> Gedichte und Zitate für alle: Herman Siebeck: Goethe als Denker- 4. Kapitel Seite 3

2019-11-09

Herman Siebeck: Goethe als Denker- 4. Kapitel Seite 3



Auf die metaphysischen Schwierigkeiten, welche im Begriffe der Freiheit liegen, hat Goethe weniger Gewicht gelegt, als auf seine praktischen Konsequenzen. Er mühte sich nicht mit der Frage, wie die innere Fortbildung auf Grund der Wahlfreiheit überhaupt möglich sei, wenn doch der Kern der Individualität als etwas Ursprüngliches und Eigenartiges angenommen werden muß. Er streift die transzendente Seite der Sache in der Aeußerung gegen Eckermann, daß das Vermögen der Freiheit in Widerspruch stehe mit dem Glauben an die Allwissenheit Gottes: „Sobald die Gottheit weiß, was ich tun werde, bin ich gezwungen, zu handeln wie sie es weiß". Dies ist aber für ihn nicht eine Instanz gegen den Freiheitsglauben überhaupt, sondern lediglich ein Zeichen, „wie wenig wir wissen, und daß an göttlichen Geheimnissen nicht gut zu rühren ist" (G 5, 236).

Das praktische Problem, das hier vorliegt, berührt er in einem Briefe an Schiller (31. VII. 99): „Sobald man den •Menschen von Haus aus für gut annimmt, so ist der freie Wille das alberne Vermögen, aus Wahl vom Guten abzuweichen und sich dadurch schuldig zu machen; nimmt man aber den Menschen natürlich als bös an, oder, eigentlicher zu sprechen, in dem tierischen Falle unbedingt von seinen Neigungen hingezogen zu werden, so ist alsdann der freie Wille freilich eine vornehme Person, die sich anmaßt, aus: Natur gegen die Natur zu handeln". Das Problem löste sich' für ihn auch lediglich auf praktischem Wege, nämlich durch die Innere Erfahrung, kraft deren er die individuelle Selbständigkeit sowohl, wie andererseits die Bildsamkeit am eigenen Wesen erlebte, wie er denn auch das Ergebnis ihrer Wechselwirkung in der Entwickelung seines Lebensprozesses nach außen hin zur Darstellung brachte. Auch das Vermögen der Wahlfreiheit angesichts des Guten ist nur das Mittel, um dem seinem Wesen nach bildsamen Menschen zu der Freiheit als Zustand und dauerndem Besitz zu verhelfen. Bei Gelegenheit einer Aussprache über Milton weist Goethe auf die überflüssige Rolle hin, welche der freie Wille neben solchen Ansichten spielt, die im Grunde der Sache die Bildsamkeit im Menschen aufheben, indem sie ihn entweder für von Haus aus gut oder für im Wesen böse ausgeben (an Schiller 31. VII. 99). Das praktische Durchringen zu dieser Freiheit, die sich dann im Leben bewährt, ist das Thema seiner umfassendsten Dichtungen, sowohl des Faust, wie des Wilhelm Meister und der Wahlverwandtschaften. Sie kennzeichnet sich, jenen Darstellungen zu'folge, im Wesentlichen durch den ruhigen und getrosten Ausblick hinsichtlich der in aller Verworrenheit immer wieder durchscheinenden ethischen Lenkung des Welt- und Lebensgetriebes, und infolgedessen durch den freudigen Mut hinsichtlich der theoretischen und praktischen Aufgaben des Lebens. Als ein müheloses Gut ist sie freilich, auch wo sie bereits zur Blüte gekommen ist, nicht zu behaupten, ja der Besitz dieser Freiheit ist für den Menschen überhaupt ein Ideal, das er nur annähernd verwirklichen kann. Eine Personifizierung dieses Ideals sind (in dem Gedicht: „Das Göttliche") die „unbekannten höheren Wesen, die wir ahnen", denen der Mensch gleichen soll. Die errungene innere Freiheit muß, mit anderen Worten, gegen die von außen kommenden Fügungen und Schickungen stetig neu gewonnen und festgehalten werden durch wiederholte Entschließungen angesichts des Guten für das Gute und namentlich auch, worauf Goethe immer wieder hinweist, durch die Bereitwilligkeit, den Gütern sowohl, wie den Anforderungen des Lebens gegenüber, wo es nötig ist, in der rechten Weise Entsagung zu üben. „So manches, was uns innerlich eigens t angehört, sollen wir nicht nach außen hervorbilden; was wir von außen zur Ergänzung unseres Wesens bedürfen, wird uns entzogen, dagegen aber so vieles auf gedrungen, das uns so fremd als lästig ist" (23, 6). Und so handelt es sich durch das ganze Leben hindurch in dieser Beziehung darum, „unsere Existenz aufzugeben, damit wir existieren", ein Gedanke, der für die Fortsetzung des Wilhelm Meister sogar eins der Grundmotive abgegeben hat. Die zu solcher inneren Freiheit durchgedrungene Gemütsbestimmtheit hat Goethe allezeit mit Vorliebe als das Wesen der „stillen Seele" betrachtet und gekennzeichnet. In den mannigfaltigsten Bekundungen, in Briefen, Tagebüchern und Dichtungen weiß er die Stille des Gemüts in jenem Sinne als das köstlichste Besitztum an sich und anderen zu preisen. In Uebereinstimmung mit einer Aeußerung aus den Jünglingsjahren: „wer den einfältigen Weg geht, der geh ihn und schweige still" (an IFr. Oeser 13. IL 69) erklärt eine Stelle im zweiten Teile des Faust es für das Beste, „wenn im stillen warmen Neste sich ein Heil'ges lebend hält" (13, 121). Wie der Dichter in Herrmann und Dorothea den ruhigen Bürger zu loben weiß, „der sein väterlich Erbe mit stillen Schritten umgehet", und nicht minder den Sohn des (Hauses, dessen Bestimmung es sei, „wohl zu verwahren das Haus und stille das Feld zu besorgen", so preist er auch) anderwärts den, der „auf rechter Spur sich in der Stille siedelt", und sagt gelegentlich von sich selbst:

