> Gedichte und Zitate für alle: Oskar Kanehl-Der junge Goethe im Urteile des jungen Deutschland- Theodor Mundt und Gustav Kühne. (13)

2019-11-23

Oskar Kanehl-Der junge Goethe im Urteile des jungen Deutschland- Theodor Mundt und Gustav Kühne. (13)



Theodor Mundt und Gustav Kühne. 

„Ein kleiner Mann ist auch ein Mann", und so wollen wir auch von den beiden Männern ein Wort sagen, die man noch allgemein zum jungen Deutschland gerechnet findet: Theodor Mundt, den schon jene drakonische Staatsakte zu der Gruppe zählt, und Gustav Kühne, den viele Beziehungen mit ihm verknüpfen und der sich freiwillig zu ihr bekannt hat.

"Th. Mundt, ein Potsdamer Kind, und nie dauernd außerhalb des Bannkreises der Hauptstadt, war mit seiner Frühreife schon als 27jähriger Doktor dreier Fakultäten. Eine Mischung von Geistigkeit und Gemütstiefe ist er Kritiker und Schwärmer zugleich. Nicht von dem nordischen Temperament Wienbargs durchlebt und nicht von dem starken Willen und der ausgesprochenen Eigenheit Gutzkows, ist er mehr der der Zeit Verfallene, der ,,fool of time," als der die Zeit Packende, der Beherrscher seiner Zeit. Er war, wie ihn ein neuerer Literarhistoriker ganz richtig charakterisiert, „kein Führer und kein Stürmer. Nicht er gedachte die Zeit aus ihren Fugen zu reißen, sondern nahm resigniert die Zustände an, so sehr er auch über sie trauerte. Ihm war Politik nicht die Hauptsache: aus den Irrpfaden der Politik mündete er gern ein in die breiten Wege stiller gelehrter Arbeit.

" Er ist aus der Goetheanerschule der Rahel, aber „die Opposition ist einmal meine geistige Lebensluft," und so wird er — es ist etwas Tragisches — auch in seiner Stellung zu Goethe vom Zeitstrom mitgerissen. Ein zu Ruhe und Dulden Geborener wird von der Zeit zu Kampf und Tat ge- drängt. „Der Greis behängt sich mit der Eitelkeit seiner alten Traditionen, und der verachtete Jüngling, der gerne das Knie beugen möchte aus Ehrfurcht vor der silberlockigen Autorität, muß eine Opposition des Geistes gegen die Ehrfurcht des Herzens beginnen." Es ist etwas Schmerzliches in Mundts Schrifttum, mehr als bei allen anderen Jungdeutschen; auf seinem Gesicht findet das starken Wiederschein. Man sieht sein Bild und man kennt ihn.

Aus der strengen Abfertigung Göschels im ,, Literarischen Zodiakus," dem wichtigsten von Mundts Zeitschriftenunternehmungen, ersehen wir seine fortgeschrittene Stellung, jenseits vom Goethekult und Goethehaß. Er betont: „Ich habe Goethen angegriffen, weil eine Opposition gegen manche aristokratische Altväterlichkeiten und gegen den olympischen Despotismus seiner Poesie in der Gesinnung und Luft der Zeit liegt, aber es ist mir, meiner ganzen Richtung nach, niemals eingefallen, mit Pustkuchen und Wolfgang Menzel eine religiöse und ethische Anklage gegen ihn zu richten." Auf der anderen Seite wendet er sich scharf gegen den „Fanatismus" und „die Kleinstadterei der Vermittelung." Wenn man „alle diejenigen, welche die Bewegung der Zeit zu einer Opposition gegen Goethe" machte, ein „unwürdiges Gesindel" nennt, so fragt Mundt in Börneschem Sinne: „Warum, warum in aller Welt, Sie böser Orthodoxer? Kann man nicht, bei aller großen Verehrung für Goethe, abweichende Ansichten haben über seine Bedeutung für die nächstliegende, in ihrem eigentümlichen Gährungsprozeß sich selbst überlassende Zeit, und dabei dennoch ein würdiger Staatsbürger sein?" Einen sehr interessanten Beleg finden wir hier auch dafür, wie gerade der törichte Versuch sich selbst übertrumpfender Goetheaner, Goethes schönste Menschlichkeit durch Priesterweihrauch zu umnebeln, dazu beiträgt , mit um so festerer Liebe gerade an dieser menschlichsten Menschlichkeit zu hangen, und die historische Bedingung dafür wird, daß auch dieser Teil Goethes der Geschichte gerettet wird. Einen Menschen göttlich aufzufassen ist dieselbe Verflachung wie Gott sich menschlich zu erklären. Gott was Gottes ist, den Menschen was Menschen ist. „Wahrlich , als ich gesehn, wie sich Göschel hier dreht und windet, um aus dem größten Dichter auch den allerchristlichsten sich zurecht zu machen, erwachte mein ganzes, altes, warmes Liebegefühl für Goethe, wie es in frühern unbefangenen Jünglingsjahren mich begeistert. . . Dazu ist Goethe doch zu groß und heilig, um von solchen Schulmeistereien eine Ehrenrettung zu empfangen ! Man muß seinen Verteidiger angreifen, um ihm sein Recht widerfahren zu lassen." Man muß sagen, in Mundt fand der Varnhagenkreis einen vielleicht nicht so ergebenen aber besseren Schüler als in Laube. Er wurde durch diesen Einfluß nicht wie jener in eine ungewisse Halbheit geworfen, sondern holte mit sicherem Griff heraus, was in seine persönliche und historische Physiognomie hineinpaßte. In Rahel wird durchaus das betont, was ihre erste historische Wirksamkeit ausgemacht hat: nicht ihre Zugehörigkeit zum Goethekult, ihr Bemühen um eine Goethereife, den ganzen Goethe in sich zum Erlebnis werden zu lassen, sondern das in Mundts Sinne Moderne in ihr, was sie als ..Thyrsusschwingerin der Zeitgedanken" predigte. Nach der Richtung wurden auch ihre Kunstanschauung im Allgemeinen und ihre Aussprüche über Goethe im Besonderen ausgebeutet.

In den „Schriften in bunter Reihe," dem „Literarischen Zodiakus" und den „Dioskuren", dazu in den „Lebenswirren" und seinen beiden Literaturgeschichten allein ist eine solche Fülle von Material zu unserem Thema, daß es uns schwer fällt, in Rücksicht auf den Umfang vieles unbenutzt beiseite zu lassen. Ludwig Börne hat einen unverkennbar starken Einfluß auf ihn. Mundt schätzt ihn über Heine und greift nach seinen Grundsätzen in einen Kampf gegen den unzeitgemäßen „genialen Egoismus" des Weimarer Ministerdichters ein. In den „Lebenswirren" liest man eine apothetische Würdigung dieses „verzweifelten Metaphysikers der modernen Zeitbewegung" als „Laokoon." Wie Börne wird auch ihm bei Goethe „heiter und leichtsinnig, weil man die Sorgen der Heimat vergißt. Bei Schiller denkt man an die Sorgen des Vaterlandes." Ganz im Sinne unseres „geistigen Testaments" sehnt sich auch Mundt nach der Zeit, wo er „Goethe in seiner herrlichsten, unvergänglichsten Wesenheit anzuerkennen im Stande sein werde. . . . Die Gegenwart der jungen strebenden Dichter-Generation, ist Goethe gefährlich." „Die Zeit will . . weiter, und um etwas Neues zu erreichen, kann und darf sie selbst ungerecht sein." Dieses und vieles andere ist Bornen nachgesprochen, dem wirklich herrlich kühnen Charakteristiker. Wer immer Sinn hat für echte stolze Eigenart, wird Börnes Wesenheit nicht anders erkennen, als wie sie Mundt im Zodiakus ausspricht: „Börne ist keusch und rein, und alles, was an ihm lasterhaft erscheint, ist bloß sein Unglück."

