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2019-11-21

Oskar Kanehl-Der junge Goethe im Urteile des jungen Deutschland- Wolfgang Menzel. (6)


Wolfgang Menzel.

„Menzel stammt keineswegs mit ganzem Leibe aus dem neuen Jahrhunderte, und viele Konsequenzen desselben hat er nur zufällig geteilt, weil er ein lebendiger frischer Mann ist, ein Mann der Gesundheit, dessen echtes, kräftiges Naturell sich gern einem straffen Oppositionselemente anschließt", so charakterisiert Heinrich Laube den Stuttgarter Kritiker und Goethehasser. Durch seine Herkunft aus einer der reizvollsten Gegenden der schlesischen Berglande und durch seine erste, mütterliche Erziehung gehört er der Romantik an. Seine robuste Urwüchsigkeit aber und sein offenes Auge für die Praxis der Realitäten des Lebens verbunden mit seiner späteren Wendung nach Stuttgart machten ihn zum Vertreter jungdeutscher Wesenheit. Von den Romantikern schreibt sich sein strenger, bei ihm dann später engei Patriotismus her, mit der jungen Generation teilt er die gegenständliche Liebe zu den Dingen. Seine engbrüstige Philistermoral ist eigener Wesenskern. Mit einer der ersten, die die Protestbewegung einleiteten, wurde er später ihr stärkster Ankläger. Das war Bestimmung und Schicksal dieser gottgewollten Mittelmäßigkeit.

Menzels Stellung zu Goethe ist wichtig und historisch notwendig. Der typische Vorkämpfer aus dem Lager der Goethegegner und zugleich ein Wegweiser zu einer neuen Goetheauffassung und -Verehrung. Ein Grenzstein „zwischen den Zeiten". Er gehört eigentlich noch zu denen, die Goethes Werk mit Stumpf und Stiel zunichte machen möchten, die mit Herz und Mund den jungen wie den alten Goethe ablehnen. Dennoch zeigen sich bei ihm, wenn auch leise Anzeichen jener Epoche, — d. h. wohlgemerkt immer. Epoche in der Geschichte der Stellung der Menschen zu Goethe — , die neben einer völligen Ablehnung des Altmeisters sich dem jungen verwandt fühlen.

Die Keimzelle des Radikalhasses bei Menzel sieht nicht anders aus als die der Radikalverhimmelung bei jenen Tugendmeiern vom Schlage Göscheis. Beide sind Patrioten, Moralisten, Strenggläubige. Nur ist die Keimspaltung eine verschiedene. Göschel schlägt sich zu Goethe, interpretiert alles, was er bei Goethe nicht findet aber zu finden wünscht, in ihn hinein und macht aus ihm einen Tugendmeier a la Göschel. Menzel fällt von Goethe ab, schimpft ihn antinational, antichristlich, unmoralisch und macht ihn zu seinem grimmsten Feind. Beide, Göschel und Menzel, nehmen sich selbst zum Maßstab, nur legen sie ihn verschieden an. Der Frommgläubige versöhnt, der Burschenschafter greift empört zur Waffe. Alles sticht er zu Boden, was ihm vor die Klinge kommt. Wir müssen versuchen herauszufinden, ob er in seiner Berserkerwut nicht auch vernichtet hat, was ihm genehm sein konnte; die Stellen seines Hasses durch die die Liebe leuchtet.

