> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe-Reden: REDE BEI ERÖFFNUNG DES NEUEN BERGBAUES ZU ILMENAU ......(7)

2019-11-07

J.W.v.Goethe-Reden: REDE BEI ERÖFFNUNG DES NEUEN BERGBAUES ZU ILMENAU ......(7)

 REDE BEI ERÖFFNUNG DES NEUEN BERGBAUES ZU ILMENAU


REDE BEI ERÖFFNUNG DES NEUEN BERGBAUES ZU ILMENAU den 24. Februar 1784 

Nach einer alten löblichen Gewohnheit feierten die hiesigen Bergleute jährlich diesen Tag. Sie zogen versammelt zu dem Gottesdienste mit stiller Hoffnung und frommen Wünschen, daß dereinst die Vorsicht an diesem Ort das Leben und die Freude voriger Zeiten wieder zurückführen werde. Heute aber kommen sie mit herzlicher Munterkeit und einem fröhlichen Zutrauen, uns zu dem angenehmsten Gange abzuholen; sie finden uns bereit und eine Anzahl für den Bergbau wohlgesinnter Männer hier versammelt, die uns auf diesem Wege zu begleiten geneigt sind. Ich freue midi mit einem jeden, der heute sich zu freuen die nächste Ursache hat, ich danke einem jeden, der an unsrer Freude auch nur entferntem Anteil nimmt.

Denn endlich erscheint der Augenblick, auf den diese Stadt schon beinahe ein halbes Jahrhundert mit Verlangen wartet, dem ich selbst seit acht Jahren, als so lange ich diesen Landen angehöre, mit Sehnsucht entgegensehe. Das Fest, das wir heute feiern, war einer der ersten Wünsche unsers gnädigsten Herrn bei dem Antritte seiner Regierung, und wir freuen uns um des guten Herrn sowie um des gemeinen Besten willen, daß auch dieser sein Wunsch endlich zur Erfüllung kommt.

Wer die Übel kennt, welche den ehemaligen Bergbau zugrunde gerichtet, wer von den Hindernissen nur einigen Begriff hat, die sich dessen Wiederaufnahme entgegensetzten, sich gleichsam als ein neuer Berg auf unser edles Flöz häuften und, wenn ich so sagen darf, es in eine noch größere Tiefe druckten: der wird sich nicht wundern, daß wir nach so vielen eifrigen Bemühungen, nach so manchem Aufwande erst heute zu einer Handlung schreiten, die zum Wohle dieser Stadt und dieser Gegend nicht früh genug hätte geschehen können. Er wird sich vielmehr wundern, daß es schon heute geschieht. Denn wie viele sind nicht, die es für unmöglich gehalten haben, daß man dieses Werk wieder werde aufnehmen, daß man diesen Bergbau wieder in Umtrieb werde setzen können! Und nicht ganz ohne Wahrscheinlichkeit. Denn belebte unsern gnädigsten Herrn nicht ein anhaltender unermüdeter Eifer für jede nützliche Anstalt, hätten die höchsten Herren Teilhaber durch eine gefällige Beistimmung das Geschäfte nicht erleichtert, wären die Kunstverständigen, die wir um Rat gefragt, nicht so aufgeklärte und gleich Freunden an dem Werke teilnehmende Männer, wäre man durch Verzögerungen ermüdet worden: so könnten wir unsern Weg auch gegenwärtig noch nicht zusammen antreten.

Doch Glück auf! Wir eilen einem Platze zu, den unsere Vorfahren sich schon ausersehen hatten, um daselbst einen Schacht niederzubringen. Nicht weit von dem Orte, den sie erwählten, an einem Punkte, der durch die Sorgfalt unsers Herrn Geschwornen bestimmt ist, denken wir heute einzuschlagen und unsern neuen Johannisschacht zu eröffnen. Wir greifen ihn mit Be[i?]stimmung der verständigsten Kenner aller Zeiten an und befolgen einen durch Jahrhunderte vernachlässigten guten Rat. Denn man sah von jeher, selbst da noch das Sturmheider Werk im Umtriebe war, diesen Schacht für unentbehrlich an; man wollte mit demselben dem Flöze in einem tiefem Punkte beikommen, den alten Bergbau, der fehlerhaft aus dem Höchsten ins Tiefste ging, verbessern und ihm Dauer auf die Folge geben. Auch als das Sturmheider Werk sich seinem Untergange näherte, erkannte man diesen Schacht für das einzige Rettungsmittel des ohne Rettung verlornen Werkes. Nunmehr aber, da wir jene ersoffne abgebaute Tiefen den Wassern und der Finsternis auf immer überlassen, soll er uns zu einem neuen frischen Felde führen, wo wir gewisse, unangetastete Reichtümer zu ernten hoffen können.

