> Gedichte und Zitate für alle: Herman Siebeck: Goethe als Denker- 1 Kapitel Seite 4

2019-11-06

Herman Siebeck: Goethe als Denker- 1 Kapitel Seite 4



Der zusammenfassende synthetische Blick nun, vermöge dessen sich das genetische Grundverhältnis und der Wesenszusammenhang eines bestimmten Gebietes der Wirklichkeit intuitiv dem Geiste aufschließt, bedeutet für Goethe überall das abschließende Ergebnis und die eigentliche Frucht des vorhin (S. 21 f.) erörterten Normal- und Einheitsverhältnisses zwischen Denken und Anschauung. In ihm bekundet sich der wahre Wert des dort näher bezeichneten „gegenständlichen Denkens". Goethe nennt seine Wirkung mit Vorliebe das Apercu, und bestimmt seine Wirkung näher darin, daß es dabei über den Denkenden wie eine Erleuchtung kommt und die Fülle des Einzelnen sich vor der geistigen Anschauung wie von selbst gesetzmäßig ordnet und ineinandergreift. Es liegt darin „das Gewahrwerden einer großen Maxime, welches immer eine genialische Geistesoperation ist; man kommt durch Anschauen dazu, weder durch Nachdenken, noch durch Lehre oder Ueberlieferung. Ein solches Apercu gibt dem Entdecker die größte Freude, weil es auf originelle Weise nach dem Unendlichen hindeutet" (23, 18). Denn es ist immer ein Gewahrwerden dessen, was eigentlich den Erscheinungen zugrunde liegt, das „bis ins Unendliche fruchtbar ist". Es ist das Vermögen, kraft dessen dem Genie ein Fall für tausend gilt, indem es sich, wie ein Galilei, aus den schwingenden Kirchenlampen die Lehre des Pendels und den Fall der Körper entwickelt (36, 160). Wer es besitzt, bekommt gelegentlich zu erfahren, ,,daß die Natur kein Geheimnis habe, was sie nicht irgendwo dem aufmerksamen Beobachter nackt vor die Augen stellt'' (27, 10). Es ist für Goethe, im Grunde gesehen, die bedeutende Ausübung des originalen Wahrheitsgefühls, das, im Stillen längst ausgebildet, unversehens und mit Blitzesschnelle zu einer fruchtbaren Erkenntnis führt; noch bestimmter „eine Synthese von Welt und Geist, welche von der ewigen Harmonie des Daseins die seligste Versicherung gibt" (19, 196). Welt und Geist, die beiden Entgegengesetzten, kommen in ihm zum Kontakt; es ist ein Konflikt, d. h, ein fruchtbares Zusammentreffen der Denkkraft mit dem Anschauen und als solche „eine aus dem Innern am Aeußern sich entwickelnde Offenbarung, die den Menschen seine Gottähnlichkeit vorahnen läßt" (ebd.). Es tritt ein, sobald man in einem rein klassischen Beispiel durch die individuelle Hülle hindurch das Typische durchleuchten sieht, ist somit eine Betätigung der geistigen Kraft, im Aeußern nicht lediglich das Aeußere zu sehen, sondern es als die Bekundung einer alle Aeußerlichkeiten zusammenhaltenden und von Grund aus umfassenden Innern Lebenspotenz zu betrachten, und somit von jedem Punkte des Aeußern her den Blick auf das im Innern waltende Wesen zu gewinnen. „Alles wahre Apercu kommt aus einer Folge und bringt Folge. Es ist ein Mittelglied einer großen produktiv aufsteigenden Kette" (19, 227). Allerdings behält es dabei immer „eine esoterische Eigenschaft: im Ganzen läßt sich's aussprechen, aber nicht beweisen, im Einzelnen läßt sich's wohl vorzeigen, doch bringt man es nicht rund und fertig" (33, 252). So erschloß sich für Goethe das typische Wesen des Italischen in Sizilien: „Italien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele; hier