Gleich in seinen „ Streckversen"  fallen uns unter den plumpen Ablehnungen die Stellen auf: „Mißlungene Schriften großer Autoren, wie die spätem Goethischen, sind uns unheimlicher, als ganz schlechte schlechter; wie die Nacht weniger grauenhaft ist, als das fahle Licht bei einer Sonnenfinsternis."  „Der Riesenvater Goethezeugte im Alter Zwerge, wie Osiris nach Horus, der Sommersonne, den lahmen Harpokrates, die Wintersonne." Wie sein eigener Faust ist Goethe: „die Himmelsleiter brach mit ihm". Sein Organ, die „Europäischen Blätter" macht Menzel zu gleicher Zeit aber zum Schauplatz der radikalsten Angriffe gegen den Weimaraner Olympier. Die Jahrgänge 1824 und 25 werden zum Richtplatz für den Altmeister. Hier wird nicht nur über den Minister, sondern über das ganze bisherige Werk des Dichters mit dem Brustton der Unfehlbarkeit der Bannfluch verhängt. Und warum ? „Hier hat man den Hauptschlüssel zu allem, was Goethe geleistet. Goethe schwamm immer mit dem Strome und immer oben wie Kork."  Daß Goethe neben dem historischen kraftvollen Götz den sentimentalen Werther schrieb, daß er neben titanisch sich aufbäumenden Prometheusversen auch anakreontische Lieder und Singspiele verfaßte, daß er den naturalistischen Egmont neben der klassisch-idealistischen Iphigenie dichtete, das ging nicht an. Das konnte nicht echt sein, der Mann machte es, wie sein Publikum es hören wollte. Hätte er nur Ritterdramen, nur sentimentale Romane, hätte er irgend eine andere Gattung einseitig gepflegt, er hätte in Menzel einen Jünger gefunden. Daß Goethe in allen diesen Gattungen Überragendes geleistet, daß es sich bei ihm nicht um erfolgsichere Experimente, sondern um dichterische Notwendigkeit handelte, diese Größe war Menzeln unbegreiflich und war der Anlaß seines Hasses. So wird hier auch der junge Goethe abgekanzelt. Werther wird als eine Nachahmung verachtet. Das Vorbild ist zuerst Millers „Siegwart"; dann, nachdem man ihm weismachte, dieser sei erst 1776, also nach dem Werther, erschienen, Rousseaus Neue Heloise. Moliere und Beaumarchais sind die Muster für Goethes kleine Lustspiele. „Clavigo ist eine schwache Copie der Emilia Golotti." „Götz von Berlichingen und Egmont verrathen eine Mischung der Sprache Shakespeares und Lessings." „Die Schönheiten im Götz verdanken ihren Ursprung größtenteils der bekannten treuherzigen Selbstbiographie dieses Ritters." Stella ist eine „unzüchtige giftige Schrift."  Noch heftiger als in dem Aufsatz „Goethe und Schiller" des Jahrgangs 1824 geht es im folgenden unter dem Schilde „Gallerie der berühmtesten deutschen Dichter in der neueren Zeit" gegen Goethe her. Zu dem Schluß der „Laune des Verliebten":

„Ihr Eifersüchtigen, die ihr die Mädchen plagt, 
Denkt euren Streichen nach, dann habt das Herz und 
klagt!" 

bemerkt Menzel : ,,d. h. wir sollen uns über den Übeln Eindruck einer Sünde mit der allgemeinen Sündhaftigkeit trösten. Leicht kann man den Satz aber auch so wenden: sündige nur darauf los ; denn wenn Du nicht an andern sündigest, so sündigen die andern an Dir. Einem leichtfertigen Burschen mag das Wasser auf die Mühle sein, ist aber Poesie in einer Liebe, in welcher die Treue als lächerlich und abgeschmackt dargestellt wird ?" Die „Mitschuldigen" kann man „nur mit Kotzebueidaen zugleich vergleichen und verwerfen". „Wer dieses Lustspiel als eine Juvenalische Satire rechtfertigen wollte, der schaue zu, ob er darin eine Spur von Indignation des Autors findet." Von dem Konflikt in „Clavigo" heißt es: „Der Liebhaber verläßt, betrügt die Geliebte, Goethe gibt sich viele Mühe, im Gemüth des Helden den Kampf der Tugend mit der Schwäche darzustellen; aber er läßt die Schwäche siegen, die sofort zur Verruchtheit wird und den Mord des treuen, verlassenen Geschöpfes nach sich zieht. Der Dichter, der im Helden selbst kein versöhnendes Moment aufzufinden gewußt, fühlt zwar, daß das Schicksal ins Mittel treten müsse, und läßt den Verräter durch eine rächende Bruderhand fallen; wie vielmehr muß uns aber dieser Theaterstreich indignieren, wenn wir wissen, daß der berühmte Liebhaber in der Wirklichkeit lustig fortlebt, um das Unglück zu beschreiben, welches er angerichtet." Diese auf heutige Leser nur komisch wirkende Interpretation und die persönliche Anspielung am Schluß als Beschränktheit mit Gründen abweisen zu wollen, erübrigt sich; der Historiker stellt fest. Menzels Stellung zum Faust ist hier noch eine andere als später:  „Im Faust hat Goethe alles Schmerzes über die Unzulänglichkeit seines Genies, ein Universalgenie zu sein , sich entledigt. " „ Goethe hat keinen andern Schmerz empfunden als den beleidigter Eitelkeit." Scharf ist hiermit Menzels Polemik gekennzeichnet. Mit dem Rigorismus der Burschenschaftsmoral wird die naive Leidenschaft des jungen Goethe als sündhaft gebrandmarkt, das Aufflammen einer Jünglingsgenialität als Gift für Staat und Kirche verdammt. Rücksichtslos wird niedergerannt, was nur den Stempel Goethe trägt. Kein Wunder, daß dieser Menzel nachher an den Jungdeutschen, die eben viele ähnliche Tendenzen wie der Sturm und Drang des jungen Goethe, wenn auch nicht mit gleicher Genialität vertraten, zum Denunzianten wurde. An Werke gärender Jugendperioden den Maßstab rigoristischer Moral zu legen ist stets ein mißlich Ding und für den wissenschaftlichen Beurteiler der Literatur ein methodischer Fehler.

