> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe: SELBSTBIOGRAPHIE (A)

2019-11-22

J.W.v.Goethe: SELBSTBIOGRAPHIE (A)



SELBSTBIOGRAPHIE 

Cellini sagt: Wenn ein Mann, der glaubt, etwas geleistet und ein bedeutendes Leben geführt zu haben, im vierzigsten Jahre steht, so soll er seine Lebensbeschreibung beginnen, die ereignisvolle Zeit seiner Jugend treulich aufzeichnen und in der Folge weiter fortfahren.

Cellini hat ganz recht: denn es ist keine Frage, daß uns die Fülle der Erinnerung, womit wir jene ersten Zeiten zu. betrachten haben, nach und nach erlischt, daß die anmutige Sinnlichkeit verschwindet und ein gebildeter Verstand durch seine Deutlichkeit jene Anmut nicht ersetzen kann.

Hiebei ist aber noch ein bedeutender Umstand wohl zu beachten: wir müssen eigentlich noch nah genug an unsern Irrtümern und Fehlern stehn, um sie liebenswürdig und in dem Grade reizend zu finden, daß wir uns lebhaft damit abgeben, jene Zustände wieder in uns hervorrufen, unsere Mängel mit Nachsicht betrachten und mancher Fehler uns nicht schämen mögen. Rüchen wir weiter ins Leben hinein, so gewinnt das alles ein anderes Ansehn, und man kommt zuletzt beinahe in den Fall, wie jener Geometer nach Endigung eines Theaterstückes auszurufen: „Was soll denn das aber beweisen?“

Wie man sich denn aber aus jeder gegründeten oder grundlosen hypochondrischen Ansicht nur durch Tätigkeit retten kann, so muß man den Anteil an der Vergangenheit wieder in sich heraufrufen und sich wieder dahin stellen, wo man noch hofft, ein Mangel lasse sich ausfüllen, Fehler vermeiden, Übereilung sei zu bändigen und Versäumtes nachzuholen.

Was wir zu diesem Zwecke versucht und vorgearbeitet, um ihn sicherer zu erreichen, was hiebei ein junger Zögling geleistet, davon gebe Nachstehendes nähere Kenntnis.
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