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2019-11-06

Herman Siebeck: Goethe als Denker- 1 Kapitel Seite 1

Herman Siebeck


Erstes Kapitel.

Einleitendes. Die Erkenntnis.

1. Goethe, den Dichter, unter die Philosophen, und sogar unter die maßgebenden Denker einreihen zu wollen, könnte von vorn herein gewichtigen Bedenken aus des Dichters eigenen Aeußerungen hinsichtlich seines Verhältnisses zur Philosophie zu begegnen scheinen. Zwar was er in der ersten Szene des Faust dem Geiste, der stets verneint, an Unholdem und Höhnischem über das logische Denken und Spekulieren in den Mund legt, mag man unbefangen eben mehr für mephistophelisch zugespitzt, als für wirklich Goethisch halten. Aber auch was an eigenen persönlichen Aeußerungen über diesen Gegenstand zu Tage kommt, scheint mitunter nicht weit vom Inhalt jener Ausfälle abzuliegen. So aus seiner letzten Lebensperiode Bekundungen gegen Eckermann, wie diese: „Von der Philosophie habe ich mich selbst immer frei erhalten; der Standpunkt des gesunden Menschenverstandes war auch der meinige". — Alles Denken hilft zum Denken nichts; „man muß von Natur richtig sein, so daß die guten Einfälle immer wie freie Kinder Gottes vor uns da stehen und ,uns zurufen: da sind wir!" — „Die Natur Gottes, die Unsterblichkeit, das Wesen unserer Seele und ihr Zusammenhang mit dem Körper sind ewige Probleme, worin uns die Philosophen nicht weiter bringen" (G. 7,4. 148. 5,27). Oder aus den Briefen: „daß die Deutschen verdammt sind, wie vor Alters in den kimmerischen Nächten der Spekulation zu wohnen" (an W. v. Humboldt 16. IX. 99); aus den Werken: „Ich hab' es gut gemacht; ich habe nie über das Denken gedacht". — „Für Philosophie im eigentlichen Sinne hatte ich kein Organ." (34, 93.

Dem allen stehen nun freilich auch andersartige Aussprüche zur Seite. Und zwar nicht hloß ein solcher, wie gelegentlich an W. v. Humboldt: „Uns Menschenverständlern ist es gar zu angenehm, wenn uns das Spekulative so nahe gerückt wird, daß wir es gleich fürs Haus brauchen können'' (Dezember 1795), — sondern auch Aeußerungen, wie die an F. H. Jacobi (1801), er könne es den Empirikern nicht verdenken, wenn sie gegen die schulmäßige Philosophie seiner Zeit Apprehension hegten; wenn aber aus dem wissenschaftlichen Fachmanne etwas Tüchtiges werden solle, so dürfe das nicht in Abneigung gegen die Philosophie ausarten, sondern müsse sich in eine stille vorsichtige Neigung auflösen, weil sonst auch ein guter Kopf leicht auf den Weg der Philisterei gerate und auf eine ungeschickte Weise die bessere Gesellschaft vermeide, die ihm allein bei seinem Streben behilflich sein könnte. Die große Menge müsse man nicht mit Scherzreden über die Philosophie unterhalten wollen, weil man sie dadurch veranlaßt, über etwas zu lachen, was sie nicht versteht, und was sie wenigstens verehren sollte. Dem Kanzler v. Müller sagt er (1823): Die populäre Philosophie sei ihm stets widerlich gewesen; deshalb habe er sich leichter zur Kantischen hingeneigt, die jene vernichtet habe. Bekannt ist ferner seine Vorliebe für eine Spekulation wie die des Spinoza, von der noch weiter zu reden sein wird.

