> Gedichte und Zitate für alle: Herman Siebeck: Goethe als Denker- 2. Kapitel Seite 2

2019-11-07

Herman Siebeck: Goethe als Denker- 2. Kapitel Seite 2



Dieser Krafteinheiten aber sind viele, und es fragt sich, worin denn unbeschadet ihrer Mannigfaltigkeit die ursprüngliche Einheit des Naturlebens im erfahrungsmäßigen Zusammenhange des Ganzen sich bewähre. In Bezug hierauf hatte sich für Goethe ungefähr gleichzeitig mit der oben erwähnten Theorie die Anschauung „der zwei großen Triebräder aller Natur" herausgebildet, wodurch er später ausdrücklich die in dem Aufsatz über die Natur vorgetragenen Ausblicke ergänzt wissen wollte (34, 144): Die in der lebendigen Materie wirkenden Grundkräfte bekunden sich in ihren Wirkungen als Polarität und Steigerung. Betreffs der Ersteren hatte sich Goethe aus der Naturphilosophie Kants nicht entgehen lassen, „daß Anziehungs- und Zurückstoßungskraft zum Wesen der Materie gehören" und von ihrem Begriff nicht getrennt werden können, und er schloß von hier aus auf eine „Urpolarität" aller Wesen in der unendlichen Mannigfaltigkeit des Naturganzen (25, 132 f.). Auf dieser Grundansicht beruht seine Methode, die Urphänomene als Wechselwirkung zweier entgegengesetzter Qualitäten oder Tendenzen abzuleiten; so die Farbe aus dem Gegensatze von hell und dunkel, die Entwickelung der Pflanze aus der Alternation von Zusammenziehung und Ausdehnung. Die Materie ist aber nicht bloß als unlebendiger Stoff, sondern zugleich als „geistig" zu denken, weil sie aus sich selbst heraus den Trieb nach Steigerung bekundet. Die Spannung und Wirkung der Gegensätze in ihr bedingt Stufen der Entwickelung, worin das einem bestimmten Naturprozesse unterliegende polare Verhältnis der Qualitäten in immer vollkommeneren Formen und immer größerer Anschaulichkeit zur Erscheinung kommt, wie insbesondere in der Aufeinanderfolge der organischen Gebilde an einer Pflanze das Zusammen- und Gegenwirken von Kontraktion und Expansion in immer mehr intensiver und durchgearbeiteter Weise zutage tritt. Und die Einheitlichkeit der Naturentwicklung bekundet sich in dieser Richtung darin, daß auf ihrer obersten Stufe, der des Beseelten, auch der Geist es sich nicht nehmen läßt, anzuziehen und abzustoßen; „wie derjenige nur allein zu denken vermag, der genugsam getrennt hat, um zu verbinden, genugsam verbunden hat, um wieder trennen zu mögen" (34 145). Auch in der Welt des Aesthetischen und Moralischen tritt dies heraus. „Die Liebe, wie sie modern erscheint, ist ein Gesteigertes" (JB XI, 137), — im Unterschied nämlich von dem antiken Wesen derselben, bei dem sich „das Verhältnis zu den Frauen, das bei uns so zart und geistig geworden, kaum über die Grenze des gemeinsten Bedürfnisses erhob" (28, 201). „Das letzte Produkt der sich immer steigernden Natur ist der schöne Mensch". Und wer weiß, ob nicht für die Natur, die gleichsam „vor einem Spieltische steht und unaufhörlich au double ! ruft", auch der ganze Mensch wieder nur „ein Wurf nach einem höheren Ziele ist?" (G 2, 263). Denn in dem Prinzip der Steigerung liegt es begründet, daß alles Vollkommene in seiner Art über seine Art hinausgehen muß; „es muß etwas Anderes, Unvergleichbares werden. In ^manchen Tönen ist die Nachtigall noch Vogel; dann steigt sie über ihre Klasse hinüber und scheint jedem Gefiederten andeuten zu wollen, was eigentlich singen heiße" (15, 191). Dieser Prozeß der Steigerung nun geht vor sich an der Hand der Metamorphose, d. h. der Art und Weise, wie der einer bestimmten Naturgattung spezifische Bildungstrieb sich unter der Einwirkung der äußeren Faktoren und in Wechselwirkung mit ihnen auszugestalten in der Lage ist. Innerhalb der Gattung selbst führt sie in jedem Exemplar derselben in stetig fortschreitender Bildung zu mehr und mehr sich verfeinernden Organen, in der aufsteigenden Reihe der Gattungen zu immer höheren Ausprägungen des physisch-geistigen Gesamtlebens, das im Menschen seine Spitze und Krönung gewinnt.