Lassen Sie uns also die geringe Öffnung, die wir heute in die Oberfläche der Erde machen werden, nicht mit gleichgültigen Augen ansehen: lassen Sie uns die ersten Hiebe der Keilhaue nicht als eine unbedeutende Zeremonie betrachten! Nein, wir wollen vielmehr die Wichtigkeit dieser Handlung lebhaft empfinden, uns herzlich freuen, daß wir bestimmt waren, sie zu begehen und Zeugen derselben zu sein.

Dieser Schacht, den wir heute eröffnen, soll die Türe werden, durch die man zu den verborgenen Schätzen der Erde hinabsteigt, durch die jene tiefliegende Gaben der Natur an das Tageslicht gefördert werden sollen. Wir selbst können noch, wenn es uns Gott bestimmt hat, da auf- und niederfahren und das, was wir uns jetzt nur im Geiste vorstellen, mit der größten Freude vor uns sehen und betrachten. Glück auf also, daß wir so weit gekommen sind!

Nun sei aber auch unsre Vorsicht und unser Eifer bei dem Angriffe des Werks dem Mute gleich, mit welchem wir dazu gehen. Denn es ist gewiß, daß nunmehr die Schwierigkeiten der Ausführung uns erst fühlbar werden müssen. Ich bin von einem jeden, der bei der Sache angestellt ist, überzeugt, daß er das seine tun wird. Ich erinnere also niemanden mit weitläuftigen Worten an seine Pflicht; ich schildre nicht das Unheil, das nachlässige und untreue Beamte dem alten Werke zugezogen haben. Ich will und kann das Beste hoffen. Denn welcher innerliche Trieb wird nicht aufgemuntert werden, wenn wir bedenken, daß wir imstande sind, zum Wohl dieser Stadt, ja eines Teils dieser Gegend vieles mit leichter Mühe zu wirken; daß Glück und Ruf eines so vortrefflichen, so vernachlässigten Werkes von unserm Betragen abhängt und daß wir alle Bewohner der Staaten unsers Fürsten, unsere Nachbarn, ja einen großen Teil von Deutschland zu Beobachtern und Richtern unsrer Handlungen haben werden. Lassen Sie uns alle Kräfte vereinigen, damit wir dem Vertrauen genugtun, das unser gnädigster Herr auf uns gesetzt hat, der Zuversicht, womit so viele Gewerken eine ansehnliche Summe Geldes in unsre Hände legen. Möge sich zu diesem schönen und guten Zwecke das ganze Publikum mit uns vereinigen!

Ja, meine Herren, auch Sie werden es tun. Ein jeder Ilmenauer Bürger und Untertan kann dem aufzunehmenden Bergwerke nutzen und schaden. Jede neue Anstalt ist wie ein Kind, dem man mit einer geringen Wohltat forthilft, für die ein Erwachsener nicht danken würde, und so wünsche ich, daß ein jeder die unsrige ansehen möge. Es tue ein jeder, auch der Geringste, dasjenige, was er in seinem Kreise zu dessen Beförderung tun kann, und so wird es gewiß gut gehen. Gleich zu Anfänge, jetzo, meine Herren, ist es Zeit, dem Werke aufzuhelfen, es zu schützen, Hindernisse aus dem Weg zu räumen, Mißverständnisse aufzuklären, widrige Leidenschaften zu unterdrücken und dadurch zu dem gemeinen Besten mitzuwirken. Kommt dereinst der Bergbau in einen lebendigem Umtrieb, wird die Bewegung und Nahrung dadurch in diesen Gegenden stärker, erhebt sich die Stadt Ilmenau wieder zu ihrem alten Flor, so kann ein jeder, er sei, wer er wolle, er habe viel oder wenig getan, zu sich sagen: Auch ich bin nicht müßig geblieben, auch ich habe mich dieses Unternehmens, das nunmehr zu einer männlichen Stärke gereift ist, als es noch ein Kind war, liebreich angenommen, ich habe es nähren, schützen, erziehen helfen, und es wird nun zu meiner Freude auf die Nachkommenschaft dauern. Ja, möge uns diese Nachkommenschaft für das, was wir von heute an tun werden, segnen und die Unsrigen diesen Segen genießen!

Und nun wollen wir nicht länger verweilen, sondern uns einem Orte, auf den alle unsre Wünsche gegenwärtig gerichtet sind, nähern, vorher aber noch in dem Hause des Herrn einkehren, des Gottes, der die Berge gegründet, die Schätze in ihre Tiefe verborgen und dem Menschen den Verstand ge- geben hat, sie an das Licht des Tages hervorzubringen. Lassen Sie uns ihn bitten, daß er unserm Vorhaben beistehe, daß er uns bis in die Tiefe begleite und daß endlich das zweideutige Metall, das öfter zum Bösen als zum Guten angewendet wird, nur zu seiner Ehre und zum Nutzen der Menschheit gefördert werden möge. —

Wenn es Ihnen gefällig ist, wollen wir gehen.

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