> Gedichte und Zitate für alle: Herman Siebeck: Goethe als Denker- 2. Kapitel Seite 3

2019-11-07

Herman Siebeck: Goethe als Denker- 2. Kapitel Seite 3



Wie aus alledem erhellt, handelt es sich in der Metamorphosenlehre bei Goethe in der Hauptsache um die Frage, was die Pflanze als Organismus bedeute oder, prinzipieller und allgemeiner gefaßt, was der Organismus als Pflanze sei. Dem Wesen des Organischen ist, nach der hier waltenden Vorstellung, nicht damit beizukommen, daß man lediglich seine Glieder beschreibt und ihre gegenseitige Lage, Größe, Funktion usw. verzeichnet. Es gilt vielmehr, anschaulich zu machen, daß hier die äußere Erscheinung von einem inneren Prinzip beherrscht wird, auf das wir mit dem Ausdruck Leben hindeuten, und daß dieses als das Durchgehende und Ganze in jedem einzelnen Organe wirkt. Goethe nimmt mit dieser Tendenz und der Art ihrer Ausführung den antiken (aristotelischen) Gesichtspunkt vom Wesen des Organischen wieder auf, nur eben nicht im Hinblick auf das Organische im Menschen, sondern zunächst auf das in der Pflanze. Er fragt nach dem Lebensgesetz, wonach sich ihre Glieder entwickeln und wodurch sie ungeachtet ihrer Verschiedenheit im Aussehen doch als Darstellungen und Wirkungen einer und derselben ihnen zugrunde liegenden Kraft sich erkennen lassen. Dazu die weitere Frage, wie es kommt, daß jenes Eine sich in so verschiedenen Erscheinungsweisen und vielfachen Gestaltungen offenbart. Denn mit dem einen Gesichtspunkte, dem des einheitlichen spezifisch pflanzlichen Lebensprinzips, war im Grunde schon der andere gegeben, den dann die Beobachtung der Tatsachen bestätigte, daß es doch nur eine Grundform sei, die in der unendlichen Menge von Pflanzenindividuen erscheint, und daß in dieser die Fähigkeit unbestimmt großer Abänderungen liege, wodurch aus der Einheit die Mannigfaltigkeit erzeugt wird. Die Urform der Pflanze ist ein bestimmtes Bildungsgesetz, woraus die Natur das pflanzliche Individuum gleichsam als eine Folge ableitet d. h. entstehen läßt. Goethe suchte es so anschaulich und dem Konkret-Sinnlichen so angenähert als möglich sich vorzustellen, wie er denn an Herder (1787) schreibt, mit diesem Modell (der Urpflanze) und dem Schlüssel dazu könne man alsdann noch Pflanzen ins Unendliche erfinden, die, wenn sie auch tatsächlich nicht existieren, doch innere (morphologische) Wahrheit und Notwendigkeit haben. Zu den Eigenheiten dieses Urbilds kam für ihn später (1831) noch der zwischen den Organen auftretende Gegensatz des spiralförmigen und des geradlinigen Wachstums hinzu» worauf näher einzugehen wir hier keine Veranlassung haben.

9. Der Unterschied des Tieres von der Pflanze und die höhere Stufe seiner Vollkommenheit beruht für Goethe auf der vollkommenen Art und Weise, wie hier die als geistiges oder dynamisches Zentrum wirkende organische Bildungskraft sich in der Richtung der Individualisierung hin zur Tätigkeit bringt. Die Pflanze ist noch kein Individuum im eigentlichen Sinne, sondern ein Kollektivwesen, sofern nach der Metamorphosenlehre jedes der äußerlich verschiedenen Organe im Wesen doch die betreffende Pflanze selbst immer wiederholt, nur eben in einem verschiedenen Stadium ihrer Ausbildung. Das Individualitätslose zeigt sich ferner darin, daß die Teile einander nicht wirklich subordiniert sind, sondern beim Nacheinander ihres Hervortretens im Vergleich miteinander sich als gleichwertig ausweisen. Höchstens im Loslösen des Samenkorns von der vollendeten Pflanze könnte ein momentanes Hervortreten von Individualisierung gefunden werden, das aber mit dem Neubeginn des Keimes schon wieder verschwindet. Beim Tier dagegen kennzeichnet sich schon das von der Mutter losgetrennte abgeschlossene Ei als Individuum. Der herauskriechende Wurm ist gleichfalls eine isolierte Einheit mit einem ausgesprochenen Oben und Unten, Vorn und Hinten und mit Organen, die sämtlich nach einer gewissen Reihe entwickelt sind, d. h. so, daß keins an die Stelle des anderen treten kann, ein Verhältnis, das je höher hinauf um so unverkennbarer hervortritt. „Hier hat in der regelmäßigsten Organisation alles bestimmte Form, Stelle, Zahl, und was auch die mannigfaltige Tätigkeit des Lebens für Abweichungen hervorbringen mag, wird das Ganze sich immer wieder in sein Gleichgewicht stellen" (33, 270 f.).

