> Gedichte und Zitate für alle: Herman Siebeck: Goethe als Denker- 2. Kapitel Seite 4

2019-11-08

Herman Siebeck: Goethe als Denker- 2. Kapitel Seite 4



11. Aber auch abgesehen von diesem noch umstrittenem Punkte hat die Naturwissenschaft Goethes Anregungen manches Wesentliche zu verdanken. Sie hat betreffs der Pflanzen das Gesetz von der Identität der Seitenorgane, der Gleichwertigkeit der Blätter- und Blütenteile sich zu eigen gemacht und die darauf bezüglichen Erörterungen überhaupt als eins der ersten Beispiele rein morphologischer Untersuchung zu würdigen gewußt, ebenso wie die Idee des sich verändernden Grundtypus als leitenden Gesichtspunkt für die vergleichende Anatomie der Tiere. Auf der Seite geblieben ist seine Lehre von der fortschreitenden Verfeinerung der Säfte im Pflanzenleben, und die Art, wie er hier für die Idee der Metamorphose teilweise das Vorkommen von Mißbildungen zu verwerten suchte. An die Stelle seiner vergleichenden Methode ist das Studium der Entwicklungsgeschichte getreten, die namentlich auch innerhalb des Tierreichs betreffs der Entwickelung der Schädelknochen zu genaueren Ansichten (insbesondere hinsichtlich ihres Verhältnisses zu den Rippen), geführt hat und namentlich auch zu der Ein-« sieht, daß der Schädel nicht erst nachträglich aus dem Verwachsen ursprünglich getrennter Knochen sich bildet (St. I, 318). Die moderne Erkenntnis endlich des Zellenlebens hat den von Goethe u. a. gemachten Anfängen der Entwickelungslehre erst ihre eigentliche Grundlage geschaffen und von hier aus das, was er selbst zur Erklärung des Wachstums, der Ernährung und Befruchtung zu sagen wußte, weit überholen können. Besonders überlegen aber ist die neuere Naturwissenschaft dem naturforschenden Dichter hinsichtlich der Klarheit in der Handhabung der Methode. Mit der Vorstellung des „Typus", der als form- und normgebende Idee einer Gattung sich zur Geltung bringt, ist (ebenso wie mit der dem Organismus innewohnenden Zweckmäßigkeit) zunächst ein heuristischer Gesichtspunkt gegeben, d. h. ein solcher, welcher der spezialwissenschaftlichen Forschung einen bestimmten Punkt bezeichnet, auf den ihre Arbeit sich zu richten hat. Und diese Arbeit kann in nichts anderem bestehen, als in der Aufzeigung des Zusammenhangs der Kausalvorgänge, vermittelst deren die „typische" Beschaffenheit einer Gattung organischer Wesen sich als ein bestimmter Faden der Entwickelung im Komplex des Naturganzen zur Verwirklichung bringt. Es gilt zu zeigen, wie die mit dem Typus schon vom Keime her gegebene Auswahl und Zusammenordnung von Stoffen und Kräften dann auch das naturgemäße („mechanische") Weiter- und Gegeneinanderwirken jener Elemente bedingt und wie sonach die gattungsmäßige Ausgestaltung eines Organismus durch die ses, sowie außerdem durch die Ausgleichung der innermechanischen Wirkungen mit den von außen her dazutretenden Einflüssen bestimmt und „gelenkt" wird. Die durch den Typus gezogenen Grenzen werden sich dabei immer wieder zur Geltung bringen, nicht deshalb zwar, weil der Typus selbst wie ein unsichtbares mechanisches Agens, gleichsam als Grenzwächter sporadisch beschränkend eingriffe, wohl aber, weil die Zahl der Variationsmöglichkeiten schon von der „typischen" Organisation des Keimes her schließlich immer eine irgendwie begrenzte sein muß. Diesen methodologischen Gesichtspunkt hat sich Goethe nicht in ganzer Deutlichkeit präsent gehalten. Er weist im Einzelnen gelegentlich gern darauf hin, daß die Umformung eines Pflanzenteils in den andern auch „bloß mechanisch" (33, 28) sich auffassen lasse. Er kann anderwärts nicht umhin, die Aufweisung bestimmter mechanischer Faktoren, welche die Umformung des „Urstiers" von einer „untergegangenen Stammrasse"zu dem heute vorhandenen Rinde bedingt haben mögen, „seiner Ueberzeugung gemäß zu finden" (33, 281. 283). In der Hauptsache aber hat er sein Genüge daran, daß eine Vergleichung der nacheinander auftretenden Formen, wie sie als fertige dastehen, das Hindurchwirken der einheitlichen Idee oder des Typus an den Tag legt, und er hat deshalb wenig Interesse, den biologisch-mechanischen Uebergangsbedingungen im Einzelnen nachzuspüren. Dem Grundgedanken der heutigen Deszendenztheorie (im Unterschied von dem allgemeineren, schon von jeher vorhandenen Gedanken der „Evolution" im Sinne einer stufenweise ansteigenden Reihe von Gattungen) würde Goethe

