> Gedichte und Zitate für alle: Oskar Kanehl-Der junge Goethe im Urteile des jungen Deutschland- Heinrich Laube. (11)

2019-11-23

Oskar Kanehl-Der junge Goethe im Urteile des jungen Deutschland- Heinrich Laube. (11)



Heinrich Laube. 

Ist es ein sprachpsychologisches oder ein sozialpsychologisches Problem, eine Frage der Erziehungs- oder der Gedächtnislehre . . wir mögen es nicht ergründen: Wir Menschen nennen zu gern zwei Dichternamen zusammen, die begrifflich sich nicht entfernt miteinander vertragen. Auch die Namen Gutzkow und Laube drohen in einer solchen Personalunion begrifflich zu verflachen.

Gutzkow, bei aller Hörigkeit gegenüber der Aktualität des Stundenschlags, hatte eine tiefe geistige Anlage, hatte ein gut Teil originales Gut mit einem starken Willen zum wahren Kunstschönen. Ihn fesselte die Zeit, aber sie fesselte einen Starken. Es ist auch für einen heutigen Leser anregend und fruchtbar, in seinen Werken sein Kämpferleben nachzuleben, während nur wissenschaftliche Energie durch eine Laube Gesamtausgabe hindurchzuhelfen vermag.

Was war Laube ? In der Jugend ein Mensch von hitzigem Temperament, begeistert für die grellen Farben alles Neuen, schnell fertig mit dem Wort, rauflustig; mit Lob und Tadel um sich schlagend wie mit dem Speer auf dem Fechtboden. Weniger tief als beweglich, zufassend bei allem was sich dem Griff bietet, trotz aller Keckheit der Kritik im einzelnen, kritiklos. Weniger Gehalt als Stimme. Mit der ganzen Verve des gespannten Sanguinikers tritt er ein für das Neue, das ihn geblendet hat, laut und polternd, wobei sein Selbstbewußtsein sich recht original vorkommt. Das meiste Getöse, das an sich nicht viel zu sagen hatte, aber . . weit hinschallte", sagt F. Wehl von Laubes Auftreten. „Haudegen, Lärmmacher, Stabstrompeter." — ,,Man muß gar zu viel lügen", klagt auch dieser Jungdeutsche. Und das konnte er nicht, er war ein kreuzbraver Kerl. Gewiß von allen der Ungefährlichste; aber, weil er in seiner biederen Ehrlichkeit seinen Unwillen am lautesten poltern ließ, hatte gerade er den meisten Schaden. Man fing ihn und sperrte ihn ein.

Vor Publikum und Behörden sagte er sein pater peccavi her und wurde ein ordentlicher, biederer Mensch, wozu ihn seine Anlagen ohnedies vorherbestimmt hatten. Ein Praktiker in allen Dingen, auch wo es die Kunst angeht. Was sagt das Publikum ? wie wirkt ein Werk ? sind Fragen die ihm näher liegen als die erste nach der künstlerischen Echtheit. So wird beispielsweise nicht nur Schillers Veränderung des Egmont, sondern gar Goethes Verstümmelung Shakespeares gutgeheißen. Er liest im Schiller- Goethebriefwechsel die Auseinandersetzungen über Wallenstein und meint erstaunt: „Vom Gedicht ist wohl die Rede, von der Erscheinung desselben auf dem Theater aber nicht, von dem Erfolg gar nicht! Publikum war ihnen eben ein gleichgültig Ding; nicht einmal davon, wie sich das Stück überhaupt in der Erscheinung ausgenommen, wird ein Wort gesagt." So urteilt er, so kommt er auch zur Produktion. Er sieht auf der Bühne den Clavigo und gesteht mit guter Selbsterkenntnis: ,,Daß dies im Drama, daß dies auf dem Theater möglich und so außerordentlich wirksam sei, das hat mich dem Drama und dem Theater eigentlich zugeführt. Darin beruhte meine Neigung zu künstlerischer Schaffung." Sehr einfach und anspruchslos: ,,Der Heldenspieler Kunst brauchte eine neue Rolle", so entstand „Gustav Adolf." Laube schreibt eben Rollen. Organ und Mimik sind seine Menschen, oder besser Puppen, Kulissenreißer, Provinztheaterhelden. Laube ist ein Macher, ein Ritter des Erfolgs. Seine literarischen Leistungen sind Regieleistungen.

Und wie leicht beeinflußbar er ist! Börne, Heine, Goethe, der alte und junge, Schiller, Heinse, alles überhaupt was die Vorzeit und Gegenwart ihm Imponierendes geleistet hat .macht er sich auf irgend eine Art zu eigen.

Die Theatergeschichte wird wesentlich Besseres von Laube zu sagen haben als die Literaturgeschichte.

Die für uns nächstliegende Folge von alledem aber ist, daß Laubes Ausdrucksweise verworren und häufig geradezu unverständlich ist, daß wir uns nicht wundern dürfen, sich fortwährend widersprechende Urteile zu finden, daß wir vieles von seinen Worten garnicht als sein eigenstes Eigentum ansprechen dürfen. Sein Goetheurteil ist nur zu deutlich ein Nachklang aus Menzel und Börne, und noch mehr aus Heine und den Varnhagens. Ein Durcheinander sich widerstrebender Einzelansichten, die nicht durch die Autonomie einer beherrschenden Persönlichkeit zu einem eigenen Neuen zusammengerissen sind. Er tritt ständig in Rollen auf, man muß sich bemühen, ihn im Hauskleid sprechen zu hören.

