> Gedichte und Zitate für alle: Herman Siebeck: Goethe als Denker- 1. Kapitel Seite 5

2019-11-07

Herman Siebeck: Goethe als Denker- 1. Kapitel Seite 5



In dem objektiven Schauen des Typischen, wie er es zunächst als Dichter dem menschlichen Leben gegenüber bekundet, ist Goethe sich bewußt das gefunden zu haben, worauf die Einheitlichkeit der dem Menschen zugemessenen Erkenntnis beruht. Demgemäß liegt für ihn hier auch der Punkt, wo die verschiedenen Weisen, wie es dem Menschen natürlich und möglich ist, sich der Wahrheit zu bemächtigen, der dichterische und der wissenschaftliche Ausblick nach dem Kerne der Wirklichkeit, in Harmonie zusammentreffen. Die plastische Klarheit der Urphänomen die dem Blicke des Künstlers Genüge tut, ist zugleich Gegenstand der forschenden und denkenden Betrachtung, insbesondere auch der naturwissenschaftlichen Erkenntnis. Die Methode ihrer Erschließung ist in beiden Gebieten verschieden, ja entgegengesetzt: in dem einen ausschließlich intuitiv und in der weiteren Ausgestaltung seiner Objekte wesentlich der Phantasie anheimgegeben; in dem anderein vorwiegend gebunden an Beobachtung und daran anknüpfendes begriffliches Denken. Die Objekte aber zeigen in beiden dieselbe Eigenart: sie geben sich kund als die typischen Normalformen des Seins und Geschehens, die ihr Dasein und Wirken der Anschauung erschließen. Daher: Wie das, was innerhalb der Menschenwelt dem Dichter und Künstlerauge als Normal- und Grundform sich aufschließt, auch dem Denker und Forscher als das zu gelten hat, worum es sich beim Erkennen in letzter Linie /handelt, so soll der Naturforscher in dem, was er als gesetzmäßig waltenden Zusammenhang der organischen und unorganischen Natur abzureichen trachtet, zugleich dem künstlerischen Blicke auf das Naturganze ein entsprechendes Objekt vor Augen stellen. Dies aber kann er nur so, daß er die Grundvorzüge des Naturzusammenhangs aller Orten in ihrer unmittelbaren Bezogenheit auf das Bedürfnis und die Betätigungsweisc des Lebendigen erschaut. Der Kern auch in der Natur ist „Menschen im Herzen": er erschließt sein Wesen nur der mit der Gesamtwirkung ihrer Erkenntniskräfte an ihn herantretenden Persönlichkeit, die also nicht bloß experimentiert, abstrahiert oder rechnet, sondern zugleich schaut und fühlt vermöge der normalen Funktion ihrer gesunden Sinne.

Der tiefste Grund für diese Stellungnahme zum Problem der Erkenntnis und zugleich für die Energie, mit der Goethe sie behauptet, liegt nun weiter in einer Ueberzeugung, wodurch er sich mit den philosophischen Vertretern des Pantheismus, insbesondere mit Giord. Bruno und Spinoza zusammenfand. Wenn das Grundwesen der Welt und der Dinge folgerichtig ebensowohl wie in den Beschaffenheiten und Verhältnissen der Dinge, auch in der lebendigen menschlichen Persönlichkeit waltend und wirkend anzunehmen ist, so wird dieses gemeinsame Band von Objekt und Subjekt der Erkenntnis nicht umhin können, in dem Bewußtsein von diesem auch die Bekundung des Wesens von jenem zu bedingen.

„Wär' nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt' es nie erblicken;
Lag' nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt' uns Göttliches entzücken!" (2, 364).

