> Gedichte und Zitate für alle: Herman Siebeck: Goethe als Denker- 5. Kapitel

2019-11-09

Herman Siebeck: Goethe als Denker- 5. Kapitel




Fünftes Kapitel.

Schlußbetrachtungen.

1. Wem daran liegt, das Maßgebende und Durchgreifende in Goethes philosophischen Ansichten einer der obersten Kategorien unterzuordnen, wie sie zum allgemeinen Verständnis der historisch-philosophischen Entwickelung sich darbieten, wird sie den Versuchen zuzurechnen haben, die schon vom Altertum her darauf ausgehen, für den in der Welt waltenden Gegensatz von Stoff und Geist oder (in konkreterer Fassung) von Natur und Leben durch die Auffassung des Gegebenen vom ästhetischen Gesichtspunkt aus eine Synthese zu gewinnen, wodurch die Erkenntnis der Wesenseinheit beider Seiten begründet wird. Schon die Spekulation Platons und später der Neuplatoniker liegt in dieser Richtung, sofern sie die Prinzipien der Wirklichkeit, die Ideen, nicht bloß als allgemeinste Typen der Naturgattungen betrachtet, sondern zugleich als höchste Werte und in Schönheit strahlende überempirische Musterbilder sowohl für die Dinge, die ihnen „nachgeahmt" sind, als auch für die Beschaffenheit der Seele, die ihre Vollkommenheit nur durch den Aufblick zu ihnen erlangen und behaupten kann. In noch direkterer Weise treten dann bei Aristoteles Natur und Menschenleben in gemeinsame Unterordnung unter die ästhetische Auffassung: dort die Ausgestaltung der Materie durch die darin wirkenden ideellen oder Form - Prinzipien zu Maß, Gesetzmäßigkeit, Harmonie und Zweckgebilden; hier Entwickelung des individuellen Wesens durch wissenschaftliche Bildung und von ihr durch leuchtete Lebensführung zur Höhe der zu vornehmer Humanität abgeklärten Persönlichkeit. Aus dem Zeitalter der Renaissance heraus sucht dann G. Bruno die Vereinheitlichung der beiden Gebiete in dem Prinzip der unendlichen Entwickelung des Weltganzen, das im Menschen sich als das ewige Streben nach dem Ideale darstellt, wobei den Wesen und Dasein des Weltganzen gleichfalls eine vorwiegend ästhetische Bedeutung beigelegt wird. Dieser Standpunkt der Weltbetrachtung wird nun bei Goethe gefestigt und zugleich vertieft durch die mit Bewußtsein vollzogene Gleichsetzung der Begriffe von Welt, Natur und Leben mit dem Begriffe der Kunst und des künstlerischen Produzierens. Die genannten Gebiete sind gemeinsam beherrscht von dem Gedanken einer künstlerischen Organisation oder Technik, die sich in ihnen hinsichtlich ihrer wesentlichen Eigenschaften als dieselbe bewährt. Hierdurch wird eine Erhöhung des Wesensgehaltes für sie alle gewonnen. Das Universum erscheint nicht als ein letzten Endes durch mechanische Bedingungen zusammengehaltenes, im Uebrigen indifferentes Ganzes von Stoffen und Kräften, sondern als vom Grund her von Ideen durchwaltet, deren Wiesen, Wert und Inhalt sich in den naturgesetzlichen Zusammenhängen zum Ausdruck bringt. Das Leben ferner tritt unter die Norm der Vorstellung, daß es von dem Menschen nicht lediglich reflexionslos hingenommen werden soll als Tatsächlichkeit der Aufeinanderfolge von Lust und Leid, von Zerstreuung und Berufsarbeit, sondern daß dies alles erst das Material abzugeben hat, das von der Persönlichkeit her geordnet und durchgebildet wird zu einem Ganzen, dem die Einheitlichkeit des persönlichen Charakters aufgeprägt ist, analog der Weise, wie die Persönlichkeit des Künstlers sich am Stoff des Kunstwerks zum Ausdruck bringt. Das Wesen der Kunst und insbesondere des Kunstwerks endlich bekommt einen besonderen Schwergehalt durch den Gedanken, daß es nicht lediglich den schönen Schein des Vergänglichen und Einzelnen von der Oberfläche her darzubieten, sondern im konkreten Einzelnen ein Symbol darzustellen habe von dem was die Welt, Natur und Leben zusammenhält: die grundwesenhafte Einheit und Harmonie von Natur und Geist, den Wesenszusammenhang des Menschlichen mit dem Göttlichen. Die Schaffenskraft des Künstlers soll der der Natur analog und darum ebenbürtig sein. Das Leben des Einzelnen überhaupt hat ferner als Aufgabe und obersten Zweck, aus sich selbst im Laufe seiner Entwickelung immer mehr ein Kunstwerk zu machen. Die Kunst selbst soll in letzter Instanz nichts Anderes sein wollen, als „Folge des Lebens", wie z. B., nach Goethe, ein klassischer Nationalautor nur derjenige werden kann, der nicht nur seine Nation auf einem hohen Grade von Kultur findet, sondern auch selbst „vom Nationalgeiste durchdrungen, durch ein einwohnendes Genie sich fähig fühlt, mit dem Vergangenen, wie mit dem Gegenwärtigen zu sympathisieren" (29, 239). Wie sehr durch alles dieses der Begriff des Künstlers gehoben und das Wesentliche seiner Aufgabe vertieft wird, braucht nicht noch ausgeführt zu werden.

