hundes, den an den einsamen Felsen geschmiedeten, von der abgewendeten Welt unbeklagten Prometheus anstarrt; da stand ich und saugte den reinen Tau, den die tragische Muse aus ihrer Urne sprengt, um den Staub der Gemeinheit zu dämpfen, indem ich in tiefer, bewußtloser Betrachtung über ihn versunken war. Es war in seinem zwanzigsten Jahr, im tollen, glühenden Übermut der Jugend, im Gefühl seiner überwiegenden Schönheit und im geheimen Bewußtsein alles dessen, was dieser zu Gebot stand, daß er am Tag der Jagd über die gedeckte Tafel sprang, mit seinen Sporen das Tischzeug mit Service und Prachtaufsatz auf die Erde riß und am Boden zerschmetterte, um seinem liebsten Freund an den Hals zu springen, ihn zu umarmen, mit ihm tausend Abenteuer zu besprechen. Sie teilten sich auf der Jagd, und der erste Schuß, den der Freund tat, war in beide Augensterne des Herzogs.

Ich habe den Herzog nie bedauert, ich bin nie zum Bewußtsein über sein Unglück gekommen; so wie ich ihn sah, erschien er mir ganz zu sich und seinem Schicksal sich verhaltend, ohne Mangel; wenn ich andre hörte sagen: »Wie schade, wie traurig, daß der Herzog blind ist!« so fühlte ich's nicht mit, im Gegenteil dachte ich: »Wie schade, daß ihr nicht alle blind seid, um die Gemeinheit eurer Züge nicht mit diesen vergleichen zu dürfen!« Ja Goethe! Schönheit ist ja das sehende Aug Gottes, Gottes Auge, auf welchem Gegenstand es mit Wohlgefallen ruht, erzieht die Schönheit, und ob der Herzog auch nicht gesehen habe, er war dem göttlichen Licht vermählt durch die Schönheit, und dies war allemal nicht das bitterste Schicksal.

Wenn ich so neben ihm stand und in Gedanken versunken mit ihm seufzte, da fragte er »Qui est là? Bettine! Amie viens que je tauche tes traits, pour les apprendre par coeur!« Und so nahm er mich auf den Schoß und fuhr mit dem Zeigefinger über meine Stirn, Nase und Lippen und sagte mir Schönes über meine Züge, über das Feuer meiner Augen, als ob er sie sehen könne. Einmal fuhr ich mit ihm von Frankfurt nach Offenbach zur Großmutter, ich saß neben ihm, er fragte, ob wir noch in der Stadt seien, ob Häuser da seien und Menschen? Ich verneinte es, wir waren auf dem Land, da verwandelte sich plötzlich sein Gesicht, er griff nach mir, er wollte mich ans Herz ziehen, ich erschrak; schnell wie der Blitz hatte ich mich den Schlingen seiner Arme entzogen und duckte nieder in der Ecke des Wagens; er suchte mich, ich lachte heimlich, daß er mich nicht fand, da sagte er: »Ton coeur est-il si méchant pour mépriser, pour se jouer d'un pauvre aveugle?« Da fürchtete ich mich der Sünde meines Mutwillens, ich setzte mich wieder an seine Seite und ließ ihn gewähren, mich an sich ziehen, mich heftig an sein Herz drücken, nur mit dem Gesicht beugte ich aus und gab ihm die Wange, wenn er nach dem Mund suchte. Er fragte, ob ich einen Beichtvater habe? Ob ich diesem erzählen werde, daß er mich geküßt habe? Ich sagte naiv schalkhaft: wenn er glaube, daß dies dem Beichtvater Vergnügen machen werde, so wolle ich's ihm erzählen. »Non, mon amie, cela ne lui plaira pas, il n'en faut rien dire, cela ne lui plaira absolument pas, n'en dites rien à personne.« In Offenbach erzählte ich's der Großmutter, die sah mich an und sagte: »Mein Kind! Ein blinder Mann, ein armer Mann!« Im Nachhausefahren fragte er, ob ich der Großmutter gesagt habe, daß er mich geküßt habe; ich sagte »ja«. »Nun, war die Großmutter bös?« »Nein«, »Et bien? Est ce quelle n'a rien dit?«. »Oui!«. Et quoi?« »Ein blinder Mann, ein armer Mann!« »O qui!« rief er, »elle a bien raison! Ein blinder Mann, ein armer Mann!« und so rief er einmal ums andre: »Ein blinder Mann, ein armer Mann!« bis er endlich in einen lauten Schrei der Klage ausbrach, der mir wie ein Schwert durchs Herz drang, aber meine Augen blieben trocken, während seinen erstorbenen Tränen entfielen. Dem Herzog ist seitdem ein feierliches Monument in meinem Herzen errichtet.

* * *

Wir hatten einen schönen Garten am Haus, Ebenmaß und Reinlichkeit war seine Hauptzierde, an beiden Seiten liefen Spaliere hin mit ausländischen Fruchtbäumen, im mitten Gang standen diese Bäume so edel, so hoch, so frei von jedem Fehl, sie hingen ihre schlanken Äste schwertragend im Herbst an den Boden, es war so still in diesem Garten wie in einem Tempel, im Eingang waren auf beiden Seiten zwei gleichmäßige Teiche, in deren Mitte Blumeninseln waren, hohe Pappeln begrenzten ihn und vermittelten die Nachbarschaft zu den Bäumen in den angrenzenden Gärten. Denke doch, wie es mir da erging, wie da alles so einfach war und wie ich Deiner bewußt ward.
Warum wühlt's mir im Herzen, wenn ich mich dran erinnere, daß die Blütenkätzchen von den Pappeln und diese braunen klebrigen Schalen von den Knospen mich beregneten, wie ich da so still in der Mittagsstunde saß und dem Streben der jungen Weinranken nachspürte, wie die Sonnenstrahlen mich umwebten, die Bienen mich umsummten, die Käfer hin und her schwirrten, die Spinne ihr Netz ins Gitter der Laube hing? In solcher Stunde bin ich Deiner zum erstenmal innegeworden. Da lauschte ich, da hörte ich in der Ferne den Lärm der Welt, da dachte ich: du bist außer dieser Welt, aber mit wem bist du? Wer ist bei dir? Da besann ich mich auf nah und fern, da war nichts, was mir angehörte. Da konnte ich nichts erfassen, mir nichts denken, was mein sein könne. Da trat zufällig, oder war's in den Wolken geschrieben, Deine Gestalt hervor; ich hatte von Dir nichts weiter gehört als Tadel, man hatte in meiner Gegenwart gesagt: Goethe ist nicht mehr so wie sonst, er ist stolz und hochmütig, er kennt die alten Freunde nicht mehr, seine Schönheit hat gewaltig abgenommen, und er sieht nicht mehr so edel aus wie sonst; noch manches wurde von der Tante und Großmutter über Dich gesprochen, was zu Deinem Nachteil war. Ich hatte es nur im Vergessen angehört; denn ich wußte nicht, wer Du seist. Jetzt in dieser Einsamkeit und abgeschloßnen Stille unter den Bäumen, die eben blühen wollten, da kamen diese Reden mir wieder ins Gedächtnis, da sah ich im Geist, wie die Menschen, die über Dich urteilen wollten, unrecht hatten, ich sagte zu mir selbst: Nein! Er ist nicht unschön, er ist ganz edel, er ist nicht übermütig gegen mich. Trotzig ist er nur gegen die Welt, die da draußen lärmt, aber mir, die freundlich von ihm denkt, ist er gewogen, und zugleich fühlte ich, als ob Du mir gut seist, und ich dachte mich von Deinem Arm umfaßt und getrennt durch Dich von der ganzen Welt, und im Herzen spürte ich Dir nach und führte freundliche Gespräche in Gedanken mit Dir, da kam nachher meine Eifersucht, wenn man von Dir sprach oder Deinen Namen sagte, es war, als habe man Dich aus meiner Brust gerufen. Vergesse nicht, Goethe, wie ich Dich lieben lernte, daß ich nichts von Dir wußte, als daß man Dich in meiner Gegenwart böslich erwähnt hatte; die Tante sprach von Deiner Freigeisterei, und daß Du nicht an den Teufel glaubst, ich glaubte auf der Stelle auch nicht an den Teufel und war ganz Dein und liebte Dich, ohne zu wissen, daß Du der Dichter seist, von dem die Welt so Großes spreche und erwarte, das kam alles später; damals wußt ich nur, daß die Leute Dich tadelten, und mein Herz sagte: Nein, er ist größer und schöner als alle, und da liebte ich Dich mit heißer Liebe bis auf heut und trotzte der ganzen Welt bis auf heut, und wer über Dich sprach, von dem wendete ich mich ab, ich konnte es nicht anhören. Wie ich aber endlich Deine Herrlichkeit fassen sollte, da dehnten mir große Schmerzen die Brust aus, ich legte in Tränen mein Angesicht auf das erste Buch, was ich von Dir in Händen bekam, es war der Meister, mein Bruder Clemens hatte es mir gebracht. Wie ich allein war, da schlug ich das Buch auf, da las ich Deinen Namen gedruckt, den sah ich an als wie Dich selber. Dort auf der Rasenbank, wo ich wenig Tage vorher zum erstenmal Deiner gedacht und Dich im Herzen in Schutz nahm, da strömte mir eine von Dir geschaffne Welt entgegen, bald fand ich die Mignon, wie sie mit dem Freund redet, wie er sich ihrer annimmt, da fühlte ich Deine Gegenwart, ich legte die Hand auf das Buch, und es war mir in Gedanken, als stehe ich vor Dir und berühre Deine Hand, es war immer so still und feierlich, wenn ich allein mit dem Buch war, und nun gingen die Tage vorüber, und ich blieb Dir treu, ich hab an nichts anders mehr gedacht, womit ich mir die Zeit ausfüllen solle. Deine Lieder waren die ersten, die ich kennen lernte, o wie reichlich hast Du mich beschenkt für diese Neigung zu Dir, wie war ich erstaunt und ergriffen von der Schönheit des Klangs, und der Inhalt, den ich damals nicht gleich fassen konnte, wie ich den allmählich verstehen lernte, was hat dies alles in mir angeregt, was hab ich erfahren und genossen und welche Geschicke hab ich erlebt, wie oft hat Eifersucht gegen diese Lieder mich erregt, und in manchen, da fühlte ich mich besungen und beglückt. Ja, warum sollte ich mich nicht glücklich träumen? Welche höhere Wirklichkeit gibt es denn als den Traum? Du wirst nie im Schoß des ersehnten Glückes finden, was Du von ihm geträumt hattest. Jahre gehen dahin, daß einer dem andern sich nahe wähnt, und doch wird sich nie die eigentümliche Natur ans Licht wagen, der erste Augenblick freier unbedingter Bewegung trennt Freundschaft und Liebe. Die ewige unversiegbare Quelle der Liebe ist ja eben, daß sie Geheimnisse in ihren klaren Wellen führt. Das Unendliche, der Sehnsucht Begehrliche des Geistes ist aber, daß er ewige Rätsel darlege. Drum mein Freund, träume ich, und keine Lehren der Weisheit gehen so tief in mich ein und begeistern mich zu immer neuen Anschauungen wie diese Träume; denn sie sind nicht gebaut auf Mißverständnisse, sondern auf das heilige Bedürfnis der Liebe. Mein erstes Lesen Deiner Bücher! Ich verstand sie nicht, aber der Klang, der Rhythmus, die Wahl der Worte, denen Du Deinen Geist vertrautest, die rissen mich hin, ohne daß ich den Inhalt begriff, ja, ich möchte sagen, daß ich viel zu tief mit Dir beschäftigt war, als daß die Geschichte Deiner Dichtungen sich hätte zwischen uns drängen können; ach, es hatte mir niemand von Dir gesagt, er ist der größte, der einzige Mensch unter allen, ich mußte es alles selbst erfahren, wie ich Deine Bücher allmählich verstehen lernte, wie oft fühlte ich mich beschämt durch diese machtausübenden Begeistrungen, da stand ich und redete im Spiegel mit mir: »Er weiß von dir nichts, in dieser Stunde läuten ihm andere Glocken, die ihn da- und dorthin rufen, er ist heiter, der Gegenwärtige ist ihm der Liebste, armes Kind! Dich nennt sein Herz nicht«, da flossen meine Tränen, da hab ich mich getröstet und hatte Ehrfurcht vor dieser Liebe als vor etwas ganz Erhabnem. Ja, es ist wahr, es ist ein höherer Mensch innewohnend, dem sollen wir immer nachgehen, seinem Willen Folge leistend, und keinem andern sollen wir Altäre bauen und Opfer bringen, nichts soll außer ihm geschehen, wir sollen von keinem Glück wissen als nur in ihm.

So hab ich Dich geliebt, indem ich dieser inneren Stimme willfahrte, blind war ich und taub für alles, kein Frühlingsfest und kein Winterfest feierte ich mit, auf Deine Bücher, die ich immer lesen wollte, legte ich den Kopf und schloß mit meinen Armen einen Kreis um sie, und so schlief ich einen süßen Schlaf, während die Geschwister in schönen Kleidern die Bälle besuchten, und ich sehnte mich, immer früher zum Schlafen zu kommen, bloß um da zu sein, wo ich Dir näher war. So ging die Zeit zwischen sechzehn und achtzehn Jahren hin, dann kam ich zu Deiner Mutter, mit der ich von Dir sprach, als ob Du mitten unter uns seist, dann kam ich zu Dir und seitdem weißt Du ja, daß ich nie aufgehört habe, mit Dir innerhalb dieses Kreises zu wohnen, den ein mächtiger Zauber um uns zieht. Und Du weißt von da an alles, was in meinem Herzen und Geist vorgeht, drum kann ich Dir nichts anders mehr sagen, als zieh mich an Dein Herz und bewahr mich an demselben Dein Leben lang.

Gute Nacht, morgen reise ich in die Wetterau.

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Reise in die Wetterau

Wie es hier aussieht, das muß ich Dir beschreiben. Eine weite Ebne, lauter Korn, von allen Seiten, als wär die Erde ein runder Teller, aber doch mit einem Rand; denn sanft schwillt die Fläche in die Runde bergan, abwechselnd umkränzt von Wald und Berggipfeln. Da stehe ich in der Mitte im wogenden Korn! Hätte ich Pfeil und Bogen und schösse nach allen Richtungen vom Mittelpunkt aus, so würde mein Pfeil einer alten Burg zufliegen, ich lauf nach allen Seiten, und wo eine auftaucht, da wandre ich hin; da hab ich manchen Graben zu überspringen, manch Wasser zu durchwaten, Wälder zu durchkreuzen, steile Klippen zu erklettern; wären's Abgründe, reißende Ströme, Wüsteneien und schwindelhohe Felswände, so wär ich der kühnste Abenteurer. An jeder alten Ruine ein kleines Schwalbennest von Menschenwohnung angemörtelt, wo wunderliche steinalte Leute wohnen, abgelöst von den meisten Beziehungen mit ihresgleichen, und doch mit einem herzrührenden wolkendurchblitzten Blick versehen. Gestern gingen wir wohl eine gute Stunde durch schön geordnete Traubengänge, bis wir an die steile Höhe kamen, wo die Festungsmauern beginnen und das Hinansteigen nur durch Geübtheit oder Kunstsprünge erleichtert wird. Da oben haben sich ein paar mitleidige Birnbäume erhalten und Eichen mit großem, breitem Laubdach und eine Linde im schwimmenden, heißen Dampf ihrer Blüte. Mitten in dieser ehrwürdigen Gesellschaft, den Zeugen früherer Tage, lag auf spärlichem Rasen ein alter Mann mit silbernem Haar und schlief. Das unreife Obst, was von den Bäumen gefallen war, lag gesammelt an seiner Seite, seinen Händen war wahrscheinlich das danebenliegende, sehr zerlesene offene Gesangbuch entfallen, auf das ein schwarzer Hund mit glühenden Augen die Schnauze gelegt hatte; er machte Miene zu bellen, allein um seinen Herrn nicht zu wecken, hielt er an sich, wir auch gingen im weiteren Kreise um das kleine Revier, um dem Hund zu zeigen, daß wir keine böse Absicht hatten. Aus dem Speisekorb nahm ich ein weißes Brot und Wein, ich wagte mich, so nah mir der Hund erlaubte, und legte es hin, dann ging ich nach der andern Seite und übersah mir das Tal; es war geziert mit Silberbändern, die ins Kreuz die grünen Matten einschnürten, der schwarze Wald umarmte es, die fernen Bergkuppen umwachten es, die Herden wandelten über die Wiesen, die Wolkenherde zog der Sonne nach, von ihrem Glanz durchschimmert, und ließ die blasse Mondessichel allein stehen, dort über dem schwarzen Tannenhorst; so umwandelte ich rund meine Burg und sah hinab und hinauf, überall wunderliche Bilder, hörte schwermütige Töne und fühlte leises, schauerliches Atmen der Natur, sie seufzte, sie umschmeichelte mich wehmütig, als wolle sie sagen: »Weine mit mir!« Ach, was steht in meiner Macht? Was kann ich ihr geben!

Da ich zurückkehrte, sah ich im Vorübergehen den Alten unter dem Baum mit dem Hund, der aufrecht vor ihm saß und ihm in den Mund sah, das weiße Brot verzehren, was ich bei ihn gelegt hatte.