„Was bleibt mir nun, als eingehüllt,
Von holder Lebenskraft erfüllt,
In stiller Gegenwart die Zukunft zu erhoffen".

Dazu treten Mahnungen, wie die: „Halte dich im Stillen rein und laß es um dich wettern" (1, 65. 2, 364. 377). Goethes Zuneigung zu Spinoza beruht wesentlich mit darauf, daß er in dessen Leben und Lehre diese Stille der Seele ausgeprägt fand. Einer seiner biblischen Lieblingssprüche war das Wort aus Jesaias: „Wenn ihr stille bliebet, so würde euch geholfen". Aber auch die Natur vermag ihm in ihrer Weise dazu zu verhelfen. „Sie ist weise und still" (34, 73). Die stille, reine, immer wiederkehrende Vegetation tröstet ihn oft über die moralischen und physischen Uebel der Menschen. Einer solchen Sammlung der Seele bedarf es für Goethe überall, wo es sich für Einsichten, wie für Aufgaben um das Begreifen des Wahren und Richtigen handelt. So u. a. wo der Dichter, zugleich der Berater seines Herzogs^ bei Ilmenau abseits von der um das Feuer lagernden Hofgesellschaft über die ihm zugefallene Aufgabe nachdenkt:

„Indessen ich hier still und atmend kaum Die Augen zu den freien Sternen kehre" (1, n2).
Hinsichtlich seines poetischen Vermögens ferner ist er sich bewußt, daß, wie die „Zueignung" sagt, der Dichtung Schleier aus der Hand der Wahrheit mit stiller Seele genommen werden muß. Aber auch für dieses hohe Gut soll gelten, daß das Glück dem Menschen immer nur als Erfüllung einer Aufgabe zuteil wird; die Stille der Seele besitzt nur, wer sie sich zu erringen weiß. Iphigenie preist an Pylades, seine Seele sei stille; sie bewahre der Ruhe heil`ges,, unerschöpftes Gut. Von Dorothea wird gerühmt, sie habe mit stillem Gemüt die Schmerzen über den Tod des Bräutigams getragen. Tasso bekennt vor Antonio:

„Doch glaube nur, es horcht ein stilles Herz
Auf jedes Tages, jeder Stunde Warnung
Und übt sich insgeheim an jedem Guten" (7, 234).

und kann selbst jenem, den er für seinen Feind hielt, kein besseres Anerkenntnis seiner Gesinnung geben, als in den, Worten liegt: „O edler Mann! Du stehest fest und stille''. Und daß dergleichen alles dem Dichter aus der eigensten Seele gesprochen ist, erkennt man u. a. in dem Briefe an Frau von Stein (28, IX. 79), worin er von dem nochmaligen Besuch in Sesenheim berichtet: „Da ich jetzt so rein und still bin, wie die Luft, so ist mir der Atem guter und stiller Menschen sehr willkommen". Aus ganz anderer Umgebung heraus in einer Stelle des Tagebuchs von 1780 (13. Mai): „Was ich trage an mir und andern, sieht kein Mensch. Das Beste ist die tiefe Stille, in der ich gegen die Welt lebe und wachse, und gewinne, was sie mir mit Feuer und Schwert nicht nehmen können." Die aus der Kraft der Resignation geschöpfte Ruhe und Stetigkeit als Grundlage eines um so erfolgreicheren Wirkens nach außen ist jedenfalls einer der Hauptvorzüge, um dessen willen Goethe so mit Vorliebe das Wesen und Walten der stillen Seele zu preisen weiß. Durch Irrtum und Hoffnung in die Schule des Lebens geführt zu werden, ist, wie er im Zusammenhange einer Erzählung sagt, nicht mehr nötig, „wenn wir uns erst mit dem guten und mächtigen Ich bekannt gemacht haben, das so still und ruhig in uns wohnt und so lange, bis e^ die Herrschaft im Hause gewinnt, wenigstens durch zarte Erinnerungen seine Gegenwart unaufhörlich merken läßt" (16, 81).

7. Durch den Hinweis auf die Stille der Seele wird das Wesen und der Vorzug der inneren Freiheit mehr nach der passiven Seite hin gekennzeichnet. Mehr nach dieser Richtung liegt auch noch die Fähigkeit zur Resignation, worüber wir bei Goethe manches Wort finden, das zu dem« Faustischen: „Entbehren sollst du, sollst entbehren" den persönlichen Kommentar gibt. An Jacobi: „Ich bin ein armer Sklave der Pflicht, mit welcher mich das Schicksal vermählt hat" (3. III. 84); „auch ich lebe jetzt im Scheiden und Entbehren" (29. V. 84). Dazu aus dem Tagebuch von 1780 (13. V.): „Niemand als wer sich ganz verleugnet, ist wert zu herrschen und kann herrschen", was drei Jahre später in der poetischen Mahnung von Ilmenau an seinen Fürsten wiederklingt (1, 113). Aus Dichtung und Wahrheit: „Unser physisches sowohl als geselliges Leben, Sitten, Gewohnheiten, Weltklugheit, Philosophie, Religion, ja so manches, zufällige Ereignis, alles ruft uns zu, daß wir entsagen sollen"; und es bezieht sich mit auf ihn selbst, wenn er dann fortfährt : „Nur wenige Menschen gibt es, die, . . um allen partiellen Resignationen auszuweichen, sich ein für allemal im Ganzen resignieren. Diese überzeugen sich von dem Ewigen, Notwendigen, Gesetzlichen und suchen sich solche Begriffe zu bilden, welche unverwüstlich sind, ja durch die Betrachtung des Vergänglichen nicht aufgehoben, sondern vielmehr bestätigt werden" (23, 6 f.).

