> Gedichte und Zitate für alle: Herman Siebeck: Goethe als Denker- 4. Kapitel Seite 1

2019-11-09

Herman Siebeck: Goethe als Denker- 4. Kapitel Seite 1



Viertes Kapitel.

Ethik und Lebensanschauung.

1. Die ausgereifte Lebensansicht des durchgebildeten Menschen ist hinsichtlich ihrer Auffassung vom Wesen und der Tragweite des Sittlichen und im Anschluß hieran des Sozialen immer wesentlich mit bedingt sowohl durch die Inhalte des eigenen theoretischen Denkens auf Grundlage der Erfahrung, als auch andererseits von der persönlichen Bestimmtheit des religiösen Bewußtseins. Wie dieser Sachverhalt sich auch bei Goethe zur Geltung bringt, kann man am kürzesten aus dem Wortlaut eines seiner Sprüche (von 1828) abnehmen: „Das Höchste, was wir von Gott und der Natur erhalten haben, ist die rotierende Bewegung der Monas um sich selbst, welche weder Rast noch Ruhe kennt" (19, 221 f.). Im Zusammenhang mit schon früher erörterten Goetheschen Ansichten will dies besagen: Die göttliche Kraft, die in der Natur waltet, bekundet sich unbeschadet ihres aller Orten übergreifenden und durchwirkenden Allebens als eine unbegrenzte Fülle individueller Kraft- und Tätigkeitszentren, entelechischer Monaden, wie namentlich jede menschliche Seele eine solche ist. (Wir haben in dieser metaphysischen Theorie die Unterlage für Goethes Auffassung von Wesen, Wert und Bedeutung des Lebens, und zwar nicht nur nach der Seite des Naturhaften, sondern auch nach der des Menschlich-Geistigen hin. Denn es gehört zu seinen Grundüberzeugungen, daß, worin das Wesenhafte und Eigenartige einer Gattung oder einer Individualität besteht, darin auch ihre Bestimmung und Aufgabe beschlossen ist. Für alles Wirkliche, und so auch insbesondere für den Menschen als lebendiges Individuum gilt an diesem Sinne für Goethe das „Werde, was du bist!" Die Bestimmung des Menschen als des höchsten Lebewesens liegt hiernach für ihn in der unausgesetzten Bewegung oder Tätigkeit. „Kannst du dich in der Mitte dieser ewig lebendigen Ordnung auch nur denken, sobald sich nicht gleichfalls in dir ein beharrlich Bewegtes um einen reinen Mittelpunkt kreisend hervortut?" ,,Wie das Gestirn, ohne Hast aber ohne Rast drehe sich jeder um die eigene Last" (2, 351). Es zeigt sich auf diesem Punkte wieder einmal die Bedeutung von Goethes „gegenständlichem" (anschaulichem) Denken (S. 22) oder der Art, wie er die Einheit von Denken und Anschauung faßte. Das gegenständliche Denken betreffs des menschlichen Wesens gibt zugleich die Anschauung von seinem Wert und seiner Bestimmung: Leben ist Tätigkeit; folglich ist wahres Leben für den Menschen nur zu haben und nur dann verwirklicht, wenn es sich zu einer zusammenhängenden fruchtbringenden Wirksamkeit gestaltet. „Das ist der Weisheit letzter Schluß: nur der verdient die Freiheit und das Leben, der täglich sie erobern muß." Tätig zu sein ist für Goethe des Menschen „erste Bestimmung". Darum liegt ihm auch das Glück des Lebens, die Befriedigung im Theoretischen, wie im Praktischen, nur in diesem Punkte. Der Wilhelm Meister namentlich gibt auf allen Seiten die Ausführung dieses Gedankens. Ein tätiges Leben führe so viele Ereignisse herbei, daß man fühlen muß, daß jede Art von Zweifel nur durch Wirksamkeit gehoben werden kann: für den Menschen sei nur das Eine ein Unglück, wenn sich irgend eine Idee bei ihm festsetze, die keinen Einfluß ins tätige Leben habe oder ihn wohl gar davon abziehe. „Hier oder nirgends ist Amerika". „Die Welt ist undankbar, sagen viele; ich habe noch nicht gefunden, daß sie undankbar sei, wenn man auf die rechte Art etwas für sie zu tun weiß" (17. 329. 407. 77). Man erkennt schon aus diesen Aussprüchen die ausgeprägte Positivität der Goetheschen Lebensanschauung; sie bekundet sich außerdem noch durch den Ausdruck der Abneigung gegen ein lediglich kritisches und negatives Verhalten, auch gegen das Haften an der Vergangenheit an Stelle des kräftigen Wirkens in der Gegenwart, wie dies z. B. in den Gesprächen mit dem Kanzler v. Müller mehrfach heraustritt: „Es gibt kein Vergangenes, das man zurücksehnen dürfte; es gibt nur ein ewig Neues, das sich aus den erweiterten Elementen des Vergangenen gestaltet, und die echte Sehnsucht muß stets produktiv sein, ein neues Besseres erschaffen". Nur weil die Menschen die Gegenwart nicht zu würdigen, zu beleben wüßten, schmachteten sie so nach einer besseren Zukunft, kokettierten sie so mit der Vergangenheit (G 4, 311. 6, 199). Er selbst hatte es sich zur Maxime gemacht, nur durch immerfort erneutes Aufstellen und Ausüben des Wahren und Rechten zu wirken, aber so selten als möglich durch Bestreiten und Opponieren. Auch die Reue über unrechtes oder verfehltes hat für Goethe nur dann einen Wert, wenn der Mensch erkennt, „daß man sich von Leiden und Dulden nur durch ein Streben und Tun zu erholen vermag, daß für den Mangel ein Verdienst, für den Fehler ein Ersatz zu suchen und zu finden sei. " Ueberall gilt es, „dem Dulden sogleich eine Tätigkeit entgegenzusetzen" (an Willemer 10. IL 32), eine Fähigkeit, die ihm persönlich im höchsten Maße eigen war. War ihm doch „Mensch sein" gleich „Kämpfer sein.