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Gegenüber liegt eine andre Burg, da wohnt als Gegenstück eine alte Frau, umgeben von drei blonden Enkel-Engelsköpfchen, wovon das älteste drei Jahr und das jüngste sechs Monate ist. Sie ist nah an siebenzig Jahre und geht an Krücken; im vorigen Jahr war sie noch rüstig, erzählte sie, und hatte vom Schulmeister den Dienst, die Glocken zu läuten, weil die Kirche höher lag wie das Dorf und näher an der alten Burgruine; ihr Sohn war Zimmermann, er ging in der kalten Weihnachtszeit in den Wald, um Holz zu fällen und zum Bau zu behauen, er kam nicht wieder, er war erfroren im Wald. Da man ihr die Nachricht brachte, ging sie hinab in den Wald, um ihn noch einmal zu sehen, und da fiel sie zusammen und erlahmte, man mußte sie wieder die steilste Anhöhe hinauftragen, von der sie nun nicht wieder herabkommt. »Ich sehe alle Abend die Sterne, die auf mein Grab scheinen werden, und das freut mich«, sagte sie, »ich habe Friede geschlossen mit allen Menschen und mit allem Schicksal, der Wind mag brausend daherfahren, wie in der Bibel stehet, und den alten Eichen den Hals umdrehen, oder die Sonne mag meine alten Glieder erwärmen, ich nehme alles dahin. Friede mit allen Dingen macht den Geist mächtig der wahre Friede hat Flügel und trägt den Menschen noch bei Leibes Leben hoch über die Erde dem Himmel zu, denn er ist ein himmlischer Bote und zeigt den kürzesten Weg; er sagt, wir sollen uns nirgendwo aufhalten, denn das ist Unfriede; der grade Weg zum Himmel ist Geist, das ist die Straße, die hinüber führt, daß man alles versteht und begreift, wer gegen sein Schicksal murrt, der begreift es nicht, wer es aber in Frieden dahinnimmt, der lernt es auch bald verstehen; was man erfahren und gelernt hat, das ist allemal eine Station, die man auf der Himmelsstraße zurückgelegt; ja, ja! Das Schicksal des Menschen enthält alle Erkenntnis, und wenn man erst alles verstanden hat auf dieser irdischen Welt, dann wird man ja doch wohl den lieben Gott können begreifen lernen. Niemand lernt begreifen, denn durch Eingebung vom heiligen Geist; durch eigne Offenbarung lernt man fremde verstehen; ich erkenne gleich in jedes Menschen Herz, was ihn sticht und was ihn brennt, und weiß auch, wann die Zeit kommt, die ihn heilt; ja ich muß noch täglich weinen über meinen lieben Sohn, der erfroren ist, aber weil ich weiß, daß er die irdische Straße zurückgelegt hat, so hab ich nichts dawider, ich lese auch täglich in diesem Buch, da stehen diese großen Wahrheiten alle geschrieben.« Sie gab uns einen alten Gesang zu lesen: »O Herr! Du führst mich dunkle Wege, am Ende aber seh ich Licht«; in diesem stand zwar nichts von dem, was sie uns mitgeteilt hatte, als nur einzelne Hauptworte.

Im Nachhausegehen vertrieben uns die Gießener Studenten die Grillen, sie hatten sich am Abhang des Berges in großen Weinlauben gelagert, sie sangen, sie jauchzten, Gläser und Flaschen flogen hinab, sie tanzten, walzten und wälzten sich den Berg hinunter und durchschallten das Tal mit ihrem grausamen Gebrüll.

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Die Ammenburg

So nenne ich die kleine Wohnung, die grade so groß ist, den einfachsten Bedürfnissen eines einzelnen Menschen in schöner wohltuender Ordnung zu genügen, sie ist mit roten Steinen oben auf eine mit samtnen Rasen bekleidete, kegelrunde Bergkuppe aufgemauert. Vor drei Jahren stand sie noch nicht hier, da war die Liebe der einzige Schutz gegen Wind und Wetter, da kamen sie häufig zusammen vom Frühling bis zum Herbst, von Sonnenuntergang bis zu Sonnenaufgang lagen sie, vom Mond belacht, auf Blumenrasen zwischen silbernen Bergquellen, im Winter rief ihn die Kriegstrompete, Armide blieb allein, aber nicht lange, da kam Amor das Kind, sie legte ihn in die Wiege, sie nährte es mit der Milch ihrer Brüste und noch ein anderes dazu. Für den Ammenlohn kaufte sie sich diesen Fleck und baute das kleine Haus und wohnt jetzt mit ihren goldlockigen Bübchen hier oben, wo sie weit durchs Tal in die Ferne sieht und bei Windstille auch hören kann, wenn die Trommel sich rührt oder die Trompete zwischen den Felswänden schmettert. Vielleicht kehrt er zurück und erkennt an dem lustigen, buntbemalten Schornstein, der auf das Häuschen aufgepflanzt ist, daß das freudige Liebesglück nicht in Reue zerschmolzen ist.

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Heute zogen wir nach einer andern Burg. Sie liegt vier Meilen entfernt, ihre stolzen, wohlerhaltenen Türme streckt sie gen Himmel, als ob sie sie zum Schwur emporhebe; man sieht sie schon von mehreren Meilen, jede Viertelstunde macht sie eine andere Miene, bald treten Wälder hervor, die sie umkleiden, bald weiche Hügel, oft auch schwimmen Dörfer in den fruchtreichen Bahnen ihres langen und weiten Flurengewandes, die aber bald in seinen Falten wieder versinken. Wir waren alle beritten und zur Jagd gewappnet. Im Wald machten wir Mittag, ein Fuchs wurde verfolgt, das hielt unsere Reise auf. Da wir ankamen, stieg der Mond zwischen beiden Türmen herauf, wir aber ritten im finstern Tal durch die kleine Stadt mit holperigen Straßen; in einer großen Eisengießerei übernachteten wir. Am Morgen, vor Tag, eilte ich hinaus, ich wollte meine Schöne, die Natur, noch mit verschloßnen Augen überraschen, ich wollte sehen, wie sie auf dieser Seite, in dieser süßen Lage sich ausnähme. O Freund, alle Blumenkelche voll Tauspiegel, ein Gräschen malt sich im Perlenschmuck des andern, ein Blümchen trinkt sein Bild aus dem Kelche des Nachbarn, und Du! und Dein Geist, der erquickende, was kann er mehr sein, was kann er anders sein als reiner Himmelstau, in dem sich alles in reinster Urschönheit spiegelt; Spiegel! Tiefe weisheitsvolle Erkenntnis ist Dein Geist, in dem selbst Du nur Dich spiegelst, und alles Liebe, was der Menschheit durch Dich angetan, ist Spiegel ihrer (Idealität) reinsten unverkümmerten Natur. Und nun kam ich von meinem Weg um die Burg, die ich zweimal in beflügeltem Lauf, wie Pindar sagt, umkreist habe, sie liegt auf runder kurzbegraster Kuppe, die Schafherde drängte sich wie ein Pelzkragen um ihre Zwinger: ein blökender Pelzkragen! Ich hatte Brot bei mir, das ich unter sie teilte, wie Deutschlands Kaiser unter die Tiroler, aber sie drängten mich auch wie jene den Kaiser und schrien: »Mehr Brot! Mehr Brot! blä! blä!« Ich hatte keins mehr wie der Kaiser auch; ich war in Gefahr, umgerissen zu werden wie er; ich riß mich durch und im vollen Galopp den Berg hinunter, die ganze Herde hinter mir drein, mitsamt dem bellenden Hund kam ich am Fuß des Berges vor dem Wirtshaus an, dort weckten sie die ganze Reisegesellschaft mit ihrem Geblök, und ich sage Dir, sie wollten mit Gewalt in die Wirtsstube, ich mußte sie zuriegeln, ich glaub, der Bock hätte sie sonst mit seinen Hörnern aufgeklemmt. Ei, hätten's die Tiroler auch so gemacht, der Kaiser hätte Brot schaffen müssen; die machten's aber wie der Schäfer, der blieb verdattert auf dem Berge stehen und sah seine Herde davoneilen. »Du kannst tausend Dummheiten in einen kleinen Raum einpferchen, wie der Schäfer die Herde«, sagte der Bruder Franz, da er mich mit der nachgeeilten Herde angekommen sah.