„Diese Grenzen erweitert kein Gott, es ehrt die Natur sie, 
Denn nur also beschränkt war je das Vollkomnene möglich" (2, 231 )

Das Zusammenwirken der Glieder selbst ferner und die Eigenart der Struktur und Funktion, welche jedem Einzelnen innerhalb desselben verliehen ist, bestimmt sich von innen her nach dem besonderen Zweck des Ganzen, der gegeben ist in dem der betreffenden Gattung unterliegenden Gesetz der Lebensweise und den ihr hiernach angemessenen Bedürfnissen. „Alle lebendigen Glieder

Widersprechen sich nicht, und wirken alle zum Leben, (ebd.) 

Hinsichtlich der Entwickelung des Tierorganismus waltet nun bei Goethe dieselbe Grundidee, wie in seiner Lehre von der Metamorphose der Pflanze, wenn es ihm auch hier nicht gelungen ist (und auch nicht in demselben Maße darauf ankam), die Gesetzmäßigkeit der ganzen Gestalt in eine einzige Vorstellung zu fassen. Als allgemeinen Gesichtspunkt hebt er hervor, die Metamorphose wirke bei den vollkommeneren Tieren auf zweierlei Art. Erstens darin, daß „identische Teile nach einem gewissen Schema durch die bildende Kraft auf die beständigste Weise verschieden umgeformt werden, wodurch der Typus im Allgemeinen möglich wird; zweitens, daß die in dem Typus benannten einzelnen Teile durch alle Tiergeschlechter und -Arten immerfort verändert werden, ohne daß sie doch jemals ihren Charakter verlieren können". Die Harmonie des organischen Ganzen wird dadurch möglich, daß es aus identischen Teilen besteht, die sich in sehr zarten Abweichungen modifizieren. „So ist z. B. in die Augen fallend, daß sämtliche Wirbelknochen eines Tieres einerlei Organe sind, und doch würde, wer den ersten Halsknochen mit einem Schwanzknochen unmittelbar vergliche, nicht eine Spur von Gestaltsähnlichkeit finden." Den ersten und zweiten Halsknochen ferner „wird jedermann durch alle Tiere ohnerachtet der außerordentlichen Abweichung erkennen" (33, 271 f.). Wie man schon hieraus sieht, sucht Goethe die tatsächlichen Belege für seine zoologische Grundanschauung wesentlich im Gebiete der Osteologie, und zwar hauptsächlich in den an das Gehirn und Rückenmark anschließenden Knochen. Das Hinterhauptbein, sowie das hintere und vordere Keilbein deutete er als Umformungen der 'Wirbelknochen, welche das Rückenmark umgeben. Eine bestätigende Erweiterung dieser Idee erblickte er, als es ihm (1790) glückte, auf den Dünen des Lido bei Venedig einen Schafschädel zu finden, der so geborsten war, daß in dem Gaumenbein, der Oberkinnlade und dem Zwischenknochen drei Wirbel in verwandelter Gestalt unmittelbar sich darzustellen schienen. Diese Tatsache wies auf die Möglichkeit, den Schädel beim Wirbeltier aus den Umformungen von sechs Wirbelknochen entstanden zu denken. 

Diese zoologische Umformungslehre steht nun aber bei Goethe ebenso entschieden unter dem dynamischen oder vitalistischen Gesichtspunkt, wie die Lehre von der Pflanzen-Metamorphose. In der allmählich umformenden Entwickelung, welcher der Bau des Tieres bis hinauf zum Schädel untersteht, ist es der Typus oder die Idee der Gattung, die sich in immer vollkommenerer Weise zur sinnlichen Darstellung bringt. Die Organe werden der Idee im sukzessiven Verlauf ihres Hervorbildens immer angemessener gemacht, und die anatomische Struktur des Tieres steigt mithin ebenfalls wie auf einer „geistigen Leiter" von den unvollkommeneren zu den vollkommensten Organen heran.