An der Hand dieser positiven Auffassung der Lebensaufgabe wird für Goethe auch das praktische Leben zu einer Kunst, eine Tendenz, zu deren Darstellung ebenfalls namentlich der Wilhelm Meister eine Fülle von Material gibt. „Das Gewebe dieser Welt ist aus Notwendigkeit und Zufall gebildet; die Vernunft des Menschen stellt sich zwischen beide und weiß sie zu beherrschen; sie behandelt das Notwendige als den Grund ihres Daseins, das Zufällige weiß sie zu lenken, zu leiten und zu nutzen, und nur, indem sie fest und unerschütterlich steht, verdient der Mensch ein Gott der Erde genannt zu werden." „Jeder hat sein eigen Glück unter den Händen, wie der Künstler eine rohe Materie, die er zu einer Gestalt umbilden will. Aber es ist mit dieser Kunst wie mit allen; nur die Fähigkeit dazu wird uns angeboren; sie will gelernt und sorgfältig ausgeübt sein". „Das ganze Weltwesen liegt vor uns wie ein großer Steinbruch vor dem Baumeister, der nur dann den Namen verdient, wenn er aus diesen zufälligen Naturmassen ein in seinem Geiste entsprungenes Urbild mit der größten Oekonomie, Zweckmäßigkeit und Festigkeit zusammenstellt." Freilich, erlernt kann diese Lebenskunst auch nur zum Teil werden; der wahre Lebenskünstler aber braucht und besitzt sie ganz. „Wer sie halb kennt, ist immer irre und redet viel; wer sie ganz besitzt, mag nur tun und redet selten oder spät" (17, 81 f. 382. 465).