Die Frucht solcher in Bewährung der inneren Freiheit geübten Resignation ist Ernst, Besonnenheit, Selbstbeherrschung und weiter namentlich Liebe zu den Dingen und! Menschen, lieber dem Eingang zum wahrhaft persönlichen Leben steht die Mahnung aus Wilhelm Meister (17, 541): „Schreitet, schreitet ins Leben zurück! Nehmet den heiligen Ernst mit hinaus! Denn der Ernst, der heilige, macht allein, das Leben zur Ewigkeit", — sowie die aus den Wanderjahren: „Handle stets besonnen"; sie ist für Goethe die praktische Seite des: „Erkenne Dich selbst". i) Er selbst besaß, diesen Vorzug in hohem Maße, hatte ihn aber erst einem ursprünglich leidenschaftlichen Naturell abzwingen müssen. Hierzu verhalf ihm wieder sein anschauendes Denken, das ihm jedes Begegnis, jede Situation leicht in einem gegenständlichen Begriff vor Augen legte, so daß in aller Gemütsaffektion doch ein objektives Urteil sich vernehmen ließ.2) Solche Objektivität ist für Goethe denn auch der Ansatzpunkt seiner Welt- und Menschenliebe. Er weiß, wie er an Jaoobi (10. V. 12) schreibt, daß man nichts kennen lernt, „als was man liebt, und je tiefer und vollständiger die Kenntnis werden soll, desto stärker, kräftiger und lebendiger muß Liebe, ja Leidenschaft sein". Jedes ideale Streben ist ihm lieb und wert, seitdem er aus eigener Erfahrung gelernt hat, daß wahre Schätzung nicht ohne Schonung sein kann (an dens. 2. I. 00.). Schon die Tatsache der eigenen Fehlbarkeit deutet in diese Richtung:

„Kannst dich nicht vom Fehl befrein,
Wirst du andern gern verzeihn." (2, 361).

Aus solcher Schätzung entspringt dann auch im Praktischem das richtige Verhalten angesichts der Gegensätze von Egoismus und Nächstenliebe:

„Wenn der und der ein Egoist,
So denke, daß du es selber bist.
Du willst nach deiner Art bestehn:
Mußt selbst auf deinen Nutzen sehn ! . .
Doch den laßt nicht zu euch herein.
Der andern schadet, um etwas zu sein !" (2, 365).

In demselben Sinne ist die Aeußerung an Zelter (7. XL 16): „Kindlein, liebt euch, und wenn das nicht gehen will: laßt wenigstens einander gelten".

„Lieb' und Leidenschaft können verfliegen,
Wohlwollen aber wird ewig siegen" (2, 363).

Auf dieser Grundlage bildet sich dann von selbst die „grenzenlose Uneigennützigkeit", die auf Goethe schon frühzeitig aus Spinozas Schriften wirkte, und das Gutes Tun „rein aus des Guten Liebe" (4, 98), das ihm bei demselben entgegengekommen war in „jenem wunderlichen Wort": Wer Gott liebt, muß nicht verlangen, daß Gott ihn wieder liebe. (22, 168).

