> Gedichte und Zitate für alle: Goethes Reisen in die Rhein- und Main Gegenden- Supplement des Rochus-Festes (2)

2019-11-19

Goethes Reisen in die Rhein- und Main Gegenden- Supplement des Rochus-Festes (2)

J.W.v.Goethe



Den 4. September. Früh in der Kirche, wo der Gottesdienst, wegen einer Greiffenklauischen Stiftung, feierlicher als gewöhnlich begangen wurde. Geputzte und bekränzte Kinder knieten an den Seitenstufen des Altars und streuten in den Hauptmomenten des Hochamtes Blumenblätter aus ihren Körbchen; weil sie aber verschwenderisch damit umgingen und doch in dem feierlichsten Augenblick nicht fehlen wollten, rafften sie das Ausgestreute wieder in ihre Körbchen, und die Gabe ward zum zweiten Male geopfert. Sodann zu der verfallenen, in ein Winzerhaus verwandelten Kapelle des heiligen Hrabanus. Sie soll das erste Gebäude in Winkel gewesen sein; alt genug scheint es. Die Erde oder vielmehr der Schutt, aufgerafft an der Stelle, wo der Altar gestanden, soll Ratten und Mäuse vertreiben.

Nach Tische in einem mit Menschen überladenen Kahne von Mittelheim nach Weinheim, bei ziemlich lebhaftem Nordostwind. Der Stromstrich wirkt hier stark auf das linke Ufer, nachdem er eine vorliegende Aue weggerissen. Die Wurzeln der alten Weiden sind entblößt, die Stämme vom Eis entrindet. Man hat einen Damm aufgeworfen, um die dahinter liegenden Felder vor Überschwemmung zu sichern.

Am Ende dieses Dammes, gegen Niederingelheim zu, fanden wir ganz eigentliche Dünen, in den ältesten Zeiten vom Wasser abgesetzt, nun ihr leichter Sand vom Winde hin und her getrieben. Unzählige kleine Schnecken waren mit demselben vermengt, ein Teil davon den Turbiniten ähnlich, die sich im Weinheimer Kalktuffe befinden. Daß dergleichen sich noch jetzt in diesem Sandbezirk vermehren, läßt sich folgern, da mir die aufmerksamen Kinder ein Schneckenhaus mit lebendigem Tiere vorgezeigt.

Hinter einer Mühle beginnt ein fruchtbareres Gelände, das sich bis Niederingelheim zieht. Dieser Ort, schon hoch, an einer sanften Anhöhe gelegen, gehört zu dem Distrikt, der sonst des heiligen Römischen Reichs Tal genannt wurde. Karl der Großen Palast fanden wir halb zerstört, zerstückelt, in kleine Besitzungen verteilt; den Bezirk desselben kann man noch an den hohen, vielleicht spätem Mauern erkennen. Ein Stück einer weißen Marmorsäule findet sich an dem Tor eingemauert, mit folgender Inschrift aus dem Dreißigjährigen Kriege:

"Vor 800 Jahren ist dieser Saal des großen Kaisers Carl,

nach ihm Ludwig des milden Kaisers Carlen Sohn, im Jahr 1044 aber Kaisers Heinrichs, im J. 1360 Kaisers Carlen Königs in Böhmen Palast gewesen, und hat Kaiser Carle d. Große, neben andern gegossenen Säulen, diese Säule aus Italia von Ravenna anhero in diesen Pallast fahren lassen, welche man bey Regierung Kaisers Ferdinand des II und Königs in Hispania Philippi des IV, auch derer verordneter hochloblicher Regierung in der untern Pfalz, den 6. Aprillis Anno 1628, als der katholische Glauben wiederumb eingeführet worden ist, aufgerichtet.

Münsterus in Historia von Ingelheim des heiig. römisch. Reichs Thal fol. DCLXXXIX."

Den Ort, wo die Küche vor alters gestanden, will man dadurch entdeckt haben, daß sehr viele Tierknochen, besonders wilde Schweinszähne, in dem nächsten Graben gefunden worden. Während der französischen Herrschaft hat man verschiedene Nachsuchungen getan, auch wurden einige Säulen nach Paris geschafft.

