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2019-11-19

J.W.v.Goethe: Herder (AP)



Herder war von Natur weich und zart, sein Streben mächtig und groß. Er mochte daher wirken oder gegenwirken, so geschah es immer mit einer gewissen Hast und Ungeduld; so- dann war er mehr von dialektischem als konstruktivem Geiste. Daher der beständige (griech,???) gegen alles, was man vorbrachte. Ja, er konnte einen bitter auslachen, wenn man etwas mit Überzeugung wiederholte, welches er kurz vorher als seine eigene Meinung gelehrt und mitgeteilt hatte.

1803

Ein großer, jedoch leider schon vorausgesehener Verlust betraf uns am Ende des Jahres: Herder verließ uns, nachdem er lange gesiecht hatte. Schon drei Jahre hatte ich mich von ihm zurückgezogen, denn mit seiner Krankheit vermehrte sich sein mißwollender Widerspruchsgeist und überdüsterte seine unschätzbare einzige Liebensfähigkeit und Liebenswürdigkeit. Man kam nicht zu ihm, ohne sich seiner Milde zu erfreuen; man ging nicht von ihm, ohne verletzt zu sein. 

Wie leicht ist es, irgend jemand zu kränken oder zu betrüben, wenn man ihn in heiteren, offenen Augenblicken an eigene Mängel, an die Mängel seiner Gattin, seiner Kinder, seiner Zustände, seiner Wohnung mit einem scharfen, treffenden, geistreichen Wort erinnert! Dies war ein Fehler früherer Zeit, dem er aber nachhing und der zuletzt jedermann von ihm entfremdete. 

Fehler der Jugend sind erträglich, denn man betrachtet sie als Übergänge, als die Säure einer unreifen Frucht; am Alter bringen sie zur Verzweiflung. 

Sonderbar genug sollte ich kurz vor seinem Ende ein Resume unserer vieljährigen Freuden und Leiden, unserer Übereinstimmung so wie des störenden Mißverhältnisses erleben.

Herder hatte sich nach der Vorstellung von ,Eugenie‘, wie ich von andern hörte, auf das günstigste darüber ausgesprochen, und er war freilich der Mann, Absicht und Leistung am gründlichsten zu unterscheiden. Mehrere Freunde wiederholten die eigensten Ausdrücke: sie waren prägnant, genau, mir höchst erfreulich; ja, ich durfte eine Wiederannäherung hoffen, wodurch mir das Stück doppelt lieb geworden wäre. 

Hierzu ergab sich die nächste Aussicht. Er war zu der Zeit, als ich mich in Jena befand, eines Geschäfts wegen daselbst; wir wohnten im Schloß unter einem Dache und wechselten anständige Besuche. Eines Abends fand er sich bei mir ein und begann mit Ruhe und Reinheit das Beste von gedachtem Stück zu sagen. Indem er als Kenner entwickelte, nahm er als Wohlwollender innigen Teil, und wie uns oft im Spiegel ein Gemälde reizender vorkommt als beim unmittelbaren Anschauen, so schien ich nun erst diese Produktion recht zu kennen und einsichtig selbst zu genießen. Diese innerlichste schöne Freude jedoch sollte mir nicht lange gegönnt sein: denn er endigte mit einem zwar heiter ausgesprochenen, aber höchst widerwärtigen Trumpf, wodurch das Ganze, wenigstens für den Augenblick, vor dem Verstand vernichtet ward. Der Einsichtige wird die Möglichkeit begreifen, aber auch das schreckliche Gefühl nachempfinden, das mich ergriff; ich sah ihn an, erwiderte nichts, und die vielen Jahre unseres Zusammenseins erschreckten mich in diesem Symbol auf das fürchterlichste. So schieden wir, und ich habe ihn nicht wiedergesehen.
Goethe auf meiner Seite

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