> Gedichte und Zitate für alle: Mephistopheles als Phorkyas-III. Euphorion. III.1. Kein menschliches, sondern ein allegorisches Wesen. (10)

2019-11-17

Mephistopheles als Phorkyas-III. Euphorion. III.1. Kein menschliches, sondern ein allegorisches Wesen. (10)

Fauststudien


III. Euphorion. 

III.1. Kein menschliches, sondern ein allegorisches Wesen.

Wenn die Verbindung mit Helena nur der poetische Ausdruck für einen Vorgang in Fausts Seele ist, so kann das Wesen, das aus der Ehe hervorgeht, nicht anders beurteilt werden. 

In den Fausthandschriften wird der Knabe Lenker zuweilen Euphorion genannt (Szenar zu Vers 5 5 20, 5535) 5552, 5560). Dadurch wird das bestätigt, was Eckermann unter dem 20. Dez. 1829 berichtet. Goethe habe ihm gesagt, der Knabe Lenker sei mit Euphorion identisch. Als Eckermann sein Befremden über diese Behauptung äußerte, antwortete Goethe: ,,Der Euphorion ist kein menschliches, sondern nur ein allegorisches Wesen. Es ist in ihm die Poesie personifiziert, die an keine Zeit, an keinen Ort und an keine Person gebunden ist. Derselbige Geist, dem es später beliebt Euphorion zu sein, erscheint jetzt als Knabe Lenker." 

Wie früher dargelegt wurde (S. 8 f.), ist ,, Poesie" hier nicht in dem uns geläufigen Sinn zu verstehen, das Wort bezeichnet vielmehr die produktive Phantasie, die ein Gemeingut der Menschheit ist und sich in Einzelnen , besonders Bevorzugten zu dem steigert, was Goethe sonst poetischen Bildungstrieb, innere Schöpfungskraft nennt. ,,In dem Menschen ist eine bildende Natur", so heißt es in dem Aufsatz ,,Von deutscher Baukunst", ,,die gleich sich tätig beweist, wenn seine Existenz gesichert ist. Sobald er nichts zu sorgen und zu fürchten hat, greift der Halbgott, wirksam in seiner Ruhe, umher nach Stoff, ihm seinen Geist einzuhauchen. — Da seht ihr bei Nationen und einzelnen Menschen dann unzählige Grade. Je mehr sich die Seele erhebt zu dem Gefühl der Verhältnisse, die allein schön und von Ewigkeit sind, deren Hauptakkorde man beweisen, deren Geheimnisse man nur fühlen kann, in denen sich allein das Leben des gottgleichen Genius in seligen Melodien herumwälzt: jemehr diese Schönheit in das Wesen eines Geistes eindringt, daß sie mit ihm entstanden zu sein scheint, daß ihm nichts genug tut als sie, daß er nichts aus sich wirkt als sie: desto glücklicher ist der Künstler, desto herrlicher ist er, desto tief gebeugter stehen wir da und beten an den Gesalbten Gottes."

Auch in Faust ist der poetische Bildungstrieb mächtig. Nachdem die Schönheit von seinem Geist Besitz ergriffen hat, will er selbst das Schöne schaffen. Dieses Streben ist in Euphorien persönlich dargestellt. Zu selbständigem Leben weiterentwickelt, ist die Personifikation zum Genius des Schönen geworden. 

„Und so regt er sich gebärdend, sich als Knabe 
schon verkündend 
Künftigen Meister alles Schönen, dem die ewigen 
Melodien 
Durch die Glieder sich bewegen." 

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