> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe-Reden: DIE FREITAGSGESELLSCHAFT Bei Eröffnung am 9. September (10)

2019-11-17

J.W.v.Goethe-Reden: DIE FREITAGSGESELLSCHAFT Bei Eröffnung am 9. September (10)



DIE FREITAGSGESELLSCHAFT Bei Eröffnung am 9. September 

Es ist keinem Zweifel ausgesetzt, daß derjenige, der in Geschäften arbeitet und um der Menschen willen manches unternimmt, auch mit Menschen umgehen, Gleichgesinnte aufsuchen und sich, indem er ihnen nutzt, auch ihrer zu seinen Zwecken bedienen müsse. 

Bei Künsten und Wissenschaften hingegen fällt es nickt so sehr in die Augen, daß auch diese der Geselligkeit nicht entbehren können. Es scheint, als bedürfe der Dichter nur sein selbst und horche am sichersten in der Einsamkeit auf die Eingebung der Musen; man überredet sich manchmal, als seien die trefflichsten Werke dieser Art von einsamen Menschen hervorgebracht worden. Man hört oft, daß ein bildender Künstler, in seine Werkstatt geschlossen, gleich einem andern Prometheus oder Pygmalion von seiner angebornen Kraft getrieben, unsterbliche Werke hervorbringe und keinen Ratgeber brauche außer seinen Genius. 

Es möchte dieses alles aber wohl nur Selbstbetrug sein: denn was wären Dichter und bildende Künstler, wenn sie nicht die Werke aller Jahrhunderte und aller Nationen vor sich hätten, unter welchen sie wie in der auserlesensten Gesellschaft ihr Leben hinbringen und sich bemühen, dieses Kreises würdig zu werden? Was kommen für Werke zum Vorschein, wenn der Künstler nicht das edelste Publikum kennt und immer vor Augen hat?

Und jene so verdient gepriesenen Alten, haben sie sich nicht eben auch darum auf den Gipfel der Kunst gesetzt, weil an ihrem Bestreben ganze Nationen teilnahmen, weil sie Gelegenheit hatten, sich nach und mit ihresgleichen zu bilden, weil ein edler Wetteifer einen jeden nötigte, mit der äußersten Anstrengung dasjenige zu leisten, dessen unsre Natur fähig ist? 

Die Freunde der Wissenschaften stehen auch oft sehr einzeln und allein, obgleich der ausgebreitete Bücherdruck und die schnelle Zirkulation aller Kenntnisse ihnen den Mangel von Geselligkeit unmerklich macht. 

Auch in diesem Felde, wo das Gefühl der größten  eintreten sollte, tritt gar zu oft der beschränkte Begriff seines eigenen Selbst, seiner Schule hervor und verdunkelt das übrige. Streitigkeiten zerstören die gesellige Wirksamkeit, und wechselseitige Entfernung ist gewöhnlich die Folge von gemeinsamen Studien. Glücklich, daß die Wissenschaften wie alles, was ein echtes reines Fundament hat, ebenso viel durch Streit als durch Einigkeit, ja oft mehr gewinnen! Aber auch der Streit ist Gemeinschaft, nicht Einsamkeit, und so werden wir selbst durch den Gegensatz hier auf den rechten Weg geführt. 

Wir verdanken daher dem Bücherdruck und der Freiheit desselben undenkbares Gute und einen unübersehbaren Nutzen; aber noch einen schönem Nutzen, der zugleich mit der größten Zufriedenheit verknüpft ist, danken wir dem lebendigen Umgang mit unterrichteten Menschen und der Freimütigkeit dieses Umgangs. Oft ist ein Wink, ein Wort, eine Warnung, ein Beifall, ein Widerspruch zur rechten Zeit fähig, Epoche in uns zu machen, und wenn wir oft soldie heilsame Einflüsse durch den Zufall einem längst abgeschiedenen Schriftsteller zu danken haben, so ist es doch zehnfach angenehm, einem lebenden, gefühlvollen, vernünftigen Freunde dafür Dank abstatten zu können. 

Man gibt nicht mit Unrecht großen Städten deshalb den Vorzug, weil sie so vieles Notwendige versammeln und einem jeden die Auswahl für sein Bedürfnis oder seine Liebhaberei überlassen. Aber auch ein kleiner Ort kann in gewissem Sinne dergestalt begünstigt sein, daß er wenig zu wünschen übrig läßt. 

Wo in mehreren Menschen ein natürlicher, unüberwindlicher Trieb zu Bearbeitung gewisser Fächer sich regt, wo dieser Trieb durch die Lage und äußere Verhältnisse immer aufs neue angefeuert wird; wo an dem Platze selbst so viel Gelegenheit, Aufmunterung und Unterstützung stattfindet, so daß alles gleichsam von selbst gerät; wo so manche Schätze der echten Kunst aufbewahret, so manche Kenntnisse von Reisenden zusammengebracht werden; wo die Nachbarschaft tätige Männer in allen Fächern versammelt; wo neue Bücher sowohl als Privatkorrespondenz den Gedankenkreis immer in einer frischen Bewegung erhalten — an einem solchen Orte scheint es natürlich, daß man gewisse festliche Tage auszeichne, um sich gemeinschaftlich des Guten zu erfreuen, das man so bequem findet und genießt. 

Der Gewinst der Gesellschaft, die sich heute zum erstenmal versammelt, wird die Mitteilung desjenigen sein, was man von Zeit zu Zeit hier erfährt, denkt und hervorbringt. Jede Bemühung wird lebhafter, wenn eine Zeit bestimmt ist, wo man mitten unter den Zerstreuungen des Lebens sich des Anteils geschätzter Menschen an dem, was man unternimmt, zum voraus versprechen kann. 

Der Ort, an dem wir Zusammenkommen, die Zeit, in der wir uns zum erstenmal versammeln, die aufmerksame Gegenwart dererjenigen, denen wir im einzelnen und im ganzen so vieles schuldig sind, alle vereinigten Umstände lassen uns hoffen, daß diese nur auf eine Zeitlang verbundene Gesellschaft ihre Dauer auf mehrere Jahre nützlich erstrecken werde.

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