Auch Goethes bedeutendste Zeitgenossen in und außerhalb Deutschlands, ein Schiller, ein Carlyle, konnten nicht umhin, sich gerade von dem, was ihnen die philosophische Seite seines Wesens ausmachte, vorwiegend bestimmt zu fühlen, und, was er dichterisch leistete, als gerade hiermit im engsten Zusammenhange stehend zu erkennen. Schiller charakterisiert den wissenschaftlichen Standpunkt Goethes als den einer rationellen Empirie und bestimmt das, mit Bewunderung, in dem großen Briefe zu Goethes Geburtstage 1794 näher dahin: „Sie suchen das Notwendige der Natur, aber Sie suchen es auf dem schwersten Wege ; . . . Sie nehmen die ganze Natur zusammen, um über das Einzelne Licht zu bekommen." Carlyle erkennt der Goetheschen Poesie das Verdienst zu, „die ewige Vernunft des Menschen in seinem Sinne sichtbaren und demselben zusagenden Formen zu verkörpern". Ein Denker wie Emerson, der sich aus der Rastlosigkeit des amerikanischen Lebens zu ihm hingefunden hatte, bezeugt ihm: „Goethe ist der Philosoph der mannigfaltigen Wirklichkeit, . . fähig und erfolgreich, es mit der bunt einherrollenden Masse von Tatsachen und Wahrnehmungen aufzunehmen . . . Vor seiner durchdringenden Einsicht lösen die vergangene Zeit, die Gegenwart, ihre Religionen, ihre Politik, ihre Denkweisen sich auf in typische Musterbilder und Ideen. Eine herzerquickende Freiheit wallet in seiner Spekulation. Der unendliche Horizont der mit uns fortwandert, bestrahlt mit seiner Majestät auch das Alltägliche... Es ist faktisch von wenig Belang, welches Thema er eben behandelt. Er schaut durch jede Pore und hat eine Art von Gravitation nach der Wahrheit hin."

Einen stichhaltigen Grund zur positiven Beantwortung der im Eingang gestellten Frage kann man im allgemeinen schon aus der Tatsache entnehmen, daß Goethe den Höhepunkt unserer klassischen Literaturbewegung bezeichnet und damit den einer geistigen Strömung, in welcher das Wirken und Walten der Phantasie und Dichtkunst von tiefsten Grunde her bedingt und getragen ist von dem philosophischen Streben nach einer neuen grundbedingenden Einsicht in die Entwickelung des geistigen und (im Zusammenhange damit) des natürlichen Lebens. Das Einzigartige dieser unserer deutschen Literaturentwickelung im Unterschiede von den entsprechenden klassischen Leistungen anderer Nationen liegt wesentlich in diesem Umstande. Sie ist treffend gekennzeichnet durch ein aufhellendes Wort aus dem Munde des ihr selbst angehörenden Jean Paul: „Das Herz des Genies, welchem alle anderen Glanz- und Hilfskräfte nur dienen, hat und gibt ein echtes Kennzeichen, nämlich neue Welt- und Lebensanschauung". Der zentrale Gedanke, der in der Hervorbildung der neuen Weltanschauung innerhalb der deutschen Dichtung |in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts sich in zunehmender Klarheit zur Geltung bringt, ist ein solcher, der auch im Mittelpunkt der spezifisch philosophischen Weltbetrachtung seine Stelle hat; nur war er in dem damaligen spekulativen Denken noch nicht in der lebensvollen Greifbarkeit und Bedeutsamkeit zu Tage getreten, wie sie ihm vonseiten der dichterischen Erfassung des Welt- und Geisteslebens mehr und mehr zuteil wurde. Es war der Gedanke der genetischen Entwickelung, des kontinuierlichen Flusses natürlicher und geistiger Höherbildung des Natur- und Menschenlebens. Bei Descartes wie bei Spinoza ist die Welt mehr ein ruhendes System einer unbestimmt großen Anzahl sich gegenseitig bedingender und vom göttlichen Grunde der Welt stammender Kräfte. Die englischen Denker der Aufklärungszeit, denen es hauptsächlich auf genaue Analysen des menschlichgeistigen Wesens sowohl nach der Seite des Erkennens, wie nach der des Wollens und Handelns ankommt, suchen ihrerseits die Faktoren desselben mehr nach ihrem Inhalt zu bestimmen und in ihrer Tragweite abzugrenzen, als die Frage nach der Möglichkeit und dem Gesetz seiner stetig fortgehenden Entwickelung ins Auge zu fassen. Leibniz ferner erblickt zwar in den individuellen Krafteinheiten oder Monaden, aus denen das Weltganze sich zusammenfügt, den springenden Punkt eines in unablässiger Kraftentfaltung nach eigenen inneren Wesensgesetzen sich vollziehenden und stetig fortwirkenden Lebens der Welt; aber in seinem abschließenden [Gedanken, von der prästabilierten Harmonie dieses Weltganzen, läßt er weniger ein angestrebtes Ziel von dessen Wirksamkeit und Bewegung heraustreten, als vielmehr ein von vorn herein gesetztes fertiges Resultat derselben. Und noch Kant endlich findet die wesentliche Aufgabe des spekulativen Denkens hauptsächlich in der Aufweisung und Ausgleichung des zwischen dem empirischen Stoff und den apriorischen Funktionen des Geistes, sowie zwischen Natur und Freiheit bestehenden Dualismus und verlegt die Möglichkeit wirklicher Herausbildung einer ins Unbestimmte, vielleicht ins Unendliche gehenden genetischen Entwickelung des über die Natur erhabenen geistigen Lebens aus der Sphäre des konkreten Daseins in das jenseitige und transzendente.