Auch Wolfgang Menzel wird das „literarhistorische Verdienst" zuerkannt, die moderne deutsche Poesie von der Goetheschen Gesinnung emanzipiert zu haben. Er war ein „kritischer Volksredner," ein „demagogischer Sprecher für die literarische Volkssache".

Auf Wolfgang Menzel, mehr aber noch auf Börnes Vorbild gestützt, polemisiert nun auch Munclt gegen den altgewordenen Goethe, gegen seine „kalte Einfachheit", gegen seine „antik gemessene Natur". „Goethe's Tod bezeichnet in Deutschland den Abschluß dieser Bildungszeit, die durch ihn ausgefüllt wurde, bis auf den Geist der politischen Freiheit, der nach ihm zu kommen bestimmt war, der aber nicht eher in der deutschen Wirklichkeit sich niederlassen konnte, als bis diese die goethesche Bildungsstufe durchlaufen und an den schönen Goethe 'sehen Geistesformen sich aus der Barbarei der alten Zeit neu herausgeboren hatte. Die ästhetische und sittliche Grundlage der Freiheit hat die goethe'sche Poesie überliefert, aber das freie Volksleben selbst, das Ideal der Zukunft, saß noch als eine verhüllte Gestalt an ihren Quellen." Goethe kümmerte sich nicht um „die öffentlichen Einflüsse" , „weil er ihre historische Allmacht anzuerkennen sich weigerte." „In der Gewalt der historischen Ereignisse hätte Goethe ein Höheres über aller Individualität erkennen müssen, aber ihm lag mehr daran, die Unbeschränktheit der Individualität aufrecht zu erhalten, in welcher die Höhe seiner künstlerischen Herausbildung lag." Mundte „Literarischer Zodiakus" trägt bezeichnend als Motto Uhlands Verse:

„Heilig achten wir die Geister,
Aber Namen sind uns Dunst!
Würdig ehren wir die Meister,
Aber frei ist uns die Kunst."