5. Ueber diesen Entwickelungsprozeß wird weiterhin noch eingehenderes zu sagen sein. Zunächst aber ist von dem hier bezeichneten Punkt aus wiederum Veranlassung zu dem Hinweis darauf, wie für Goethe das Wesen der Natur und der Kunst ein einheitliches ist und auf einem Prinzipe beruht. Schon in dem Aufsatz von 1780 erscheint die Natur als „die einzige Künstlerin: aus dem simpelsten Stoff zu den größten Kontrasten; ohne Schein der Anstrengung zu der größten Vollendung — zur genauesten Bestimmtheit, immer mit etwas Weichem überzogen" (34, 71). Wie in der Kunst, so ist auch in der Natur für Goethe das Ganze früher als der Teil. Der Künstler setzt etwa die menschliche Figur nicht eigentlich aus Teilen zusammen; die Gestalt der Teile und ihr Verhältnis quillt ihm aus der Vorstellung eines Idealtypus, von dem auch die Teile jeder sein Gesetz empfangen. Hierzu in Analogie steht das Verfahren der "Natur. Auch sie arbeitet auf Grund eines Typus, der sich anschaulich begreifen läßt und allen äußeren Einwirkungen gegenüber sich durchhält, wenn auch mit Anpassung an jene und mit jeweilen dadurch bedingten Umbildungen. In der Natur, wie in der Kunst ist der Typus seinen Einzelausprägungen gegenüber die ideale Form. Darum sind die Urformen sowohl das, was dem Naturwirken zugrunde liegt, als auch was in der Kunst auf ihre Weise zum Ausdruck kommt. Dieser Blick in das Kunstmäßige in den Naturformen tritt schon in der Art und Weise hervor, wie Goethe (1776) in den Physiognomischen Fragmenten die verschiedenen Spezies der Tierwelt zu charakterisieren weiß (34, 180 f.). In der späteren Zeit betont er zu dem hier bezeichneten Zusammenhang mit Vorliebe mehr das Naturhafte im Schönen und in den Kunstformen. „Das Schöne ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die uns ohne dessen Erscheinung ewig wären verborgen geblieben" (19, 51). Denn die Schönheit ist da vorhanden, wo wir „das gesetzmäßig Lebendige in seiner größten Tätigkeit und Vollkommenheit schauen" (25, 155). Das Gesetz, das in der größten Freiheit d. h. „nach seinen eigenen Bedingungen" in die Erscheinung tritt, wie in den Blüten das vegetabilische Gesetz, bringt das objektiv Schöne hervor, „welches freilich würdige Subjekte finden muß, von denen es aufgefaßt wird" (19, 211 f.). Zu der Abbildung eines Pferdekopfes am Friese des Parthenon äußerte Goethe, das erhabene Geschöpf sehe so übermächtig und geisterhaft aus, als wenn es gegen die Natur gebildet wäre, und doch habe der Künstler eigentlich ein Urpferd geschaffen, „mag er solches mit Augen gesehen oder im Geiste erfaßt haben; uns wenigstens scheint es im Sinne der höchsten Poesie und Wirklichkeit dargestellt zu sein". Zufolge dieser Anschauung ruhen die Kunstbetätigung und der künstlerische Stil nach Goethe „auf den tiefsten Grundfesten der Erkenntnis, auf dem Wesen der Dinge, insofern uns erlaubt ist, es in sichtbaren und greiflichen Gestalten zu erkennen" (24, 527). Die Grundformen der Dinge, welche die Wissenschaft dem geistigen Auge in gedanklich - anschaulichen Vorstellungsgebilden vergegenständlicht, stellt das Kunstwerk in individuellen Gestaltungen von typischer Vollkommenheit vor das wirkliche Auge hin. Es ist in beiden Fällen die gleiche Idee, welche zum Ausdruck gebracht wird. Die Kunst wird hierdurch nicht zur bloßen Nachahmerin der Natur, denn sie hat nicht das zufällige einzelne Wesen .und Aussehen eines Naturdinges nachzubilden, sondern eine möglichst lebendige Vorstellung von der Vollkommenheit des Gattungstypus zu erwecken, der seinen einzelnen natürlichen Ausprägungen gegenüber immer Ideal ist. Kunst und Wissenschaft sind Offenbarungen derselben Urformen und Urgesetzlichkeit, welche im Innersten der Wirklichkeit waltet. Die Kunst ist „Wissenschaft zur Tat verwendet, . . . Wissenschaft das Theorem, Kunst das Problem" (19, 110). Die Kunst verhilft der Natur letzten Endes erst zu ihrem wirklichen Verständnis, indem sie die in ihr liegende Vollkommenheit unmittelbar zur Anschauung bringt. Darum ist die künstlerische Darstellung des Natürlichen doch immer zugleich Idealisierung desselben.

„Wie Natur im Vielgebilde
Einen Gott nur offenbart,
So im weiten Kunstgefilde
Webt ein Sinn der ew'gen Art:
Dieses ist der Sinn der Wahrheit,
Der sich nur mit Schönem schmückt.
Und getrost der höchsten Klarheit
Hellsten Tags entgegenblickt" (18, 258).

Darum: „Wem die Natur ihr offenes Geheimnis zu enthüllen anfängt, der empfindet eine unwiderstehliche Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst. Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen", denn „das Schöne ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die uns ohne dessen Erscheinen ewig wären verborgen geblieben". „Wenn Künstler von Natur sprechen, subintelligieren sie immer die Idee, ohne sich's deullich bewußt zu sein" (19, 51. 153). Der Typus, die Urform, die ihrem Wesen nach nie und nirgends als sinnliches Einzelding da sein kann, wird, gleichsam diesem Sachverhalt zum Trotz, im Kunstwerk (wie in dem „Urpferd" des Parthenon), als einzelsinnliches Wesen vor Augen gestellt.