nicht prinzipiell ablehnend gegenüberstehen. Hinsichtlich des Wesentlichen im entwicklungsgeschichtlichen Sachverhalt aber würde für ihn gegenüber der „geistigen Leiter" in der Entwickelung der Gattungen von Lebewesen, also gegenüber der im Typus als solchen liegenden normgebenden Triebkraft die Tatsache der physiologischen Deszendenz nur ein sekundäres Moment bedeuten. Da nun aber die in diesem Sinne sekundären Faktoren doch sich oft genug der Erkenntnis aufdrängen und, wie z. B. bei der Betrachtung der Befruchtungsorgane vermittelst des Begriffs der Anastomose als unausweichlich erweisen, so kommt in seine Methode ein schwankendes Verhalten. Er ist immer geneigt, die Herbeiziehung der Idee oder des Typus in methodischer Hinsicht selbst noch als naturwissenschaftlich unentbehrliches Verfahren anzusehen. Er erkennt nicht deutlich genug, daß eine solche Herbeiziehung des dynamischen Gesichtspunktes in der Einzelerklärung die mechanische Untersuchung im Grunde entbehrlich macht, und daß andererseits, wo man auf diese sich einzulassen in der Lage ist, sich die Notwendigkeit einstellt, in methodischer Beziehung so vorzugehen, als gäbe es überhaupt keine Wirksamkeit der „Idee".

Abgesehen von diesem methodologischen Gesichtspunkt liegt nun aber in den positiven Resultaten der Goetheschen Naturforschung im Gebiete des Organischen wieder einmal der wertvolle Beweis für die Tatsache, daß für die Errungenschaften der wissenschaftlichen Forschung neben dem beobachtenden Verstande auch das künstlerische Vermögen, die Phantasie maßgebende Bedeutung besitzt. Schon im Altertum hatte sich dies namentlich bei Aristoteles gezeigt. Hier hatte der ästhetische Sinn in der Betrachtung des Naturzusammenhangs dazu geführt, Wesen und Begriff des Organischen  in greifbarer Unterschiedenheit heraustreten zu lassen. Ferner bei Beginn der Neuzeit, als z. B. J. Kepler auf den Schultern von Kopernikus zunächst in mehr poetischer Konzeption ein Gesamtbild des Universums entwarf, das ihn dann, als er es im Einzelnen durch Rechnung verifizierte, auf die Entdeckung seiner astronomischen Gesetze führte. Zur Zeit Goethes war es namentlich Schelling, der an der Hand der neuen Entdeckungen über Magnetismus, Galvanismus u. a. in immer neuen Entwürfen eine poetisch - philosophische Gesamtansicht der Natur durchzuführen versuchte, womit er freilich, bei dem weit übergreifenden Charakter seines naturphilosophischen Gesichtskreises, die exakte Forschung weniger in die Tiefe als in die Irre führte. Goethe dagegen, in seiner Beschränkung auf bestimmt abgegrenzte Probleme, gelang es, eine Ansicht, die seiner poetischen Weltauffassung ein Bedürfnis war,, auch vor dem Forum der Wissenschaft zu beglaubigen, wenn auch für die kommende Zeit in noch höherem Maße, als es zur Zeit ihres Hervortretens der Fall war.

