> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe-Reden: DIE FREITAGSGESELLSCHAFT Am 21. Oktober 1791 (12)

2019-11-17

J.W.v.Goethe-Reden: DIE FREITAGSGESELLSCHAFT Am 21. Oktober 1791 (12)




DIE FREITAGSGESELLSCHAFT Am 21. Oktober 1791

Es sei mir erlaubt, mit wenig Worten zu bemerken, daß unsre heutige Versammlung in eine schöne Epoche fällt: zwischen die Rückkehr unsers gnädigsten Fürsten zu den Seinigen und zwischen den Geburtstag seiner geliebten Mutter. 

Möge jede Lebensepoche unsrer verehrten Beschützer so un- umwölkt wiederkehren, als es diesmal geschieht, und möge es unsern Bemühungen gelingen, zu ihrem Vergnügen und ihrer Zufriedenheit einiges beizutragen.

Über die verschiedenen Zweige der hiesigen Tätigkeit

Als ich in dem letzten Herbste die Ausstellung unserer Zeichenschule mit Aufmerksamkeit betrachtete, sah ich mit vielem Vergnügen die fortdauernde Wirkung dieses schon mehrere Jahre lang bestehenden Instituts. Die Arbeiten der altern Schüler zeigten sich immer bestimmter, genauer und fleißiger; unter den jüngern fanden sich mehrere, die eine gute Anlage verrieten. Die schon bis auf einen gewissen Grad ausgebildeten Künstler hatten lobenswürdige Sachen geliefert, und durchaus konnte man mit Vergnügen die fort- schreitende stille Wirksamkeit erkennen. Ich fühlte recht lebhaft, daß eine solche Ausstellung wirklich ein Fest sei. Denn was kann ein schöneres Fest genannt werden, als wenn die einzelne, stille, zerstreute Tätigkeit auf einmal in ihren Wirkungen vor uns steht und wir zum Mitgenuß in diesem Augenblick und zur Mitwirkung in der Zukunft eingeladen werden! 

Alles Gute, was geschieht, wirkt nicht einzeln. Seiner Natur nach setzt es sogleich das Nächste in Bewegung. So blieb mir auch der Eindruck noch lange, als ich den Saal schon verlassen hatte, und machte den Wunsch in mir rege: daß alles, was in unserm Kreise Gutes und Nützliches geschieht, auch jedes in seiner Art einen allgemeinen Tag der Ausstellung und Anerkennung erleben möge. In Gedanken ging ich durch, was bei uns sowohl durch öffentliche Anstalt und Antrieb als auch was durch besondere Neigung und Tätigkeit einzelner Menschen und Gesellschaften geschieht, und ich fand, selbst nur dem ersten Anblick nach, gar manches, das einer allgemeinen Aufmerksamkeit wert ist. Ich teile hier nur ein flüchtiges Schema mit, ohne daß ich deshalb alles erschöpft zu haben glaube. 

Wie interessant würde es sein, wenn wir unsere wöchentlichen Zusammenkünfte dazu anwenden wollten, um teils den Überblick vollständiger zu machen, teils das einzelne selbst weiter auszuführen und darzustellen. 

Ich fange abermals bei dem Zeicheninstitut an, teils weil es die Idee bei mir hervorgebracht hat, teils weil bildende Künste dasjenige sind, worüber man am ersten etwas Allgemeines sich zu sagen erlaubt. 

Es würde interessant sein zu betrachten, wie dieses Institut unter der Direktion eines einzigen Mannes entstanden ist und in fortdauernder Wirkung sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat. 

Man würde beobachten können, wohin die Neigung der Schüler im ganzen sich am meisten geneigt habe und welche unter ihnen zu einem vorzüglichen Grade der Ausübung gelangt sind; man würde diejenigen benennen, welche sich der Kunst bestimmter gewidmet und welche darin bedeutende Fortschritte getan. 