2. Der Begriff vom Wesen und Wert des Lebens, den wir schon auf der theoretischen Seite im Mittelpunkt des Goetheschen Denkens fanden, bildet auch die Grundlage für Goethes ethisches Bewußtsein, und zwar hier im Sinne der eben bezeichneten Lebensaufgabe oder Lebenskunst. Der Mensch als Persönlichkeit hat die Aufgabe und Bestimmung, vermittelst der unentwegten Teilnahme an der Fülle des Lebens mit ihren Gütern und Pflichten ein Leben zu entwickeln, von welchem nach allen Seiten hin selbst wieder lebenweckende Strahlen sich verbreiten. Auf diese Weise soll und kann er selbst um sich her fruchtbringende Regsamkeit wecken und erhalten und wird in Rückwirkung dessen für sich selbst stetig Kräfte und Anregungen gewinnen zur Vertiefung nach innen, wie zu neuer Bewährung nach außen. Der Kern des Goetheschen Selbstbewußtseins und Daseins liegt in dem Streben, in solcher Fülle des Wirkens nach innen und außen sein Glück zu finden. Jedenfalls gilt dies von der Zeit an, als er mit seinem Werther von der Stimmung der Empfindsamkeit, soweit diese überhaupt über ihn Herr geworden war, sich selbst befreit hatte. Auch als Dichter namentlich ist Goethe seitdem dauernd am Werke, die Gesinnung zu verkünden, kraft deren er seinen Faust aus dem Eingang des Johannisevangeliums sich die Erkenntnis herauslesen ließ: „Im Anfang war die Tat. Er selbst hat zwar, was die Faustdichtung betrifft, es Eckermann gegenüber ausdrücklich abgelehnt, eine bestimmte „Idee" zu bezeichnen, die er ihr zugrunde gelegt habe (G. 6, 135). Er wollte mit dieser Weigerung jedenfalls nur einer schablonenhaften Auffassung des Ganzen vorbeugen. Entstanden aber und erwachsen ist der Faust, und zwar in allen seinen Teilen, unter der Wirkung der eben bezeichneten Wertvorstellung vom Verhältnis des Lebens zur Persönlichkeit. Nach Maßgabe dieser mußte der Stoff des alten Volksbuchs sich ihm umgestalten, teils verdichten, teils erweitern, überall aber vertiefen. Der gelehrte Doktor Faust wird zum Anlaß für die Nachstellungen des Versuchers von vornherein dadurch, daß er das kräftigste und geistigste seiner Bedürfnisse, das nach Erkenntnis, ein halbes Menschenleben lang durch ein ödes Bücherleben zu stillen sucht und auch die Natur nur in ihrer Abgestorbenheit innerhalb des Studierzimmers sich nahe kommen läßt.

„Beschränkt von diesem Bücherhauf,
Den Wurme nagen, Staub bedeckt, . .
.Mit Gläsern, Büchsen rings umstellt,
Mit Instrumenten vollgepfropft, . .
.Das ist deine Welt! Das heißt eine Welt!"

Diese Vergrabenheit bringt in seinen Wissensdurst und überhaupt in sein Lebensgefühl einen Zwiespalt zwischen Wollen und Vollbringen von unerträglicher Gespanntheit. Das Bewußtsein dessen erreicht durch die Erscheinung des Erdgeistes, des „in Lebensfluten, in Tatensturm" Auf- und Abwallenden, und dessen Verhalten gegen ihn seinen Höhepunkt; es führt ihn zur Verzweiflung an sich selbst und raubt ihm die Lust am Leben.

„Der Gott, der mir im Busen wohnt.
Kann tief mein Innerstes erregen;
Der über allen meinen Kräften thront,
Er kann nach außen nichts bewegen."

Der Verlockung des Teufels folgt er lediglich deswegen, weil dieser ihm den vollen Gegensatz zu dem bisherigen Zustande in Aussicht  stellt, worin er nun einmal nicht weiter leben kann.

„Der große Geist hat mich verschmäht,
Vor mir verschließt sich die Natur.
Des Denkens Faden ist zerrissen,
Mir ekelt lange vor allem Wissen.
Laß in den Tiefen der Sinnlichkeit
Uns glühende Leidenschaften stillen ! . .
Stürzen wir uns in das Rauschen der Zeit,
Ins Rollen der Begebenheit!"