Das ist brunonisch gedacht und gesprochen, bezeichnet aber zugleich die Art, wie Goethe sich die abstrakte, more geometrico einherschreitende Spekulation Spinozas für sein individuelles Schauensbedürfnis gefühlsmäßig zurechtlegte. Bei Spinoza findet man den Menschen als einzelnen durchweg bedingt und getragen von dem allumfassenden Vollgehalt des Seins, aus dessen ewiger Notwendigkeit ihm Lust und Leid, Wissen und Handeln zuwächst, und in dessen Erkenntnis er seine höchste Aufgabe und damit zugleich sein Glück zu suchen hat, die Gemütsruhe, die ihm auf Grund der Vernunftanschauung, der scientia intuitiva vom Grundwesen der Wirklichkeit, beschieden ist. Das Merkmal der Vollkommenheit, das für Spinoza wie für Goethe vom Begriffe des Seienden, als der absoluten Totalität in quantitativer und qualitativer Beziehung, untrennbar ist, bedingt im Sinne beider Denker auch die Möglichkeit einer zulänglichen Erfassung und Erschauung des Wesens oder der Idee des Wirklichen. Wenn nun auch in der Goetheschen Welterkenntnis, wie wir noch sehen werden, der Intellektualismus keine so vorbehaltlose Stellung einnimmt, wie bei Spinoza, so liegt doch auch bei ihm das letzte und zuversichtlichste Wort der Erkenntnislehre in der Ueberzeugung, daß die Gesamtwirkung der Kräfte des normalpersönlichen menschlichen Wesens einen harmonischen Zusammenklang von Gefühl, Anschauung und Denken hervorzubringen imstande ist, der innerhalb der durch die Subjektivität gesetzten Schranken als eine adäquate Erkenntnis des Weltwesens im Ganzen wie im Einzelnen zu gelten hat.

7. Goethes Ansicht vom Wesen und Wert der Urphänomene hat Anspruch darauf, gleichviel wie man sich kritisch zu ihr stellen mag, den bedeutsamen Leistungen im Gebiete der Erkenntnislehre an die Seite gesetzt zu werden, die jede in ihrer Art die Untrennbarkeit von Denken und Anschauung ins Licht zu setzen bemüht sind. Ihre Haupteigentümlichkeit liegt in dem Ernst, der hier mit dem Bestreben gemacht wird, das Wesentliche der künstlerischen Auffassungsweise für die Norm der Erkenntnis überhaupt mit zu seinem Recht kommen zu lassen. Zu dem wissenschaftlichen Erkenntnisstreben, welches verstandesmäßig auf Ermittelung möglichst ausgedehnter und sich gegenseitig ergänzender Kausalitätsreihen bedacht ist, steht das künstlerische, das die Bedlingungen für das Dasein eines Gebildes in Natur und Leben vorwiegend in Gefühlswerten sucht, von vornherein in einem Gegensatz, lieber diesen strebt Goethe, der Dichter und Forscher, hinaus in dem Versuch, die kausale Begründung der Wirklichkeit überall in direkter Bezogenheit auf das normale sinnliche Wahrnehmungsvermögen des lebenden und fühlenden Subjekts zu halten. Zu einem durchgreifenden Erfolg dieses Unternehmens ist es freilich bis heute nicht gekommen, und die Lehre selbst wollte dazu in der Gestalt, die sie bei Goethe tatsächlich besitzt, noch nicht ausreichen. Sie bestimmt letzter Hand die Natur als eine Musterkarte typischer Gestaltungen und Vorgänge, die der direkten sinnlichen Wahrnehmung und weiter der von dorther bedingten geistigen Anschauung gegenständlich sind, deren tieferer gemeinsamer Zusammenhang aber wissenschaftlich nicht weiter in Betracht zu kommen vermöge. Nur der Phantasie und dem Gemüt kann er in Ahnungen und Gefühlen sich mehr ankündigen als aufschließen. („Das Schaudern ist der Menschheit bestes Teil.") Aus dieser Stimmung heraus rühmt Goethe z. B. an Platon die heilige Scheu, womit er sich der Natur nähert, die Vorsicht, womit er sie gleichsam nur umtastet und bei näherer Bekanntschaft von ihr gleichsam wieder zurücktritt, jenes Erstaunen, das den Philosophen so gut kleidet (36, 79). Was in diesem Verhalten Wahres und Tiefes liegt, wird von dem ästhetisch-ethischen Kern unseres Wesens her immer wieder empfunden werden. Aber es her steht zu Recht auch ohne das bei Goethe daran anknüpfende Bestreben, der wissenschaftlichen Naturbetrachtung auf ihrem methodisch vordringenden Wege an einer bestimmten Schicht dicht unterhalb der Oberfläche der Erscheinungen Halt zu gebieten und ihr damit den Versuch zu verwehren, den von dorther unter sich enger verketteten Gruppen von Formen und Zusammenhängen noch eine gemeinsame Schwelle unterzuziehen. Denn ihre letzten grundlegenden Theorien und Hypothesen haben sich schließlich ja doch immer nach Maßgabe der normalen Inhalte der Erscheinungen und in durchgehender Anlehnung an diese „Urphänomene" in ihren räumlichen, zeitlichen und überhaupt sinnenfälligen Verhältnissen herausgebildet und erhalten von hier aus aller Orten ihre Regulative und Direktiven. Und auch der gefühlsmäßige Gewinn aus der in die Tiefe dringen