8. Die persönliche Selbständigkeit, die wir in den vorigen Kapiteln bei Goethe in den verschiedenen Seiten seines Denkens beobachten konnten, tritt uns auch in den Inhalten'^ seiner Lebensanschauung und in seinen moralischen Ansichten entgegen. Wenn auch im Einzelnen manches an, Spinoza oder Kant erinnert, anderes vielleicht an Shaftesbury oder Rousseau anklingt, Goethes Lebensauffassung als Ganzes ist in der Hauptsache der theoretische Widerschein der Art und Weise, wie er praktisch sein eigenes Leben gestaltete. Den Fortschritt von der nur individuellen Neigungen lebenden Abgeschlossenheit zu allseitig tatkräftigem Wirken hat er selbst in und an sich vollzogen, und zwar nicht lediglich in einer bestimmten Epoche, sondern im stetigen Verlauf seines Lebens. Denn dieses selbst zeigt eine beständige Abwechslung des Einen mit dem Anderen, nur daß er keinem von beiden jemals zu unfruchtbarer Einseitigkeit auszuarten gestattet. In diesem Punkte liegt auch der Grund, der ihn mit der einseitig individualisierenden und ästhetisierenden Lebensanschauung der Romantik nie einstimmig werden ließ, obwohl er zu dieser Richtung von künstlerischen Motiven her jeweilen immer wieder Beziehungen fand. Als später das höhere Alter ihn von der unmittelbaren Wechselwirkung mit dem äußeren Leben mehr und mehr abschloß, konzentrierte sich sein Interesse auf die eingehendere Betrachtung des Problems selbst, dessen Lösung er seither persönlich dargelebt hatte, dem Verhältnis des tätigen zum beschaulichen Leben, wie dies auch die beiden Hauptwerke seines Alters, die Wanderjahre und die letzten Akte des Faust zum Ausdruck bringen.

Diese beiden Werke, insbesondere das erstgenannte, sind aber noch in anderer Beziehung von besonderem Interesse. Sie zeigen, daß das persönlich fortbildende Moment in Goethe auch im letzten Abschnitte seines Lebens nicht aufhörte zu wirken. Unter den Eindrücken der neuen Zeitlage, in die er sich seit der Neubildung der deutschen politischen Verhältnisse gestellt fand, hat sich bei ihm neben der individualistischen Wertung der Lebensaufgabe, in die er mit der ihn von Jugend auf umgebenden Lebensauffassung hineingewachsen war, der Blick für dasjenige Problem entwickelt, auf dessen Bewältigung die Hauptarbeit des nach ihm kommenden Zeitalters gerichtet sein sollte: für die Umgestaltung des Kulturlebens unter der Wirkung sozialer Faktoren und Prinzipien. Durch Inanspruchnahme )iach dieser Seite hin war im achtzehnten Jahrhundert, wo in den deutschen Kleinstaaten die Bevölkerung meist patriarchalisch-persönlich, in den größeren Staatswesen im Sinne des aufgeklärten Despotismus regiert wurde, niemand gehindert worden, in der Stille des Privatlebens in individuellster Weise nach Geschmack und Neigung aus seiner Einzelpersönlichkeit zu machen, was er wollte und konnte. Es war eine Zeit, unter deren Gunst Goethe noch 1794 (31. X.) mitten aus bedrohlichsten politischen Unruhen heraus an Jacobi schreiben konnte: „Wir