Weder ein Künstler noch eine Kunstschule ist isoliert zu betrachten, er hängt mit dem Lande, worin er lebt, mit dem Publiko seiner Nation, mit dem Jahrhundert zusammen, er muß, insofern er wirken, insofern er sich durch seine Arbeit einen Stand machen und Unterhalt verschaffen will, sich nach der Zeit richten und für ihre Bedürfnisse arbeiten. So wie der Liebhaber zu demjenigen greift, was seiner Denkungsart am gemäßesten ist und was er am nächsten zu erreichen glaubt, so finden wir auch hier diesen letztem besonders landschaftlichem Zeichnen ergeben. Die Landschaft beschäftigt ein ruhiges Gemüt, ohne es zu stark anzustrengen, und sie entfernt uns nicht von uns selbst, indem sie uns auf die Schönheiten der Natur aufmerksam macht, sie schmeichelt einem stillen Hang zur Melancholie, sie ist unsere angenehmste Begleiterin bei einsamen Spaziergängen und wird in der neuern Zeit, selbst in Gegenden, die nicht die glücklichsten sind, durch die schöne Gartenkunst immer wieder aufgefordert. Aber auch andre bei uns finden wir mit der menschlichen Gestalt beschäftigt, in Porträten und Arbeiten nach der Antike wirklich lobenswert. 

Da unsere ganze Nation mehr zur Wissenschaft als zur Kunst sich neigt und, man möchte fast sagen, mehr zur Literatur als zur Wissenschaft, so ist es auch natürlich, daß der Künstler da am meisten Beschäftigung findet, wo von schneller Ausbreitung der Kenntnisse die Rede ist (oder wo nach einer an- dern Tendenz unserer Nation ein halb ästhetisch-, halb moralisch-, halb physisches Bedürfnis befriedigt werden soll), er wird sich daher immer an den Schriftsteller und an den Buchhändler anschließen müssen, und dieses kann nur durch Kupferstechen und Illuminieren geschehen. Wie weit man damit bei uns gekommen ist, wird sich in manchen Fächern zeigen. Doch ich eile weiter, um nicht schon auszuführen, was gegenwärtig nur anzudeuten ist. 

Zur Bildhauerei fehlt es uns nicht an einem geschickten Manne, wohl aber an Materialien und Gelegenheit; dagegen ist die allgemeine Ausbreitung schöner und guter Gestalten durch Gipsabgüsse und in gebrannter Erde nicht zu übergehen. Durch letztere besonders ersetzte man in den ältern und mittlern Zeiten manches kostbare Material, und wir würden, wenn schöne Baukunst bei uns zum Bedürfnis werden könnte, bald die großen Vorteile der Toreutik kennen lernen. 

Die Porträts, welche unser Klauer gearbeitet, sind uns und den Auswärtigen interessant, und sie werden es den Nachkommen sein. Ich wünschte, daß sich ein Platz fände, wo man sie alle ohne Ausnahme aufstellen und wo man noch manches, was zerstreut liegt, versammeln könnte. Wie sehr verdankt man einem Erzherzog von Österreich, daß er die Bildnisse, Harnische, Kunstwerke, andere Arbeiten und Überbleibsel seiner Zeit auf einem Schlosse Ambras zusammengestellt hat, das jedermann mit dem größten Interesse besucht und daran man sich mit größter Zufriedenheit erinnert, und wo ließe sich nicht etwas Ähnliches anlegen? 

Nicht wenig interessant wird es sein, die Katalogen von Kunstwerken, die sich wirklich hier befinden, nebeneinander zu sehen. Was Durchlaucht der Herzog, die Herzogin, Herr Gore und andere besitzen, was selbst in meinem Hause sich befindet, ist nicht ohne Bedeutung. Eine allgemeine Übersicht würde ihren Nutzen und ihre zweckmäßige Vermehrung befördern. 

Der Einfluß dieser Arbeiten und Besitzungen würde mit Ver- gnügen zu betrachten sein, und es würde deutlich werden, welche Schritte man zunächst zu tun hätte. Ich kann diese Materie nicht verlassen, ohne noch der Steinerischen Stunden zu gedenken, die Winterszeit in dem Schlosse besonders Handwerkern gewidmet sind. Ich darf unsers jungen Steinschneiders nicht vergessen, dessen letzte Arbeit ich soeben vorgezeigt habe. 