Laubes Leben ist erfüllt von Goethe. Elternhaus und Schule geben zwar auch ihm von Goethe nicht viel auf den Weg. Was kümmerte sich eine ehrsame Spießerfamilie in ihrem kleinschlesischen Kulturabseits um die Dichter! und was die Schulgeschichte von Goethe im deutschen Unterricht für jene Zeit berichtet , geht auf den kleinen Fingernagel. In Halle, auf der Universität, war er gewiß in erster Linie Burschenschafter; Kommersgesang, Rappier- und Sporenklang wird ihn zu Goethelektüre nicht haben kommen lassen. ,, Jugend ist ungestüm und fragt und sucht nicht nach Führern." Auf einem Studentenausflug durch Thüringen bekommt er durch einen Zufall Goethen zu Gesicht. (1826). Der lose, lustige, freie Akademiker und der formensichere Aristokrat, ein Augenblickskontrast. Goethe wurde weiter „ignoriert". Außer ein paar Liedern und dem Faust war er ihm noch „ein verschlossenes Buch". 1827 auf 28 wird Halle mit Breslau vertauscht. Die Hörsäle bleiben ihm fremd, hier mehr als dort. Man liebt, trinkt und rauft und lebt eine goldene akademische Freiheit. Der Umschwung kam mit Plötzlichkeit. Man will ihn zum Berufsfechtmeister machen; er erschrickt, wirft mit schnellem Entschluß die Theologie, der er verschrieben war, beiseite, stürzte sich in literarhistorische Studien und ist — Kritiker und Schriftsteller. 1821 sind seine ersten kritischen Anläufe; polemisch wild gegen Wilhelm Wackernagel Schiller contra Goethe gehalten. Ein erregter kritischer Kleinkrieg und Xenienkampf in den ,, Freikugeln" und dann in der eigenen „Aurora", unterbrochen nur durch ein Erlebnis, das Gastspiel Seydelmanns als Carlos in Goethes „Clavigo",  das für den Kritiker wie für den dramatischen Schriftsteller von gleich bedeutendem Einfluß wurde. Im Sommer 1829 wird Laube Theaterkritiker der ,, Breslauer Zeitung", Nachfolger jenes von ihm angegriffenen Wackernagel. Ihr Redakteur Karl Schall wird sein Freund. Wir kennen ihn schon aus dem Goethekult. ,, Goethe war sein Mittelpunkt und sein Endpunkt." Für Laube war ,,dies Fortleben eines so reichen Mannes" wie Goethe „auch in leichterer Persönlichkeit" wie Schall „sehr wertvoll" und gewährte ihm „eine ungemeine Belehrung." Den Einfluß dieses Goetheaners hat Laube immer als wohltuend empfunden und sein Leben lang anerkannt. Daneben waren für seine Stellung zu Goethe in dieser literarischen Frühzeit noch andere Quellen bestimmend: Heine und Schlesier. Die Beziehungen zu Heine haben zu einem Briefwechsel und zu persönlicher Bekanntschaft geführt, die für die Physiognomie Laubes überhaupt mit maßgebend geworden sind. Der Herbst 1833 führt ihn mit Gutzkow zusammen, und wie wir wissen, war Goethe auf ihrer gemeinsamen Italienreise ein häufiges Gesprächsthema. Gleich nach der Reise schreibt er für C. Brüggemanns „Neuestes Konversationslexikon für alle Stände" seine Goethebiographie, die er den Kapiteln über den Gardasee im 2. Bande seiner „Reisenovellen" anfügte. Das Verhältnis zu Gutzkow wurde besiegelt durch dessen Besuch bei Laube 1834, im Frühling. Im selben Frühjahr noch kam Laube in einen neuen Kreis der Goethebetrachtung: nach Berlin. Am 10. Mai ist er das erstemal bei Varnhagen; es beginnt ein reger Verkehr. „Solange ich in Berlin wohnte und nicht gerade eingesperrt in der Hausvoigtei saß, besuchte ich ihn fast jeden Tag." In Laube findet die Berliner Goethegemeinde einen willigeren Schüler als in Gutzkow, der sich ihr schroff gegenüberstellt, und in Heine, der sich nur widerwillig in das Unvermeidliche fügt. Zum eingehenden Studium Goethes kommt er erst jetzt durch diese Anregungen. Rahel, Varnhagens in Trauer verehrte Gattin, ist ihm die „moderne Deutsche, . . welche zuerst den ganzen Goethe erkannte ..." In seinem unschönen und unklaren Deutsch macht er Varnhagen das Kompliment: „Ich glaube namentlich durch Sie erkannt zu haben, daß der Gewinn jener schöneren Liebe ein Wesentliches Goethescher Anschauungsweise, daß er der Kern heutiger Kultur sei, von welchem aus die schönsten Ranken, Stauden und Bäume unserem strebsamen Menschen entsprießen." In Naumburg 1835 sehen wir den Goetheanerjünger Laube bei der eifrigen Lektüre Rahels und Goethes. Im selben Jahr wird das Weimarer Goethehaus besucht. Immer mehr wird aus ihm was uns ihn so unlieb macht: das Produkt vieler schöner Einflüsse, die in ihm keinen Ausgleich gefunden haben. Er möchte modern sein, fühlt sich hinwiederum in erhabener Höhe als Prediger der plastischen Kunst des olympischen Goethe. Beides möchte er von Herzen sein und ist deshalb keines von beiden so recht. Seine Stellung zu Goethe ist Halbheit. Er hat es weder zu einem so weitgehenden Verständnis und einer so echten, wenn auch einseitigen Verehrung des jugendlichen Goethe gebracht, wie sein größerer Zeitgenosse Gutzkow, noch viel weniger ist er einer Goethereife irgendwie nahe gerückt.