Die Unterstellung des Gesamtgebietes der Wirklichkeit unter diesen einheitlichen Gesichtspunkt hat reiche Frucht getragen. Die Grundstimmung, die sie hervorbringt, ist ein frohmütiges Vertrauen, welches, mit des Dichters eigenen Worten, von der Harmonie des Daseins die seligste Versicherung gibt. Es ist bei Goethe, nach der Darstellungsweise Th. Carlyle die Fähigkeit, ein tolles, von Zweifelsucht, Uneinigkeit und Verzweiflung erfülltes Universum in ein weises Universum des Glaubens, des Wohlklangs und der Ehrfurcht zu verwandeln. Der ernst-freudige Daseinssinn soll sich allen Typen und Grundformen der Wirklichkeit gegenüber bewähren. „Am Sein erhalte dich beglückt". Welche Funken erhebender Betrachtungsweise versteht Goethe z. B. selbst aus der sprödesten aller Naturformen in seiner Betrachtung „über den Granit" (33, GLXIV f.) herauszuschlagen! Diese Dichtung der Goetheschen Welt und Lebensanschauung ist eine bleibende Errungenschaft für das geistige Leben und wird vorbildlich bleiben, auch wenn man anerkennt (was in den voraufgehenden Kapiteln an den bezüglichen Stellen bereits ins Licht gesetzt ist, daß der künstlerische Gesichtspunkt nicht in alle dunkeln Tiefen des Weltgeschehens hinableuchtet, daß er insbesondere den Gang und die Methode der wissenschaftlichen Forschung im Einzelnen nicht von vornherein zu bevormunden beanspruchen darf, und daß in der Art, wie er bei Goethe durchgeführt ist, eine Unausgeglichenheit der entgegengesetzten Standpunkte des Pantheismus und des Individualismus sich hindurchzieht.