So wenig die Lage und die äußeren Umstände die Baukunst begünstigen, desto mehr hat man Ursache, auf dasjenige, was geschieht, aufmerksam zu sein. (Eine verachtete oder vernachlässigte Kunst, die man doch nicht immer entbehren kann, rächt sich grausam, wenn das Bedürfnis eintritt. Welche ungeheuere Summen sind von Fürsten, Staaten oder einzelnen Personen auf Monumente des Ungeschmacks verwendet worden, und so respektabel das Handwerk ist, wenn es der Kunst gehorcht, so ohnmächtig und abgeschmackt zeigt es sich, wenn es die Stelle der Kunst vertreten will, denn alle Ordnung und Reinlichkeit, ja der Schmuck, den es einem Gebäude geben kann, wird den Mangel von Verhältnissen und Übereinstimmung nicht verbergen, ja vielmehr nun erst recht sichtbar machen.)

Es ist kein geringes Unternehmen, das vor mehrern Jahren abgebrannte Schloß wieder herzustellen. Da an seinem Äußern wenig verändert werden kann, so war es der Sache gemäß, auf eine innere bequeme und anständige Einteilung zu denken. Die Betrachtung der durch die Herren Arens und Steiner gefertigten Risse, aus denen deutlich zu sehen ist, wie man von dem ungleichen Raume Gebrauch gemacht, die nähere Kenntnis dessen, was man getan, was man zu tun gedenkt und wie weit man teils damit gelangt, teils was vorbereitet worden ist, wird für jedermann, der sich hier aufhält und dieses große Werk nach und nach werden sieht, gewiß interessant sein. 

Die Risse des französischen Architekten Clerisseau zu Auszierung des großen Saals und der benachbarten Zimmer sind nicht so bekannt, als sie es verdienten zu sein, und würden denjenigen, die sich auf die Baukunst legen, in der Folge auch selbst wegen der Zeichnungsart zu empfehlen sein. 

Das Gartenhaus Durchlaucht des Herzogs kann man das erste Gebäude nennen, das im ganzen in dem reinem Sinne der Architektur aufgeführt wird, und es würde belehrend sein, sowohl über die Risse als über die Ausführung Betrachtungen anzustellen. 

Besonders aber sollten auch die mechanischen Hülfsmittel, deren man sich bei diesen Bauen bedient, dem Allgemeinen und unsern Nachfolgern nicht unbekannt bleiben. Auch ist zu bemerken, daß sich verschiedene Handwerker, zum Beispiel Steinhauer und Stukkat[e]ur[e], bei dieser Gelegenheit mustermäßig gezeigt haben. 

Wenn wir nun von der bildenden Kunst zur Musik übergehen, so werden wir unserer Kapelle und des sie dirigierenden Konzertmeisters mit Vergnügen gedenken und sodann auch dem Institut einige Aufmerksamkeit schenken, wo die Kunst zwar noch als Handwerk und Gilde erscheint, das aber das Medianische zur Übung bringt und von jeher auf die ausübende Musik nicht ohne Nutzen war. Bei der Vokalmusik ist die Bemühung unsers Kantors Remde nicht zu verkennen. Von dem Theater würde besonders zu handeln sein, und die Liebhaberei der Partikuliers würde auch zur Sprache kommen. 

Das Theater ist eine von denen Anstalten, die wir am seltensten als Objekt ansehen. Wir nehmen entweder teil daran oder keinen, wir suchen es oder wir fliehen es und fragen nur, in jedem einzelnen Fall, ob es uns unterhält oder Langeweile macht. Diese Anstalt aber würden wir auch einmal als eine solche ansehen können, die bleibend ist, die nun aufs neue wieder eilf Jahre dauert und unter manchen Veränderungen noch lange dauern oder immer wieder zurückkehren wird. Es lassen sich bei einer Übersicht manche sehr artige Resultate finden. 

