> Gedichte und Zitate für alle: Friedrich Warnecke: Goethe und Schiller

2019-11-02

Friedrich Warnecke: Goethe und Schiller




Goethe und Schiller

von

Friedrich Warnecke

zum 150. Geburtstage Schillers


Einzelabhandlungen, Literaturgeschichten und Biographien werden nicht müde, immer wieder auf den großen Unterschied der Naturen Schillers und Goethes hinzuweisen. Sie stützen sich dabei auf Goethes nachträglichen Bericht über die erste Begegnung mit Schiller.

Hier heißt es, Weimarer Ausgabe II, 11, 15f.: „Die Kantische Philosophie, welche das Subject so hoch erhebt, indem sie es einzuengen scheint, hatte er mit Freuden in sich aufgenommen; sie entwickelte das Außerordentliche, was die Natur in sein Wesen gelegt, und er, im höchsten Gefühl der Freiheit und Selbstbestimmung, war undankbar gegen die große Mutter, die ihn gewiß nicht stiefmütterlich behandelte. Anstatt sie selbständig, lebendig vom Tiefsten bis zum Höchsten, gesetzlich hervorbringend zu betrachten, nahm er sie von der Seite einiger empirischen menschlichen Natürlichkeiten. Gewisse harte Stellen sogar konnte ich direct auf mich deuten, sie zeigten mein Glaubensbekenntniß in einem falschen Lichte; dabei fühlte ich, es sei noch schlimmer, wenn es ohne Beziehung auf mich gesagt worden; denn die ungeheure Kluft zwischen unsern Denkweisen klaffte nur desto entschiedener.

An keine Vereinigung war zu denken. Selbst das milde Zureden eines Dalberg, der Schillern nach Würden zu ehren verstand, blieb fruchtlos, ja meine Gründe, die ich jeder Vereinigung entgegensetzte, waren schwer zu widerlegen. Niemand konnte läugnen, daß zwischen zwei Geistesantipoden mehr als ein Erddiameter die Scheidung mache, da sie denn beiderseits als Pole gelten mögen, aber eben deßwegen in Eins nicht zusammenfallen können.“

Zu einem von der bisherigen Forschung abweichenden Ergebnis war Suphan gekommen (Goethejahrbuch 26, A). Er sprach, ohne den Gegensatz ganz zu leugnen, von einer Fusion des Goethischen und Schillerschen Blutes und wies das an den Werken des letzteren nach. Auch Goethe ist nach Suphans Ansicht tief in die Spekulation von Schiller hineingezogen.

Es ist klar, daß diese Meinung nicht so ohne weiteres mit Goethes „glücklichem Ereigniß“ übereinstimmt, wo von der „ungeheuren Kluft“ der Denkweise zweier „Geistesantipoden“ die Rede ist.

Für Suphan spricht, daß Goethe in den Briefen an Schiller vom 4. September und 1. Oktober 1794, also bald nach der entscheidenden Unterredung, die O. Harnack (Euphorion 6, 541) wohl mit Recht in die Tage vom 20. bis 24. Juli 1794 legt, ausdrücklich schreibt, daß sie in den „Hauptpunkten“, in „Principien“ einig seien. Wenig später freut Goethe sich sogar über die „Harmonie, der fast völligen Übereinstimmung ihrer Denkweise“.

Wie die Widersprüche zu lösen sind, ergibt sich aus einer Analyse des Gesprächsinhalts, über das sowohl Goethe als auch Schiller berichtet.

Hören wir Goethe zuerst (W. A. II, 11,16f.): „Schiller zog nach Jena, wo ich ihn ebenfalls nicht sah. Zu gleicher Zeit hatte Bätsch durch unglaubliche Regsamkeit eine naturforschende Gesellschaft in Thätigkeit gesetzt, auf schöne Sammlungen, auf bedeutenden Apparat gegründet. Ihren periodischen Sitzungen wohnte ich gewöhnlich bei; einstmals fand ich Schillern daselbst, wir gingen zufällig beide zugleich heraus, ein Gespräch knüpfte sich an, er schien an dem Vorgetragenen Theil zu nehmen, bemerkte aber sehr verständig und einsichtig und mir sehr willkommen, wie eine so zerstückelte Art die Natur zu behandeln, den Laien, der sich gern darauf einließe, keineswegs anmuthen könne.