„Alle Glieder bilden sich aus nach ew'gen Gesetzen, 
Und die seltenste Form bewahrt im Geheimen das Urbild.)

Müsset im Naturbetrachten 
Immer eins wie alles achten;
Nichts ist drinnen, nichts ist draußen, 
Denn was innen, das ist außen" (2, 230).

10. Den Gedanken der Metamorphose, wie er im Vorstehenden näher bestimmt wurde, hat nun Goethe nicht bloß innerhalb der getrennten Gebiete des Organischen durchzuführen, sondern zu der Ansicht von einem durchgehenden genetischen Zusammenhange zwischen dem Pflanzen- und Tierreich, sowie zwischen den verschiedenen Gattungen und Stufen des Letzteren mit Einschluß des Menschen zu erweitern versucht. Er ist dadurch einer der bedeutsamsten Vorläufer der Deszendenztheorie, wenn auch keineswegs, wie sich zeigen wird, ein Vertreter des modernen Prinzips ihrer Methode geworden. In einem „Entwurf einer Morphologie" (W II, 6, 321), der ihn längere Zeit beschäftigte, hatte er die Absicht, zuerst das Wesen des Organischen zu schildern, um dann, „aus einem Punkte ausgehend", zu zeigen, wie das organische Urwesen (der Typus) sich nach der einen Seite hin zu der Mannigfaltigkeit der Pflanzenwelt, nach der anderen zu der Vielheit der Tierformen entwickelt, und wie die besonderen Formen der Würmer, Insekten, der höheren Tiere und zu oberst die Form des Menschen aus dem allgemeinen Urbild abgeleitet werden können. Die erste Anregung zu dieser Idee hatte er wohl von Herder. Schon zu dessen Grundgedanken gehört der von einer nur denkanschaulich vorstellbaren typischen Form, die sich räumlich-sinnlich in einer unbestimmt großen Anzahl qualitativ unterschiedener Gattungen und Einzelwesen stufenweise zur Vermittlung bringt, und zwar so, daß auf der obersten Stufe dieser Leiter, im Menschen, das, was unten sich an verschiedenen Arten in einseitiger Ausbildung zeigt, einem Gesamtorganismus eingeordnet und im Einzelnen diesem angepaßt, also dem entsprechend umgebildet erscheint. Nach Goethes Auffassung ist das Tierische in Bau und Gestalt beim Menschen in der Weise fortgebildet, daß hier im Unterschiede von jenem diejenigen Organe, welche dem Geistigen als Unterlage dienen, besonders entwickelt und die lediglich dem Vitalen zugeordneten Teile dementsprechend modifiziert sind, ein Gedanke, den er schon 1776 namentlich an dem Verhältnis des Haupts und Gehirns zu dem übrigen Körperbau aufzuzeigen beflissen war (34, 178 f.). 

Diese Idee, daß alle Unterschiede im Bau der Tierarten mit Einschluß des Menschen als Veränderungen eines Grundtypus aufzufassen seien, hatte Goethe das Glück bestätigt zu sehen durch eine osteologische Entdeckung, auf die er von ihr aus geführt wurde. Bei dem Skelett der Wirbeltiere erscheint der Oberkiefer durch den sogenannten

Zwischenknochen in zwei Stücke geteilt, von denen das eine bei den Säugetieren stets die Backen- und Eckzähne, das andere die Schneidezähne enthält; bei dem Menschen dagegen ist nur ein Knochenstück, das Oberkieferbein, welches alle Zähne enthält. Die damalige Anatomie betrachtete das als einen spezifischen Unterschied des Menschen vom Tiere. Nach Goethes Anschauung dagegen lag es nahe zu vermuten, daß auch der Mensch ursprünglich einen Zwischenkiefer besitze, der aber später durch Verschmelzung mit dem Oberkiefer verschwinde. Seine Untersuchung in dieser Richtung führte nun in der Tat zu der Wahrnehmung, daß die Nähte, die bei den Tieren Oberkiefer und Zwischenkiefer verbinden, in schwachen Spuren auch beim menschlichen Schädel noch zu erkennen sind. Er sah darin mit Recht einen Erfahrungsbeweis für die Gemeinsamkeit der anatomischen Grundform auch von Mensch und Tier, die hier auch in einem Falle zutage trat, wo sie den Anforderungen des vollendeten Baues erst nachträglich durch die Verwachsung der getrennt entstandenen Teile angepaßt werden muß.

