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2019-11-19

J.W.v.Goethe: KOTZEBUE (AP)



KOTZEBUE

Betrachtet man die Geschichte der Literatur genau, so findet man, daß diejenigen, die durch Schriften zu Belehrung und Vergnügen wirksam zu sein sich vornehmen, sich durchaus in einer üblen Lage befinden: denn es fehlt ihnen niemals an Gegnern, welche das Vergangene, was sie getan, auszulöschen, den Effekt des Augenblicks zu schwächen oder abzulenken und die Wirkung in die Zukunft zu verkümmern suchen. Daß dawider kein Gegenmittel sei, davon überzeugen uns ältere und neuere Kontroversen aller Art; denn es fehlt einem solchen Kampfe gerade an allem: an ritterlichem Schrankenraum, an Kreiswärteln und Kampfrichtern; und in jedem Schaukreise wirft sich, wie vor alters im Zirkus, die ungestüme Menge parteiisch auf die Seite der Grünen oder Blauen; die größte Masse beherrscht den Augenblick, und ein kunstreicher Wettkampf erregt Aufstand, Erbitterung und endigt gewaltsam. 

Bei so gestalteten Sachen kann jedoch der sittliche Mensch niemals ohne ein Hülfsmittel bleiben, wenn er es nur nicht zu weit sucht, da es ihm unmittelbar zur Seite liegt, ja sich ihm öfters ungestüm aufdrängt. 

Mich meines biographischen Rechtes bedienend, erwähne ich hier zum Beispiel, daß nebst gar manchen andern, die meiner Wirksamkeit widerstrebten, sich einer besonders zum Geschäft macht, auf jede Art und Weise meinem Talent, meiner Tätigkeit, meinem Glück entgegenzutreten; dagegen würde ich mich nach meiner Sinnesart ganz wehrlos und in einem unangenehmen Zustande finden, wenn ich nicht jenes eben gerühmte Hausmittel seit geraumer Zeit gegen diese Zudringlichkeit angewendet und mich gewöhnt hätte, die Existenz desjenigen, der mich mit Abneigung und Haß verfolgt, als ein notwendiges und zwar günstiges Ingrediens zu der meinigen zu betrachten. 

Ich denke mir ihn gern als Weimaraner und freue mich, daß er der mir so werten Stadt das Verdienst nicht rauben kann, sein Geburtsort gewesen zu sein; ich denke mir ihn gern als schönen, muntern Knaben, der in meinem Garten Sprenkel stellte und mich durch seine jugendliche freie Tätigkeit sehr oft ergötzte; ich gedenke seiner gern als Bruder eines liebenswürdigen Frauenzimmers, die sich als Gattin und Mutter immer verehrungswert gezeigt hat. Gehe ich nun seine schriftstellerischen Wirkungen durch, so vergegenwärtige ich mir mit Vergnügen heitere Eindrücke einzelner Stellen, obschon nicht leicht ein Ganzes, weder als Kunst- noch Gemütsprodukt, weder als das, was es aussprach, noch was es andeutete, mich jemals anmuten und sich mit meiner Natur vereinbaren konnte. Sehr großen Vorteil dagegen hat mir seine literarische Laufbahn in Absicht auf Übung des Urteils gebracht, welches wir am eigentlichsten durch die Produktionen der Gegenwart zu schärfen vermögend sind. Er hat mir Gelegenheit gegeben, manche andere, ja das ganze Publikum kennen zu lernen; ja, was noch mehr ist, ich finde noch öfters Anlaß, seine Leistungen, denen man Verdienst und Talent nicht absprechen kann, gegen überhinfahrende Tadler und Verwerfer in Schutz zu nehmen. 

Betrachte ich mich nun gar als Vorsteher eines Theaters und bedenke, wie viele Mittel er uns in die Hand gegeben hat, die Zuschauer zu unterhalten und der Kasse zu nutzen, so wüßte ich nicht, wie ich es anfangen sollte, um den Einfluß, den er auf mein Wesen und Vornehmen ausgeübt, zu verachten, zu schelten oder gar zu leugnen; vielmehr glaube ich alle Ursache zu haben, mich seiner Wirkungen zu freuen und zu wünschen, daß er sie noch lange fortsetzen möge. 

Eines solchen Bekenntnisses würde ich mich nun gar sehr erfreuen, wenn ich vernähme, daß mancher, der sich in ähnlichem Falle befindet, dieses weder hochmoralische, noch viel weniger christliche, sondern aus einem verklärten Egoismus entsprungene Mittel gleichfalls mit Vorteil anwendete, um die unangenehmste von allen Empfindungen aus seinem Gemüt zu verbannen: kraftloses Widerstreben und ohnmächtigen Haß. 

Und warum sollte ich hier nicht gestehen, daß mir bei jener großen Forderung: man solle seine Feinde lieben, das Wort lieben gemißbraucht oder wenigstens in sehr uneigentlichem Sinne gebraucht scheine, wogegen ich mit viel Überzeugung gern jenen weisen Spruch wiederhole: daß man einen guten Haushälter hauptsächlich daran erkenne, wenn er sich auch des Widerwärtigen vorteilhaft zu bedienen wisse.

Kotzebue hatte bei seinem ausgezeichneten Talent in seinem Wesen eine gewisse Nullität, die niemand überwindet, die ihn quälte und nötigte, das Treffliche herunterzusetzen, damit er selber trefflich scheinen möchte. So war er immer Revolutionär und Sklav, die Menge aufregend, sie beherrschend, ihr dienend; und er dachte nicht, daß die platte Menge sich aufrichten, sich ausbilden, ja sich hoch erheben könne, um Verdienst, Halb- und Unverdienst zu unterscheiden.
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