Dem allen gegenüber weist nun in Deutschland, und zwar innerhalb der „schönen Literatur", bereits Lessing darauf hin, daß das Gesamtleben des Daseins als die Unterlage und der Träger einer Entwickelung sich darstellt, die in der fortgehenden „Erziehung des Menschengeschlechts" durch göttliche Leitung ihren Höhepunkt findet. Herder weiter betont, und zwar namentlich auch Kant gegenüber, die Idee der wesentlichen Einheit und stufenmäßigen Entwickelung von Natur und Geist, und rückt diesen Gedanken, der für Kant an der äußersten Grenze des spekulativen Erkenntnisvermögens (oder eigentlich schon jenseits dieser Grenze) steht, gerade in den Mittelpunkt der Weltbetrachtung. Er sucht zu zeigen, wie in der Natur und außerdem namentlich auch in der Geschichte sich alles aus natürlichen Bedingungen nach festen Gesetzen vom Niederen zum Höheren im Verlaufe eines großartigen Entwickelungsprozesses ausgestalte und fortbilde. In einem gewissen Gegensatz zu Herder steht wieder Schiller, der die Grundanschauung Kants hauptsächlich in Bezug auf das Sittliche und Künstlerische weiterdenkt, und als den eigentlichen Hebel für die Höherbildung des großen Ganzen den inneren (geistigen) Fortschritt des Individuums von der Gebundenheit durch sinnliche Motive zur sittlichen Freiheit an der Hand ästhetischer Erziehung betrachtet. In der Persönlichkeit Goethes endlich finden sich alle diese in Verlauf zweier Menschenalter her vorgetretenen Strahlen der Erkenntnis hinsichtlich des genetischen Prozesses in Natur- und Geistesleben wie in einem neuen Brennpunkt vereinigt, und das Ergebnis dieser Verschmelzung vertieft sich bei ihm unter der durchgreifenden Wirkung seiner geistigen Individualität zu einer originalen Welt- und Lebensanschauung, und zwar zu einer solchen, worin die künstlerische Erfassung der Wirklichkeit ihr Recht in Anspruch nimmt, maßgebender Gesichtspunkt zu sein für die Erkenntnis des Entwickelungsprozesses sowohl im natürlichen wie im geistigen Bereiche des Gegebenen. Es liegt ihm daran, über die gegensätzliche Trennung von Natur und Geist nicht nur im Objekt selbst die Brücke zu schlagen, sondern auch für die Funktion der Erkenntnis sowohl hinsichtlich des Natürlichen, wie auch andererseits des Aesthetischen und Ethischen eine einheitliche Norm aufzuweisen, und zwar von der Art, daß sie mit der Erfassung der tatsächlichen Beschaffenheiten und Verhältnisse aller Orten zugleich den darin beschlossenen Wertgehalt zu seinem Rechte kommen läßt.

