> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe-Reden: BEI FEIERLICHER EINWEIHUNG UND ERSTEN..... FALKENORDENS (6)

2019-11-17

J.W.v.Goethe-Reden: BEI FEIERLICHER EINWEIHUNG UND ERSTEN..... FALKENORDENS (6)



BEI FEIERLICHER EINWEIHUNG UND ERSTEN AUSTEILUNG DES WEISSEN FALKENORDENS am 30. Januar 1816

Durchlauchtigster Großherzog! 
Gnädigster Fürst und Herr! 

Euer Königliche Hoheit haben in diesen neusten Zeiten Ihre sämtlichen Angehörigen mit so viel Huld und Gnaden überrascht, daß es besser schien, stillschweigend das mannigfaltige Gute zu verehren als die reinen heiligen Empfindungen des Dankes durch Wiederholung zu erschöpfen oder abzustumpfen. Wie verlegen muß ich mich daher fühlen, wenn ich mich berufen sehe, in Euer Königlichen Hoheit Gegenwart die Empfindungen gleichfalls gegenwärtiger, aufs neue höchst begünstigter Männer anständig auszudrücken. 

Glücklicherweise kommt mir zustatten, daß ich nur dasjenige wiederholen darf, was seit mehr als vierzig Jahren ein jeder, dem beschieden war, in Euer Königlichen Hoheit Kreise zu wirken, sodann jeder Deutsche, jeder Weltbürger mit Überzeugung und Vergnügen ausspricht, daß Höchstdieselben mehr für andere als für sich selbst gelebt, für andere gewirkt, gestritten und keinen Genuß gekannt, als zu dessen Teilnahme zahlreiche Gäste geladen wurden, so daß, wenn die Geschichte für Höchstdieselben einen Beinamen zu wählen hat, der Ehrenname des Mitteilenden gleich zur Hand ist. 

Und auch gegenwärtig befinden wir uns in demselben Falle; denn kaum haben Ihro Königliche Hoheit nach langem Dulden und Kämpfen sich neubelebten Ruhmes, erhöhter Würde, vermehrten Besitzes zu erfreuen, so ist Ihro erste Handlung, einem jeden der Ihrigen daran freigebig seinen Teil zu gönnen. Älteren und neueren Kriegsgefährten erlauben Sie, sich mit der hohen Purpurfarbe zu bezeichnen, und aus denen sorgsam und weislich erworbenen Schätzen sieht ein jeder sein häusliches Glück begünstigt. Nun aber machen Sie eine Anzahl der Ihrigen und Verbundenen Ihrer höchsten Würde teilhaftig, indem ein Zeichen verliehen wird, durch welches alle sich an Höchstdieselben herangehoben fühlen. Diese dreifach ausgespendeten Gaben sind mehr als hinreichend, um unvergeßlich scheinende Übel auf einmal auszulöschen, allen in dem Winkel des Herzens noch allenfalls verborgenen Mißmut aufzulösen und die ganze Kraft der Menschen, die sich bisher in Unglauben verzehrte, an neue lebendige Tätigkeit sogleich heranzuwenden. Jede Pause, die das Geschäft, jede Stockung, die das Leben noch aufhalten möchte, wird auf einmal zu Schritt und Gang, und alles bewegt sich in einer neuen, fröhlichen Schöpfung. 

Betrachten wir nun wieder den gegenwärtigen Augenblick, so erfreut uns das hohe Zeichen der Gnade, welches, vom Ahnherrn geerbt, Euer Königliche Hoheit in der Jugend schmückte. Gesinnungen, Ereignisse, Unbilden der Zeit hatten es dem Auge entrückt, damit es aufs neue zur rechten Stunde glänzend hervorträte. Nun bei seiner Wiedererscheinung dürfen wir das darin enthaltene Symbol nicht unbeachtet lassen. 

Man nennt den Adler den König der Vögel; ein Naturforscher jedoch glaubt ihn zu ehren, wenn er ihm den Titel eines Falken erteilt. Die Glieder dieser großen Familie mögen sich mit noch so vielerlei Namen unterscheiden: der weiß gefiederte, der uns gegenwärtig als Muster aufgestellt ist, wird allein der Edle genannt. Und doch wohl deswegen, weil er nicht auf grenzenlosen Raub ausgeht, um sich und die Seinigen begierig zu nähren, sondern weil er zu bändigen ist, gelehrig dem kunstreichen Menschen gehorcht, der nach dem Ebenbilde Gottes alles zu Zweck und Nutzen hinleitet. Und so steigt das schöne, edle Geschöpf von der Hand seines Meisters himmelauf, bekämpft und bezwingt die ihm angewiesene Beute und setzt durch wiederholt glücklichen Fang Herrn und Herrin in den Stand, das Haupt mit der schönsten Federzierde zu schmücken. 

Und so dürfen wir denn schließlich den hohen Sinn unseres Fürsten nicht verkennen, daß er zu dieser Feier den friedlichsten Tag gewählt als einen, der uns schon lange heilig ist und welchem seit so vielen Jahren die Künste ihren mannigfaltigsten Schmuck, so viel sie nur vermochten, anzueignen und zu widmen suchten. Heute wendet sich diese Zierde gegen uns, wir begehen diesen Tag mit ernsten Betrachtungen, die doch nur immer dorthin führen können, daß wir mehr als jemals auf Blick und Wink des Herrn zu achten haben, dessen Absichten ganz und gar auf unser Wohl gerichtet sind. Möge das Glück einem gemeinsamen Bestreben günstig bleiben und wir zunächst die Früchte eifriger Bemühungen dem höchsten Paare und dessen erlauchtem Hause als bescheidenen, aufrichtigen Dank getrost entgegenbringen und so den Wahlspruch kühn betätigen: 

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