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2019-11-21

Oskar Kanehl-Der junge Goethe im Urteile des jungen Deutschland- Heinrich Heine. (8)



Heinrich Heine. 

Heines literarische Kritik ist wie die jedes Schriftstellers aus dem ganzen Menschen zu erklären. Und da muß vor allem dieses gesagt werden: Er ist ein zu großer Unbewußter, ein zu großer Dichter, um ein Mensch mit wohldurchdachtem Urteil zu sein. Literarische Urteile von Dichtern überhaupt sind zu persönlich, um als objektives Zeiturteil angesehen zu werden. Die Auffassung einer Zeit von einem Dichter spricht selten ein Dichter, meist ein Kritiker aus. Die Goetheauffassung der Zeit der Romantik bringen die Kritiker Schlegel in Worte (Tieck nimmt durchaus eine Sonderstellung ein), die Goetheauffassung der Zeit des jungen Deutschland die Kritiker Menzel und Börne. Das persönliche Urteil des Dichters Heine ist nicht zeitbestimmend — cum grano salis natürlich. In gewissem Grade ist auch das literarische Urteil der Dichter Zeiturteil.

Heines Anschauung über Goethe ist so persönlich und von persönlichen Besonderheiten so bestimmt wie das nur irgend eines Beurteilers und abhängig gleichzeitig doch von seiner Zeit. Beides soll sich des Näheren zeigen.

Will man Heines Menschsein im Schlagwort festhalten, so mag man vielleicht sagen : er ist eine sinnlich dionysische Natur. Aristoteles hätte ihn einen Sanguiniker genannt. Er gehört zu jenen feinnervigen Menschen, deren Gemütszustand abhangt vom Allergeringsten ihrer Umwelt, Jedem Natureindruck gegenüber sind sie aufs allerfeinste empfänglich. Das Wetter, kleinste Geräusche, all dieses löst in ihnen Gefühlsreaktionen aus, die für die unausdenkbarsten Folgen bestimmbar werden können. Man darf nicht jedes ihrer Worte als echtestes Evangelium ihrer innersten Psyche ansehen. Schneller Stimmungswechsel, Reizbarkeit, leicht zu kränkende Eitelkeit sind oft Eigenschaften, die ihnen von der Welt nur zu leicht als Urteil „schwache Charaktere" oder gar — „charakterlose Menschen" eintragen. Ihr Verstand steht in einem Verhältnis der Abhängigkeit zu ihrem Gemüt, Ihre Seele leidet an der Welt. Jene Menschen, zu zart für diese rauhe Welt, leben in dem Verhängnis, daß ihr Gefühl oft an ihrem Verstand und an der Realität der Dinge verzweifelt: Novalis, Hölderlin. Auch Heinrich Heine ist so ein Verzweifelter. Aber er konnte lachen. Hätte er sein Lachen nicht, die Welt würde, wie so viele andere seiner Blutsart, so auch seine zarte Seele erdrückt haben. Sein Lachen macht ihn zu einem starken Verzweifelten. Er ist ein Mensch, der in seinen besten Augenblicken reinste Gefühlstöne schwingen läßt, Gedichte schafft, deren Konzeption nackt und groß vor uns steht, und es ist derselbe Mensch, um dessen Lippen, wenn die Außenwelt neugierig seine Traumwelt stört, jenes verächtliche, verzweifelte, zuckende Lachen spielt, das im Grunde Schmerz ist und das jene weltlichen allzuweltlichen Gedichte hervorruft, denen man es anfühlt, daß sie in ihrer Weltlust die Quittung an die Welt sind, daß ihr sündiges Lachen Verlachen und Abtun ist. Auch Heinrich Heine ist ein Verzweifelter ; Demokrat und Aristokrat , Schriftsteller und Dichter; in ihm raufen Zeit und Ewigkeit. Ein echter Sohn seiner Zeit, jener Zeit des ruhelosen Konflikts von Herz und Welt. Börne ist ihr Kritiker, Heine ihr Dichter.

Hieraus wird uns auch Heines Stellung zu Goethe verständlich. ,,Ich liege . . in wahrhaftem Kriege mit Goethe und seinen Schriften, so wie meine Lebensansichten im Krieg liegen mit meinen angeborenen Neigungen und geheimen Gemütsbewegungen." ,,Das ist ja eben der Zwiespalt in mir, daß meine Vernunft in beständigem Kampf steht mit meiner angeborenen Neigung und Schwärmerei. Jetzt weiß ich auch ganz genau, warum die Goetheschen Schriften im Grund meiner Seele mich immer abstießen, so sehr ich sie in poetischer Hinsicht verehrte und so sehr auch meine gewöhnliche Lebensansicht mit der Goetheschen Denkweise übereinstimmte". Heine, der Dichter, der Einsame, Weltfremde, sieht in Goethe dem Dichter den großen Verwandten. Heine, der Kritiker, der Zeitsohn, sieht in Goethe, dem Zeitlosen, einen Zeitverächter und Egoisten. Nur allzuleicht ist der sensitive Heine nicht ganz er selbst; unter dem unmittelbaren Einfluß einer uns kleinlich erscheinenden Gefühlserregung steht der ganze Mensch und sagt in einem solchen Augenblick Dinge, die von seinem Echtesten weit entfernt sind. Er gesteht uns auch selbst: ,,Wenn ich mich schlecht befinde, bin ich immer antigoetheanisch gesinnt'". Bei Börne ist es Stärke, wenn er die Stimme seines Herzens, die Goethe lieben will, schweigen heißt und der Wahrhaftigkeit zu Liebe und dem Zeitgeiste folgend aus Goethes Werken eine „Dornenlese" veranstaltet. Bei Heine ist es eine Schwäche, wenn er gegen Goethe Abfälliges sagt. Gerade entgegengesetzt wie bei dem Kritiker; es mag ein symptomatischer Unterschied von Dichter und Kritiker überhaupt sein, daß jener der Stimme des Gefühls nur zu leicht Folge leistet, während dieser mit Bewußtsein Gefühlsstimmen unterdrückt.