Er kann für den Augenblick nicht anders, hat aber freilich dabei zum voraus die Gewißheit, daß wahre Befriedigung schließlich auch auf dem Wege solchen Stürmens und Drängens nicht zu haben sein wird, und er kann daher getrost mit Mephistopheles einen Pakt machen, der dahin geht, daß er ihm anheimfallen soll, sobald das äußere Leben, wie jener es ihm zu geben vermag, ihm wirklich einen Augenblick dauernder Beseligung zu bieten haben würde, den er festzuhalten wünschte. Wonach Faust, wenn auch zunächst noch im dumpfen Streben, verlangt, der Urquell, von welchem der Teufel ihn abzuziehen versuchen soll, ist eben die selbst- und rückhaltlose Teilnahme am Leben selbst, nur freilich nicht zum Zwecke des Genusses, sondern des erfolgreichen Wirkens. Der ganze Gehalt seiner bisherigen Bildung soll in den Dienst dieses neuen Zieles gestellt werden. Denn in ihm liegt wirklich und ausschließlich der Schatz der Erkenntnis, wonach er bis dahin vergebens gegraben hat. Mephistopheles, der hiervon nichts weiß, sieht die Sache freilich mit ganz anderem Auge an:

„Er Soll mir zappeln, starren, kleben,
Und seiner Unersättlichkeit
Soll Speis' und Trank vor gierigen Lippen schweben;
Er wird Erquickung sich umsonst erflehn,
Und hätt' er sich auch nicht dem Teufel übergeben,
Er müßte doch zu Grunde gehn!"

Um dies zu erreichen, weiß er seinen Schützling zunächst zu verjüngen und ihm hierauf diejenige Seite des Lebens, die Faust noch nicht gekannt hat, die Liebe, mit ihrem' vollen Zauber aufzuschließen. Der Ausgang der Liebesepisode scheint ja nun auch dem teuflischen Plane zu entsprechen. Er entspricht aber auf Grund von Faust's Persönlichkeit in Wahrheit nur dem Inhalte der Frage, mit der ihn jener schon zu Anfang instinktiv richtig durchschaut hat; „Was willst du armer Teufel geben?" Der erste von Mephistopheles geleitete Akt des neuen Lebens endet in Bitternis und Verzweiflung. An diese Situation beim Schlüsse des ersten Teiles der Dichtung schließt der zweite folge" richtig an. Es handelt sich für den Versucher fortgehend darum, Faust von seinem „Urquell", dem Streben nach idealem Lebensgehalt, abzuziehen und ihn so endlich einmal zum Geständnisse der absoluten Hingabe an den sinnlichen Reiz des Augenblicks zu bringen. Jenes war der Gegenstand seiner Wette mit dem Herrn, dieses liegt im Sinne seines Paktes mit Faust selbst, der ihm ja nur unter der bezeichneten Bedingung anheim fallen soll. Beides aber kommt in der Sache auf dasselbe hinaus, weil das Zweite nur möglich wird, wenn das Erste gelungen ist. So folgen denn zunächst die Verlockungen des Hoflebens, die auf eine so hochstrebende Natur vielleicht besser und dauernder im Sinne des Bösen zu wirken vermögen. Aber auch diese Rechnung trügt, weil die glänzende Leere jenes Kreises bei Faust, nach- | dem einmal der Schatten der Helena aus der Unterwelt heraufgeführt ist, verbleicht vor dem Verlangen nach dem Leben in und mit dem Ideale hellenischer Schönheit. Und ., auch durch die Erfüllung dieses Wunsches kommt Mephistopheles seinem Ziele nicht näher. Schon die Gewinnung ' der Geliebten, ihre ritterliche Befreiung aus einer bedrohlichen Lage, wird für Faust zu einer Bewährung von Tatkraft; vor der Gefahr aber, in ihrem Besitze in ziellosen Lebensgenuß zu versinken, behütet ihn der Tod seines und ihres Kindes, dessen Niedergang in die Unterwelt auch den der Mutter nach sich zieht. Nachdem nun so wiederum ein vom Wege abseits weisendes, weil aus der Vergangenheit herüberwirkendes Motiv überwunden ist, kommt dem strebenden Faust endlich die Erkenntnis seines Berufs für das volle Leben der Gegenwart. Der Teufel sucht (am Beginn des vierten Aktes) mit neuen lüsternen Bildern und Aus(sichten unwürdigen Genusses auf ihn zu wirken. Er selbst aber setzt diesem Unterfangen, die männlichen Worte entgegen:

,Mit nichten! dieser Erdenkreis
Gewährt noch Raum zu großen Taten
Erstaunenswürd'ges soll geraten,
Ich fühle Kraft zu kühnem Fleiß." (13, 180.)