Soweit es gelingt, Natur, Leben und Kunst unter einem' einheitlichen Gesichtspunkte zu begreifen, wird damit auch der alte Gegensatz des Theoretischen und Praktischen, der Widerstreit des sich selbst genügenden wissenschaftlichen mit dem auf Wirksamkeit nach außen gerichteten Lebensinteresse eine Ausgleichung erfahren. Man gewahrt in Wissenschaft und Leben gemeinsam das Walten eines Bedürfnisses, nach geistiger Durchleuchtung und einheitlichharmonischer Gestaltung des sich zufällig und ungeordnet aufdringenden Stoffes der Erfahrung und überhaupt der Wirklichkeit. Und wer, instinktiv oder mit vollem Bewußtsein, seinem Leben die Dichtung im Sinne dieser Aufgabe erteilt, wird nie in Gefahr kommen, durch Wissenschaft dem Leben entfremdet zu werden oder vor den Interessen des Letzteren das Verständnis für Wesen und Wert des Theoretischen zu verlieren. Die Ueberwindung des hier bezeichneten Gegensatzes erscheint denn auch bei Goethe geradezu als eine Lebensaufgabe. Im eigenen persönlichen Leben, wie in seiner Dichtung (namentlich auch im Faust), und nicht minder in zahlreichen objektivsachlichen Aeußerungen und Erörterungen sucht er ihrer Herr zu werden. Er stellt damit eins der erheblichsten Probleme betreffs der Normalität und Gesundheit des Kulturlebens in den Vordergrund der Beachtung. Allerdings wird man dazu (was bei ihm: weniger hervortritt), im Auge behalten müssen, daß jener Gegensatz zu denen gehört, die dem Wesen des Lebens und der Kultur zufolge zu einer absoluten Ueberwindung und Ausgleichung nicht gelangen können, und es auch nicht dürfen. Daß wissenschaftliche Theorie und die gegebene konkrete Wirklichkeit nie ohne Best gegenseitig aufgehen, zeigt schon die Verschiedenheit und der Streit der allgemeinsten, auf den Sinn, Wert und Zusammenhang von Natur und Leben bezüglichen fachwissenschaftlichen und philosophischen Ansichten. Die mechanische (Kausalität suchende) und die teleologische (wertsetzende) Betätigung, jene das Organ der wissenschaftlich-theoretischen, diese der treibende Impuls zu allen vom Leben her auf das Leben hin wirkenden Gedanken, suchen sich von verschiedenen Seiten her des Sinnes der Wirklichkeit jede auf ihre Weise zu bemächtigen. Da ihr letzter Einheitspunkt jenseits der Erfahrung liegt, so sind sie innerhalb dieser darauf angewiesen, sich beständig gegenseitig aneinander zu messen, und die Geschichte der Wissenschaft sowohl, wie auch der Kultur überhaupt, zeigt, daß der in neuen Formen immer wieder hervortretende Gegensatz der beiden Tendenzen darauf hinwirkt, das Gesamtleben im Theoretischen, wie im Praktischen im steten Fluß und fortgehender Höherbildung zu erhalten. Der Erkenntnis dieses Sachverhalts hat sich auch Goethe nicht verschlossen, und man bleibt in seinem' Sinn und Geist, wenn man sie anerkennt mit dem Vorbehalt, daß der Gegensatz selbst als solcher niemals das letzte Wort ihat, sondern die Aufgabe stellt, ihn in der Einheit der künstlerischen (Weltanschauung zur Synthese zu bringen.

Goethe selbst ist sich bewußt, daß seine Weltanschauung, -die ästhetisch künstlerische, nur eine „Beruhigung an den Grenzen der Menschheit" ist, also in die letzten und tiefsten Probleme einerseits des Theoretisch-Metaphysischen, andererseits des Ethischen nicht hinabreicht Aber er sah in ihr den vereinten Abglanz der von diesen beiden Seiten wirkenden Potenzen. Man kann dieser Denkweise ihr Recht und zugleich ihre Grenzen bestimmen durch die Einsicht, daß es nicht lediglich darauf ankommt, das Leben des Einzelnen, sondern hauptsächlich das der Gesamtheit zum Kunstwerk zu gestalten, und daß auch dieses Ziel immer nur annähernd erreicht werden kann. Das Streben danach' führt in Aufgaben, in deren Bewältigung die Harmonie der physischen und geistigen Kräfte im Einzelmenschen, wie in der Gemeinschaft zeitweise immer wieder durchbrochen werden muß zugunsten einer für die Zukunft fruchtbaren Einseitigkeit. Und dieser Sachverhalt kann sich sowohl nach der theoretischen, wie nach der sozialen Seite hin notwendig machen, wie dies die Kulturentwicklung besonders auch in Deutschland seit Goethes Zeit hinreichend bewiesen hat, Die von Goethe der Forschung, wie der praktischen Arbeit zugewiesenen Aufgaben und Grenzen müssen zu diesem Zwecke jeweilig erweitert werden. Das Goethesche Ideal als solches aber wird immer wieder als zu Recht bestehend hervortreten.