Ich erwiderte darauf, daß sie den Eingeweihten selbst vielleicht unheimlich bleibe, und daß es doch wohl noch eine andere Weise geben könne, die Natur nicht gesondert und vereinzelt vorzunehmen, sondern sie wirkend und lebendig, aus dem Ganzen in die Theile strebend darzustellen. Er wünschte hierüber aufgeklärt zu sein, verbarg aber seine Zweifel nicht; er konnte nicht eingestehen, daß ein solches, wie ich behauptete, schon aus der Erfahrung hervorgehe.

Wir gelangten zu seinem Hause, das Gespräch lockte mich hinein; da trug ich die Metamorphose der Pflanze lebhaft vor, und ließ, mit manchen charakteristischen Federstrichen, eine symbolische Pflanze vor seinen Augen entstehen. Er vernahm und schaute das alles mit großer Theilnahme, mit entschiedener Fassungskraft; als ich aber geendet, schüttelte er den Kopf und sagte: ,Das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee.‘ Ich stutzte, verdrießlich einigermaßen; denn der Punct, der uns trennte, war dadurch auf’s strengste bezeichnet. Die Behauptung aus Anmuth und Würde fiel mir wieder ein, der alte Groll wollte sich regen; ich nahm mich aber zusammen und versetzte: ,Das kann mir sehr lieb sein, daß ich Ideen habe, ohne es zu wissen, und sie sogar mit Augen sehe‘.“

Hierzu bemerkte bereits Minor, Preußische Jahrbücher 77, 45f., daß nicht eigentliche Vorträge bei jenen Sitzungen stattfanden, sondern nur über neuere Erscheinungen und Fortschritte der Botanik berichtet wurde. Minor bezweifelte ferner, daß Schiller bei dem Gespräch noch nichts von der Metamorphose der Pflanze gekannt haben soll, wie man aus dem Goethischen Bericht annehmen muß. Schiller richtet nämlich bereits am 14. März 1790 an Goeschen eine Anfrage, die sich vermutlich auf den Verlag der Metamorphose bezieht. Diese Einzelheiten reichen nicht aus, den Goethischen Bericht umzustoßen.

Schillers Brief an Körner vom 1. September 1794 deckt sich aber nicht hiermit. Da heißt es in bezug auf die obige Unterredung: „Bei meiner Zurückkunft fand ich einen sehr herzlichen Brief von Goethe, der mir nun endlich mit Vertrauen entgegenkommt. Wir hatten vor sechs Wochen über Kunst und Kunsttheorie ein langes und breites gesprochen, und uns die Hauptideen mitgetheilt, zu denen wir auf ganz verschiedenen Wegen gekommen waren. Zwischen diesen Ideen fand sich eine unerwartete Uebereinstimmung, die um so interessanter war, weil sie wirklich aus der größten Verschiedenheit der Gesichtspunkte hervorging. Ein jeder konnte dem andern etwas geben, was ihm fehlte, und etwas dafür empfangen. Seit dieser Zeit haben diese ausgestreuten Ideen bei Goethe Wurzel gefaßt, und er fühlt jetzt ein Bedürfniß, sich an mich anzuschließen und den Weg, den er bisher allein und ohne Aufmunterung betrat, in Gemeinschaft mit mir fortzusetzen.“

Hier ist also von der Metamorphose der Pflanze überhaupt nicht die Rede.

Die Schwierigkeiten, welche sich nun bei dem Vergleich der beiden Berichte ergeben, löst O. Harnack (a. a. O.) und mit ihm wohl manche Forscher dadurch, daß sie annehmen, das Gespräch hätte mit der Metamorphose der Pflanze begonnen und sich dann der Kunsttheorie zugewandt.