den Naturbetrachtung kann durcli die zunehmende Erfassung einer grundwesentlichen Einheitlichkeit des Naturganzen an der Hand des Einblicks in den durchgreifenden Kausalzusammenhang seiner Entwicklungsformen nicht abgeschwächt, sondern nur verstärkt werden, eine Tatsache, die übrigens Goethe selbst, wo er nicht das Bedürfnis hat, sich polemisch gegen eine einzelne Theorie zu äußern, gern anzuerkennen bereit ist. Außerdem deutet übrigens die Goethesche Lehre aus ihrem eigenen Inhalt heraus sowohl nach der empirischen, wie nach der spekulativen Seite hin über sich selbst hinaus. Je reicher und vielseitiger die Menge der Typen sich aufschließt, mit je größerem Recht der erkennende Mensch wie Faust dem Erdgeist gegenüber sich dafür dankbar zeigen darf, daß dieser die Reihe der Lebendigen an ihm vorbeiführt und ihn seine Brüder „im stillen Busch, in Luft und Wasser" kennen lehrt, umsomehr wird sich auch das Verlangen regen, die zunächst zufällige Reihe der anschaulichen Objekte und Verhältnisse in eine notwendige Stufenreihe zu verwandeln. Es entspringt die Aufgabe, sie in einen genetischen Kausalzusammenhang zu ordnen und letzten Endes nach dem zu fragen, was bereits A. Schopenhauer in der Vorrede zu seiner Erstlingsschrift (1816) zu der Goelheschen Farbenlehre für nötig hielt, nämlich worin denn „der eigentliche Bindungspunkt", das grundbedingende Wesen und Gesetz für diese ganze aufsteigende Stufenfolge liegt. Das Grundproblem des Wissens, das hiermit bezeichnet wird, ist aber der Art, daß es sowohl
in methaphysischer, wie in empirischer Richtung einer Beantwortung bedarf. Die Geschichte einerseits der Philosophie, andererseits der Naturwissenschaft zeigt, daß es einer solchen auch zugänglich ist, wenn es auch bei der unendlichen Fülle der Wirklichkeit, gemäß dem Fortgange des Wissens, immer nur annähernd gelöst werden kann.

Der eigentliche Wert der Goetheschen Lehre liegt in ihrer Tendenz als solcher. Sie bringt wieder einmal zum Bewußtsein, daß das erkennende und das wertsetzende, das theoretische und das ästhetische Erkenntnisstreben gemäß dem» Wesen der menschlichen Natur auf einander angewiesen sind und auch bei noch so großer Differenz in Methoden und Resultaten schließlich doch nach einer ihnen beiden gemeinsam Rechnung tragenden Gesamtanschauung des Wirklichen konvergieren. Sie ist der mit großer Zielbewußtheit unternommene Versuch, dieses der menschlich-geistigen Natur wesenhafte und darum berechtigte Streben zur methodisch maßgebenden Norm auch für das wissenschaftliche Verfahren der Naturerkenntnis zu erheben. Wenn ihr dies nun auch nicht in dem beabsichtigten Maße gelungen ist, so . ist vielleicht die praktische Tragweite der hier zugrunde liegenden Anschauung nach einer anderen Seite hin um so höher anzuschlagen.