Danach handelt er in seinen Ausführungen und nennt das den „ Geist der Bewegung". ,,Mich gehen die Gräber nichts an. denn ich fühle mich jung. Ich mag nicht alt werden, ich ziehe einen rühmlichen Tod auf dem Schlachtfelde vor. Aber wenn ich um mich herblicke, oder zurückschaue, werde ich überall gewahr, wie aus die Bewegungspartei zuletzt wieder eine legitime geworden ist. Jede Revolution trägt schon wieder die Keime zu ihrer Restauration in ihrem Schöße, die Blutentwicklung der Jugend geht in den Verknöcherungsprozeß des Alters über." Dem Hegelschüler Mundt ist der Gesichtspunkt der „historischen Allmacht" der Ausgangspunkt aller seiner historisch kritischen Betrachtungen. Das gibt seinem Urteil eine eigene Wendung. Auch Goethes Entwicklung wird durchaus unter dem Gesichtswinkel Hegelscher Geschichtsphilosophie gesehen. Wie er geworden ist, so mußte er weiden. In dieser Beziehung hat Mundts Urteil Verwandtschaft mit dem Wienbargs. Wienbarg erklärte Goethe als Produkt seiner Zeit, Mundt als das natürliche Resultat der ,, historischen Allmacht" in ihm. Goethe „war in seiner Jugend der Revolutionär in der Poesie. In morgenroter Begeisterung tauchte er auf und gab den alten abgeschmackten Formen des deutschen Lebens neue Bildung und neue Gesetze." Ein langes ..Aber" folgt. „Er schüttelte nicht mehr die freiflatternden demagogischen Locken seiner Jugend. . . Die Bewegung floh ihn." Suchen wir nach einer näheren Zeitangabe auch hier, so finden wir: „Schon in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts war die Goethesche Poesie nicht mehr als eine Bewegungspartei der Literatur anzusehen. Da begann sie stabil zu werden, ihre Anhänger redeten von ihr wie von einer legitimen Dynastie des deutschen Parnasses, man sprach überall von Goethe dem Dichterfürsten, und es gründet sich in Weimar ein ordentlicher Dichterthron, umgeben von aristokratischen Institutionen." Seine Gesamtauffassung ist wieder die durchaus von historischen Gesichtspunkten geleitete: „Wenn wir heutzutage einen Augenblick lang aufgehört haben, uns an Goethe's Dichtungswelt mit so ungeteiltem Sinn, wie sonst, hinzugeben, so trägt daran die Unruhe des in uns arbeitenden Geschichtsgeistes selber die Schuld." „Die Bewegung geht schonungslos vorwärts, denn sie ist die Geschichte. Gegen den legitimen Thron der Goetheschen Literaturperiode nahm bald die Zeit selber Partei." Aber „je mehr unsere heutige Zeit sich der Erfüllung ihrer höchsten Ziele annähern wird, desto mehr werden wir, statt einen Bruch unserer Bildung mit der Poesie Goethe's zu empfinden, in derselben die notwendige Grundlage der deutschen Geisteszustände erkennen." Sehr interessant deckt er die Quellen der jungdeutschen Goetheverehrung auf. Obgleich sich die romantische Poesie aus der Goetheschen entwickelte, so muß man sie doch ,, zugleich von ihrer eigentümlicheren Seite her als eine Oppositions- und Bewegungspartei gegen Göthe bezeichnen, ..." ,,In Novalis lagen schon alle Keime einer offenen Opposition gegen Goethe angedeutet." Während wir dies aber schon bei anderen Jungdeutschen erkannt fanden, begegnet uns hier zum erstenmal der Hinweis auf Tieck. Er war „zeitlebens ein Goethianer, und hat doch gegen Goethe neuere Elemente der Poesie auf den Kampfplatz gestellt;" und zwar gerade in Anknüpfung an den jungen Goethe, wie uns neuerdings gezeigt worden ist. Wenn wir nun auch hier auf einzelne Urteile Mundts über den jungen Goethe eingehen, so müssen wir uns stark beschränken. Der Götz ist seit Heines schönem Bilde stereotyp „der erste kühne Wurf des jungen Genies", ,,das an seinem Stoff den Kampf zwischen alter und neuer Zeit malend, diesen in dem nämlichen Moment durch sich selbst begann und ankündigte." An Gutzkow klingt sein Urteil über den Werther an. „Der moderne Unfrieden", ,,die Spaltung zwischen Natur und Geist gestaltete sich in der zweiten Produktion Goethe's recht aus der wogenden Tiefe der deutschen Brust heraus." ,,Die allnährende Natur ist es, in der Werther, heimatlos geworden in der Wirklichkeit, die große ursprüngliche Heimat des Menschengeistes wiedersucht, aber auch sie stößt ihn zurück und erscheint ihm nur als das ewig hervorbringende und ewig verschlingende Ungeheuer." Das ist es auch, was er als Grundzug des ,, Faust" unterstreicht: „Die verloren gegangene Einheit des Geistes mit der Natur wiederzufinden, hat der Dichter im Faust die höchsten Flügel der Dichtung ausgespannt." ,,Im Werther weinte und schluchzte der erste Jugenddrang der Spekulation sich aus," im Faust konnte er erst „philosophisch werden und in die Tiefe steigen"; „die Spekulation ist tief und ganz und gar in die Innerlichkeit der Konflikte untergetaucht".  Auch bei Mundt begegnet uns eine Verurteilung des Faust von Lenau. In Goethes Faust ist „die deutsche Faustidee ein für alle Mal bis zur erhabensten Vollendung und ausgedehntesten Bedeutsamkeit verkörpert" . Er ist — und natürlich immer nur der erste Teil — „ein Werk, das die größte Ewigkeit hat in der ganzen deutschen Literatur."