Hiergegen läßt sich scheinbar nichts und auch dann nicht einwenden, wenn man noch zu der weiteren Annahme genötigt ist, daß Goethe dann nur den ersten Teil und Schiller nur den letzten Teil der Unterredung im Gedächtnis behalten hat. Der authentische Verlauf des berühmten Gesprächs wird sich wohl nach menschlicher Voraussicht überhaupt nicht mehr feststellen lassen. Zeugen waren nicht vorhanden. Doch ist es wohl nicht ganz unwichtig für die Bewertung der beiden widersprechenden Berichte, daß Schiller seinen Brief sechs Wochen nach der Unterredung an Körner schrieb, während Goethe später, sogar erst viele Jahre nach dem Tode Schillers, sich die Vergangenheit zu vergegenwärtigen suchte.

Da man aber von vornherein erklärlichem Mißtrauen begegnet, wenn man Goethes autobiographische Werke — und dazu gehört auch das „glückliche Ereigniß“ — Rekonstruktionen nennt, so möge hier etwas über die Beurteilung dieser Schriften gesagt werden.

Selbst Vogels ablehnende Kritik meiner Arbeit,(1) Deutsche Literaturzeitung, 1908, Nr. 23, 1439 zeigt, daß ich in bezug auf Dichtung und Wahrheit aussprach, was mancher dachte. Vogel schrieb da: „Nachweisbar ist, daß Goethe in Dichtung und Wahrheit aus künstlerischen Rücksichten mitunter Früheres und Späteres zusammenrückt (so insbesondere auch bezüglich seiner Spinozastudien), weiter daß er unbewußt bei der Darstellung seiner Jugendzeit später gewonnene Einsichten mit einwebt.“

Gerade dies letztere ist es, was nicht bloß Dichtung und Wahrheit, sondern alle autobiographischen Werke zu unzuverlässigen historischen Quellen macht.

Der Dichter äußerte sich einmal über Dichtung und Wahrheit, er habe beim Schreiben gehofft, daß die Damen den Helden in ihre Zeit wünschten. Mit diesem Scherz bekannte sich der Dichter gewiß nicht zur Schönfärberei, aber er wußte auch, weshalb er die Geschichte seines Lebens Wahrheit und Dichtung nannte. Wenn man von den Früchten auf die Blüten schließt, übersieht man das Stocken im Wachstum oder gar unnütze Triebe. So ist das Wort wahr: Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle. Sieht man nur die Reflexionen des Alters an, so kann man glauben, Goethe sei auf dem Olymp geboren. Betrachtet man aber die Urkunden der Jugendzeit, so kommt man zu anderem Urteil. Goethes Briefe zeigen den Jüngling und auch noch den Mann in „dumpfem Zustande“, der nicht immer weiß, was er will.

Den Weg zum Olymp, die freie Übersicht über die Dinge, hat er sich in anstrengender Geistesarbeit erkämpfen müssen.

1. Goethe, Spinoza und Jacobi. Weimar 1908, Vogels Polemik richtet sich gegen die Rolle, die Jacobi da spielt. Sein Standpunkt ist aus der Sympathie für den Philosophen zu verstehen. Ich habe nicht die Absicht, über Jacobi den Stab zu brechen; doch handelt es sich nicht um mein, sondern um Goethes Urteil, und das war vernichtend.

Einige Beispiele werden das belegen.

In der vierten Strophe des Epilogs zu Schillers Glocke sagte Goethe 1805:

„Indessen schritt sein Geist gewaltig fort 
Ins Ewige des Wahren, Guten, Schönen, 
Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine, 
Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine." 

Wie aus den Stanzen selbst hervorgeht, will der Oberlebende nicht auf Kosten der Zeitgenossen den moralischen Charakter des Verstorbenen preisen sondern seinen „Geist“, Schillers künstlerische Betätigung. Schiller griff als Dichter nicht nach dem „gemeinen Stoffe“, wie Goethe am 7. März 1808 an F. H. Jacobi schrieb (W. A. IV, 20, 27).