Menzel lehnt in dieser Periode seines literarisch-kritischen Papsttums überzeugungstreu den Sturm -und Drangdichter Goethe ebenso ab wie den klassischen. Den „trefflichen Götz von Berlichingen" nimmt er aber schon hier aus.

In seiner „Deutschen Literatur" 1828 hört sich Menzels Kampflied schon erträglicher an. Keine unsinnige Dissonanz schreit uns entgegen, die Töne sind differenzierter, und durch die wilde Schlachtmusik klingt ein bekanntes Thema an. An der Spitze seiner Goethebetrachtung gesteht er da, Goethe müsse ,,in vieler Hinsicht als einer der ersten und vorzüglichsten Schöpfer der modernen Poesie und in jeder Hinsicht als ihr höchstes Muster betrachtet werden. Seine sentimentalen Schilderungen des modernen Lebens bilden die Krone seiner Dichtungen". Hier werden wir auch in langer Ausführung an jenes Schürfeuer für Menzels radikalen Haß geführt. Der Erzählung von dem Ursprung seiner Opposition, wie sie uns Menzel selbst in seinen „Denkwürdigkeiten" (S. 122) überliefert oder wie sie uns Gutzkow in den „Rückblicken" berichtet, ist naturgemäß nur episodischer Wert zuzuerkennen. Hier in der „Literatur" sehen wir tiefer: „Die Bewunderung, die Göthe verdient," ist „in blinde Vergötterung ausgeartet". Diesen „blinden Anbetern" ist Goethe „Gesetz, König, Messias und Gott in allen poetischen Dingen". Sie „bilden eine herrschende ästhetische Kirche, die ihren Papst, ihre Kirchenväter und Scholastiker, ja sogar ihre Kirchenversammlungen hat. Natürlich findet diese Kirche nun auch eine Opposition."

Die schon in den Europäischen Blättern angedeutete Grundanschauung über das Wesen Goethescher Dichtkunst wird hier weiter ausgeführt: Goethe ist ein Talent, kein Genie. „Die Kraft", sagt er, „welche Goethe's dichterischen Charakter bezeichnet, ist das Talent. Bekanntlich versteht man darunter das Vermögen der ästhetischen Darstellung überhaupt, ohne Rücksicht auf eine subjektive Bestimmung, auf eine Poesie im Dichter selbst .... Eben so wenig hängt das Talent von einer objektiven Bestimmung, von einer Poesie im Gegenstand ab." „Das Wesen des Talents beruht also in der Darstellung in der Einkleidung, im Vortrag." „Das Talent ist eine Hetäre und gibt sich Jedem Preis. . . So sehen wir Goethe's Talent, wie das Chamäleon, in allen Farben wechseln. Heute beschönigt er dies, morgen jenes." Goethes Charakter ist Charakterlosigkeit. Menzels völlig schiefe Auffassung des großen Mannes ist also geblieben.

