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2019-11-12

J.W.v.Goethe: Der ewige Jude (1)






Johann Wolfgang Goethe



Der ewige Jude



(Ein Fragment)


Des ewigen Juden erster Fetzen


Um Mitternacht wohl fang ich an,
Spring aus dem Bette wie ein Toller;
Nie war mein Busen seelevoller,
Zu singen den gereisten Mann,
Der Wunder ohne Zahl gesehn,
Die trutz der Lästrer Kinderspotte
In unserm unbegriffnen Gotte
Per omnia tempora in einem Punkt geschehn.
Und hab ich gleich die Gabe nicht
Von wohlgeschliffnen, leichten Reimen,
So darf ich doch mich nicht versäumen,
Denn es ist Drang, und so ist's Pflicht.
Und wie ich dich, geliebter Leser, kenne,
Den ich von Herzen Bruder nenne,
Willst gern vom Fleck und bist so faul,
Nimmst wohl auch einen Ludergaul,
Und ich, mir fehlt zu Nacht der Kiel,
Ergreif wohl einen Besenstiel.
Drum hör es denn, wenn dir's beliebt,
So kauderwelsch, wie mir der Geist es gibt.

In Judäa, dem heiligen Land,
War einst ein Schuster, wohlbekannt
Wegen seiner Herzfrömmigkeit
Zur gar verdorbnen Kirchenzeit.
War halb Essener, halb Methodist,
Herrnhuter, mehr Separatist,
Denn er hielt viel auf Kreuz und Qual,
Genug, er war original,
Und aus Originalität
Er andern Narren gleichen tät.

Die Priester vor so vielen Jahren
Waren, als wie sie immer waren
Und wie ein jeder wird zuletzt,
Wenn man ihn hat in ein Amt gesetzt.
War er vorher wie ein Ameis krabblig
Und wie ein Schlänglein schnell und zabblig,
Wird er hernach in Mantel und Kragen
In seinem Sessel sich wohl behagen.
Und ich schwöre bei meinem Leben,
Hätte man Sankt Paulen ein Bistum geben,
Pollrer wär worden ein fauler Bauch
Wie coeteri confratres auch.



Der Schuster aber und seinesgleichen
Verlangten täglich Wunder und Zeichen,
Daß einer pred'gen sollt für Geld,
Als hätt der Geist ihn hingestellt.
Nickten die Köpfe sehr bedenklich
Über die Tochter Zion kränklich,
Daß, ach, auf Kanzel und Altar
Kein Moses und kein Aaron war,
Daß es dem Gottesdienste ging,
Als wär's ein Ding wie ein ander Ding,
Das einmal nach dem Lauf der Welt
Im Alter dürr zusammenfällt.

»O weh der großen Babylon!
Herr, tilge sie von deiner Erden,
Laß sie im Pfuhl gebraten werden,
Und, Herr, dann gib uns ihren Thron.«
So sang das Häuflein, kroch zusammen,
Teilten so Geists- als Liebesflammen,
Gafften und langeweilten nun,
Hätten das auch können im Tempel tun.
Aber das Schone war dabei,
Es kam an jeden auch die Reih,
Und wie sein Bruder welscht' und sprach,
Durft er auch welschen eins hernach.
Denn in der Kirche spricht erst und letzt
Der, den man hat hinaufgesetzt,
Und gläubigt euch und tut so groß
Und schließt euch an und macht euch los,
Und ist ein Sünder wie andre Leut,
Ach, und nicht einmal so gescheut.



Der größte Mensch bleibt stets ein Menschenkind,
Die größten Köpfe sind das nur, was andre sind,
Allein, das merkt, sie sind es umgekehrt:
Sie wollen nicht mit andern Erdentröpfen
Auf ihren Füßen gehn, sie gehn auf ihren Köpfen,
Verachten, was ein jeder ehrt,
Und was gemeinen Sinn empört,
Das ehren unbefangne Weisen.
Doch brachten sie's nicht allzuweit,
Ihr non plus ultra jederzeit



War, Gott zu lästern und den Dreck zu preisen.
Die Priester schrien weit und breit:
»Es ist, es kommt die letzte Zeit,
Bekehr dich, sündiges Geschlecht.«
Der Jude sprach: »Mir ist's nicht bang,
Ich hör vom Jüngsten Tag so lang.«
Behalten auch zu unsern Zeiten
Die Gabe, Geister zu unterscheiden,
Cap und Champagner und Burgunder
Von Hoch- nach Riedesheim hinunter.



Der Vater saß auf seinem Thron,
Da rief er seinem lieben Sohn,
Mußt zwei- bis dreimal schreien.
Da kam der Sohn ganz überquer
Gestolpert über Sterne her
Und fragt, was zu befehlen.
Der Vater fragt ihn, wo er stickt -
»Ich war im Stern, der dorten blickt,
Und half dort einem Weibe
Vom Kind in ihrem Leibe.«
Der Vater war ganz aufgebracht
Und sprach: »Das hast du dumm gemacht,
Sieh einmal auf die Erde.
Es ist wohl schön und alles gut,
Du hast ein menschenfreundlich Blut
Und hilfst Bedrängten gerne.«


Als er sich nun hernieder schwung

Und näher die weite Erde sah
Und Meer und Länder weit und nah,
Ergriff ihn die Erinnerung,
Die er so lange nicht gefühlt,
Wie man da drunten ihm mitgespielt.
Er fühlt in vollem Himmelsflug
Der ird'schen Atmosphäre Zug,
Fühlt, wie das reinste Glück der Welt
Schon eine Ahndung von Weh enthält.
Er denkt an jenen Augeblick,
Da er den letzten Todesblick
Vom Schmerzenhügel herab getan,
Fing vor sich hin zu reden an:
»Sei, Erde, tausendmal gegrüßt!


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