Allzuviel Menzelisches in dem Neujungdeutschen hat noch das zusammenfassende Urteil mitgeschleppt: „Ermangelte Goethe des eigentlich germanischen Geschichtsgeistes, und darum auch des christlichen Sinnes, so müssen wir ihn doch als den Urheber und Helden derjenigen Bewegung des deutschen Geistes anerkennen, die in uns, den Erben Goethe's historisch und religiös sich vollenden und den wahrhaft substantiellen Inhalt der Wirklichkeit erobern soll." Auch die um den Sturm- und Dranggoethe waren, stehen in hohem Range bei Theodor Mundt, ohne daß ihr Zusammenhang mit dem jungen Goethe erkannt oder betont wäre. In die „Sprachverwirrung des deutschen Gesellschaftslebens" reformierend eingegriffen zu haben, wird Herdern das Verdienst zugesprochen. Er habe „überhaupt schon frühe, mehr als bekannt ist, einer gewissen antinationellen Opposition manche Stichwörter hingeworfen, die später auf anderem Grunde aufgenommen und zu einer systematischen Controverse versponnen wurden." An Klinger wird „ein gewaltiges Streben, urkräftige und ursprüngliche Gebilde in der deutschen Poesie darzustellen" gerühmt. „Dem Shakespeare'schen Geist von innen her verwandter" noch war Lenz, ..welcher dazu berufen war, der erste dramatische Dichter der Deutschen zu werden", wenn ihn nicht sein ausschweifendes Leben ..zur Vollendung seines Dichtergenies unfähig gemacht hätte."

Alles in Allem: eine psychische Constitution wie Börne, nur mit einem gut Teil mehr Gelehrtertum dabei, steht er zu Goethe schon unter neujungdeutschem Einfluß, schielt aber mit seinen Prinzipien noch zu Menzel zurück. Aus Rahel ist der Jungdeutsche herausgeschnitten. Er ist ein Mittelglied zwischen Gutzkow und Laube, nicht im vermittelnden Sinne, wie etwa Laube eine Synthese zwischen Goetheanismus und jungdeutscher Junggoetheverehrung sucht, sondern: nicht stark genug um Gutzkow zu sein, nicht schwach genug um Laube zu sein; will sagen, durch die seinen Urteilen zugrundeliegende Satzung eines der Welt immanenten Geschichtsgeistes hat er nicht die eigenartige Ausprägung einer konsequent jungdeutschen Stellung zu Goethe wie Gutzkow, wie auch Wienbarg, er verfällt aber auch nicht der unausgeglichenen Halbheit der Laubeschen Stellung zu Goethe.

Ahnlich ist nun auch Gustav Kühne zu fassen, den wir als letzten noch in unseren Betrachtungskreis ziehen. Wohl der anspruchloseste. Er nennt sich selber ,. weich und harmlos." ,,In schwachen Stunden" kann er sogar „schmerzlich bedauern, daß seine ,, Feder Rache üben soll an allerlei Schlechtigkeiten des Geistes." Mundt, dem ,, ausgemachten Sanquiniker" gegenüber fühlt er sich selbst „mehr Schlagmotiker". Mundt hat mehr vom Genie, ich bin mehr schwerlötiges Talent, "so lautet seine eigene Einschätzung. Mundt war kein Stürmer, Kühne ist es noch weit weniger gewesen: ..Ehrlich und treu," wie sein Lebensspruch sagt" „zur Seite des wärmenden Ofens" möchte man hinzufügen. So etwas Vossisch Gemütliches und gar nicht Aufregendes ist in diesem Menschen aus einer ungemütlichen und aufregenden Zeit. Mundt, der still tapfere Gelehrte, noch etwas mehr populär und verbürgerlicht, das ist Kühne.