In der Richtung der modernen Anschauung betreffs der Eigentümlichkeit der organischen Lebewesen gehen bei Goethe schon diejenigen Ansichten, die wir bei ihm bereits im Vorigen (S.78, 79 f.) angesichts der teleologischen Auffassungsweise der Organismen aufzuzeigen hatten. Ein anderer Schritt nach dieser Seite liegt bei ihm in der Ueberzeugung von der Stetigkeit in der Entwicklung der organischen Formen innerhalb einer und derselben Gattung, sowie der verschiedenen Gattungen untereinander. Die „Natur kann zu allem, was sie machen will, nur in einer Folge gelangen: sie macht keine Sprünge. Sie könnte z. B. kein Pferd machen, wenn nicht alle übrigen Tiere voraufgingen, auf denen sie wie auf einer Leiter bis zur Struktur des Pferdes heransteigt" (33, LXXXIII). Unter der „Leiter" ist freilich auch hier, wie in der Botanik, eine „geistige" verstanden, nämlich eine aufsteigende Reihe von Typen, deren jeder das in ihm liegende gattungsmäßige Bildungsgesetz nach Lage der äußeren Verhältnisse d. h. innerhalb der durch diese gezogenen Grenzen zur Auswirkung bringt. In dieser ausdrücklichen Berücksichtigung der äußeren Umstände liegt es begründet, daß in Goethes Theorie, unbeschadet ihrer dynamisch-vitalistischen Grundansicht auch schon die wichtigsten kausal-mechanischen Mitbedingungen der Entwickelung, worauf der moderne Darwinismus mit besonderem Nachdruck hingewiesen hat, zur Anerkennung kommen. So vor allem das Prinzip der Anpassung einer Gattung an die umgebenden äußeren Verhältnisse. „Eben dadurch erhält ein Tier seine Zweckmäßigkeit nach außen, weil es von außen so gut als von innen gebildet worden; und was noch mehr, aber natürlich ist, weil das äußere Element die äußere Gestalt eher nach sich, als die innere umbilden kann" (St. IV, 2, 576). Eine anschauliche Bestätigung dieser Ansicht findet Goethe (1824) in dem Werke d'Altons über die Skelette der Nagetiere und den dazu gegebenen Abbildungen. Er erkennt daraus, daß das Geschlecht der Nager „zwar generisch von innen determiniert und festgehalten sei, nach außen aber zügellos sich ergehend, durch Um- und Umgestaltung sich spezifizierend, auf das allervielfachste verändert werde." In der Region des Wassers „zeigt es sich schweinartig im Ufersumpfe, als Biber sich an frischen Gewässern anbauend; alsdann, immer noch einige Feuchtigkeit bedürfend, gräbt sich's in die Erde. Gelangt endlich das Geschöpf auf die Oberfläche, so ist es hupf- und sprunglustig, so daß sie aufgerichtet ihr Wesen treiben . . . Ins völlig Trockene gebracht, finden wir zuletzt den Einfluß der Lufthöhe und des alles belebenden Lichtes ganz entscheidend. Die leichteste Beweglichkeit wird ihnen zuteil . . . bis sogar ein vogelartiger Sprung in einen scheinbaren Flug übergeht" (33, 304 f.). Unter den konkreten Faktoren dieses Umwandlungsprozesses kommt gelegentlich auch das Prinzip des Gebrauchs und Nichtgebrauchs der Organe zur Anerkennung, so namentlich in Bezug auf die Sinnesorgane. Das immer stärker werdende tierische Verlangen, nach vornhin bequem zu sehen, muß z. B. wohl die