Laube und Menzel standen als Vertreter zweier Konkurrenzblätter naturgemäß nicht auf dem intimsten Fuße. Dennoch imponierte dem jungen Laube die Schneidigkeit der Menzelschen Kritik. „Sein krasses Urteil über Goethe" steckte auch seine Jugend an, ,,die vor allem recht brav sein will, und von der Poesie auch was Braves und Wackeres verlangt." In der Eleganten Zeitung würdigt er ihn: ,,Er hat unsere Literatur urbar gemacht, er hat die Faselei mit Spott hinausgejagt, hat den Impuls gegeben, die Götzenbilder zu zertrümmern, er hat den Kampf gegen die lähmenden Autoritäten mit Kraft und Geschick begonnen. Das ist aber in Deutschland ein wichtiges historisches Verdienst, denn die Autoritäten sind unsere Krankheit, unsere Götzen, in deren Fesseln wir schmachten . . . Unser literarischer Respekt war noch größer als unser politischer." 1835 ist Menzel von ihm völlig überwunden, meint eine jüngere Untersuchung, und belegt das mit dem Begleitwort zu den Charakteristiken, wo Laube von Menzel, dem „Stuttgarter Titanen" spricht, dem „bürgerlichen Schulmeister unsrer Kritik," der „mit seinen alten Kategorien, . . mit der moralischen Entrüstung gegen Goethe nun eben auch altmodisch" wird. Die Unterschlagung des gleich darauf folgenden wichtigen Satzes : „Und das ist in mancher Rücksicht zu bedauern" können wir gerechtermaßen nicht gut heißen, denn er beweist gerade, daß Laube trotz mancher schönrednerischen Apotheose Goethes zu jener Zeit noch nicht erheblich aus der Befangenheit der Menzelschen Literaturkritik herausgewachsen ist.

Gewiß ist, daß von der Wende 1833 zu 34 an in Laubes literarisch-kritischen Aufsätzen sich wiederholt Forderungen der „Plastik" und ..Objektivität" finden, daß er sich offenbar bemüht, auch seinen Freunden und Lehrern, den Schall, Schlesier und Varnhagen, Genüge zu tun, und Goethes Klassizität rühmt. Keineswegs aber können wir diese nur zu deutlich den Stempel der Unechtheit tragenden Deklamationen so eigen nehmen wie ihr jüngster Betrachter. Weit entfernt davon sind wir zu glauben, daß Laube den Wert Goethescher Klassizität erkannt habe oder von ihm überzeugt wäre, sondern wir sehen lediglich darin den Leichtbeeinflußbaren krampfhaft bestrebt, einer ihm imposant erschienenen Ansicht Ausdruck zu verleihen. Im großen und ganzen klingen die Goetheanerpredigten in seinem Munde recht hohl, jetzt wie später. Wie kläglich nimmt sich bei ihm die Resignation aus: „Die oft angeklagte Goethesche Maxime hat manches für sich: Wenn die Welt in Wirrwarr gerät, und man nicht berufen ist mitzuhandeln, da soll man sich konzentrieren auf eine Arbeit. Mitzuhandeln war jetzt nicht, nur mitzuleiden," oder: ,. trotz Juli-Revolution, Yambacher Fest und Stürmung der Konstablerwache in Frankfurt, trotz Börnes Pariser Briefen und unserer ungestümen belletristisch-politischen Journalistik war das unterirdische literarische Gewässer, welches alles Bessere befruchtend hervorbringen sollte, in jenen ersten dreißiger Jahren immer noch das klassische Trachten aus Winkelmanns und Goethes römischem Leben." Das glaubt Laube selbst nicht. Das redet sich der von nur zu vielen Seiten Abhängige einfach ein. Sein sonstiges eigenes Schrifttum widerlegt ihn.

Die Auswüchse des Goethekults widerstreben ihm ebenso wie der der Gegenwart fremde, lehrhafte Ministerdichter selber. Die Theatergeschichte mag genauer davon Kunde geben; als es hier möglich ist. wie Laube der Dramaturg die präzisierende, steife Schauspielkunst der Weimarischen Schule mit ihren „ sublimen Versmaßen" und ihrer „Vornehmthuerei" beiseite schob, um für ihr Ideal der „schönen Wahrheit" das seine der „schönen Wirklichkeit" zu setzen. Diese Absage an den alten Goethe ist aber noch tiefgreifender. Das Theater der Weimarer Klassiker hatte nur literarische Maßstäbe; jetzt ist das Theater „eine Nationalsache geworden," und zwar liegt das „nicht bloß in politischen Gründen, sondern es liegt dies in den innerlichen Gesetzen des ausgebildeten Theaters selber." Unsere Neugierde auf diese Gesetze findet leider keine Befriedigung. Goethes Nichtachtung des Publikums wird ihm nicht weniger als seine künstlerischen Maßstäbe von dem doch auch auf die Kasse bedachten Praktiker Laube übel angekreidet. „Der stolze Dichter ließ sich gar nichts gefallen, das Publikum aber mußte sich alles gefallen lassen. Er ließ nicht einmal schreiben über das Theater, weil dies nur störe." Wenn auch aus theatergeschichtlichem Material geschöpft, so gibt uns auch dieses die Grundlage von Laubes wahrem Verhältnis zum alten Goethe. — „Die Goethe 'sehe Anschauungsweise, keine einzelne herrschende Zeitmeinung überwiegend, noch unterdrückend werden zu lassen für die ewigen Rechte des inneren poetischen Menschen, wurde an- erkannt, als sie mit dem politischen Fanatismus unserer letzten Jahre zusammentraf, und wurde übertrieben und korrigiert, als der politische Sturm gebannt war." Wenn ich aus diesem Musterbeispiel einer Laubeschen Satzgeschwulst das Richtige herauslese, so will das bedeuten: Goethes vermittelnder Altersstandpunkt war der herrschende in der Romantik, bis zum Eintritt der politischen Bewegungsjahre; danach wurde er durch Goethekult auf der einen Seite übertrieben, auf der anderen durch die Jungdeutschen corrigiert. Das Richtige nun heraus- oder hineingelesen: auch Laube empfand die Übertreibung in der Verehrung des alten Meisters. Der ganze Laube dokumentiert sich in der Stelle über den Goethekult in den „ Erinnerungen": „Sie sind wohl jetzt ausgestorben, diese merkwürdigen Priester Goethes, welche die Lebensanschauung des großen Dichters zu ihrem Kultus gemacht. Höchst verdienstliche Männer, verdienstlich um unsere Kultur. Was die Befangenheit der Orthodoxen, die Unfähigkeit der Beschränkten, die Roheit der Alltäglichen an Goethes freier und fröhlicher Lebensweisheit verketzert, mißverstanden und verdorben hatten, das ordneten die Goethepriester in ein billiges System, und bei jeder Gelegenheit teilten sie davon aus und brachten es so in unser Bewußtsein. Ich selbst weiß eine ganze Reihe Goetheparagraphen, welche ich nicht durch Lesung Goethes, sondern durch die Mitteilungen Schalls in Breslau und durch die Äußerungen Varnhagens in Berlin erfahren habe. Ich weiß freilich auch, daß wir junges Volk oft ärgerlich gespottet haben über diese trockenen Wiederkäuer, welche selbst nichts schaffen könnten." „Merkwürdig" findet er doch schließlich jene Leute auch ; und als Varnhagen ihm den zweiten Faust vorlegt und ihm auseinandersetzt, ,,daß er den ersten Teil an Bedeutung überragte und daß dies in der Zukunft den Deutschen einleuchten würde", da knüpft Laube daran die Schauspielerbemerkung: „Die Bedeutung eines Poems ist aber das Untergeordnete, die Macht des Poems ist die Hauptsache." Außerdem, meint er, müsse man gestehen, daß der auf den Kultus Goethes folgende romantische Shakespearekultus „unklarer und verworrener" sei „als der Goethekultus."

