> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe-Reden: ZUM BESCHLUSSE DES GEWERKENTAGES den 11. Juni 1791 (9)

2019-11-17

J.W.v.Goethe-Reden: ZUM BESCHLUSSE DES GEWERKENTAGES den 11. Juni 1791 (9)



ZUM BESCHLUSSE DES GEWERKENTAGES den 11. Juni 1791


Das Geschäft, dessen Eröffnung vor einiger Zeit hier in eben dieser Versammlung geschah, ist nunmehr glücklich vollendet, und wir sind abermals zusammengekommen, um die Resultate der bisher gepflogenen Deliberationen öffentlich bekannt zu machen. 

Als die neue Ilmenauer Gewerkschaft sich zuerst formierte und man die künftigen gewerkschaftlichen Zusammenkünfte voraussah, war man bedacht, denselben eine Konstitution zu geben, nach welcher von den zu pflegenden Deliberationen für das Werk der größte Vorteil zu hoffen war. Man schloß daher keinen einzelnen Gewerken von dem Zutritt an einem solchen Tage aus, erteilte aber nur denjenigen eine entscheidende Stimme, welche im Auftrag für hundert Stimmen sprachen. Es schien diese Vorsicht umso nötiger, als man durch die Erfahrung belehrt war, daß die Meinung so verschiedener Menschen bei dieser wie bei andern Gelegenheiten schwerlich in einen Schluß zu vereinigen sei. 

Um desto angenehmer war es der gnädigst verordneten Kommission in dem gegenwärtigen Falle, gar bald zu bemerken, daß, wie sie von ihrer Seite nichts zu unterlassen glaubte, was zur Aufklärung und Beschleunigung des Geschäfts dienen konnte, sämtliche Herren Abgeordnete auch von der ihrigen auf eine Weise zu Werke schritten, welche das Geschäft erleichtern und beschleunigen mußte. 

Alle hingelegten Vorschläge sind mit so vieler Unparteilichkeit geprüft, mit so vieler Einsicht in die Lage des Werks überlegt und die sämtlichen Beratschlagungen mit so vieler Mäßigung und Gründlichkeit gepflogen worden, daß es kein Wunder ist, gegenwärtig das Geschäft durch einen einstimmigen Schluß vollendet und jene anfängliche Vorsicht, wenigstens für diesmal, überflüssig zu sehen. Man wünscht, daß bei allen zukünftigen dergleichen Zusammenkünften nicht die Zahl, sondern die Gründlichkeit, nicht die Mehrheit, sondern die Übereinstimmung entscheiden möge. 

Ebenso angenehm war es, durch die gegenwärtigen Herren Abgeordneten die entschlossenen Gesinnungen ihrer Herren Kommittenten zu erfahren, welche sämtlich dahin gingen, daß ein so weit geführtes Unternehmen, besonders auf dem gegenwärtigen Punkt, durch einen raschen, entschlossenen Angriff zu seinem Zweck zu führen sei.

Es war dieses umso erwünschter, als man einem Teil der Gewerken wie einem Teil des Publikum nicht verargen konnte, wenn es, besonders in der letzten Zeit, weniger vorteilhafte Begriffe von dem Unternehmen faßte. Denn wenn derjenige, welcher über der Erde vor den Augen der Menschen bauet, dem Tadel derselben ausgesetzt ist, so können diejenigen, welche unter der Erde ein gleichsam unsichtbares Werk unternehmen, wohl schwerlich auf das Vertrauen der Menge rechnen; denn sie ist nicht leicht so unbefangen, aufmerksam, um ein gründliches Urteil über ein solches Werk fällen zu können, und wie viele sind es, welche, so lange der Zweck noch nicht erreicht ist, unterscheiden können, ob man sich demselben nähert oder sich von demselben entfernt? 

Über alle diese Besorgnisse hat uns die Kenntnis, die Aufmerksamkeit, die Einsicht und das Urteil der sämtlichen gegenwärtigen Herren Abgeordneten beruhigt, und das Resultat der gepflogenen Deliberationen ist dahin ausgefallen: daß das Werk mit erneuerter Lebhaftigkeit anzugreifen sei und daß man solche Maßregeln zu nehmen habe, wodurch man, ohne sich im mindesten von dem Hauptzwecke zu entfernen, denselben in der kürzesten Zeit mit dem wenigsten Aufwande erreichen muß. 

Es sind daher, wie die Protokolle besagen, welche sämtlichen Herren Interessenten mitgeteilt werden können, verschiedene Vorschläge als: die Ersinkung eines neuen Schachtes, die Führung eines Querschlags nach dem aufsteigenden Flöz, die Wiedereröffnung des Stollens nach dem alten Baue, um die gespannten Wasser abzufangen, zwar als dem Werke in der Folge nützlich angesehen, die Ausführung derselben für den Augenblick aber abgelehnt worden, weil sowohl die Aufmerksamkeit als der Aufwand dadurch von dem Hauptpunkte, dem vor allen Dingen zu ersinkenden Flöze, abgeleitet würde.

Dagegen hat man die in der letzten Nachricht schon vorläufig angezeigte Idee, den gegenwärtigen Schacht dergestalt einzurichten, daß in demselben noch zwei Kunstzeuge angebracht werden können, bei der genausten Prüfung vollkommen ausführbar gefunden und daher einmütig gebilliget. 

