> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Über den Autor (A)

2019-11-22

Johann Wolfgang Goethe: Über den Autor (A)





 Über den Autor (1)

Immer tätiger, nach innen und außen fortwirkender poetischer Bildungstrieb macht den Mittelpunkt und die Base seiner Existenz; hat man den gefaßt, so lösen sich alle übrigen anscheinenden Widersprüche. Da dieser Trieb rastlos ist, so muß er, um sich nicht stofflos selbst zu verzehren,
sich nach außen wenden und, da er nicht beschauend sondern nur praktisch ist, nach außen ihrer Richtung entgegen wirken. Daher die vielen falschen Tendenzen zur bildenden Kunst zu der er kein Organ, zum tätigen Leben wozu er keine Biegsamkeit, zu den Wissenschaften wozu er nicht genug Beharrlichkeit hat. Da er sich aber gegen alle drei bildend verhält, auf Realität des Stoffs und Gehalts und auf Einheit und Schicklichkeit der Form überall dringen muß, so sind selbst diese falschen Richtungen des Strebens nicht unfruchtbar nach außen und innen, In den bildenden Künsten arbeitete er so lange, bis er sich den Begriff sowohl der Gegenstände als der Behandlung eigen machte und auf den Standpunkt gelangte, wo er sie zugleich übersehen und seine Unfähigkeit dazu einsehen konnte; seine teilnehmende Betrachtung ist dadurch erst rein geworden. In Geschäften ist er brauchbar, wenn dasselbe einer gewissen Folge bedarf und zuletzt aufirgend eine Weise ein dauerndes Werk daraus entspringt oder wenigstens unterweges immer etwas Gebildetes erscheint. Bei Hindernissen hat er keine Biegsamkeit, aber er gibt nach, er widersteht mit Gewalt, er dauert aus oder er wirft weg, je nachdem seine Überzeugung oder seine Stimmung es ihm im Augenblicke gebieten. Er kann alles geschehen lassen was geschieht und was Bedürfnis, Kunst und Handwerk hervorbringen; nur dann muß er die Augen wegkehren, wenn die Menschen nach Instinkt handeln und nach Zwecken zu handeln sich anmaßen. Seitdem er hat einsehen lernen, daß es bei den Wissenschaften mehr auf die Bildung des Geists der sie behandelt, als auf die Gegenstände selbst ankommt, seitdem hat er das, was sonst nur ein zufälliges unbestimmtes Streben war, hat er dieser Geistestätigkeit nicht entsagt, sondern sie nur mehr reguliert und lieber gewonnen; so wie er sich jenen andern beiden Tendenzen, die ihm teils habituell teils durch Vershältnisse unerläßlich geworden, sich nicht ganz entzieht, sondern sie nur mit mehr Bewußtsein und in der Beschränkung die er kennt, gelegentlich ausübt, um so mehr da das, was eine Geisteskraft mäßig ausbildet, einer jeden andern zu statten kommt. Den besondern Chatakter seines  poetischen Bildungstriebes mögen andere bezeichnen; leider hat sich seine Natur sowohl dem Stoff als der Form nach durch viele Hindernisse und Schwierigkeiten ausgebildet und kann erst spät mit einigem Bewußtsein wirken, indes die Zeit der größten Energie vorüber ist. Eine Besonderheit, die ihn sowohl als Künstler als auch als Menschen immer bestimmt, ist die Reizbarkeit und Beweglichkeit, welche sogleich die Stimmung von dem gegenwärtigen Gegenstand empfängt, und ihn also entweder fliehen oder sich mit ihm vereinigen muß, So ist es mit Büchern, mit Menschen und Gesellschaften; er darf nicht lesen, ohne durch das Buch bestimmt zu werden, er ist nicht gestimmt, ohne daß er, die Richtung sei ihm so wenig eigen als möglich, tätig dagegen zu wirken und etwas Ähnliches hervorzubringen strebt,

Goethe über sich (2)

Ich habe niemals einen präsumptuoseren Menschen gekannt als mich selbst, und daß ich das sage, zeigt schon, daß wahr ist was ich sage.

Niemals glaubte ich, daß etwas zu erreichen wäre, immer dacht ich, ich hätt es schon. Man hätte mir eine Krone aufsetzen können und ich hätte gedacht, das verstehe sich von selbst. Und doch war ich gerade dadurch nur ein Mensch wie andre, Aber daß ich das über meine Kräfte Ergriffne durchzuarbeiten, das über mein Verdienst Erhaltne zu verdienen suchte, dadurch, unterschied ich mich bloß von einem wahrhaft Wahnsinnigen,

Erst war ich den Menschen unbequem durch meinen Irrtum, dann durch meinen Ernst, Ich mochte mich stellen wie ich wollte, so war ich allein. Die Vernunft in uns wäre eine große Macht, wenn sie nur wüßte wen sie zu bekämpfen hätte. Die Natur in uns nimmt immerfort eine neue Gestalt an und jede neue Gestalt wird ein unerwarteter Feind für die gute sich immer gleiche Vernunft.Ich hätte oft gern die ...