Goethe als ganze Persönlichkeit zu fassen ist Laubes sichtliches Bestreben. Lebhaft tritt er für die Anerkennung des Individuums ein, auch wenn es sich nicht so gebe wie man es wünschte. „Wir wollten am wenigsten gestatten, daß Goethe schreiben sollte, wie Goethe sich gedrungen fühlte zu schreiben, wir machten ihm die törichten Vorwürfe, daß er eben dies oder jenes, ja, was noch ärger ist, daß er nicht so oder so geschrieben habe. Wir versündigten uns an der Individualität." Auch er aber hätte gerne gesehen, ..daß Goethe hie und da mehr herzlichen Anteil bewiesen hätte." Wir finden in Laubes Werken, in denen der Frühzeit nicht allein, sondern auch in den späteren, zahlreiche Stellen, die uns seine Fremdheit dem alten Goethe gegenüber offen bezeugen. Den Gegensatz zwischen den Schriften der „ersten Perioden" und Goethes „letzten Perioden," der ihn in seiner Jugend „berüchtigt" gemacht hatte , hat er nie überbrücken können. In den Nachträgen zu den „Erinnerungen" erzählt er uns eine Episode seiner „Lehrjahre," nach der die aus Börne geschöpfte Rede eines Mecklenburgers gegen den einsamen, „vor lauter Dezenz" schreckhaft langweiligen, unpatriotischen „steifen Geheimrat" Goethe auf Laube und seine Freunde starken Eindruck machte. Das ist aus der Zeit, von der es heißt: „Zu  Goethe zuckten wir die Achseln und schlössen zu unserer Entschuldigung Schiller desto wärmer ans Herz." „Goethe war der reiche, vornehme Herr am Hofe zu Weimar, Schiller war der arme Poet." Das „Goethesche behagliche Wesen", der „Müßiggang , der liebenswürdigste, geschäftigste Müßiggang" an den Rumohr und Schall ist dem zwar leicht lauten, im Grunde aber lammbiederen Laube recht sympathisch, „es ist ein angenehmer, vornehmer Materialismus, der Wohlbehagen erzeugt," — „sobald das nichts Pretiöses zur Schau trägt." Wenn Schall „sich immer mehr, und am Ende ganz für den contemplativen Goethe "erklärte, „der die Zustände des inneren geselligen Lebens, wie er sie eben mit unbefangenem Auge vorfand, mit größter Sorgfalt verarbeitete'', ja sogar ein Lustspiel nach Art dieses Goethe fabrizierte, dann wandte sich die jungdeutsche Generationszugehörigkeit in Laube gegen Schall und seinen Anreger. „Von Jahr zu Jahr wird's deutlicher, daß die Schriften Goethes aus seinen letzten zwanzig Jahren in undurchsichtige Nebel zurückweichen für das lesende Publikum." Den „Legitimist gewordenen Fürst der Poesie, Wolfgang Goethe, und den „alternden, immer im Altertum einherwandelnden Herrn Geheimderat" lehnt auch er ab. Der die Zeit beherrschende „philosophische Formalismus" hatte auch den Alten in Weimar angekränkelt, Die herzlose Sachlichkeit des Goethe-Schiller Briefwechsels hat Laube von Börne verachten gelernt. Ihn überrascht die „unwandelbare Förmlichkeit," die er auch bei den Briefen Varnhagens im Goethehause findet. Auch Laube fühlt sich an einer Wende, ein rückwärts gewandter Überwinder, ein wegweisender Neuerer.