Diese im vollen Sinn philosophische Leistung bildet sich aber bei Goethe von Haus aus nicht direkt aus überkommenen Anregungen von Seiten der spekulativen Systeme, sondern aus selbständiger Betrachtung und Behandlung der Natur ,und des Lebens, und nimmt erst von hier aus Fühlung mit alle dem, was ihn mit dem Inhalte jener als seinem eigenen Fühlen und Denken kongenial anzumuten nicht umhin konnte. Alles Derartige aber muß sich gefallen lassen, in die Grundstimmung und Ueberzeugung seines eigenen Wesens hereingezogen und diesem gemäß umgebildet und umgedeutet zu werden. Für die adäquate, rein objektive Aufnahme spekulativer Theorien hatte er daher in der Tat „kein Organ"; ja er besaß und übte an ihnen die Fähigkeit, sie gelegentlich in genialer Weise mißzuverstehen. Er wußte das selbst, wie u. a. manche seiner Aeußerungen über Spinoza beweisen, und betrachtete es, im Bewußtsein der Werthaltigkeit seiner eigenen Weltanschauung, als sein Recht. Denn was seine Persönlichkeit zur Philosophie in Beziehung setzte, war hauptsächlich der Trieb, sein geistiges Wesen und die Art, wie es sich im Denken und Handeln individuell äußerte, sich mit künstlerischem Blick gegenständlich zu machen. Hierzu bedurfte es der stetigen Reflexion auf dio Zusammenhänge des großen Ganzen und die Fäden, die von hier aus im Dasein und Wirken der eigenen und weiter der menschlichen Persönlichkeit überhaupt sich zusammen flechten jund zugleich dem persönlichen Bewußtsein die Richtung auf Erfassung und Vergegenwärtigung der allgemeinen Gesetze und Normen der umgebenden Natur und Geisteswelt verleihen. Denn Selbsterkenntnis gibt es, nach Goethe, für den Menschen nur, insofern er die Welt erkennt, die er nur in sich und sich nur in ihr gewahr werden kann. Was nun in Verfolgung dieser Richtung Goethe von sich selbst aus über das menschliche Wesen und sein Verhältnis zum Naturzusammenhang zu schauen und zu fühlen vermochte, durfte dann erst nach Gelegenheit sich mit der Art und Weise, wie dieser Zusammenhang im Bewußtsein anderer Denker sich reflektiert hatte, in Wechselwirkung und Ausgleichung (setzen. Die Spekulationen der schulmäßigen Philosophie waren für ihn überall da gegenstandslos, wo sie den Zusammenhang zwischen dem persönlichen Leben und den in der Fülle der gegebenen Wirklichkeit waltenden Kräften und Lebensformen in der Systematik ihrer „reinen Begriffe" gleichsam hatten verdampfen lassen. Die Philosophie sollte ihm vielmehr, wie er gelegentlich an Jacobi schreibt (23. XL Ol), unsere ursprüngliche Empfindung als seien wir mit der Natur eins, erhöhen, sichern und in ein tiefes, ruhiges Anschauen verwandeln, in dem wir ein göttliches Leben fühlen. Daher sein zweiseitiges Verhältnis zu den Philosophen, (die er, nach einer Aeußerung zu Fichte (1794) nie entbehren, und mit denen er sich nie vereinigen konnte.

Die Aufgabe ist nun, die hier noch ganz von ferne bezeichnete Goethisch-philosophische Grundanschauung in ihren verschiedenen Faktoren auseinanderzulegen, und deren eigenartiges Zusammenstimmen und Zusammenwirken von einem zentralen Punkte her ins Licht zu stellen. Hierbei ist in methodischer Hinsicht sachgemäß mit der Erörterung dessen zu beginnen, was als die besondere Bestimmtheit von Goethes Erkenntnis- und Auffassungsweise der Dinge, und folgerichtig als seine eigene Ansicht über Wesen, Aufgabe und Tragweite der Erkenntnis zu gelten hat. Im Anschluß hieran wird dann der Inhalt der Goetheschen Welt- und Lebensanschauung selbst zu entwickeln sein, wie er an der Hand jener subjektiven Faktoren sich in lebensvoller Anschauung und zunehmender Vertiefung gestaltete. Dabei erscheint, wie sich zeigen wird, in der Erkenntnislehre sowohl, wie in der Natur- und Geistesphilosophie Goethes der Bereich des mit Bewußtsein methodisch Aufgefaßten und Ausgeführten im Vergleich mit dem Umfange des von der philosophischen Spekulation umfaßten Gebietes als ein erheblich begrenzter, ja stellenweise fragmentarischer. Innerhalb dieser Begrenzung gewinnen aber die betreffenden Probleme eine eigenartige Vertiefung, und die in engerer oder loserer Beziehung dazu stehenden, in Meditation und Dichtung aufleuchtenden anderweitigen Einzelgedanken fügen dazu eine Fülle von Intuitionen hinsichtlich des Natur und Menschenlebens und ihres Verhältnisses zum Weltganzen und Weltgrunde, deren Werthaltigkeit auch den Ergebnissen des methodisch-spekulativen Denkens mindestens ebenbürtig ist.