Von diesen Anschauungen aus wird es verständlich, daß Goethe von den Kunstwerken der Hellenen sagen konnte, sie seien zugleich als die höchsten Naturwerke von Menschen nach wahren und natürlichen Gesetzen hervorgebracht worden: „alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen; da ist die Notwendigkeit, da ist Gott" (24, 396). Natur und Kunst sind für ihn im Grunde nur verschiedene Aeußerungen der einen und selben durch die Welt waltenden Schöpferkraft. Diese entwickelt und entfaltet sich von unten auf zu immer höheren und vollkommeneren Stufen von Gebilden, und auf jeder derselben wird eine Vielheit von Elementen, von denen jedes an und für sich seinen eigenen „wilden, wüsten Gang zu nehmen den Trieb hat", zur gegliederten Einheit zusammengefaßt. Die schaffende Kraft arbeitet so in der Natur dem Menschen vor, indem sie dem Gestaltlosen ein gestaltetes Leben entgegensetzt, dessen Wahrnehmung und Darstellung seitens des Menschen dann in der Tat das Höchste ist, „was dem Gedanken gelingt".) Das Menschenwesen selbst ist die Krönung dieser Stufenreihe, und innerhalb seiner kommt nun das schon erwähnte Gesetz der Steigerung in besonders bedeutsamer Weise zur Geltung. Der Mensch, der auf den Gipfel der Natur gestellt ist, „sieht sich wieder als eine ganze Natur an, die in sich abermals einen Gipfel hervorzubringen hat", in den geistigen Vollkommenheiten und Tugenden, und namentlich auch in der Schaffung des Kunstwerks. So war in dem olympischen Jupiter „der Gott zum Menschen geworden, um den Menschen zum Gott zu erheben" (28, 203). Das Naturwirken, nachdem es sich stufenweise bis zum Menschen gesteigert hat, geht auch auf dieser seiner höchsten Stufe wieder über sich hinaus, indem es aus dem Menschen den Künstler und aus diesem den idealisierten Naturtypus, das Kunstwerk, hervorbringt. So erscheint die künstlerische Produktion als die Steigerung des Zeugungsaktes vom „Animalischen" (2, 190) zum Geistigen.

6. Die weitere theoretische Anwendung und Durchführung seiner allgemeinen Auffassung vom Wesen des Naturwirkens liegt nun bei Goethe in seiner Ansicht vom Wesen des Organismus. Sie führt hier in die Richtung derjenigen Betrachtungsweise hinüber, die schon Aristoteles durch seinen Begriff der Form als des in der Materie wirkenden gattungsmäßigen Bildungs- und Entwicklungsprinzips angebahnt hatte, und die in seinem eigenen Zeitalter von K. G. Carus u. a. erneuert wurde. Die äußere Erscheinung wird, ihr zufolge, von einem inneren Bildungsprinzip beherrscht. In ihm liegt „die Entelechie, die nichts aufnimmt, ohne sich's durch eigene Zutat anzueignen" (19, 81); es ist „das Leben, die rotierende Bewegung der Monas um sich selbst" (St. I, 177) und als solche dasjenige, wodurch jedes einzelne Wesen an dem unendlichen Weltleben teilnimmt. Es ist nicht direkt sinnlich, sondern nur durch geistige Anschauung zu erfassen. In dieser Grundbestimmung vom Wesen des Organischen liegt der Zusatz von Metaphysik, den Goethe seiner Lehre von den Urphänomenen unterzulegen nicht umhin kann. Die unendliche (göttliche) Kraft des Ganzen, die in jeder einzelnen Gattung sich besonders zum Ausdruck bringt, wirkt in dieser als Bildungstrieb. Sie waltet darin als eine vorausliegende Tätigkeit, und zwar in jeder auf der Unterlage eines „schicklichen Elements, worauf sie wirken konnte", wobei wir „zuletzt diese Tätigkeit mit dieser Unterlage als immerfort zusammen bestehend und ewig gleichzeitig vorhanden denken müssen" (34, 101). Der Begriff des Bildungstriebes als dessen, was hinter der in der Urform sich bekundenden Erscheinung liegt, ist freilich nur „das anthropomorphisierte Wort des Rätsels" (ebd. 100). Er besagt schließlich nur, daß die Idee nicht bloß als ein Anschauliches gegeben ist, sondern zugleich als ein Wirkendes. Die konkrete Wirksamkeit des organischen Bildungstriebes bestimmt nun aber Goethe im Unterschied von den bisherigen Theorien derselben vermittelst seines Begriffs der Metamorphose. Nach der einen jener Theorien, der sogenannten Einschachtelungslehre, sind alle tjlieder eines bestimmten Organismus als solche, sowie auch schon in ihrem gegenseitigen Verhältnis zu einander im Keime selbst bereits ihrerseits keimhaft vorhanden, und im Wachstum des Ganzen wird somit das darin vom Keime her gleichsam bereits Eingezeichnete nur „ausgewickelt". Dieser Ansicht gegenüber hatte nun die genauere Beobachtung und Untersuchung des Tatsächlichen im Wachstum der Organismen, insbesondere der Pflanzen, schon bei C. F. Wolff zu einer Auffassung der organischen Entwickelung geführt, welche das Gesetzmäßige derselben nicht in einer Art von Entfaltung eines bereits Vorhandenen, sondern in der genetischen Hervorbildung komplizierter Organe aus einfachen und primitiven erblickte, in der stufenweise erfolgenden Fort- und Umbildung bestimmter Grundformen. Die endgültige Gestaltung eines Organismus sollte sich aus einer in seinem Wesen liegenden Richtung des Bildungstriebes unter Mitwirkung äußerer Agentien, wie Licht, Wärme, Nahrung gesetzmäßig begreifen lassen. Nicht „Präformation" sondern „Epigenese^' sollte für die Entwickelung der Organismen den Ausschlag geben. Goethe seinerseits schließt sich an das durch den letzteren Begriff Bezeichnete an, will diesen aber ergänzt haben durch den Gedanken einer „Prädelineation" oder „Prädetermination" d. h. einer stufenweise vor sich gehenden Hervorbildung neuer Organe aus schon vorhandenen, wie es sich z. B. bei der Pflanze darin kundgibt, daß die später entwickelten Bestandteile (Kelchblätter, Blüte, Frucht u. a.) sich als Umformungen eines Grundorgans, nämlich des Blattes mit dem Knoten, aufweisen lassen. Der Begriff der Metamorphose, den er zur Bezeichnung dieser seiner Modifikation der früheren Ansicht verwendet, bestimmt sonach das Wesentliche und Gesetzmäßige in dem Aufbau des Organischen dahin, daß unter dem Zusammenwirken einerseits der durch den spezifischen Bildungstrieb gegebenen Richtung und andererseits der Einflüsse von außen die aus dem Keim nach und nach entwickelten Organe sich als Umformungen einer bestimmten primitiven Formation erkennen lassen und zwar so, daß in jenen unbeschadet ihrer größeren Vollkommenheit und Kompliziertheit doch das Charakteristische in Wesen und Form des Primitiven immer wieder heraustritt. Das Verständnis eines Organischen erschließt sich daher immer nur aus der Betrachtung der Art und Weise seiner Entwickelung und aus dem Blick für das über dieser von vornherein waltende spezifische Bildungsgesetz.