Neuerlich ward, bei Gelegenheit des großen Chausseebaues, Ingelheim vortrefflich gepflastert, das Posthaus gut eingerichtet. Frau Glöckle nennt sich die Postmeisterin, jetzt von Reisenden, besonders Engländern und Engländerinnen, fleißig besucht.

Bei dunkler Nacht gelangten wir auf der Fähre, zwar nicht ohne Unbilden, aber doch glücklich nach Hause.

Den 5. September. Fuhren wir im Wagen nach Rüdesheim, sodann im Kahne, bei einem starken, stromaufwärts wehenden Winde, nach Bingen hinüber; die Fähre brachte den Wagen nach.

Spaziergang am Ufer. Gips ausgeladen, viel mit grauem Ton vermischt. Woher derselbe kommen mag? Spaziergang durch die Stadt; im Gasthaus zum Weißen Roß eingekehrt. Melancholische Wirtin, mit seltsamen Bewußtsein ihres Zustandes. Nach guter und wohlfeiler Bewirtung fuhren wir den Rochusberg hinauf, an den verfallenen Stationen vorbei. Die Rochuskapelle fanden wir offen. Der Mann, der die Wiederherstellung besorgt hatte, war gegenwärtig, froh über sein Werk, das auch wirklich gelungen gelten kann. Man hat die Kirchenmauern erhöht, soviel als nötig, um dem Hauptaltar von Eibingen gehörigen Raum zu verschaffen. Der Transport kostete nichts; denn die von Bingen hatten alles von drüben herab und hüben herauf getragen, die Schiffer gleichfalls ohne Lohn gefahren. Dadurch war das einzelne wohl erhalten geblieben und nur weniges zu reparieren nötig.

Man beschäftigte sich eben, die Orgel aufzustellen. Als wir denjenigen, den wir für den Meister hielten, nach der Güte der Orgel fragten, erwiderte er mit Bedeutsamkeit: "Es ist eine weiche Orgel, eine Nonnenorgel!" Man ließ uns einige Register hören; sie waren für den Umfang der Kapelle stark genug.

Nun wendeten wir uns zu der niemals genug zu schauenden Aussicht und untersuchten sodann das Gestein. Auf der Höhe besteht es aus einem dem Tonschiefer verwandten Quarz, am Fuße gegen Kempten zu aus einer Art Totliegenden, welches aus scharfkantigen Quarzstücken, fast ohne Bindungsmittel, besteht. Es ist äußerst fest und hat außen durch die Witterung den bekannten Chalcedon-Überzug erlangt. Er wird billig unter die Urbreccien gerechnet.

Wir fuhren durch die Weinberge hinabwärts, ließen Kempten links und gelangten auf die neue treffliche Chaussee, an deren beiden Seiten ein leicht zu bearbeitender Boden gesehen wird. Da wir nach Oberingelheim verlangten, so verließen wir die Straße und fuhren rechts auf einem sandigen Boden durch junge Kieferwäldchen; sanfte Anhöhen zeigten schon besseres Erdreich; endlich trafen wir Weinberge und gelangten nach Oberingelheim. Dieses Örtchen liegt an einer Anhöhe, an deren Fuß ein Wasser, die Selz genannt, hinfließt.

In dem reinlichen, wohlgepflasterten Orte sind wenig Menschen zu sehen. Zu oberst liegt ein altes, durchaus verfallene«, weitläufiges Schloß, in dessen Bezirk eine noch gebrauchte, aber schlecht erhaltene Kirche. Zur Revolutionszeit meißelte man die Wappen von den Rittergräbern. Uralte Glasscheiben brechen nach und nach selbst zusammen. Die Kirche ist protestantisch.

Ein wunderbarer Gebrauch war zu bemerken. Auf den Häuptern der steinernen Ritterkolossen sah man bunte, leichte Kronen von Draht, Papier und Band, turmartig zusammengeflochten. Dergleichen standen auch auf Gesimsen, große beschriebene Papierherzen daran gehängt Wir erfuhren, daß es zum Andenken verstorbener unverheirateter Personen geschehe. Diese Totengedächtnisse waren der einzige Schmuck dieses Gebäudes.