suchen uns zusammen, so viel als möglich, im ästhetischen Leben zu erhalten und alles außer uns zu vergessen". Nach dem Zusammenbruch von 1806 beklagte er gegen Zelter u. a. dieses, daß der neue Zustand nicht mehr wie der frühere, namentlich in Norddeutschland „den Einzelnen zuließ, sich soweit auszubilden als möglich, und jedem erlaubte nach seiner Art beliebig das Rechte zu tun" (27. VIT. 07). Er bemerkte sehr wohl, wie als die Folge des politischen Umschwung in fast allen Verhältnissen eine straffere Einbeziehung und Einordnung der Individuen in die Erfordernisse der nationalen Gesamtheit sich entweder schon durchsetzte oder wenigstens zum Heile des Ganzen aller Orten als Bedürfnis einstellte. Und es ist ein neuer bemerkenswerter Zug seines Wesens, daß er, der den Segen des Früheren unter allen, vielleicht im höchsten Maße erfahren hatte, auch der veränderten Gegenwart sich in seiner Weise gewachsen zeigte. Die „Verjüngung", die in seinem Lebensgange nach demi Beginn der sechziger Jahre desselben hervortrat, bekundet sich nicht bloß in seiner Hinwendung zur Weltliteratur und den zunächst hieraus entspringenden Dichtungen, nicht bloß in der tiefblickenden Schilderung des deutschen Kulturlebens in Dichtung und Wahrheit, sondern namentlich auch darin, daß ihm das Bedeutungsvolle und Berechtigte der neuen praktischen Probleme zum Bewußtsein kommt, die jetzt von verschiedenen Seiten her an das Leben der Nation herantraten, wenn er auch mit der Art, wie sie im ersten Eifer insbesondere von der Jugend angefaßt wurden, vielfach nicht übereinstimmte. Dies gilt zunächst von seiner Stellung zum patriotischen Bewußtsein der Deutschen. Zu der Hoffnung auf das Gelingen der auf Größe und Selbständigkeit des deutschen Volkes gerichteten Bemühungen hatte er unter dem Drucke der Fremdherrschaft, namentlich angesichts der bewunderten Persönlichkeit Napoleons sich zunächst nicht aufzurichten vermocht. Die verstärkte literarische Zurückgezogenheit jener Jahre hatte für ihn den Nachteil, daß ihm der Blick fehlte für die in der Stille, besonders im nördlichen Deutschland aufquellenden neuen Kräfte des Volks- und Staatslebens, welche die nationale Erhebung vorbereiteten. Als das Unerwartete dann doch Wirklichkeit geworden war, hat auch Goethe, wie andere bedeutende Zeitgenossen, froheren Herzens an die politische Zukunft seines Volkes glauben gelernt wenn er auch mit Recht dabei beharrte, auch die patriotischen Interessen sub specie aeternitatis und deswegen in ihrer Ein- und Unterordnung zu der jederzeit von ihm hochgehaltenen „reinen Menschlichkeit" zu betrachten. „Der Dichter wird", wie er (1832) zu Eckermann sagt, „als Mensch und Bürger sein Vaterland lieben, aber das Vaterland seiner poetischen Kräfte und seines poetischen Wirkens ist das Gute, Edle und Schöne, das an keine besondere Provinz und an kein besonderes Land gebunden ist . . . Er ist darin dem Adler gleich, der mit freiem Blick über Ländern schwebt" (G 8, 139).

Der Inhalt seiner letzten Werke, ebenso wie der seiner Briefe und Gespräche, bringen es zum Ausdruck, daß auch Goethe der Sinn aufgegangen war für das beginnende Emporkommen eines neuen Zeitalters. Allerdings: der Sinn, nicht eigentlich das Herz. Dem Luftzug der neuen Zeit gegenüber behauptet er sich erst recht in der individuellen Abgeschlossenheit und dem von innen her gegründeten Reichtum seines persönlichen Eigenlebens als „der Alte von Weimar". Aber es wird ihm sofort Bedürfnis, sich von diesem geschlossenen Räume aus mit den neuen Problemen theoretisch auseinanderzusetzen, sich der großen Notwendigkeit der eingetretenen Wandlung zu bemächtigen, ihrer Bedeutung und Zukunft inne zu werden, und den Ertrag dieser Einsichten auch in dichterischen Produktionen ans Licht zu stellen. Und zwar sind es vor allem anderen die Anfänge der sozialen Frage, die ihn in dem bezeichneten Sinn jetzt bewegen. Das Werk aber, worin sich, insbesondere theoretisch und zugleich poetisch, der Niederschlag der hierauf gerichteten Erwägungen findet, ist die Fortsetzung des Wilhelm Meister, die Wanderjahre. Mit der abgeklärten Ruhe, aber zugleich mit dem verständnisvollen Blicke des Alters zeichnet er hier die Grundlinien, einer neuen Organisation an der Hand der Frage von dem' rechten Verhältnis der erwerbenden Klassen zu den besitzenden. 