Heine liebt Goethe. Daran zu zweifeln ist unerlaubt. Wir untersuchen nur, wie weit diese Liebe durch wirkliche Wesensunterschiede beider Dichter Einschränkungen erfährt, und glauben auch da diese Zeittendenz erweisen zu können: daß Goethe bei dieser Generation der Zerrissenen, Sozialbewegten, von Problemen unruhvoll durchwühlten Jungdeutschen verehrt wird, soweit er ihnen in ihrem Sinne modern erscheint, das heißt leidenschaftlich, titanisch, sensitiv, jung, stürmend und drängend. Auch bei Heine läßt sich diese Linie recht wohl verfolgen; nur ist seine Neigung von seinem Standpunkte modifiziert und erweitert. Er sieht als Dichter weiter und tiefer als seine Zeit ; aber auch er kann sein Zeitgefühl nicht verleugnen.

In der Chronologie seines Lebens gesehen, spielt sich die Entwicklung von Heines Goetheverehrung etwa so ab: In der frühen Jugend der Heimat- und Schuljahre und ersten Universitätssemester bis zum Berliner Aufenthalt, d.h. bis 1821, lernt er Goethes Hauptwerke kennen; seine Mutter ist eine Verehrerin des Dichters, auf der Schule war von Goethe noch nicht allzuviel zu hören, und in Bonn bei A. W. Schlegels Vorlesungen wird ihm etwas von romantischer Literaturbetrachtung, von Goethe dem „Plastiker" und Ähnliches eingeprägt. Er hat die Anschauung von Goethe, die damals wohl fast jeder junge zur Literatur neigende Student gehabt haben wird, die romantisch-schlegelische, die wir dann auch in den Aufsätzen dieser Zeit wiedergespiegelt finden.

In ein intimeres Verhältnis zu Goethes Werken kommt er erst in Berlin, hauptsächlich durch den Verkehr mit dem damaligen geistigen Zentrum im Salon Varnhagens und seiner Gattin Rahel. Goethebegeisterung, wissen wir, war der Stempel dieses Kreises. Es ist nun ganz deutlich, wie Heine dem großen Dichter näher tritt, ihn tiefer verstehen lernt; aber ebenso deutlich empfinden wir auch, daß Heine den Kultus etwas gezwungen mitmacht; er gehört eben schon zur neuen Generation. Er fühlt Goethes Größe, bildet sich mit den anderen ani hm, aber er weiß: er ist ein anderer. Wenn er sich aufzählt, was er liebt, nennt er neben „Familie, Wahrheit, französischer Revolution und Menschenrechten Lessing, Herder, Schiller". Der Name Goethe, der ihm doch gerade jetzt so nahe gelegt wurde, wird — wir dürfen wohl annehmen bewußt — unterdrückt. Gesellschaftliche Pflicht zwingt ihn überhaupt, manches zu unterdrücken, was er still in sich hegt. In einem Brief an Maximilian Schottky hören wir: ,,Wie ich gegenwärtig über das geistige Berlin denke, darf ich jetzt nicht drucken lassen; doch werden Sie es einst lesen, wenn ich nicht in Deutschland mehr bin, und ohne literarische Gefahr über neu-alt- und alt-neudeutsche Literatur in einem eigenen Werkchen mich aus- sprechen werde". Ein gewisses Unbehagen gegen den ,, großen Mann in einem seidnen Rock" fühlen wir auch aus den ,, Berliner Briefen" heraus.

Unter demselben Zeichen stehen auch noch die dem Berliner Aufenthalt unmittelbar folgenden Jahre. In der behaglichen Ruhe Lüneburgs besonders wirken Berliner Anregungen fort . Zu Varnhagens Sammlung zeitgenössischer Urteile über Goethe schickt auch er einen Aufsatz, ohne daß er gedruckt wird. ,,Varnhagen sagt, er sei zu spät gekommen; ich glaube aber, er hat ihm nicht gefallen". Unterdrückter Widerspruch, bis die Harzreise im Herbst 1824 ihn persönlich zu Goethe führt. Der ungünstige Verlauf dieses Besuches gibt uns Gelegenheit, Heines wahre Meinung über Goethe zu erfahren durch jene bekannten Glossen Heines zu seinem Aufenthalt in Weimar. Hier ist Heines wahre Meinung, verdunkelt nur durch die ge- kränkte Eitelkeit des jungen Poeten, der wahrscheinlich einen kollegialeren Empfang erwartet hatte. Im Herbst 1827 hört Heine, Goethe hätte mißfällig von seinen „Reisebildern" gesprochen , im selben Jahr kommt Menzels „Deutsche Literatur" heraus, politische Tätigkeit bedrängt ihn, kurz, sein erwachendes Selbständigkeitsgefühl Goethe gegenüber wird sehr gestärkt durch äußere Begebenheiten. Der Bürgerkrieg ist in seiner Brust ausgebrochen, alle Gefühle empören sich ,,— für mich, wider mich, wider die ganze Welt". Wir hören in dieser Zeit die stärksten Ausfälle gegen Goethe. Romantischen Nebel durchzuckt jungdeutsches Gewitterleuchten.

,,Girre nicht mehr wie ein Werther, 
Welcher nur für Lotten glüht — 
Was die Glocke hat geschlagen 
Sollst Du Deinem Volke sagen, 
Rede Dolche, rede Schwerter!" 