2. Es liegt nahe und ist der Mühe wert, Goethes Grundanschauungen mit denen zweier moderner Denker zu vergleichen, deren Einfluß auf die Gegenwart besonders bedeutsam gewesen ist, mit Schopenhauer und Nietzsche. Das spezifisch Philosophische im Dichten und Denken Goethes ist, ebenso wie die Gedanken Schopenhauers, erst in der zweiten Hälfte des abgelaufenen Jahrhunderts zu tieferer Wirkung im geistigen Leben der Gebildeten gekommen. Der Pessimismus des Letzteren hat hier einen ausgesprochenen Gegensatz gegen die weltfreudige Goethesche Stimmung gebildet. Und doch wandeln sie, was ihre Lehre betrifft, beide, wenn auch mit entgegengesetzter Ausbiegung des Weges, von demselben Ausgangspunkt zu dem gleichen Ziele: von dem Streben nach anschaulicher Erkenntnis der Welt zu der ästhetischen-künstlerischen Auffassung der gegebenen Wirklichkeit und in ethischer Beziehung zu dem Ideale der Selbstüberwindung. 

Schopenhauer hat von Goethe persönlich und literarisch tiefgehende Einflüsse erfahren und ist in einer seiner ersten Schriften bekanntlich auch für dessen Farbenlehre eingetreten. Auch für ihn ist die anschauliche Erkenntnis, mit der Ergänzung, die der Verstand dazu bringt, also das gegenständliche Denken die Grundlage und der Mutterboden aller Erkenntnis. Reflexion ist nur Nachbildung, Widerschein der urbildlich anschaulichen Welt, nur in einem völlig heterogenem Stoffe, nämlich in Begriffen. Die abstrakte Reihe der Erkenntnisgründe muß zuletzt doch immer mit einem Begriffe schließen, der seinen Grund in der anschaulichen Erkenntnis hat. Und diese letztere ist sich selber genug wenigstens insofern, als das, was rein aus ihr entsprungen, und ihr treu geblieben ist, wie das echte Kunstwerk, niemals falsch sein und durch irgend eine Zeit widerlegt werden kann  „Eben weil die Idee anschaulich ist und bleibt, ist sich der Künstler der Absicht und des Zieles seines Werkes nicht in abstracto bewußt; nicht ein Begriff, sondern eine Idee schwebt ihm vor". Allerdings ist das intuitive Denken bei Goethe mehr eine Wirkung der Phantasie, welche die einzelnen Erscheinungen typisch zusammenfaßt und gliedert, bei Schopenhauer dagegen mehr eine Ausdeutung der Erscheinung vermittelst des Kausalität hinzubringenden Verstandes. Beide aber suchen das Metaphysische nicht in dem der Anschauung entzogenen Inhalte abstrakter Begriffe, sondern in der vertieften Bedeutung eines oder •mehrerer Bestandteile der der äußeren oder inneren Anschauung gegebenen Wirklichkeit. Bei Goethe sind dies die Urphänomene, bei Schopenhauer die Ideen, deren Wesen mit dem Begriffe jener übereinkommt. Nur daß bei dem Dichter es bei einer Mannigfaltigkeit von Urformen sein Bewenden hat, während der Metaphysiker ihre Vielheit auf die Einheit des von der Erfahrung aus erschlossenen Willens als des Dinges an sich zurückführt, der sich in ihnen als einer gegliederten Welt von Typen, also Goethisch gesprochen, in einer Welt von Urphänomenen, objektiviert. Den theoretischen Teil der Philosophie Schopenhauers könnte man als den Versuch bezeichnen, an der Hand des Goetheschen gegenständlichen Denkens zu dem Reiche der „Mütter", in die metaphysische Tiefe der Wirklichkeit vorzudringen, deren letzte Pforten aufzureißen Goethe selbst sich mit Bewußtsein versagte. 