Bis alles sich reisefertig gemacht hatte, ging ich in den Kuhställen umher. Das Gehöfte ist unendlich groß, man könnte ein Vorwerk drin anlegen, sie rufen von der entferntesten Scheune zur andern mit einem Sprachrohr. Der Kuhstall inmitten bildet ein Amphitheater, ein Halbkreis von spiegelglatten Kühen, an jedem Ende durch einen Bullen abgeschlossen. An dem Ende, wo ich eintrat, ist der Ochs so freundlich, zärtlich, daß er jeden, der ihm nahe kommt, mit der Zunge zu erreichen sucht, um ihn zu belecken; er muhte mich an in hohem Ton, ich wollte ihn nicht vergeblich bitten lassen, mußte mein Gesicht von seiner schaumigen Zunge belecken lassen; das schmeckte ihm so gut, er konnte nicht fertig werden, er verkleisterte mir alle Locken, die Deine Hand immer in so schöne Ordnung streichelt.

Jetzt beschreib ich Dir die Burg, aber flüchtig; denn wo ich nicht in Worten liebkosen kann, da verweile ich nicht lange. Sie ist besser erhalten wie alle andern, auch selbst die Gelnhäuser ist lange nicht so ganz mehr, und ich begreife nicht, daß man keine Rücksicht darauf nimmt. Sie gehörte ehemals den Herren von Griesheim, jetzt ist sie an die Grafen Stolberg gefallen. Die Burg ist in ihrem Hauptgemäuer noch erhalten, nur innen ist manches eingestürzt, der Söller ist noch ganz, auf diesem kann man rund um die Burg gehen. Nach allen Seiten sieht man ins Fruchtland, das in der Weite wieder an andern Burgruinen hinaufsteigt. So blüht und reift der ewige Segen zwischen Gräbern und verlaßnem Gemäuer, und der Mensch braucht nur sich einzufinden, so ist er auch da und umwandelt und umkleidet ihn. Die Sonne schmeichelt's dem lieben Herrgott ab, daß er seinen Menschenkindern hundertfältige Ähren reifen läßt; die Sonne und der Gott liebkosen einander, und dabei haben die Menschen gutes Spiel, und wer liebt, der stimmt ein in die Liebe Gottes, und durch ihn und in ihm reift auch der göttliche Segen.

In der Kapelle stehen noch etliche Säulen mit ihren gotischen Kapitalen; etliche liegen an der Erde, aber noch ganz erhalten, eins, was ich nur unvollkommen Dir hier abzeichne. Die Mondessichel hebt das Wappen in der Luft und bildet so das Kapitäl, unter ihr zwei Drachen, die sich verschlingen. Die Leute sagen, sie haben goldne Schaumünzen im Rachen gehabt, so sind sie in einer alten Chronik verzeichnet. Ein anderes ist noch viel schöner; ich wollt es auch abzeichnen, aber es war so kalt und feucht da unten; Rosen, wunderschön in Stein gehauen, bilden einen Kranz, Schlangen winden sich durch und strecken ihre gekrönte Köpfchen aus und bilden so einen zweiten Kranz; es ist gar zu schön, hätt ich's mitnehmen können, ich hätte Dir's gebracht! Während ich's durchzeichnen wollte, kam eine kleine Schlange unter dem Gras hervor und richtete sich vor mir auf, als wollte sie zusehen, wie ich das Bild ihrer Ahnen nachzeichnete, und das erschreckte mich in der Einsamkeit, so daß ich mit einem Schauder davoneilte.

In dem äußeren Burgtor sind noch die Türangeln, über dem innersten Burgtor auf dem Söller ist ein Steinherd mit einer kleinen Brandmauer umgeben, die wie eine Nische gebildet ist. Da haben sie das Pech glühend gemacht und durch ein Loch über der Mitte des Tores durchgegossen; alles wurde betrachtet, beachtet, erklärt, zurechtgerückt, noch manches blieb unerklärt, die Verwundrung über vorige Zeiten, und daß sie mit ihren Resten noch so derb in unsre hineinreichten, machte uns zu einfältigen Leuten; ja, mir ward angst, diese alte grobknochige Zeit könne plötzlich über den Augenblick der Gegenwart kommen und ihn verschlingen. O Goethe, mir ist nur eins wichtig, mein Dasein in Dir! Und nach diesem komme das End aller Dinge.