Wir begaben uns in ein Weinhaus und fanden einen alten Wirt, der, ohngeachtet seines kurzen Atems, uns von guten und bösen Zeiten zu unterhalten nicht ermangelte. Die beiden Ingelheime gehörten zu einem Landesstrich, den man die acht Ortschaften nannte, welche seit uralten Zeiten große Privilegien genossen. Die Abgaben waren gering, bei schöner Fruchtbarkeit. Unter französischer Botmäßigkeit hatte man große Lasten zu tragen.

Man baute sonst hier nur weißen Wein, nachher aber, in Nachahmung und Nacheiferung von Aßmannshausen, auch roten; man rühmte dessen Vorzüge, ob man uns gleich mit keinem roten Eilfer mehr dienen konnte; wir ließen uns daher den weißen genannten Jahres wohlschmecken.

Als wir nach Weinheim zurück ans Ufer kamen und nach einem Kahn verlangten, erboten sich zwei Knaben, uns überzufahren. Man zeigte einiges Mißtrauen gegen ihre Jugend, sie versicherten aber, besser zu sein als die Alten; auch brachten sie uns schnell und glücklich ans rechte Ufer.

Den 6. September. Auf einem Spaziergange, bei Gelegenheit, daß eine Mauer errichtet wurde, erfuhr ich, daß der Kalkstein, welcher fast ganz aus kleinen Schnecken besteht, an den jenseitigen Höhen und mehreren Orten gebrochen werde. Da diese Schnecken, nach der neusten Überzeugung, Ausgeburten des süßen Wassers sind, so wird die ehemalige Restagnation des Flusses zu einem großen See immer anschaulicher.

Man zeigte mir am Rheine zwischen einem Weidich den Ort, wo Fräulein von Günderode sich entleibt. Die Erzählung dieser Katastrophe an Ort und Stelle, von Personen, welche in der Nähe gewesen und teilgenommen, gab das unangenehme Gefühl, was ein tragisches Lokal jederzeit erregt; wie man Eger nicht betreten kann, ohne daß die Geister Wallensteins und seiner Gefährten uns umschweben.

Von diesen tragischen Gefühlen wurden wir befreit, indem wir uns nach den Gewerben des Lebens erkundigten.

Gerberei. Der Stockausschlag eines abgetriebenen Eichenbusches braucht dreizehn bis vierzehn Jahre; dann werden die jungen Eichen geschält, entweder am Stamme oder schon umgeschlagen; dies muß im Safte geschehen. Diese Schale wird von fernen Orten hergeholt, vom Neckar über Heidelberg, von Trier usw. Die Wasserfahrt erleichtert das Geschäft. Mühlen zum Kleinmahlen der Lohe. Häute, die nordamerikanischen, kommen während der letzten Zeit immer über Frankreich. Behandlung der Häute, Zeit des Garwerdens.

Weinbau. Mühe dabei. Vorteile, Gewinn, Verlust. Anno 1811 wurden in Winkel 800 Stück Wein gebaut. Großer Ertrag des Zehnten. Die Güte des Weins hängt von der Lage ab, aber auch von der spätem Lese. Hierüber liegen die Armen und Reichen beständig im Streite; jene wollen viel, diese guten Wein. Man behauptet, es gebe um den Johannisberg bessere Lagen; weil aber jener, als eingeschlossener Bezirk, seine Weinlese ungehindert verspäten könne, daher komme die größere Güte des Erzeugnisses. In den Gemeindebezirken werden die Weinberge einige Zeit vor der Lese geschlossen, auch der Eigentümer darf nicht hinein. Will er Trauben, so muß er einen verpflichteten Mann zum Zeugen rufen.

Und so hätten wir denn abermals mit dem glücklichen Rundworte geschlossen:

Am Rhein! am Rhein
Da wachsen unsre Reben
weiter

Goethe auf meiner Seite



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