12. Weniger erfolgreich zeigt sich das Ergebnis hinsichtlich dessen, was Goethe im Gebiete des rein Physikalischen zu leisten versuchte, obwohl nach dieser Seite bei ihm. Energie und Ausdauer des Unternehmens fast noch größer gewesen sind. Manches Einzelne hat auch hier noch seinen eigentümlichen Wert behalten oder noch neuerdings zur Anerkennung bringen dürfen. Der Widerspruch aber, in den er prinzipiell namentlich mit seiner Auffassung der optischen Phänomene sich zu den Grundlagen der neueren Physik stellte, hat sich weder zu seiner eigenen, noch in der Folgezeit durchzusetzen vermocht. In dem geologischen Streite der Neptunisten und Vulkanisten über die Entstehung der Erdoberfläche stand Goethe im Wesentlichen, zufolge seiner Vorliebe für allmählich und stetig vor sich gehende Naturwirkungen, auf selten der Ersteren und hat von "hier aus manche zutreffende Vorausdeutung gegeben; so namentlich den Hinweis auf die Existenz einer Eiszeit und die Bedeutung der Gletscher, ein Thema, das auch in den wissenschaftlichen Gesprächen der Wanderjahre anklingt. Die mit sorgfältiger Methode angestellten Versuche ferner über die Entstehung der Farbeempfindungen geben ein noch heute sehr beachtenswertes Material von physiologischen, psychologischen und namentlich auch (in der Lehre von der malerischen Wirkung der Farben) von ästhetischen Beobachtungen. Mit seinem Kampfruf aber gegen die auf Newton zurückgehende physikalische Begründung der Optik ist Goethe vonseiten der Naturforschung wohl für immer isoliert geblieben. Er hat gerade diese Ergebnisse seiner Geistesarbeit allezeit mit besonderer Leidenschaftlichkeit vertreten, hat seiner Verachtung der New'tonschen Theorie auch in animosen Epigrammen Ausdruck gegeben und für seine Ansicht als für die Sache der Wahrheit auch im persönlichen Verkehr immer wieder Anhänger, und zwar striktester Observanz, zu werben gesucht. Mit allen Fasern seines Wesens scheint er, je älter er wird, an der Tragweite seiner Methode und ihrer Resultate zu hängen und mitunter sogar sein poetisches Lebenswerk für minder bedeutsam zu halten. Das Motiv aber zu alledem liegt keineswegs in etwas Aeußerlichem oder Zufälligem; es fließt direkt aus dem Kern und Zentrum von Goethes Persönlichkeit. Es wirkt bei ihm hier dasselbe, was seiner Ansicht vom Wesen der Erkenntnis, sowie von dem der Natur und überhaupt seinem ganzen geistigen Fühlen und Schaffen zugrunde liegt, die Ueberzeugung, daß letzten Endes das Wirken in der Natur demselben Schaffenstriebe entquelle, wie das in der Kunst. Hieraus ergab sich ihm auch für das methodische Verfahren das Bestreben, auch in der Naturerklärung keine Voraussetzungen anzuerkennen, die der künstlerischen Anschauung und Auffassung derselben nichts zu sagen haben oder ihr wohl gar im Wege zu stehen schienen.