Man weiß sofort, worauf der Dichter hinaus will, wenn man sich des „glücklichen Ereignisses“ erinnert, wo Goethe, der „hartnäckige Realist“, dem Idealisten Schiller gegenübergestellt wird.

Der Epilog hat zwar 1810 einen Zusatz, die zwölfte Stanze, aber erst 1815 einen Einschlag durch die eingeschobene sechste erhalten:

„Ihm schwollen der Geschichte Flut auf Fluten, 
Verspülend, was getadelt, was gelobt. 
Der Erdbeherrscher wilde Heeresgluten, 
Die in der Welt sich grimmig ausgetobt. 
Im niedrig Schrecklichsten, im höchsten Guten 
Nach ihrem Wesen deutlich durchgeprobt. —“ 

Hier ist vom „wesenlosen Scheine“ nicht mehr die Rede. Goethe gibt jetzt zu, daß Schiller auch das „niedrig Schrecklichste“, das „ganz Gemeine“, darstellen konnte.

Man darf wohl annehmen, daß der Verlust des Freundes unmittelbar nach dem Tode am schmerzlichsten empfunden ist. Goethe bedauerte den Verstorbenen aufrichtig. Die elf Stanzen von 1805 geben sein unmittelbares Gefühl wieder, und wenn er in der vierten Stanze Schillers idealistische Kunst über die eigene realistische hob, so war das 1805, wenige Monate nach dem 9. Mai, sicher so gemeint. Zur Phrase griff Goethe in solchen Fällen nicht.

Nach zehn Jahren war Schillers Kunst für Goethe aber historisch geworden. Die Reflexion trat jetzt in ihre Rechte, und man muß es Goethes besserer Einsicht zugute halten, wenn er, um das Lob des Freundes zu erhöhen, ihm in der sechsten Stanze gibt, was er ihm in der vierten genommen hatte.

Da Goethe 1810, als die zwölfte Stanze angefügt wurde, die Einschaltung nicht für nötig hielt, so muß er in der Zeit von 1810 bis 15 etwas erfahren haben, was ihn zu dieser Änderung veranlaßte.

Einen analogen Fall, wenn auch zeitlich nicht so genau fixierbar wie bei dem Epilog zur Glocke, haben wir in Dichtung und Wahrheit. Im siebenten Buch wird als Grund für den Tiefstand der deutschen Literatur in der vorklassischen Zeit nicht der Mangel an Talenten, sondern das Fehlen des „Gehaltes“ angegeben, der „von oben herunter“ komme. Dies ist der Standpunkt, wo es dem Dichter als Ruhm angerechnet wird, wenn das Irdische in „wesenlosem Scheine“ hinter ihm liegt. Die Hauptsache ist hier, „einen recht guten klaren Gedanken wie es gehen will zu verkörpern und ihn vielseitig darzustellen“ (G. am 18. Januar 1804 an N. Meyer. W. A. IV, 17,20). Noch ist es Goethe durchaus verständlich, daß die Nachfolger, „um Schiller zu überbieten“, nach dem Heiligen greifen mußten, „das in der ideellen Philosophie gleich bei der Hand lag“ (an F. H. Jacobi am 7. März 1808 W. A. IV, 20, 27).

Im achtzehnten Buche von Dichtung und Wahrheit machen aber die, welche das „Imaginative“ verwirklichen wollen, nicht bloß nach Mercks, sondern auch nach Goethes Ansicht — derselbe Gedanke ist bei der Erklärung des Wertherfiebers  ausgesprochen weiter nichts „wie dummes Zeug“. Er fühlt jetzt „ein weit höheres Bedürfniß, in das innerste Wesen des Menschen und der Dinge einzudringen, als seine Gedanken poetisch auszudrücken“.

„Ein würdiges Substrat“ steht auch den vortrefflichen Malern nach Goethes späterer Ansicht, 15. Januar 1813 an Zelter, im Wege. Christi Einzug in Jerusalem ist ihm kein Motiv für die Künstler, sie sollen biblische Stoffe wo möglich vermeiden (W. A. I, 49 89). Die Griechen werden gelobt, weil sie sich bestreben, „den Menschen zu vergöttern, nicht die Gottheit zu vermenschlichen“.