So ruft er selbst sich die „Tendenz" zu. Auch er, wie jeder jugendliche Sohn seiner Zeit, wirft sich nieder „nell- entusi- asmo davanti al sole del Luglio".  Es ist die Zeit wo er aus seinem Dichtertempel heraustritt, wo er aus den Zeitschriften, den sonst so verächtlich verspotteten „Pissecken der Literatur" „Festungen" für die „Zeit des Ideenkampfs" macht, die Zeit deren Ergebnis lautet: ,,Aber ein Schwert sollt ihr mir auf den Sarg legen; denn ich war ein braver Soldat im Befreiungskriege der Menschheit." Heine wendet sich ab von seinen ersten Anregern, und seine Stellung zu Goethe ändert sich demzufolge. Lessing ist derjenige ,, in der ganzen Literaturgeschichte", den er „am meisten liebt". „Die Literaturgeschichte ist die große Morgue, wo jeder seine Toten aufsucht, die er liebt, oder womit er verwandt ist. Wenn ich da unter so vielen unbedeutenden Leichen den Lessing oder den Herder sehe mit ihren erhabenen Menschengesichtern, dann pocht mir das Herz." Auch in dieser Kampfeszeit begegnet ihm Goethe nicht unter den „erhabenen Menschengesichtern".

Heine kommt nach Paris , Goethe stirbt. Mit der örtlichen und zeitlichen Entfernung kommt die Ruhe und das sachliche Urteil wieder. Immerhin bleibt ein Unterschied zwischen dem politisch kämpfenden Zeitschriftsteller und dem Dichter Heine. Luther und Lessing sind für jenen „unser Stolz und unsere Wonne . . . Ja, kommen wird auch der dritte Mann, der da vollbringt, was Luther begonnen, was Lessing fortgesetzt und dessen das deutsche Vaterland so sehr bedarf, — der dritte Befreier! — "  Da hören wir den Schriftsteller, der in seiner politischen Begeisterung Goethe völlig vergißt. Der Künstler wendet sich von neuem Goethe zu und verurteilt seinen einst ihm gegenüber eingenommenen Standpunkt. Der Neid, beichtet er uns, sei das Motiv gewesen, das ihn bewogen hat, seine antigoetheanischen Überzeugungen öffentlich auszusprechen. Wir sind nicht furchtsam genug, dieses Geständnis des Dichters einfach als falsch abzulehnen. Der Neid wird auf jeden Fall im Spiel gewesen sein. Niemals darf man aber auf Grund der Kenntnis des ganzen Menschen Heine diese Selbstbeschuldigung als Lösung der Frage überhaupt ansehen. Blinde gehässige Ausfälle eines leicht gekränkten jugendlichen Dichterstolzes treten jetzt zurück vor dem persönlich und zeitgeschichtlich bestimmten Urteil des Dichters Heine über den Dichter Goethe. Heine erreicht seine Goethereife, die in den lichtvollen Stunden seines schmerzenreichen Todes wohl eine Goethereife überhaupt geworden ist. Eines der letzten Bücher, die er sich vorlesen läßt ist der Goethesche Faust in seinen beiden Teilen.

Heines Goethekritik baut sich auf dem fundamentalen Gegensatz der Menschen auf, deren Glück es ist das Leben zu besiegen. Herr ihrer selbst und der Welt zu werden, und jener, die glücklich sind das Leben zu leben, die sich vom Leben leiten lassen, um ihr Leben im Leben überhaupt auszuleben. Jene seit Nietzsche apollinisch genannt, greifen leidenschaftlich hinein ins ,, volle Menschenleben", erleben etwas, schließen dieses Erlebnis aber ab mit einer Schranke, die sie sich selbst setzen, und machen das Erlebnis zur Erfahrung. Im Erleben wachsen sie durch Erfahrungen. Diese, mit Nietzsche dionysisch zu nennen, kennen kein haltgebietendes Höheres in sich, schrankenlos tobt ihr Ich sich in dem gegebenen Dasein aus, ihr Leben ist kein Sieg, sondern meist ein Opfer. Jene sind frei durch sich selbst, diese frei ohne Fesseln. Dieser Menschengegensatz ist auch der Gegensatz zwischen Goethe und Heine. Heinen ist das Leben ein Recht. Das Leben will dieses Recht geltend machen gegen den erstarrenden Tod, gegen die Vergangenheit, und dieses Geltend machen ist die Revolution." „Im Grunde", erkannte er, ..sind ich und Goethe zwei Naturen, die sich in ihrer Heterogenität abstoßen müssen." Zum wörtlichen Ausdruck ist dieser Gegensatz in diesem Brief an Moser und dann auch an jenem an Christiani vom 26. Mai 1825 geworden. ,,Da fühlte ich erst ganz klar den Kontrast dieser Natur mit der meinigen, welcher alles Praktische unerquicklich ist, die das Leben im Grunde geringschätzt und es trotzig hingeben möchte für die Idee." Ich habe .,den Lebensgenuß begriffen und Gefallen daran gefunden, und nun ist in mir der große Kampf zwischen meiner klaren Vernünftigkeit, die den Lebensgenuß billigt und alle aufopfernde Begeisterung als etwas Törichtes ablehnt, und zwischen meiner schwärmerischen Neigung, die oft unversehens aufschießt, und mich gewaltsam ergreift und mich vielleicht einst wieder in ihr uraltes Recht hinabzieht, wenn es nicht besser ist zu sagen : hinaufzieht ; denn", setzt er hinzu, ,,es ist noch die große Frage, ob der Schwärmer, der selbst sein Leben für die Idee hingibt, nicht in einem Momente mehr und glücklicher lebt, als Herr von Goethe während seines ganzen sechsundsiebzigjährigen egoistisch behaglichen Lebens". Wir sehen also, es ist auch in Heine Apollinisches. Er erkennt die apollinische Größe Goethes, er betet zu ihr wie zu einem Göttlichen , aber seine dionysische Zeitseele reißt ihn von diesem Altar hinweg ins bewegte Tatleben. Der Dionysos in ihm bedauert: ,,die Goetheschen Dichtungen bringen nicht die Tat hervor", . . „sie sind unfruchtbar. ..." „Das ist der Fluch alles dessen, was bloß durch die Kunst entstanden ist." Bewundernd steht er vor Goethes Dichtungen, aber nicht bewegt. „Unsere ästhetisierende, philosophierende Kunstsinnzeit war dem Aufkommen Goethes günstig ; eine Zeit der Begeisterung und der Tat kann ihn nicht brauchen." Heines Goetheverehrung und sein Goethehaß sind nur zu erklären aus der verzweifelten Sehnsucht seiner Seele nach einer Synthese zwischen dem Apollinischen und Dionysischen in ihm. Schon diese Grundlage läßt uns ahnen, zu welchem Goethe sich solche Dichternatur am stärksten hingezogen fühlen wird.

