> Gedichte und Zitate für alle: Herman Siebeck: Goethe als Denker- 4. Kapitel Seite 4

2019-11-09

Herman Siebeck: Goethe als Denker- 4. Kapitel Seite 4



Es sind, wie man sieht, die Grundzüge eines patriarchalischen Sozialismus, die in den Darstellungen der Wanderjahre hervortreten. Sie als in modernen Sinne staatssozialistisch zu bezeichnen, dürfte weniger zutreffend sein, da ihnen zufolge für die Wohlfahrt der arbeitenden Klasse nicht durch einen mehr oder weniger festgelegten; Komplex von Gesetzen gesorgt wird, sondern durch die lebendige und stets im Fluß befindliche Wirksamkeit einer Behörde, welche in die realen Verhältnisse je nach Umständen eingreifend die Menge in organisierter Wanderung erhält, wie sie im Interesse einer ununterbrochenen lohnenden Beschäftigung erforderlich erscheint. Diese Art der Verwirklichung des „Rechts auf Arbeit", sowie der Hinweis auf die Notwendigkeit von Kolonisation dürften wohl auch heute noch als beachtenswerte Fingerzeige gelten. Im Ganzen aber liegen Goethes Ansichten in diesem Gebiete doch noch außerhalb der Perspektive, die bereits ein Menschenalter m\ nach ihm das soziale Wesen durch die modernen Erfindungen und die dadurch bedingte rapide Steigerung desi Weltverkehrs erfahren hatte. Sie setzen bei aller Mannigfaltigkeit der Beschäftigung, Teilung und Organisation der Arbeit doch im Grunde noch relativ primitive Zustände voraus, wie sie übrigens schon zu Goethes eigener Zeit wenigstens in England bereits nicht mehr existierten. Sie entbehren dessen ungeachtet nicht einer gewissen Bedeutsamkeit, weil sie zeigen, wie auch für Goethe das Wesea und die Wirkung des aufgeklärten Despotismus, in dessen Schatten er selbst herangewachsen war, sich durch den verschärften Blick für die sozialen Interessen und Gesichtspunkte mußte umgestalten oder wenigstens erweitern lassen. Goethe steht auch in dieser Beziehung an der Schwelle zwischen der alten und der modernen Zeit, und sein erfolgreicherer Nachfolger in dieser neuen Richtung war sein großer englischer Schüler und Verehrer Th. Carlyle.