Soll ich Dich denn noch weiter mitnehmen auf meinen Streifzügen, oder ist's genug der eingefallnen Mauern, der Wildnis, die alles überwuchert, des Efeus, der aus dem kalten Boden hervorsprießt, unermüdlich hinaufklettert an der öden Mauer, bis er die Sonne erblickt, und dann gleich wieder hinabsteigt, mit weit reichenden Ranken nach der feuchten, düsteren Tiefe verlangt? Gestern war der Himmel blau, heute rubinfarb und smaragden, und dort im Westen, wo er die Erde deckt, jagt er das Licht im Safrangewand vor sich her aus der Schlafstätte. Einen Augenblick kann sich die sehnende Liebe ergötzen daran, daß die ganze Natur schlummernd saugt; ja, ich fühl's: wenn die Nacht einbricht, daß jedes Würzelchen trinkt, in jedem liegt Begierde, Sehnsucht nach Nahrung, und diese Anziehungskraft zwingt die Erde, die ihre Nahrung nicht versagt jedem lebenden Keim; und so liegt in jedem Blumenhaupt schwärmende Begeistrung, die aus dem Licht der Sterne Träume herabzieht, die es umweben; geh über einen Wiesenteppich in stiller sternenflimmernder Nacht, da wirst Du, wenn Du Dich herabbeugst zur Flur, die Millionen Traumbilder gewahr werden, die da wimmeln, wo eins oft vom andern Eigenheiten, Farben und Stimmungen entlehnt; da wirst Du es fühlen, daß diese Traumwelt sich hinaufschwingt in den Busen des Beschauenden und in Deinem Geist sich als Offenbarung spiegelt; ja, die schöne Blume des Gedankens hat eine Wurzel, die saugt aus dem warmen, verborgnen Boden der Sinne ihre Nahrung und steigt aufwärts zum göttlichen Licht, dem sie ihr Auge öffnet und es trinkt und ihm ihren Duft zuströmt; ja die Geistesblume ersehnt sich die Natur und die Gottheit, wie jede Erdenblume.

Bruchstücke aus Briefen in Goethes Gartenhaus geschrieben.


Anno 18

Ich habe Dich heute nur wenig Augenblicke gesehen, und mir deucht, das ganze Leben gehöre dazu, um Dir alles zu sagen. Musik und Kunst und Sprache, alles möcht ich beherrschen, um mich drin auszusprechen.

Ich sehne mich nach Offenbarung; Du bist's! Nach Deinem Innern strebt die Liebe, sie will sich in seinen Tiefen empfinden.

Deine Gegenwart erschüttert mich, weil ich die Möglichkeit empfinde, Dir eine Ahnung meiner Sehnsucht zu geben.

Deine Nähe verändert alles äußerlich und innerlich, daß der Atem, den Du aushauchst, sich mit der Luft mische, die auch meine Brust trinkt, das macht sie zum Element einer höheren Welt; so die Wände, die Dich umfassen, sind magnetisch; der Spiegel, der Dein Bild aufnimmt, die Lichtstrahlen, die an Dir hinstreifen, Dein Sitz, alles hat eine Magie; Du bist weg, aber diese bleibt und vertritt Deine Stelle, ich lege mich an die Erde, wo Deine Füße standen, an diesem Fleck und an keinem andern ist mir wohl. Ist das Einbildung? Tränen fühl ich in der Brust, Deiner so zu denken, wie ich jetzt denke, und diese Wehmut ist mir Wollust, ich fühle mich in ihr erhoben über's ganze Erdenleben, und das ist meine Religion. Gewiß! Der Geliebte ist das Element meines zukünftigen Lebens, aus dem es sich erzeugt, und in dem es lebt und sich nährt. O hätte ich Geist! Hätt ich den, was für Geheimnisse wollt ich Dir mitteilen!

Offenbarung ist das einzige Bedürfnis des Geistes; denn das Höchste ist allemal das einzigste Bedürfnis.

Geist kann nur durch Offenbarung berührt werden, oder vielmehr: alles wird zur Offenbarung an ihm.
So muß sich der Geist sein Paradies begründen. Nichts außer dem Geist. Himmel und Seligkeit in ihm. Wie hoch steigt Begeistrung, bis sie zum Himmel sich steigert! Wenn das ganze Leben des Geistes Element wird, so hat er Gewalt über den Himmel. Der Schlüssel zum höheren Leben ist die Liebe, sie bereitet vor zur Freiheit. Freiheit ist Geisterleben. Denken ist Inspiration der Freiheit.

Der hat Geist oder ist geistig, der mit sich selbst zusammenkommt. Inspiration dringt darauf, daß der Mensch zu sich selbst komme. Wenn Du mich begeisterst, so forderst Du Dich selber von mir, und meine Begeistrung geht darauf aus, Dich Dir selber zu geben. Wahre Liebe gibt dem Geliebten sich selber. Wie wahr ist dies, da ich Dich nur denken kann und doch Dir alles geben muß.

Was ist Lieben? Der Wächter auf der Zinne ruft die nahe Morgenstunde. Der regsame Geist ahnet schlummernd den Tag, er bricht aus seiner Traumwelt hervor, und der junge Tag umfängt ihn mit seinem Licht, und das ist die Gewalt der Liebe, daß alles Wirklichkeit ist, was vorher Traum war, und daß ein göttlicher Geist dem in der Liebe Erwachten das Leben erleuchte, wie der junge Tag dem aus der Traumwelt Erwachten.

Liebe ist Erkenntnis, und die ist Besitz.

Liegt der Same in der Erde, so bedarf er der Erde. Nun er zum Leben angeregt ist, müßte er sterben, wenn er ihr entnommen würde. In der Erde erst wandelt sich der Same um ins Leben, und die Erde wird erst Geist im Samen. Wenn Du liebst, dringst Du ans Licht wie der Same, der in der Erde verborgen war. Warum verbirgt die Natur den Samen im Schoß der Erde, eh sie sein Leben ans Licht entläßt? Auch das Leben liegt im geheimen Schoß des Geistes verborgen, ehe es als Liebe ans Licht dringt. Der Boden, aus dem die Liebe entsteigt, ist Geheimnis.

Geheimnis ist Instinkt der Phantasie; wessen Geist diesen Instinkt hat, der hat den befruchtenden Boden für den Samen der Liebe. Phantasie ist die freie Kunst der Wahrheit.

Und hier wär ein Gewaltiges mitzuteilen, wenn die Müdigkeit mich nicht überwältigte; es muß mir genügen, daß ich's empfinde, wie die Phantasie die Vermittlerin ist zwischen der himmlischen Weisheit und dem irdischen Geist. Jeder Gedanke hat Flügel und fliegt zu dem, der ihn eingibt; jeder Atemzug ein Gedanke, der zum Geliebten fliegt, nur was liebt, ist Gedanke und fliegt. Ja, Gedanken sind geistige Vögel.

Wenn ich nicht im Bett wär, so schrieb ich noch mehr, aber so zieht mich das Kopfkissen nieder.