ist der Schlüssel zu allem" (24, 239). In demselben Sinne wird ihm die geistige Anschauung des Wesens und Bildungsgesetzes der Pflanzen „Modell und Schlüssel" für das Wesen der Pflanzentwicklung und von da aus der Naturentwicklung überhaupt, und weiter die menschliche Figur das A und O, die Erkenntnis aller Dinge (ebd. 308, 385). Im frohen Bewußtsein dieser Kunst schreibt er einmal an Jacobi (5. V. 86), diesen habe Gott mit der Metaphysik gestraft und ihm einen Pfahl ins Fleisch gesetzt, ihn selbst dagegen mit der Physik gesegnet, damit es ihm im Anschauen seiner Werke wohl werde. Und als Schiller gelegentlich im Anfang ihrer näheren Bekanntschaft ihm zu der anschaulichen Darstellung des Wesens der Urpflanze den Einwand macht, das sei keine Erfahrung, sondern eine Idee, erwidert er aus dem gleichen Gefühl eines wertvollen Besitztums heraus: Das könne ihm nur lieb sein, daß er Ideen habe ohne es zu wissen, und sie sogar mit Augen sehe (27, 311). 5. Das geistige Anschauen, der synthetische Blick und das Apercu sind nach alledem in der Hauptsache nur gradweise verschiedene Bekundungen eines und desselben Vermögens, nämlich der Fähigkeit, in der Mannigfaltigkeit des Erscheinenden das zu erfassen, was als Offenbarung des Wesens oder der Idee zu betrachten ist. Man erschaut vermittelst ihrer den normalen Zusammenhang des Seins und Werdens, das einheitlich Gesetzmäßige, was als der rote Faden der Entwicklung sich durch die Vielheit der Teile des Gegebenen, der Exemplare einer Gattung, der sukzessiven Stadien eines Geschehens in Natur oder Leben hindurchzieht. Für das Objekt dieser Art des Anschauens bedient sich Goethe mit Vorliebe des Ausdrucks Urphänomen und bezeichnet damit einen Sachverhalt, worin für ihn der eigentliche Schwerpunkt sowohl für die Naturbetrachtung, als auch, wie wir noch sehen werden, für die Dichtung gelegen ist. Rein naturwissenschaftlich bestimmt kennzeichnet sich das Urphänomen als ein notwendiger Zusammenhang von Elementen der Wahrnehmungswelt, der für ein bestimmtes Gebiet der Wirklichkeit, für eine bestimmte Gattung der Dinge typisch ist und sich dann in der Form eines Gesetzes aussprechen läßt. Das ausgeführteste Beispiel dazu ist bei Goethe im Gebiete der Pflanzen das Gesetz der Metamorphose. Als das Wesen, die Idee der Pflanze, als die „Urpflanze" ergibt sich diesem zufolge die geistig-anschauliche Erfassung eines für alle Pflanzen typischen Wachstumsprozesses, kraft dessen ein Grundorgan, nämlich das Blatt mit dem Knoten sich in den alternierenden Prozessen der Ausdehnung und Zusammenziehung sukzessiv zu den anscheinend so verschiedenartigen Organen des Kelches, der Blumenkrone, der Staubgefäße und schließlich der Frucht und des Samens um- und fortbildet. Für die tierischen Organismen mit Einschluß des Menschen kommt man auf das Urphänomen, soweit es Goethe hier überhaupt zu bestimmen unternommen hat, vermittelst des Gedankens, daß die Verschiedenheit in dem anatomischen Bau der Tiere aufzufassen sei als die durch die Unterschiede der Lebensweise, Wohnorte, Nahrungsmittel bedingten Modifikationen eines gemeinsamen Bauplans oder Typus, der sich in besonders charakteristischer Weise namentlich in der Umformung der Wirbelknochen zu den das Gehirn umschließenden Schädelknochen anschaulich macht Im Gebiete des Unorganischen ist für Goethe namentlich in der Geognosie