„Mit Äschylus und Sophokles war ebenfalls eine Schiller- und Goethezeit in Griechenland vorüber, alte Sitten und Formen waren in Gärung, die Autorität der Götter war in Frage gestellt, das Volk war auf einem Höhepunkte, von welchem eine neue glänzende Zeit oder ein Ende beginnt," Als Jünger einer neuen Zeit wendet er sich von den Werken des zum Dogma erstarrten Goethe ab. Die „künstlichen Produktionen des alten Dichterfürsten, der trotz langer Theaterführung nie eine besondere Fähigkeit gezeigt hat für die eigentliche dramatische Macht der Bühne," Iphigenie und Tasso ebenso wie die Romane, der Meister und die Wahlverwandtschaften, erscheinen ihm unzeitgemäß. Aktive Helden werden statt passiver verlangt, Das beste Demonstrationsbeispiel einer Trennung des alten vom jungen Goethe bietet immer die Stellung zum Faust, in seinen beiden Teilen. Die Generation der Väter — wir haben es von Varnhagen gehört — glaubt mit dem zweiten Teil des Faust den Gipfelpunkt aller Poesie erreicht zu haben, die Jungen halten sich an den ersten Teil, ja an das Fragment: da finden sie sich wieder. So auch Laube:,, Mein ganzer Traum von der Schönheit des unvollendeten Faust ist vernichtet, meine Freude über die Poesie der Nichtvollendung dafür — o Goethe, warum hast du mir das getan, und dir soviel Mühe gegeben, einen Schluß des Faust zu schreiben, und so gute Verse dafür zu machen!" „Ach, der arme Faust, das objektivierte Ich Goethes, wird ein Geheimer Rat und bekommt Orden, und die zauberhafte Form der revolutionären Tragödie ist zertrümmert." „Wer wäre nicht begierig, ja entzückt, eine Fortsetzung unseres herr- lichen Faust zu sehen, die Entwicklung zu genießen, innerhalb welcher der Mensch in seinem edlen Drange den Mephisto besiegt ! Geschieht dies nun im zweiten Teile ? Leider nein" Der zweite Faustteil wird abgelehnt mit der ganzen „stillen Zeit" von „Goethe dem Greise."

Der Gegensatz zweier Poesien, den Laube fühlt und ausspricht, jener subjektiven, die schonungslos das Innere entblößt, „es mag eben darin aussehen wie es wolle, und jener objektiven, die die Brust nie öffnet, sondern das Gefühl erst der Öffentlichkeit zeigt, . . wenn es von regelnder Hand beschnitten und geordnet ist," dieser Gegensatz ist kein anderer als der zwischen dem jungen und dem alten Goethe. Fragen wir nach einem genaueren Datum dieser Zeitenscheide bei Goethe, so gibt uns Laubes Literaturgeschichte darüber näheren Aufschluß . „Es ist ein Irrtum, mit Weimar selbst eine neue Epoche Goethe'scher Literaturgeschichte anzugeben. Was veränderte er ? Er bereicherte seine Anschauung, seine Erfahrung. Ein merklicher Wechsel im Prinzipe tritt nirgends vor . . . Die lebhafte, rasche Auffassung, der bewegte Stil der Jugend sind hier in den ersten zehn Jahren der Weimar'schen Existenz noch vorherrschend." Die ersten Zeichen einer Wandlung in Goethes Geschmack verspürt er „in dem angefangenen „Elpenor"" (1783). „Alle Verschlingung, alles Schicksal ist darin bereits leise und ganz in klassischem Geschmacke angelegt und angedeutet, die lautere Sprache der Iphigenie erhebt darin ihr glatt gescheitelt griechisches Haupt, man liest es nicht ohne den deutlichen Eindruck, daß sich hier eine neue geläuterte Welt der Anschauung und Darstellung auftue." Der eigentliche Wendepunkt ist für Laube die Italienreise. (1786).

Die Laubesche Literaturgeschichte, das mag hier einschaltend gesagt werden, verdient mit besserem Recht als Gutzkows „Goethe im Wendepunkt zweier Jahrhunderte" harte Vorwürfe. In durchaus konventioneller Weise unterscheidet sie Goethes Jugendperiode, die „klassische" und die „elegante" Periode . Mit geringer Eigenarbeit hat der Vielschreiber Laube die zeitgenössischen Literaturgeschichten zu vier ziemlich unnützen Bänden eingestampft. Uns verpflichtet der Abschnitt über Goethe, von neuem darauf hinzuweisen, mit wie leeren Gemeinplätzen und unechten Plattheiten Goethes Werke jenseits der von Laube selbst gesetzten Grenze von 1786 bedacht werden. Ganz gezwungen und gequält wird eine aufsteigende Linie bis zu „Wilhelm Meister" und „Hermann und Dorothea" konstruiert. Sie müssen das seichte Lob erdulden: „eine so reizende, ja die schönste Höhe Goethescher Auffassung." Aber auch allerhöchstens bis dahin hat sich Laube durch unverdauten Einfluß treiben lassen. Was darüber ist, das ist vom Übel. ..Das Lehrreiche, das Erklärende überwächst den poetischen Aufschuß."

Liebevoll und auch mit größerem Verständnis spricht er von den Leistungen Goethes vor der italienischen Reise. Hier in der Literaturgeschichte, wie auch anderswo. ,,Am wärmsten klingt sein Lob," sagt Pröls ganz mit Recht, immer da, „wo die einzelne Dichtung sich unmittelbar darstellt als Gestaltung erlebter Wirklichkeit." Daß dies bei den Jugenddichtungen am sichtbarsten in die Augen fällt, bedarf nicht der Betonung. — Historisch stellt sich Laube die literarische Constellation seiner eigenen Zeit so dar : ..Die Schiller- und Goetheperiode war erschöpft, die Periode der Romantiker hatte ohnedies das geheimnisvolle Wunder gepflegt, und man fing an, gerade die einfache starke Kraft an ihr zu vermissen."

Neue, kraftsprudelnde Nährquellen müssen gesucht werden. Es ist ein Anfang, eine Zeitjugend . „Wir wissen es sehr wohl, daß wir den Mittelpunkt einer neuen Kunst noch nicht überall gefunden haben, aber wir sind ehrlich und gestehen es uns und suchen redlich, studieren Goethe und die Welt." Goethe und die Welt. Da quillt der Jungbrunnen. Laube zählt sich zu den , .Modernen," den ,, jungen, wilden Söhnen Goethes."