Und die Hölle und ihre Heerscharen selbst müssen ihn jetzt in der anderen Richtung dienen. In erster Linie zur Beseitigung eines das Kaiserreich zerrüttenden Bürgerkriegs, weiter aber im Sinne einer bestimmten volksbeglückenden Aufgabe, bei deren Verwirklichung er dann auch der magischen Kräfte immer mehr und mehr zugunsten rein menschlich-sittlicher Mittel entraten lernt. Auf diesem Wege kommt ihm dann schließlich auch der Moment, an dessen Erreichung er früher verzweifelte. Der in Sorgen um sein großes Werk erblindete Greis erlebt und bekennt, was nach dem Wortlaute des Vertrags mit dem Bösen ihn diesem anscheinend in die Hände liefert: er preist und segnet sich selber im Genüsse eines Moments von ungeahnter Hoheit:

„Solch ein Gewimmel möcht ich sehn,
Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
Zum Augenblicke dürft' ich sagen:
Verweile doch ! du bist so schön ! . .
Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
Genieß' ich jetzt den höchsten Augenblick."

Damit stirbt er, und der Teufel glaubt jenem Vertrage gemäß sein Spiel gewonnen zu haben. Die Wette mit dem Herrn hat er aber längst verloren, weil es ihm nicht gelungen ist, Faust von seinem Urquell abzuziehen. Aus dem Sehnen nach Erkenntnis, worin dieser ursprünglich, abseits vom Leben sich verzehrte, und von dessen Unbefriedigung er zunächst in den Tiefen der Sinnlichkeit Befreiung suchte, hat er sich zu der Frische und dem Ernst des wirklichen Lebens, zum sittlich tätigen Charakter durchgerungen. Eben damit aber ist er nunmehr, am Ende seiner irdischen Laufbahn, fähig und würdig, statt für die Nachstellungen des Bösen ein Gegenstand zu werden für die erlösende göttliche Liebe. Den besten Kommentar zu Goethes Faust in dem hier bezeichneten Sinne bietet übrigens das Leben des Dichters selbst. Er selbst ist es gewesen, der den Entwickelungsgang von der nur individuellen Neigungen lebenden Abgeschlossenheit zu allseitig kräftigem Wirken in sich vollzogen hat. Die innere Bewegung, mit der sich diese Wandlung, auf dem Uebergange von der Frankfurter in die Weimarer Zeit, bei ihm durchsetzte, hat er am Schlüsse von Dichtung und Wahrheit zum Ausdruck gebracht mit den Worten seines Egmont: „Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unseres Schicksals leichtem Wagen durch, und uns bleibt nichts als, mutig gefaßt, die Zügel festzuhalten und bald rechts, bald links, vom Steine hier, vom Sturze da die Räder wegzulenken." Der Widerstreit aber und das relative Maß von Berechtigung der zwei Naturen ist ihm stetig fühlbar geblieben, so sehr, daß er sie in einem anderen seiner Hauptwerke, im Tasso, zu zwei plastischen Gestalten zu verkörpern vermochte. Die Meinung ist dabei nicht die, als ob immer und überall das sinnigbeschauliche Wesen im Unrecht sein sollte gegenüber der Unruhe des lebengestaltenden Wirkens. Das Letztere soll vielmehr nur das Mittel sein, um das Erstere desto sicherer zu gewinnen und zu erhalten, der Preis, ohne welchen jenes als echtes und dauerndes Gut nicht zu haben ist. Denn, wie noch die Wanderjahre es aussprechen, „wer sich zum Gesetz macht, . . . das Tun am Denken, das Denken am Tun zu prüfen, der kann nicht irren; und irrt er, so wird er sich_ bald auf den rechten Weg zurückfinden" (18, 265)