Lage der Augenhöhle des Urstierschädels und ihre Form allmählich verändert, das Streben, leichter, klarer und noch weiterhin zu hören, die Gehörkammern dieser Tierart erweitert und mehr nach innen gewölbt haben (ebd. 281). Ueberhaupt hat, wie in der Farbenlehre gelegentlich bemerkt wird, das Auge sein Dasein dem Licht zu verdanken: „aus gleichgültigen tierischen Hilfsorganen ruft sich das Licht ein Organ hervor, das seinesgleichen werde, und so bildet sich das Auge am Lichte fürs Licht, damit das innere Licht dem äußeren entgegentrete" (35, 84). Zu allem Derartigen ist natürlich, wenn auch stillschweigend, vorausgesetzt, daß die durch Anpassung erworbenen Eigenschaften sich auf die Nachkommen vererben. Eine anderweitige Voraussetzung ist dabei die, daß die Art der Anpassung selbst im Verlauf der Entwickelung vollkommener oder unvollkommener, feiner oder gröber ausfallen kann, je nach der größeren oder geringeren Stärke des in einer bestimmten Gattung von Haus aus wirkenden Lebens, ein Gedanke, den Goethe bei Gelegenheit der Anzeige eines anderweitigen d'Alton'schen Werkes an der Familie der Bradypodiden (Faultiere) anschaulich zu machen sucht (33, 275 f.). Er weist weiter auch bereits auf die Wirksamkeit desjenigen Faktors hin, den man später die Korrespondenz des Wachstums und die balance des organes genannt hat. Dieser Gesichtspunkt ergab sich aus der schon (S. 81) erwähnten Ueberzeugung von dem „Budget", das sich die Natur in ihren Bildungen vorbehalten habe und kraft dessen z. B. der Löwe wegen der größeren Vollkommenheit seiner Zähne der Hörner entbehren müsse. „Wie das Tier sich immer weiter zum Stehen und Gehen bestimmt fühlt, desto mehr wird der Radius an Kraft zunehmen, dem Körper der Ulna von seiner Masse abziehen, so daß diese zuletzt fast verschwindet und nur das Olekranon als notwendigste Artikulation mit dem Oberarme übrig bleibt" (34, 168). Auch der Kampf ums Dasein endlich kommt hier schon zur Beachtung. „Alles, was entsteht, sucht sich Raum und will Dauer; deswegen verdrängt es anderes von seinem Platz und verkürzt seine Dauer" (19, 212). „Wer weiß, ob nicht in kalten und warmen Häusern Pflanzen gerade deshalb nicht gedeihen, weil man ihnen feindselige Nachbarn gab; vielleicht bemächtigten sich die Einen zu ihrem Nutzen der heilsamen atmosphärischen Elemente, deren "Einfluß ihnen allen gegönnt war" (33, 121). Diejenige Auffassung der Phylogenie dagegen, welche darauf ausgehet, alle Formen zuletzt aus einer gemeinsamen konkreten Stammform abzuleiten, liegt nicht im Sinne der Goetheschen Anschauungsweise. Die gemeinsame Stammform oder was man so nennen könnte, ist ihm immer der Typus selbst als (sinnlichgeistiges) Abstraktum, und dieser liegt der Blutsverwandtschaft bestimmter Gattungen als das sie Bedingende immer schon voraus. Hierauf beruht die Fähigkeit des Lebendigen, „sich nach den vielfältigsten Bedingungen äußerer Einflüsse zu bequemen und doch eine gewisse errungene entschiedene Selbständigkeit nicht aufzugeben" (19, 212), Goethe glaubt behaupten zu dürfen, daß alle vollkommeneren organischen Naturen (Fisch, Amphibium, Vogel, Säugetier und Mensch) nach einem Urbild geformt seien, „daß nur in seinen sehr beständigen Teilen mehr oder weniger hin und her weicht und sich noch täglich durch Fortpflanzung aus -und umbildet" (33, 261 f.). Diese Worte bezeichnen deutlich den Grad der Verwandtschaft zwischen der Goetheschen und der modernen Ansicht und zugleich ihre Grenze. Denn man ist nicht berechtigt, in dem „Urbild", wie neuere Naturforscher getan haben, eine reale Stammform zu sehen. Es ist nichts Anderes als die „geistige Leiter", an Hand deren die aufsteigende Reihe der es repräsentierenden Arten in der Kette der Fortpflanzungen sich als verwandt aufweisen lassen. Von ihm heißt es ausdrücklich in einer erst neuerdings hervorgetretenen Stelle: „Der Hauptbegriff, welcher ... bei jeder Betrachtung eines lebendigen Wesens zum Grunde liegen muß, von dem man nicht abweichen darf, ist, daß es mit sich selbst beständig, daß seine Teile in einem notwendigen Verhältnis gegen sich selbst stehen, daß nichts mechanisch gleichsam von außen gebaut und hervorgebracht werde, obgleich Teile nach außen zu wirken und von außen Bestimmung annehmen" (St. IV, 2, 549). Und noch bestimmter, wie im bewußten Gegensatz zu der modernen Ansicht von der Stammform, ist anderwärts die Rede von dieser „idealen" Einheit, davon nämlich, daß die verschiedenen Teile der Pflanze „aus einem idealen Urkörper entsprungen und nach und nach in verschiedenen Stufen ausgebildet gedacht werden . . . Diesen idealen Urkörper, der schon eine gewisse Bestimmbarkeit zur Zweiheit bei sich trägt, lassen wir vorerst im Schöße der Natur ruhen" (ebd. 566). 