Ehe wir uns aber Laubes Einzelurteile über den jungen Goethe ansehen, muß, wenn auch nicht ausführlich, etwas behandelt werden, was für seine Urteile von einschneidender Bedeutung ist. Der literarische Kritiker und Schriftsteller Laube urteilt anders als der Theatermann Laube. Überdies sind seine literarischen Urteile oft von den groben Gesichtspunkten der Bühne getrübt. Laubes Begriff von „dramatisch" ist von den „Brettern" verroht. Er spukt in Laube in der fratzenhaftesten verdemokratisierten Verbildung. „Dramatisch," „theatralisch." ja sogar ..tragisch" sind ihm fast Synonyma. Auf diese Weise wird naturgemäß ein rein künstlerisches Urteil getrübt, und es treten sich widersprechende Urteile des Literaten und des Bretterhelden zutage. Hierher gehören alle Urteile Laubes über Goethe, den Theaterdirektor und Goethe den dramatischen Dichter. Die dramatische Fähigkeit wird Goethen durchweg abgesprochen. „Er war . . mit all seinem Talente dem eigentlichen Theater nie nahe gewesen. ." Deshalb stimmt Laube auch Schröders Urteil über den Götz zu, „daß diese epischdramatische Form sich niemals zu einem dankbaren Theaterstücke eignen werde." Obgleich er „keine geschlossene dramatische Form hat", meint Laube, „welche für ein volles Interesse des Theaterpublikums erforderlich, so entbehrt er doch nicht trefflicher dramatischer Scenen und gewinnt durch urkräftige Sprache immer eine mannigfache Teilnahme. Die frische, erquickende Gesinnung, welche den störenden Scenenwechsel durchweht, hat allmählich das Publikum ausnahmsweise für diese Form in Tableaus gewonnen, und „Götz" hat sich auf dem Repertoire behauptet." Der „Egmont", so angesehen, verliert natürlich auch. Laube beklagt die dramatische Schwäche des Egmont und faselt: Schillers  Veränderungen „machen wirklich das Stück dramatischer." Er wird den Gedanken nicht los: „Wo liegt denn hier die tragische Schuld Egmonts, welche ihn nach unseren ästhetischen Anforderungen dem Tode überantworten muß? Hat der Mann nicht alle Eigenschaften, noch recht lange und glücklich zu leben? Er tut nicht das mindeste während des Stückes, was einen gerechten Rückschlag der Spanier veranlassen dürfte. Er ermahnt im Gegenteile die Bürger zur Ruhe und Ordnung, und erst als er gefangen ist, spricht er in Monologen von Freiheit und Befreiung, was jeder Gefangene tut. Seine Hinrichtung ist im dramaturgischen Sinne unmotiviert. Schade um den liebenswürdigen Mann! sagen wir am Schlüsse; aber eine tragische Erschütterung kann da nicht eintreten, eine Erschütterung darüber, daß große Anstrengung aus diesem oder jenem tieferen Grunde habe scheitern müssen." — Einmal folgt aber auch der Theaterdirektor Laube Goethen: im frühen „Clavigo": „Ein einziges Mal, eine kurze Zeit nur, hatte er sich der Form genähert, welche ein dramatisches Theaterstück braucht. Das war die Zeit, als er lebhaft mit Darmstadt verkehrte und den „Clavigo" schrieb. Wäre er damals ungestört verblieben, so ist es wohl möglich, daß sein reicher Genius auch die dramatische Form sich vollständig angeeignet hätte, denn im „Clavigo" zeigten sich dafür die besten Fähigkeiten. Aber bekanntlich verstörte ihn darin Merck, indem er solche Arbeit als gewöhnliche Ware bezeichnete, welche nur geringere Leute machen könnten, welche er also auch solchen Leuten überlassen sollte. Das tat Goethe leider, und offen- bar völlig. Er hat den dramatischen Duktus des „Clavigo" nie wiedergefunden, er hat kein einziges dramatisches Stück mehr geschrieben . . . ." Auf dem Boden junggoethescher „Dramatik" erscheint ihm auch der Carlos- (Clavigo) und Mephistodarsteller Seydelmann als „ein vollkommen moderner Schauspieler ." Dem weiter nachzugeben, führt zu tief ins rein Theatergeschichtliche; wir sehen auch hier,: Laube bleibt, der er ist.

Die so gereinigten Urteile Laubes über den jungen Goethe zeigen uns eine rückhaltlose Liebe und uneingeschränkte Zustimmung zu dem Leben und ganzen Werk dieser voritalienischen Goethejahre. Das Jahr 1775 wird als die „Blüte" von Goethes „genialer Lebensfähigkeit" angegeben. Des jungen Goethe „singenden Wald von Liedern" preist er begeistert, wenngleich in deutlicher Anlehnung an Heine: „Nichts hat unsere Welt des Gedankens und Gefühls so frei und so schalkhaft verbunden, nichts die alltägliche Welt so reizend beflügelt, nichts die ganze Nation in eine so sanft erhöhte Stimmung gebracht, und dadurch Weiterzeugung und Verbreitung der Poesie mehr gefördert, als das Goethesche Lied. Es ist wie der Segen einer schönen Mutter in unserer Literatur." Der Götz, überall wo er von ihm spricht, ist ihm ein Werk höchster Genialität. „Der ganze Goethe ist in diesem ersten Buche bereits angedeutet." Mitgenommen wird er von dem nationalen Schwung, bewundernd steht er vor dieser Sprache. „Wer hätte eine so einfache, und doch in der unscheinbarsten Wendung so gewaltige, in der Naivetät so bezaubernde, in der feinen Schattierung so glückliche Sprache geahnt."