3. Die im Vorstehenden umschriebene Auffassung Goethes vom Wesen und der Aufgabe menschlichen Lebens muß man in ganzer Bestimmtheit vor Augen haben, um über seine Stellung zu der Frage vom Wesen und Bedeutung des Moralischen zur Klarheit zu kommen. Und dies namentlich auch angesichts des alten, durch die Geschichte der praktischen Philosophie sich hindurchziehenden Hauptgegensatzes in Betreff dieses Punktes, wie er in den sich gegenüberstehenden Prinzipien der eudämonistischen und der idealistischen Betrachtung und Begründung des Ethischen hervortritt. Nach der Ansicht der ersteren, die im 18. Jahrhundert namentlich in der englischen Philosophie und weiter in der deutschen Aufklärung sich zur Geltung brachte, beruht der absolute Wert der sittlichen Normen darauf, daß sie die einzig wahren und endgültigen Mittel sind zur Wohlfahrt des Einzelnen wie der Gesamtheit, sofern eine dauernde Befriedigung von Geist und Gemüt ohne Tugend und Pflichterfüllung nicht zu gewinnen ist. Das sittliche Leben und pflichtmäßige Handeln wird hier nicht gefaßt als Zweck an sich selbst, sondern als Mittel zur Gewinnung wahren und dauernden Glückes. Die andere Ansicht ist, am Abschluß der bezeichneten Periode, mit besonderem Erfolge von Kant durchgeführt worden. Sie hält für wirklich moralisch nur solche Handlungen und Bestrebungen,^ deren Motive von der Rücksicht auf Glück und Glücksfgefühl von vornherein absehen. Die wirklich gute Handlung soll überhaupt nicht aus irgend welcher Neigung entspringen, sondern ausschließlich aus dem guten Willen, aus reinem Pflichtbewußtsein. Sittliches Handeln im vollen Sinne ist nach Kant's Ansicht sogar nur da anzuerkennen, wo das Pflichtbewußtsein unzweideutig sich im Widerstreit mit der Neigung zur Geltung bringt, also wo man das Rechthandeln sich selbst erst abzwingen muß. Einziges moralisches Motiv soll sein die reine Achtung vor dem Sittengesetz, und zwar nicht um seiner beglückenden Konsequenzen willen, sondern rein und allein wegen seines Inhalts und Wertes an und für sich. Und dieser Wert, das ist die Meinung, beruht darauf, daß es den Menschen aus der Sphäre des bloß sinnlichen Daseins heraushebt und ihn seiner Zugehörigkeit zu einer höheren, geistigen Welt gewiß macht.