2. Den eigentlichen Quellpunkt in Goethes ganzem geistigen Wesen und insbesondere auch in seiner Anteilnahme an den Problemen und Bestrebungen der Philosophie bezeichnet der in dem erwähnten Briefe an Jacobi gegebene Hinweis auf das „tiefe, ruhige Anschauen, in dessen immerwährender Synkrisis und Diakrisis wir ein göttliches Leben fühlen."

Das Wesentliche und Genialische in seiner Persönlichkeit gründet sich darauf, daß in ihm das Vermögen des Anschauens und das des begrifflichen Denkens, von denen jenes zu der phantasie- und gemütvollen Intuition, dieses dagegen zu der diskursiven und mit Abstraktionen rechnenden Reflexion die Unterlage bildet, beide in gleich erheblichem Maße und in ebenmäßigster
Ausgeglichenheit vorhanden sind. Die beiden gegensätzlichen Funktionen des Erkennens, von denen in der Regel eine die andere überwiegt, oder deren Wechselwirkung sich oft mehr als gegenseitige Hemmung bekundet, bilden in ihm. ein einheitliches geistiges Vermögen, eine ungeschiedene Gesamtkraft. Annäherungen daran oder anderweitige individuelle Ausprägungen dieses Verhältnisses finden sich in verwandten Naturen auch anderwärts, im Altertum vor allem in dem Wesen Platons und Augustins, in der neueren Zeit bei einem G. Bruno, unter den Modernen bei Persönlichkeiten wie Schopenhauer und Richard Wagner. Aber die Fähigkeit, aus der natürlichen und geistigen Wirklichkeit Gedankengebilde zu gewinnen, die als solche zugleich tatsächlich bildmäßige Anschaulichkeit besitzen, die Kunst, die wesenhaften Inhalte und Potenzen der Welt und des Lebens in typischen Ausprägungen, gleich künstlerisch geformten Einheiten vor das geistige Auge zu rücken und ebenso zum Ausdruck zu bringen, hat sich nirgends in so ungetrübter Weise bekundet wie bei Goethe. Seine ausgeführten Erörterungen ebensowohl wie seine Sprüche und mündlichen Aeußerungen über Naturverhältnisse, sittliches, soziales, charakterologisches u. dgl. wirken, auch wo sie im Grunde allbekanntes betreffen, immer so eigenartig aufhellend und anregend, weil das Wesen der Sache daran» jederzeit mit einer Art anschaulicher Sonnenklarheit hervorleuchtet. Sie besitzen, was ier (gegen Eckermann) einmal von Kupferstichen und Gemälden verlangte, „eine gewisse zudringliche Kraft", ein „großes energisches Empfinden". Das eigentliche Denken ist bei ihm nur das Mittel, von der sinnlichen zur geistigen Anschauung zu führen. Auch in rein philosophischen Fragen ist er daher überall geneigt und bereit, die letzten abstrakten Fassungen der bezüglichen Probleme auf sich beruhen zu lassen, dafür aber den Sachverhalt, um den es sich handelt, in einem bestimmten Bereiche der Natur oder des Lebens in konkreter Form anschaulich zu haben und ihn ebenso, wissenschaftlich oder poetisch, vor Augen zu stellen.