„Werdend betrachte sie nun, wie nach und nach sich die Pflanze
Stufenweise geführt, bildet zu Blüten und Frucht!...
Einfach schlief in dem Samen die Kraft; ein beginnendes Vorbild
Lag, verschlossen in sich, unter die Hülle gebeugt' (2, 228).

„Bei Betrachtung der Pflanze wird ein lebendiger Punkt angenommen, der ewig seinesgleichen hervorbringt. Und zwar tut er es bei den geringsten Pflanzen durch Wiederholung ebendesselbigen; ferner bei den vollkommeneren durch progressive Ausbildung und Umbildung eines Grundorgans in immer vollkommenere und wirksamere Organe, um zuletzt den höchsten Punkt organischer Tätigkeit (nämlich Absonderung neuer Individuen) hervorzubringen." In diesem Einhalten einer bestimmten Richtung und eines Zielpunktes der Umformung liegt für Goethe auch die wahre Zweckmäßigkeit der Organismen. Sie besteht lediglich darin, daß jedes organische Gebilde die Bestimmung zur Ausbildung und Verwirklichung seiner gattungsmäßigen Formation und der dadurch bedingten Fähigkeiten von Haus aus in sich trägt.

Es ist die Teleologie, wie sie Lessing und Herder in Bezug auf die Entwickelung des Menschengeschlechts zur Geltung brachten, übertragen auf die Betrachtung der organischen Naturgebilde als solcher. Kein Teil des Organischen ist, von innen betrachtet, „unnütz, oder wie man sich manchmal vorstellt, durch den Bildungstrieb gleichsam willkürlich hervorgebracht, obgleich Teile nach außen zu unnütz erscheinen können, weil der innere Zusammenhang der tierischen Natur sie so gestaltete, ohne sich um die äußeren Verhältnisse zu bekümmern". Das Rind z. B. hat seine 'Hörner nicht bekommen, um damit zu stoßen, sondern die Frage ist, wie es, zufolge seines organischen Bildungsgesetzes „Hörner haben könne, um damit zu stoßen" (33, 195 f.). 