dem menschlichen Geiste eine herrliche Pflegerin fortbildender Anschauung eröffnet, die sich bei manchen wahrhaft berufenen Beobachtern oft zu einer wundersamen Höhe steigert und sie in dem naturgemäßesten Sinne fernsehend macht. „An einer kleinen, abgerissenen Stelle eines Gehänges, in der Finsternis einer engen Kluft, eines Steinbruchs, eines Bergwerks sehen sie Schichtungen und Gänge des Gebirgs weit nach allen Himmelsgegenden hin streichen und fallen, ahnen den Ausgang einer Formation oder erkennen jenseits eines weiten Tals ihren durch einen Strom unterbrochenen Fortgang ... Es ist dann erfreulich, in der idealen Darstellung der Fortgangslinien, nach welchen der Geognost im Geiste seinen Gegenstand von dem Punkte der Beobachtung aus weiter verfolgt, eine Stütze der Anschauung zu erhalten" (33, 432). Goethe selbst versucht sich in der Betätigung dieses Blickes, wenn er auf diesem Gebiete der Gestaltung unorganischer Massen die Tendenz zuschreibt, sich in mannigfaltigen Richtungen zu trennen, „so daß Parallelepipeden entstehen, welche wieder in der Diagonale sich zu durchschneiden die Geneigtheit haben". Er veranschaulicht sich das durch die Fiktion, daß ein Gitterwerk durch sie durchgehe, „und zwar sechsseitig, wodurch so viele einzelne Körper abgeschnitten werden, kubisch, parallelepipedisch, rhombisch, rhomboidisch, säulen- oder plattenförmig, welcher Art es auch wäre". Die zufolge dieser „ideellen Trennung" als möglich denkbaren („intentionierten") Sonderungen können dann freilich nur teilweise, je nach Beschaffenheit der darauf wirkenden Massen und Kräfte zur wirklichen Erscheinung kommen. Die Anschaulichkeit aber der begrifflichen Vorstellung eines solchen Urphänomens ist so groß, daß sie sich sogar durch den Zeichner darstellen läßt, der sonach das Unsichtbare durch das Sichtbare sich verdeutlicht (33, 448 f.). Ein solches geistig-anschauliches Grundverhältnis konstruierte sich Goethe dann auch in der Meteorologie, in der Art, wie er hier die raumerfüllende Atmosphäre sich einerseits von den Wirkungen der Schwere, andererseits von denen der Wärme, also durch die Gegensätze von Anziehung und Ausdehnung modifiziert vorstellt (33, 66). In der Farbenlehre ferner beruht ihm die Anschaulichkeit des Urphänomens aut dem Gegensatz von Licht und Finsternis, wie er sich an einer mehr oder weniger durchsichtigen Materie zur Wirkung bringt. Das Hinüberspielen dieser Anschauungsweise aus dem Naturwissenschaftlichen ins Dichterische bekundet eine Aeußerung wie die: „Der Magnet ist ein Urphänomen, das man nur aussprechen darf, um es erklärt zu haben; dadurch wird es denn auch ein Symbol für alles Uebrige, wofür wir keine Worte noch Namen zu suchen brauchen" (19, 172 f.) — in Verbindung mit dem Spruche: „Magnetes Geheimnis, erkläre mir das! Kein größer Geheimnis als Lieb' und Haß" (2, 317), — zwei Worte, deren gedanklicher Zusammenhang in der Ueberzeugung liegt, daß eine Erklärung des Urphänomens selbst noch suchen zu wollen vergeblich sei, aber auch unnötig: das anschauliche geistige Erfassen eines letzten Tatbestandes der Wirklichkeit kann und soll selbst lediglich zur Aufhellung anderer dazu in Beziehung stehender oder ihm analogen Erscheinungen dienen. Daher ist ein einzelner Fall, woran das Urphänomen rein hervortritt, tausende wert (36, 154), und im Sinne dieser Ansicht sagt einer