9. Ein zusammenfassender Ueberblick über die verschiedenen Momente, welche der Goetheschen Lebensanschauung ihren bestimmten Charakter verleihen, läßt unschwer erkennen, daß Goethe, ähnlich wie Schiller und überhaupt die Höchstgebildeten seiner Zeitgenossen, das Wesen und die Bedeutung des Ethischen durch seine unmittelbare Beziehung auf das Aesthetische begründet. Oberstes Prinzip des Sittlichen ist die Hervorbildung der Persönlichkeit, die aus sich selbst und ihrem Leben ein Analogon des Kunstwerks zu machen versteht, und zwar durch die harmonische Ausbildung und Ausgleichung der verschiedenen Kräfte und Bedürfnisse des Menschenwesens, die anderwärts so vielfach in Disharmonie oder Streit geraten und dadurch leicht in unschöner Einseitigkeit oder Zerrissenheit sich darstellen. In diesem Punkte, genau besehen, gründet sich für Goethe der Anspruch vonseiten der Einzelpersönlichkeit, sich auch gegenüber der moralischen Weltordnung als einen an sich berechtigten Faktor zu fühlen. Dieser letztere Gedanke, der auch in der modernsten dichterischen und überhaupt geistigen Entwickelung wieder mehr hervorgetreten ist, hat nun allerdings das Wahre und Bedeutsame, das in ihm liegt, nicht in erster Linie von seinem Zusammenhange mit den Forderungen des ästhetischen Sinnes. Er erhält es erst wirklich vermittelst der historischen Einsicht, daß auch das Moralische und die dadurch zusammengehaltene Ordnung der Dinge etwas sich Fortbildendes ist, und daß das Meiste zu dieser Fortbildung die großen Persönlichkeiten geleistet haben, in deren Welsen und Wirken eine Erweiterung oder Vertiefung des Allgemein-Menschlichen zu Tage trat und den Beschränkungen der Zeitlage gegenüber sich durchsetzte, — eine Reihe von Auserlesenen, innerhalb deren Goethe selbst seine Stelle hat. Andererseits freilich macht gerade jene Grundlegung der Goetheschen Lebensansicht wieder besonders einleuchtend, wie in Goethes geistiger Individualität alles aus einem Gusse gebildet ist. Wie er überall die „Urform" und vermöge dieser das dem künstlerischen Gesichtspunkt Genüge tuende Wesen als die Norm für die Erkenntnis und den Wahrheitsgehalt eines bestimmten Bereichs der Wirklichkeit betrachtet, so gewinnt für ihn (wie im Grunde schon für Herder), auch das Sittliche seine absolute Geltung hauptsächlich dadurch, daß es als das Normal-Menschliche sich ausweist, das nicht erst geschaffen, sondern nur rein herausgearbeitet zu werden verlangt, um sich in seiner Wahrheit und seinem Werte zu offenbaren. Natur und Menschheit stehen unter demselben Grundgesetz; auf beiden Seiten waltet im Einzelnen ein Durchwirken des Ganzen und damit eine Tendenz zum Herausbilden von Gleichmaß und Harmonie. Und doch kommt auch der Unterschied zwischen den beiden Hauptgebieten zu seinem Rechte. Er liegt darin, daß das innere Bildungsgesetz im Sittlichen sich nicht mehr als Naturprozeß, sondern als eine für den Einzelnen vorliegende Aufgabe darstellt. Es gilt die künstlerische Vollendung des Menschen, die Erhebung des Individuums zur vollen Höhe wahrer Menschlichkeit, und das spezifisch moralische Moment in und neben dem ästhetischen Gesichtspunkt kommt hierzu bei Goethe zur Geltung in dem nachdrücklichen Hinweis darauf, daß solche Vollendung nur erreicht werden kann durch die volle praktische, freudige Teilnahme am tätigen Leben. Und an diese Auffassung fügt sich als passender Abschluß die vom Wesen der Freiheit, kraft deren der Mensch imstande ist, als selbständig-eigenartiges Glied dem Getriebe des umgebenden Ganzen sich einzufügen. Unausgeglichen bleibt dabei allerdings das Verhältnis dieser vorwiegend künstlerischen Begründung der Würde des Ethischen zu einer anderen Tatsache, an der Goethe, wie sich gezeigt hat, auch keineswegs vorbeisah. Das Leben kann, mit oder ohne Zutun des Einzelmenschen, Aufgaben und unter Umständen Konflikte für ihn aufbringen, denen durch die Aufbietung ästhetischer Harmonie des eigenen Inneren nicht von fern beizukommen ist. Ihre Ueberwindung setzt im Gegenteil vielfach den Verzicht auf die Realisierung jenes Ideals im individuellen Sein und Wirken voraus, und Goethe, mit seinem objektiven Blicke hatte gerade dies in mehrfacher Beziehung anerkannt. Er bewunderte die heroische Rücksichtslosigkeit eines Napoleon; er läßt Faust und W. Meister ausdrücklich die Wendung vom ästhetisch-künstlerischen Lebensideal zu der Einseitigkeit eines bestimmten praktischen Wirkungskreises nehmen. Ein wirklicher Einklang aber zwischen den beiden bezeichneten Momenten wird letzten Endes nicht aufgewiesen. Goethe betont nach Gelegenheit mehr das Eine oder das Andere. Das Weltüberwindende im Wesen des Ethischen das ihm selbst keineswegs verborgen war, will in der Art,, wie es bei ihm für die Einordnung in die ästhetische Harmonie des Welt- und Menschenwesens in Anspruch genommen wird, nicht ohne Rest aufgehen.