Das Problem, um das es sich dort handelt, entspringt ihm aus dem Gegensatze zweier Schichten der Bevölkerung, einer seßhaften und einer beweglichen. Jene hat den ererbten Grundbesitz zu behaupten und zu verwalten, diese dagegen ist in sehr mannigfaltigen Interessen und Berufsarten angewiesen auf den Erwerb und damit auf das Wandern. In die wandernde Klasse werden nicht nur die Vertreter von Handwerk und Handel einbezogen, sondern auch die Bildung suchende Jugend und der wissenschaftliche Forscher, ferner Beamte und Künstler, Soldaten und Diplomaten, bis hinauf zu dem kriegführenden Herrscher. Der hohe Wert des ansäßigen Wesens mit seiner ruhigen Entwicklung geselliger, patriotischer und sittlicher Verhältnisse wird nach Gebühr gewürdigt; aber „die meisten und höchsten Güter bestehen eigentlich im Beweglichen und in demjenigen, was durchs bewegte Leben gewonnen wird"« „Zu Hause kann einer unnütz sein, ohne daß es eben sogleich bemerkt wird; außen in der Welt ist der Unnütze gar bald offenbar" (18, 351 f.). Für das Wohl der Einzelnen, wie der Gemeinschaft kommt nun alles darauf an, einerseits; den individuellen Fähigkeiten und der in ihrer Wirksamkeit liegenden Befriedigung möglichst freien Spielraum zulassen oder zu schaffen, andererseits aber doch die ganze große bewegliche Menschenwelt nicht dem Zufall und der oft ununterrichteten Willkür anheimzugeben, sondern sie einer Lenkung zu unterstellen, die womöglich jedem Einzelnen das seiner Eigenart entsprechende Ziel steckt und ihm zu dessen Erreichung die erforderliche Belehrung und Anweisung erteilt. In dem Roman der Wanderjahre existiert zu diesem Zwecke eine leitende Gesellschaft als „das Band", wie sie sich selbst nennt, in der fluktuierenden Menge, das: jene in einer Organisation zusammenhält und teils einzelne,, teils ganze Genossenschaften bald hierin, bald dorthin verpflanzt, wie es den Interessen dieser selbst, wie auch des gemeinschaftlichen Ganzen entspricht. Für diese Bewege liehen ist das Wanderlied von 1821 gedichtet:

„Bleibe nicht am Boden heften,
Frisch gewagt und frisch hinaus!
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Daß wir uns in ihr zerstreuen,
Darum ist die Welt so groß."

Als sein Vaterland hat jeder von ihnen die Stätte zu betrachten, an der es ihm ausschließlich vergönnt ist, dauernd nützlich zu wirken. Mit besonderem Interesse und Wohlwollen hat der Dichter nebenbei unter den erwerbenden Klassen den Blick gerichtet auf die kleinen Leute der zu seiner Zeit namentlich auch in Thüringen noch verbreiteten Hausindustrie, hier insbesondere der meist von anspruchslosen Plauen ausgeübten Hausweberei. Er beschreibt ihre Technik, zeichnet mit liebevollem Eingehen das einfach Menschliche und Idyllische ihrer häuslichen und örtlichen Zustände, kann aber zum Schluß nicht umhin, ihnen nicht ohne erhebliche Besorgnis Widerstandsfähigkeit  zu wünschen gegen die Erfolge des bereits mit Macht herandringenden Maschinenwesens.