Die moderne physikalische Theorie der Farbe beruht auf der von Newton bewiesenen Annahme, daß der weiße Lichtstrahl aus einer Anzahl verschiedenfarbiger Lichter von ungleichen Brechungsexponenten besteht und daß seine Bestandteile durch Brechung (vermittelst des Prisma) getrennt, aber auch wieder zu dem ursprünglichen weißen Licht vereinigt werden können. Die Theorie Goethes geht aus von dem Gegensatz von Licht und Finsternis (Hell und Dunkel) und der Art, wie ihre Wirkung auf das normale menschliche Auge sich zur Geltung bringt. In der Mitte zwischen den beiden Extremen steht das Trübe, welches, sofern es als eine bestimmte Substanz (Wasser, Luft u. dgl.) auftritt, in seinen leichteren Formen mit dem Durchsichtigen identisch ist. Aus der direkten Mischung der beiden Gegensätze von Hell und Dunkel (Weiß und Schwarz) ergibt sich in erster Linie als Farbe das Grau, und es fragt sich nun, in welcher Weise die Mischung in Hinsicht der anderen Farben modifiziert gedacht werden muß. Die Entstehung nicht sowohl der Farben als der Farb-Empfindungen abgesehen von Schwarz, Weiß und Grau liegt für Goethe in dem Wesen schwachgetrübter physikalischer Substanzen oder Medien, wie Luft und Dünste, und deren Verhältnisse zu je einem Gliede des hier waltenden Grundgegensatzes von Licht und Finsternis. Eine durchsichtige Substanz erscheint blau, wenn sie vor einem dunkeln Hintergrund befindlich zugleich beleuchtet ist, wie die Luft bei Tage vor dem dunkeln Himmelsgrund blau gesehen wird. Wo man dagegen das getrübte? Mittel oder das Durchsichtige durch einen hellen Gegenstand hindurch erblickt, erscheint er gelb oder gelbrot, wie z. B. die Sonne beim Untergang, wo sie durch eine lange trübe Luftschicht gesehen wird. Durch die Trübung im Medium erhält das Licht etwas Körperliches, Schattiges, wie es zum Entstehen der Farbe erforderlich ist. Gelb und Blau sind hiernach die Grundfarben, auf deren Dasein das von Grün und Rot selbst erst beruht. Grün entsteht, wenn Gelb und Blau, in ihrem reinsten Zustand, vermischt sich das Gleichgewicht halten. Sie können aber auch jedes an sich selbst eine neue Erscheinung hervorbringen, indem sie sich verdichten oder verdunkeln. Sie erhalten dann ein rötliches Ansehen, das sich bis zum gänzlichen Zurücktreten des ursprünglichen Farbecharakters steigern kann (35, 86). Diese Theorie „bildet sich nicht ein, Farben aus dem Licht zu entwickeln". Für Goethe ist das Licht vielmehr das einfachste  unzerleglichste, homogenste Wesen, das wir kennen; es ist nicht zusammengesetzt. Dementsprechend kann das Problem der Farbe nur darauf gehen, zu zeigen, daß sie „von dem Licht und dem, was sich ihm entgegenstellt", hervorgebracht wird (35, XVII. 332). An den dioptrischen, durch Reflektion und Verrückung, namentlich unter Anwendung des Prisma entstehenden Farbeerscheinungen sucht Goethe durch eine Reihe wohlgeordneter Versuche zu zeigen, daß auch durch die Art und Weise, wie Rand und Fläche sich optisch zueinander verhalten, jene Grundgesetze für das Auftreten der natürlichen Farben sich bewahrheiten. Bei einem derselben ergibt sich z. B. Blau, „wenn das helle Bild in den dunkeln Rand hinüber", Gelb dagegen, wenn „der dunkle Rand über das helle Bild gleichsam hineingeführt wird" (35, 142). Newton habe übersehen, daß die Reflektion des Lichts nicht an sich Farbe hervorbringe, sondern daß sie dies nur tue, sofern sie (für das Auge) „auf ein Bild wirke und solches von der Stelle rücke". „Ein Bild entsteht nur durch Grenzen; diese Grenzen übersieht Newton, ja er leugnet ihren Einfluß (für das Auge). Wir aber schreiben dem Bild sowohl, als seiner Umgebung, der hellen Mitte sowohl als der dunkeln Grenze, der Tätigkeit sowohl als der Schranke in diesem Falle vollkommen gleiche Wirkung zu" (ebd. 333).

Als den äußeren Anlaß zu einem Widerspruch gegen Newton hat Goethe selbst gelegentlich die zufällige Tatsache hingestellt, daß bei Betrachtung einer weißen Wand durch das Prisma sich ihm diese nicht in der bekannten, durch letzteres bedingten Färbung darstellte, sondern nur da, wo ein Dunkles daran stieß, etwas von Farbe zeigte (36, 415 f.). Sein Widerspruch ferner gegen die Zusammensetzung und Zerlegbarkeit des weißen Lichts, stützte sich auf die (psychologische) Anschauung, daß das Wesen der Farbe in einer Trübung bestehe. Das Helle könne nicht aus Dunkelheit zusammengesetzt sein. „Die Farben werden an dem Licht erregt, nicht aus dem Lichte entwickelt" (35, XVII). Eine ganze Reihe innerer Ursachen zu jenem Widerspruch lag aber schon von jeher in Goethes Persönlichkeit selbst. Die physikalische Theorie gab zunächst keine Erklärung für dasjenige, woran dem Dichter, wenn es sich um Farbe handelte, in erster Linie gelegen war, für die malerische Wirkung. Sie verschaffte ihm insbesondere keine Unterlage für die Gesetze des Kolorits, wofür unter den Malern bisher wohl eine mehr oder weniger individuelle Praxis, aber keine gemeingültige Theorie bestand (35, 9. 304. 315 f.). Aber auch hiervon abgesehen ging die Newtonsche Lehre allem, was für Goethe zu dem Wesen einer normalen Erkenntnis gehörte, wider den Strich. Sie abstrahierte von vornherein von der Mitwirkung des Auges beim Zustandekommen der Farbe, betrachtete (scheinbar wenigstens) den Lichtstrahl als etwas für sich Vorhandenes, behandelte seine Brechbarkeit vermittelst des Prisma wie einen unabhängig von der normalen Beschaffenheit des Auges auftretenden Vorgang und induzierte ihre Ansicht aus einer Reihe künstlich zusammengesetzter und zusammengesuchter Fälle. Sie war daher gar nicht in der Lage, von vornherein auf das Naturgemäße, das Urphänomen aller Farbewahrnehmung zu treffen, das sich für Goethe in dem Nächstliegenden und Bekanntesten darstellt, in dem Gegensatz von Hell und Dunkel oder von Schwarz und Weiß und dessen für das normale Auge sich unmittelbar kundgebenden Verhalten in der Wechselwirkung mit mehr oder weniger getrübten Medien. Sie gab daher nicht nur, als Grundlage für ihre ganze Erklärungsweise, statt eines Urphänomens etwas „höchst Abgeleitetes" (36, 268) und infolgedessen eine Reihenordnung der Farben, welche der vonseiten des natürlichen Auges widerspricht, — sie erklärte auch überhaupt die Tatsachen nicht anschaulich, sondern verwandelte das an sich, qualitativ Anschauliche in Begriffe und mathematische Abstraktionen, Zu alledem hielt sie die Auffassung und Erklärung der Erscheinungen in diesem Gebiet ganz abseits von aller Analogie zu anderen Naturgebieten. Wie die magnetischen, elektrischen und andere Phänomene, so sollten, nach Goethe, auch die farbigen auf einem Wechselverhältnis, einer Polarität „oder wie man die Erscheinungen des Zwiefachen, ja Mehrfachen in einer entschiedenen Einheit nennen mag", beruhen (28, 15). Dieser systematischen Forderung glaubt er durch sein eigenes hier aufgewiesenes Urphänomen genügt zu haben, während die Physiker sich um die Bewährung eines derartigen Gesichtspunkts nicht kümmerten.