Über den Werther sind die Andeutungen spärlich. In dem Menzelaufsatz der Eleganten Zeitung wird gegen den Menzelschen Spruch über den Werther („niederträchtig") Verwahrung eingelegt. In der Literaturgeschichte urteilt er im Zeitsinne: „Werther ist keineswegs ein einfacher Bericht der Roman-Tatsachen, eine strebende Gedankenwelt ist das Netz, was breit und vorherrschend über der kleinen Begebenheit liegt, und es ist ein gar günstig Zeichen für's Publikum, daß ein so sinnendes Buch allgemeinen Zulauf fand. Zorn gegen die Prätensionen des adeligen Standes, der einmal herb angedeutet ist, wurde begierig herausgelesen, und die letzten Worte von Werthers Leiden sind: „Kein Geistlicher hat ihn begleitet."" Der „verwegene Humor" der den selbstbewußten jungen Goethe damals auszeichnete, wird freudig empfunden. „Wir bedauern mit ihm. daß er davon so wenig für die Schrift ausgebeutet hat." „Götter, Helden und Wieland," „Das Jahrmarktfest", der ..Prolog zu Barths neuesten Offenbarungen" sind , ; kecke Dinge, wodurch die jugendliche Bewegung in der Literatur immer lebhafter in Athem gehalten wurde.". „Vielversprechend" scheint Lauben der Plan des ,,Mahomet." ,,Noch mehr zu bedauern ist es," daß Goethe die Pläne vom ,, Ewigen Juden" und „Prometheus" „unausgeführt fallen läßt." Sie waren ,,so reich an grandioser Absicht." Es kann hier nicht unsere Absicht sein, die »sicher leicht feststellbare Quelle so mancher Urteile Laubes nachzuweisen. Die Ablehnung der „Mitschuldigen  ist ihm aber ohne Zweifel durch Goethes eigenes Urteil in Dichtung und Wahrheit befohlen. Laube selbst stößt uns darauf. Der „Clavigo" hat es ihm angetan. Er weckte, wie wir gehört haben, eigene dramatische Schaffenslust, immer von neuem erhält er Lobesauszeichnungen. Das begreifen wir. Gerade dieses Goethesche Drama hat die Hauptmerkmale der Dramatik (respektive Theorie des Dramas) Laubes als Schwächen: Veräußerlichung und Vergröberung der künstlerischen Konzeption durch Bühneneinwirkung. „Goethe, als er den Clavigo schrieb" wird bei Laube wie zum festen Terminus. Die „Carlsschüler" studieren ein Drama ein: Clavigo. Die Literaturgeschichte sagt von dem Stück: ... Es entwickelt sich so menschlich wahr, Form und Sprache sind so leicht, so gesund einfach, und in den Hauptwendepunkten so geistreich nachdrucksvoll! Carlos, das geistige Leben des Stückes, gehört zu den genialsten Erfindungen Goethes." Merck kann es gar nicht vergessen werden , daß er den Clavigo einen „Quarck" genannt hat, daß er Goethen „das Fortschreiten in dieser Form verleidet hatte durch die Bemerkung: „Das können andere auch." Erbost ist Laube darüber sein Leben lang. In den ,, Erinnerungen" sagt er von seiner ersten Begegnung mit dem Stück auf der Bühne: „Ich fand schon damals, daß Goethe in keinem seiner Dramen so eigentlich dramatisch geschrieben, wie in 'Clavigo'." Wenn ihn der naseweise Merk nicht gestört und Goethe seiner vorgefaßten Absicht gemäß, in dieser Form und Richtung weiter geschaffen hätte — !" Die Erfüllung dieser törichten Hypothese wäre Laubes höchste künstlerische Befriedigung gewesen. Ganz mit Recht, von Laube aber nicht verstanden, werfen ihm seine „dichterischen Brüder" ein: Goethe „war zu Besserem bestimmt, als zum Theaterdichter!" Uns aber interessiert Laubes Urteil symptomatisch. Bezeichnend ist es gerade die Rolle des Carlos, die ihm am nächsten liegt. Dieser Rolle, obendrein in einer Darstellung des Schauspielers Seydelmann, kann nichts überkommen. „Dies klare Scheiden der kleinen Worte und Begriffe, dies Ordnen der unbedeutenden Dinge zu einer ganzen, großen Vorstellung charakterisiert beide, den gedichteten und den spielenden Carlos." „So muß sich Goethe den Carlos gedacht haben. . . Er ist ein berechnender Bösewicht, kein sogenannter Intrigant, er spricht und handelt wie ihn seine fürchterlichen Ansichten vom Menschen, von weltlicher Größe, vom Leben überhaupt treiben, keine Sophisterei blickt aus den Mundwinkeln dieses verzerrten Gesichts, er meint es fürchterlich ehrlich mit seinen Ideen. . . . Natur, Erziehung, Umgang haben ihn so gestaltet, wie er ist. ..." So ist es auch im besonderen  „der Eindruck des Carlos" gewesen, der für ihn „persönlich geradezu entscheidend" wurde. „Nach einer gewissen Richtung hin ist er mir für's ganze Leben maßgebend geworden." Von einem allerdings sähe er sein Lieblingsdrama gern befreit: „vom Peinlichen der Schwindsucht ." Daß Laube auch für die ..Stella' - viel übrig hat, paßt hier herein. ..Der kühne Gang einer Genialität ist
in diesem unscheinbaren Stücke herzlich ausgedrückt, einer Genialität, welche die Wahrheit auch gegen das Herkommen sucht. . . Der natürliche Ton täuscht über das peinigende Verhältnis, und kann man das Stück auch nicht für eine wohltuende ästhetische Tat gelten lassen, so bleibt es doch ein höchst bedeutentsames Symptom der dichterischen Energie." Trotzdem er sich fast wie Menzel an dem „peinigenden Verhältnis" einen moralischen Bruch hebt , der Theaterdramatiker, der den „Clavigo" zum Musterstück erhebt muß auch die „Stella" retten.