Auch in der zweiten Auflage der „Literatur" (1836). Unter Goethes Anhängern sieht Menzel alle die Parteien, deren Tendenz er  „als schädlich, feindselig, tödlich für die heilig- sten Interessen der Nation, der Religion, der Moral, ja selbst der Kunst" erkennt. Das überträgt sich auch auf die Werke. Der „wesentliche Inhalt" der Goetheschen Dichtungen ist „seine eigene Selbstvergötterung. Sein Ideal war er selbst, das herzensschwache, genußsüchtige, eitle Glückskind. In allen seinen Werken, einige wenige reine Nachahmungen ausgenommen, tritt dieses erbärmliche Ideal hervor und wird von ihm mit wahrer Affenliebe gehätschelt". Hier aber dringt nun die Trennung des alten Meisters vom jungen Stürmer und Dränger durch. „Anfangs", betont Menzel, „scheint er sich noch ein wenig geschämt zu haben, und wenn er auch Werther, Clavigo und Weißlingen mit großer Vorliebe als höchst liebenswürdig und interessant darstellte, so glaubte er doch unter seinem Publikum noch immer Männer vor sich zu haben, vor denen er erröten mußte, und diesen opferte er wenigstens am Schluß noch seine Helden auf. Es ging ihnen unglücklich, sie wurden für ihre Schwächen bestraft." „Später" stellte er sie „mit all ihrer Schwäche und Eitelkeit als siegreich und triumphierend dar, besonders in seinen beiden Hauptwerken, — im Wilhelm Meister und Faust".  „Clavigo" wird jetzt Goethes „wahrstes Werk" genannt. Goethe fühlte, meint Menzel, daß es unmöglich sei, Clavigo der Marie Beaumarchais wieder zu geben. Jung und alt, „anfangs" und „später" treten in bewußten Gegensatz. Besonders schlagend wird das bei seiner jetzigen Faustbesprechung. Im ersten Teil schien ihm Goethe den Faust in das „höchste Gebiet geistiger Freiheit" erheben zu wollen, im zweiten hat „er ihn wieder unter die Macht des Aberglaubens erniedrigt"  Im ersten Teil ist „die Rede von kecker Überordnung über die Geister, vom Überflug aller irdischen und überirdischen Größen, vom unaufhaltsamen Weiterstreben". Im zweiten „muß sich Faust bequemen, zwischen der Engnis und Langeweile des mittelalterlichen Himmels zu wählen". , .Faust erschien uns im ersten Teil des Gedichts als eine hohe tragische Gestalt, ein himmelstürmender Titan, ein Höllenbezwinger, großartig über die gemeinen Schrecknisse erhaben, der Furcht unzugänglich, ein Geist, der uns ahnen ließ, was Freiheit heißt. So trat er auf und so blieb er noch am Schlüsse des ersten Teils, in ungebeugter Stellung riesenhaft. Doch was wird nun aus ihm im zweiten Teile?" Menzel beantwortet sich seine Frage: „Versetzung in den Mädchenhimmel" ; „Sinekure im Himmel". Besonderen Wert legt er darauf, daß Faust „wie in der alten Sage der Hölle verfalle". Der Mephisto im ersten Teil begeistert ihn, im zweiten Teil kommt er ihm jämmerlich langweilig vor mit seinen „Randglossen" und „zahmen Xenien". „Sonst war er die Hauptfigur einer des Aeschylus würdigen Tragödie, jetzt ist er nur noch die komische Nebenfigur einer Gozzischen geistreichen Maskenpoesie." Das erlösende Wort für Goethes Dichtwerk ist der Vergleich mit Aeschylus nun gerade nicht, aber er beweist uns, daß Menzel, wenn er überhaupt Goethe anerkennend erwähnt, dieses Lob auf den jungen beschränkt. Urteile wie „vornehme Geringschätzung der ordinären Moral", „Schlendrian der Schande", „platte Gemeinheit" verdunkeln das furchtsam flackernde Lichtchen des Lobes; uns aber kommt es darauf an, zu unterstreichen, was Zukunft wurde. Sein Goethehaß war Menzels vorzüglicher Zeiterfolg, der kleine Keim einer Neigung zum jungen Goethe enthielt den Ansatz zu Zukunftslinien.

In den folgenden Jahrgängen seines Literaturblattes, in seiner „Geschichte der Deutschen" wie in der „Deutschen Dichtung von der ältesten bis auf die neueste Zeit" (1858) ist sein Standpunkt im wesentlichen derselbe. Der dritte Abschnitt des 10. Buches dieser Literaturgeschichte enthält die Behandlung Goethes und trägt den Titel „Die Poesie des Egoismus". Goethe hat den Don Juan „zum eigentlichen Helden der modernen Poesie gestempelt". Daneben erkennt man auch hier die von politischen Vorurteilen befangene Kritik, die bei einer Betrachtung Goethes den unpolitischen Ministerdichter mit so glühendem Haß überschüttet, daß sie dabei fast ganz vergißt, dem Dichter des Werther, Götz und Faust eine andere Betrachtungsweise angedeihen zu lassen. „Den Geist aber, den das Ganze beseelt, kann man kurzweg patriotisch nennen." Dieses wird man seinem zeitgenössischen Rezensenten Gutzkow zugeben.