In Deinem Garten ist's so schön! Alle meine Gedanken sind Bienen, sie kommen aus Deinem duftenden Garten zum Fenster hereingeflogen, das ich mir geöffnet habe, und setzen da ihren Honig ab, den sie in Deinem blütenreichen Garten gesammelt haben. Und so spät es ist, nach Mitternacht schon, so kommen sie doch noch einzeln und umsummen mich und wecken
mich aus dem Schlaf; und die Bienen Deines Gartens und die Bienen Deines Geistes summen untereinander.

Liebe ist Erkenntnis, Schönheit ist das Geheimnis ihrer Erkenntnis, und so tief ist dies Geheimnis, daß es sich keinem mitteilt als nur dem Liebenden. Glaub's nur! Keiner besitzt das Geheimnis von Dir, wie ich es besitze, das heißt: keiner liebt Dich, wie ich Dich liebe.

Wieder ein Bienchen! Deine Schönheit ist Dein Leben es wollte noch mehr summen, aber der Wind jagte es wieder zum Fenster hinaus. Daß ich in Deinem Garten schlafe eine Nacht, das ist wohl ein groß Ereignis. Du hast oft hier herrliche Stunden verlebt, allein und mit Freunden; und nun bin ich allein hier und denke dem allen nach und seh im Geist dem allen zu. Ach, und wie ich heute, eh ich ins stille verlassene Haus eintrat, noch den Berg hinaufging zum obersten Baum, der so mit mannigfachem Grün umwachsen ist, das all von Deiner Hand geleitet wurde, der seine Äste schützend über den Stein verbreitet, in den die Weihe der Erinnerung eingegraben ist! Dort oben stand ich ganz allein, ein wenig Mondlicht stahl sich durch den Baum, ich fühlte an der Rinde des Baumes nach den eingeschnittenen Buchstaben. Ach, gute Nacht.

Stehle ich dem Schlaf noch länger die Träume, so werden meine Gedanken Schäume.

* * *

Da oben sah ich Dein Haus erleuchtet. Ich dachte: wenn Du bei diesem Licht meiner harrtest, und ich käm herab den frischen Mondscheinweg mit so wohl vorbereitetem Herzen, und ich träte ein bei Dir, wie freundlich Du mich aufnehmen würdest. Bis ich herabkam, hatte mir meine Einbildungskraft weisgemacht, es könne möglich sein, daß Du da seist, und obschon ich wußte, daß dies Licht allein in meiner Kammer brenne, denn ich hatte es ja selber angezündet, so öffnete ich doch mit Zagen die Tür; und wie ich diese stille Einsamkeit gewahrte, auf dem Tisch die getrockneten Pflanzen, und an den Wänden die Steine und die Muscheln, und die Schmetterlinge, und das erhabene Dunkel, was mit den Strahlen der Lampe spielte; und wie ich da eintrat, da blieb ich am Türpfosten angelehnt stehen und holte erst Atem.

Und nun lieg ich in diesem Bettchen zum Schlafen, es ist hart, das Bett, ein einziger Strohsack und eine wollne Decke drüber, und zum Zudecken eine graue Decke mit bunten Blumen, und kein Mensch weiß, daß ich die Nacht hier zubringe, als nur Du.

Irdische Jugend ist bewußtlos, sie steigt aus ihrer Knospe, ihre Entfaltung ist ihr Ziel. Bewußtsein der Jugend ist schon übersinnliche Jugend.

In Dir bin ich meiner Jugend bewußt. Ich sehe sie alle, die goldnen Tage, die ich in Dir verlebte, gekrönt ein jeder mit wunderbaren Blüten. Stolz erhaben einherschreitend feurigen raschen Geistes; unberührt, keusch, vor der Gemeinheit sich flüchtend in höhere Regionen; ein milder Schimmer durchglänzt sie, es ist der Abendschein Deines Lebens. Ach, und der heutige Tag ist auch ein solcher, er schließt sich an die Reihe der verflossenen an, majestätisch, triumphierend; obzwar ich allein bin hier im verlassenen Haus, ohne Einrichtung, mich zu empfangen, hier sind noch die Spuren des vergangenen Winters.

Der Geist taucht unter in der Jugend als in einem Meer. Jugend wird sein Element, in ihm wird der Geist zur Liebe. Jugend bereitet den Geist vor zur Ewigkeit, die ewige Jugend ist.

Ich glaub an Deine Gegenwart in diesem einsamen Gemach, ich glaub, daß Du mich hörst, mich empfindest; ich spreche mit Dir. Du fragst, ich antworte Dir.

Jeder strebt nach Jugend, weil das Bedürfnis des Geistes Entwicklung in der Liebe ist.

Nachdem ich schon ein Weilchen geschlafen habe:

Nichts ist dem Genius neu, alles ist ihm Element. In der Liebe ist einer dem andern Genius und wird einer dem andern Element.

Du bist mir Element, und ich kann die Flügel regen in Dir, und das ist das einzige Erkennen, das einzige Empfinden, das einzige Haben.

Und Du magst Dich tausendfach aus Dir heraussehnen, nie wirst Du Dich selbst finden, als indem Du Dich in einen andern ergießest; nie wirst Du im andern sein, als wenn er in Dir ist.

Denken sieht und berührt, es ist innigste Berührung mit dem Geist des Bedachten.

Wenn der Geist zur Musik wird, dann wird Philosophie zur Empfindung.

Schon hundertmal hab ich mich in die graue Decke eingehüllt, und wollte ich schlafen, so muß ich die Hand ausstrecken, um eine Zeile zu schreiben. Wenn es wahr ist, daß es eine Magie des Lebens gibt, die vermöge der Selbsterleuchtung sich erzeugt, wer wollte dann außer ihren Kreisen stehen?

Gute Nacht! Zu Deinen Füßen verschlaf ich sie.Ja, ich will glauben, daß Du da bist, und will keine Hand nach Dir ausstrecken, damit ich Dich nicht verscheuche, und doch berührst Du mich, die Luft verändert sich, der Schimmer der Lampe, die Schatten, alles gewinnt Bedeutung.

