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2019-11-21

J.W.v.Goethe: LENZ ( AP)



LENZ 

Späte Bekanntschaft mit ihm, in den letzten Monaten.
Seine Gestalt, sein Wesen.
Seine Bestimmung in Straßburg.
Hofmeister von ein paar kurländischen Edelleuten.
Seltsamstes und indefinibelstes Individuum.

Neben seinem Talent, das von einer genialen, aber barocken Ansicht der Welt zeugte, hatte er ein travers , das darin bestand, alles, auch das Simpelste, durch Intrige zu tun, dergestalt daß er sich Verhältnisse erst als Mißverhältnisse vorstellte, um sie durch politische Behandlung wieder ins gleiche zu bringen. In dem Umgang mit seinen Freunden, Eleven und Bekannten war es seine Art, sich die närrischesten Irrwege auszusinnen, um aus nichts etwas zu machen, und ohne in der damaligen Epoche etwas Böses oder Schädliches zu wollen, übte er sich doch immer dergestalt, um in der Folge bei andern Zwecken, die er sich vorsetzen mochte, auf die tollste Weise zu einer Art von Schelmen zu werden. Wobei ihm in Absicht auf Beurteilung und Imputation immer seine Halbnarrheit, ein gewisser von jedermann anerkannter, bedauerter ja geliebter Wahnsinn zustatten kam. Sein näher Verhältnis zu mir fällt in die folgende Epoche.

Ich besuchte auf dem Wege Friederike Brion; finde sie wenig verändert, noch so gut, liebevoll, zutraulich wie sonst, gefaßt und selbständig. Der größte Teil der Unterhaltung war über Lenzen. Dieser hatte sich nach meiner Abreise im Hause introduziert, von mir, was nur möglich war, zu erfahren gesucht, bis sie endlich dadurch, daß er sich die größte Mühe gab, meine Briefe zu sehen und zu erhaschen, mißtrauisch geworden. Er hatte sich indessen nach seiner gewöhnlichen Weise verliebt in sie gestellt, weil er glaubte, das sei der einzige Weg, hinter die Geheimnisse der Mädchen zu kommen; und da sie, nunmehr gewarnt, scheu, seine Besuche ablehnt und sich mehr zurückzieht, so treibt er es bis zu den lächerlichsten Demonstrationen des Selbstmords, da man ihn denn für halbtoll erklären und nach der Stadt schaffen kann. Sie klärt mich über die Absicht auf, die er gehabt, mir zu schaden und mich in der öffentlichen Meinung und sonst zugrunde zu richten; weshalb er denn auch damals die Farce gegen Wieland drucken lassen.
Goethe auf meiner Seite

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Autobiografisches: Testamente, Reden, Persönlichkeiten

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