1) Noch deutlicher, wenn möglich, sind einige Aeußerungen in den Gesprächen: „Gewisse Konfigurationen im menschlichen Körperbau tragen noch die letzte Spur der veredelten Tierheit zum prototypon der organischen Schöpfung, zum Menschen, sehr deutlich an sich, z. B. das os coccygis den Rest des tierischen Schwanzes, die Milz und das Ueberzwergschleudern der Hände, wenn man geht . . . Die Natur hat gewisse Generalformen, die sich auch da abdrücken, wo sie kein unmittelbares Bedürfnis erfüllen" (G 1, 183). „Das Skelett von manchem Seetiere zeigt uns deutlich, daß die Natur schon damals, als sie dasselbe verfaßte, mit dem Gedanken einer höheren Gattung von Landtieren umging. Gar oft muß sie in einem hinderlichen Elemente sich mit einem Fischschwanze abfinden, wo sie gern ein paar Hinterfüße in den Kauf gegeben hätte, ja, wo man sogar die Ansätze dazu bereits im Skelett bemerkt hat" (ebd. 2, 257). Wenn Goethe ferner gelegentlich sagt (33, 259), man müsse das einfachere Tier im zusammengesetzten Menschen wieder entdecken, so beruht das für ihn, wie die vorausgehenden Worte zeigen, nicht auf der realen Abstammung des Menschen vom Tier, sondern darauf, daß der Mensch seiner Organisation nach „schon physisch als eine kleine Welt, als ein Repräsentant (also nicht Abkömmling) der übrigen Tiergattungen existiere". Wenn er anderwärts in den vierfüßigen Tieren eine Tendenz der hinteren Extremitäten, sich über die vorderen zu erheben, bemerkt und darin „die Grundlage zum reinen, aufrechten Stande des Menschen" erblickt (33, 305), so ist ihm dies auch nur ein Beleg für die Gleichartigkeit des Typus, der nur unten weniger deutlich auftritt als oben, nicht aber ein Hinweis auf Abstammung durch Blutsverwandtschaft. Und nicht anders steht es da, wo er in den zwei hohlen, unausgefüllten Stellen des menschlichen Schädels Reste des tierischen Schädels sieht, nämlich solche, „die sich bei solchen geringen Organisationen in stärkerem Maße befinden, und die sich beim Menschen trotz seiner Höhe noch nicht ganz verloren haben" (G 8, 29). Es liegt eben im Wesen des allgemeinen tierischen Typus, daß er sich unterhalb des Menschen in „geringerer Organisation" ausprägt, als bei diesem selbst. Den gemeinsamen Grundgedanken endlich, unter dessen Licht die Auffassung und Erklärung aller derartigen Betrachtungen bei Goethe gesetzt sein will, gibt eine Aeußerung, wie diese: „Eine innere und ursprüngliche Gemeinschaft aller Organisation liegt zum Grunde; die Verschiedenheit der Gestalten dagegen entspringt aus den notwendigen Beziehungsverhältnissen zur Außenwelt, und man darf daher eine ursprüngliche, gleichzeitige Verschiedenheit und eine unaufhaltsam fortschreitende Umbildung mit Recht annehmen" (33, 307). Der Hinweis auf die „ursprüngliche gleichzeitige Verschiedenheit" kann hier doch nichts anderes bedeuten, als daß der Typus von Anfang an in verschiedenen Ausprägungen vorlag, deren jede sich dann innerhalb der ihrer Klasse entsprechenden Grundzüge und Grenzen fort- und umbildet. Die Abstammung aller organischen Gattungen und zu oberst des Menschen von einer Stammform wird durch diese Auffassung geradezu ausgeschlossen. Die Ansicht von dem ursprünglichen Bestehen verschiedener organischer Typen und das sich Durchhalten ihrer unterschiedenen Eigenartigkeiten durch alle von äußeren Verhältnissen bedingten Veränderungen derselben bildet das eigentliche Rückgrat in Goethes Metamorphosenlehre. Sein Begriff des Typus als „geprägter Form, die lebend sich entwickelt" (2, 242) würde ohne sie geradezu seinen spezifischen Sinn verlieren. 