Was diese Tatsache für den Inhalt der Goetheschen Weltanschauung bedeutet, wird sich weiterhin zeigen. An dieser Stelle ist zunächst ihre Wirkung betreffs seiner Stellung zur Philosophie im Besondern zu kennzeichnen, woraus zugleich noch eine genauere Bestimmung ihrer Eigentümlichkeit sich ergeben wird. Mit dem Zweck und Ziel der philosophischen Arbeit wußte Goethe sich einig. Es gilt daselbst, eine bestimmte letzte Ansicht von dem Prinzip oder der Grundbeschaffenheit der Welt und dem von dorther bedingten wesentlichen Zusammenhange ihrer mannigfaltigen Erscheinungen zu gewinnen. Aber die Methode, welche dazu führen sollte, wie sie namentlich in der philosophischen Spekulation des Zeitalters vor Augen lag, war seinem eigenen geistigen Verhalten keineswegs angemessen. Den Metaphysikern war wesentlich daran gelegen, von den sinnlich - anschaulichen Verhältnissen des Gegebenen aus zu allgemeinen und abstrakten Sätzen und Denkinhalten zu gelangen, welche mit den von Haus aus (a priori) im Inhalte der Vernunft liegenden Voraussetzungen und Denkformen einstimmig und von ihnen her durch rein begriffliches, also unanschauliches Denken ableitbar sein sollten. Das Denken und Begreifen der letzten und tiefsten Wahrheiten sollte hiernach überall erst da zu haben sein, wo die Anschauung mit ihren Inhalten und Auffassungsweisen nicht mehr als zulänglich und maßgebend erkannt wurde. Das Wesen Gottes z. B., als des „allerrealsten Wesens" sollte zufolge der spekulativen Methode des Denkens nicht etwa aus den grundwesentlichen Bedürfnissen des menschlichen Herzens oder aus den in sichtbaren Zusammenhängen gegebenen Naturformen erschlossen werden, sondern „rationell" entwickelt durch Folgerungen aus dem abstrakten Begriffe der letzten Ursache und dessen denknotwendigem Verhältnisse zu dem noch abstrakteren des Seins in seiner Beziehung zu denen der Möglichkeit und Notwendigkeit. Die Natur ferner in ihrer „wahren Wesenheit" löste sich vor den Augen der „reinen Vernunft" des Philosophen auf in eine unbestimmt große Summe unanschaulicher Einzelkräfte (Monaden), deren Zusammenhang zu einem einheitlichen Ganzen nicht, wie es die Anschauung nahe zu legen schien, in ihrem gegenseitigen Aufeinanderwirken, sondern in einer von Anfang der Welt her ihnen durch Gott zuteil gewordenen gegenseitigen Anpassung, einer prästabilierten Harmonie begründet war. Mit einer derartigen Reduktion des anschaulichen Naturwesens auf ein abstraktes Verhältnis „reiner Begriffe" war nun an ihm gerade das ausgetilgt, was für Goethe das Wesen einer Sache bedeutete, der Eindruck nämlich, den die Natur als Ganzes auf den ganzen lebendigen Menschen, namentlich auch nach der Seite des Gefühls hin machte. Er zog es vor, seine Ansicht vom Wesen und Wirken der Natur sich von der entgegengesetzten Seite her zu bilden. „Es ist ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr, und doch rückt sie nicht weiter. Sie verwandelt sich ewig, und ist kein Moment Stillestehen in ihr. Fürs Bleiben hat sie keinen Begriff, und ihren Fluch hat sie ans Stillestehen gehängt. Sie ist fest. Ihr Tritt ist gemessen, ihre Ausnahmen selten, ihre Gesetze unwandelbar . . . Leben ist ihre schönste Erfindung und der Tod ist ihr Kunstgriff, viel Leben zu haben. Gedacht hat sie und sinnt beständig, aber nicht als ein Mensch, sondern als Natur . . . Sie gibt Bedürfnisse, weil sie "Bewegung liebt . . . Sie hat alles isoliert, um alles zur zusammenzuziehen. Durch ein paar Züge aus dem Becher der Liebe hält sie für ein Leben voll Mühe schadlos" (34, 72 f.).



Epigramme, Sprüche, Xenien usw.

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