Das 19. Jahrhundert, dessen erstes Drittel noch unmittelbar unter dem Zeichen Goethes stand, war ein Zeitalter des Uebergangs und mithin ein solches, das die Wertschätzung der ruhenden Grundformen und Typen des Natur- wie des sozialen Lebens zurücktreten ließ vor dem erwartungs- oder begehrungsvollen Ausblick nach neuen Errungenschaften und Gestaltungen, welche dann das Gefühl für Wesen und Wert des Gegebenen und seines natürlichen Mutterbodens in der Wurzel zu verändern schienen. Das private wie das öffentliche, das physische wie das geistige Leben stand und steht immer noch unter der Wirkung eines raschen Aufschwungs und Erfolgs der Technik; neue Probleme ferner des politischen und gesellschaftlichen Lebens wissen sich die allgemeine Beachtung teils zu gewinnen, teils zu erzwingen. Und auch die Gemütsseite des modernen Wesens zeigt die Eindrücke von mancherlei neuen Ausblicken in Ethik und Religion. Alles das hat für den Menschen unserer Tage in sein Reflektieren und Handeln, soweit es sich über die ausschließlich materiellen und individuell-egoistischen Gesichtspunkte zu erheben beflissen ist, eine Intensität gebracht, die es ihm über dem Drang und Zwang zum Schauen und Wirken nach außen und zur rastlosen Bewährung physischer und geistiger Energie schwer macht, das ruhige Besinnen zu bewahren auf die stetig durchwirkenden Werte der anscheinend selbstverständlichen Grundlagen und (Grundformen des ökonomischen, sozialen und sittlichen Daseins. In dem unbezwinglichen Streben und Recken nach der Höhe tritt man jeweilen den festen Boden, der uns trägt, teils verächtlich, teils ungeduldig mit Füßen. Es ist vielfach, als ob es für die geistige Regsamkeit nur noch Werktage, aber keine Sonntagsstille geben dürfte. Eine Ausschließlichkeit und Alleinherrschaft dieser Strömung würde der moderne Mensch auf die Dauer nicht ertragen, ohne in Abspannung und Erschlaffung, und damit in die Gefahr eines ideenlosen individuellen Genußlebens zu geraten. Unter den wohltätigen Mächten aber, die ihn hiervor schützen können, darf, wenigstens für den Bereich der deutschen Kultur, der nachhaltige Einfluß Goethes gerechnet werden, dem es gegeben war, das Eigenlicht in den beharrlichen Normal- und Grundformen des Natur- und Menschenlebens aller Orten zum Auf- und Durchleuchten zubringen.

Goethe hatte das Verdienst, in Poesie und Wissenschaft von der Reflexion wieder auf das Schauen zurückzuweisen. Hierdurch bestimmt sich zugleich in der Hauptsache sein Verhältnis zu Schiller. Beide unterscheiden zwischen Schein und Wesen. Aber für Schiller (mit Kant) bekundet sich das Letztere unmittelbar ausschließlich im Ethischen, zu welchem hin er zum Aufschwung aus der Erscheinungswelt beständig aufruft. Goethe seinerseits bedarf dieser besonderen Kraftanspannung nicht; er ist in seiner betrachtenden, wie in seiner dichterischen Würdigung der Wirklichkeit im besten Sinne des Wortes „jenseits von Gut und Böse". Er ruht hier in dem beglückenden Bewußtsein: „die unbegreiflich hohen Werke sind herrlich wie am ersten Tag". Im Begriffe der Wirklichkeit als solcher schon liegt für ihn auch der der Vollkommenheit, und es handelt sich aller Orten nur darum, das wahre Wirkliche, „das alte Wahre" anzufassen, um es aus den Umhüllungen, Verbrämungen und Verbiegungen seiner Erscheinungsweisen hervortreten zu lassen. Im Sinne dieser Ueberzeugung widmete er dem jungen Schopenhauer den Spruch:

Wonach soll man am Ende trachten?
Die Welt erkennen und sie nicht verachten".

Was diese Stellung zur Wirklichkeit für seine praktische Lebensanschauung, sowie für die Bestimmtheit seines religiösen Bewußtseins bedeutete, wird sich in dem Verlauf unserer Darstellung zeigen.



Epigramme, Sprüche, Xenien usw.

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