Es ist unschwer zu sehen, daß beide Standpunkte auf die Spitze getrieben, etwas Unzulängliches haben. Der eine hebt, in solcher Steigerung, die Ideale auf zugunsten des Nutzens; der andere, ebenso, unterschätzt gerade das, worauf das sinnlich-geistige Wesen des Menschen angelegt ist; er übersieht, daß der eigentliche Wert desselben in der Harmonie liegt, die sich herauszubilden hat zwischen dem Inhalt des Sittengesetzes und den natürlichen Regungen und Tendenzen des Gefühlslebens, also den Neigungen. Angesichts dieses Sachverhalts ist es nun bezeichnend und bedeutsam, daß zwei als Denker, wie als Dichter so massgebende Persönlichkeiten, wie Schiller und Goethe jeder auf seine Weise in ihren ethischen Anschauungen die Ueberwindung dieses Gegensatzes zum Ausdruck bringen. Schiller war Kantianer und als solcher der Vertreter des lediglich auf sich selbst ruhenden Pflichtbewußtseins. Aber er erkannte, daß zur Vollendung des menschlichen Wesens die Härte der Pflicht gegenüber den Bedürfnissen des Gemüts sich müsse aufheben lassen durch Uebereinstimmung der Pflicht mit der Neigung. Die Pflicht soll nicht lediglich als „kategorischer Imperativ" auftreten; sie soll und kann die Eigenschaft erlangen, von dem Bewußtsein ihres Wertes her geliebt zu werden vonseiten des dafür herangebildeten Geistes. Goethe kommt ursprünglich von der anderen Seite. Die Welt, das ist seine Ansicht, muß und soll so sein, daß es dem Einzelnen in ihr wohl sein kann. Aber er hat das Bedürfnis, dieses Wohlseins auch wert zu sein; er fühlt sich und den Menschen überhaupt verpflichtet, das Leben selbst nicht bloß zu leben, sondern es nach Maßgabe eines idealen Wertes auszubilden. Kant hat sich auch nach seiner Ansicht ein unsterbliches Verdienst erworben, denn er hat die Moral im Sinne dieser Anschauung gestaltet (G, 3, 305. 1818). Wie er selbst überall Leben sieht und nach! Leben ausschaut, so will er in allem Tun und Bewegen mit Bewußtsein ein Leben voller Inhalt führen und darstellen, und zwar, wie sein ganzer Lebensgang zeigt, keineswegs ausschließlich an der Hand seiner poetischen Begabung. Mit dieser Anschauung hat Goethe (neben Schiller) einen obersten praktischen Gesichtspunkt gewonnen, welcher in der seiner Persönlichkeit entsprechenden Weise geeignet «erscheint, den Wahrheitsgehalt der beiden entgegengesetzten Standpunkte zur gegenseitigen Ergänzung zu bringen. Dieser Gesichtspunkt ruht aber bei jhm auf einer anderen Grundüberzeugung von dem normalen  Verhältnis des Sinnlichen und Geistigen im Menschen, als diejenige ist, welche Kant und Schiller vertreten. Jene beiden Denker setzten, jedenfalls noch mit unter dem Einfluß einer durch die historische Entwickelung des Christentums bedingten Auffassung jenes Verhältnisses, das Sinnliche gegenüber dem Geistigen von vornherein als das Minderwertige: es war im Wesentlichen dazu da, um durch pflichtmässiges Handeln und, wenigstens in Kant's Sinne, ausdrücklich im Widerspruch zu der aus sinnlichen Motiven entsprungenen Neigung überwunden zu werden. Dieser Kantische strenge Gegensatz zwischen praktischer Vernunft und Sinnlichkeit besteht für Goethe überhaupt nicht. Die beiden Glieder desselben tragen nach seiner Ansicht nur in ihrer Vereinigung und Ausgleichung dazu bei, die Urform des Menschlichen zu gestalten und in der dadurch bedingten Harmonie des Wesens den Wert und zugleich das Glück des Menschen zu verwirklichen. Im Unterschiede von Kant sowohl, wie von der überlieferten christlichen Ueberzeugung liegt für Goethe, den „großen Heiden", die Bestimmung des Menschen nicht einfach in der „Ueberwindung" der Sinnlichkeit. Oberster Gesichtspunkt für ihn ist vielmehr die Normalität des menschlichen Wesens im Sinne des eben bezeichneten Ausgleichs der beiden entgegengesetzten Seiten. Dieser Begriff steht ihm noch über dem der Moralität im hergebrachten Sinne. Das Moralische hat hier nicht, wie bei Kant, gleichsam die Oberaufsicht und das Imperium über die anderweitigen Motive und Triebe, sondern es hat sich selbst mit ihnen gemeinsam zur Harmonie des ganzen Wesens zu stimmen. Die Goethesche Ansicht enthält in sich die Forderung des Moralischen als gleichwertig mit und neben anderweitigen Forderungen. Zu diesen gehört namentlich die ästhetische Ausbildung, ferner die des Wissensstrebens auf der einen, und die mit der Harmonie des Ganzen vereinbarte Befriedigung der Sinnlichkeit auf der anderen Seite. Goethe hält an dieser Auffassung namentlich deshalb, weil sich in ihr die Einstimmigkeit des menschlichen Wesens mit dem allgemeinen Naturwesen bewährte. In der Natur ist das harmonische Verhältnis der verschiedenen und teilweise entgegengesetzte Kräfte zueinander dasjenige, worauf das normale Wesen und Existieren einer Gattung beruht. Diese Regel gilt auch für den Menschen insofern als bei ihm das, was er im Vorzug vor den übrigen Naturdingen besitzt, nämlich Geist und sittliches Bewußtsein, sich wieder mit seinen anderweitigen Kräften, insbesondere mit der dem Naturdasein unmittelbar nahestehenden Sinnlichkeit seinerseits in Ausgleichung zu setzen hat, um das Normale des Menschen (seine Urform) herauszubringen. Im Sinne dieser Ueberzeugung sagt Goethe bei Gelegenheit seines Zeugnisses für Th. Carlyle mit ausdrücklicher Beziehung auf den Gegensatz des Eudämonismus und ethischen Idealismus, man müsse es zuletzt am Geratensten finden, aus dem ganzen Komplex der gesunden mensche liehen Natur das Sittliche, sowie das Schöne zu entwickeln. Die Einsicht in dieses Bedürfnis waltet aber auch bereits in seinem Faust, wenn dieser darauf aus ist, das „was der ganzen Menschheit zugeteilt ist", mit seinem inneren Selbst zu (genießen und so sein eigenes Selbst zu ihrem Selbst zu erweitern. Das Sittliche erscheint hiernach als ein wesentlicher Bestandteil neben anderen in dem allgemeinmenschlichen Grundwesen. Es ist eine Art Naturfunktion des Geistes, die durch den Fortgang der Kultur, den sie bedingen hilft, selbst wieder in Bewegung erhalten wird. Zugleich aber bekundet es sich (was hierneben nicht übersehen werden darf), als etwas, dessen Hervorbildung nicht Produkt einer unausweichlichen Notwendigkeit ist, sondern die Erfüllung einer Aufgabe (also eine Pflicht) bedeutet. Und in dieser, als der menschlichen Bestimmung, liegt Wert und Glück des Lebens zugleich, und die überkommene Frage, ob der Wert desselben das Glück, oder das Glück den Wert bedinge, wird im Lichte dieses Gesichtspunktes belanglos. Auch gilt etwas hiervon für jede Gattung von Wesen, dieses nämlich, daß ihr Wert und zugleich ihre Befriedigung in der restlosen Darlebung ihrer wesenhaften Art und Eigenheit besteht. Bei dem Menschen aber kommt dazu, daß solches sich Auswirken nicht bloß Faktum ist, sondern dem Auswirkenden auch als solches zum Bewußtsein kommt. Und in diesem Bewußtsein liegt zugleich das Innewerden und Gefühl seiner Würde und seines Glückes. Wenn die ausgebildete Pflanze Bewußtsein hätte, würde sie die gattungsmäßige Vollkommenheit ihres Vegetierens ebenfalls als ihren Wert und ihr Glück empfinden und genießen. An ihrer Stelle genießt dieses der Mensch, der mit Bewußtsein diese Vollkommenheit betrachtet; noch mehr aber genießt er sich! selbst, wenn und insofern er sich seines Wertes in und mit der Verwirklichung seiner allgemeinmenschlichen Bestimmung bewußt werden darf.