 Auch er wird wider seine Natur in die Oppositon gezogen. Er ,,kann die Literatur nicht hinsumpfen lassen." Wie Laube und Hundt hatte er sich ,, schulen lassen im Rahelschen Salon Varnhagens." Deshalb hatte auch Goethes Alter für ihn „einen Reiz, der noch über alles ging, was ihm . .sein sonstiges Wirken an Größe und an Schönheit bot." Bezeichnend ist aber doch die Einschränkung: „Wohl möglich, daß ich weit religiöser im Alter sein würde, noch mehr im Genuß dieser Friedfertigkeit mit dem Herrn mich fühlen würde." Aber wenn er auch nicht selbst in der ersten Reihe des Zeitkampfes mitstreiten kann, so begrüßt er doch die Bannerträger. , ; Locker und schlaff werden die Gemüter .wenn nicht Einer da ist, der im Namen Gottes, d. h. im Namen der Wahrheit des Jahrhunderts, die Geißel schwingt. Möchte Börne's Geist nicht ganz schlafen gegangen sein und die keusche Reinheit seines Zornes Wache halten!"

In seiner Goethekritik bleibt Kühne, von allen Jungdeutschen wohl am tiefsten, in Menzel stecken. Jener ..unwirsche Eifer" Menzels, ,,auch Goethes reinliche Sinnlichkeit als Unmoralität verhetzern" zu wollen, wird zwar auch ihm nicht gebilligt, aber der Grundsatz des Nationalen und Religiösen, den wir im Prinzipe — allerdings durch seinen historischen Standpunkt vertieft - auch bei seinem Freunde Mundt ausgesprochen fanden, ist in seiner Einseitigkeit durchaus von Menzel geerbt. Als Mitarbeiter an Mundts Literarischem Zodiakus, 1835, ist er noch Menzel in Reinkultur. „ Goethe hat unendlich tiefe, mannigfach wunderbare Töne angeschlagen, aber einen sichern Typus hat er wohl keinem Zweige der Literatur eingeprägt, wie etwa Shakespeare der dramatischen Poesie seines Volkes. Der Brite hatte nur einen Weg eingeschlagen. Goethe hat viele Wege eingeschlagen, mannigfache Richtungen eröffnet, keine einzige zu Ende verfolgt. . . Er war unendlich glücklich, sein Glück war noch größer fast, als sein Talent."

Bettina fühlte so etwas davon, daß aus dem größten deutschen Poeten mehr ein Hofdichter, als ein Nationaldichter geworden sei." „Sie schlägt mit strafenden Worten an das kalte Aristokratenharz," das liest er mit Börne und den übrigen Jungdeutschen aus „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde" heraus. Aus Börneschem Geiste geboren ist der prinzipielle „Glaube an eine Polemik, die ihren Gegenstand erst recht feiert, obschon sie ihn fernrückt;" „Polemik gegen diese Größe des Dichters," schreibt er, „die ich erst recht begreife, wenn ich, ein Kind der Jetzwelt, meine Bedürfnisse gegen die seinigen messe. Ich übe bloß die Opposition, weil ich die Idee des Lebens für reicher erachte als jedwede Persönlichkeit. Ich kenne einmal keine Individualität, der ich mich in die Arme werfen dürfte." Selbst diesem Tugendbold wird der Goethekult zu bunt. „Es ist eben so geschmacklos, als unnötig, so lang und breit, so polternd und schimpfend den alten Herrn zu verteidigen, längst Vergessenes noch einmal hervorzuziehen, wegen jedes Wortes, das Jemand über ihn fallen ließ, eine seiten- lange Verteidigungsrede schwerbeinig und böotisch loszulassen." Sogar dieser jungdeutsche „Phlegmatiker" ist soweit jungdeutsch, daß er sich gegen den für diese Jugend schon am Leben zur Mumie gewordenen alten Goethe wendet . Pierson teilt uns die Stelle aus den „Gedankenspähnen" mit: „Todt sind uns nicht eigentlich die, welche wir durch die Hand der Natur verlieren, denn diese leben wieder in und mit uns, unser bestes Erwerben und Werden ist mit ihr Teil. Tot sind uns weit mehr, die unter den Lebenden noch mit uns wandeln, aber uns verloren gingen durch Eigenart, Abart, oder durch Entartung des Geistes und Gemütes. Stoßweise geraten sie noch in unsere Sphäre, entweder feindlich, oder was noch schlimmer ist, gleichgültig. Dies sind die, die uns todt sind." Das ist Goethe, der „mit den Wahlverwandtschaften seinem Volke den Scheidebrief" gab, den es ,, blind" ließ, ,,was sich geschichtlich um ihn her gestaltete," der sich ,,mit seinem Denken und Dichten in den Orient" flüchtete, ,,der Dichter Goethe, welcher sich völlig mit dem Minister identifizierte." Er war für die Jungdeutschen gestorben, bevor er noch leiblich die Welt verließ. Wir sehen bei Kühne weder den Versuch einer Erklärung Goethes aus seiner Zeit wie bei Wienbarg, noch ein Bemühen ihn, wie Theodor Mundt, als menschgewordenen „Geist der Geschichte" zu fassen; Kühne ist der rückständigste der Jungdeutschen im Urteil über Goethe.