der Goetheschen Sprüche: „Was ist das Allgemeine? Der einzelne Fall. Was ist das Besondere? Millionen Fälle" (19, 195). Das Urphänomen ist „ideal, als das letzte Erkennbare, real als erkannt, symbolisch, weil es alle Fälle begreift, identisch mit allen Fällen" (W II, 11, 161). Andererseits liegt auf der Hand, daß dessen ungeachtet jedes Einzelne das Allgemeine des Typus immer nur in einer bestimmten Besonderheit darstellt, daher Goethe unbeschadet der eben hervorgehobenen Identität den Typus gelegentlich doch auch als ein Gesetz bezeichnen konnte, „von dem in der Erscheinung nur Ausnahmen aufzuweisen sind".i) „Man suche nur nichts hinter den Phänomenen, sie selbst sind die Lehre (19, 198). Das Urphänomen ist für Goethe tatsächlich die Grenze der Erkenntnis, und zwar sowohl gegenüber den noch darüber hinausliegenden Abstraktionen der Metaphysiker, wie andererseits auch angesichts der innerhalb der Natur selbst noch hinter dasselbe strebenden mechanisehen Hypothesen der Physik. Beiden Richtungen gemeinsam gilt die Zurechtweisung bei Eckermann (G 7, 21): „Das Höchste, wozu der Mensch gelangen kann, ist das Erstaunen, und wenn ihn das Urphänomen in Erstaunen setzt, so sei er zufrieden ; ein Höheres kann es ihm nicht gewähren, und ein Weiteres soll er nicht dahinter, suchen." Er gleicht sonst den Kindern, die den Spiegel umwenden, um zu sehen, was auf der anderen Seite ist. „Wenn ich mich beim Urphänomen zuletzt beruhige, so ist es doch auch nur Resignation; aber es bleibt ein großer Unterschied, ob ich mich an den Grenzen der Menschheit resigniere oder innerhalb einer hypothetischen Beschränktheit meines bornierten Individuums" (19, 199). Gegen die Natur sind wir schon weit genug vorgedrungen mit den Urphänomenen, „welche wir in ihrer unerforschlichen Herrlichkeit von Angesicht zu Angesicht anschauen und uns sodann wieder rückwärts in die Welt der Erscheinungen wenden, wo das in seiner Einfalt Unbegreifliche sich in tausend und abertausend mannigfaltigen Erscheinungen bei aller Veränderlichkeit unveränderlich offenbart" (33, 378). Darum: „Das Höchste wäre, zu begreifen, daß alles Faktische schon Theorie ist. Die Bläue des Himmels offenbart uns das Grundgesetz der Chromatik (19, 198).

Das Urphänomen bezeichnet für Goethe die naturgemäße Weise, wie in einem bestimmten Gebiete der Erfahrung die Idee sich dem Menschen an der Hand seines normalen Sinnes- und Geistesvermögens aufschließt. Und die Bedingung für die Normalität seiner Auffassung liegt ausschließlich in diesen beiden Seiten seiner Erkenntnisfähigkeit; sie kann durch Herbeiziehung künstlicher Mittel, wie Instrumente u. dgl. nicht gesteigert werden. Insbesondere kann das ihm innewohnende Vermögen, die Aufeinanderfolge der Tatsachen vermittelst des Kausalitätsbegriffs in gesetzmäßige Beziehungen zu bringen, schließlich auf nichts Anderes hinauskommen, als auf die Erfassung der typischen Art und Weise, wie in einem bestimmten Gebiete der Natur bestimmte Erscheinungen, als Wirkungen, bestimmten andern als ihren Ursachen und umgekehrt zugeordnet sind. Beide zusammen, Ursache und Wirkung, „machen das unteilbare Phänomen". In diesem Sinne ist für Goethe die Zurückführung von dieser auf jene bloß ein „historisches" d. h. den in Gemäßheit des Urphänomens tatsächlich vorliegenden Hergang und Sachverhalt beschreibendes Verfahren (19, 134. 175).