Seiner Metamorphosenlehre hat Goethe bekanntlich nicht nur eine wissenschaftliche, sondern auch eine poetisch-dramatische Seite abzugewinnen gewußt, indem er sie im zweiten Teile des Faust in der Figur und dem Schicksal des Homunculus gleichsam verkörperte. Dem menschenartigen Diminutivwesen, das in der Retorte entsprungen und deshalb hinsichtlich seiner Existenz an diese gebunden ist, regt sich nachgerade das Verlangen, „im besten Sinne" d. h. auf organisch-natürliche Weise zu „entstehen". Zu diesem Ende wird es von Thales und Proteus zunächst ins Meer gesandt, um dort zu verstäuben und sich dann organisch stufenweise von unten auf zum wahren Menschen zu entwickeln (12, 103 f. 117 f.). Auch in dieser Darstellung der Sache liegt keineswegs eine Hindeutung auf die Abstammung des Menschen von einer allen Gattungen gemeinsam vorausliegenden Stammform. Es ist nämlich dabei zu beachten, daß Homunculus den menschlichen Typus ja bereits besitzt und in seiner Auflösung nur diesen als solchen der wirklichen Natur zum Zwecke der Höherbildung überläßt. Unter jener anderen Voraussetzung wäre dieser Ausweg für ein Wesen von seiner Entstehungsweise überhaupt nicht in Betracht gekommen. Der Mensch als organische Gattung ist, nach Goethe, überhaupt nicht von irgend einer Tierform her deszendiert; er entwickelte sich durch Transmutation aufwärts von einer schon von Haus aus menschlichen, aber noch nicht zur Höhe des vollkommenen Menschen ausgebildeten Urform, so wie auch die verschiedenen Gattungen der Tiere auf eine Mehrheit ursprünglicher, zu solcher Transmutation geeigneter Grundformen zurückdeuten. Diese Aufwärtsbildung selbst geht vor sich unter stetiger Gegenwirkung des (idealen) Typus mit den Einflüssen der Umgebung. Wo Goethe einmal das Wort „Urtier" gebraucht, verfehlt er nicht, ausdrücklich hinzuzufügen: „Das heißt denn doch zuletzt: der Begriff, die Idee des Tiers" (33, 13), denkt also nicht entfernt an eine allen gemeinsame ursprüngliche „Stammform". Der wesentliche Unterschied zwischen der Goetheschen und der modernen Deszendenzlehre liegt nach allem bisherigen darin, daß für Goethe im Begreifen des Organischen und seiner Entwickelung gerade das die Hauptsache war, was der Darwinismus, wenigstens hinsichtlich der Methode seiner Ausführungen, als quantite negligeable betrachtet: die unsichtbare Wirksamkeit des Typus. Er versteht darunter eine bestimmte zielstrebige Art der Gesetzmäßigkeit in Bezug auf das ineinandergreifen der Organe und ihrer Funktionen, über welche die von außen kommenden Abänderungen der Gestalt und Lebensweise niemals so völlig Herr werden daß der Grundcharakter des Typus dadurch je wirklich auf-" gehoben würde. In ihr liegt die Grenze, die „die Natur ehrt", und die „kein Gott erweitert". Diese Idee des die Form bildenden und schließlich auch immer beherrschenden Typus ist nun nicht erst durch Goethe in die Welt gekommen. Sie liegt schon vor in dem Begriff des die Materie ausgestaltenden Formprinzips bei Aristoteles und hatte gerade in Goethes Zeitalter auch auf naturwissenschaftlicher Seite wieder hervorragende Vertreter gefunden. Unter Goethes unmittelbaren Zeitgenossen aber war es namentlich der Philosoph Schelling, in dessen spekulativer Naturbetrachtung sie eine führende Stellung gewonnen hatte. Es war daher kein Zufall, daß Goethe nachmals zu Schelling selbst in ein näheres Verhältnis trat, und daß dessen Naturphilosophie um die Wende des Jahrhunderts bei ihm mehr und mehr den Vorrang gewann vor der früher bekundeten Hinneigung zu anderen Systemen, Spinoza und Kant nicht ausgeschlossen. Auch für Schelling vollzieht sich die Entwickelung des Organischen an der Hand eines ideellen (begrifflichen) Musterbildes, das hier nur wesentlich abstrakter gedacht ist, als bei Goethe, aber, wie bei diesem, die innere Natur einer bestimmten Gattung darstellt, die der organischen Bildung innerhalb dieser ihre eigentümliche Richtung gibt. Auch ein anderer, hieran anknüpfender Grundgedanke der Schellingschen Naturphilosophie findet in Goethes Anschauungsweise des Naturganzen vollen Widerklang: die Ansicht, daß diese begriffliche Wirksamkeit des Typus letzten Endes auf das Bestehen einer Weltseele zurückdeute, also eines die Gesamtheit der Natur mit Einschluß des Menschen durchwaltenden geistigen Prinzips, in dessen Wesen es liegt, in der Materie ein System von Ideen zu einer physischen und dabei doch' der künstlerischen Produktion analogen Ausgestaltung zu bringen. Weiter als bis hierher freilich dürfte das Gemeinsame in der beiderseitigen Naturbetrachtung kaum reichen Der allgemeinen Methode der Schellingschen und überhaupt der romantischen Naturphilosophie gegenüber hielt es Goethe jedenfalls für ersprießlicher, „seiner eigenen Denkart getreu zu bleiben". Schellings Lehre von der „intellektuellen Anschauung" erhebt das, was dem Philosophen als Grundgesetz des subjektiven Denkprozesses gilt, zum Leitfaden für die objektive Welt- und Naturbetrachtung; Goethes Prinzip des anschaulichen (gegenständlichen) Denkens dagegen will den Forscher anweisen, sich von vornherein an einem durchgehenden (typischen) Wesen und Gesetz des Objekts zu orientieren, um von hier aus die Methode für das Denken bezüglich der Natur zu gewinnen. Schelling erblickte das Heil der Naturerkenntnis darin, zu zeigen, wie aller Orten das Physische sich ins Metaphysische übersetzen lasse. Das Grundgesetz der Naturentwicklung lag für ihn in der Wechselwirkung bestimmter gegensätzlicher Potenzen, des Subjektiven und Objektiven, Idealen und Realen oder, in mehr naturwissenschaftlicher Terminologie, des Kontraktiven und Expansiven, deren aus dem Gegensatze sich immer wieder hervorbildende Synthese je und je das Hervorbilden einer höheren Stufe des Naturdaseins auf Grund der voraufgegangenen bedingte. Diesem metaphysischen Gesichtspunkte soll auch die empirische Naturwissenschaft sich von vornherein gehorsam zeigen. Goethes naturwissenschaftliche Methode aber steht, Schelling und ebenso auch Hegel gegenüber, namentlich hinsichtlich der Welt des Organischen gerade unter dem entgegengesetzten (Gesichtspunkte. Der metaphysische Kern seiner Ansicht will und soll sich von dem sorgsam erforschten empirische Sachverhalt bedeuten und belehren lassen. Er gibt hier als Regel:

„Betrachtet, forscht, die Einzelheiten sammelt;
Naturgeheimnis werde nachgestammelt!" (1, 100.)

Wie die Natur „im Schaffen 1ebt", gilt es für ihn zu erforschen, zu „erfahren". Goethes Naturbetrachtung innerhalb der organischen Welt ist die Aus- und Durchführung eines ihm mit Schelling u. a. gemeinsamen Grundgedankens im Sinne und der Richtung empirisch-methodischer Naturforschung. Zwischen der Schellingschen Naturphilosophie und der modernen Deszendenzlehre hat Goethe seine eigene selbständige Position, die man nach beiden Seiten hin wohl unterscheiden und abgegrenzt halten muß. Jener gegenüber besteht er darauf, nicht das Gesetz für das Empirische aus dem abstrakt gefaßten Typischen zu deduzieren, sondern umgekehrt die Art der Wirksamkeit eines bestimmten Typus am empirischen Material und dem daran in sinnlich-faßlicher Weise sich kundgebenden Gesetz der Entwickelung abzulesen. Von der modernen Anschauung trennt ihn hauptsächlich der Umstand, daß ihm im Grunde der Sache die Flexibilität des Typus den äußeren Einflüssen gegenüber doch die Konstanz desselben und der entsprechenden Gattung nicht aufhebt, sondern im Gegenteil bekräftigt, und daß von einer mechanisch-notwendigen oder (was hier dasselbe bedeutet), mechanisch-zufälligen Hervorbildung der Arten und Gattungen auseinander von einer ursprünglichen Stammform her nicht die Rede ist.i)

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