> Gedichte und Zitate für alle: Oskar Kanehl-Der junge Goethe im Urteile des jungen Deutschland- Anti-Goethe. (5)

2019-11-21

Oskar Kanehl-Der junge Goethe im Urteile des jungen Deutschland- Anti-Goethe. (5)



Anti-Goethe. 

In Gegensätzen lebt der Fortschritt. Übertreibungen sind die Quelle entgegengesetzter Übertreibungen; aus jedem Kult erwächst ein Gegenkult. Immer nur wieder durch ein Extrem überwindet die Geschichte ein Extrem.

Nach einer solchen Riesenerscheinung wie Goethe geht eine Generation ausschließlich in der Verehrung dieses Genius auf. Von Goethe ist sie durchlebt ganz und gar. Wächst dann eine neue Jugend herauf, die sich ihrer Zeit und Individualität entsprechend regen will, so ist es nur zu natürlich, daß sie sich gegen das, was ihnen als das Alleinseligmachende immer und immer wieder gepredigt wird, energisch auflehnt, mit einer Schärfe auflehnt, die mehr aus ihrer historischen Situation als aus dem eigentlichen Charakter ihrer Eigenart stammt; goethesatt wird sie und muß radikal verwerfen, um freie Luft und freien Raum für den Atem und die Bewegung ihrer Jugend zu gewinnen. Die Erben dieses Genius bleiben auch die, die es sich nicht eingestehen. So lange sie sich nicht selbst als feste Persönlichkeiten fühlen, glauben sie es nicht eingestehen zu dürfen. Heine z.B. grollt dem Altmeister Goethe, ignoriert und tadelt ihn, bis er später den Neid als den Grund dieses Gebahrens bekennt. Und man soll nicht hämisch über diesen Neid die Achseln zucken. Es ist etwas so durchaus im Menschendasein tief Begründetes, daß wir den Beruf, zudem wir uns selbst geschaffen fühlen, mit den empfindlichsten Augen betrachten und Vorläufer auf unseren Bahnen, zumal die größten, mit einem gewissen Widerwillen groß sehen. Nur wer von vornherein seine absolute Geringfügigkeit oder aber seine unbedingte Überlegenheit seinenmVorgängern gegenüber empfindet, wird sich von solchem Gefühl vielleicht frei wissen. Die Jungdeutschen waren unweigerlich in der Hörigkeit der großen, einen, zeitbeherrschenden Persönlichkeit, Goethe, und fühlten gleichzeitig den Beruf, Herolde einer neuen Zeit zu sein. Wir wollen auch von diesem Konflikt aus ihre Frontstellung Goethen gegenüber zu begreifen versuchen.

Man hatte Goethe zum Gott und zugleich auch zum Götzen gemacht, und jeder bemühte sich der eifrigste Götzenanbeter zu sein. Wenn wir uns jenes „Dichters" der Mittwochgesellschaft und jenes Festredners an Goethes Geburtstage 1825 erinnern, so ist die scharfe, bilderstürmerische Gegenbewegung wohl verständlich. Nicht was, sondern wie man verehrt, das ist entscheidend ; nicht der Gegenstand der Liebe, sondern die Liebe selbst. „Unseren Haß" so schreibt der nun schon wiederholt genannte Taschenbuchchronist, hat Goethe,, durch die ausschließliche Liebe verdient, die ihm zuteil ward . . . Wir brauchen keine Schildknappen, wir brauchen Ritter in der Literatur, solche von echtem Schrot und Korn, Männer der That".

Den Narren in Goethe folgen die Antigoethe-Narren. Ebenso wie es nun nicht nötig erschien, jene in ihren Einzelvertretern zu charakterisieren, können wir uns auch bei diesen ersparen, ihre Einzelportraits wiederzugeben. Man keifte gegen den Meister in allen Tonarten. Dummheit, Neid, Mangel an Erfolg, abweichende Denkungsweise, damit greift Goethe selber einige Typen seiner Gegner heraus. Michael Holzmann hat als 129. Band der Deutschen Literaturdenkmale eine Sammlung „Aus dem Lager der Goethegegner" veranstaltet. Neben den von uns noch eingehender zu behandelnden Menzel und Börne kommen in diesem Antigoethe noch andere Männer zu Wort, die Holzmann richtig charakterisiert: der jämmerliche Pedant Spann, der grobkörnige Rationalist Spann, der gesinnungslose Pamphletist Glover,das verlotterte Kraftgenie Grabbe,der kleinliche Nörgler Müllner, der staubige Bücherwurm Schütz, und Hengstenberg, Knapp und Görres . Sie fühlen sich alle fast durch übertriebene Goetheverehrung wie herausgefordert, und ihr Auftreten beginnt meist mit einer Auflehnung gegen die „Goethisten". Müllner. z.B. unterscheidet unter den ,,Göthisten" „göthische" und „göthliche Göthisten". Einem anderen Spötter genügt das nicht, er sondert weiter: in Goetheschreier, Goethebrüller, Goethepfeifer, Goethewinseier, Goetheaffen. Aber die Geschichte schlägt auch diesem Spötter ein Schnippchen, und wollte ihr Darsteller gleiche Waffen benutzen, so würde er jenes Spötters Gruppe mit gleichem Rechte einteilen in Antigoetheschreier, Antigoethebrüller, Antigoetheaffen. Doch es heißt die einzelnen Erscheinungen der Literaturgeschichte verstehen. Haß der übertriebenen Goetheverehrer wird zum Haß Goethes selber. Bald stellen sich Gründe ein, religiöse, politische, menschliche. Goethe der Gottlose, Goethe der Vaterlandlose, Goethe der Egoist. Menzel und Börne springen für den Zeitbetrachter aus der Menge der Goetherevolutionäre heraus, sie sind auch die wirksamsten. Aus ihrem Köcher holen sich die meisten anderen ihre Pfeile, und sie tragen die ersten Zeichen einer Neuwendung.




Epigramme, Sprüche, Xenien

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