Dieses Prinzip, „die Beherzigung des Oben und Unten“, liegt auch der Kritik von Tischbeins Idyllen zugrunde, wo „Übermenschliches“ und „Untermenschliches“ — wie beim Paria — in gleicher Weise berücksichtigt sein soll:

„Alles habt ihr nun empfangen, 
Irdisch war’s und in der Näh; 
Sehnsucht aber und Verlangen 
Hebt vom Boden in die Höh.“ 

Es ist kein Zufall, daß mit dieser „Schraube ohne Ende“, wie er auch sein ästhetisches Prinzip nannte, die späteren Aufsätze über Leonardo da Vinci (W. A. I, 49 202f. und 420f.) aufgebaut sind, während Goethe in der ersten Propyläen Abhandlung über das Abendmahl noch nicht daran denkt, besonders hervorzuheben, daß da Vinci „an der Natur festhält, da wo vom Oberirdischen die Rede ist“.

Das „Obere“ und „Untere“ war für Goethe in früheren Jahren ebenso trennbar wie Seele und Leib. Während wir im ersten Teil des Faust sehen, daß die Seele den Körper nur als etwas Hemmendes betrachtet, sind im zweiten Teil die Gegensätze ausgeglichen; die Seele entflieht ihrem Kerker nicht mehr, denn beide sind unzertrennlich. So auch beim Stil im weitesten Sinne des Wortes.

Bevor Goethe „gegenständlich“ dachte, betonte er einseitig die Idee, das Übersinnliche, Obere. So auch in den Propyläen (siehe Brief an Zelter vom 15. Januar 1815. W. A. IV, 23, 243). Erst allmählich lernte er, „daß der Geist des Wirklichen eigentlich das wahre Ideelle ist“, und wir „ohne Ballast fahren“, wenn wir das Sinnliche vernachlässigen (W. A. IV, 42, 108).

Gibt man diese Entwickelung Goethischen Denkens zu, so stellt sich der Bericht über die Begegnung mit Schiller als späte Spiegelung dar.

Hier war der Freund als Vertreter der idealistischen Kantischen Philosophie dem Jünger der Natur, man könnte wohl in Klammern setzen Spinozas, gegenübergestellt. Dies paßte wenigstens 1794 für Goethe noch nicht, denn der Satz: „Wie kann jemals Erfahrung gegeben werden die einer Idee angemessen sein sollte? Denn darin besteht eben das Eigenthümliche der letzteren, daß ihr niemals eine Erfahrung  congruiren könne“, hat Goethe durchaus damals nicht „ganz unglücklich“ gemacht, wie er in dem glücklichen Ereignis  behauptet.

Goethe hat sich im Gegenteil durch Schiller sehr mit diesem Kantischen Gedanken(1) vertraut gemacht, wie der Brief an den Freund vom 10. Febr. 1798 beweist: „Was uns im theoretischen so auffallend ist sehen wir im praktischen alle Tage. Wie sehr der Mensch genöthigt ist, um sein einzelnes einseitiges, ohnmächtiges Wesen nur zu etwas zu machen, gegen Verhältnisse die ihm widersprechen die Augen zuzuschließen und sich mit der größten Energie zu sträuben, glaubt man seiner eignen Anschauung nicht, und doch liegt auch hievon der Grund in dem Tiefem, Bessern der menschlichen Natur, da er praktisch immer constitutiv seyn muß und sich eigentlich um das was geschehen könnte nicht zu bekümmern hat, sondern um das was geschehen sollte. Nun ist aber das letzte immer eine Idee, und er ist conkret im conkreten Zustande; nun geht es in ewigem Selbstbetrügen fort um dem Conkreten die Ehre der Idee zu verschaffen.“

1.) Kant, Kritik der reinen Vernunft II. Teil, II. Abteilung, I, Buch, 1. Abschnitt: „Plato bediente sich des Ausdruckes Idee so, daß man wol sieht, er habe darunter etwas verstanden, was nicht allein niemals von den Sinnen entlehnt wird, sondern welches sogar die Begriffe des Verstandes, mit denen sich Aristoteles beschäftigte, weit übersteigt, indem in der Erfahrung niemals etwas damit Congruierendes angetroffen wird.“ Vgl. hierüber weitere Belege bei Goethe: F. Warnecke, Goethe, Spinoza und Jacobi. S. 18f.

