> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe-Reden: ZUSATZ ZUR LOGENREDE CARL WILHELM VON FRITSCHS .....(5)

2019-11-16

J.W.v.Goethe-Reden: ZUSATZ ZUR LOGENREDE CARL WILHELM VON FRITSCHS .....(5)



ZUSATZ ZUR LOGENREDE CARL WILHELM VON FRITSCHS BEI DER FEIER DER FÜNFZIGJÄHRIGEN REGIERUNG DES GROSSHERZOGS KARL AUGUST

Leider ward jedoch in jenen bewegten Zeiten manches Mißverständnis fühlbar; das aufgeregte Gemüt deutscher Jünglinge und Männer, vertrauend auf vaterländische Gesinnungen und gelungene Tat, schien das Neubefestigte abermals zu bedrohen. Dieses gab den edelsten, zu Staatsverwesern berufenen Geistern sorgliche Bedenklichkeiten; und hier mußten zweierlei Ansichten hervortreten: die eine, das in der Zeit Bewegte, augenblicklich Aufbrausende sei unmittelbar zu dämpfen; die andere, dem Gang dieser Epoche solle man bedächtig Zusehen und, auf dessen Verlauf achtsam bleibend, zu rechter Zeit dienliche Heilmittel anwenden. 

Jene hielten sich durch manche tadelnswerte, ja erschreckende Unregelmäßigkeiten berechtigt, auf ihren Grundsätzen zu verharren und deshalb die nötig erachteten Vorschritte gemessen zu tun; diese jedoch, überzeugt, daß nach vorübergegangener Krise eine frische Gesundheit sich offenbaren werde, suchten in stiller Milde das verlorene Gleichgewicht wieder herzustellen. 

Freilich gehörten Jahre dazu, um diese Verfahrungsart zu rechtfertigen; und wir dürfen uns glücklich preisen, daß nach manchem Schwanken sich endlich bewahrheitet: nur ein allgemeines Vergeben und Vergessen könne ganz allein das verlorne Gleichgewicht sowohl als das gestörte wechselseitige Vertrauen nach und nach wieder herstellen. 

Wie erfreulich muß es daher sein, in Ihrer Gegenwart, verbundene Brüder, getrost auszusprechen, wie wir, in so treuen als mäßigen Gesinnungen unverwandt ausdauernd und wirkend, uns von diesen erwünschten Folgen auch einen Teil ohne Anmaßung zuschreiben dürfen.
weiter

Goethe auf meiner Seite


Testamente, Reden, Persönlichkeiten

Keine Kommentare: