> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe: Aus einer Reise in die Schweiz über Frankfurt, Heidelberg...... (2)

2019-11-30

J.W.v.Goethe: Aus einer Reise in die Schweiz über Frankfurt, Heidelberg...... (2)


Frankfurt 


Frankfurt, den 8 August 1797.

Zum ersten Mal habe ich die Reise aus Thüringen nach dem Mainstrome durchaus bei Tage mit Ruhe und Bewußtsein gemacht, und das deutliche Bild der verschiedenen Gegenden, ihre Charaktere und Übergänge, war mir sehr lebhaft und angenehm. In der Nähe von Erfurt war mir der Kessel merkwürdig worin diese Stadt liegt. Er scheint sich in der Urzeit gebildet zu haben, da noch Ebbe und Flut hinreichte und die Unstrut durch die Gera heraufwirkte.

Der Moment, wegen der heranreifenden Feldfrüchte, war sehr bedeutend. In Thüringen stand alles zum schönsten, im Fuldaischen fanden wir die Mandeln auf dem Felde und zwischen Hanau und Frankfurt nur noch die Stoppeln; vom Wein verspricht man sich nicht viel, das Obst ist gut geraten. Wir waren von Weimar bis hier vier Tage unterwegs und haben von der heißen Jahreszeit wenig oder gar nicht gelitten. Die Gewitter kühlten Nachts und Morgens die Atmosphäre aus, wir fuhren sehr früh, die heißesten Stunden des Tags fütterten wir, und wenn denn auch einige Stunden des Wegs bei warmer Tageszeit zurückgelegt wurden, so ist doch meist auf den Höhen und in den Tälern wo Bäche fließen ein Luftzug. 

So bin ich denn vergnügt und gesund am 3ten in Frankfurt angekommen und überlege in einer ruhigen und heiteren Wohnung nun erst: was es heiße in meinen Jahren in die Welt zu gehen. In früherer Zeit imponieren und verwirren uns die Gegenstände mehr, weil wir sie nicht beurteilen noch zusammenfassen können, aber wir werden doch mit ihnen leichter fertig, weil wir nur aufnehmen was in unserm Wege liegt und rechts und links wenig achten. Später kennen wir die Dinge mehr, es interessiert uns deren eine größere Anzahl und wir würden uns gar übel befinden, wenn uns nicht Gemütsruhe und Methode in diesen Fällen zu Hülfe käme. Ich will nun alles, was mir in diesen Tagen vorgekommen, so gut als möglich ist zurecht stellen, an Frankfurt selbst als einer vielumfassenden Stadt meine Schemata probieren und mich dann zu einer weiteren Reise vorbereiten. 

Sehr merkwürdig ist mir aufgefallen wie es eigentlich mit dem Publikum einer großen Stadt beschaffen ist. Es lebt in einem beständigen Taumel von Erwerben und Verzehren, und das was wir Stimmung nennen, läßt sich weder hervorbringen noch mitteilen; alle Vergnügungen, selbst das Theater soll nur zerstreuen, und die große Neigung des lesenden Publikums zu Journalen und Romanen entsteht eben daher, weil jene immer und diese meist Zerstreuung in die Zerstreuung bringen.

Ich glaube sogar eine Art von Scheu gegen poetische Produktion oder wenigstens insofern sie poetisch sind, bemerkt zu haben, die mir aus eben diesen Ursachen ganz natürlich vorkommt. Die Poesie verlangt, ja gebietet Sammlung, sie isoliert den Menschen wider seinen Willen, sie drängt sich wiederholt auf und ist in der breiten Welt (um nicht zu sagen in der großen) so unbequem wie eine treue Liebhaberin.

Ich gewöhne mich nun, alles wie mir die Gegenstände vorkommen und was ich über sie denke aufzuschreiben, ohne die genaueste Beobachtung und das reifste Urteil von mir zu fordern oder auch an einen künftigen Gebrauch zu denken. Wenn man den Weg einmal ganz zurückgelegt hat, so kann man mit besserer Übersicht das Vorrätige immer wieder als Stoff gebrauchen.

Das Theater habe ich einige Mal besucht und zu dessen Beurteilung mir auch einen methodischen Entwurf gemacht; indem ich ihn nun nach und nach auszufüllen suche, so ist mir erst recht aufgefallen:

daß man eigentlich nur von fremden Ländern, wo man mit niemand in Verhältnis steht, eine leidliche Reisebeschreibung machen könnte. Über den Ort wo man gewöhnlich sich aufhält wird niemand wagen etwas zu schreiben, es müßte denn von bloßer Aufzählung der vorhandenen Gegenstände die Rede sein: eben so geht es mit allem was uns noch einigermaßen nah' ist, man fühlt erst, daß es eine Impietät wäre, wenn man auch sein gerechtestes, mäßigstes Urteil über die Dinge öffentlich aussprechen wollte.

Diese Betrachtungen führen auf artige Resultate und zeigen mir den Weg der zu gehen ist. So vergleiche ich z. B. jetzt das hiesige Theater mit dem Weimarischen; habe ich noch das Stuttgarter gesehen, so läßt sich vielleicht über die drei etwas Allgemeines sagen, das bedeutend ist und das sich auch allenfalls öffentlich produzieren läßt. 
 
Den 8 August. 

 In Frankfurt ist alles tätig und lebhaft, und das vielfache Unglück scheint nur einen allgemeinen Leichtsinn bewirkt zu haben. Die Millionen Kriegskontribution, die man im vorigen Jahre den vorgedrungenen Franzosen hingeben mußte, sind so wie die Not jener Augenblicke vergessen, und jedermann findet es äußerst unbequem, daß er nun zu den Interessen und Abzahlungen auch das Seinige beitragen soll. Ein jeder beklagt sich über die äußerste Teuerung, und fährt doch fort Geld auszugeben und den Luxus zu vermehren, über den er sich beschwert. Doch habe ich auch schon einige wunderliche und unerwartete Ausnahmen bemerken können. 

Gestern Abend entstand auf einmal ein lebhafter Friedensruf, inwiefern er gegründet sei, muß sich bald zeigen. Ich habe mich in diesen wenigen Tagen schon viel umgesehen, bin die Stadt umfahren und umgangen; außen und innen entsteht ein Gebäude nach dem andern, und der bessere und größere Geschmack läßt sich bemerken, obgleich auch hier mancher Rückschritt geschieht. Gestern war ich im Schweizerschen Hause, das auch inwendig viel Gutes enthält, besonders hat mir die Art der Fenster sehr wohl gefallen; ich werde ein kleines Modell davon an die Schloßbaukommission schicken. Das hiesige Theater hat gute Subjekte, ist aber im Ganzen für eine so große Anstalt viel zu schwach besetzt; die Lücken, welche bei Ankunft der Franzosen entstanden, sind noch nicht wieder ausgefüllt. Auf den Sonntag wird Palmira gegeben, worauf ich sehr neugierig bin.

Ich lege eine Rezension einiger italiänischen Zeitungsblätter bei, die mich interessiert haben, weil sie einen Blick in jene Zustände tun lassen.
        
Goethe auf meiner Seite

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