Es ist überraschend, wenn man hört, daß vom Januar 1784 an neunzig Schauspieler auf dem hiesigen Theater erschienen sind, daß man vierhundertundzehn neue Stücke gegeben hat, daß (außer der , Entführung aus dem Serail, die fünfundzwanzigmal, außer der , Zauberflöte, die zweiundzwanzigmal aufgeführt worden ist) keins der beliebtesten Stücke bis jetzt die zwölfte Vorstellung erreicht hat. Die Anzahl der Stücke, die eine, höchstens zwei Repräsentationen erlebt haben, ist groß. Eine Rezension der Stücke, die sich am längsten gehalten, würde selbst über die letzten zehn Jahre des deutschen Theaters eine Übersicht geben. 

Es ist mißlich, über Schauspieler, besonders über die, die noch gegenwärtig gesehen werden, im ganzen und öffentlich zu urteilen, aber warum sollten wir nicht unter uns die Talente derer, die wir gekannt haben und kennen, schätzen und mit billigen Rücksichten unsre Gedanken über sie äußern? 

Die Tanzkunst, welche eigentlich bei Bällen und Redouten jährlich sich selbst ausstellt, finden wir wenig kultiviert, sie artet zu einem bloßen Naturvergnügen aus, und der Tanz erscheint wohl immer als eine angenehme, selten aber als eine schöne und anständige Bewegung. Vielleicht unterhielten wir uns bei Gelegenheit dieser Lücke vom theatralischen Tanze und was derselbe auf das Schauspiel und auf das gemeine Leben für Einfluß hat. 

Und da einmal von Leibesübungen die Rede ist, würden wir auch von der Fecht- und Reitkunst sprechen und vielleicht bemerken, daß jene gleichfalls nach und nach zu verschwinden anfängt. Desto mehr aber verdient diese unsere Aufmerksamkeit, da sie die Ausbildung, Erhaltung und zweckmäßige Benutzung des kostbaren, einzigen und in seiner Vollkommenheit immer seltener werdenden Tieres zum Zweck hat. 

Betrachten wir zunächst die Gärtnerei, so finden wir diese besonders begünstigt. Die Parkanlage ist eine der gelobtesten in Deutschland, sie wird von den Einheimischen mit Vergnügen, von den Fremden mit Bewunderung besucht. Wohlgewählte Kupfer, Zeichnungen und Beschreibungen werden sie immer bekannter und angesehner machen. 

Auch durch sie hat die Botanik manches gewonnen, indem sie die Kultur fremder Pflanzen notwendig machte. 

Die Kenntnisse, der Fleiß und der ausgebreitete Handel des Garteninspektor Reicherts, die weiten Reisen seines Sohns haben kein geringes Verdienst um die hiesige Gegend. 

Von dem neuen Botanischen Institut zu Jena läßt sich unter Aufsicht des Herrn Professor Bätsch das Beste hoffen. 

Wie unser Forstwesen zuerst eingerichtet worden und wie es erhalten wird, verdient von einem jeden gekannt zu werden zu einer Zeit, in welcher die Holzkonsumtion immer stärker wird und man gegründete und ungegründete Sorgen für die Zukunft gar oft hören muß.

Bei den Forstpflanzungen würden wir unseres trefflichen, zu früh abgeschiedenen Wedels gedenken und so an den Pflanzungen der einzelnen Besitzer und Gemeinden, an den bestehenden Baumschulen und an allem übrigen Gartenwesen teilnehmen. Besonders verdiente die seit mehrern Jahren stark getriebene Gemüsgärtnerei eine allgemeine Übersicht und eine ökonomische Berechnung. 

Wir finden auch hier literarische Bemühungen, die diesen Anstalten zu Hülfe kommen. So werden wir den Obstgärtner, den Blumengarten, die Obstkabinette zu Verbreitung dieser nützlichen und angenehmen Kenntnisse vieles beitragen sehen. 