Goethes Ueberzeugung von der Gültigkeit und ausschlaggebenden Bedeutung der dem normalen menschlichen Sinnesvermögen zugänglichen Urphänomene ist so stark, daß er auch die Methoden der Wissenschaft nur insoweit anerkennt, als sie ihm diesen festen Punkt der Erkenntnis nicht von der Stelle rücken. In diesem Sinne macht er es namentlich der Physik zum Vorwurf, sie verlocke mit ihren ausgeklügelten Experimenten nur zu leicht zu solchen Auffassungen der Grundvorgänge, die der unmittelbaren Bezogenheit auf das normale menschliche Wahrnehmungs und Anschauungsvermögen entbehren und infolge dessen das Urphänomen durch künstliche und von der naturgemäßen geistigen Anschauungsweise abseits liegende Hypothesen verdecken. „Mikroskope und Fernröhre verwirren eigentlich den reinen Menschensinn", wennschon ihre Unentbehrlichkeit nicht geleugnet werden soll. „Der Mensch an sich selbst, insofern er sich seiner gesunden Sinne bedient, ist der größte und genaueste Apparat, den es geben kann" (19, 26. 186). Daher soll sich auch das Experiment, der Versuch nie ausschließlich ins Objekt verlieren, sondern immer „als Vermittler von Objekt und Subjekt" dienen (34, 74). Er ist nur insofern und insoweit erforderlich und berechtigt, als er das unmittelbar Wahrgenommene durch eine stetige Reihe von Modifikationen und Uebergängen variiert und vervielfältigt, und zwar von solchen, in denen ein durchgreifendes anschauliches Grundverhältnis bestimmter Faktoren innerhalb der Wahrnehmung, also immer unter Einbeziehung der natürlichen und normalen subjektiven Tätigkeit des betreffenden Sinnesorgans selbst, als Grundgesetz und Norm für die einzelnen wahrgenommenen Erscheinungen des betreffenden Gebietes heraustritt. Er soll, kurz gesagt, den grundwesenhaften Sachverhalt nicht sowohl im Sinne eines quantitativen, als vielmehr eines qualitativen Verhältnisses bestimmen. Das Urphänomen soll immer und überall Ur - Phänomen und als solches an der Hand der natürlichen und normalen sinnlichen Empfindungsweise vorstellbar bleiben. Theorien, welche als Grundvorgang ein unanschauliches, rein quantitativ bestimmtes, abstrakt mechanisch-mathematisches Zusammenwirken von Elementen hinstellen, von dem aus die Brücke fehlt zu der Art und Weise, wie die in dem bezüglichen Gebiete hervortretenden Erscheinungen sich dem Sinnesorgan als beistimmte Qualitäten kundgeben, können nicht beanspruchen, das „empirische Phänomen" auf das wissenschaftliche oder reine zurückzuführen (W II, 11 S. 38 ff). Der Wert der Mathematik liegt für Goethe nicht sowohl in dem Dienste, welchen sie der Physik als Unterlage für ihre Hypothesen, als vielmehr (wie einst bei Piaton) in demjenigen, was sie als ein besonderes und eigenartiges Gebiet des abstrakten Denkens leistet (19, 198). Es kommt für ihn überhaupt schließlich nicht darauf an, daß lediglich nach Ursachen als solchen gefragt wird, sondern nach denjenigen Bedingungen, unter denen die Phänomene eben erscheinen (ebd.). Man soll nicht ein „isoliertes" d. h. von der Bedingtheit durch die normale Sinneswahrnehmung losgelöstes Faktum, wie etwa die Zerlegung des weißen Lichtstrahles vermittelst des Prisma „mit seiner Denk- und Urteilskraft unmittelbar (also unter Ausschaltung der Mitwirkung des gewöhnlichen Empfindungsvorgangs) zu verbinden suchen", sondern Reihen von aneinandergrenzenden Versuchen herstellen, die alle zusammen „nur eine Erfahrung unter den mannigfaltigsten Ansichten" und dadurch eine „Erfahrung höherer Art" darstellen (34, 81). Etwas Derartiges glaubt er selbst durch seine Erklärung der Farbenempfindungen geleistet zu haben, indem er durch eine zusammenhängende Reihe von Versuchen die Modifikationen feststellte, welche die für die Tätigkeit des Auges gegebenen gegensätzlichen Qualitäten von hell und dunkel unter der Mit- und Gegenwirkung getrübter Medien erfahren. In der dadurch bewirkten Illustration des qualitativen Verhältnisses jener drei Faktoren in ihrer direkten Bezogenheit auf das empfindende Auge lag für ihn das Urphänomen, demgemäß sich für ihn der Begriff und das Wesender Farbe bestimmte. 