Um also im Gefolg des ersten Plans den Zweck, welchem man sich so nahe befindet, zu erreichen, ist beschlossen worden, sogleich noch zwei Radestuben zu brechen und zwei Kunstzeuge zu erbauen. Die innere künftige Einrichtung des Schachtes bringt es mit sich, daß diese Zeuge nicht sukzessiv, sondern zu gleicher Zeit angelegt werden. 

Diese Vorrichtung wird nach dem Urteil der Kunstverständigen hinreichend sein, die von den beiden schon erbauten Kunstzeugen in der Tiefe nicht völlig bezwungenen Wasser bis auf das Flöz hinab zu gewaltigen und sich auf demselben vorerst zu erhalten. 

Man hat die Summen, welche sowohl zu Ausführung dieses Plans als zu Bestreitung der allgemeinen Kosten auf ein Jahr nötig sind, auf siebentausendachthundert Reichstaler berechnet, wozu der durch die vierte Nachricht bekannte Rezeß des Werks von fünftausend Reichstalern noch hinzukommt. 

Diese Kosten beizubringen war der Beschluß folgender: der gegenwärtige Termin, welcher sechstausendfünfhundert Reichstaler kurrent einträgt, würde sogleich zu Fortsetzung des Werkes angewendet werden, die Frist zu Bezahlung desselben würde bis Michaelis dieses Jahres erstrecket, wo sodann alle diejenigen, welche ihren Beitrag nicht eingesendet, präkludiert und die Kuxe kaduziert werden; um aber doch die ganze Summe, als worauf man gerechnet, nicht zu entbehren, so ist einmütig beschlossen worden, sämtliche kaduzierte Kuxe nicht wieder zu verleihen, sondern lieber den geringen Nachtrag von seiten der Gewerkschaft selbst zu übernehmen und die Sozietät dadurch ins Enge zu ziehen. 

Um nun teils das Erforderliche für die vorzunehmenden Baue völlig aufzubringen, auch den Rezeß binnen hier und Ostern abzutragen, ist auf Weihnachten dieses Jahrs ein abermaliger Termin von einem neuen Louisd’or oder vier Laubtalern verwilligt worden. 

An Michaelis wird eine Nachricht, wie weit man mit der Arbeit gekommen, ingleichen wie viele Kuxe kaduziert worden, ins Publikum ausgehen und die Interessenten aufs neue von der Lage der Sachen unterrichten. 

Nach diesem Plane, welcher mit möglichster Vorsicht und Nachdenken gemacht worden, würde man, wenn keine ganz unvorzusehende Fälle eintreten, binnen einem Jahre das Flöz ersunken haben, bis dahin die fortgehenden allgemeinen Kosten bestreiten und das Werk schuldenfrei sehen, besonders wenn man durch Beibringung der ältern Reste, durch zu machende Ersparnis, durch Verkaufung einiger gewerkschaftlichen Grundstücke, welche vorerst von den Herren Deputierten abgelehnt worden, die Summe, womit der Anschlag die Einnahme übersteigt, beizubringen suchte. 

Da nun alle diese Beschlüsse einmütig von den gegenwärtigen Herren Abgeordneten des größten Teils der Gewerkschaft gefaßt worden, auch bei fürstlicher Kommission mehrere Gewerken ihre Erklärung dahin gegeben, daß sie diesen Entschließungen beizutreten gemeinet und sich der Beiträge zu einem entscheidenden Versuch nicht entziehen wollten, auch nunmehr die Lage der Sache und die nächsten Aussichten noch mehr aufgeklärt sind, als es durch die ausgebreitete vierte Nachricht nicht geschehen können, so kann man die nicht erschienenen Gewerken nunmehr mit desto größerer Zuversicht aufrufen, auch ihre rückständigen Beiträge bis Michaelis einzusenden. Es ist keine Proportion zwischen dem, was von einem jeden schon aufgewendet ist und durch Kaduzierung verloren geht, und demjenigen, was nach einer so standhaften und wohlüberdachten Entschließung noch gegenwärtig zu hoffen ist. 

Es werden sich die nicht erschienenen und in der Zahlung rückstehenden Gewerken überzeugen können, daß diese Erinnerung bloß ihren eigenen Vorteil zur Absicht hat, indem der oben bemerkte Entschluß der beständigen Gewerkschaft, die Beiträge der Abtretenden zu übernehmen, die Kasse und das Werk vor aller Verlegenheit sichert. 

Dieses sind die Hauptpunkte, worüber deliberiert, die Hauptentschließungen, welche gefaßt worden; das übrige zeigen die Protokolle an. 

Und so wäre denn abermal dieses wichtige Geschäft dergestalt eingeleitet, daß man die beste Hoffnung von dessen Unternehmung fassen kann; und wir beschließen mit der größten Zufriedenheit eine wichtige, eine glücklich geendigte Verhandlung mit wiederholtem Danke gegen alle diejenigen, welche in diesem Geschäfte eifrig mitgewirkt und dessen Beendigung beschleunigt haben. Wir beschließen sie umso freudiger, als wir unserm gnädigsten Herrn mit einer angenehmen Nachricht entgegengehen konnten, da er diesen Ort, welchem er seit dem Antritte seiner Regierung eine fortgesetzte Aufmerksamkeit schenkte, gestern wieder betrat und durch seinen Anteil an diesem Geschäfte unsern Eifer aufs neue belebte und belohnte.
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