Etwas Analoges gilt von. der Art, wie bei Goethe das. Wesen des Charakters bestimmt wird. Als seine wesentlichsten Eigenschaften werden einerseits die Unveränderlichkeit, andererseits die Bildsamkeit bezeichnet, ohne daß schließlich klar herausträte, wie diese beiden, anscheinend
entgegengesetzten Qualitäten miteinander einstimmig gemacht werden. Das Problem, um das es sich handelt, wird Je nach Umständen von der einen oder anderen Seite her aufgezeigt; bald mehr das Durchhalten des Ursprünglichen gegenüber den Einflüssen von Leben und Bildung, bald mehr die Möglichkeit und Notwendigkeit der Fort- und Umbildung des individuell Mitgebrachten. Der theoretische Beweis aber, daß, und auf Grund welcher begrifflichen und empirischen Verhältnisse das Stetige sich als bildsam und das Bildsame als stetig auszuweisen die Möglichkeit hat, ist von Goethe zwar auf dem Gebiete des Pflanzenlebens, (vermittelst des Begriffs der Metamorphose), nicht aber auf dem des moralisch-geistigen Wesens wirklich durchgeführt worden. Er scheint ihn überhaupt auf letzterem, wo hierzu das anschauende Denken versagt, nicht für möglich gehalten zu haben.