6. Mit dieser sach- und zielbewußten Opposition gegen das physikalische Verfahren in der Naturerklärung sind wir nun aber bei Goethe lediglich an dem Punkte angelangt, in welchem er, der Dichter, aus seiner Grundanschauung vom Wesen der Welt wie der Erkenntnis die letzten Konsequenzen zur Geltung bringt. Alles nämlich, was wir bisher als das Eigentümliche seiner Erkenntnislehre darzustellen hatten, sowie auch alles Andere, was noch weiterhin als seine originale Ansicht über das Wesen der Natur und des Menschen hervortreten wird, ist in der Wurzel bedingt von dem einen inhaltlich wie methodisch grundlegenden Gesichtspunkt der Goetheschen Weltanschauung, der da liegt in der Ueberzeugung, daß der Ausgangs- und Zielpunkt aller Weisheit, der theoretischen so gut wie der praktischen gegeben sei in der Frage von der Beschaffenheit und dem Werte des menschlichen Lebens. Dasjenige Gebiet der Wirklichkeit, an welches der Dichter in erster Linie sich gewiesen sieht, wird auch als maß- und richtunggebend betrachtet für den Forscher und Denker. Wenn der objektive Wahrheitsgehalt der Welt am Ende doch eben nur einer sein kann, so muß er sich schließlich in einer Art und Weise ergründen und aussprechen lassen, die den verschiedenen Interessen des Dichters und Denkers gemeinsam Genüge zu tun vermag. Und die Grundlage hierzu ist gegeben in der Betrachtung des obersten und höchsten Berreiches innerhalb des Weltgeschehens, also in der anschaulichen Erkenntnis der Grundformen und Normalgestaltungen des menschlichen und weiterhin überhaupt des allgemeinen Lebens. In rückdeutender Betrachtung von den hier waltenden Formen und Normen aus muß sich auch das Verständnis aller sonstigen Inhalte des Daseins erschließen lassen. Und dies muß um so eher ausführbar erscheinen, je deutlicher das natürliche und das geistige Leben als durch einen genetischen Zusammenhang verbunden und auf einander hinweisend sich herausstellen. Daher bedeutet es für Goethe wenig, sich in abstracto um Erkenntnis von Möglichkeit und Tragweite des Wissens zu bemühen, wenn man die Hinweise nicht beachtet, welche das konkrete Leben selbst für die Richtung und das Gelingen der Erkenntnis gibt. „Manches können wir nicht verstehen. Lebt nur fort, es wird schon gehn!" (2, 352). Und für die hier gegebenen Probleme soll das letzte Wort die Erfahrung haben die hervorgeht aus der lebendigen persönlichen Teilnahme am Inhalte dieses Lebens selbst, wenn auch nicht ohne Mitwirkung des aufgeschlossenen spekulativen Interesse. Der Schwimmer im Strom des Lebens soll mit kräftigem Arm dessen Wogen teilen, aber zugleich ein offenes Ohr haben für ihr Rauschen und einen durchdringenden Blick für ihren Grund. Das erste Erfordernis zur Weisheit ist ein freier, froher Mut und die Fähigkeit, „im Ganzen, Guten. Schönen resolut zu leben" (1, 81). Goethes Gedichte und Dramen sind voll von Aufrufen zu solcher tatkräftigen; Freudigkeit, die alle auf das Eine hinauskommen, was die Erscheinung des himmlischen Knaben dem Schatzgräber zuruft: „Trinke Mut des reinen Lebens", mit dem bedeutungsvollen Zusatz: „Dann verstehst du die Belehrung". Diesen Zusatz muß man in alle jene Ermahnungen hineinhören, um sie vollständig zu verstehen; ebensowohl in den Zuruf an „Schwager Kronos": „Frisch, holpert es gleich, über Stock und Steine den Trott Rasch ins Leben hinein!", wie etwa in die von entgegengesetzter Stimmung getragenen Worte der Iphiginie: „Frei atmen macht das Leben nicht allein", nur „ein fröhlich selbstbewußtes Leben" sei des Lebens wert.