Einen weiteren Beleg dafür, daß Goethes Denken noch nicht „gegenständlich“ war, daß sich auch bei ihm Idee und Erfahrung durchaus noch schied, haben wir in dem Aufsatze „Erfahrung und Wissenschaft“. Die Abhandlung hat nebenbei noch den Vorteil, daß sie nach Rudolf Steiners Ansicht (W. A. II, 11,324) aus den Auseinandersetzungen mit Schiller entstanden sein soll. Hier heißt es, W. A. II, 11,38: „Die Phänomene die wir andern auch wohl Facta nennen sind gewiß und bestimmt ihrer Natur nach, hingegen oft unbestimmt und schwankend, in so fern sie erscheinen. Der Naturforscher sucht das Bestimmte der Erscheinungen zu fassen und fest zu halten, er ist in einzelnen Fällen aufmerksam nicht allein wie die Phänomene erscheinen, sondern auch wie sie erscheinen sollten. Es gibt, wie ich besonders in dem Fache das ich bearbeite oft bemerken kann, viele empirische Brüche, die man wegwerfen muß um ein reines constantes Phänomen zu erhalten; allein sobald ich mir das erlaube, so stelle ich schon eine Art von Ideal auf.“

Diese Zeugnisse reihen sich an Minors Beobachtungen a. a. O. S. 48 f., der auf Goethes eigene Äußerungen über die Metamorphose der Pflanze in der „Italienischen Reise“ hinwies und daran zeigte, daß sich Goethes Denken nicht von dem Schillerschen unterschied. Das ist auch, wie wir oben sahen, für gewisse Zeiten Goethes die Ansicht Suphans. Andererseits wird man zugeben, daß Goethes Denken „gegenständlich“ ist, wenn er am 8. April 1812 an Knebel schreibt: „— daß Geist und Materie, Seele und Körper, Gedanke und Ausdehnung die nothwendigen Doppelingredienzien des Universums waren, sind und seyn werden, die beyde gleiche Rechte für sich fordern und deswegen beyde zusammen wohl als Stellvertreter Gottes angesehen werden können“. Damit war nicht bloß Jacobi, sondern auch Kant die Fehde angesagt. Und jetzt erst konnte Goethe mit seinem alten Tröster Spinoza behaupten, daß sein „Anschauen selbst ein Denken“, sein „Denken ein Anschauen“ sei; daß sein

„Denken sich von den Gegenständen nicht sondere“ (W. A. II, 11,58). Von diesem späten Standpunkt aus ist auch der Gegensatz zu Schiller zu verstehen. Die Rekonstruktion des „glücklichen Ereignisses“ ist dann vermutlich von Goethe mit Hilfe der Schillerschen Briefe durchgeführt. Der Freund verglich ihr Verhältnis schon früh wie Goethe in seinem Aufsatz mit Subjekt und Objekt. Schiller war dazu imstande, denn er war philosophisch geschulter und sah deshalb schärfer. Goethe bedurfte aber erst der Spiegelung.

Ergebnis. 

Von den Berichten der beiden Dichter über ihre Begegnung im Jahre 1794 ist der Schillersche vorzuziehen. Die Gegensätze waren damals noch nicht so groß wie man nach Goethe annehmen müßte. Ob über die Metamorphose der Pflanze gesprochen wurde, ist zweifelhaft. Das „glückliche Ereigniß“ ist kein historischer Bericht, sondern Goethes Gesamturteil über Schiller, wie er es erst in späteren Jahren bilden konnte.


Zeitgenossen und Nachfahren

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