Wie nun weiter das Wesen jeder Urform sich in bestimmten durchgreifenden Zügen der Organisation bekundet, die man unter allen spezifischen und individuellen Abänderungen immer wieder herausfindet, so lassen sich, nach Goethes Ansicht, auch in der anscheinend unübersehbaren Mannigfaltigkeit des Gemeinschaftslebens der Menschheit gewisse Formeln erkennen, die, ewig wiederkehrend, ewig unter tausend bunten Verbrämungen dieselben, anzusehen sind als die geheimnisvolle Mitgabe einer höheren Macht ins Leben. „Per aufmerksame Forscher setzt sich aus solchen; Formeln eine Art Alphabet des Weltgeistes zusammen" (G 3, 310). Und wieder im nächsten Zusammenhange mit dieser Ueberzeugung steht bei Goethe die von dem Dasein einer moralischen Weltordnung, und zwar einer solchen, die nicht bloß den Bestand und Gang der Menschheit im großen Ganzen beherrscht, sondern auch über dem Schicksale der Einzelnen waltet, und hier der Herausbildung des Moralischen im Sinne des Normalmenschlichen Vorschub leistet. Nicht zum Mindesten in seinem eigenen Leben erkennt Goethe gelegentlich dankbar die „geneigte Manifestation der moralischen Weltordnung", die er nicht genug verehren kann (an
Boissere 20. III. 31).

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