* * *

Am 28. August

Den übergehen wir mit Stillschweigen. Du bist mir von Ewigkeit her. Wer wollte leugnen, daß die Sterne uns regieren. Du warst ihrem Einfluß willig, und so haben sie Dich zu sich erhoben, ich weiß alles: heimlich regieren sie Dich auch, daß Du mir geneigt bist. Ich seh's an Deinem Blick, Du bist mit mir zufrieden. Du sagst nichts. Du schließest Deine Lippen so fest, als habest Du Furcht, sie mögen gegen Deinen Willen plaudern. Goethe! Es ist mir genügend, was Dein Blick sagt, auch wenn er nicht auf mir weilt. Gestern, wie ich hinter Dir stand und mit dem Papier rauschte, da sahst Du Dich um, ich merkte es wohl; ich ging leise hinaus und schob die Tür nicht ganz zu, da sah ich Dich rasch den Brief ergreifen, dann ging ich weg, ich wollte Dich nicht länger belauschen, mich überlief ein leises Frösteln, wie ich mir vorstellte, daß Du jetzt lesen werdest, was ich zu Dir gedacht hatte in letzter Mitternacht. Wie selig, Goethe! denken: jetzt nimmt er diese Schmeicheleien auf, jetzt spricht sein Geist freundlich nach, was ich für ihn erdacht habe. Es ist schön, was ich Dir sage, es sind die Liebesgeister, die mit Dir sprechen, sie umkreisen jubelnd Dein Haupt.

Weißt Du, wie ich Dich mir denke heute an Deinem Geburtstag? Am Meeresstrand, auf goldnem Thronsessel im weißen wollnen Gewand, den Purpur untergebreitet; in der Ferne die weißen Segel auf hoher See, geschwellt vom Wind, rasch aneinander vorüberfliehend, und Du, ruhend im Morgenlicht, gekrönt mit heiligem Laub, mich aber seh ich zu Deinen Füßen,mit der reinen Flut, die ich am Meer geschöpft, um sie zu waschen. So denk ich mich zu Deinem Dienst in tausend Bildern, und es ist, als sei dies die Reife meines Daseins.

Hast Du schon in die untergehende Sonne gesehen, wenn sie schon milder leuchtet, so daß ein scharfes Aug von ihrem Glanz nicht mehr geblendet wird? Hast Du da schon gesehen, wie sich ihr eigen Bild von ihr ablöst und vor ihr am Horizont niedertaucht in die rote Flut, und nach diesem Bild immer wieder ein anderes in leisen Brechungen der Strahlen immer wieder sich anders färbt? Meine Seele, wenn der gewaltige Glanz Deiner vollen Erscheinung nicht mehr so stark blendet und die Ferne sanfte Schleier über Dich webt, sieht solche Bilder, die eins nach dem andern von Dir abstrahlen, sie tauchen alle unter in meiner Begeistrung wie im Feuerschoß der Natur, und ich kann mich nicht sättigen in dieser schönen Fülle.

* * *

Den 3. September

So müde wie ich war am späten Abend, so fest wie ich schlief am frühen Morgen, hab ich drei Tage nicht geschrieben. Du hast nicht nach mir gefragt in dieser Zeit, und heut am Abend bin ich zum erstenmal hinausgegangen und überlege hier auf der Bank, daß Du mich vergißt. Die Vögel sind schon gewohnt, daß ich hier sitze unbeweglich still. Wie ist's doch so wunderlich hier im fremden Land! Hierher bin ich gekommen an den verlassenen Ort, um tief in mich selbst zu versinken. Da seh ich Bilder, Erinnerungen früherer Tage, die sich an den heutigen anschließen. Heute, wie sie in der frühen Morgenstunde vor dem römischen Haus Musik machten, und wie der Herzog hervortrat und die großen Hunde ungeduldig den Menschen zuvoreilten und ihm an den Hals sprangen, das kam mir so feierlich vor, wie er sich freundlich ihren ungestümen Liebkosungen preisgab und über sie hinaus dem Volk winkte, das ihn mit Jauchzen begrüßte. Da teiltest Du plötzlich die Menge, das Vivat verdoppelte sich bei Deiner Erscheinung; die beiden hohen Freunde miteinander auf und ab schreiten zu sehen, hoch an Geist und Milde, das war dem Volk ein heilig Schauspiel, und sie sagten alle: »Welch seltnes Paar!« Und viel Schönes wurde von Euch gesprochen, jede Eurer Bewegungen wurde beachtet: Er lächelt, er wendet sich, der Herzog stützt sich auf ihn! Sie reichen einander die Hände! Jetzt lassen sie sich nieder! So wiederholte das Volk mit heiligem Schauer alles, was zwischen Euch beiden vorging. Ach, mit Recht, denn aus Euer beider vereinten Liebe ging sein Glück hervor, das wissen sie alle; und wie Ihr lange miteinander Rede führtet, da harrte die Menge schweigend, als ob der Segen von Jahrhunderten auf es herabgerufen werde. Ich auch, Goethe! Ich glaub dran, daß Euch beiden als Wesen höherer Geschlechter Macht gegeben ist, Segen für die Zukunft zu versichern, denn in des Herzogs Brust ist die Milde schon lange als Frucht gereift, das hast Du selbst gesagt, und Dein Geist strömt Licht aus, Licht der Weisheit, die Gnade ist und alles gedeihen läßt.

Als Du weg warst, da ließ der Herzog mich rufen, er fragte, ob Du mich gesehen und begrüßt habest, das mußte ich verneinen, denn Du hattest mich ja übersehen. Erinnerst Du Dich noch an jenen Geburtstag? Am Abend, wo ich hinter dem Pfeiler stand, Du suchtest mich mit dem Blick und fandest mich auch, ach, wie durchglühte das mein Herz, wie ich Dein Spähen belauschte, da reichtest Du mir Dein Glas, daß ich draus trinken sollte, und keiner merkte es in der Menge. Heute bin ich allein, viele Tage sind seitdem vergangen, dort liegt Dein Haus, ich könnte zu Dir gehen und Dich von Angesicht zu Angesicht sehen, doch zieh ich's vor, hier allein in Deinem Garten Dich zu beschwören: o hilf mir Dich denken, Dich empfinden; mein Glaube ist mein Zauberstab, durch ihn erschaff ich meine Welt, außer welcher mir alles fremd ist, und ich hege keinen Zweifel, daß ich nur in ihr wirklich lebe. Mein Denken ist wundertätig: ich spreche mit Dir, ich seh in Dich hinein, mein Gebet ist, daß ich meinen Willen stärke, Dich zu denken.


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