Der Hauptzug des Zeitgesichts ist auch Menzels Hauptzug: die Politik. Unbedingte Notwendigkeit wurde es für jeden, der dieser Generation angehörte, ,,sich von dem Zustande des augenblicklichen Weltlaufs im realen und idealen Sinne zu unterrichten", wie das auch der greise Dichter in Weimar empfand und bei der Eröffnung des Weimarer Lesemuseums aussprach. So wird die politische Stellung auch das Fundament für die Stellung zur Literatur überhaupt und zu Goethe insbesondere.  Künstlerische Maßstäbe werden ersetzt durch nationale Maßstäbe. Die Kunst wird nicht mehr an Kunst gemessen, sondern an allen möglichen anderen Dingen. Das heißt Gewichte mit Hohlmaßen messen. Der politische Fall des Vaterlandes wird einer literarischen Blüte zum Vorwurf gemacht. Aussprüche, Tun und Handeln von Personen in einer Dichtung werden der Person des Verfassers untergeschoben. Wo die Begriffe verwirrt sind, bleiben verderbliche Folgen nie aus.

Die Polemik Wolfgang Menzels war epochemachend. .,Er war", sagt später (1839/40) Heinrich Laube in seiner Literaturgeschichte ,,im Besitz des kritischen Morgenblattes und im Besitz eines talentvollen, brennenden Parteistils, die letzte Hälfte der zwanziger Jahre und die ersten dreißiger Jahre eine beträchtliche Macht für die politische Meinungsabgabe in schöner Literatur". Er war der Mund seiner Zeit. Jeder mußte — und wir werden das später bei den einzelnen Jungdeutschen noch näher sehen — zu ihm Stellung nehmen. Päpstlicher als der Papst gebärdete sich die engere Gemeinde. Goethe war abgetan. —Besprechungen, Gegenrezensionen jagten sich. In den für die Literaturarchiv- Gesellschaft gesammelten Briefen an Menzel finden wir eine allgemeine Zustimmung zu den Menzelschen Ausführungen. Das eine wird aber auch hier deutlich : diese Briefschreiber spüren jenes unterirdische Glimmen einer Neigung für den Sturmund Dranggoethe bei Menzel wie bei sich , und sie holen es aus der Tiefe hervor. „Die Begabung an und für sich", schreibt z. B. E. v. Bülow den 2. August 1838 „erkennen wir alle an. Auch Sie erkennen das Ewige, Ursprüngliche in Goethes Jugendwerken, seinem Werther, Götz, Faust — dem Fragment — an. . . Ich gebe Ihnen gerne zu, daß Goethes ganzes Leben seit seiner glänzenden Jugendzeit ein Fall, eine Versündigung an sich selbst war". Dieselbe Tendenz beobachteten wir bei Heine, Börne, Gutzkow und Laube.

Es war nicht die Schrulle einiger verdrehter Einzelexistenzen, gegen Goethe herzufahren, es war ein kategorisches Zeitempfinden, das aus diesen Leuten sprach. Ihre Zeit, die eine andere war als jene der Weimarer Blüte, hatte auch ein anderes Gesicht, und ihre Menschen, in denen das Blut einer anderen Generation umlief, führten eine andere Sprache. Die hauptsächlich durch die Politik in Anspruch genommenen Geister der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts fühlen sich in bewußtem Gegensatz zu der politisch indifferenten klassischen Zeit, die neben ihnen auch noch lebendig war, die aber nicht taugt für die Bestrebungen der neuzeitlichen Generation, die den Jungen ein Hemmwall ist, der abgerissen werden muß, daß sie ihre anders gerichtete Bestimmung ausleben können. Bezeichnend schließt der Abschnitt über Goethe in Menzels Literaturgeschichtsbuch:  „Alle altern Anhänger Goethes kommen darin überein, die neuere Zeit wegen der in ihr hereinbrechenden Barbarei anzuklagen, weil wir angefangen haben, uns nicht mehr ausschließlich mit Kunst und Theater und mit dem Herrn von Goethe, sondern auch mit wichtigem Dingen zu beschäftigen". Wir werden dem Endurteil Laubes mit Recht zustimmen können: „Menzels Erscheinen wird doch ein segenswertes genannt werden müssen: es ist ein ehrlicher Mann, und hat die Aufrichtigkeit in unsre Kritik gebracht, sein wilder Fanatismus war vielleicht nötig, um den Indifferentismus aller Art aufzurütteln." Der Keim der Generation des alten Goethe ist in der jungdeutschen Generation sichtbar, aber der Keim der Generation des jungen Goethe trägt fortwirkende Frucht.




Epigramme, Sprüche, Xenien

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