Gehen wir aus den Gärten in die Studierzimmer über, so finden wir zuerst die Sprachen als Mittel zu allen übrigen Kenntnissen. Man kann allgemein bemerken, daß man sie nur insofern treibt, als die Kenntnisse selbst, welche dadurch zu erlangen sind, von Jungen und Alten gewünscht werden. Wie es mit dem Hebräischen, Griechischen und Lateinischen aussieht, werden wir durch Männer erfahren können, welche hievon gründlich unterrichtet sind. Was in unserm Kreise für die deutsche Sprache geschehen ist, werden wir nicht zu verleugnen Ursache haben. Bei der englischen können wir be- merken, daß ihre Schriftsteller mit unsrer Denkweise und dem, was wir in unserer eigenen Literatur schätzen, Übereinkommen, so daß man sie deshalb vorzüglich gesucht hat. Die Liebe zu der italienischen Sprache ist nicht weit ausgebreitet, sie scheint mehr des Gesangs willen geliebt zu sein, die spanische ist nur das Eigentum einiger Personen, auch ist die französische weniger kultiviert worden, als diese allgemeine Sprache verdient. Vielleicht erhält durch unsere neuen Gäste auch diese Übung einen frischen Anstoß. 

Indem wir von Sprachen reden, dürfen wir der Büttnerischen Arbeit, der Sammlung und des Vorhabens dieses würdigen Greises nicht vergessen, umso mehr, da ihre Vollendung mehr als ein Menschenalter beschäftigen wird. 

Die Erziehungs- und Lehranstalten werden den Stoff zu mancher Unterhaltung und Betrachtung geben. Von dem Gymnasio (das durch Examina und öffentliche Aktus seine eigne Ausstellungen hat) und dem Seminario können wir hoffen gründlich unterrichtet zu werden, und die mehrern Privatinstitute verdienen unsere Aufmerksamkeit, als das Kirstensche in Jena, das Andrische in Eisenach, eine Anstalt in Stedtfeld und die Forstschule in der Zillbach. 

Der Unterricht, den die Pagen hier genießen, liegt auch nicht aus unserm Kreise. 

Und das schon so lange mit Beifall fortgesetzte Bilderbuch ist nicht zu vergessen. 

Von der alten und fremden Literatur werden wir zugleich mit den Sprachen, von denen sie unzertrennlich sind, unterrichtet werden. Bei der einheimischen besonders wird es interessant sein aufzuzählen, was für deutsche Werke aus unserm Kreise ausgegangen, was für Übersetzungen bei uns gearbeitet worden sind. Das Verzeichnis würde nicht klein werden, wir würden dabei das Andenken an die Schriftsteller erneuern, die uns entweder durch den Tod oder durch fernen Beruf entführt worden sind. 

Ein Blick auf das, was unsere schon lange bestehenden Zeitschriften, der , Merkur und das , Modejournal , geliefert und gewirkt, würde uns manche Resultate darstellen; bemerken wir den Gang der neuern Zeitschriften, der , Horen, des philosophischen Journals , so werden wir manches aufbewahren, das in der Zukunft gleichfalls zu Resultaten führen kann. Die ,Literaturzeitung bietet uns ein reiches Feld zu Betrachtungen dar, die Lesebibliotheken, Journalgesellschaften, die Buchdruckerei und Buchhandlung liegen unsern Betrachtungen nahe genug.

Über die Jenaische Akademie mit Unparteilichkeit und mit Würde zu sprechen und ihren Zustand in einer Reihe von Jahren zu übersehen, würde ein höchst interessantes Unternehmen sein. Von den öffentlichen Anstalten würde man wohl ohne Bedenken sprechen; allein sollte man nicht auch dessen, was so viele Männer gewirkt und noch wirken, mit Anstand und Unparteilichkeit gedenken können? Selten erscheint uns die Gegenwart als das, was sie ist, manchmal setzt sie der Parteigeist zu hoch, aber noch öfters viel zu tief herab, und in dem gesellschaftlichen Leben ist es herkömmlich, über alles gleichgültig zu erscheinen. Man beobachtet den Theologen, man spottet über den Mediziner, man scherzt über den Philosophen, man läßt den Juristen gewähren und bedenkt nicht, daß alle diese Männer von der Zeit gebildet werden und die Zeit bilden helfen und daß alles, was sie lehren, auf das bürgerliche Leben den größten Einfluß hat. Es war vielleicht niemals nötiger als zu unserer Zeit, über dasjenige deutlich zu sein, was um und neben uns geschieht, zu einer Zeit, wo das wechselseitige Mißtrauen fast unvermeidlich ist. Man könnte gern Publizität und Aufklärung vermissen, Wenn Offenheit und Klarheit an ihre Stelle treten könnten. 