In diesem organischen Bildungsgesetz, dem inneren Zusammenhange, der, unbeschadet der Wirkung äußerer Einflüsse, die Gestaltung und das Wechselverhältnis der Teile im Organischen bestimmt, liegt die Idee seiner Gattung als dasjenige, durch dessen Erfassen ihre empirische Kenntnis erst wirklich und vollständig wird. Die Erfahrung läßt die gemeinsamen Teile und deren Verschiedenheiten heraustreten; über dem Ganzen aber muß „die Idee walten und auf eine genetische Weise das allgemeine Bild abziehen". Zur Beachtung des Neben einanders der Teile kommt hierbei die ihrer Bedingtheit untereinander und dessen, was diese selbst für die Formation des organischen Ganzen bedeutet (ebd. 191 f. 264). Denn ein Lebendiges ist „kein Einzelnes, sondern eine Mehrheit . . . von lebendigen selbständigen Wesen, die der Idee, der Anlage nach gleich sind, in der Erscheinung aber gleich oder ähnlich, ungleich oder unähnlich werden können" (33, 8), — eine Anschauung, die, wie man unschwer sieht, der modernen Theorie von Wesen und Bedeutung der Zelle vorausdeutet. Daher in der organischen Natur das „große Geheimnis", daß nichts entspringt, als was schon angedeutet ist, und daß die Ankündigung erst durch das Angekündigte klar wird, wie die Weissagung durch die Erfüllung (19, 207). Von hier aus fällt wieder ein bestimmteres Licht auf die Vorstellung vom Urphänomen : indem wir (in der vergleichenden Anatomie) nahe oder fern verwandte Naturen betrachten, erheben wir uns über sie alle, um ihre Eigenschaften in einem idealen Bilde zu erblicken, welches der Aufmerksamkeit beim Beobachten eine bestimmte Richtung gibt (28, 14 f.). Während in der unorganischen Natur die Wirkung der Teile eines Ganzen durch kein ihnen entgegenkommendes inneres Wirkungsgesetz bestimmt ist, gewähren die Organismen den aufgenommenen Teilen „etwas Vorzügliches und Eigenes, indem sie manches mit manchem auf das Innigste vereinen und so den Gliedern, zu denen sie sich hervorbilden, eine das mannigfaltigste Leben bezeugende Form verleihen, die wenn sie zerstört ist, aus den Ueberresten nicht wieder hergestellt werden kann" (St I, 338). Seine sinnliche Wirklichkeit erhält der Organismus vermöge dieser im Innern waltenden „Entelechie", deren Resultat, das sinnlich-wirkliche Ganze dann aber den Einflüssen der Umgebung unterliegt und daher nie vollständig dem inneren Wesen entsprechend erscheint. Je mehr aber die sinnliche, räumlich-zeitliche Zusammensetzung und Funktion eines bestimmten Organismus seinem intuitiv vorstellbaren Idealbilde entspricht, um so vollkommener ist er.

7. Was demnach so die organisch zusammenschauende Vernunft, im Unterschiede von dem nur summierenden Verstand (19, 219) als eigentliches Resultat der vollständigen Erfahrung hinstellt, wird sich an dem konkreten Gattungsgebilde aufweisen lassen in einer bestimmten typischen Art, wie die Teile sich räumlich und zeitlich zu einander verhalten. So erscheint als die allgemeinste Darstellung des tierischen Typus seine Geschiedenheit in drei Hauptabteilungen, Haupt, Mittel- und Hinterteil, an denen man (die Hilfsorgane „unter verschiedenen Umständen befestigt findet". Das Haupt, das vorn liegt, enthält die Sinneswerkzeuge und das Gehirn; das Mittelteil hat die Organe des inneren Lebensantriebes und einer immer fortdauernden Bewegung nach außen, das Dritte endlich die Organe der Ernährung und Fortpflanzung. Durch diese Art des Typus ist „der Bildungskreis der Natur zwar eingeschränkt, dabei jedoch, wegen der Menge der Teile und wegen der vielfachen Modifikabilität, die Veränderungen der Gestalt ins Unendliche möglich" (33, 193 f.). Aber auch bei diesen Modifikationen verfährt die Natur nach einem bestimmten Prinzip. Sie hat sich gleichsam „einen Etat, ein Budget vorgeschrieben . . ., indem, wenn von der einen Seite zu viel ausgegeben worden, sie es der anderen abzieht und auf die entschiedenste Weise sich ins Gleiche stellt" (34, 168). Es kann z. B. ein bestimmter Knochen in einer Gattung mit einem anderen zusammenwachsen, der wegen besonderer Umstände mehr Material braucht, als bei regelmäßiger Bildung der Fall gewesen wäre (33, 210). Oder die Natur hat sich gelegentlich „vorbehalten, die Knochenmasse dorthin zu bringen, wo bei anderen nur Sehnen und Muskeln sich befinden" (ebd. 205). Die Veränderlichkeit des Knochens ist bedingt durch seine Bestimmung angesichts der Verhältnisse, worunter die betreffende Gattung zu leben hat; im Wesentlichen aber ist das Ganze des Knochensystems und seine Differenzierung in eine bestimmte Anzahl in der Idee des Tieres begründet (St. I. 258). Und dasselbe gilt von der Variation der einzelnen Knochen in den Gattungen. Daß der Löwe keine Hörner hat, beruht darauf, daß die Natur die hier verfügbare Masse auf die vollständigere Ausbildung seiner Zähne verwendet. Auf dem durch dieses Beispiel erläuterten Grundverhalten der Natur beruht es, daß der Typus bei aller Versatilität sich doch immer als derselbe behauptet. Der Körper der Schlange ist gleichsam unendlich, „und er kann es deswegen sein, weil er weder Materie noch Kraft auf Hilfsorgane zu verwenden hat. Sobald nun diese in einer anderen Bildung hervortreten, wie z. B. bei der Eidechse nur kurze Arme und Füße her|vorgebracht werden, so muß die unbedingte Länge sogleich sich zusammenziehen und ein kürzerer Körper stattfinden". Die Zweckmäßigkeit einer Tiergattung beruht also nicht darauf, daß diese den äußeren Umständen von vornherein angepaßt ist, sondern daß die Einwirkung des Aeußeren den Bildungstrieb nötigt, die Ausgiebigkeit der Bildung auf verschiedene Hauptteile desselben verschieden zu verteilen. Was z. B. bei dem Fisch auf das Fleisch gewendet wird bleibt bei dem Vogel, bei dem die Aufschwemmung des Rumpfes durch Wasser hinwegfällt, für die Federn übrig (33, 196 f.). Aus alledem endlich ergibt sich: „Eine innere und ursprüngliche Gemeinschaft aller Organisation liegt zum Grunde; die Verschiedenheit der Gestalten dagegen entspringt aus den notwendigen Beziehungsverhältnissen zur Außenwelt, und man darf daher eine ursprüngliche, gleichzeitige Verschiedenheit und eine unaufhaltsam fortschreitende Umbildung mit Recht annehmen, um die ebenso konstanten als abweichenden Erscheinungen begreifen zu können". Die Spezies innerhalb eines allgemeinen Gattungstypus erklaren sich aus der Elastizität desselben, innerhalb dessen die Natur beliebig spielen kann, je nach der Verschiedenheit der läußeren Umstände (ebd. 205. 307). Die Ueberlegenheit des Menschen endlich über die anderen tierischen Lebewesen beruht darauf, daß die Verteilung der Bildungskraft auf die verschiedenen Organe hier am vollkommensten ist.