Goethe über sich (3)

Ich war mir guter, edler, großer Zwecke bewußt, konnte aber niemals die Bedingungen begreifen, unter denen ich wirkte; was mir mangelte, merkt ich wohl, was an mir zuviel sei, gleichfalls; deshalb unterließ ich nicht mich zu bilden, nach außen und von innen. Und doch blieb es beim alten. Ich verfolgte jeden Zweck mit Ernst, Gewalt und Treue; dabei gelang mir oft widerspenstige Bedingungen vollkommen zu überwinden, oft aber auch scheiterte ich daran, weil ich nachgeben und umgehen nicht lernen konnte. Und so ging mein Leben hin unter Tun und Genießen, Leiden und Widerstreben, unter Liebe, Zufriedenheit, Haß und Mißfallen anderer. Hieran spiegele sich, dem das gleiche Schicksal geworden.

(4)

Cellini sagt, wenn ein Mann, der glaubt etwas geleistetund ein bedeutendes Leben geführt zu haben, im vierzigsten Jahre steht, so soll er seine Lebensbeschreibung beginnen, die ereignisvolle Zeit seiner Jugend treulich aufzeichnen und in der Folge weiter fortfahren.

Cellini hat ganz recht: denn es ist keine Frage daß uns die Fülle der Erinnerung, womit wir jene ersten Zeiten zu betrachten haben, nach und nach erlischt, daß die anmutige Sinnlichkeit verschwindet und ein gebildeter Verstand durch seine Deutlichkeit jene Anmut nicht ersetzen kann.

Hiebei ist aber noch ein bedeutender Umstand wohl zu beachten: wir müssen eigentlich noch nah genug an unsern  Itrtümern und Fehlern stehn, um sie liebenswürdig und in dem Grade reizend zu  finden, daß wir uns lebhaft damit abgeben, jene Zustände wieder in uns hervorrufen, unsere Mängel mit Nachsicht betrachten und mancher Fehler uns nicht schämen mögen, Rücken wir weiter ins Leben hinein, so gewinnt das alles ein anderes Ansehn und man kommt zuletzt beinahe in den Fall, wie jener Geometer nach Endigung eines Theaterstücks auszurufen: „Was soll denn das aber beweisen ?“

Wie man sich denn aber aus jeder gegründeten oder grundlosen hypochondrischen Ansicht nur durch Tätigkeit retten kann, so muß man den Anteil an der Vergangenheit wieder in sich heraufrufen und sich wieder dahin stellen, wo man noch hofft ein Mangel lasse sich ausfüllen, Fehler vermeiden, Übereilung sei zu bändigen und Versäumtes nachzuholen. Was wir zu diesem Zwecke versucht und vorgearbeitet, um ihn sicherer zu erreichen, was hiebei ein junger Zögling geleistet, davon gebe Nachstehendes nähere Kenntnis.

(5)

Das Individuum geht verloren; das Andenken desselben verschwindet, und doch ist ihm und andern daran gelegen, daß es erhalten werde.

Jeder ist selbst nur ein Individuum und kann sich auch eigentlich nur fürs Individuelle interessieren. Das Allgemeine findet sich von selbst, dringt sich auf, erhält sich, vermehrt sich. Wir benutzen’s, aber wir lieben es nicht.

Wir lieben nur das Individuelle; daher die große Freude an Vorträgen, Bekenntnissen, Memoiren, Briefen und Anekdoten abgeschiedener, selbst unbedeutender Menschen, Die Frage: ob einer seine eigene Biographie schreiben dürfe, ist höchst ungeschickt. Ich halte den, der es tut, für den höflichsten aller Menschen.

Wenn sich einer nur mitteilt, so ist es ganz einerlei, aus was für Motiven er es tut. Es ist gar nicht nötig, daß einer untadelhaft sei, oder das Vortrefflichste und Tadelloseste tue; sondern nur, daß
etwas geschehe, was dem andern nutzen, oder ihn freuen kann.

Man hat es Lavatern nicht gut aufgenommen, daß er sich so oft malen, zeichnen und in Kupfer stechen ließ und sein Bild überall herumstreute. Aber freut man sich nicht jetzt, da die Form dieses außerordentlichen Wesens zerstört ist, bei so mannigfaltigen, zu verschiedener Zeit gearbeiteten
Nachbildungen, im Durchschnitt gewiß zu wissen, wie er ausgesehen hat?

Dem seltsamen Aretin hat man es als ein Halbverbrechen angerechnet, daß er auf sich selbst Medaillen schlagen ließ, und sie an Freunde und Gönner verehrte; und mich macht es glücklich, ein paar davon in meiner Sammlung zu besitzen, und ein Bild vor mir zu haben, das er selbst anerkannt.

Wir sind überhaupt von einer Seite viel zu leichtsinnig, das individuelle Andenken in seinen wahrhaften Besonderheiten als ein Ganzes zu erhalten, und von der andern Seite viel zu begierig, das Einzelne, besondets das Heruntersetzende zu erfahren.
                                                          



Autobiografisches

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