Billig ziehen nun auch die Bibliotheken unsere Aufmerksamkeit auf sich. Wir haben ihrer viere: die hiesige, die Jenaisch- Akademische, die Buderische und Büttnerische, welche alle der Stiftung, der Anstalt und dem Platz nach wohl immer getrennt bleiben werden, deren virtuale Vereinigung aber man wünscht und man sich möglich gedacht hat. Hiezu die nötigen Vorkenntnisse zu sammeln und eine so schöne Idee der Ausführung näher zu bringen, würde schon allein einer literarischen Sozietät Beschäftigung geben können. Ein Blick auf die Privatbibliotheken würde dabei nicht versäumt werden. 

Die Naturkunde mit ihren Hülfswissenschaften hat auch bei uns ihre Schüler und Verehrer gefunden. Wir können sagen, daß eine der ersten geognostischen Beschreibungen in Deutschland durch unsern Bergrat Voigt ausgearbeitet worden ist. 

Das Jenaische Museum zeigt von dem großen Vorteil, wenn nur einmal den Sammlungen ein Mittelpunkt angewiesen ist, sie an einem Ort zusammengestellt und mit Ordnung aufbewahrt werden, indem alles dahin fließt und nichts verloren geht. Mehrere Privatsammlungen haben auch diese Liebhaberei und Kenntnis verbreitet und erhalten. Es wird nicht zweckwidrig sein, neu bekannt werdende Mineralien vorzuzeigen, von deren chemischen Bestandteilen wir denn auch von Zeit zu Zeit unterrichtet würden. Ein Überblick, um was sich diese Schätze des Jahrs vermehrt haben, wird in der Folge immer angenehm bleiben. 

Was seit mehrern Zeiten in der Physik bei uns geschehen und noch immer geschieht, was wir denen Wiedeburg, Suckow, Voigt und Bätsch verdanken, würde man mit Vergnügen anerkennen. Ich würde von meinen eigenen Versuchen in einem beschränkten Fache sprechen dürfen, so wie diejenigen nicht zu vergessen wären, die gewisse Teile, besonders die Elektrizität, bearbeitet haben, so wie in Eisenach ein junger Mann wegen der Gewitterableiter bekannt ist. 

Was die Chemie betrifft, so dürfen wir uns derselben vorzüglich rühmen. Herr Bergrat Buchholz hat von den frühesten Zeiten her mit der Wissenschaft gleichen Schritt gehalten und die interessantesten Erfahrungen teils selbst gemacht, teils zuerst mitgeteilt und ausgebreitet. 

Aus seiner Schule ist ein Göttling hervorgegangen, und noch gegenwärtig steht ihm ein geschickter Mann bei seinen Arbeiten bei. In der technologischen Chemie wird es interessant sein, die Versuche eines ausgewanderten Franzosen in Ilmenau, Eisen durch Reverberierfeuer zu schmelzen, näher kennen zu lernen; die ersten Versuche sind, man darf sagen, zu gut geraten, indem nicht allein der Ofen, sondern auch die Esse glühend wurden. 

Unser nächstes Bleischmelzen in Ilmenau wird auch der Aufmerksamkeit in mehr als einem Sinne wert sein. 

Hier ist es der Ort, auch der Gesellschaft zu erwähnen, welche der Herr Professor Bätsch in Jena gestiftet hat. Es breitet sich dieselbe immer weiter aus und bewährt ihren Zweck in Bildung junger Leute; ihre Sammlung bereichert sich, und das chemische Laboratorium wird durch den hoffnungsvollen jungen Doktor Scherer fleißig genutzt. Es werden von Zeit zu Zeit Nachrichten von diesem Institut erteilt, und es wird Pflicht sein, ihrer auch unter uns zu erwähnen. 