8. Die Idee bekundet sich nach alledem als ein im Organischen waltendes Entwicklungsgesetz, das, obgleich unsichtbar wirkend, doch nach Analogie des sinnlich Anschaulichen vorgestellt werden kann und sich hinsichtlich der Vollkommenheit seiner sichtbaren Resultate mit den Einflüssen der Umgebung in Ausgleichung zu setzen hat. Eine systematische Durchführung dieses Grundgedankens innerhalb eines bestimmten Gebietes gab nun Goethe in der schon erwähnten Lehre von der Metamorphose der Pflanze. Der Begriff derselben und zugleich der erste eingehende Versuch, ihr Gesetz aufzuzeigen, stammt von Linne, der in den vier Gewebsarten der Pflanze (Rinde, Bast, Holz und Mark) diejenigen Bestandteile erblickte, die sich nachher in den Kelch, die Blumenkrone, die Staubfäden und die Pistille verwandelten. Doch war bei ihm eine entwicklungsgeschichtliche Idee im wirklichen Sinne dabei nicht vorhanden, sondern es waltet im Wesentlichen der Gesichtspunkt, in dem Prozeß des Pflanzenwachstums eine Analogie zu der „Metamorphose" der Insekten aufzuzeigen. Anders war es bei C. F. Wolff, dessen Goethe als seines Vorgängers gern gedenkt, und dessen genetische Methode der seinigen in der modernen Entwickelung der Botanik wieder den Rang abgelaufen hat. Wolff fand an der Hand mikroskopischer Untersuchungen, daß die ersten Anfänge aller Seitenorgane der Pflanze tatsächlich gleich seien und die Verschiedenheiten erst später sich ausbilden. Er erkannte auf diese Weise in dem Kelch, der Blumenkrone, den Staubgefäßen, dem Stempel und dem Samen umgewandelte Blätter. Allerdings glaubte er in diesen Umwandlungen irrtümlicherweise nicht eigentlich Fortbildungen des Ursprünglichen, als vielmehr eine Art von Rückbildung oder unvollkommener Ausbildung des Blattes erblicken zu sollen, zufolge der Annahme, daß die Lebenskraft im Verlauf des Wachstums stetig abnehme, um endlich zu verschwinden. Goethe dagegen sah von vornherein, daß es hierbei darauf ankomme, ein positives Gesetz der Umwandlung aufzufinden, kraft dessen das primitive Ergebnis des pflanzlichen Lebenstriebes, das Blatt mit dem Knoten, einem Prozeß der fortgehenden Vervollkommnung und Verfeinerung unterliege, demzufolge sich die Reihe der genannten anderweitigen Pflanzenorgane herausbilden müsse. Diese Herausbildung stellte sich ihm dar als ein gesetzmäßiger Wechsel zwischen Ausdehnung und Zusammenziehung des Grundorgans, der zugleich eine zunehmende Potenzierung in dessen Wesen und Leistungen aufweise. Schon im Samenkorn liegt, wie das Gedicht von der Metamorphose der Pflanze sagt, „ein beginnendes Vorbild, Blatt und Wurzel und Keim, nur halb geformet und farblos". Aus ihm entfalten sich die ersten Organe, die sogenannten Kotyledonen, aus deren Wachstum sich im weiteren Verlauf der Stengelentwickelung Knoten auf Knoten herausbildet. An jedem derselben findet sich ein Blatt, das dann unter der Einwirkung von Luft und Licht sich stetig weiter entwickelt und an der Hand des die Bildung des Blattypus überhaupt lenkenden genetischen Lebensgesetzes der Pflanze verfeinert. Dies geschieht dadurch, daß die Natur in der zweiten Periode des Pflanzenwachstums, bei der Bildung der Fortpflanzungsorgane „mehrere Blätter und folglich mehrere Knoten, welche sie sonst nacheinander und in einiger Entfernung voneinander hervorgebracht hätte, zusammen, meist in einer gewissen bestimmten Zahl und Ordnung um einen Mittelpunkt verbindet" (Met. d. Pfl. § 38) und sie in dieser Weise einer wiederholten sukzessiven Zusammenziehung und Ausdehnung unterwirft. Auf eine erste Ausdehnung als Laubblatt folgt eine erste Zusammenziehung als Kelchblatt; sodann auf eine zweite Ausdehnung als Kronenblatt eine zweite Zusammenziehung als Staubblatt; endlich auf eine dritte Ausdehnung als Fruchtblatt eine dritte Zusammenziehung als Samenhülle. Gemäß dieser Anschauung sind, was die einzelnen Teile betrifft, die Seitenzweige, die aus den Knoten der Pflanze entspringen, als besondere Pflänzchen zu betrachten, welche ebenso auf dem Mutterkörper stehen, wie dieser an der Erde befestigt ist. Die Frucht ist ,,die letzte und größte Ausdehnung, welche die Pflanze in ihrem Wachstum vornimmt" (§ 81). Auch an ihr läßt sich die Blattgestalt nicht verkennen. „So wäre z. B. die Hülse ein einfaches, zusammengeschlagenes, an seinen Rändern verwachsenes Blatt, die Schoten würden aus mehr übereinander gewachsenen Blättern bestehen, die zusammengesetzten Gehäuse erklärten sich aus mehreren Blättern, welche sich um einen Mittelpunkt vereinigt, ihr Innerstes gegeneinander aufgeschlossen und ihre Ränder miteinander verbunden hätten" (§ 78). Die Verwandtschaft der Frucht mit dem Blatt zeigt sich auch vielfach in der „rückschreitenden Metamorphose", der zufolge z. B. bei Nelken sich oft Samenkapseln wieder in Kelchblätter verwandeln (§ 75). Der Same endlich befindet sich im höchsten Grade von Zusammenziehung und Ausbildung seines Innern. Er ist im Wesentlichen dasselbe, wie die Knospe, nur daß er sich selbst im Erdboden, diese dagegen schon auf der Mutterpflanze selbst zur eigentlichen Pflanze entwickelt. Die sogenannten Nektarien mancher Pflanzen sind aufzufassen als langsame Uebergänge von den Kronenblättern zu den Staubgefäßen.