Die physikalische Optik ferner gab zwar hinsichtlich der Farbe eine bestimmte Ansicht darüber, was diese ist, hatte aber schließlich keine Erklärung für das was sie, in subjektiver Beziehung, leistet, für die Art nämlich und die Verhältnisse ihrer gefühlsmäßigen Wirkung. Und dies liegt, nach Goethes Auffassung, daran, daß jene Theorie die Farbe als ein rein Objektives behandelte und dadurch von vornherein ihr Wesen verkannte. Sie weiß nichts darüber, wie es kommt, daß der physikalische Gegensatz von Weiß und Schwarz (Anwesenheit und Abwesenheit des ungebrochenen Lichts) sich in der Wahrnehmung zu dem ästhetischen Gegensatze von Helligkeit und Finsternis gestaltet. Eine Tatsache ferner, wie die, daß ein Helles durch ein Trübes gesehen gelb, ein Dunkles, in derselben Weise gesehen, blau erscheint, vermag sie mit ihren Mitteln nicht ausreichend zu erklären, wenn sie dabei den Grund für die eigenartige Kontrastwirkung des Gegensatzes von Gelb und Blau dahingestellt sein läßt. Analog ist das Verhältnis hinsichtlich der Art und Weise, wie die Stufenreihe der Farben sich in obfjektiver und subjektiver Beziehung verschieden gestaltet.. Die physikalische Theorie hat kein Interesse, die psychologisch-ästhetische Wirkung der Farbe mitzuerklären. Goethe aber sieht gerade und ausschließlich hierin das Wesen der Farbe und geht daher mit seinen Versuchen von vornherein darauf aus, die Gesetzmäßigkeit in den Wahrnehmungsvorgängen der Farben zueinander aufzuhellen, und in dieser Beziehung soll es schließlich bei dem Urphänomen des Gegensatzes von Hell und Dunkel und dessen Modifikation durch getrübte Medien sein Bewenden haben. Die Farben bestimmen sich hiernach als modifizierte Kontrasterscheinungen für das Auge, und hiermit glaubt Goethe die Erklärung ihrer spezifischen Qualität zugleich und zumal mit der Begreiflichkeit ihrer ästhetischen Wirkung erreicht zu haben. Die Newtonsche Theorie erscheint ihm deshalb falsch, weil sie die Farben als etwas behandelt, was im Lichte unabhängig von der Mitwirkung des' Auges vorhanden ist, während doch tatsächlich das Licht und alles, was aus ihm entsteht, als solches nur für und vermittelst des wahrnehmenden Auges da ist. In diesen Fehler, wenn es einer ist, verfiel er nun freilich selbst mit demjenigen, was er als Grundvoraussetzung für seine Ansicht nimmt, mit dem Verhältnis von Helligkeit und Finsternis. Ihr ursprünglicher Kontrast, aus dessen Modifikationen sich erst die Farben für das Auge ergeben, wird bei ihm gedacht und behandelt als etwas, was schon vor der Mitwirkung des Au^es da ist, obwohl es zu ihrem Dasein selbst schon des Daseins des Auges bedarf. Aber hierüber sah Goethe hinweg, in dem frohen Bewußtsein, in jenem Gegensatz ein im Bereiche des Sichtbaren als solchen gegebenes Urphänomen zu besitzen, über welches als Grundlage der Erklärung für die dort einbegriffenen Erscheinungen die Forschung sich nicht hinwegsetzen dürfe. Nicht um einen jenseits unserer direkten Wahrnehmungsfähigkeit liegenden Grund der Farben soll es sich handeln, sondern lediglich darum, die Erscheinung der Farbe für das Auge zu begreifen. In der organischen Welt bedeutete das Urphänomen die Art und Weise, wie der gesetzmäßige Bildungstrieb z. B. der Pflanze sich der natürlichen Auffassungsweise des normalen Menschen sinnlich als Entwicklungstatsache darstellt. Wo nun aber, wie im Gebiete des rein Physikalischen, kein innerer Bildungstrieb im Objekt selbst nachweisbar ist, blieb nur übrig, die Urform einer zusammenhängenden Reihe von Phänomenen in der Art und Weise zu finden, wie sich die betreffenden Erscheinungen für das normale menschliche Sinnesvermögen in ihrer Beschaffenheit und Abfolge geben. Etwas derartiges glaubte Goethe mit seiner Theorie hinsichtlich der Farbe geleistet zu haben. Ueber die durch jenes Vermögen gegebene Grenze mit Hilfe von Instrumenten, also künstlich, hinauszugehen wollte er nicht gestatten, jedenfalls deshalb, weil ihm dadurch das Urphänomen oder der Grundvorgang anscheinend ins Unbestimmte, ja Unendliche hinausgerückt wurde und damit, was das hier in Rede stehende Gebiet betrifft, für die Erklärung der sinnlich-anschaulichen Wirkung der Farbe nichts mehr leistete. Nach dieser letzteren Seite bot die Newtonsche Ansicht von der Zerlegung des weißen Lichtstrahls nichts unmittelbar Zweckdienliches hinsichtlich der Gründe für die malerische Wirkung der Farbe. Dagegen schien der Hinweis auf die Wirkung getrübter Mittelsubstanzen im Verhältnis zum Hintergrunde, sowie namentlich auch die Inanspruchnahme des Gegensatzes und der Mischung von Hell und Dunkel im Inhalt der Farbenempfindung nicht nur deren Qualität, sondern zugleich ihren Stimmungsgehalt begreiflich zu machen. Wie überall, so will Goethe auch hier es verbieten, die Natur in ein Aggregat von geometrischen Beziehungen aufzulösen, die keine direkte Fühlung mehr mit dem Lebendigen haben, zumal damit das eigentlich Unerkennbare an ihr sich schließlich doch nicht will erfassen lassen. Denn