Die Wandernden sowohl wie die Seßhaften unterstehen weiter gemeinsam einer starken souveränen Regierung, deren Mitglieder die Pflicht haben, die Organisation des Ganzen im Sinne der eben bezeichneten Aufgaben in Kraft zu erhalten. Sie hat namentlich auch das Eigentumsrecht am m Grundbesitz zu regeln und in den Dienst der Gesamtheit zu stellen, allerdings nicht etwa durch Neuaufteilung des vorhandenen Besitztums, sondern (wie am Schlüsse des Faust) durch Erschließung neuen unbewohnten Landes für die Unbemittelten; also eine Art innerer und unter Umständen wohl auch äußerer Kolonialpolitik. Das soziale Problem kann, was die Stellung der Besitzenden betrifft, freilich nur gelöst werden, wenn jeder einzelne Besitzer für sich selbst schon die richtige Anschauung von seinem Verhaltsnis zu den Besitzlosen hat. „Jede Art von Besitz soll der Mensch festhalten, er soll sich zum Mittelpunkt machen, von dem das Gemeingut ausgehen kann; er muß Egoist sein, um nicht Egoist zu werden, zusammenhalten, damit er spenden könne... Dies ist der Sinn der Worte: Besitz und Gemeingut. Das Kapital soll niemand angreifen; die Interessen werden ohnehin im Weltlaufe schon jedermann angehören" (18, 85). Mit besonderem Nachdruck weist Goethe ferner hin auf den Wert von Vereinigungen und Genossenschaften der Einzelnen. Alle brauchbaren Menschen, und zwar nicht bloß innerhalb desselben Landes, sollen in Bezug zueinander stehen. In dieser Richtung wird sogar die Idee eines über die Nationalitäten übergreifenden „Weltbundes" ins Auge gefaßt. Die Freiheit des Einzelnen ist nur soweit möglich und berechtigt, als sie den für das Wohl des Ganzen unumgänglichen Einrichtungen nicht widerstreitet. Unter Freiheit im sozialen Sinne versteht Goethe die Fähigkeit, daß jeder die ihm angemessene Tätigkeit ungehemmt betreiben kann. Jeder Einzelne hat, wie er nachmals gegenüber den Tendenzen des St. Simonismus äußerte, sein Augenmerk nicht in erster Linie auf das Glück des großen Ganzen zu richten; er soll vielmehr bei sich selbst anfangen und zunächst sein eigenes Glück machen, woraus dann zuletzt, sofern jeder als einzelner seine Pflicht tut, das Glück des Ganzen unfehlbar entstehen wird. Regierung und Gesetzgebung sollen mehr trachten, die Masse der Uebel zu vermindern, als „sich anmaßen zu wollen, die Masse des Glücks herbeizuführen". Aber für Herstellung jener Art von Freiheit hat sie allerdings positiv zu sorgen, und der Staat darf, wenn er das tut, auch in die Organisation der Berufsgenossenschaften durch Maßregeln der Kontrolle, Meisterprüfungen u. dgl. eingreifen. Wissenschaft und Kunst aber sollen von dort her nicht bevormundet werden, weil sie nur durch allgemeine freie Wechselwirkung aller zugleich Lebenden in steter Rücksicht auf das Vergangene gefordert werden können. Der Staat sorgt ferner für die religiöse Erziehung, die sich aufbaut auf den Grundanschauungen der christlichen Ethik. Er kann sogar verlangen, daß sich vom öffentlichen Kultus niemand absondere, da dieser als ein Bekenntnis zu betrachten ist, daß man im Leben und Tod zusammengehöre. Die eigentliche Religion freilich bleibt „ein Inneres, ja Individuelles, denn sie hat ganz allein mit demi Gewissen zu tun" (18, 98 f.).

Daß der Staat sich auch mit Parteien und Majoritäten abfinden muß, ist Goethe natürlich auch nicht entgangen., Er betrachtet sie aber als etwas, was zur wahren Freiheit, wenig austrage. Niemals höre man mehr von Freiheit reden, als wenn eine Partei die andere unterjochen will. Die Majorität müsse man gelten lassen im notwendigen Weltverlauf; „im höheren Sinne haben wir aber nicht viel Zutrauen auf sie". Sie besteht, nach einem der Sprüche, aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich akkommodieren, aus Schwachen, die sich assimilieren, und der Masse, die nachtrollt, ohne nur im Mindesten zu wissen, was sie will. (18, 371. 19, 203.) 

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