Zu alledem ist nun aber festzustellen, daß die Alternative von Ausdehnung und Zusammenziehung nicht die Ursache der Metamorphose darstellt, sondern nur ihre Erscheinung. Der Goethesche Begriff der Metamorphose bedeutet nicht mehr, wie bei Linne, die mechanische Umwandlung bestimmter Pflanzenteile oder, wie bei Wolff, der einen Blattart in die andere; erstellt vielmehr den damit bezeichneten Gedanken auf ein ganz anderes Prinzip. Goethe versteht unter Metamorphose die zufolge dem innewaltenden Entwickelungsgesetz auf jeder Stufe neu auftretende Formation des Grundtypus (des gegenwärtig sogenannten Blattorgans). An der Hand des Gesetzes der Alternative von Ausdehnung und Zusammenziehung steigt der Grundtypus wie auf einer „geistigen Leiter" stufenweise zu immer komplizierteren und verfeinerten Bildungen, bis hinauf zu den Fortpflanzungsvorgängen, heran (33, 18). Allerdings weist Goethe gleich am Eingang seiner Schrift über die Metamorphose der Pflanze auf die bekannte Erscheinung hin, wonach, wenn aus der einfachen Blume eine gefüllte wird, sich anstatt der Staubfäden und Staubbeutel Blumenblätter entwickeln. Er entnimmt aber aus jener Möglichkeit, in der anormalen Metamorphose „die Ordnung des Wachstums umzukehren", eben den Fingerzeig für die Berechtigung, das Grundorgan, das sich zufolge der inneren Gesetzmäßigkeit des Wachstums sukzessiv in verschieden gestalteten Bildungen darstellt, als „Blatt" zu bezeichnen (ebd. 17), und zwar, nicht ohne beim Abschluß des Ganzen (ebd. 53 § 120) hinzuzufügen, es sei eigentlich ein „allgemeines Wort" erforderlich, „wodurch wir dieses in so verschiedene Gestalten metamorphosierte Organ bezeichnen und alle Erscheinungen seiner Gestalt damit vergleichen könnten . . . Denn wir können ebensogut sagen, ein Staubwerkzeug sei ein zusammengezogenes Blumenblatt, als wir von dem Blumenblatte sagen können, es sei ein Staubgefäß im Zustand der Ausdehnung" usw. Der Grundgedanke der ganzen Theorie ist von vornherein kein mechanischer, sondern ein dynamischer und Goethe ist sich dessen vollkommen bewußt. Wenn er z. B. (33, 28) darauf hinweist, daß die Kelchbildung auf nach und nach entstehenden verfeinerten Saften beruht, fügt er hinzu: „Es wird uns dieses schon glaublich, wenn wir seine Wirkung auch bloß mechanisch erklären" (nämlich aus der durch Zusammendrängung der Gefäße bedingten Feinheit der Filtration). Wie in jeder Organisation, so waltet nach seiner Ansicht auch in der Pflanze bei der normalen Entwickelung ein Zentrum in Gestalt einer Richtung gebenden Kraft für die verschiedenen Bestandteile und die Art ihrer Wirkung;, und auch abnorme Bildungen sind hierauf zurückzuführen: sie entstehen da, wo dieses Zentrum seine Herrschaft über die Teile verloren hat und diese daher sich nicht mehr in der normalen Anpassung an die Leistungen der übrigen fortbilden. Die Mechanik des Pflanzenlebens ruht für Goethe auf der dynamischen Wirkung der in der pflanzlichen „Entelechie" waltenden Entwickelungsgesetzes ; diesem gemäß gestalten sich die verschiedenen Bildungen im Wachstumsprozeß der Pflanze an der Hand von Ausdehnung und Zusammenziehung zeitlich nacheinander, aber „gleichsam" auseinander (33, 17 § 4). Besonders deutlich tritt dies hervor in der Art wie die Befruchtung behandelt wird. Sie soll im letzten Grunde darauf beruhen, daß bei den vollkommenen Pflanzen die anfängliche, lediglich sprossende Fortsetzung nicht ins Unendliche fortgehen kann, sondern sich umbilden muß und so in Stufen zu einem Gipfel führt und am Ende dieses Wegs eine andere Art der Fortpflanzung, nämlich die durch Samen hervorbringt. An die Stelle der sukzessiven Fortpflanzung, welche das Wachsen oder Sprossen darstellt, tritt hier (im Blüten- und Fruchtstand) die simultane; es sind aber immer dieselben Organe, die in vielfältigen Bestimmungen und unter oft veränderten Gestalten die Vorschrift der Natur erfüllen (ebd. 52 f.). Als die „langsamen Uebergänge" von den Kelchblättern zu den Staubgefäßen wollte Goethe die sogenannten Nektarien betrachtet wissen (31). Die geschlechtlichen Teile der Pflanze sollen aus Spiralgefäßen bestehen, die inmitten der Saftgefäßbündel liegen und von ihnen umschlossen werden, wodurch wieder eine starke Zusammenziehung bedingt ist, so daß „alle Ursachen, wodurch Stengel-, Kelch- und Blumenblätter sich in die Breite ausgedehnt haben, hier völlig wegfallen; es entsteht ein schwacher, höchst einfacher Faden" (34). Der weibliche Teil (der Griffel) ist so wenig wie der männliche ein besonderes Organ; er wird wie dieser durch Zusammenziehung hervorgebracht (36). Daß nun freilich durch diese Einbeziehung der pflanzlichen Sexualorgane in das typische Gesetz der Entwickelung der Befruchtungsvorgang selbst noch nicht ausreichend erklärt sei, konnte sich Goethe keineswegs verhehlen. Er bescheidet sich hier ausdrücklich damit, die Begriffe des Wachstums und der Zeugung „wenigstens einen Augenblick einander näher gerückt zu haben", und sucht noch einen Schritt weiter in dieser Richtung zu kommen durch Heranziehung des Begriffs der Anastomose d. h. der Zusammenmündung oder Vereinigung mehrerer Gefäßäste zur Bildung eines neuen organischen Bestandteils. Staubblätter und Stempel, die zartesten Formen,