„Geheimnisvoll am lichten Tag
Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben;
Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,
Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben',

sowenig wie mit Prismen, Camera obscura u. dgl. „Der Mensch an sich selbst, insofern er sich seiner gesunden Sinne bedient, ist der größte und genaueste physikalische Apparat, den es geben kann" (19, 186). Goethes bekannte persönliche Abneigung gegen Brillen und ihre Träger entsprang schließlich auch wohl weniger aus ästhetischem Gefühl, als aus der halb unbewußten, immerhin aber unbehaglichen Wirkung der dadurch bekundeten Tatsache, daß selbst zur Herstellung der normalen und natürlichen menschlichen Sinnestätigkeit die Instrumente nicht ganz zu entbehren sind. Auch an der Astronomie fand Goethe deswegen kein rechtes Behagen, weil es dazu der Fernröhre bedarf, und die Beziehung des Naturlebens zu dem Leben und der angestammten Erkenntnis- und Gefühlsweise des Menschen in dieser Wissenschaft fast ganz verschwindet. Auch in der Akustik vertritt er gelegentlich die naturwüchsigen Resultate und Urteile der Hörfähigkeit gegenüber den auf künstlichen Versuchen beruhenden Ansichten der Physiker und würde sich gegebenen Falles vielleicht auch gegen manche Ergebnisse der Helmholtzischen Untersuchungen gesträubt haben. In einem Briefe an Zelter wenigstens (22. VI. 08) wird von ihm die dem menschlichen Ohre natürliche Auffassung der kleinen Terz als einer Konsonanz gegenüber der mathematischen Bestimmung derselben als Dissonanz mit der gleichen Entschiedenheit verfochten, die wir zugunsten seiner Farbenlehre aus dem polemischen Teile derselben heraushören. Goethe übersieht oder unterschätzt, daß die durch künstliche Mittel bedingte Erweiterungsfähigkeit der Sinnesorgane doch wohl auch zu den normalen Eigenschaften des Menschen gehört und deshalb nicht dazu bestimmt sein kann, unbenutzt zu bleiben. Er konnte oder wollte ferner nicht voraussehen, daß, auch abgesehen vom theoretischen Interesse, jene Erweiterung für die Menschheit im weiteren Verlauf der Kulturentwicklung schon aus praktischen Rücksichten mehr und mehr zu einer Notwendigkeit werden würde.