Das Verständnis aber des menschlichen Lebens liegt nun für Goethe in theoretischer Beziehung ebenfalls in der Fähigkeit, innerhalb der verflochtenen Fülle seiner Erscheinungen den anschauenden Blick zu gewinnen für die primitiven Grundformen, die typischen Gestaltungen und die natürlich-normalen Gebilde menschlicher Daseins- und Betätigungsweise. Es handelt sich auch in dem menschlichsozialen Gebiete der Wirklichkeit um die Erkenntnis der Urphänomene. Diese gilt es vor allem in plastischer Klarheit und Bestimmtheit aufzuzeigen, und zu dieser Aufgabe fühlt Goethe in erster Linie sich selbst in seiner Eigenschaft als Dichter und Künstler berufen. Was der Dichter darstellt, sind, wie er an Schiller schreibt (17. VIII. 97) „eminente Fälle, die in einer charakteristischen Mannigfaltigkeit als Repräsentanten von vielen andern dastehen, eine gewisse Totalität in sich schließen". Das eigentliche Leben der Kunst ist zwar die Darstellung des Besonderen, dieses aber als Repräsentant des Allgemeinen, als Vertreter einer ganzen Klasse von Erscheinungen. Sie bringt in jedem Individuum neben der spezifischen auch die typische Seite zur Auffassung, und vermöge dieser Betätigung ist auch der Dichter ein Darsteller des Wahren. Das Wahre läßt sich, ebenso wie das Göttliche, eben auch hier niemals direkt! erfassen, sondern immer nur in der Art, wie es sich in einem bestimmten Typus innerhalb der Natur oder des Lebens gleichsam symbolisch zum Ausdruck bringt (34, 47). „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis". Zur anschaulichen Erläuterung dieses Standpunkts in Bezug auf das Menschenleben verhilft uns in erster Linie das Eigenartige der Goetheschen Poesie selbst. Eine ihrer unmittelbarsten Wirkungen besteht in dem Zauber, womit sie uns überall (mit V. Hehns Worten) in idealen Umrissen die beharrende Naturgestalt unseres Geschlechts vor Augen führt, die substanziellen Lebensformen menschlicher Gemeinschaft, die Naturformen des menschlichen Lebens, von denen der Einzelne auch bei kräftigster Individualität überall gehalten und getragen erscheint. Das Normale und Typische im Wesen der Familie, des häuslichen Lebens, der primitiven menschlichen Beschäftigung, Anstrengung und Befriedigung, in Recht und Staat, Krieg und Frieden, Religion und Sitte, im theoretischen wie im praktischen Wirken, — alles das und was sonst noch hierher gehört, tritt uns in Goethes Dichtung aus den verschiedenen Zeitaltern in der gleichen plastischen Reinheit und Klarheit, ja Verklärtheit entgegen, als die Grundformen des menschlich-sozialen Lebens, von denen aus dieses sich ewig von neuem zu 'verjüngen berufen ist. Und es bekundet sich in dieser dichterisch abgeklärten Darstellung zugleich in seinem unmittelbaren Werte. Er beruht in dem Gefühl für das, was Schiller  als das Anziehende des Naiven in der Natur kennzeichnet: wir lieben darin „das stille, schaffende Leben, das ruhige Wirken aus sich selbst, das