Seine Stellung zum Faust wurde schon angedeutet. Die Zeitung für die elegante Welt bringt am 13. Juni 1833 eine Hochpreisung des Faust, aber nur des unvollendeten, weil er die Sehnsucht der Zeit getroffen habe; gerade das Regellose und Zerrissene gibt ihm in Laubes Augen den Vorzug. Im ersten Jahre der Burgtheaterdirektion spielt er „Goethes „Faust" in seiner vollständigen ursprünglichen Gestalt." Was die Literaturgeschichte über ihn bringt ist geradezu kläglich. Der Beginn sagt alles: „Um den Faust drängt sich alles innere Leben Goethes und eine eigene zahlreiche Literatur." (!) In langem leeren Gerede wird über beide Teile oder eigentlich nur über ihre Kommentatoren gehandelt; vergebens sucht man nach einer wirklichen Analyse. Was wir schon wissen, wird hier noch einmal bestätigt: Der erste Teil hegt unserem Schriftsteller näher als der zweite. Und damit nichts fehle, erhält am Schluß auch der Faust durch Laube die Prämie seines tiefsinnigsten Lieblingslobwortes: „reizend". Der Faust ist „das geheimnisvoll reizende Hauptbuch einer neuen Poesie." In der Literaturgeschichte empfängt nun auch der Egmont ein vom Kulissenstaub befreites Urteil. Er ist das „schöne Stück, worin ein welthistorischer Moment in so kräftigem Detail, so liebenswerth menschlich motiviert dargestellt ist.

Neben diesen, sich auf den jungen Goethe direkt beziehenden Urteilen, müssen wir vor allem anderen Laubes Liebe zu Heinse Erwähnung tun. Er gibt die Werke dieses „Nerven- und Sinnenmenschen" der Sturm- und Drangperiode heraus und setzt ihnen eine hochbegeisterte, Heinse überschätzende Vorrede voran, in denen auch Heinses Beziehungen zum jungen Goethe eingehende Erörterung finden. Stolz zitiert er Goethes Billet über Heinses Laiidion und bemerkt dazu: „So jung Goethe war und sich ausdrückte, Eindruck und Ausdruck sind für ihn und für Heinse wichtig. . . Goethe in seiner jugendlich üppigen Wallung für das lebendig Schöne, ward natürlich höchst günstig betroffen von Heinses erstem Buche, was so kühn und so begabt aus dem schüchternen Kreise matter Grenzen hinausging, und sich heftig an das wirklich pulsierende Leben, an dessen Freude und an alle Möglichkeit der Freude und Schönheit hing, die unmächtige Konvenienz verschmähend, welche in ihrer damaligen Art nur Schwächlichkeit zutage brachte, die Wielandsche Halbheit überspringend, welche Goethe selbst soeben verspottet hatte." Mit gleichem Stolze zitiert er Heinses warmherzige Auslassungen über den jungen Goethe, über das ..Meisterstück" des Werther, die „herkulische Stärke" der „Götter, Helden und Wieland" usw. . . . „Da ist kein Widerstand, er reißt alles mit sich fort. ..." Wegen seiner „Willens- und Vermögensschwäche" ist Heinse „nicht in die erste Reihe der Klassiker" gelangt, „mit denen er in Blick und Kraft so viel einzelnes gemeinschaftlich hatte. . ." „An großer Geschlossenheit fehlt es eigentlich Heinse nicht. ." Er war „ein echter Dichter," der „ringsum greift an Himmel und Erde, und allem möglichen Bezug des Menschen in seine Hand und seinen Willen zieht." Laube bedauert, „daß Heinses Verbindung mit Goethe keine weitere Folge gehabt" habe, und stellt sich sein künstlerisches Ideal in der gegenseitigen Befruchtung beider vor. „Es bleibt ein schöner literarhistorischer Traum, Heinse von der Heimkehr aus Italien in die Nähe Goethes gestellt und dem einen des Einflusses vom andern teilhaftig zu sehen; Heinse befeuert und übertreibt, Goethe mildert, breitet aus und belebt mit der milden Wärme des echten Lebens!" Goethen „nach seiner späteren Art" hätte er gern einen Schuß Heinsescher Heftigkeit und Sinnlichkeit gewünscht. — Literarhistorische Träume, so schön sie auch manchmal sind, so unnütz sind sie. Dieser Traum einer Einigung Heinses und Goethes wäre auch kein literarisches Arkadien, in dem sich jeder glücklich fühlen würde. Aber wir haben in Laubes frommen Wunsch noch einmal in aller Klarheit die Züge des Goethestandbildes, wie es in Laubes Herzen errichtet ist: eine jugendliche, kraftstrotzende Gestalt, umgeben von begeisterten Menschen, die einem Volkserlöser und Volksbeglücker zujubeln, der sie leidenschaftlich mitreißt zu neuem Tatenleben.

Versuchen wir, diese unausgeglichene Stellung Laubes zu Goethe noch einmal zusammenzufassen, so möchten wir sagen: Laube, der vielen verschiedenen Einflüssen unterworfen war und sich von allen leicht unterwerfen ließ, aber nicht die Kraft besaß ,alles was einst war, in seinem Wesen tief und wunderbar verwoben wiederkehren zu lassen, ist ebenso nachdrücklich wie vergeblich bemüht, sich zu einer Würdigung des ganzen Goethe durchzuringen, bleibt aber dem Zuge der Zeit getreu, indem seine volle und allein echte Verehrung nur der junge Goethe genießt. Das „Markige, Kernige," der , .Naturreiz" des Goetheschen Jugendlebens und -Schaffens, der Goethe, der „der Person" und „der Situation" „ihr eigenes Recht" eroberte, ist es der ihn bestimmt, in seiner Literaturgeschichte erst Schiller, Schelling, die romantische Schule, Jean Paul zu behandeln und dann Goethes Namen an die Spitze einer neuen Zeit zu stellen:  „Goethe muß am Eingange der neuesten Literaturbestrebung stehen, da er die geläutertste Lehre der Vergangenheit und die reichsten Saaten der literarischen Zukunft in sich trägt."




Epigramme, Sprüche, Xenien

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