Mit seinem eigenen Versuch einer Neubegründung der Farbenlehre konnte Goethe innerhalb der Fachwissenschaft selbst nicht durchdringen; zunächst deshalb, weil die Beobachtungen, worauf er in diesem Gebiet der überkommenen Theorie gegenüber das Hauptgewicht legte, gerade von dorther sich wirklich erklären und begründen lassen. Daß eine ausgedehnte weiße Fläche durch das Prisma gesehen weiß bleibt und nur an den Rändern gefärbt erscheint, erklärt sie daraus, daß die von jedem Punkt der Fläche ausgehenden gebrochenen Strahlen der verschiedenen Lichtarten sich kreuzen und dadurch wiederum Weiß hervorbringen, während an den Rändern die Deckungsverhältnisse der verschiedenen Strahlenarten in der Weise sich verhalten müssen, daß die gegenseitige Aufhebung des farbigen Effektes unterbleibt. Zudem wurde Goethes Unternehmen, was den fachwissenschaftlichen Kern desselben betrifft, in der Folgezeit auch deshalb immer hoffnungsloser, weil gerade der Hauptpunkt der gegnerischen Lehre, gegen den er sich stemmte, die Brechbarkeit des weißen Lichts, durch die weiteren Errungenschaften der Physik, insbesondere die Wellentheorie und Spektralanalyse, eine immer unerschütterlichere Bestätigung fand.

13. Der positive Gewinn aus der Farbenlehre liegt somit nicht in dem Punkte, wohin ihr Urheber selbst ihn verlegt wissen wollte. Er ist dessen ungeachtet auch für die Folgezeit ein sehr erheblicher geblieben. Nicht bloß wegen der in dem tiefgründigen Werke enthaltenen Erörterungen zur Psychologie und Aesthetik, sowie auch zur Physiologie der Farben, wofür insbesondere die direkten Hinweise auf das Gesetz der antagonistischen Farben, sowie auch auf das der spezifischen Sinnesenergien von Bedeutung sind.Auch nicht bloß wegen der auf eingehenden Quellenstudien beruhenden Geschichte der Farbenlehre, die trotz mancher Lücken im Einzelnen der Sache nach auch heute noch nicht überholt und dem Geiste nach, der darin waltet, überhaupt nicht zu überholen ist. Sondern hauptsächlich, und dies gilt ausdrücklich auch für den wissenschaftlich unhaltbaren Teil des Werkes, wegen des grundlegenden Gesichtspunktes und der Tendenz, die dem Ganzen eignet und kraft deren es sich mit Goethes erfolgreichen Arbeiten zur organischen Naturerkenntnis einheitlich zusammenschließt. Je einseitiger die Energie ist, womit es der fachwissenschaftlich legitimierten Methode sich entgegenstellt, um so entschiedener weist es auf das hin, was auch in den auf Wesen und Erkenntnis des Organischen bezüglichen Schriften als die normale Anschauungsweise des Naturganzen heraustritt: es bleibt immer die Aufgabe, eine Gesamtanschauung der Natur herauszubilden, worin das Einheitsbedürfnis des Geistes hinsichtlich der beiden verschiedenen Betrachtungsweisen einerseits der exakten Forschung, andererseits der künstlerischen Auffassung seine Befriedigung findet. Unbeschadet aller jeweiligen Divergenzen müssen die kausalmechanische und die ästhetisch vergeistigte Betrachtung des Naturganzen sich immer wieder zusammenfinden lernen, wenn nicht die unumgängliche Harmonie und Einheitlichkeit des Kulturlebens auf die Dauer Not leiden soll. Die Reihe der Denker und Forscher, die in der Geschichte der menschheitlichen Fortbildung im Vollbesitze des von beiden Seiten jeweilen in Betracht kommenden Stoffes mit methodischem Bewußtsein  auf dieses Ziel hinsteuerten, ist (wegen der Schwierigkeit der Aufgabe) nicht allzu zahlreich. Aus dem Altertum wären ein Platon und Aristoteles zu nennen, aus der neueren Zeit ein G. Bruno und Leibniz, aus dem vergangenen Jahrhundert Männer wie A. v. Humboldt und Th. Fechner. Ihnen unmittelbar nahe steht Goethe. Die Einheit der künstlerischen und der wissenschaftlichen Weltbetrachtung, wie er sie in seiner eigenen Persönlichkeit darlebte und in seinen Werken zum Ausdruck brachte, ist und bleibt vorbildlich für zukünftige Perioden des geistigen Lebens.

Das normale Verhältnis freilich zwischen den beiden Tendenzen läßt sich nicht, im konkreten Falle, durch die Zurückstellung oder Ignorierung der einen zugunsten der anderen erreichen. Ihre Synthese muß in verschiedenen Zeitaltern durch geniale Persönlichkeiten immer aufs Neue gefunden und dargestellt werden. Die Natur, die, nach Goethes eigenen Worten, beständig sinnt und gedacht hat, „aber nicht als ein Mensch, sondern als Natur", hat in ihrer Weise schon dafür gesorgt, daß, was in ihr liegt und waltet, sich dem Geiste nicht bloß als eine Mechanik geometrischer Verhältnisse u. dgl. darstellt, sondern als der hierdurch getragene Inhalt eines seinem Wesen genügenden Ganzen, durch die Art nämlich, wie sie sich dem Geiste aufschließt unter Vermittlung der menschlichen Sinnestätigkeit in ihrer Verbindung mit dem Bewußtsein. Die mechanisch-mathematischen Zusammenhänge des Naturganzen bekommen an der Hand des fühlenden und wertsetzenden geistigen Vermögens eine Art von Gegenständlichkeit, welche wieder ihre eigene und eigenartige Gesetzmäßigkeit hat. Die Harmonie jener beiden verschiedenen Tendenzen der Naturbetrachtung besitzt die Möglichkeit und Unterlage ihrer Herstellung in dem Umstände, daß die Natur von den ihr eigentümr lichen Grundlagen her im Menschen einen Teil und zugleich eine Krönung ihrer selbst zuwege bringt, ausgestattet mit dem wundersamen Vermögen, dasjenige, als dessen Produkt er sich zu betrachten nicht umhin kann, doch andererseits wieder zu seinem eigenen Produkt zu machen. Und zwar dieses dadurch, daß er, vermittelst des Bewußtseins die Natur selbst als seine Vorstellung setzt, sie sich gegenständlich macht und an der Hand dessen sie zugleich wertet. Diese Wertung, insbesondere die ästhetische, bezieht sich auf das, als was die Natur bewußtseinsmäßig, nämlich im Inhalt der Empfindung dem Menschen sich darstellt, z. B. (um in dem in Rede stehenden Gebiete zu
bleiben), auf den Gegensatz von Hell und Dunkel und die Arten seiner Modifizierung. Was jenseits oder unterhalb dieser natürlichen Empfindungsweise als rein mechanische Bedingung des Naturgeschehens durch die wissenschaftliche Reflexion festgestellt wird, wie etwa die Gesetze der Wellenbewegung und überhaupt die geometrisch-physikalischen Verhältnisse des Lichts, wird Objekt für die wertsetzende Eigenart des menschlichen Geistes lediglich dadurch, daß es für menschliche Sinne und Bewußtsein sich umsetzt in die normalen und natürlichen Empfindungsinhalte, die als solche Gegenstand nicht nur des theoretischen Auffassens, sondern auch der ästetischen, wie der praktischen Schätzung werden. Wenn aber die Sache so liegt, so besteht keine Nötigung, zu verlangen (was im Grunde Goethe mit dem Prinzip seiner Farbenlehre tat), daß, was als ein ästhetisch bestimmter Grundgegensatz innerhalb der sinnenfälligen Naturauffassung heraustritt, das Grundgesetz schon des mechanischen Zusammenhangs in  in einem bestimmten Naturgebiete abzugeben habe.



Epigramme, Sprüche, Xenien usw.

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