Dasein nach eigenen Gesetzen, die innere Notwendigkeit, die ewige Einheit mit sich selbst". Das Einzelne und Individuelle ist auf Grund dessen hier, wie schon bei Homer immer auch das Typische. Aus dem ehrwürdigen Richter in Hermann und Dorothea spricht der Geist der Völkerführer, die Macht und Frieden gebietend die verzagende, immer unbillige und unbedachte Menge durch die Verbannung leiten. Im weiten Gegensatz dazu bietet uns im „Wandrer" die Darstellung der jungen Frau mit dem Säugling unter dem Ulmenbaum das idyllische Bild ländlich-südlichen Daseins, das ohne Ahnung von den Zeugnissen historisch-künstlerischer Vergangenheit in dem Boden, auf dem es sich befindet, sowie von der träumerischen Schönheit der umgebenden Landschaft in still-glücklicher Beschränktheit dahinfließt. Oder man denke an die Szene der Spaziergänger vor dem Tor im ersten Teil des Faust. In rascher Folge ziehen sie hier an uns vorüber, die echten und überall gleichen Typen des Volkslebens, wie es sich zeigt in der Erholung des Feiertags, angefangen von den Handwerksburschen, die dahin eilen, wo die hübschesten Mädchen, das beste Bier und Händel von der ersten Sorte zu haben sind, bis zu dem gelehrten Herrn, dem Doktor, der, mit seinem Famulus, ehrerbietig begrüßt des Weges daher kommt, — alles mit wenig Strichen nur eben „Naturformen des Menschenlebens". Aber auch in durchsetzteren Verhältnissen überall, im Götz, im Werther, im Faust, Wilh. Meister, den Wahlverwandtschaften usw. eine Fülle poetisch-plastischer Naturgestalten menschlicher Verhältnisse, die sich herausheben als die Urformen des sozialen Lebens, hingezeichnet analog der Weise, wie der Dichter in H. u. D. nach seinen eigenen Worten „das rein Menschliche der Existenz einer kleinen deutschen Stadt in dem epischen Tiegel von seinen Schlacken abzuscheiden gesucht und zugleich die großen Bewegungen und Veränderungen des Welttheaters aus einem kleinen Spiegel zurückzuwerfen getrachtet hat" (an Meyer 5. XII. 96). Es liegt ein Stück Platonismus in dieser Seite der Goetheschen Weltbetrachtung. Wer wie der Dichter die natürlich-objektiven Lebensformen in ihrer plastischen Reinheit und Verklärtheit aufzufassen versteht, schaut damit die Ideen der Wirklichkeit, und damit auch das, worin der Wert des Gegebenen beschlossen liegt. Das Natürlich-Lebendige ist für den Dichter auch zugleich das Vollkommene. „Aller Zustand ist gut, der natürlich ist und vernünftig" (2, 89). Und es ist ihm ein Zeichen von Schwäche und Verderbtheit, dem allen in voreiliger Beflissenheit mit subjektiver Kritik auf den Leib zu rücken. „Weil die meisten Menschen selbst formlos sind, weil sie sich und ihrem Wesen selbst keine Gestalt geben können, so arbeiten sie, den Gegenständen ihre Gestalt zu nehmen, damit ja alles loser und lockerer Stoff werde, wozu sie auch gehören" (17, 537).



Epigramme, Sprüche, Xenien usw.

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