Unter den einzelnen Faktoren, welche in dem Gesamtbilde der Goetheschen Lebensanschauung sich verbunden finden, dürfte namentlich die Ansicht vom Wesen und der Bedeutung der Freiheit eingehendere Beachtung verdienen. Sie gehört, was den Kern ihres sachlichen Inhalts betrifft, wohl zu dem Besten, was zu dieser Frage hervorgetreten ist. Das Bemerkenswerte derselben liegt vor allem darin, daß hier in oberster Instanz nicht von Freiheit des" Willens die Rede ist, sondern von Freiheit als einem zugewinnenden Zustande der Persönlichkeit, innerhalb dessen, der Wille seine Funktion und Stellung als dienendes Glied hat. Weiter kommt in Betracht, daß nach Goethe für den Willen eine Freiheit der Entschließung besteht, die sich angesichts des Inhalts der Pflicht und des Guten, also da, wo es sich um Wertvorstellungen im eigentlichen Sinne handelt, zu bekunden vermag, während im übrigen der W^ille durchgehends von den Eindrücken gelenkt und bestimmt erscheint. Allerdings würde diese ganze Anschauung, um an dem logischen Faden einer einheitlichen Theorie entwickelt zu werden, vor allem einer eingehenden Analyse des Begriffs der Persönlichkeit bedürfen, und zwar insbesondere hinsichtlich der Momente, wodurch er sich von dem der bloßen Individualität unterscheidet und gleichsam darüber hinaushebt. Es müßte dabei gezeigt werden, daß das Subjekt des Willens und Handelns in seinen Beschäftigungen nicht in dem Sinne wie jedes andere Ding das Produkt der Bedingung und Beeinflussung vonseiten der Umgebung ist; es vermag vielmehr in eigenartiger bestimmter Weise darauf zu reagieren. Und diese Reaktion unterscheidet sich noch spezifisch von der, welche jedes Ding seiner Natur gemäß in der Wechselwirkung mit anderen auszuüben nicht umhin kann. Dieser wesentliche Unterschied besteht in der Fähigkeit, sich zwischen herantretenden Motiven von sich selbst aus zu entscheiden. Die oft gehörte Behauptung, daß der Streit der Motive im Grunde immer schon zum voraus entschieden sei, weil notwendig das stärkste siegen müsse, beruht auf der unbewiesenen Voraussetzung, daß jedes Motiv den größeren oder geringeren Grad der Stärke, den es gemäß der Art, wie zuletzt die Entscheidung erfolgt, an den Tag lege, von vornherein immer schon mit an das Ich heranbringe. Sie entschlägt sich der Frage, ob nicht vom Wesen des Ich selbst aus noch Momente ins Spiel kommen, wodurch für die Motive selbst erst sich bestimmt, welches von ihnen schließlich das ausschlaggebende sein wird. Hinsichtlich dessen ist nun zu sagen, daß die ausgereifte Persönlichkeit die Fähigkeit besitzt, angesichts des Sittlichen bzw. des Pflichtgebots sich ohne Nötigung zunächst theoretisch (in Anerkennung seines Wertes), dann aber auch praktisch (durch den Willen zum Gehorsam gegen das Gebot), für dasselbe zu entscheiden. Daß ein liberum arbitrium in diesem Sinne existiert, kann nicht auf empirischem Wege gezeigt werden, wohl aber ließe sich klarstellen, daß bei seiner Leugnung der Begriff der Pflicht und Hand in Hand damit der der Persönlichkeit selbst seinen Sinn verliert. In und an der Persönlichkeit ist schließlich alles bedingt, zunächst hinsichtlich dessen, ob und wann sie zur Erkenntnis des Guten und der Pflicht kommt, und ob sie den darin liegenden Wert zunächst wirklich zu sehen vermag. Dies hängt zum guten Teil von der sozialen Einwirkung durch Erziehung usw. ab. Und auch wo weiter der Einzelne sich schon zum Gehorsam gegen das Gute entschlossen hat, kann im besonderen Falle die Verwirklichung desselben durch hemmende Faktoren beeinträchtigt oder verhindert werden. In diesem Falle aber offenbart sich trotzdem das Vorhandensein der mit Freiheit geleisteten Unterwerfung, dadurch nämlich, daß dem Ich das Bewußtsein der Verfehlung, Reue u. dgl. sich einstellt, was zugleich bekundet, daß jene Unterwerfung nicht einen einmaligen Akt, sondern einen dauernd gewordenen Zustand darstellt. Die Freiheit selbst endlich in dem hier bezeichneten Sinne erscheint insofern als ein bedingtes Vermögen, als sie sich selbst immer je weilen d. h. auf äußere oder innere Anlässe und Sollizitationen hin kundzugeben in der Lage ist, und daß sie überhaupt in jedem Menschen erst durch Erfahrung, Bildung, Erziehung usw. geweckt werden muß, und, wo dies nicht der Fall ist, auch nicht wirken kann. Sie muß geweckt werden, — wird aber eben dann in der Tat im Kern der Persönlichkeit nur geweckt, nicht hereingetragen.

Genauer betrachtet aber liegt die hier bezeichnete Auffassung vom Wesen der Freiheit, deren Zusammenstimmen mit Goethes Ansicht wohl unschwer zu erkennen ist, über den hergebrachten Gegensatz des Determinismus und Indeterminismus hinaus. Dies zeigt sich darin, daß man ihr zufolge die sittliche Entscheidung nach Belieben als bedingt oder als unbedingt betrachten kann. Sie kann nicht erfolgen ohne das Gegebensein von Bedingungen zu ihrem Hervortreten. Dieses Hervortreten selbst aber an den als Bedingungen wirkenden Motiven ist, sofern es sich als persönliche Anerkennung des Wertes des Sittlichen und als eben solche Unterwerfung unter das darin liegende Gebot charakterisiert, ein Akt, der lediglich vom Innern der Persönlichkeit selbst herstammt und von den gegebenen Bedingungen, Motiven u. dgl. zwar veranlaßt, aber nicht erzwungen ist. Daß Goethe in seiner Weise auch diesen Sachverhalt sich klar gemacht hatte, beweist einer seiner Sprüche (19, 136): „Wer Bedingung früh erfährt, gelangt bequem zur Freiheit; wem Bedingung sich spät aufdringt, gewinnt nur bittere Freiheit".



Epigramme, Sprüche, Xenien usw.

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