Noch zahlreicher und deutlicher sind die Berührungspunkte zwischen Goethe und Nietzsche, wie denn Goethe einer von den sehr Wenigen, unter den Deutschen vielleicht der Einzige war, zu dem sich bei Nietzsche dauernd eine Art von Emporsehen wahrnehmen läßt. Beiden gemeinsam ist die Dichtung auf Voranstellung der Ansprüche des Lebens vor die der Erkenntnis, die Abwendung von der systematischen Metaphysik, die Abneigung gegen das Christentum, die freilich bei Goethe sich nur auf die zeitgenössische und überhaupt historische Verkleidung, bei Nietzsche aber auf den Kern der Sache bezieht; ferner die Ueberzeugung von der souveränen Berechtigung des Genies. das auch der Moral gegenüber sui juris zu sein beanspruchen dürfe. Sogar Ausblicke in der Richtung des erst noch heranzuzüchtenden Uebermenschen könnte man bei Goethe aufzuzeigen sich versucht finden: „Wer weiß, ob nicht auch der ganze Mensch wieder nur ein Wurf nach einem höheren Ziel ist?" Nietzsche ist Optimist, wie Goethe, und zwar, wenigstens in seiner früheren Periode, gleichfalls wie dieser, in dem Blick auf die unerschöpfliche Quellkraft und Lebensfülle, die im Weltall oder als dasselbe sich zum Ausdruck bringt, und er ist, in derselben Zeit, mit Goethe auch ein^ stimmig darin, daß er das Wesen der wahren Erkenntnis und Wissenschaft als Nachahmung der Natur in Begriffen betrachtet, eine Auffassung, die dann bei beiden Denkern allerdings zu entgegengesetzten Ergebnissen führt, weil die Würdigung der Natur selbst eine ganz verschiedene ist. Während sie bei Goethe positiven Gewinn bringt, in der Erfassung der Urformen und Verehrung der im Naturganzen unbewußt waltenden und beglückenden Hoheit und Weisheit, ist sie für Nietzsche im wesentlichen nur charakteristisch durch ihre Vergänglichkeit und Ziellosigkeit und die Gleichgültigkeit gegen Wohl und Wehe des Menschen Besonders hervortretend ist das Gemeinsame in der Forderung, das Leben selbst als eine Kunst aufzufassen und« zum Kunstwerk zu gestalten. Und doch gehen andererseits, gerade von dieser Position aus die beiderseitigen Wege wieder direkt auseinander. Für Goethe liegt der künstlerische Charakter des Lebens in der harmonischen Einordnung der Persönlichkeit, unbeschadet der Anerkennung ihrer individuellen Besonderheit, in die ethischen Bezüge der Gemeinschaft. Das Ideal ist hier, wie namentlich im Wilhelm Meister hervortritt, die gemeinsame und sich gegenseitig fördernde Durchbildung des Einzellebens wie des Gemeinschaftslebens zum Kunstwerk: die Harmonie des Einen beruht wesentlich auf der des Anderen, indem es diese seinerseits zugleich bedingt. Für Nietzsche dagegen kommt das Verhältnis zur Gemeinschaft für den Einzelnen nur insoweit in Betracht, als es für diesen, sofern er eine Herrennatur ist, die Veranlassung gibt, den Willen zur Macht und die Entwickelung seiner vornehmen Natur in der theoretischen und praktischen Loslösung von der Moral der „Herdenmenschen" durchzusetzen. An die Stelle endlich der göttlichen Vorsehung, die, wenn auch nicht durchweg in Uebereinstimmung mit menschlichen Begriffen, bei Goethe im Universum waltet und insbesondere auch aus der Natur als solcher sich herauslesen läßt, tritt bei Nietzsche, als zeitlicher wie gedanklicher Abschluß seiner Theorien, die schon im Altertum von der Stoa vorgetragene fatalistische Lehre von der Wiederkunft aller Dinge.