Die Mathematik war diejenige Wissenschaft, deren unmittelbaren Einfluß man in hiesigen Landen am frühesten anerkannte. Bei der mit so vielem Sinn angestellten Revision zeigten sich Zollmann und Häubelein, bei der Forstrevision mehrere Jäger, Seckell, Köhler. In der neuern Zeit haben sich mehrere hervorgetan, deren Verdienst und Einfluß nicht zu verkennen sind. 

Die Mechanik ward in frühem Zeiten nur empirisch getrieben; der alte Kunstkämmerer Apel verfertigte verschiedene kleine Maschinen, der Baumeister Hase in Jena war auch in diesem Fache nicht ohne Kenntnis. Seit mehrern Jahren wurden die Feuerlöschungsmaschinen vom Hofmechanikus Neubert nicht allein für das Land, sondern auch für ganz Deutschland gearbeitet. Wir werden von dieser Anstalt künftig genaue und auf Theorie gegründete Nachrichten zu erwarten haben. 

Da die wichtigen Maschinen, welche in Ilmenau nach den Rissen und Vorschlägen der geschicktesten kursächsischen Beamten, eines Mende und Baldauf, errichtet worden, unter der Erde versteckt und von wenigen gekannt sind, so wird man gewiß die Risse davon mit Anteil sehen, und derjenigen kann mit Ehren gedacht werden, deren Aufsicht sie anvertraut sind. 

Einzelne Männer als Mechanikus Schmidt in Jena, Kleinstäuber in Belvedere verdienen unsere Aufmerksamkeit. Denn es ist bei allem, was wir in diesen und verwandten Fächern unternehmen, höchst wichtig zu wissen: daß wir Leute in der Nähe haben, die uns mit den nötigen Werkzeugen versehen können. 

Eine Anstalt, die in ihrem ganzen Umfang ungeheure Kosten erfordert, ist auch bei uns zweckmäßig im kleinen zu einer besondern Absicht errichtet worden, ich meine das Observatorium mit den dazu gehörigen Instrumenten. Von demselben, dem Hadleyisdien Sextanten, dem Chronometer und ihren Anwendungen wird uns Herr Lieutenant Vent die beste Nachricht geben können. 

Diese Anstalt führt mich zur Erdbeschreibung, als zu deren Behuf sie eigentlich gegründet worden. Die Zollmannsche Karte über einen Teil von Thüringen verdient noch immer alles Lob. Die Wiebekingischen gezeichneten sind ohne die strengste geometrische Genauigkeit dennoch in allen Fällen, wo eine allgemeine Übersicht der Gegenden und Lagen erforderlich ist, höchst schätzbar und brauchbar; sowohl sie selbst als die Fortsetzung unter Güssefeldischer Aufsicht verdienen von uns gekannt zu sein, wie sie denn auch schon durch Kopien vervielfältigt worden sind. Wären die Kosten nicht so groß, so wünschte ich sie in den Händen eines jeden, der bei den Geschäften unsers Landes angestellt ist. 

In Ilmenau sind bei Gelegenheit der Revision und des Bergwerks schöne genaue Karten ausgearbeitet worden. Durchlaucht des Herzogs Sammlung hat vielen Wert, Herrn Legationsrat Bertuchs Schulatlasse und’ die Gasparische Geographie werden unter unsern Augen entstehn.

Die topographische Sammlung, welche Herr Gore zusammengebracht und meistenteils selbst gearbeitet hat, ist wegen ihrer Ausbreitung und Treue höchst schätzbar. Herr Rat Krause hat auch in diesem Fache schon manches geliefert und wird uns bald durch neue Gegenstände, die er auf seiner letzten Reise gesammelt, erfreuen. Ich breche hier ab und spare das übrige so wie einige allgemeine Betrachtungen für unsere nächste Zusammenkunft.
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