„zwiefach streben sie vor, sich zu vereinen bestimmt (2, 229). 

Der Samenstaub, der aus diesem Stadium höchster Kontraktion der Gefäße sich entwickelt, ersetzt durch seine intensive Tätigkeit das, was den Gefäßen, die ihn hervorbringen, an Ausdehnung entzogen ist, indem er sich fest an die weiblichen Teile anhängt und „seine Einflüsse ihnen mitteilt" (35). Wie schon diese letzten Worte erkennen lassen, wird auch hier der mechanische Vorgang sogleich ins Dynamische übersetzt: die durch die bezeichneten Vorgänge herbeigeführte Verbindung der beiden Geschlechter wird (ebd.) eine „geistige Anastomose" genannt, ganz analog der Art, wie anderweitig (52 § 113) die Wirkung der verfeinerten Säfte im Blütenstande sich einmal als die Wirkung „geistigerer Kräfte" bezeichnet findet. Die einheitliche organische Kraft, welche von Knoten zu Knoten das Wachstum der Pflanze bedingt, erscheint in den beiden Geschlechtern geteilt und vollzieht im Befruchtungsvorgang eine neue Vereinigung auf höherer Stufe. Seinen Abschluß endlich erhält der dynamische Charakter des ganzen Prozesses bei Goethe dadurch, daß er in Beziehung gesetzt wird zu dem schon erwähnten allgemeinen Naturgesetz von der Gegenwirkung der Polaritäten. Der Trieb zur Metamorphose als vis centrifuga wirkt Hand in Hand mit der entgegengesetzten Tendenz, die als vis centripeta im Spezifikationstrieb sich hervortut, d. h. als das zähe Beharrlichkeitsvermögen dessen, was einmal zur Wirklichkeit gekommen ist, und dem im tiefsten Grunde keine Aeußerlichkeit etwas anhaben kann (34, 102). 

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