Es führt nur zu Wiederholungen, wollten wir Kühnes Urteile über Goethe auch nur in Auswahl hier wiedergeben. Es kommt auf das Piinzip an, und dieses bestätigt sich von neuem, wenn wir auch hier das eine Beispiel der Gegenüberstellung der beiden Faustteile anführen, wie es sich in dem Aufsatz „Goethe in alten und jungen Tagen" der Sammlung „Portraits und Silhouetten" gibt. Beim zweiten Faust bemächtigt sich „der Muse des Dichters eine Trägheit, die den Stoff, das Leben, ja den Gedanken des Daseins aufgibt. Eine schwächliche Ironie zerschlägt die Interessen des Völkerlebens, und wo der Held der Sage, nach Befriedigung der metaphysischen und mittelalterlich-antiken Lebensrichtungen zum Faust unserer Zeit werden sollte, zerbricht die Dichtung in sich selbst. Faust gibt das öffentliche Leben auf und wendet sich zu ökonomisch-bürgerlicher Tätigkeit. Welche Schwäche des Gedankens! Welcher Verrat an dem Völkerleben! Welches Verzichten auf die Offenbarung weltgeschichtlicher Wahrheit in den Stoffen der Nationalinteressen." Der ..himmelstürmende Faust" muß „als Straßenpflasterer und Ackerbürger schließlich resignieren." Das ist glatt aus Menzel abgeschrieben. Der sechste Band von Kühnes ..Gesammelten Schriften  " enthält ..Aus dem „goldenen" Zeitalter der Literatur" die Aufsätze:

I. Karl August von Weimar.
II Die Dioskuren von Weimar.
III. Goethe in der Schule der Frauen.
IV. Goethe und sein Jahrhundert.
V. Schiller als Prophet.
VI. Schiller als Mensch und Dichter."

Was die Titel und ihre Anordnung schon vermuten lassen, bestätigt sich vollauf bei der Lektüre : dem Herzen dieses „Ehrlichen und Treuen" liegt der populäre Schiller näher als Goethe, die Künstlerpersönlichkeit ??????. Was er über diesen sagt, ist durchaus ein Zurück zu den Maßstäben Wolfgang Wenzels: Das Feminine in vielen seiner Gestalten, das Höfische . . . , das Unvaterländische, Unschillerische wird gerügt. Der eine, wahrhaft jungdeutsche Ruf tönt aber auch aus seinem Munde wieder: Den Jungen für den Alten!




Epigramme, Sprüche, Xenien

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