3. Zum letzten Abschluß dieser Betrachtung erscheint es angemessen, noch einmal auf das hinzuweisen, was in Goethes individuellem Wesen, wie speziell in seinem Denken das Zentrale und zugleich das auch für spätere Zeiten Vorbildliche ist: die Ueberzeugung von dem Eigenwerte der Persönlichkeit. Nicht bloß den Dingen, sondern, auch uns selbst müssen und dürfen wir einen Wert zuerkennen schon auf Grund dessen, was wir als Personen sind, oder geworden sind, und nicht lediglich, sofern wir uns als Mittel zu betrachten haben für Verwirklichung bestimmter Ziele. Allerdings, die Individualität steht von vornherein im Dienste höherer Aufgaben. Erst dadurch bildet •sie sich heran zum Wesen der Persönlichkeit. Ihren höchsten Wert aber besitzt diese in Goethes Sinne doch nicht lediglich aus der Bezogenheit auf etwas Aeußeres, sondern im Innewerden dessen, was sie in jenem Dienste aus sich selbst zu machen imstande ist. Die von ästhetischen und ethischen Normen und damit von „reiner Menschlichkeit" getragene und beglückte Persönlichkeit hat schon als solche absoluten Wert und darf, nach Goethe, auch der Anknüpfung ihres Daseins an das Ewige und Unvergängliche sich bewußt und dessen froh werden. Wir verstehen von hier aus erst völlig, was Goethe zu sagen hatte von dem Werte der „Ehrfurcht vor sich selbst" (S. 149), in der jede andere Art der Ehrfurcht von göttlichen und menschlichen Dingen ihre eigentliche Wurzel habe. Auch das echte und fruchtbare Wirken fließt wesentlich aus jener Quelle. „Man muß etwas sein, um etwas zu machen".

Goethe sprach hiermit nur dasjenige aus, was er selbst als Mensch darstellte und bewährte, in der Vereinigung nämlich von vollkommenster Aus- und Durchbildung der eigenen Persönlichkeit mit höchster Leistungsfähigkeit für das Kulturleben. Was er mit der Vertretung jener Ueberzeugung in Leben und Dichtung bekundete, war demnach, zunächst der Ausdruck seines persönlichen Seins und Wirkens. Es liegt aber darin (was seinem eigenen Bewußtsein weniger gegenständlich war), noch erheblich mehr, nämlich eine der grundbedingenden Eigentümlichkeiten im Wesen der Nation und des Volkstums, dem er selbst angehörte.» Nicht aus Ueberhebung, sondern aus objektiver, zugleich psychologisch und historisch begründeter Ueberzeugung heraus darf gesagt werden, daß der Sinn für jene Lebensauffassung gerade dort immer besonders regsam und stetig gewaltet hat. Die besondere Kennzeichnung desselben liegt in der Fähigkeit, sich zu erfreuen und sein Genüge zu haben an dem Reichtum des inneren geistig-persönlichen Lebens, das der Einzelne sowohl, wie auch die Gemeinschaft in sich heraufzubilden vermag, und im Zusammenhang hiermit in der Neigung, die Sorge um den äußeren Ertrag oder Erfolg solcher, sei es individueller oder gesamtheitlicher Lebensbestimmtheit in die zweite Linie zu stellen. Man blicke zum Erweis dessen nur hin auf die ethische Seite im .Verhalten der Deutschen während der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts oder auf ihre vorwiegend in der Literatur sich ausprägende Gemütsbestimmtheit in der zweiten Hälfte des achtzehnten. Der Nation als solcher hat dieser geistigste Zug ihres Wesens hinsichtlich ihres Aufkommens und Wohlergehens auf lange hinaus schwere Opfer gekostet; sie hat lernen müssen, ihm ein entsprechendes Gegengewicht im Gebrauch ihrer Kraft nach außen zu geben. Aber verloren gehen darf er ihr nicht, wenn wir nicht das Beste unserer Eigentümlichkeit darangeben wollen. Das Werk der Zukunft liegt hier darin, in und mit der Hereinziehung der Einzelnen in den Dienst der Erhaltung des Ganzen in möglichst weiten Kreisen das Ideal einer persönlichen Lebensführung immer mehr zur Verwirklichung zu bringen. Angesichts dieser Aufgabe bleibt uns Goethe, dessen Leben, Dichten und Denken gerade in diesem Punkte unzertrennlich aneinander geknüpft sind, auch weiterhin vorbildlich als der Verkünder dieses idealsten unserer Güter. 

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