Mustern wir nun hiernach Heines einzelne Urteile über Goethe, so finden wir zunächst auch bei ihm, seine isolierte Stellung bekundend, eine Verachtung sowohl der „Goethisten" wie der Antigoethisten. Menzel, der in der ersten Zeit zweifellos auf Heine gewirkt hat, dessen .. „Großartigkeit der Auffassung des Streben«, der Kraft und des Irrtums" in seiner Rezension der Menzelschen Literatur" gelobt wird, wird bald überwunden. Wenig überzeugend will ein Literarhistoriker eine stärkere Abhängigkeit von Menzel nachweisen . Aber, daß Menzel auf Heine im Anfang Eindruck machte, unterliegt keinem Zweifel, und gerade in Hinsicht der Goethepolemik. Menzels „Literatur" interessiert ihn eigentlich nur deshalb ; Heines Rezension ist, das fühlt man und findet es in Privatbriefen bestätigt, nur Goethes wegen geschrieben. Goethe ist „in der Republik der Geister zur Tyrannis gelangt", er sollte nichts als „primus inter pares" sein. Bei Menzel entschuldigt er sich noch wegen seiner Rezension, er habe nur „Formelles" besprochen; dann heißt es ganz unvermittelt: „In Berlin hat man meine Ansichten über Goethe am feinsten verstanden und Zeter geschrieen. Niederträchtig sind die Ausfälle auf Sie im 'Berliner Conversationsblatt'. Wie Sie leicht begreifen, sie sind von Friedrich Förster' . . . , , Dieser Förster ist ein jämmerlicher Patron und spielt den Verteidiger Goethes". Es ist keine Frage, Heine freut sich über die Opposition gegen Goethe, er hält sie für notwendig. Nur er möchte so etwas wie Menzel „für keinen Preis geschrieben haben. . . Wenn die Sterne am Himmel mir feindlich werden, darf ich sie deshalb schon für bloße Irrlichter erklären ?"

Spottend über die „deutsche Nationalbeschränktheit" und den „seichten Pietismus" der Menzel und Genossen kehrt er sich von ihnen ab. Er muß „bei dem großen Heiden aushalten, quand meme" — Wohl hatten  „die geistigen Aristokraten in Deutschland während der beiden letzten Dezennien sehr gerechte Gründe auf Goethe ungehalten zu sein", aber „die Aristokraten, wenn sie auch noch so böse auf ihren Souverän gestimmt sind, werden doch verdrießlich, wenn sich auch der Plebs gegen diesen erhebt". Gegen das ,,Pustkuchentum" macht Heine entschieden Front und stellt sich auf die Seite seines Freundes Immermann, der diese Art gegen Goethe aufzutreten in seiner Schrift über Pustkuchen geißelt. Er schreibt an Varnhagen: ,, Gehöre ich auch zu den Unzufriedenen, so werde ich doch nie zu den Rebellen übergehen." Mit Leuten wie Menzel oder auch Nicolai die  wirkliche Riesen für bloße Windmühlen" ansehen, will er nicht Schulter an Schulter kämpfen. „Ich werde immer", so schließt er jene Mitteilung an Christiani, in der er den Gegensatz zwischen Goethes und seiner Persönlichkeit so klar gezeichnet hat, „zum Goetheschen Freicorps gehören, und was ich schreibe, wird aus der künstlerischen Besonnenheit und nie aus tollem Enthusiasmus entstehen." Er hat damals etwas zu viel versprochen. Aber für jene,, Altgläubigen, die Orthodoxen", die sich „ärgerten, daß in dem Stamme des großen Baumes keine Nische mit einem Heiligenbildchen befindlich war, ja, daß sogar die nackten Dryaden des Heidentums darin ihr Hexenwesen trieben", hat er ebenso verständlichen Spott wie für „die Neugläubigen, die Bekenner des Liberalismus" , die sich,,ärgerten, daß man diesen Baum nicht zu einem Freiheitsbaum und am allerwenigsten zu einer Barrikade benutzen konnte". Jene Leute lebten nur in ihrem teutonischen Berserkertum . Und in der Tat ein guter Stil wurde als etwas Aristokratisches verschrieen, und vielfach hörten wir die Behauptung ; der echte Demokrat schreibt wie das Volk herzlich schlicht und schlecht." Machte man da nicht mit, so„hieß es gleich: das ist ein Aristokrat, ein Liebhaber der Form, ein Feind der Kunst, ein Feind des Volks". Heine zu solchen Absurditäten im Gegensatz zu sehen, nimmt uns nicht Wunder.

Verhaßt sind Heine dumme Goethegegner, verhaßter noch dumme GoetheVerehrer.  „Wenn ich etwas herbe von den Gegnern Goethes gesprochen habe, so dürfte ich noch viel Herberes von seinen Apologisten sagen. Die meisten derselben haben in ihrem Eifer noch größere Torheiten vorgebracht. Auf der Grenze des Lächerlichen steht in dieser Hinsicht einer, namens Herr Eckermann." Gegen „Goetheaner" oder ,,Goethejaner" weiß erimmer neue Ausfälle. ,,Sie umgaben ihn [ Goethe] huldigend, sie küßten ihm die Hand, sie knieten vor ihm." Sein Freund, Rudolph Christiani, der sich selbst zu den Goetheanern rechnet, muß davon manches hören: ,,Es ist spaßhaft, wie ich immer und überall, und ging ich auch nach der Lüneburger Heide, zu Erzgoethianern komme. Zu diesen gehören auch Sartorius und seine Frau, vulgo geistreiches Wesen genannt, mit denen ich hier am meisten verkehre. Ich brachte ihnen Grüße von Goethe und seitdem bin ich ihnen doppelt lieb". An ihn gehen auch jene Verse ,,an einen ehemaligen Goetheaner".

,,Hast Du wirklich Dich erhoben 
Aus dem müßig kalten Dunstkreis, 
Womit einst der kluge Kunstgreis 
Dich von Weimar aus umwoben?" 

Spottverse schreibt er auf die Frankfurter, die Goethen ein Denkmal errichten wollen ;

 ,,0, laßt dem Dichter seine Lorbeerreiser,
Ihr Handelsherrn! behaltet Euer Geld. 
Ein Denkmal hat sich Goethe selbst gesetzt." 

In gleicher Linie wie die Goethevergötterer stellt er die Goethenachahmer, denn an sie denkt er doch wohl bei den Zeilen in den „Gedanken und Einfällen: ,.Die alte Harfe liegt im hohen Gras. Der Harfner ist gestorben. Die talentvollen Affen kommen herab von den Bäumen und klimpern darauf." Heine steht zwischen den Parteien, er bleibt auch als Kritiker Künstler.

„Es ist ein betrübender Anblick, wenn ein Schriftsteller vor unseren Augen angesichts des ganzen Publikums allmählich alt wird", so schreibt Heine in der Vorrede zur 2. Auflage des „Buches der Lieder", und denkt, obwohl er es von sich abweist, doch wohl in erster Linie an Goethe. Goethes Entwicklung zum Alter war Heine wie Börne „ein betrübender Anblick". Daher finden wir auch bei ihm eine ganze Reihe Aussprüche gegen Goethe den , ministeriellen, schlichtenden, vertuschenden", den ,,schwachen abgelebten Gott, den es verdrießt, daß er nichts mehr erschaffen kann", der „nur noch das Gebäude ist, worin einst Herrliches geblüht" ; Aussprüche, die offenbar den alten Ministerdichter, den „Kunstgreis" treffen sollen. „So ein armer, alter Dichter mit seiner kahlen Hölzernheit" meint er, „gleicht den Weinstöcken, die wir im Winter auf den kalten Bergen stehen sehen, dürr und laublos, im Winde zitternd und von Schnee bedeckt, während der süße Most, der ihnen einst entquoll, in den fernsten Landen gar manches Zecherherz erwärmt und zu ihrem Lobe berauscht." Goethe steht ihm dabei immer vor Augen. Seine Kälte und „ Abneigung, sich dem Enthusiasmus hinzugeben", findet er „ebenso widerwärtig wie kindisch. Solche Rückhaltung ist mehr oder minder Selbstmord". Bei Goethes Dichtungen empfindet er,  „daß ihre Starrheit und Kälte sie von unserem jetzigen bewegt warmen Leben abscheidet, daß sie nicht mit uns leiden und jauchzen können, daß sie keine Menschen sind, sondern unglückliche Mischlinge von Gottheit und Stein". Das liegt aber daran, daß Goethe den Enthusiasmus „ganz historisch" behandelt, „als etwas Gegebenes, als einen Stoff". Dadurch wird er Indifferentist, der, statt mit den höchsten Menscheitsinteressen, sich nur mit Kunstspielsachen, Anatomie, Farbenlehre, Pflanzenkunde und Wolkenbeobachtungen beschäftigte." Heine als „Freiheitsdichter" fühlt sich „hoch über dem teilnahmslos kalten Goethe". Ganz deutlich soll all dies nur den klassischen Goethe charakterisieren. Heine selbst spricht den Gegensatz aus, wenn er sagt : „Wir sehen ihn dem großen Herder gegenüber, der ernsthaft zürnt ob dem Indifferentismus, womit Goethe die Entpuppung der Menschheit selbst unbeachtet läßt". Antike Ruhe ist etwas, was der Heineschen Natur widerspricht, obgleich er das als Kritiker nicht immer selbst erkannt hat. Mit antiken Statuen vergleicht er Goethes Dichtungen. Sie scheinen „des Wortes zu harren, das sie wieder dem Leben zurück gäbe, das sie aus ihrer kalten starren Regungslosigkeit erlöse". Sie sind „ebenso vollendet, ebenso ruhig", eine „tote Unsterblichkeit". Immermannen, der ihm seine Elegien geschickt hatte, gesteht er, daß er in seinem „ganzen Leben nicht sechs Zeilen in dieser antiken Versart zustande bringen konnte". Die „Weitschweifigkeit der Rede", die „langen Perioden" in Goethes Altersstil, von denen Heine als von einer „Untugend" spricht, vergleicht er spöttelnd „mit einem Aufzug königlicher Equipagen". Den „lendenlahmen zweiten Teil des Faustes" kann er nicht hochschätzen, und für einen Platen, der keinen Dichter achtet  „außer dem ganz alten Goethe" hat er kein Verständnis.

Auch wenn in Heines Werken von dem „Aristokraten" oder gar „Aristokratenknecht"  Goethe gesprochen wird, wird natürlich nur an den Weimarer Hofdichter gedacht und ihm sichtbar der titanische Stürmer und Dränger entgegengesetzt. Goethe huldigte der Aristokratie, er habe kein Herz mehr für die „Menschengleichheit wie dazumal als er den „Werther" schrieb".

Eine Durchführung dieser Gegenüberstellung von alt und jung, kalt und leidenschaftlich, aristokratisch und „demokratisch" dokumentiert sich dann vor allem in jener These, die wir von der Rezension der Menzelschen „Literatur" an durch Heines ganzes Schrifttum verfolgen können : „Das Prinzip der Goetheschen Zeit, die Kunstidee, entweicht, eine neue Zeit mit einem neuen Prinzipe steigt auf". Das Prinzip der Kunstidee nennt Heine eben das Prinzip der klassischen Objektivität in der Kunst; das Prinzip der neuen Zeit ist Bewegung und Leben, Subjektivität. „Vielleicht", schreibt Heine weiter, „fühlt Goethe selbst, daß die schöne objektive Welt, die er durch Wort und Beispiel gestiftet hat, notwendiger zusammensinkt, so wie die Kunstidee allmählich ihre Herrschaft verliert, und daß neue, frische Geister von der neuen Idee der neuen Zeit hervorgetrieben werden und gleich nordischen Barbaren, die in den Süden einbrechen, das zivilisierte Goethetum über den Haufen werfen und an dessen Stelle das Reich der wildesten Subjektivität begründen." Und er fragt: „Wird Kunst und Altertum imstande sein, Natur und Jugend zurückzudrängen?" — Mutet uns das nicht an wie ein Ausspielen des jungen Goethe gegen den alten ? In derselben Rezension lesen wir dann auch weiter : „Der Alte! wie zahm und milde ist er geworden! wie sehr hat er sich gebessert! würde ein Nicolaite sagen, der ihn noch in jenen wilden Jahren kannte, wo er den schwülen „Werther'' und den „Götz mit der eisernen Hand" schrieb! Wie hübsch manierlich ist er geworden, wie ist ihm alle Roheit jetzt fatal, wie unangenehm berührt es ihn, wenn er an die frühere geniale himmelstürmende Zeit erinnert wird, oder wenn gar andere in seine alten Fußstapfen tretend, mit demselben Übermute ihre Titanenflegeljahre austoben. Sehr treffend hat in dieser Hinsicht ein geistreicher Ausländer unseren Goethe mit einem alten Räuberhauptmanne verglichen, der sich vom Handwerk zurückgezogen hat, unter den Honoratioren eines Provinzialstädtchens ein ehrsam bürgerliches Leben führt, bis aufs Kleinlichste alle Philistertugenden zu erfüllen strebt und in die peinlichste Verlegenheit gerät, wenn zufällig irgend ein wüster Waldgesell aus Kalabrien mit ihm zusammentrifft und alte Kameradschaft nachsuchen möchte." Dasselbe finden wir später im ersten Teil des „Salon" wiederholt:  „Meine alte Prophezeiung von dem Ende der Kunstperiode . . . scheint ihrer Erfüllung nahe zu sein. Die jetzige Kunst muß zugrunde gehen, weil ihr Prinzip noch im abgelebten, alten Regime in der heiligen römischen Reichsvergangenheit wurzelt. Deshalb, wie alle welken Überreste dieser Vergangenheit, steht sie im unerquicklichsten Widerspruch mit der Gegenwart . . . Indessen, die neue Zeit wird auch eine neue Kunst gebären, die mit ihr selbst in begeistertem Einklang sein wird, die nicht aus der verblichenen Vergangenheit ihre Symbolik zu borgen braucht, und die sogar eine neue Technik, die von der seitherigen verschieden, hervorbringen muß. Bis dahin möge . . . die weltentzügelte Individualität, die gottfreie Persönlichkeit mit all ihrer Lebenslust sich geltend machen, was doch immer ersprießlicher ist, als das tote Scheinwesen der alten Kunst." Oder in den,, Französischen Zuständen" : „Ist es wirklich wahr, daß das stille Traumland in lebendige Bewegung geraten ? Wer hätte das vor dem Julius 1830 denken können! Goethe mit seinem Eiapopeia, die Pietisten mit ihrem langweiligen Gebetbücherton . . . hatten Deutschland völlig eingeschläfert, und weit und breit, regungslos, lag alles und schlief". Es ist eben eine neue Zeit die anbricht mit dem neuen Jahrhundert. „Es war die Kunstperiode, es galt den Schein des Lebens, die Kunst, nicht das Leben selbst — jetzt gilt es die höchsten Interessen des Lebens selbst, die Revolution tritt in die Literatur".

Es ist wieder eine Zeit der wildesten Gärung, des Werdens, eine neue Sturm- und Drangzeit. Vorbei ist es mit der behaglichen Ruhe eines friedlichen klassischen Fürstenhofes, vorbei mit „Mondscheinnacht" und,,Waldeinsamkeit" der Romantik. Die blaue Blume ist eine Distel geworden. Der klare Himmel über klassischen Gefilden wird jetzt durchjagt von dunklen stürmenden Wolkenzügen und Blitze erhellen unten das Land, wo ein gewaltiges Ringen, Siegen und Unterliegen ist. Vorbei ist die Zeit, wo der Hieronymus in stiller Klause Zwiesprache mit jenseitigen Geistern hält; mit dem Schwert gegürtet zwischen Tod und Teufel muß der Ritter durch die Welt ziehen; es ist eine andere Zeit, und Heine hat  „die alte Zeit begraben helfen und bei der neuen Hebammendienst geleistet", wie er selbst sich im „Neglige" seiner Briefe ausdrückt.

Wirklich angezogen fühlt sich Heine nur durch den Sturm- und Dranggoethe. Wo wir deshalb ein aus dem Herzen kommendes begeistertes Lob über Goethe aus Heines Munde hören, bezieht es sich in den meisten Fällen auf eines der Jugendwerke unseres Meisters. Das Lob der orientalischen Sinnlichkeit im „Diwan" und weniges andere mehr trägt sichtbar den Stempel allerpersönlichster Kritik. Über eigenste Wesensprovinzen sucht er sich Klarheit. Aber der Goethe, der mit Herder, mit Lenz, mit Klinger in die Welt zog, sie zu zerstören und eine neue bessere aufzubauen, der Prometheus und Faust, der Forderungen an Gott und Welt hat, der freiheitsdurstige Jüngling, der an den Fesseln von Staat, Kirche und Gesellschaft rüttelt, jener Goethe, der den Mädchen tief in die Augen sieht, der sie alle liebt, die mit dem schönen Körper und die mit der schönen Seele, der um der Liebe willen leidet, der begeisterte, der leidenschaftliche, der Goethe, der so recht im Leben mitten darin steht, der in ihm aufgeht, der das Leben, seine Höhen und Tiefen durchlebt hat wie nur einer, ihm fühlt sich Heine wesensverwandt, mit ihm gehört er zu den „profanen, sündhaften, ketzerischen Schriftstellern, für die der Himmel doch so gut wie vernagelt ist". Von ihm heißt es in der „Romantischen Schule": „Dieser würdevolle Leib war nie gekrümmt von christlicher Wurmdemut, die Züge dieses Antlitzes waren nicht verzerrt von christlicher Zerknirschung; diese Augen waren nicht christlich sünderhaft scheu, nicht andächtelnd und himmelnd, nicht flimmernd bewegt. . ."

Für Herder hat Heine stets Worte hohen Lobes. Heinse ist ihm ,, einer jener Dämonen", die er „vielleicht jetzt repräsentiere .. und die einst den Olymp stürmen werden". Der Goethe, der sich zu diesen Stürmern des Olymps gesellt, er ist seinem zerrissenen Herzen nahe. In den „Bädern von Lucca" findet sich die von Späteren viel ausgebeutete Stelle: „Wir wissen ganz genau, daß die späteren Werke des wahren Dichters keineswegs bedeutender sind als die früheren, ebensowenig wie ein Weib, je öfter sie gebärt, desto vollkommenere Kinder zur Welt bringt . . . Die Löwin wirft nicht erst ein Kaninchen, dann ein Häschen, dann ein Hündchen und endlich einen Löwen. Madame Goethe warf gleich ihren jungen Leu, und dieser gab uns, im ersten Wurf, seinen Löwen von Berlichingen". In gleich schöner Verehrung nennt er den „Werther". In jener für Heine schweren Zeit, von der er sagte, daß der Bürgerkrieg in seiner Brust ausgebrochen sei, liest er den Roman. Er liegt schwer mit sich selbst im Kampfe, schlimmste Verzweiflung kommt über ihn, er gibt dem Freunde Moser zum Weihnachtsfest des Jahres 1825 das Versprechen nicht Hand an sich zu legen. Da kommt es aus Heines tiefstem Erlebnis, wenn er darüber seinem Freunde schreibt : „Vor kurzem habe ich den Werther gelesen. Das ist ein wahres Glück für mich". Interessant für den Zeitgeist, aus dem Heine spricht, ist seine Auffassung des „Werther" : „Sein erstes Publikum fühlte nimmermehr seine eigentliche Bedeutung, und es war nur das Erschütternde, das Interessante des Faktums, was die große Menge anzog und abstieß. Man las das Buch wegen des Totschießens, und Nicolaiten schrieben dagegen wegen des Totschießens. Es liegt aber noch ein Element im 'Werther', welches nur die kleinere Menge angezogen hat, ich meine nämlich die Erzählung, wie der junge Werther aus der hochadeligen Gesellschaft höflichst hinausgewiesen wird. Wäre der 'Werther' in unseren Tagen erschienen, so hätte diese Partie des Buches weit bedeutsamer die Gemüter aufgeregt als der ganze Pistolenknalleffekt." Oder an anderer Stelle. Er spricht von der ,,Idee der Menschengleichheit", die die Zeit ,,durchschwärmt" und knüpft daran an: ,,Die Dichter, die als Hohepriester dieser göttlichen Sonne huldigen, können sicher sein, daß Tausende mit ihnen niederknien und Tausende mit ihnen weinen und jauchzen. Daher wird rauschender Beifall allen solchen Werken gezollt, worin jene Idee hervortritt." „Werther" wird als Beispiel für die Verdichtung dieser Idee genannt. Auch über den Stil des ,, Werther" werden lobende Ausführungen gemacht. Er schreibt an Varnhagen: ,,Da finde ich wieder, daß Sie nur mit dem frühesten Goethe, mit dem Werther- Goethe Ähnlichkeit im Stil haben; Ihnen fehlt ganz die spätere Kunstbehaglichkeit des großen Zeitablehnungsgenies. Abründung, . . Helldunkel, Perspektive der Zwischensätze, mechanisches Untermalen der Gedanken, dergleichen kann man von Goethe lernen — nur nicht Männlichkeit."

„Egmont und Faust von Goethe-Buonarotti" empfiehlt er Houwald im Spottvers zum Muster. Wie der Götz, sind ihm das Stücke, die das Leben selbst geboren hat: ,,Alle kräftige Menschen Heben das Leben. Goethes Egmont scheidet nicht gern 'von der freundlichen Gewohnheit des Daseins und Wirkens'." „Das Leben", sagt er , „ist im Grunde so fatal ernsthaft, daß es nicht zu ertragen wäre ohne . . Verbindung des Pathetischen mit dem Komischen. Das wissen unsere Poeten. . Den großen Denkerschmerz, der seine eigene Nichtigkeit begreift, wagt Goethe nur in den Knittelversen eines Puppenspiels auszusprechen." Mit dem ,, Faust" vergleicht er das deutsche Volk: ,,Es ist selber jener Spiritualist, der mit dem Geiste endlich die Ungenügbarkeit des Geistes begriffen und nach materiellen Genüssen verlangt und dem Fleische seine Rechte wiedergibt", und bleibt mit dieser Auffassung selbst im Zeitgeiste stecken. Mephistopheles finden wir natürlich oft in Heines Begleitung. Das naive Empfinden Gretchens fühlt er im Gegensatz zu Schillers Frauengestalten. Vor dem Bilde eines Gretchen auf einer Faustillustration A. Scheffers bemerkt er: ,, Sie ist zwar Wolfgang Goethes Gretchen, aber sie hat den ganzen Friedrich Schiller gelesen, und sie ist vielmehr sentimental als naiv, und viel mehr schwer idealisch als leicht graziös." Ähnliches noch an anderer Stelle. Wir fühlen für den Werther, Götz, Egmont und Faust hat Heine das volle Verständnis. Da ist bewegtes Blut wie bei ihm, da ist sichtbares Ringen, lebendigstes Leben.

Nie müde aber wird Heine im Lobe Goethescher Liedkunst. Dem Dichter des „Buches der Lieder" ist diese Form künstlerischer Gestaltung die adäquateste. Seine poetischen Konzeptionen sind lyrische Gedichte, verdichtete Erlebnisse. Deshalb wundern wir uns nicht, daß gerade von ihm, dem Lyriker, Goethes Gedichten das uneingeschränkteste Lob gespendet wird. Volkslied und Goethesches Lied weiß er aus seinem Vollsten zu würdigen. Fragt er nach den Höhen deutschen Geistes, so findet er:  Die höchsten Blüten des deutschen Geistes sind die Philosophie und das Lied." „In der Philosophie und im Liede", versichert er an anderer Stelle , hat Deutschland ,, alle anderen Nationen überflügelt". Oder in der „Einleitung zum Don Quichotte". Er hat die Stärke der anderen Völker charakterisiert und fährt dann fort: ,,Und den Deutschen, welche Palme bleibt ihnen übrig ? Nun, wir sind die besten Liederdichter dieser Erde. Kein Volk besitzt so schöne Lieder wie die Deutschen. Jetzt haben die Völker allzu viele Geschäfte; wenn aber diese einmal abgetan sind, wollen wir Deutsche, Briten, Spanier, Franzosen, Italiäner, wir wollen alle hinausgehen in den grünen Wald und singen, und die Nachtigall soll Schiedsrichterin sein. Ich bin überzeugt, bei diesem Wettgesange wird das Lied von Wolfgang Goethe den Preis gewinnen." Wenn er das Resultat der Weltliteratur zieht, so heißt es: ,,Cervantes , Shakespeare und Goethe bilden das Dichtertriumvirat, das in den drei Gattungen poetischer Darstellung, im Epischen, Dramatischen und Lyrischen, das Höchste hervorgebracht. Vielleicht ist der Schreiber dieser Blätter besonders befugt, unsern großen Landsmann als den vollendetsten Liederdichter zu preisen." An Wilhelm Müller schreibt er, daß er „keinen Liederdichter außer Goethe so sehr liebe" wie ihn. Zugrunde liegt in dieser wahrsten Verehrung des Liederdichters Goethe Heines Auffassung der Goetheschen Dichterpsyche überhaupt, und sie lautet: „Die Natur wollte wissen, wie sie aussieht, und sie erschuf Goethe." Auch diese Auffassung Goethes als Naturdichter ist eine sinnvolle nicht in bezug auf den ganzen Goethe, sondern nur in Hinsicht auf den jungen, wirklich wie die Natur schaffenden Goethe. Heine nennt ihn deshalb auch aphoristisch den „Spinoza der Poesie" und kommentiert das : „ Alle Gedichte Goethes sind durchdrungen von dem
selben Geiste,der uns auch in den Schriften der Spinoza anweht . . Dieses geschieht schon im 'Werther', wo er nach einer liebeseligen Identifizierung mit der Natur schmachtet. Im 'Faust' sucht er ein Verhältnis mit der Natur anzuknüpfen auf einem trotzig mystischen unmittelbaren Wege: er beschwört die geheimen Erdkräfte durch die Zauberformeln des Höllenzwangs. Aber am reinsten und lieblichsten beurkundet sich dieser Goethische Pantheismus in seinen kleinen Liedern . . . Diese Goetheschen Lieder haben einen neckischen Zauber, der unbeschreibbar. Die harmonischen Verse umschlingen dein Herz wie eine zärtliche Geliebte; das Wort umarmt dich, während der Gedanke dich küßt . ." In den Herzen der Orthodoxen und Pietisten werden diese feinen Seelentöne nicht Widerhall finden. „Mit ihren frommen Bärentatzen tappen .sie nach diesem Schmetterling, der ihnen beständig entflattert. Das ist so zart ätherisch, so duftig beflügelt . . " Nur allerzartest besaitete Seelen schwingen mit, wenn Goethe singt. In diesem Allerheiligsten der Kunst versteht den Künstler nur der Künstler.

Es hat sich überzeugend erweisen lassen, daß Heines Goetheverehrung, so sehr sie von dem Feingefühl einer Künstlerseele auch vertieft und dem Parteizwist überhoben ist, doch ihre festesten Wurzeln hat gerade im Boden dieser Zeit, und daß eben dies vom Zeitgeiste unbewußt Erfüllte in seiner Verehrung hineinneigt zu dem Goethe, der die Lieder dichtete, der den „Werther", den „Götz", den „Faust" und den,, Egmont" schrieb. Goethe, der im titanenhaften Selbstgefühl sich auflehnt gegen die Vergangenheit, um einem deutlich gefühlten Neuen in ihm Raum zu schaffen, Goethe, der leidenschaftliche Kämpfer gegen Philisterei und Moralpredigertum, der Gefühlsmensch, in dem robuste Kraft und sentimentale Weichheit nach Autonomie dringen, der jugendliche Übermensch mit der Träne im Auge, das ist der Goethe, dessen Werke bei Heines Lektüre fruchtbringendes Erleben werden.

Viele feine und feinste Fältchen durchgeistigen das Bild Heines, diese Züge aber sind die markanten und bestimmen den Eindruck. Um Schule zu machen, ist er nicht radikal genug. Einschlagende Zeit-Wirkung haben die Großen selten; im Gepolter des Tages verhallen die Stimmen, die nicht in diesem Gewirre rauh und kreischend gebrüllt haben. Den Großen gehört nicht die Gegenwart, ihnen gehört alle Zukunft. Die Fortentwicklung der Stellung zu Goethe knüpft deshalb weniger an Heine als an Menzel und vor allem an Ludwig Börne an.




Epigramme, Sprüche, Xenien

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